Im Schaufenster im Frühling - Melinda Nadj Abonji - ebook

Im Schaufenster im Frühling ebook

Melinda Nadj Abonji

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Opis

Dieses Buch nimmt einen mit in die Geschichte eines jungen Mädchens, der das Erwachsenwerden nicht leicht fällt. Es geht um Luisa. Sie ist wie die anderen Kinder, aber aufmerksamer. In ihrer Welt muss man Acht geben. Manches klingt wie ein Märchen, aber es ist kein lustiges Märchen. Die Jahre vergehen: Erst ist Luisa ein kleines Mädchen, dann ist sie ein Mädchen und dann, ja, was ist sie dann? Dann ist sie älter geworden, eine junge Frau, sie lebt in Wien, hat eine Freundin, die Valerie heißt, und sie hat Frank kennengelernt. Frank verschafft Luisa das, was er Annehmlichkeiten nennt, aber Luisa begreift, dass es gut ist, auch bei Frank Acht zu geben. Luisa kannte Bernhard, Nik und Ziegler und auch ihren Vater und Herrn Fotti, und in ihrem Kopf reden alle mit und mischen sich ein, aber dann überrascht Frank sie doch. Man kann eben nicht genug Acht geben im Leben. Erst findet sie seltsame Fotos, dann eine Waffe, und dann findet sie heraus, dass Valerie Frank kennt und Frank Valerie. Was Luisa gelernt hat, am Ende? Noch lange nicht genug: »Ich trage die falschen Schuhe, sagte Luisa, überall lag Schnee.« Melinda Nadj Abonji erzählt eine Geschichte vom allmählichen Erwachsenwerden mit eindringlichen Szenen und vielen Taktwechseln. Es ist eine Geschichte der Überraschungen, Verletzungen und einer Ahnung vom Glück. Für ihren zweiten Roman erhielt Melinda Nadj Abonji den Deutschen und den Schweizer Buchpreis. Hiermit wird ihr erster Roman noch einmal ins Schaufenster gestellt.

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Liczba stron: 168

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Im Schaufenster im Frühling

© 2011 Jung und Jung, Salzburg und WienAlle Rechte vorbehaltenDruck: CPI Moravia Books, PohoreliceISBN 978-3-902497-86-4

MELINDA NADJ ABONJI

Im Schaufensterim Frühling

Roman

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

I

Luisa Amrein hatte damals eine grüne Haarschleife bekommen. Sie passte gut zu ihrem Haar, das lang und blond war. Sie erinnert sich, wie sie sich vorzustellen versuchte, wie sie mit der Haarschleife aussieht. Vielleicht bemerken heute alle ihr Haar, sie trägt es absichtlich in Fetzen. Damals sah sie ihren Hinterkopf mit der grünen Schleife und es konnte ihr nicht so recht gefallen.

Damals war 1977. Luisa schob einen Kiesel über die Strasse und überlegte, wie sie mit der Schleife schön sein kann. Später sah sie im Fernsehen Frauen, die schnell und fröhlich liefen, ihre Haare wippten dabei. So hatte sie sein wollen.

Im Frühling schnitt ihr Herr Zamboni die Haare. Sein Hund schlief im Schaufenster, in dem ein Foto mit Haarschnitt hing. Immer hielt Luisa Ausschau nach Hunden in Schaufenstern. Als sie Jahre später in Wien einen entdeckte, ließ sie sich die Haare schneiden. Luisa fühlte sich glücklich im Friseurstuhl, sie schloss die Augen, dachte an Herrn Zamboni und seinen Hund, der leise vor sich hin pfiff. Wenn Luisa jetzt einen Hund im Schaufenster sieht, lässt sie sich die Haare nicht mehr schneiden, weil sie die Haare in Fetzen trägt.

Du hast ein schönes Kleid, sagte Herr Zamboni. Das Kleid hatte kleine Blumen. Luisa freute sich. Er schnitt ihr das Haar bis zu den Ohren, so hatte sie es gewünscht. Was wird mit deiner Haarschleife, fragte er. Ich schenke sie meiner Puppe.

Die Puppe sitzt immer noch auf dem Sofa, mit hellen Augen und ausgebleichter Haarschleife, Herr Zamboni ist vor einem Jahr gestorben.

Herr Zamboni hielt ihr den Spiegel hinten an den Hals und fragte, was ist das. Luisa schaute sich die Frisur an und sagte, es ist schön, mein Kopf ist wie ein Ball. Herr Zamboni zeigte auf die roten Streifen am Hals.

1977 begann die Schule. Vor der Schule gab es im Frühling im Boden viele Würmer. Luisa hatte gelernt: ein zweigeteilter Wurm lebt weiter. Sie wollte es versuchen und mit einer kleinen Schere halbierte sie die Würmer. Manchmal aber bewegte sich ein Teil des Wurmes nicht mehr. War es der hintere oder der vordere Teil.

An Luisas Kommunion aß die Tante Schnecken und Luisa fragte, ob die Häuser weiterlebten. Mein Dummes, lachte die Tante und hatte eine halbe Schnecke im Mund. Inzwischen ist die Tante verschollen. Auch sie hatte einen Hund. Er brach sich beim Kampf mit einem größeren Hund den Kiefer und von da an hing seine Zunge aus dem Maul. Mein erschöpfter, kleiner Hund, sagte die Tante und weinte. Vielleicht liegt die Tante irgendwo am Strand und isst Schnecken.

Wieso 1977.

Herr Zamboni stellte Fragen. Er streichelte Luisa das Haar und rief seinen Hund. Luisa hatte Herrn Zamboni nicht verstanden und konnte nichts antworten. Es dampfte und pfiff aus der kleinen Küche nebenan. Herr Zamboni liebte schwarzen Tee. Der kommt von sehr weit her, sagte er oft. Und meistens erzählte er dann. Es begann immer mit, zweimal war ich weit weg gewesen, und Herr Zamboni streichelte seinen Hund. Luisa hörte ihm gerne zu.

Es verstrich die Zeit, bis Luisa sich an jenen Frühlingstag bei Herrn Zamboni erinnerte. Im Pfarreizentrum sah sie ein Plakat. Eine weißgekleidete Frau hatte ihre Hand auf einem schwarzen Kind. Die ganze Klasse verkaufte Nüsse und Bananen für die Kinder, die sehr mager waren. Der Pfarrer sagte, es ist unrecht, wenn die Kinder Not leiden. Das hatte Herr Zamboni auch gesagt. Seither mochte Luisa Bananen und Nüsse.

Wie kam es dazu.

Auf ihrem Schulweg passte Sonja Schuhmacher Luisa ab. Sonja war älter und stark. Später sahen sie sich zufällig wieder. Sonja trug eine Uniform, einen Hut und feste Schuhe. Nachdem sie sich eine Weile angeschaut hatten, verabschiedeten sie sich. Luisa lief ein paar Mal durch die Drehtür des Warenhauses, bevor sie ins Freie trat und so lange auf einen Briefkasten schaute, bis eine alte Frau sich neben sie hinstellte und von ihrer Tochter in Chile erzählte.

Damals drückte Sonja Luisa die Hände auf den Rücken und entführte sie zum Waldrand. Sie wehrte sich nicht, als Sonja ihr die Hände fesselte und das T-Shirt zerriss. Luisa war aufgeregt. Es galt als Ehre, von Sonja Schuhmacher entführt zu werden. Da sagte Sonja, während sie die Fesseln löste, du hast Streifen auf dem Rücken, damit habe ich nichts zu tun, und lief davon.

So kam es, dass sich Luisa fürs Turnen in der Toilette umzog. Niemand fragte nach dem Grund, darüber wunderte sie sich, aber es war ihr recht. Luisa war gern auf der Toilette, sie buchstabierte die Kritzeleien und lernte die besten auswendig. Wenn ihr danach war, sagte sie einen Spruch vor sich her.

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Auch diesen Satz las Luisa, verstand ihn aber nicht. Im Fernsehen sah sie einen Film über den Krieg. Dort ging niemand irgendwohin. Alle waren da, wo sie schon immer waren. Zu Hause. Sicher war, dass die Menschen Hunger hatten, die nirgendwohin gingen. Sie waren dünn. Der Krieg war so, wie wenn Luisa jeden Tag, jahrelang, hungrig zu Hause bleiben würde.

Und Luisa dachte, dass es im Krieg jeden Tag Bomben gäbe. Aber so war es nicht. Manchmal gab es Bomben und Luisa merkte: nicht alle waren zu Hause geblieben. Das Schlimmste schien Luisa zu sein, dass die einen gingen und die anderen blieben. An dieses Gefühl erinnert sie sich gut.

Luisa glaubte, es sei Krieg, weil immer die einen gingen und die anderen blieben. Wenn also Nataschas Mutter zu Hause war, während ihr Vater arbeitete, sagte Luisa, es gibt Krieg. Bis Nataschas Mutter ihr erklärte, das ist so. Das ist normal. Es ist nicht wie im Krieg, der Vater kommt am Abend wieder nach Hause. Wenn er lange wegbleibt, dann gibt es eine Art Krieg, das nennt man aber Streit, sagte Nataschas Mutter. Ab und zu macht Luisa heute Witze und sagt zum Schluss, das ist normal.

Wie kam es dazu.

Es war bereits heiß draußen, als Natascha bei Luisa übernachtete. Luisa mochte Natascha gern, weil sie dickes Haar hatte und einen Vogel mit kurzen Beinen. Irgendwann in der Nacht bellte ein Hund und Natascha stieg zu Luisa ins Bett und flüsterte, ich habe Angst. Es stürmt, sagte Luisa, schlaf weiter. Am Morgen flüsterte Natascha, es war kein Sturm, sondern dein Vater. Am Nachmittag lagen sie auf der Wiese, sie steckten sich Blumen ins Haar. Luisa fragte Natascha, ob ihr Vater es nicht tut. Natascha sperrte die Augen auf und sagte, nein. Auch die Väter von anderen Kindern tun es nicht. Luisa glaubte Natascha nicht.

Luisa rannte zu Herrn Zamboni, setzte Wasser auf und hielt ihr Ohr ans Radio. Was hast du, fragte Herr Zamboni. Ich hasse Natascha, antwortete Luisa. Habt ihr euch gestritten? Ja, sagte Luisa. Herr Zamboni gab ihr ein Stück Kuchen und wusch die Haare von Frau Klamett.

Es war ein ähnliches Gefühl. Die einen gehen, die anderen bleiben. Und doch war es ganz anders, das wusste Luisa Jahre später. Für sie war normal, was für andere nicht normal gewesen war. Das merkte Luisa. So kam es dazu, dass sie heute Witze macht und zum Schluss sagt, das ist normal.

Im Herbst 1977 lernte Luisa, nachdem sie lesen gelernt hatte, schreiben. Sie schrieb mühsam, das trieb der Lehrerin den Zorn in den Kopf. Sie schlug Luisa aufs Ohr. Dann weinte die Lehrerin in die Klasse hinein und schluchzte, sie habe es nicht gewollt.

Als Luisa nach Hause kam, schlug der Vater sie ins Gesicht und Luisa zählte. Rechnen hatte sie mit farbigen Stäbchen gelernt. Und Luisa rechnete gern. Der Vater weinte nicht, sondern schrie und Luisa hörte, dass sie anders war als andere Kinder. Der Vater hob seine Finger und Luisa dachte, der Fünferstab ist grün. Luisa zählte. Fünf und fünf und fünf. Und dann zählte Luisa rückwärts, das war schwieriger. Der Vater ging und Luisa vergrub ihre Hände im Kissen.

Aber als die Kastanien rumlagen, traf Luisa Antonella Fotti. Ich kannte eine, die lebte in der kleinsten Wohnung der Welt, erzählt Luisa heute, wenn es um Wohnungen geht. Genaugenommen war es keine Wohnung, sondern ein langes, schmales, mit Tüchern unterteiltes Zimmer. Beim schräg geöffneten Fenster im Zimmer, da kochte Frau Fotti. Antonellas Wohnung war ein Teil des Daches, wo die Tauben saßen. Antonella hatte ein rundes Gesicht, schwarze, kurze Haare und sah aus wie Frau Fotti. Es war ein Glück, Antonella zu kennen, weil Antonella so war wie Luisa.

Luisa war mit dem Hund ihrer Tante bei Antonella zu Besuch. Da kam Herr Fotti von der Eisenbahn nach Hause. Herr Fotti schrie, wie wenn es viele Herren Fotti in der Wohnung gegeben hätte. Vielleicht war es auch nur, weil die Wohnung so klein war. Antonellas Vater packte den Hund und schleuderte ihn aus dem Fenster. Der Hund der Tante hatte dann eine Gehirnerschütterung und Luisas Tante glaubte, ihr Hund hätte den Kampf gegen den anderen Hund nicht verloren, wenn Herr Fotti ihn nicht aus dem Fenster geworfen hätte.

Es begann die Zeit mit Antonella Fotti.

Sie spielten da, wo das Dorf fast zu Ende war und niemand mehr wohnte. Luisa und Antonella legten Steine in die Hütte. Luisa zählte sie, es mussten immer gleich viele sein. Die eine bewachte die Steine, die andere versuchte sie zu stehlen. Waren alle Steine gestohlen, setzten sie sich in die Hütte, klammerten sich aneinander und flogen davon. Wir sind der größte Vogel, riefen sie. Oft waren auch andere Kinder da, sie spielten das Spiel mit den Steinen und Luisa und Antonella waren stolz, dass es ihr Spiel war.

In Wien fragt Luisa irgendwelche Leute auf der Straße, was tun Sie den ganzen Tag? Der erste sagt, Witzbold, und geht weiter. Die zweite fragt, und was tun Sie Aufregendes? Die dritte lacht in sich hinein, das Leben ist ein Spiel. Luisa fragt, wie meinen Sie das? Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Ich habe alles da drin, und sie zeigt auf die Taschen in ihren Händen und erzählt von ihrem Leben.

Antonella hatte eine Puppe, die gefiel ihr ganz gut. Sie brachte sie mit ins Versteck. Luisa sagte, deine Puppe hat lange Haare. Ja, sagte Antonella, wir schneiden ihr die Haare. Nein, wir reißen ihr die Haare aus. Antonellas Augen leuchteten. Luisa riss auf der einen Seite, Antonella auf der anderen und sie keuchten, weil es anstrengend war.

Beim nächsten Mal brachte Luisa eine Puppe mit, die sie zu Weihnachten bekommen hatte. Sie drückten der Puppe einen stumpfen Nagel in die Augen. Mit einem Stück Blech feilten sie an ihren Haaren. Dann setzten sie die beiden Puppen nebeneinander und hielten sich an ihren Fingern.

Als sie sich wiedersahen, hatte Antonella im Gesicht blaue Flecken. Wegen der Puppe, sagte Antonella. Luisa sieht Antonella vor sich, mit ihren schwarzen Augen, nie hat Luisa Antonella weinen sehen. Aber manchmal war Antonella sehr wütend. Frau Fotti war nie wütend, dachte Luisa. Wieso bist du so wütend, fragte Luisa und Antonella sagte, ich werde ihn töten. Weißt du, was Rache ist, fragte Antonella. Das war zwei Jahre später. 1979. Kurz vor der Kommunion. Sie saßen im Wald und hatten ein Feuer gemacht. Luisa wusste es von den Filmen, Antonella hatte es von ihrem Bruder.

Wie kam es dazu.

Frau Fotti nähte die Kleider für Antonella. Die Augen hat sie sich verwüstet, denkt Luisa, sie arbeitete auch für andere Leute. Vom Sofa aus sah Luisa Frau Fotti nicht, nur die Nähmaschine. Antonella aber wollte die Kleider nicht tragen. Sie wollte ein Kleid aus dem Warenhaus. Luisa konnte das verstehen.

Im Frühling 1978 hüpfte einer hinter ihnen her und rief, du Restposten, und Antonella fragte Luisa, was er damit meine. Luisa wusste es auch nicht und sie gingen zu Herrn Zamboni. Luisa und Antonella waren schon oft bei ihm gewesen. Sie schauten sich die Hefte an und die Frisuren, die Herr Zamboni schnitt. Der Polizist wollte nicht, dass Luisa und Antonella schauten. Weil Kinder lange schauen, sagte Herr Zamboni und schickte sie weg. Und so fragten sie immer, kommt der Polizist heute, und meistens sagte Herr Zamboni, nein.

Antonella fragte, was sie fragen wollte, und Herr Zamboni machte große Augen, zeigte auf die Haare am Boden und sagte, das ist so was wie ein Restposten. Wahrscheinlich hatte Herr Zamboni etwas geahnt. Mein Hund ist auch ein Restposten, sagte er, ich habe ihn gefunden und bei mir behalten.

Luisa war dabei, als Antonella ihre Mutter anschrie, ich trage die Kleider nicht mehr. Frau Fotti verschluckte sich und sagte das, was sie noch nie gesagt hatte, nämlich, warte, bis der Vater von der Eisenbahn nach Hause kommt. Antonella glaubte es nicht, aber als der Vater kam, schluchzte Frau Fotti und Herr Fotti prügelte Antonella, bis Luisa schrie.

Seither sagte Antonella, ich gehe weg, statt, ich muss nach Hause.

An diesem Abend dachte Luisa an Nataschas Mutter. Die einen bleiben und die anderen kommen wieder nach Hause. Das ist Krieg, dachte Luisa. Nataschas Mutter hatte es ihr anders erklärt. Aber Luisa glaubte es nicht mehr. Ich habe Streit mit Natascha und gehe nicht mehr zu ihr. Richtiger Krieg ist, wenn die einen bleiben und die anderen wiederkommen. Dann schlief sie ein.

Am nächsten Tag wollte sie es Antonella sagen, Antonella aber kam die nächsten Tage nicht zur Schule. Im Briefkasten lag ein kleiner Zettel, auf dem stand, du bist meine Freundin, und Luisa beschloss, immer mit Antonella zusammenzubleiben. Sie versteckte den Zettel unter dem Kopfkissen.

Es war wieder heiß, als Antonella und Luisa ein Mädchen auf die Wiese außerhalb des Dorfes lockten. Sie zerrten an ihren Haaren und schlugen auf ihre Waden. Das Mädchen weinte. Luisa und Antonella hatten es nicht abgemacht. Es war einfach normal. Nachdem sie dem Mädchen den Kopf auf den Boden gedrückt hatten, ließen sie es laufen. Dann hielten sie sich an den Fingern und Luisa küsste Antonella zum Abschied.

Das war 1978.

Antonella und Luisa hatten Schwestern. Sie waren kleiner. Antonella und Luisa füllten Rucksäcke mit Steinen, zu den Schwestern sagten sie, kommt, wir machen eine Schulreise. Es wird schön, und Antonella zwinkerte Luisa zu. Einige Jahre später schlug Luisas Schwester Luisa, Antonella war wieder in Italien. Und die Welt drehte sich in die verkehrte Richtung.

Luisa und ihre Schwester waren im Kinderzimmer. Die Farben des Teppichs hatten Luisa gefangengenommen, es kam ihr alles sehr hässlich vor. Aber sie wusste nicht, wie es hätte besser sein können. Luisas Schwester malte. Luisa sah die Stifte kreisen und sie packte ihre Schwester am Schopf. Das war nichts Außergewöhnliches. Luisa schlug ihre Schwester, Luisa hatte den Grund vergessen, ihre Schwester weinte. Das gehörte dazu. Dann aber stand Luisas Schwester auf, schaute Luisa fest an und schlug sie auf den Kopf und Luisa weinte.

Antonella hatte sich beim Baden den Knöchel verstaucht. Das Mädchen von der Wiese trommelte eine Gruppe zusammen. Sie umkreisten Antonella, stießen sie, traten ihr auf die Füße. Es war die Gelegenheit, weil Antonella sonst davongerannt wäre, sie war immer die Schnellste. Mit einem Stock trieb Frau Leuenberger die Kinder auseinander. Antonella war verletzt und Luisa wütend. Antonella sagte, es tut nicht weh, zu Hause gibt’s auch Schläge. Luisa wusste, dass Antonella recht hatte, weil es ihr damals auch nicht richtig weh tat. Erst als Luisas Schwester Luisa auf den Kopf schlug, fing es an, anders weh zu tun.

Luisa spielte das Kind, Bernhard Tobler den Lehrer. Sie probten ein Theaterstück in der Schule, im Winter 1978. Bernhard hatte einen Stecken in der Hand, damit zeigte er auf die Wandtafel und Luisa hörte ihm zu. Bei der Vorführung aber kniete Luisa vor Bernhard nieder. Und niemand außer Antonella wusste, was los war. Luisa erinnert sich an Bernhards geringelte Socken, die aus den Hosen schauten, solche hatte sie noch nie gesehen.

Herr Zamboni sagte zu Luisa, du hast schön gespielt. Er streichelte ihr das Haar und rief seinen Hund. Luisa erzählte Herrn Zamboni von Bernhards geringelten Socken und dass sie ihm einen Brief schreiben wolle. Herr Zamboni schenkte ihr eine Schuhschachtel mit Filzstiften. Zwanzig, zählte Luisa und sie war glücklich. Luisa schrieb einen richtigen Brief mit einer Zeichnung und besuchte Bernhard in seinem Zimmer.

Das Zimmer war sehr groß und Bernhard hatte keinen Vater. Wo ist deine Mutter, fragte Luisa, sie arbeitet, antwortete Bernhard. Beim Schulbesuch sah Luisa Bernhards Mutter, sie hatte eine hohe Frisur und an jedem Finger einen Ring. Luisa hatte noch nie eine solche Mutter gesehen und sie dachte, es müsse mit den Socken zu tun haben. Bernhard machte Brote, das fand Luisa beeindruckend, Bernhard aber sagte, das ist normal.

Er zeigte Luisa seine Spielsachen und sie erinnert sich an die vielen Roboter, damals war das eine Sensation. Bernhard kannte all ihre Namen und Luisa merkte, dass Bernhard seine Roboter liebte.

Luisa erzählte es Antonella und sie spielten, was sie noch nie gespielt hatten. Sie spielten Mutter und Kind, sie spielten Bernhard und Bernhards Mutter. Luisa und Antonella waren aufgeregt, sie malten Ringe um Antonellas weiße Socken. Und die, die Bernhard spielte, machte Brote.

An einem Tag im Winter 1978 spielten sie Roboter und Antonella konnte mit Luisa tun, was sie wollte. Antonella hatte Luisa ausgezogen, da kam Frau Fotti zur Tür herein. Frau Fotti ließ die Tasche fallen und streckte ihre Hände zum Dach. Antonella und Luisa konnten nichts sagen, weil sie nicht wussten was. Sie sahen, dass Frau Fotti sehr aufgeregt war. Dann durfte Luisa Antonella nicht mehr besuchen und Antonella war sehr wütend.

Es verstrich die Zeit, bis Luisa sich an jenen Frühlingstag bei Herrn Zamboni erinnerte. Das Pfarreizentrum wurde für die Kommunion geschmückt. Luisa und Antonella standen vor einem Plakat. Eine weißgekleidete Frau hatte ihre Hand auf einem schwarzen Kind und sie fragten den Pfarrer, weshalb die Frau das mache. Der Pfarrer sagte, es ist unrecht, wenn die Kinder Not leiden. Das hatte Herr Zamboni auch gesagt. Die ganze Klasse verkaufte dann Bananen und Nüsse für die Kinder, die sehr mager waren. Seither mochte Luisa Bananen und Nüsse.

Das war im Frühling 1979.

Und nie aß Luisa das eine ohne das andere.

Antonella und Luisa saßen im Wald und machten ein Feuer. Weißt du, was Rache ist, fragte Antonella. Luisa wusste es von den Filmen, Antonella hatte es von ihrem Bruder. Die Kartoffeln lagen eingepackt im Feuer und Luisa fühlte, dass Antonella sehr ernst war. Ich werde ihn töten und das ist Rache, sagte Antonella. Luisa wusste später, dass es so nicht gehen konnte. Rache ist, wenn jemand schon tot ist. Jemand anderes hätte es für Antonella tun müssen.

Antonellas Vater kam von der Eisenbahn nach Hause und für den Abend waren die Fottis eingeladen. Antonella hatte keine Lust, Frau Fotti sagte schnell, Antonella müsse still sein. Antonella war nicht still und Herr Fotti prügelte sie ins Auto.

Im Festsaal im Restaurant saß Antonella unter dem Tisch, nachdem sie alle angeschaut hatte. Dann sah Antonella die Schuhe der Erwachsenen und sie waren alle gleich und Antonella sagte später, am liebsten hätte ich geweint.

Sie war fast schon eingeschlafen, als Herr Fotti sie unter dem Tisch hervorzog. Er hatte ein Stück Schinken gewonnen und Antonella hatte ihn noch nie so gesehen, er war fröhlich. Sie fuhren durch den Wald, Herr Fotti wurde immer fröhlicher, er fuhr immer schneller und Antonella umklammerte den Sitz der Mutter. Warum will der Vater so schnell nach Hause, flüsterte Antonella der Mutter ins Ohr. Die Mutter bewegte die Lippen, aber Antonella konnte nicht verstehen, was sie sagte.

Zuerst hatte die Straße Kurven, nachher ging es immer geradeaus. Der Vater drückte auf die Hupe und sang. Plötzlich wurde es hell im Auto, zwei Lichter rasten auf uns zu. Die Mutter faltete die Hände, ich duckte mich zwischen die Sitze, jetzt ist es aus, dachte ich. Luisa sah alles vor sich und hielt Antonella an den Fingern. Und dann sagte Antonella, ich werde ihn töten.