Germanias Vermächtnis - Swen Ennullat - ebook

Germanias Vermächtnis ebook

Swen Ennullat

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Opis

In der lang erwarteten Fortsetzung von „Alpendohle“ befindet sich Torben Trebesius zunächst gebrochen und orientierungslos auf einem selbstzerstörerischen Trip in Asien, als er von den Schatten seiner Vergangenheit eingeholt wird. Gemeinsam mit seinen alten und neuen Verbündeten muss er sich erneut dem Kampf gegen den Orden stellen. Ein Wettlauf gegen die Zeit, ein Kampf gegen Verrat, Tod und Zerstörung führt ihn nicht nur auf mehrere Kontinente, sondern auch an seine eigenen Grenzen. Es muss ihm dennoch gelingen, zuerst in den Besitz von zwei geheimnisvollen Artefakten zu gelangen, um die endgültige Machtergreifung des Ordens zu verhindern. Denn dessen Ziele gehen über alles hinaus, was er jemals für möglich gehalten hätte.

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SWEN ENNULLAT

Thriller

mitteldeutscher verlag

Inhalt

Cover

Titel

Information

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

Impressum

Figuren und Handlungen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig.

I

Pattaya war kein Ort, den jemand, der irgendwann eine Nacht hier verbracht hatte, je wieder mit einem typischen Familienurlaub in Verbindung bringen würde. Aber Torben war auch nicht nach Kinderlachen oder überdrehten Animateuren zumute. Er reiste allein und war froh, endlich in die Anonymität dieser Stadt abtauchen zu können. Ein Riss ging durch seine ehemals so heile Welt und teilte sein altes, sorgenfreies Leben von den Trümmern seines jetzigen Daseins. Er hatte schreckliche Dinge gesehen und erlebt, hatte Freunde verloren und dem Tod ins Auge gesehen. Sobald er sich daran erinnerte, nahm die Angst wieder Besitz von ihm, Panik stieg in ihm auf und nahm ihm die Luft zum Atmen. Regelrecht verzweifelt suchte er nach einer Möglichkeit, die Gedanken daran endlich auszulöschen. Und es war ihm völlig egal, ob ihm dies in Pattaya oder einer anderen von Gott verlassenen Stadt gelingen würde.

Idyllisch an der Ostküste des Golfs von Thailand gelegen, vereinigte Pattaya zwar mit seinem tropischen Klima, den weiten Ebenen und den langen weißen Sandstränden die Vorzüge eines Badeortes mit den Möglichkeiten zu tauchen oder Golf zu spielen, allerdings war es noch immer eher für sein ausschweifendes Nachtleben berühmt. Alle Versuche, den Sextourismus einzudämmen, der in erster Linie durch eine riesige Anzahl minderjähriger Prostituierter beiderlei Geschlechts gestützt wurde, waren bislang kläglich gescheitert, wohl auch, weil das entsprechende Publikum weiterhin vehement nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse verlangte.

Obwohl die konservativen Pauschalurlauber meist mit Phuket und Ko Samui auf andere Touristenzentren des Landes auswichen, fanden so trotzdem mehr als fünf Millionen Besucher aus aller Welt jährlich ihren Weg nach Pattaya und mit ihnen Milliarden an Dollar, die sie hier großzügig ausgaben.

Auf der Suche nach Erholung oder dem schnellen Sex ließen sie sich nicht einmal von Tsunamis oder sozialen Unruhen abschrecken.

Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte die Bucht nur aus einer Handvoll Dörfer bestanden. Der Vietnamkrieg führte jedoch dazu, dass GIs, die in der Nähe stationiert waren, die sauberen Strände und das kristallklare Wasser für sich entdeckten. Die erstklassigen Bedingungen, die sie vorfanden, sprachen sich schnell herum. Und so folgten den Soldaten bald Touristen. Kleine Hotels und Pensionen, aus denen später die Ableger der großen Hotelketten hervorgingen, schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Einwohnerzahlen verdoppelten sich in der Folge nahezu jährlich und lagen mittlerweile bei mehr als einhunderttausend Menschen. Vor allem junge Leute zog es mit der Aussicht auf ein neues und besseres Leben vom Land in die schillernde Welt der Großstadt, einer Hoffnung folgend, die aber nur in den seltensten Fällen erfüllt wurde. Die meisten von ihnen landeten in einer Welt von brutaler Gewalt und schmutzigem Sex, die oft nur durch den Missbrauch aller erdenklichen Arten von Drogen zu ertragen war. Wahre Liebe, kindliche Unschuld oder einfach nur Seelenheil suchte man in Pattaya vergeblich.

Torben starrte gedankenverloren in das halbvolle Bierglas, das vor ihm stand, und blickte nur kurz auf, um ein zierliches, leichtbekleidetes und stark geschminktes Thaimädchen, das ihm auf Englisch ein ziemlich eindeutiges Angebot gemacht hatte, mit einem Kopfschütteln und einer abwehrenden Handbewegung wegzuschicken. Unschlüssig, ob sie sofort aufgeben sollte, spähte sie an ihm vorbei zu einem schmierigen Typen mit rosafarbenem Hawaiihemd und Sonnenbrille, der im Halbdunkel im hinteren Bereich der Bar wartete. Offenbar gab er ihr ein Zeichen, dass sie keine weiteren Mühen in diese armselige Gestalt investieren sollte, denn sie schenkte Torben nur noch ein mitleidiges Lächeln und versuchte ihr Glück danach bei zwei übergewichtigen dänischen oder holländischen Touristen einige Stühle weiter. Die wiederum konnten es offensichtlich kaum fassen, von einer hübschen, jungen Frau angesprochen zu werden, und so schien es für die Kleine oder besser ihren Zuhälter doch noch ein erfolgreicher Abend zu werden.

Als Torben sah, wie die Hände eines der beiden Freier gleich hier in der Bar begannen, gierig ihren zarten, kindlichen Körper zu erkunden, wandte er sich angewidert ab und stürzte den Rest seines Singha-Biers hinunter. Es gab Dinge, die konnte er nicht ändern, ob er es nun wollte oder nicht, eine Einsicht, die er schmerzhaft gewonnen hatte.

Kaum mit seinem Bier fertig, orderte er das nächste bei der pummligen Barfrau, einer Endvierzigerin mit zu viel Make-up im Gesicht und dem deutlichen Ansatz eines Damenbarts. Als er sie so ansah, versuchte er sich zu erinnern, ob er vorher schon einmal hier gewesen war, schließlich trieb er sich bereits seit einer Woche in Pattayas Spelunken herum. Aber die Tage und die Erlebnisse zerflossen in seinem Kopf zu einer großen gallertartigen Masse. Einzelne Erinnerungen darin wiederzufinden war derzeit schier aussichtslos. Er trieb wie ein manövrierunfähiges Schiff ziellos umher und es scherte ihn nicht einmal.

Dass er sich jetzt in Thailand und nicht irgendwo anders auf der Welt befand, war purer Zufall. Eine Laune des Schicksals hatte dafür gesorgt, dass sein Flieger aus Vietnam kurz nach Erreichen der offiziellen Flughöhe wegen eines technischen Defektes der Klimaanlage zwischenlanden musste.

Der Zwangsstopp und eine spontane Eingebung sorgten für seinen Entschluss, das Flugzeug zu verlassen und noch etwas Zeit in Thailand zu verbringen. Es zog ihn ohnehin nichts nach Hause. Die vierwöchige Reise als Rucksacktourist durch Vietnam, die nur ein weiterer Versuch gewesen war, einige Dinge für sich selbst zu verarbeiten, hatte sowieso nicht einmal ansatzweise zum gewünschten Erfolg geführt.

Eigentlich hatte er die Absicht, einen Reisebericht über die weltberühmten Pagoden, die artenreichen Nationalparks oder einfach nur über die Menschen des Landes zu schreiben. Er wollte sich Zeit nehmen und treiben lassen, um so viele Eindrücke wie möglich in sich aufzusaugen und seinen Lesern ein getreues Bild der Lebenswirklichkeit abzuliefern.

Bei der offenen und freundlichen Art der Einheimischen war es ihm sehr leicht gefallen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und etwas über ihr Leben, ihre Ängste und Sorgen zu erfahren. Die meisten Häuser der einfachen Leute besaßen keine Küche. Man bereitete die Mahlzeiten gemeinsam mit der Familie oder Freunden auf der Straße zu und aß auch zusammen. Es war selbstverständlich, Reisende wie ihn zum Essen einzuladen, der schon durch seine Größe von mehr als ein Meter achtzig, der hellen Haut und den dunkelblonden, verwuschelten Haaren auffiel. Aber je länger er blieb und umso weiter er sich ins Landesinnere bewegte, desto mehr wurde ihm bewusst, dass die Menschen große und gastfreundliche Gemeinschaften bildeten, die ihn zwar für eine gewisse Zeit aufnahmen, in denen er aber dennoch stets ein Fremdkörper blieb.

Sein Gefühl von Einsamkeit, das er gehofft hatte, durch die Reise zu verlieren oder zumindest zu verdrängen, verstärkte sich noch, und die Lust, seine Erlebnisse zu notieren, wurde mehr und mehr von einer tiefen Gleichgültigkeit verdrängt.

Notizbuch, Fotoapparat und Laptop, die drei wichtigsten Arbeitsmittel eines modernen Journalisten, verblieben zunehmend im Rucksack. Dafür fand er mit den selbstgebrannten Reisschnäpsen neue Freunde, die ihn anfangs nur abends, zunehmend aber auch viel früher am Tag besuchten. Irgendwann war ihm jeder noch so kleine Anlass recht, zur Flasche oder – um exakt zu sein – zum irdenen Krug zu greifen.

In Thailand war es nun noch schlimmer geworden. Sicher, er hatte schon immer mehr als gemeinhin üblich getrunken; jetzt schien er aber langsam die Kontrolle zu verlieren. Weil er andere Rauschgifte, die ihm ständig in den Bars oder den Straßen angeboten wurden, auch weiterhin kategorisch ausschlug, verleugnete Torben sein Suchtproblem vor sich selbst. Noch immer vertrat er die Meinung, wenn er nur den ernsten Vorsatz hätte, könnte er jederzeit mit dem Trinken aufhören.

Auch heute war er erst gegen Mittag aufgestanden. Sein Schädel schmerzte noch von den Erlebnissen der letzten Nacht, und er brauchte eine Weile, bevor sich die Übelkeit legte. Trotzdem zog es ihn bald wieder – wie die Tage zuvor – nicht zum Strand sondern zu einer der vielen grob zusammengezimmerten Blechbuden in Südpattaya, die an jeder Straßenecke zu finden waren. Sie nannten sich zwar selbst ‚Bierbars‘, aber eigentlich bestanden sie nur aus einigen Tischen und Kühlschränken. Mit dem Einbruch der Dämmerung versiegten diese Quellen und er musste gezwungenermaßen in einer der größeren Kaschemmen der Walking Street einkehren, quasi dem Vergnügungsviertel der Stadt.

Er hatte sich gleich für die erstbeste Kneipe entschieden. Es war sowieso egal, wo er zechte. Das Bier und der Schnaps waren überall von der gleichen minderen Qualität.

Er überlegte gerade, was er heute schon alles getrunken hatte, als mit einem Schlag wieder die Erinnerungen zurückkehrten, vor denen er eigentlich auf der Flucht war.

Für Außenstehende gab er spätestens jetzt das Bild eines typischen Alkoholikers ab: Trotz der Klimaanlage, die schräg hinter ihm unter der Decke angebracht war, begann er zu schwitzen und seine Hände zitterten. Es war aber nicht das Gift in seinen Adern, das diese Symptome auslöste, sondern der Gedanke an die Erlebnisse der letzten Monate.

Torben wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und bestellte bei Miss Damenbart, wie er sie wenig charmant in Gedanken nannte, hastig einen Lao Khao, einen einheimischen weißen Schnaps. Als sie die Flasche nach dem Eingießen wieder mitnehmen wollte, sorgte ein Zwanzigdollarschein dafür, dass sie achselzuckend von diesem Vorhaben wieder Abstand nahm und den Fusel vor ihm stehenließ.

Nach dem zweiten großzügig eingegossenen Schnaps schien die Last der Welt, die er auf seinen Schultern trug, für einen Moment wieder etwas leichter zu werden, dann brachen sich die Erinnerungen und Gefühle jedoch umso gewaltiger ihren Bann und er gab es auf, sich dagegen zu wehren.

Ihm kamen die Worte von seinem Freund Doktor George Meinert in den Sinn, einem Professor für Geschichte des 20. Jahrhunderts, dessen Wissen über die Zeit des deutschen Nationalsozialismus sie vor einigen Monaten zusammengeführt hatte.

Meinert hatte ständig gesagt, dass etwas in Alkohol zu ertränken nicht funktionieren würde, da Alkohol konserviere. Aber, was wusste er denn schon! Er hatte auch gesagt, dass sie alle gesund aus dieser Sache herauskommen würden. Aber jetzt war Torbens Mutter tot! Und nicht nur sie, auch andere unschuldige Menschen hatten ihr Leben verloren.

Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Er hatte im Nachlass seines Großvaters, Hans Schauweiler, eine Ausgabe des Hitler-Manifests ‚Mein Kampf ‘ mit einer persönlichen Widmung gefunden, die auf den Todestag des Führers datiert war. Selbstverständlich kannte er sie auswendig: „Die Zukunft des Großdeutschen Reiches liegt in Ihren Händen! Adolf Hitler, Berlin d. 30.04.1945 – Ich stehe so tief in Ihrer Schuld, wie es ein Mann nur tun kann!“

Aus Neugier, eine für ihn als freischaffenden Reisejournalisten notwendige Eigenschaft, und um etwas Licht in diese geheimnisvolle Widmung zu bringen, hatte Torben nicht nur Kontakt zu dem Professor hergestellt, sondern auch einen alten Kameraden seines Großvaters namens Konrad Reiher zu den Geschehnissen der letzten Kriegstage befragt. Durch dessen Aussage und seine eigenen Recherchen erfuhr er, dass beide Soldaten unmittelbar vor Ende des Krieges im Führerbunker im Zentrum Berlins jeweils verschiedene Sonderaufträge erhalten hatten.

Reiher musste demnach einen Brief und ein kleines Päckchen aus der von den russischen Truppen vollständig eingeschlossenen Hauptstadt schmuggeln.

Die Aufgabe seines Großvaters war ähnlich und doch ungleich bedeutender. Er bekam kurz vor der endgültigen Kapitulation des Großdeutschen Reichs die Anweisung, eine schwangere und frisch vermählte Eva Hitler, geborene Braun, in Sicherheit zu bringen. Auf für Torben unbekannten und geheimnisvollen Wegen war Hans Schauweiler dieses Wagnis gelungen, und die Gerettete tauchte für immer unter, während sein Großvater die nächsten Jahrzehnte bis zu seinem natürlichen Tod ein bescheidenes Leben im Berliner Umland führte.

Als wenn diese Geschichte nicht schon spektakulär genug gewesen wäre, stieß Torben bei seinen Nachforschungen darauf, dass Eva Braun womöglich eine Vertreterin eines geheimen uralten Ordens von Priesterinnen gewesen war, die nicht nur ihr spirituelles Wissen seit alt-germanischen Zeiten von Generation zu Generation weitergaben, sondern offenbar auch stets aktiven Einfluss auf die deutsche und womöglich sogar zum Teil auf die internationale Politik ausübten.

Der Orden bemerkte jedoch Torbens Interesse an ihm, bevor er selbst erkannte, in welches Wespennest er gestoßen hatte, und ging konsequent und mit aller Härte gegen ihn und seine Freunde vor.

Schon der Gedanke daran sorgte dafür, dass sich der nächste Drink brennend den Weg durch Torbens Kehle suchte, ihm kurz die Luft nahm und die Tränen in die Augen trieb. Die Erinnerungen ließen sich freilich damit nicht aufhalten.

Die Schergen des Ordens hatten zuerst Torbens Auto von der Straße abgedrängt und mit erfundenen Vorwürfen einen Haftbefehl gegen ihn erwirkt, sodass er sich wegen des Anschlags auf sein Leben nicht ohne Weiteres an die Polizei wenden konnte. Danach töteten sie Reiher in seinem Pflegeheim und ließen den Mord nach einem Suizid aussehen.

Da die Priesterinnen wussten, dass noch immer ein geheimes Dossier über ihre Machenschaften existierte, das im Dritten Reich auf Anweisung ihres damaligen Verbündeten Heinrich Himmlers entstanden war, zwangen sie anschließend den Professor und Torben gemeinsam mit seinen alten Schulfreunden Michael und Julia, die er ebenfalls um Hilfe gebeten hatte, danach zu suchen.

Julia lebte zwar seit etlichen Jahren mit Michael zusammen, war vorher jedoch mit Torben liiert gewesen.

Als offenkundig wurde, dass zwischen Julia und Torben noch mehr als nur rein freundschaftliche Gefühle bestanden, nutzte der Orden das aus und zog den eifersüchtigen Michael unbemerkt und im Geheimen durch manipulierte Beweise langsam auf seine Seite. Nachdem sie die gesuchten Dokumente dann tatsächlich nach Aufenthalten in Posen, Bad Mergentheim und Wien, wo sie versteckten Hinweisen nachgegangen waren, in einer unentdeckten, geheimen Bunkeranlage in Thüringen fanden, eskalierte die Situation. Zwar kamen Torben, Julia und der Professor letztendlich mit dem Leben davon, weil ihre Recherchen auch den israelischen Geheimdienst, den Mossad, in Gestalt zweier Außendienstagenten auf den Plan gerufen hatten; Michael starb jedoch durch die Hand einer ihrer größten Widersacherinnen und auserwählten Handlangerin des Ordens namens Nicole, nachdem er ihnen seinen Verrat gestanden und Julia die Schuld dafür gegeben hatte.

Während der Mörderin die Flucht gelang, opferte sich ihre Auftraggeberin Rema, eine der einflussreichsten Meisterinnen des geheimen Zirkels, indem sie sich mitsamt dem gesuchten Bunker voll wertvoller Dokumente in die Luft sprengte.

Von dem Wunsch nach Rache besessen, initiierte die auf der Flucht befindliche Nicole jedoch im Gegenzug noch einen tödlichen Verkehrsunfall, dem Torbens ahnungslose Mutter, seine letzte noch lebende Familienangehörige, zum Opfer fiel.

Wie in den vergangenen Wochen ließ der Gedanke daran in ihm Angstzustände aufsteigen, er begann zu keuchen und hatte den Eindruck, keine Luft mehr zu bekommen. Dabei erdrückten ihn nicht nur die Schuldgefühle, er fühlte sich einfach wahnsinnig einsam. Vielleicht gab es wirklich niemanden mehr, dem es noch etwas bedeutete, ob er tot oder lebendig war. Mit einfachen Worten, er hatte sein Leben vergeudet! Er war weit über dreißig Jahre alt und hatte es nicht einmal geschafft, den kleinsten Grundstein für eine Familie zu legen, und jetzt war er völlig entwurzelt.

Die Barfrau tauchte erneut vor ihm auf und wies lächelnd in Richtung einer kleinen Bühne oder besser eines Kampfringes, denn dazu war sie zwischenzeitlich umfunktioniert worden, in dem sich jetzt zwei etwa zwanzigjährige und nur mit farbigen Seidenshorts bekleidete Männer gegenüberstanden, um aufeinander einzuprügeln.

Als Torben abwinkte, weil ihm Thaiboxen in diesem Moment so gleichgültig war, wie der ganze jämmerliche Rest seines Lebens oder dieser – von ihm so empfundenen – elenden Welt, prüfte sie nur, ob die Flasche ihres Gastes noch etwas Inhalt aufwies, denn schließlich wollte sie sich ein gutes Geschäft nicht durch die Lappen gehen lassen. Solange Torben trank, sich ruhig verhielt und vor allem auch bezahlte, konnte er bleiben.

Indessen bekam er in seinem Rausch weder den Kampf noch sein schnelles Ende mit. Irgendwann stand jedoch ein hagerer, schweißnasser und merklich lädierter Junge vor ihm und wollte anscheinend etwas Geld. Torben brauchte einen Moment, bevor er begriff, dass es sich um einen der Kontrahenten handelte, der scheinbar den Sieg davon getragen haben musste und nun darauf hoffte, sein Publikum gut unterhalten zu haben. Er nickte nur, steckte ihm ein paar Dollar zu und widmete sich erneut der ungemein wichtigen Aufgabe, die er sich selbst gesteckt hatte: Den letzten Rest Achtung vor sich selbst zu vernichten!

Er war gerade dabei, sein Glas wieder abzusetzen, als er über dessen Rand plötzlich ein vertrautes Gesicht sah. Er musste sich täuschen, seine Sinne schienen ihm einen Streich zu spielen, er presste die Augen zusammen und schlug das leere Glas so laut auf das Holz der Theke, dass Miss Damenbart sich von einigen anderen Gästen abwandte und missmutig in seine Richtung schaute, um festzustellen, ob alles in Ordnung war.

Als Torben seine Augen wieder öffnete, wurde das Trugbild zu einer realen Gestalt und konnte sogar sprechen: „Hallo Trebesius, bekomme ich auch einen?“

Seine Überraschung überspielend, zuckte er kurz mit den Schultern und entgegnete gelangweilt: „Von mir aus, aber erlaubt Ihnen denn der Mossad in der Öffentlichkeit oder gar im Dienst Alkohol zu trinken?“

„Touché, mein Freund! Ich mag Ihre direkte Art. So gesehen haben Sie Recht, lassen wir den Drink, deshalb bin ich nicht hier.“

„Das kann ich mir schon denken, Levitt!“, entgegnete Torben. „Also, was wollen Sie noch von mir und wie haben Sie mich überhaupt gefunden?“

Eigentlich hätte Torben höflicher zu ihm sein müssen, denn Levitt war der Agent, der sein Leben in Thüringen gerettet hatte. Ohne ihn wäre er durch Nicoles Hand ermordet worden. Aber Levitt war auch derjenige, der die Schutzmaßnahmen für ihre Familien veranlassen sollte. Obwohl Torben längst wusste, dass eigentlich die deutschen Sicherheitsbehörden versagt hatten, weigerte er sich beharrlich, diese Tatsache zuzugeben. Da Levitt hier vor ihm stand, hatte er endlich jemanden, dem er eine Mitschuld am Tod seiner Mutter geben konnte.

„Ihre Flugroute nachzuvollziehen war eine der leichteren Aufgaben; Ihr Hotel oder sagen wir besser: Ihre Absteige zu finden war schon ungemein schwieriger. Sie sind anscheinend kein Freund eines guten Zimmerservice. Mit wie vielen Käfern und Wanzen teilen Sie sich denn Ihre Matratze?“ Die letzte Bemerkung – begleitet von dem Ansatz eines Lächeln – sollte das Eis brechen, Torben reagierte darauf aber nur mit Gleichgültigkeit und so setzte Simon Levitt gezwungenermaßen fort: „Na ja, letztendlich half uns der Fahrer des Taxis weiter, das Sie am Flughafen genommen hatten.“

Torben nickte zwar gedankenverloren, fragte aber sofort in spürbar abweisender Tonlage nach: „Und die thailändischen Behörden stört es überhaupt nicht, dass der Mossad in ihrem Land Ermittlungen durchführt?“

Levitt schien sich von seinem Benehmen nicht irritieren zu lassen und antwortete mit ruhiger und sonorer Stimme: „Nun ja, seitdem der Iran durch die Hisbollah das Land zum Austragungsort seines Kampfes gegen israelische Staatsbürger auserkoren hat, haben sich unsere Beziehungen – sozusagen notgedrungen und über Nacht – bedeutend verbessert. Thailand sorgt sich um seinen guten Ruf als sichere Pilgerstätte der ausländischen Touristen und kooperiert deshalb mit uns. Es geht also letztendlich wie immer um Geld, wahrscheinlich sehr viel Geld. So einfach ist das!“

„So einfach ist das, ja?“, wiederholte Torben langsam und wandte sich angewidert von Levitt ab.

„Trebesius, wir …“

Weiter kam er nicht, denn Torben fuhr ihm ins Wort und schrie ihn an: „Was wollen Sie von mir? Lassen Sie mich endlich in Ruhe! Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß! Und was haben Sie für mich getan? Nichts! Gar nichts! Ich hatte Sie nur um einen einzigen Gefallen gebeten! Erinnern Sie sich? Sie sollten meine Mutter schützen! Mehr nicht! Und trotzdem haben Sie dabei versagt! Ich bin fertig mit Ihnen! Haben Sie verstanden? Fertig! Und jetzt verschwinden Sie endlich!“

Sein Geschrei hatte die Aufmerksamkeit etlicher Gäste erregt, Touristen und zwielichtige Gestalten gleichermaßen starrten nun neugierig in Torbens und Levitts Richtung. Der Mossad-Agent drehte sich tatsächlich – vermutlich wegen der ungewollten Aufmerksamkeit durch Torbens Gefühlsausbruch – ohne ein weiteres Wort zu verlieren um und drängelte sich durch eine gerade hereinkommende und lärmende Gruppe junger Leute nach draußen. Torben, perplex, dass er sich so schnell bei seinem Gesprächspartner durchsetzen konnte, verlor ihn schon nach wenigen Sekunden aus den Augen und blieb mit einem noch größeren Gefühl der Leere als zuvor zurück, das er nun wieder mit Lao Khao würde bekämpfen müssen.

Halb betrunken wie er war, versuchte er sich dennoch, etwas zu sammeln und die gerade erlebte Szene zu verarbeiten.

Levitt hatte ihn in einer schäbigen Hinterhofkneipe im tiefsten Thailand aufgespürt, um mit ihm zu sprechen. Und trotz der Mühen, die er sich gemacht haben musste, ließ er sich so einfach von ihm wegschicken? Dahinter musste noch etwas anderes stecken. Torben bemühte sich redlich, sich auf die Beantwortung dieser Frage zu konzentrieren, aber der Schnaps entfaltete längst seine Wirkung und seine Gedanken und Erinnerungen vermischten sich mit den Gerüchen und Geräuschen der Bar zu einer surrealen Traumwelt, in der er Fiktion und Realität nicht mehr trennen konnte.

War Levitt wirklich hier gewesen oder hatte ihm seine Phantasie einen Streich gespielt?

Sein Kopf dröhnte und ihn überfiel ein Gefühl von Übelkeit und Schwindel. Niemand in seiner Nähe nahm davon Kenntnis, als er sich, um nicht vom Hocker zu fallen, so an die Bar klammerte, dass seine Fingerknöchel schon weiß hervortraten. Nach Levitts Abgang, der die Aussicht, in den Genuss einer Barschlägerei zu kommen, abrupt beendet hatte, war er für alle anderen Gäste längst wieder uninteressant geworden.

Der Kampfring war mittlerweile zur Bühne zurückgebaut, eine Leinwand und eine Karaoke Anlage aufgestellt worden. Die jungen Leute, die als Letzte gekommen waren, erkoren aus ihrer Mitte einen rothaarigen Halbwüchsigen mit einem gefährlich aussehenden Sonnenbrand im Gesicht zum ersten Gesangsstar des Abends. Mit einer grauenhaften Version von U2s „With or without you“ erklang ein Lied, das noch mehr längst vergessene Dämonen in Torben weckte und ihn noch tiefer in seine Trugbilder und Tagträume schleuderte.

Aber plötzlich war sie da, eine sanfte und vertraute Stimme, ganz nah an seinem Ohr, und eine warme Hand, die sich behutsam auf seinen Unterarm legte. Er konnte die Worte zuerst nicht verstehen und fragte wie in Trance: „Was … Was ist los?“

Aus dem Gemurmel wurden klare Sätze, die zu ihm durchdrangen: „Ich sagte, dass du unseren Song selbst in deinem jetzigen Zustand tausendmal besser singen würdest.“

Er blickte auf den Mund, aus dem die Worte kamen und versank, wie schon hunderte Male zuvor, in den darüber liegenden grünen Augen. Er sagte sich, dass sie nicht real sein konnte! Sie war nicht hier! Sein Verstand musste ihm einen noch übleren Streich spielen! Die langen, schwarzen Haare, die wunderschönen Lippen, all das bildete er sich nur ein. Ganz klar, er wurde verrückt!

Sie erkannte offenbar sogar in seinem glasigen Blick, was in ihm vorging und sprach weiter: „Torben, hörst du mich? Ich bin es, Julia!“

„Julia?“, die Schleier seines Rausches lüfteten sich ein klein wenig, „Julia, bist du es wirklich? Erst Levitt, dann du … Was machst du hier?“

Sie stöhnte auf und er bemerkte, wie erschöpft sie aussah, aber trotzdem schenkte sie ihm ein wundervolles Lächeln. „Na ja, wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten gehen. Und jetzt komm mit, ich bringe dich hier raus.“

Die halbvolle Flasche Schnaps auf der Theke zurücklassend, ließ sich Torben von ihr widerstandslos aus der Bar führen, weil es sich in diesem Moment wie das einzig Richtige anfühlte. Die Menschen um ihn herum nahm er längst nicht mehr wahr. Julia musste ihn unterwegs mehrfach stützen, denn seine Beine versagten ihm zunehmend den Dienst, er strauchelte und lief ständig Gefahr, in die Gosse zu stürzen. Unter großer Anstrengung gelang es ihr aber, ihn unbeschadet durch die Massen an Feierfreudigen zu schleusen und wenig später auf die Rückbank eines am Straßenrand abgestellten Toyotas zu wuchten. Während sie ebenfalls einstieg und die Tür hinter sich schloss, sah der noch immer benommene Torben plötzlich Levitts Hinterkopf vor sich. Als dieser sich umdrehte und fragend Julia anblickte, drückte sie gerade Torbens Hand und flüsterte ihm zu: „Mach dir keine Sorgen, alles wird gut. Ich pass auf, dass dir nichts geschieht.“

Während der Betrunkene nur stumm nickte, brummte Levitt: „Sind Sie sicher, dass wir ihn wirklich brauchen? Er wird nur Ärger machen! Schauen Sie sich ihn doch nur einmal an! Ich habe schon Penner gesehen, die im Vergleich zu ihm wie Top-Manager wirkten.“

Julia schüttelte den Kopf: „Sie haben keine Ahnung, was in ihm steckt! Wir haben Dinge erlebt und gesehen, die die meisten Menschen nie erleiden müssen. Es ist nur verständlich, dass ihn das mitgenommen hat. Ich habe zugestimmt, Ihnen zu helfen, weil ich die Sache für mich zu Ende bringen möchte. Aber das kann ich nur mit ihm an meiner Seite! Also fahren Sie endlich los und bringen Sie uns hier weg!“

„Meinetwegen“, seine Stimme klang immer noch etwas knurrig, „aber ich fürchte, sobald er wieder nüchtern ist, wird er wohl erneut auf unsere Gesellschaft verzichten wollen. Ich glaube, er hat sich entschieden, sich einfach selbst zu Grunde zu richten.“

„Nein“, Julias Stimme war zwar leise, weil Sie Torben, der mittlerweile neben ihr weggenickt war, nicht aufwecken wollte, aber sie klang fest und entschlossen, „er hat nur versucht, alleine mit seinen Schuldgefühlen fertig zu werden, und das ist ihm nicht gelungen. Ich war zu hart zu ihm, und es war mein Fehler, ihn gehen zu lassen. Ich weiß, dass wir einander brauchen, um uns gemeinsam unseren Ängsten zu stellen, und er weiß es jetzt auch! Da bin ich mir ziemlich sicher!“

Levitt brabbelte noch eine Antwort, die wie ein sarkastisches „Na, wenn Sie es sagen!“ klang, und fuhr los. Julia hörte aber schon längst nicht mehr zu, sondern sah den schlafenden Torben lange an und flüsterte ihm zu: „Ich werde alles tun, um dir zu helfen!“ Es wirkte aber fast, als sagte sie das eher zu sich selbst.

II

Torben bezog gemeinsam mit Julia, Levitt und einem weiteren, jüngeren Mossad-Agenten namens Mosche Shalev, den er ebenfalls bereits kannte, ein paar nebeneinander liegende Zimmer in der zweiten Etage eines schäbigen Motels. Mosche wurde, seitdem er ihre kleine Truppe am Hamburger Flughafen in Empfang genommen hatte, die Rolle des Fahrers zuteil. Und Levitt? Ja, Levitt schien irgendwie zum Anführer ihrer Gruppe aufgestiegen zu sein. Er fällte mittlerweile nahezu alle Entscheidungen, ob nun wichtig oder nicht.

Torben versuchte, sich an möglichst viel zu erinnern, was in den letzten Stunden geschehen war.

Thailand lag noch nicht einmal zwei Tage zurück, und doch kam es ihm so vor, als sei eine kleine Ewigkeit vergangen. Julia hatte nicht gelogen, als sie davon sprach, ihn nach Hause bringen zu wollen, wenn man den Begriff Zuhause etwas weiter definierte und damit lediglich das Heimatland meinte, denn in Deutschland waren sie schon mal.

Er konnte sich durch seinen letzten Rausch nicht an jedes Detail ihrer Reise erinnern. Nachdem sie ihn in der Bar aufgelesen hatten, brachten sie ihn wohl gleich in sein Hotel und stellten ihn unter eine kalte Dusche, die ihn in die Lage versetzte, zumindest für die nächsten Stunden halbwegs auf den Beinen zu bleiben. Levitt und Julia packten – von seinen Flüchen und Verwünschungen begleitet, als das eiskalte Wasser auf ihn niederprasselte und sich in seinem Kopf wie tausend kleine Nadeln bohrte – eilig seine Sachen zusammen und beglichen die offenen Rechnungen. Als das erledigt war, verfrachteten sie ihn wieder in den Toyota und kündigten ihm an, dass ihr nächstes Ziel der Flughafen Bangkok sei. Torben, noch halb betrunken, hatte nur mit den Schultern gezuckt, was von beiden als Zustimmung aufgefasst wurde. Von der eigentlichen zweistündigen Fahrt bekam er nicht viel mit, weil er tief und fest schlief. Am Flughafen wurde er dann auch recht grob von Levitt geweckt, weil es Julia einfach nicht gelingen wollte.

Verschlafen und verkatert, wie er war, registrierte er kaum, dass sie ein uniformierter Flughafenbeamter am Zoll und allen anderen Kontrollen vorbei hastig zu einer Linienmaschine brachte. Sie hatten kaum ihre Sitze in der Business Class eingenommen, da rollte der Flieger auch bereits auf die Startbahn. Torben war mittlerweile sowieso alles egal, denn die Trunkenheit oder genauer die Betäubung seiner Nervenbahnen ließ langsam nach. Während Julia und Levitt ihre Sitze in Liegepositionen brachten, um sich auszuruhen, übergab er sich mehrfach auf der Flugzeugtoilette und fühlte sich hundeelend. Erst nach einigen Stunden, in denen er im Halbdunkel ständig und fast schon zwanghaft Julia in ihrem unruhigen Schlaf beobachtete, klangen die schmerzhaften Magenkrämpfe ab, und die Müdigkeit überwältigte ihn. Er wachte erst auf, als sie im Landeanflug auf Frankfurt am Main waren.

Julia schien genauso wie er noch ziemlich verschlafen zu sein. Sie lächelte ihm müde aber aufmunternd zu. Im Gegensatz zu ihnen beiden wirkte Levitt erstaunlich frisch. Irgendwie war es dem Mossad-Agenten sogar gelungen, sich zu rasieren. Als Torben das bemerkte, strich er sich unbewusst über seine langen Bartstoppeln. Er konnte sich nicht einmal mehr an seine letzte Rasur erinnern.

Die Temperaturen waren in Deutschland zwar bedeutend niedriger als in Thailand, aber eine strahlende Sonne verkündete, dass es ein angenehmer Frühsommertag werden würde.

Zeit, das schöne Wetter zu genießen, blieb nicht, denn Levitt drängte schon wieder zum Aufbruch, da sie ihre Reise mit einem innerdeutschen Flug nach Hamburg fortsetzen sollten. Und so bestand Torbens Frühstück dann auch lediglich aus einem Coffee to go in der Ankunftshalle, den er unbemerkt von seinen Begleitern mit etwas Cognac aus einer kleinen Schluckflasche aus einem Duty-Free-Shop aufpeppte.

Leidlich wiederhergestellt und am Nachmittag endlich in der Lage, einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen, erfuhr Torben erst in der Hansestadt, wo sie auf einen breit grinsenden Mosche trafen, warum sie so in Eile waren. Es war Julia, mit der er bisher kaum ein offenes Wort wechseln konnte, die ihn jetzt in einem kleinen Zimmer eines bestenfalls zweitklassigen Hotels darüber aufklärte.

Es war das erste Mal auf diesem Trip, dass sie wirklich allein waren und Torben erinnerte sich, dass ein ähnlicher Moment bereits mehr als zwei Monate zurücklag. Sie waren sich in Wien nähergekommen, obwohl Michael zu jener Zeit noch am Leben war, der, damals wie heute, wie eine riesige Mauer zwischen ihnen stand.

Julia brach als erste das Schweigen: „Torben, wie geht es dir? Ist soweit alles okay?“

Während sie bei ihrer Frage an der Tür stehen blieb, bewegte sich Torben in Richtung Bett, ließ sich darauf fallen und antwortete etwas scherzhaft: „Ich fühle mich so, wie ich aussehe! Die nächsten Tage sollte ich wohl lieber auf Alkohol verzichten.“

„Kannst du das denn?“ Die Bemerkung klang beiläufig, sollte ihn aber trotzdem direkt treffen.

Er ignorierte die Anspielung und stellte selbst eine Frage: „Okay, was um alles in der Welt machen wir hier?“

Sie seufzte, setzte sich neben ihn, nahm seine Hand und sagte leise: „Ganz einfach – ich möchte, dass diejenigen, die für den Tod deiner Mutter und Michaels verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden.“

„Aber, das ist …“ Weiter kam Torben mit seiner Antwort nicht, denn Julia schnitt ihm sofort das Wort ab und entgegnete energisch: „Kein Aber! Das sind wir ihnen schuldig! Es geht mir nicht um Rache, sondern um Gerechtigkeit!“

Kopfschüttelnd erwiderte Torben darauf: „Was wir wollen spielt keine Rolle! Julia, diese Geschichte ist zu groß für uns! Begreifst du das noch immer nicht? Diese Leute sind zu allem fähig! Gerade du müsstest das am besten wissen!“

„Das brauchst du mir nicht zu sagen“, ihre Stimme wurde leiser, „sobald ich meine Augen schließe, sehe ich Michaels entstellten Leichnam vor mir.“

Sie machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach: „Torben, ich muss mich dieser Sache stellen, um wieder ein normales Leben zu führen.“ Ihr Händedruck wurde stärker. „Und ich weiß, dass es dir genauso geht. Bevor wir beide damit nicht abgeschlossen haben, wird es auch keine gemeinsame Zukunft für uns geben.“ Torben schlug der Puls plötzlich bis zum Hals. Sie sprach von einem gemeinsamen Leben mit ihm, wovon er nicht mehr zu träumen gewagt hatte, denn er hatte sie nicht nur einmal enttäuscht. Nicht genug, dass er es war, der sich vor mehr als zehn Jahren von ihr getrennt hatte, er hatte sie auch allein gelassen, als es um die Organisation von Michaels Beerdigung ging, und er hatte ihr nicht beigestanden, als sie sich den Fragen der trauernden Verwandten stellen musste, ein weiteres Versäumnis, das er sich vorwerfen musste.

Julia wiederum hatte trotz allem an der Beerdigung seiner Mutter teilgenommen und ihm dadurch die nötige Kraft gegeben, diesen Tag durchzustehen.

Ihr Erscheinen verstand er aber im Nachhinein – so redete er es sich seit Wochen ein – nur noch als rein freundschaftliche Geste, da sie sich danach lediglich zweimal kurz sahen und während Torbens Vietnamreise weniger als ein halbes Dutzend Mal miteinander telefonierten. Und nach jedem dieser – in seinen Augen – unpersönlichen Telefonate hatte er sich schlechter gefühlt als vorher. Sie wurden dadurch nur zu weiteren willkommenen Anlässen, um zur Flasche zu greifen.

Aber vielleicht hatte sie ja nur etwas Zeit gebraucht, um – genauso wie er – etwas Abstand zu gewinnen und ihre Gefühle zu ordnen. Tief in seinem Inneren begann wieder ein Funke zu glimmen, sein Widerstand brach und er hörte sich selbst die Frage stellen: „Levitt und du, wie wollt ihr denn vorgehen?“

Ihr Händedruck löste sich, sie stand auf und lief in dem kleinen Zimmer langsam auf und ab.

„Wir haben eine Spur gefunden, die vielleicht zum Orden führen könnte. Sie hängt offenbar mit den Finanzgeschäften dieser Stiftung in Bad Mergentheim zusammen, die als Tarnung für die Priesterinnen gedient hatte.“

Torben erinnerte sich, sie waren damals bei ihren Nachforschungen auf das Deutschordensschloss in Bad Mergentheim gestoßen. In Unkenntnis, dass dort tatsächlich just zu diesem Zeitpunkt eines der wichtigsten Treffen des Ordnens stattfand, hatte Torben die Veranstaltung gestört, was dazu führte, dass seine Freunde und er gefangen genommen wurden. Es stellte sich heraus, dass die im Schloss ansässige Stiftung für Demografie und Pflege der deutschen Kultur eine der vielen Tarnorganisationen der Priesterinnen war. Nach ihrer Entdeckung hatten die Ertappten jedoch unverzüglich begonnen, die dort unterhaltenen Büros zu räumen und alle Spuren zu verwischen.

In Torben fing es zu arbeiten an. Julia könnte Recht haben. Obwohl der Orden unbeschreiblich mächtig und einflussreich war, hatten es seine Repräsentanten sicherlich dennoch nicht mehr geschafft, alle Unterlagen zu vernichten, die zum Beispiel in deutschen Finanzämtern oder den zuständigen Ministerien zu der Stiftung lagerten. So sehr sich die Priesterinnen auch anstrengt hatten, dieses Mal hinterließen sie bestimmt Brotkrumen, denen man folgen könnte.

Julia sprach bereits weiter: „Mosche hat die Ermittlungen der deutschen Behörden begleitet. Ihm ist der Vorname einer Person aufgefallen, die die Prokura besaß, die Finanzgeschäfte der Stiftung abzuschließen, nicht nur, weil er in seinen Ohren ziemlich ungewöhnlich klang, sondern auch, weil er ihn bei deiner Aussage, die du damals machen musstest, schon einmal gehört hatte. Er lautet Margot. Du weißt schon, Meisterin Margot! Das könnte eine gute Spur sein, glaubst du nicht?“

Torben dachte nach. Margot war nicht eine x-beliebige Vertreterin des Ordens. Sie wollte ihm damals zur Flucht verhelfen und hatte ihm gestanden, dass die Schwester seines Großvaters namens Hilde Schauweiler nicht im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen war. Sie war vielmehr der Trumpf gewesen, mit denen sein Vorfahr zur Zusammenarbeit mit dem Geheimzirkel genötigt und zu Höchstleistungen motiviert worden war.

Margots Familie wurde nach Kriegsende vom Orden auserwählt, Hilde an Kindes statt großzuziehen. Und so kam es, dass beide Frauen wie Schwestern aufwuchsen. Die Gefühle, die sie verbanden, hatten aber, je älter sie wurden, irgendwann nichts mehr mit Geschwisterliebe gemein. Margot hatte ihm erzählt, dass sie bis zu Hildes Tod nicht nur gemeinsam dem Orden dienten, sondern über all diese Jahrzehnte auch eine Liebesbeziehung pflegten.

Dennoch zweifelte er: „Julia, ich weiß nicht, ist das nicht alles etwas weit hergeholt? Sicherlich ist der Name Margot heute nicht mehr so geläufig, aber vor siebzig, achtzig Jahren war es keineswegs ungewöhnlich, sein Kind so zu nennen.“

„Ich bin noch nicht fertig!“, setzte Julia schnell fort, die spürte, wie Torbens Neugier erwachte. „Der komplette Name lautet Margot Wiese. Es gibt zwar keine Adresse zu ihr, aber wir sind in den Unterlagen auf eine weitere Frau namens Hilde Wiese gestoßen, für die die Stiftung Beiträge an die Rentenversicherungsanstalt abgeführt hat. – Verstehst du, zwei Schwestern, die beide für die Stiftung arbeiteten und laut den Unterlagen auch noch ungefähr gleich alt waren! Dazu die Vornamen Margot und Hilde! Es passt alles zusammen, meinst du nicht auch?“

Selbst Torben musste zugeben, dass dies ein erstaunlicher Zufall war und fragte gespannt: „Was habt ihr noch?“

In diesem Moment erkannte Julia, dass sie ihn am Haken hatte. Und Torben wusste es auch. Sie setzte sich wieder neben ihn. „Die Zahlungen der Stiftung an Hilde wurden vor fast neun Jahren eingestellt. Das könnte auf zwei Möglichkeiten deuten, zum einen, dass sie sich einen anderen Arbeitgeber gesucht hat oder zum anderen, dass sie …“

„ … verstorben ist“, beendete Torben den Satz.

Julia nickte.

„Mosche hat in den letzten Wochen unzählige Sterbeanzeigen durchforstet und Bestattungslisten eingesehen. Offenbar gibt es kein einheitliches Sterberegister in Deutschland. Du erinnerst dich vielleicht an den letzten Zensus. Dieser wurde ja auch mit fehlenden oder ungenauen Strukturdaten begründet. Auf jeden Fall hat er etwas gefunden.“

„Du sprichst sehr oft von diesem Mosche“, bemerkte Torben beiläufig und mit dem Versuch eines Augenzwinkerns.

„Was? Was soll das denn jetzt?“ Julia schüttelte ungläubig den Kopf. „Nichts weiter, es fiel mir nur auf. Ich wusste nicht, dass du so engen Kontakt zum Mossad hast. Also, auf was ist er gestoßen?“

„So intensiv war der Kontakt nicht. Ich glaube, sie wollten eher mit dir reden, aber du hast dich ja völlig abgekapselt. Wahrscheinlich hatten sie gehofft, über mich an dich heranzukommen. Offensichtlich lagen sie da nicht ganz daneben.“ Dieses Mal blinzelte sie ihm zu.

„Aber weiter, in dem Monat, in dem die letzte Einzahlung erfolgte, wurde die Urne einer Frau Hilde Wiese anonym, ohne Grabstelle auf einer extra für diese Fälle vorgesehenen Fläche eines Friedhofs in einem kleinen Ort namens Meldorf an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste beigesetzt.“

„Also deshalb sind wir hier. Aber wie kommt ihr darauf, dass uns das weiterbringt?“

„Weil sich ihr Todestag morgen jährt!“

III

Torben saß auf der Rückbank einer dunklen Mercedes Limousine. Julia, die ihre Augen geschlossen hatte, befand sich nicht einmal eine Armlänge entfernt und er hätte sie so gerne berührt. Aber soweit waren sie noch lange nicht.

Ihr Gespräch am gestrigen Abend hatte, nachdem sie ihm das Sterbedatum seiner Tante mitgeteilt hatte, nur noch einige Minuten gedauert. Sie hatte ihm lediglich noch eröffnet, dass sie hofften, heute Margot auf dem Friedhof zu stellen, falls sie an das Grab ihrer verstorbenen Geliebten zur Andacht kommen sollte. Danach hatte sie ihn mit Verweis auf ihre Jetlag-bedingte Müdigkeit allein in seinem Zimmer zurückgelassen.

Unter der Dusche waren seine Selbstzweifel zurückgekehrt. Doch er hatte auch so etwas wie einen Funken Hoffnung gespürt, eine Zuversicht seine Beziehung zu Julia betreffend. Er kannte sie schon seit seinem siebzehnten Lebensjahr. Vor zehn Jahren hatte er sich aus rein egoistischen Gründen von ihr getrennt. Heute wusste er, dass er damit vermutlich den größten Fehler seines Lebens begangen hatte. Aber vielleicht bekam er jetzt eine zweite Chance.

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