Im Namen der Venus - Natalie Mesensky - ebook

Im Namen der Venus ebook

Natalie Mesensky

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Opis

Ein Mord nach einem keltischen Ritual. Ein Toter mit einer steinzeitlichen Venus in der Hand. Besteht eine Verbindung zwischen den beiden Fällen? Anna Grass, Archäologin und Beraterin des Bundeskriminalamts, gerät auf ihrer Suche nach der Wahrheit nicht nur emotional zwischen die Fronten. Verliebt in einen Verdächtigen riskiert sie alles - Reputation, Freundschaft und ihr Leben.

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Natalie Mesensky

Im Namen der Venus

Kriminalroman

Impressum

Ausgewählt von Claudia Senghaas

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung des Bildes: „Fanny“, Statuette Venus vom Galgenberg bei Stratzing/Krems/Rehberg, © Naturhistorisches Museum, Wien

ISBN 978-3-8392-4712-9

Widmung

Für Mux.

Teil I

Das Paradies

Und Gott, der Herr, ließ aus dem Boden allerlei Bäume emporwachsen, die lieblich anzuschauen und wohlschmeckend waren;

Auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Genesis, 2,9

Prolog

Niko hielt den Atem an und horchte in den Wald. Ein Knacken im Unterholz. Sie lauschte. Das Adrenalin schärfte ihre Sinne, aber im fahlen Licht der Morgendämmerung konnte sie nur Schemen ausmachen. Ein Rascheln im Gebüsch. Sie wandte sich um. Ein Vogel hüpfte aus einer Hecke auf die Lichtung. Sie atmete aus, die Anspannung ließ nach und der Zorn kam zurück. Wie sie ihre Angst hasste! Diese Angst, von der sie längst nicht mehr wusste, wann sie in ihr Leben getreten war. Die Angst, die sie zu einem Opfer machte. Sie blickte auf Stefan. Er lag zu ihren Füßen, aufgebahrt im weichen Gras, das blonde Haar schon feucht vom Tau. Niko beugte sich über ihn und streichelte seine Hand, die noch immer die kleine Figur umklammerte. Dann zog sie eine Papiertüte aus ihrer Jackentasche und streute einen weiten Kreis aus Mehl um seinen Körper.

»Lieber sterben, als in Schande zu leben«, flüsterte sie.

Mittwoch, 24. September

»Das soll nichts sein?«, Anna knallte die Schachtel mit den Pfeilspitzen auf den Tisch. Kleine Sandwolken stiegen auf und glitzerten im Lichtkegel, der durch das Fenster des Baucontainers fiel. Breitbeinig, die Hände in den Hüften, stand sie vor dem Professor und schnaubte eine blonde Strähne aus der Stirn. Er zog ein Sackerl mit einer Knochenspitze aus der Fundschachtel, ging damit zum Fenster und setzte seine Brille auf.

»Und?«, fragte sie ungeduldig.

»Ein schönes Stück«, sagte er, das Artefakt in der Hand wendend. »Wunderbar gearbeitet.«

Er legte den Fund zurück.

Anna wischte die Haarsträhne wie ein lästiges Insekt aus ihrem Gesicht.

»Soll das ein Witz sein?« Sie konnte ihre Stimme kaum unter Kontrolle halten. »Wir graben eine der wichtigsten altsteinzeitlichen Fundstellen in Europa aus!«

»Werden Sie mir nicht emotional, Frau Kollegin.« Er sah sie über den Rand der Brille hinweg an. »Glauben’s Sie sind die Einzige, die kein Budget hat? Die paar Feuersteine, die Sie in der Wachau rauskratzen, sind nicht grad spannend.«

»Ohne mein Netzwerk hätten wir null Budget«, schnappte sie.

Er setzte sich auf ihren staubigen Schreibtisch.

»Und deshalb sind Sie der Meinung, dass es sich bei dieser Forschungsgrabung um Ihre Privatveranstaltung handelt?«

Anna schnappte nach Luft. Sie durfte ihn nicht provozieren. Was, wenn er die Grabung strich? Sie brauchte das Projekt wie einen Bissen Brot. Ihren Mitarbeitern hatte sie für den kommenden Sommer bereits fix zugesagt. Wie sollten die so schnell einen neuen Job finden? Wie sollte sie selbst ihre Miete zahlen?

Die Metalltür des Containers wurde aufgerissen und einer ihrer Studenten stand im Raum. Hochrot unter dem verschwitzten Haarschopf rang er nach Luft.

»Können Sie nicht anklopfen?«, fuhr ihn der Professor an, und Anna warf ihm einen wilden Blick zu.

»Ist was Dringendes?«, fragte sie scharf.

»Du wirst nicht glauben, was wir gefunden haben!«, rief der junge Mann.

»Na, was kann das schon sein?«, spöttelte der Professor. »Ihr werd’s ja keine Venus gefunden haben!«

Montag, 29. September

Wien war sauber. Nach dem Regen roch die Luft wie frisch gewaschen. Anna stand am Fuß der Treppe, die zur alten Universitätskirche hinauf führte, und wühlte in ihrem ledernen Rucksack. Endlich fand sie das klingelnde Telefon, erkannte die Nummer am Display und setzte sich mit tiefem Seufzen auf eine der regennassen Stufen.

»Hast du eigentlich die geringste Vorstellung davon, wie es ist, wenn die Kassiererin in deinem Supermarkt mehr über die eigene Tochter weiß als du selbst?«, fragte ihre Mutter.

»Ich hab keinen Supermarkt.« Anna rückte ein Stück zur Seite, um eine Gruppe japanischer Touristen vorbeizulassen, die prompt die nassen Regenschirme hinter ihrem Rücken ausschüttelten.

»Dein Vater und ich waren gut genug, dein Studium zu finanzieren. Wir erwarten von dir auch keine Dankbarkeit, aber wenigstens Respekt!«

»Ich kann euch eine DVD von der Sendung besorgen.«

Anna sah zu, wie einer ihrer neuen Kollegen seinen Motorroller im Halteverbot neben dem barocken Brunnen vor dem Institut parkte. Ein steinerner Putto saß auf einem Felsen und bedrohte einen Delfin mit einem Dreizack. Oder war das ein Drache? Eine Mischung aus Drache und Delfin? Eine Chimäre? In Nizza, am Fischmarkt, stand ein Brunnen mit ähnlichen Delfinen.

Die scharfe Stimme der Mutter riss Anna aus ihren kunsthistorischen Betrachtungen.

»Dein Vater hat schon beim Kundendienst des Fernsehens angerufen. Er hat denen natürlich erzählt, dass du unsere Tochter bist, und die haben sich auch sehr gewundert, dass wir von der Sendung nicht schon vorher gewusst haben. Kannst du den Monat eigentlich deine Miete zahlen?«

Annas Magen verkrampfte sich. Ihre Unterlippe zitterte.

»Ich habe heute meinen Dienstvertrag unterschrieben.«

»Und?«, fragte die Mutter. »Wie lang dauert das Projekt diesmal?«

Anna verspannte sich. Es kostete sie Überwindung nicht aufzulegen.

»Drei Jahre«, sagte sie endlich.

»In drei Jahren bist du 30. Glaubst du, dass mit 30 irgendwer auf dich wartet?«

Das war’s. Schluss mit der Selbstkontrolle.

»Andere Eltern wären stolz auf mich!«, rief sie. »Ich habe immerhin das älteste Kunstwerk der Welt gefunden.«

Die Japaner hatten zwischenzeitlich eine Traube um Anna gebildet und diskutierten lautstark das kaiserliche Wappen über dem Kirchenportal.

»Sei nicht so hysterisch«, sagte die Mutter. »Selbstverständlich sind wir stolz auf dich, du bist ja unser Kind. Wo bist du überhaupt? Was ist das für eine Sprache, die die Leute da reden?«

»Ich kann mich sehr gut um mich selbst kümmern!«

»Solange du keinen Zuschuss für die Miete brauchst.«

Anna legte auf. Sie hatte gute Lust, das Telefon quer über den Kirchenplatz zu schleudern. Sie würde ihrer Mutter nie genügen können. Und dem Professor auch nicht. Sie ließ das Handy in ihren Rucksack fallen, quetschte sich zwischen den nassen Japanern durch und betrat die Kirche. Die Profilsohlen ihrer Bergschuhe quietschten auf dem Marmorboden, als sie durch den Hauptgang Richtung Apsis ging. Vorn links, knapp vor dem ersten Seitenaltar, setzte sie sich und rutschte in die Mitte der Kirchenbank. Sie strich mit der flachen Hand über das dunkle Nussholz mit den barocken Intarsien. Kühl war es hier. Sie atmete die Stille und den Weihrauch, sah sich um. Die grünen, gedrehten Säulen aus Stuckmarmor faszinierten sie seit ihrer Kindheit. Sie erinnerten an riesige Reptilien – oder Drachenschwänze. Die Ruhe der Kirche griff auf Anna über. Den Kopf in den Nacken gelegt blickte sie hinauf zur Scheinkuppel und entspannte sich. Heute war ihr Tag. Sie hatte etwas zu feiern. Jetzt, genau jetzt, hatte sie den größten Erfolg ihres Lebens. Ich darf mir den Moment nicht vermiesen lassen, dachte sie. Es ist wichtig Dinge zu tun, die man gern tut. Viel wichtiger als das, was am Ende dabei herauskommt. Aber wenn’s eine Venus ist, umso besser.

Sie stieg aus der Bank, machte einen schlampigen Knicks mit einem flüchtigen Kreuzzeichen in Richtung Altar, hängte den Rucksack über die Schulter und brach auf zur Jagd nach einer Belohnung. Sie würde sich was Schönes kaufen, um ihren Erfolg zu feiern. Vielleicht ein Schmuckstück? Und am Abend würde sie mit Barbara in die Bar gehen. Ein bisserl feiern schadete nie.

Anna rutschte in der Badewanne ein Stück nach vorn, und ihr Po schrammte über das gesprungene Email. Der Rost unter den abgeplatzten Stellen fühlte sich rau an. Mit den Zehen drehte sie den Warmwasserhahn auf, ließ heißes Wasser nachlaufen und tauchte ab. Den Kopf unter Wasser sah sie nach oben. Die Sonne fiel durch das Milchglas des Lichtschwerts, das Bad und Schlafzimmer miteinander verband. Die schwarzen Spinnweben in den Ecken an der Decke waren sicher schon da gewesen, als noch ihre Großtante in dieser Badewanne gelegen hatte. Anna drehte den Hahn mit dem Fuß zu, bemüht, sich nicht zu verbrühen. Sauheiß, das Wasser. Sie sollte die Gastherme überprüfen lassen. Aber was war mit dem Auto? Das Fetzendach ihres Jeeps machte seinem Namen alle Ehre, und die Beifahrertür fiel auch bald aus dem Rahmen. Ihre Belohnung in Form eines silbernen Anhängers hatte die Lage nicht verbessert. Sie brauchte Geld. Es war ruhig in der Wohnung, nur das Fenster im Erker klirrte leise, als tief unten die Straßenbahn um die Kurve ächzte. Die Wohnung in dem Gründerzeithaus hatte Anna von ihrer Erbtante übernommen. Bestlage im siebten Bezirk, gleich hinter dem Museumsquartier. Abgesehen vom täglichen Parkplatzdesaster war das eine Traum­adresse, und bezahlbar. Außer manchmal.

»Pling.«

Mail im Posteingang. Sie sah auf den alten Wecker, der am Rand des Waschbeckens stand. Es war noch Zeit bis zu ihrer Verabredung mit Barbara. Das Mail war sicher von ihr:

›Schätzchen, tut mir leid. Es wird zehn Minuten später werden. Verzeih. Bin gleich da. Lg B.‹ Standardtext, musste sie nicht lesen.

Anna schlang die Kette mit dem Stöpsel um ihre große Zehe, öffnete mit einem Ruck den Abfluss und stieg dampfend aus der Wanne. Die Fliesen auf dem Fußboden hatten einen Graustich und waren an vielen Stellen gesprungen oder abgeplatzt. Im Gegensatz dazu waren die flaschengrünen Glasfliesen an den Wänden tadellos erhalten. Das war einmal ein tolles Bad gewesen. Über den hellrosa Spiegelschrank mit den gelben Altersflecken musste man allerdings hinwegsehen. Anna wickelte ihr blondes Haar in ein Handtuch, schlüpfte in den fadenscheinigen Hausmantel mit dem Blütenmuster und schlurfte in Filzschlappen ins Wohnzimmer. Sie öffnete das Mail. Es war nicht von Barbara. Anna überflog die Nachricht. Absender war Schloss Schwend, das Schloss in der Nähe ihrer Ausgrabung in der Wachau. Unterschrieben hatte ein Tobias Braun. Anna klickte auf den Link am Ende der Nachricht. Attraktiv, der Herr Braun. Lange dunkle Haare, gerade Nase, schöne Augen. Anna frottierte ihr Haar. Was konnten die von ihr wollen?

Annas Augen gewöhnten sich rasch an das Halbdunkel. Die Bar war gerammelt voll. Barbara saß am Ende der langen Theke, hinten bei Annas Stammplatz, am Erdnussautomaten. Das schwache Licht der Energiesparlampen unter den schwarzen Metallschirmen kämpfte sich durch dichten Zigarettenrauch.

Anna drängte sich durch die anderen Stammgäste zu Barbara durch.

»Schätzchen, meine Liebe«, flötete Barbara und küsste Anna links und rechts knapp an der Wange vorbei. »Kannst du nicht anrufen, wenn du schon später kommen musst?«

»Deine Stiefel sind der Hammer. Neu?«, fragte Anna.

Sie beneidete Barbara um ihre Eleganz. Die schön geschwungenen Augenbrauen über den großen dunklen Augen. Und die Beine! Was für Beine!

Barbara lächelte zufrieden und nippte am Rotwein.

»Wie war dein Termin? Hast du den Auftrag gekriegt?«

»Auftrag? Das Projekt hat er genehmigt. Das konnte er nicht mehr verhindern.«

»Führst du noch immer diesen lächerlichen Kleinkrieg gegen deinen Professor? Was soll das bringen? Du hast den Job, du kannst arbeiten, du verdienst Geld. So what, meine Liebe?«

Anna kramte in ihren Jeans und fand eine Münze.

»Du willst doch nicht allen Ernstes diese vergammelten Erdnüsse aus dem Automaten ziehen? Bestell dir was Gescheites. Soweit’s das hier gibt. Wenigstens einen Toast.«

»Bist du meine Mutter?«

Zwischen Barbaras Augenbrauen zeigte sich eine winzige Falte, mehr erlaubte Botox nicht.

»Ich bin heute ein bisserl genervt«, entschuldigte sich Anna.

»Du brauchst einen Mann!«

Barbara sah sich in der Bar suchend um, Anna verdrehte die Augen und steckte die Münze in den Geldschlitz.

»Such dir endlich einen aus. Alles andere ist doch wunderbar.« Sie machte eine Pause und fügte hinzu: »Aber bitte wen Normalen. Nicht wieder so einen komplizierten Kandidaten.«

Anna trank ihren weißen Spritzer und suchte nach dem Datum am Boden der Dose.

»Abgelaufen?«, fragte Barbara.

»Das ist ein Mindesthaltbarkeitsdatum.«

Barbara bestellte zwei doppelte Tequila.

»Annalein, wir haben alle unsere Muster«, sagte sie dann. »Das ist normal. Hat mit unseren Müttern zu tun. Darin wurzelt dein Problem mit dem Professor, das …«

»Er hat ein Problem mit mir.« Sie nickte dem Kellner zu und schob ihr Schnapsglas zu Barbara. »Muster! Hast du das auf einem Wochenendseminar für Führungskräfte gelernt?«

Barbara kratzte mit einem ihrer manikürten Fingernägel auf einem Brandfleck im Holz der Theke. Anna rutschte von ihrem Hocker und umarmte Barbara.

»Es tut mir leid«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Keine Ahnung, was mit mir heute los ist.«

»Das sind die Hormone. Du brauchst Sex!«

»Du bist unmöglich!«, Anna war das Thema unangenehm. »Wie geht’s dir mit Markus?«, fragte sie.

»Lenk nicht ab und setz dich auf deinen eigenen Hocker.«

Barbara schüttelte Annas Umarmung ab. Ihre Zigarette war zu Ende geraucht, sie ließ den Stummel auf den Holzboden fallen und trat ihn mit dem Absatz ihres Wildlederstiefels aus.

Daniel, der Kellner, schüttelte den Kopf, Anna zuckte mit den Schultern.

»Soll er die Aschenbecher nach dem Ausleeren halt wieder hinstellen«, sagte Barbara.

»Übrigens habe ich eine Einladung von einem sehr schönen Mann. Ich soll im Schloss Schwend, das …«

»Das liegt doch gleich neben deiner Ausgrabung.«

Anna nickte.

»Die veranstalten esoterisch angehauchte Seminare mit Ritualen, bei denen sie mit archäologischen Plastiken experimentieren.«

»Sollst du einen Vortrag halten?«, gähnte Barbara.

»Woher weißt du das?«

»Du hast bei ihnen in der Ortschaft deine Venus gefunden. Was hast du geglaubt, wie lange es dauert, bis sie dich ansprechen? Das ist doch der Marketinggag.«

»Aber …«

»Mein Gott, Annalein! Wie naiv kann man sein? Du bist eine bildschöne junge Frau. Auch wenn du dich bemühst, diese Tatsache zu verschleiern.« Sie schaute fast angeekelt auf Annas Bergschuhe und zupfte an ihrem rot karierten Flanellärmel. »Wo hast du immer diese entsetzlichen Hemden her? Kommende Woche gehen wir shoppen. Ein paar Basics und du wirst sehen, wie hübsch du aussehen kannst.« Sie ließ Annas lange blonde Haare durch ihre Finger laufen. »Mein Friseur soll ein paar Strähnchen setzen. Hie und da ein kleines Highlight.«

»Die Haare bleiben, wie sie sind.«

»Wenn du weiterhin eine kleine staubige Maus sein willst. Bitte.«

Anna winkte Daniel mit ihrem leeren Glas.

»Ich habe zugesagt. Ich wollte morgen sowieso ein paar Sachen aus der Bauhütte auf der Ausgrabung holen. Da passt der Termin im Schloss ganz gut. Der Typ, der mich eingeladen hat, würde dir gefallen.«

Barbara nippte an ihrem Rotwein.

»Den kannst du behalten. Für mich keine Esoteriker.«

Dienstag, 30. September

»So eine gottverdammte Scheiße!«, Major Paul Kandler pfefferte den Telefonhörer auf die Gabel und sprang auf. Sein Drehstuhl rollte mit der schweren Lederjacke auf der Lehne bis an die Rückwand seines Büros. Er riss die Türe zu seinem Vorzimmer auf.

»Frau Kratochwil!«, schrie er. »Treiben Sie mir den Bauer auf. Sofort!«

Dieser Dr. Bauer hatte ihm gerade noch gefehlt. Wieder einer, der den Job bei ihm nur als Zwischenstation auf dem Weg nach oben ins Ministerkabinett sah.

»Als Milestone«, würde der Bauer sagen. Aber jetzt hatte er ein Problem, der Bauer.

Warum hatte er sich nicht gleich selber um die Sache gekümmert.

Es klopfte an der Tür. Paul wartete. Es klopfte nochmals. Langsam öffnete sich die Türe einen Spalt.

»Komm endlich rein!«, Paul konnte Bauer kaum ansehen, so zornig war er. Wie er vor ihm stand – den lässigen Leinenschal abgestimmt auf den blaugrünen Kaschmirpullover. Der Mann hat Augen wie ein Mädchen, dachte Paul und sah auf seine Uhr. Knapp nach neun, und der Tag war gelaufen. Das Radfahren am Nachmittag konnte er sich aufzeichnen. Und schuld war der Bauer. Es war immer der Bauer schuld.

»Erinnerst du dich an den Fall Stefan Tauber?«, presste Paul hervor. »Wo wir den Tipp von der Presse bekommen haben?«

»Klar kann ich mich …«

»Ich habe gerade mit Deutschland telefoniert.« Paul sortierte die bunten Tischfähnchen auf dem Bücherregal hinter seinem Schreibtisch. »Stefan Tauber ist vergiftet worden. Wie strunzdumm kann man sein?«

Paul ließ Bauer keine Zeit zu antworten.

»Bin ich von lauter Wapplern umgeben?«, keppelte er weiter.

»Herr Major, wir hatten eine Intervention und …«

»Wir hatten eine was?«, fragte Paul lauernd. »Und überleg’ dir gut, was du jetzt sagst. – Herr Doktor.«

Paul schob Bauer heftig zur Seite und stieß in der Tür fast mit Frau Kratochwil zusammen, die einen Becher Kaffee für den Doktor brachte. Schon draußen am Gang hörte er sie schmeicheln:

»Schaun’s, Herr Doktor, nur wer arbeitet, macht Fehler!«

»Das neue Kleid passt perfekt zu Ihren Augen«, säuselte der Bauer.

Paul schlug mit der Faust gegen die geschlossene Lifttür und nahm die Treppe.

Lautloser Nieselregen und schon am Nachmittag stockdunkel. Herr Karl in seinem speckigen Anzug schaltete die Lampen in den Wandnischen an. Mit Radfahren wäre es heute sowieso nichts geworden, tröstete sich Paul. Er stand im Kaffeehaus beim Zeitungstisch und überlegte, ob er sich eine deutsche Tageszeitung antun sollte. Vielleicht fand er einen gehässigen Artikel über die unfähigen Österreicher. Er wählte ein regionales Blatt und setzte sich damit an seinen Platz beim Fenster. Es würde noch früh genug Stress geben. »Intervention«, hatte der Bauer gesagt. Hoffentlich konnten sie noch eine Zeitlang den Deckel auf der Geschichte halten.

Paul zündete eine Virginia an und dankte Gott für die Möglichkeit, in Wiener Kaffeehäusern rauchen zu dürfen. Diese Patina der Wände konnte man nur errauchen. Das war angewandter Denkmalschutz und genauso eine Frage der Tradition wie die schwarzen Westen der Ober.

Milan Novak zwängte sich vis-à-vis von Paul auf die enge Sitzbank.

»Grüssie, Herr Doktor. Das Menü wie immer?«, fragte Herr Karl.

Milan rutschte auf der Bank hin und her, bis das rote Kunstleder quietschte. Wie er sich auch setzte, es passte nicht. Resignierend schob er die Brille auf die Stirn und band seinen dünnen grauen Zopf neu.

»Nur einen großen Braunen. Ohne Extras.« Er lächelte den Kellner an.

Herr Karl zog eine Augenbraue hoch.

»Sehr wohl, Herr Doktor.«

Paul beobachtete Milan bei seinen Bemühungen, den roten Marmortisch zu verschieben, um seinen enormen Bauch unterzubringen.

»Entschuldige, die haben mich in der Redaktion aufgehalten. Ich arbeite grad an einer größeren Geschichte. Und wahrscheinlich bin ich zu selten in der Stadt«, sagte Milan.

»Das könntest du jederzeit ändern«, grinste Paul.

»In ein paar Jahren vielleicht.«

»Vielleicht passt du dann auch wieder auf deinen Stammplatz?«

Milan rührte Zucker in seinen großen Braunen, bis er eine gesättigte Lösung hergestellt hatte. Er wartete. Endlich sagte Paul:

»Der Tauber ist an einer Vergiftung gestorben.«

In der Küche zersprang klirrend ein Teller am Fliesenboden, die Espressomaschine schnaubte wie eine Dampflok.

Milan kostete den Kaffee. »Ich frage mich, warum außerhalb von Wien keiner einen gescheiten Mokka machen kann.«

»Jeder aufmerksame Arzt hätte das blind erkennen können, hat mir der deutsche Gerichtsmediziner erklärt.«

»Es ist sogar mir aufgefallen, …«

»Bis jetzt haben wir nur eine Atropinvergiftung. Das kann auch ein Unfall gewesen sein. Oder ein Suizid.«

»Na dann ist ja alles in Ordnung«, sagte Milan.

»Trotzdem brauche ich von dir Informationen über dieses Schloss in der Wachau.«

Milan schielte zur Kuchenvitrine.

»Darf ich dich einladen?«, seufzte Paul.

»Zu einer gebackenen Topfentorte sag ich nicht Nein.«

Milan deutete Herrn Karl und wollte sich zurücklehnen, scheiterte aber wieder an seinem Bauch.

»Womit, hast du gesagt, ist der Stefan Tauber vergiftet worden?«

»Ich hab gar nichts dazu gesagt.«

»Atropin ist im Stechapfel drin. Die Kids werfen sich die Samen ein. Dafür war der Stefan Tauber doch ein bisserl zu alt, oder?«

»Es war – soweit wir es jetzt wissen – Bilsenkraut.«

»Nur eine gebackene Topfentorte ist eine Topfentorte. Gar kein Vergleich zu diesem Käsesahne …«

»Was weißt du über das Schloss in Schwend?«

»Das Schloss hat in den 60er Jahren ein Arzt gekauft und renoviert«, schmatzte Milan. »Ein gewisser Dr. Reiter. Er war ein großer Sammler und ist mit seinem uralten VW Variant die Bauern abgefahren, hat sie medizinisch versorgt und so nebenbei gefragt, ob er mal auf den Dachboden oder in den Schuppen schauen darf. Dort haben schon mal ein schöner Schrank oder eine antike Truhe herumgestanden. Verstaubt, von Tauben und Mäusen zugeschissen oder von Mardern …«

»Schluck bitte runter«, bat ihn Paul.

»Mit diesem Grundstock hat er im Lauf der Jahrzehnte eine Sammlung feinster Antiquitäten ertauscht. Blinddarm gegen Hinterglasmalerei.«

Paul spielte mit dem Zuckerstreuer, doch Milan ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Die Tochter vom alten Reiter, Theresa Reiter, war zu der Zeit in Linz bei den Klosterschwestern im Internat und anschließend ein paar Jahre lang verschwunden. Die Leute im Dorf sagen, sie war in einer Kommune in Frankreich. Oder in einer Sekte in den USA. Weißt eh – das kann man alles nicht so ernst nehmen, was die Leute halt so reden.«

Milan baute mit den letzten Bröseln der Torte einen kleinen Turm und versuchte diesen mit der Kuchengabel aufzunehmen. Als er Pauls Blick spürte, klaubte er die Krümel mit den Fingern auf.

»Später ist der Reiter gemeinsam mit seiner Frau verunglückt. Bis heute weiß man nicht, warum sie damals von der Straße abgekommen sind. Die Tochter ist wieder aufgetaucht, hat sich Niko genannt und das Schloss mitsamt den Kontakten des Vaters übernommen. Teile der Sammlung wurden verkauft. Vor allem das historische Glas …«

»Was sind das für Kontakte?«

»Wirtschaftsmenschen. Die alten, die mit Geld. Aber es geht auch in die Politik.«

»Wie passt dieses Networking zum Schamanismus?«

»Kannst du endlich den Zuckerstreuer in Ruhe lassen?«

Paul stellte den Streuer an das ihm gegenüberliegende Eck des Marmortischchens.

»Niko hat durch den Verkauf der Sammlung gut verdient und das Schloss zu einem kleinen Hotel umgebaut. Durch ihre Verbindungen hat sie Förderungen bekommen. Vom Land, Bundesdenkmalamt, der EU.«

Paul widerstand der Versuchung, den Zuckerstreuer wieder zu sich zu ziehen.

»Das war nicht die Frage. WAS machen die?«, rief er. »Ich hab noch nicht verstanden, womit die ihr Geld verdienen.«

»Im Prinzip machen sie Psychotherapie und Coachings, gewürzt mit Schamanismus, oder dem, was die Leute eben dafür halten. Sie veranstalten auch Events. Sehr exklusiv. Ohne Empfehlung kommt da keiner rein.«

»Mir dämmert es irgendwie«, sagte Paul. »Sind die nicht auch öfter mit ihren Veranstaltungen im Fernsehen – in diesen Societyformaten?«

»Genau. Aber gedreht werden nur die, die das auch explizit wünschen. Ich sag dir, die sind alle total korrupt, da oben im Schloss.«

Paul beschloss das Treffen zu beenden, solange er den alten Klassenkämpfer in Milan noch bremsen konnte.

»Weißt du irgendwas über ihren Partner?«

Milan schüttelte den Kopf.

»Wenig«, sagte er. »Der Mann heißt Tobias Braun und kommt aus Kalifornien. Er hat den Schamanismus ins Unternehmen eingebracht. Und er ist fesch – die Frauen stehen auf ihn. Esoterik und Sex bringen Geld. Am besten redest du mit Ines. Sie arbeitet seit Jahrzehnten auf dem Gebiet. Sie war sogar bei Schamanen in Sibirien und Nepal.«

»Die Zeller Ines? Die Tochter von unserem alten Sektionschef Zeller?«

»Die Ines ist Prähistorikerin. Immerhin hatte euer Opfer eine altsteinzeitliche Venus in der Hand.«

Anna las die Uhr neben dem Armaturenbrett und zählte eine Stunde dazu. Drei Uhr. Die Notwendigkeit der Umstellung von Winter- auf Sommerzeit hatte sie nicht bedacht, als sie die Uhr aus dem alten Ford der Tante in ihren Jeep eingebaut hatte. Bis zu ihrem Termin mit dem Schamanen war also noch eine Stunde Zeit. Sie fuhr auf den Parkplatz beim Schloss und stellte den schlammigen Jeep dicht neben einem klinisch sauberen BMW ab. Vorsichtig öffnete sie die Autotür. Ihre Leber hatte den Tequila des gestrigen Abends noch nicht vollständig abgebaut. Nur nicht anecken an dem Luxuslack, dachte sie. Ob sie hier überhaupt parken durfte? Der Parkplatz war für Hotelgäste reserviert. Hecken aus geschorenem Buchsbaum fassten die Parkflächen und den Fußweg zum Schloss ein. Ein Arbeiter im grünen Gärtnergewand harkte langsam und konzentriert den Kies.

Anna hob die abgewetzte Reisetasche der Erbtante aus dem Kofferraum. Hier pass’ ich her wie die Faust aufs Aug, dachte sie, hängte den Rucksack über ihre Schulter und sah sich das Schloss genauer an. Wassergraben, Zugbrücke, Torturm, alles da. Sogar das Wächterhaus vor der Holzbrücke war noch vorhanden. Das Dach war mit Wiener Taschen neu gedeckt und strahlte in einem hellen Orange. Die Dachziegel hatte sicher das Denkmalamt ausgesucht. Anna stand auf der Zugbrücke und blickte nach oben. ›1574‹ war in das Wappen über dem reich verzierten Tor aus Sandstein eingemeißelt, aber der Kern des Gebäudes datierte wahrscheinlich ins 13. Jahrhundert. Unter ihr lag der Burggraben, zugewachsen mit riesigen Kastanienbäumen. Wahrscheinlich wurden in dem Graben früher Schweine gehalten, dachte Anna und trat ein. Ihre Schritte hallten in der mit Steinplatten ausgelegten Torhalle. Ein kalter, modriger Geruch stieg ihr in die Nase. Den Innenhof dominierten die zweigeschossigen Arkadengänge, die auf gedrungenen Säulen aus Sandstein ruhten. In der Mitte des Hofes stand ein Brunnen mit einer kunstvoll geschmiedeten Haube aus Eisen, gekrönt von einem vergoldeten Heiligen Georg mit Drachen. Die Renovierung musste ein Vermögen gekostet haben. In den Arkaden hingen kupferne Ampeln, schwer beladen mit Fuchsien, die steinernen Blumenkisten auf den Balustraden waren mit herbstlichen Astern bepflanzt. Im Erdgeschoss blühten weißer Oleander und Engelstrompeten.

Der Kies knirschte unter ihren Bergschuhen. Sie stapfte vorbei an gepflegten Damen mittleren Alters, die in Riemchensandalen an Tischerln beim Brunnen saßen, Prosecco mit Aperol tranken und die Hühnerstreifen auf ihrem Salat sortierten.

»Grüssie Gott, Frau Dr. Grass. Herzlich willkommen bei uns im Schloss Schwend.« Die Rezeptionistin strahlte Anna mit professionellem Kampflächeln an. »Unser Tobias hat Sie schon angekündigt.«

Anna stellte die Tasche und den Rucksack auf den dicken Teppich. Tibeter, beige. Hier war alles beige. Vermutlich existierte ein schicker Name für diese Farbe. Schlamm? Barbara würde das wissen.

»Unser Gerhard holt gleich Ihr Gepäck aus dem Auto.«

»Uuups«, lachte Anna eine Spur zu laut. »Da gibt es nichts mehr zu holen.«

Ilse warf einen pikierten Blick auf Annas Tasche und nickte einem jungen Mann in einer dezent gestreiften Livree zu.

»Ich werde unseren Tobias informieren, dass Sie schon früher eingetroffen sind.«

Anna folgte Gerhard zum Aufzug. Sie fühlte sich wie das hässliche Entlein.

Im zweiten Stock angekommen stiegen sie aus dem Aufzug. Der lange Gang war mit Kehlheimer Platten ausgelegt, das Kreuzrippengewölbe mit modernen Lampen ausgeleuchtet. An den Wänden standen gotische Truhen und bemalte Bauernschränke.

»Hier schaut es aus wie im Volkskundemuseum«, sagte Anna ehrlich überrascht.

»Wir borgen denen in Wien immer mal ein Stück für ihre Ausstellungen.«

Gerhard hielt Anna die Tür auf.

Auch die Suite war mit Antiquitäten eingerichtet. An der Wand Kunst – Originale, moderne Teppiche – wahrscheinlich aus Nepal. Wieder italienische Lampen. Die hohen Kastenfenster waren nach Süden ausgerichtet und mit schweren Vorhängen in Überlänge dekoriert.

»Schöner Stoff.« Anna strich über den Bettüberwurf.

»Im Mühlviertel gibt’s eine kleine Weberei, und dort lässt die Niko, unsere Chefin, die Stoffe fürs Schloss weben.«

Anna war neugierig auf die Niko. Ein esoterisches Zentrum hatte sie sich anders vorgestellt.

Gerhard war gegangen, als Anna die Tür zum Badezimmer öffnete und die Wanne entdeckte. Eine riesige, frei stehende Badewanne mit Blick über die Wachau bis in den Dunkelsteiner Wald. Anna schraubte ein Glas mit Salz auf. Lavendel. Und die Öle! Sie zog einen Kristallkorken ab und inhalierte den Duft aus der Flasche. Mandelblüten mit Rosen. Sie musste ja keinem erzählen, dass sie diese Schamanen getroffen hatte. Das war ein unverbindlicher Besuch, ein kleines Abendessen mit Übernachtung. Das verpflichtete sie zu gar nichts. Anna befühlte das dicke Frottee des flauschigen Bademantels mit dem gestickten Schlosswappen. Der Professor würde ausrasten, wenn er wüsste, dass sie hier war.

Anna fiel auf, dass sie wie hypnotisiert auf Tobias’ Hintern starrte. Reiß dich zusammen, dachte sie. Er stieg vor ihr eine schmale Wendeltreppe hinunter. Geschmeidig, federnd und in enger Lederhose. Schwarz glänzende Locken fielen ihm über die breiten Schultern auf das weiße Leinenhemd. Auf einem kleinen Treppenabsatz blieb er abrupt stehen und drehte sich zu ihr um. Fast wäre sie in ihn hineingelaufen. Sie schaute an ihm hoch, in dunkle Augen mit goldenen Sprenkeln zum Darinversinken. Anna wandte sich rasch ab, und Tobias zeigte auf eine schmale Tür.

»Diese Treppe hat früher in die Schlosskapelle geführt«, erklärte er mit seiner dunklen Stimme. »Der Pfarrer hatte seinen eigenen Eingang, verbunden mit einem Geheimgang, der an der Außenseite des Schlosses endet. Hinter der Eibe im Kräutergarten kommt man ins Freie raus. Solltest du mal auf der Flucht sein …«

Anna räusperte sich.

»Spannend«, sagte sie.

Tobias zuckte mit den Schultern.

»Wenn du meinst«, sagte er und ging weiter.

Anna ärgerte sich. Nie fiel ihr eine schlagfertige Antwort ein, wenn’s darauf ankam. Sie sollte einfach die Klappe halten.

Tobias führte sie durch weitere Gänge, blieb stehen und klopfte an eine kunstvoll mit Schmiedeeisen beschlagene Eichentür. Anna stellte sich nah neben ihn. In Wirklichkeit sah er noch viel besser aus als auf den Fotos im Internet. Barbara wäre begeistert.

»Das ist mein Zimmer, mein privater Bereich.« Er lächelte sie an. »Du bist jederzeit willkommen.«

Anna nickte. Der Türzieher war interessant, ein bronzener Löwenkopf, sicher älter als das Schloss. Anna datierte ihn ins elfte Jahrhundert. Wo Niko den wohl her hatte? Er passte nicht zu dem eisernen Kastenschloss.

Drei Türen weiter waren sie in Tobias’ Büro angekommen und betraten eine andere Welt.

Büromöbel mit Kunststoffoberflächen, ein abgeschabtes schwarzes Ledersofa und ein schmaler Couchtisch aus Stahlrohr mit einer Glasplatte. An der Wand drei lieblos montierte Traumfänger, die erfolgreich als Staubfänger fungierten, und ein riesiges Poster mit Fotos der Golden Gate Bridge. Vis-à-vis ein Bücherregal – mit fünf vereinsamten Büchern. Es roch muffig und ungelüftet.

Grindig, dachte Anna und nahm auf dem Sofa Platz. Tobias setzte sich neben sie und legte eine schwarze Kunststoffmappe neben seinen Laptop auf die verschmierte Glasplatte.

»Schau mal, Anna. Ich zeig’ dir, was ich bis jetzt recherchiert habe.«

Er öffnete die Mappe und schob sie zu ihr. Anna blätterte durch die Seiten und kam aus dem Staunen kaum heraus. Zeitungsartikel, Ausdrucke aus dem Internet und Fotos von der Grabung. Originalfotos. Anscheinend war er selbst am Fundort gewesen. Der war ja nicht so weit entfernt.

»Da sind sogar ausländische Zeitungen dabei«, sagte Anna. »Damit könntest du bei meiner Mutter Punkte machen. Das ist genau, was sie sich wünscht. Ein Sammelalbum, mit dem sie bei ihren Freundinnen angeben kann.«

»Soll ich dir Kopien machen lassen?«

Anna lachte laut auf. Zu laut?

»Das würde die Rollenverteilung in der Familie durcheinanderbringen. Da wäre ich ja nicht mehr die Versagerin.«

»Mach ich doch gern.« Er rückte näher zu ihr, klappte den Laptop auf, suchte kurz und öffnete eine Datei. »Deine Venus ist DIE Sensation. Vielleicht sollte dich deine Mutter googeln? Du hast nur eine Woche nach dem Fund 15.000 Einträge. Aber ich kenne das. Ich konnte es meiner Mutter auch nie recht machen.«

»Vergessen wir unsere Mütter.« Sie blätterte weiter in der Mappe.

Tobias rückte ein Stück von Anna ab und sah sie an.

»Was war das für ein Gefühl, die Venus zu finden?«

Anna musste lachen. Tobias steckte sie an mit seiner Begeisterung. Sie lehnte sich im Sofa zurück und verschränkte die Arme im Nacken.

»Ein cooles Gefühl. Du weißt im Bruchteil einer Sekunde – nichts wird mehr so sein wie vorher.«

»Kriegst du eine Prämie? Oder wenigstens einen Orden für Verdienste um die Republik?«

Anna schüttelte den Kopf und stützte die Ellbogen auf ihre Knie.

»Ich hab jetzt einen Job und ein eigenes Projekt. Das ist viel mehr, als manche Kollegen jemals haben werden. Ich hatte großes Glück.«

»Aber angenommen, wir machen gemeinsam ein Projekt, dann könntest du eine Honorarnote stellen, oder?«

»Das hängt vom Projekt ab. Ich darf meinen Ruf nicht gefährden.«

Tobias stand auf und ging zum Bücherregal.

»Soll ich uns eine Jause bestellen?«

»Ich hab keinen Hunger«, log Anna.

Er legte einen dicken Fotoband vor Anna auf den Couchtisch und setzte sich wieder neben sie. Ihre Oberschenkel berührten sich und sie rückte nicht weg. Seine Nähe fühlte sich gut an.

»Ein Bildband über rituelle Körperhaltungen«, erklärte er. »Schau dir das mal an. Wir sind keine Scharlatane, alles was wir tun, beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Deshalb wollen wir dich im Team haben. Als wissenschaftlichen Beirat.«

»Ich hab mir eure Homepage angeschaut, mit dem Thema Schamanismus bin ich ein bisserl überfordert.«

Tobias rückte ein Stück von Anna ab und sah ihr in die Augen.

»Du findest auf deiner Ausgrabung Funde aus einer Zeit, in der es auch bei uns Schamanen gegeben hat. Und der Anhänger an deinem Hals …«, er stockte.

»Was ist mit meinem Anhänger? Den habe ich neu gekauft.«

»Alpha und Omega, ein esoterisches Symbol. Ich hatte mir schon gedacht, dass du dich für Schamanismus und Esoterik interessierst.«

Anna rutschte am Sofa ein Stück nach vorn. Sie räusperte sich und blätterte in dem Buch.

»Ich sage ja nicht, dass mich das Thema nicht interessiert.« Sie fragte sich, ob das zu sehr nach Rechtfertigung klang. »Wegen des Abendessens habe ich deine Einladung nicht angenommen«, fügte sie hinzu.

»Unser Essen ist ausgezeichnet.«

»Ich wollte dich nicht beleidigen.«

Anna lächelte Tobias an. Er stand auf.

»Dann schlage ich für morgen Vormittag eine Rasseltrance vor.«

»Naja. Weißt du – ich hab mit Trance und so – ich glaub ich habe da ein Problem. Also …«

Tobias seufzte und ließ sich wieder auf das Sofa fallen.

»Ein neuer Vorschlag. Wir essen gemeinsam zu Abend, und morgen mach ich mit dir eine Seelenrückholung. Da bist du nicht in Trance.«

Anna wurde unsicher. Was hatte sie sich dabei gedacht, diese Einladung anzunehmen?

»Was ist eine Seelenrückholung?«, fragte sie.

Er lächelte sie an – mit seinen sanften braunen Augen.

»Das erkläre ich dir morgen. Nur so viel – du behältst die Kontrolle. Darum geht’s dir doch. Du musst immer die Kontrolle haben.«

Anna erhob sich von ihrem Sessel, als sich die hohe Flügeltür zum Speisezimmer öffnete. Das also war Niko. Die silbernen Fäden in der schwarzen Seide ihres Kaftans schimmerten. Lange dunkle Haare umrahmten das feine Gesicht mit den hohen Wangenknochen, und schwarzer Kajal bildete einen Kontrast zu ihren hellen Augen. Wieder fühlte Anna sich unzulänglich und plump. Sie würde Barbaras Angebot annehmen und die ›paar Basics shoppen gehen‹.

Niko grüßte mit einem kurzen Nicken, ging zur Anrichte an der Wand, ergriff das Telefon und drückte eine Kurzwahl.

»Gerhard, sag doch bitte dem Tobias, dass wir im braunen Salon warten.«

Na, das kann ja was werden, dachte Anna.

»Nehmen Sie Platz, Frau Dr. …«

»Anna Grass.« Anna zog den schweren Stuhl ein Stück nach vorn und setzte sich an den ungedeckten Tisch. Gläser und Teller standen auf der schmalen Anrichte neben einem riesigen Blumenstrauß und Tischlampen mit Schirmen aus heller Seide. Silberne Kerzenleuchter am Boden hoben sich von der dunkelbraun gestrichenen Wand ab.

»Sind Sie mit dem Dr. Anton Grass, dem Juristen, verwandt?«

»Das ist mein Vater.«

»Das ist Ihr Vater!«

»Mein Vater.«

Schweigen. Nicht einmal Hintergrundmusik. Sollte sie irgendwas Witziges über ihre Eltern erzählen? Es fiel ihr nichts ein.

»Tobias spricht seit Tagen von nichts anderem als von Ihrer Venus.«

Anna konnte Nikos Abneigung fast körperlich spüren.

Sie sehnte sich nach Tobias. Wo war er?

»Tobias müsste jeden Moment da sein.«

Konnte die Frau Gedanken lesen?

Anna saß wie auf Nadeln. Inzwischen war Gerhard gekommen und deckte den Tisch ein.

Anna strich über den groben Stoff der Serviette.

»Sehr stylish«, sagte sie und dachte dabei: Gott, was rede ich für Mist.

»Stylish ist teuer.« Tobias balancierte auf einem Fuß und hielt mit dem anderen die Tür zum Speisezimmer auf, um einen schwer beladenen Servierwagen durchzufädeln. Gerhard war rasch zur Stelle und übernahm den Service.

Anna sezierte ihren Saibling und grübelte über die Höhe der zu stellenden Honorarnote. Tobias plauderte vor sich hin, Gerhard schenkte Wein nach und räumte die Teller vom Hauptgang ab. Anna beschloss, sich auf nichts einzulassen. Sie würde Tobias’ Fragen beantworten, morgen abreisen und eine gesalzene Rechnung stellen. Die Idee mit dem Projekt war sowieso grenzwertig. Und diese Seelensache erst recht. Kontrolle behalten. Unsinn.

»Langweilen wir Sie, Frau Doktor?«, fragte Niko. »Sie wirken so abwesend.«

Die Frau konnte definitiv Gedanken lesen.

»Anna und ich machen morgen Vormittag eine Seelenfängerei«, antwortete Tobias für Anna. »Am Nachmittag arbeiten wir dann weiter an unserem Konzept.«

»Du hast in der Früh Yoga.«

»Habe ich jemals einen Termin vergessen?«

»Einmal ist immer das erste Mal.« Niko erhob sich und trat hinter ihren Stuhl. »Frau Doktor, Sie entschuldigen mich. Und ganz liebe Grüße an Ihren Herrn Vater.«

Sie ignorierte Tobias und schloss die schwere Tür langsam und leise. Anna sagte nichts.

»Hast du Lust, morgen in der Früh beim Yogatraining mitzumachen?«, fragte Tobias.

Anna schüttelte den Kopf.

»Danke. Nein.«

»Würde dir guttun.«

Er stand auf und holte eine weitere Flasche Rotwein von der Anrichte.

»Ich möchte mich für Niko entschuldigen. Im Moment steht sie neben sich.« Er forderte sie mit seinem Glas zum Anstoßen auf.

Die Gläser klangen lange nach.

»Was hält Niko von deinem Projekt?«, fragte Anna.

Tobias’ Blick verdüsterte sich. Er antwortete nicht.

»Das geht mich gar nichts an«, fügte Anna rasch hinzu und hob ihr Glas.

Tobias portionierte die Nachspeise auf die beiden Teller.

Schomlauer Nockerln. Mit Rum vollgesogenes Biskuit mit Pudding, dazu Unmengen Schlagobers und warme Schokolade. Anna konnte sich in dieses Dessert eingraben.

Tobias rührte mit der Kuchengabel in seinen Nockerln.

»Wir hatten einen Todesfall im Schloss. Es hat sogar in der Zeitung gestanden.«

Anna war im siebten Nachspeisenhimmel. Der Abend war gerettet. Tobias konnte reden, was er wollte.

»Ein Freund von Niko«, sagte er leise. »Stefan. Er wurde tot auf unserem Kraftplatz gefunden. Herzstillstand. Stefan hatte eine Venus in der Hand, und jetzt kannst du dir vorstellen, was die Leute reden. Stefan und Niko hatten was miteinander und dann die Venus.«

»Ist ja arg!«, Anna sprach mit vollem Mund. »Aber man stirbt doch nicht einfach so an einem Herzstillstand.«

Sie wunderte sich über sich selbst. Beeindruckend, wie locker sie Blödsinn reden konnte. Diese Eigenschaft sollte sie pflegen.

»Die Sache ist für uns wirklich sehr unangenehm. Niko war mit einem Typen beisammen, der ihr Sohn sein könnte. Nur um dir eine Frage zu ersparen – nein, das hat mich nicht gestört. Wir führen eine offene Beziehung. Wir vertrauen uns.«

»Das klingt nach einer reifen Partnerschaft«, sagte Anna. »Ich bin eifersüchtig bis zum Irrsinn.«

Sie schielte zur Platte mit der Nachspeise. Es waren noch Nockerln da.

»Stefan ist in der Nacht zum Kraftplatz spaziert, mit der kleinen Venus in der Hand. Einer Kopie der Venus von Dolni Vestonice. Und morgens hat ihn Niko dann gefunden. Er sah so friedlich aus, als ob er schlafen würde.«

»Und was sagt die Polizei? Haben die das so hingenommen, dass ein Toter bei euch am Kraftplatz herumliegt? Was ist eigentlich ein Kraftplatz?«

»Unser Arzt hat ganz eindeutig festgestellt, dass keine Hinweise auf Fremdverschulden vorliegen, wie es so schön auf Amtsdeutsch heißt.«

Er machte eine Pause.

»Am Kraftplatz führen wir unsere Rituale durch. Das ist ein spiritueller Ort. Neben dem Schloss gehst du einen schmalen Pfad durch den Wald hinauf und am Ende des Weges trittst du dann auf eine kleine Lichtung hinaus. Schöne Aussicht ins Donautal runter.«

Anna wartete noch immer auf Nachschlag. Die Rosinen waren kugelrund und vollgesogen mit Rum. Wunderbar!

»Darf ich noch was für dich tun?«, fragte er endlich und griff nach der Platte mit dem Dessert.

»Und warum hatte euer Freund die Venus in der Hand?«

»Ich weiß es nicht.« Er pickte für Anna die Rosinen aus den Nockerln.

»Und wo hatte er die Figur her?«

Tobias zuckte mit den Schultern.

»Stellst du immer so viele Fragen?«

»Das ist mein Job«, lachte Anna und verschluckte sich an einer besoffenen Rosine.

Anna lag auf der Seite in dem riesigen Bett. Der Laptop stand neben ihr, und sie surfte auf der Suche nach Informationen über Rasseltrance durch das Internet. Bei diesen Ritualen, die auch Tobias im Angebot hatte, ging es darum, die gleichen Körperhaltungen einzunehmen, wie sie in prähistorischen Abbildungen dargestellt waren. Anna stießen die Rosinen auf. Sie änderte die eigene Haltung und setzte sich im Bett auf. Bei den Ritualen wurde gerasselt oder getrommelt, die Klienten fielen in Trance und hatten Visionen.

Und weiter?, dachte Anna. Was hatte man davon?