Geheim geweiht - Wolfgang Bergmann - ebook

Geheim geweiht ebook

Wolfgang Bergmann

0,0

Opis

Zur Zeit des kalten Krieges entschließt sich die römisch katholische Kirche hinter dem Eisernen Vorhang, eine Untergrundkirche aufzubauen. Im Geheimen werden auch Frauen geweiht. Davon will Rom nach dem Fall des kommunistischen Systems nichts mehr wissen. Auf dieser historischen Grundlage erzählt dieser Roman die Geschichte Katjas, der Tochter eines Geheimbischofs, die noch knapp vor dessen Deportation von ihm zur Priesterin geweiht wurde. Nach dem Umbruch versucht der Vatikan ihr Schweigen zu erkaufen. Sie schwankt zwischen Gehorsam, dem Wunsch nach Anerkennung und ihrer Liebe zu dem krebskranken Daniel, der sie bei ihrem Comingout unterstützen möchte. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Unterdessen bemüht sich in Rom eine päpstliche Kommission, das Thema Frauenpriestertum wieder aus der Welt zu schaffen.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 219

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



BERGMANN • GEHEIM GEWEIHT

WOLFGANG BERGMANN

Geheim geweiht

Roman

Die Herausgabe dieses Buches erfolgtemit freundlicher Unterstützung durch dasLand Niederösterreich und die Stadt Wien.

A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12Tel. + 43(0)463 370 36, Fax. + 43(0)463 376 [email protected]

Copyright © dieser Ausgabe 2016 bei Wieser Verlag GmbH,Klagenfurt/CelovecAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Maria SikoraISBN 978-3-99047-063-3

Für M.B.,eine berufene Priesterin unserer Tage

Inhalt

Prag (Dezember 1989)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 15.3.1989)

Prag (Dezember 1989)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 16.3.1989)

Prag (Jänner 1990)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom, 22.3.1989)

Prag (Februar 1990)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 2.4.1989)

Prag (Sommer 1990)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 13.4.1989)

Prag (September 1990)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 20.4.1989)

Wien (Herbst 1990)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 27.4.1989)

Wien (Herbst 1990)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 29.4.1989)

Wien (Februar 1991)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 3.5.1989)

Wien (März 1991)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 4.5.1989)

Wien (April 1991)

Wien (Mai 1991)

Tagebucheintragung (Rom 25.5.1989)

Prag (April 1991)

Wien (Juni 1991)

Tagebucheintragung (Rom 2.6.1989)

Wien (Oktober 1991)

Wien (November 1991)

Tagebucheintragung (Rom 10.6.1989)

Wien (November 1991)

Tagebucheintragung (Rom 11.6.1989)

Wien (Dezember 1991)

Tagebucheintragung (Rom 20.6.1989)

Wien (Februar 1992)

Tagebucheintragung (Rom 26.6.1989)

Wien (April 1992)

Tagebucheintragung (Rom 27.6.1989)

Wien (Juni 1992)

Wien (Juli 1992)

Tagebucheintragung (Rom 3.7.1989)

Wien (August 1992)

Lunz am See (August 1992)

Tagebucheintragung (Rom 27.7.1989)

Lunz am See (August 1992)

Tagebucheintragung (Rom 3.8.1989)

Wien (Oktober 1992)

Tagebucheintragung (Rom 29.8.1989)

Wien (November 1992)

Wien (Dezember 1992)

Tagebucheintragung (Rom 6.9.1989)

Wien (Jänner 1993)

Tagebucheintragung (Rom 21.9.1989)

Wien (Februar 1993)

Tagebucheintragung (Niahuru 19.2.1993)

Wien (März 1993)

Hohenberg (April 1993)

Wien (April 1993)

Lunz am See (Mai 1993)

Wien (Juni 1993)

Hohenberg (Juli 1993)

Anhang: Historischer Bezug des Romans

Prag (Dezember 1989)

»Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens«,

Katja begann ihr Gebet. Still. Still und unbewegt. Nicht einmal ihre Lippen zeigten eine Veränderung. Vor allem die Lippen nicht. Von klein auf hatte sie sorgfältig beachtet, dass auch ein Lippenleser nicht erkennen hätte können, was sie in sich hineinsprach. Oder zu Gott hinauf sprach. Obwohl es jetzt nicht mehr notwendig war, das zu verheimlichen. Aber die Gewohnheit saß ihr in den Knochen. Ihr Vater hatte es ihr beigebracht.

»dass ich liebe, wo man hasst;

dass ich verzeihe, wo man beleidigt;«

Sie stand vor der alten Anrichte und blickte auf das Hochzeitsbild ihrer Eltern. Nichts in der Wohnung ließ darauf schließen, dass sie gläubig war. Kein Bild. Kein Buch. Kein Symbol. Das Bild zeigte das Brautpaar im Studio des Fotografen. Niemand konnte daran erkennen, dass sie damals nicht nur standesamtlich geheiratet hatten.

»dass ich verbinde, wo Streit ist;

dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;«

»Die Ehe ist ein Sakrament, daher ist Gott bei der Eheschließung in den Brautpaaren gegenwärtig«, hatte ihr der Vater erklärt. Nicht in der Wohnung, sondern bei den Spaziergängen im Wald hatten sie darüber gesprochen. »Wir brauchen kein Kreuz in der Wohnung – unser Hochzeitsbild ist auch das Bild vom lieben Gott«, hatte er geflüstert. Auch im Wald immer nur geflüstert.

»dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;

dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;

dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;

dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.«

Jeden Morgen sprach Katja dieses Gebet. Dann eilte sie zur Arbeit. Diesmal würde sie zur Versammlung gehen. Zur letzten Versammlung. Denn das Versteckspiel war jetzt nach dem Fall des Eisernen Vorhanges nicht mehr notwendig.

»Herr, lass mich trachten,

nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;

nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich

verstehe;

nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.«

Ihr Vater hatte sie dieses Gebet gelehrt. Im Wald, flüsternd. Als Kind hatte sie den Text einfach aufgesogen. Heute, da sie erwachsen war und die Bibel besser kannte, dachte sie oft darüber nach. Es war nicht selbstverständlich, dass ihr Vater diesen friedfertigen Text des Hl. Franziskus gewählt hatte. Er hätte auch etwas suchen können, das den Feinden des Glaubens den Zorn Gottes entgegensetzt. In den Versammlungen hatten manche dafür plädiert.

»Denn wer sich hingibt, der empfängt;

wer sich selbst vergisst, der findet;

wer verzeiht, dem wird verziehen;

und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.«

Sie blieb nach ihrem Gebet noch eine Weile stehen, leerte ihren Kopf ganz, saugte die Stille ein und blickte in den Spiegel. Sie sah eine dreiundzwanzigjährige Frau, die man mit ihrem kurzen Haar für einen Burschen hätte halten können. Knochiger, schlaksiger Körperbau, spitze Gesichtszüge. Ihre vollen Lippen bildeten den einzigen Gegensatz. Bei oberflächlicher Betrachtung eine junge, selbstbewusste Frau. Aber da war das Blinzeln ihrer dunklen Augen. Es waren unruhige Augen, wie sie bei Menschen vorkommen, deren Vertrauen verletzt ist. Schon hinter der nächsten Ecke konnte ein Spitzel im Gewand eines wohlmeinenden Nachbarn auftauchen, oder einfach nur eine nicht näher bekannte Person, die der Partei regelmäßig Meldung machte. So war das im Ostblock. So war das in Prag. Die Augen blinzelten, zitterten ein wenig, betrachteten sich im Spiegel.

Katja raufte sich, wie immer ohne einen Kamm zu nutzen, die Haare etwas zurecht und ging. Etwas hastig, aber kontrolliert. Auf der Straße um einen Deut zu nahe an der Hausmauer, auf der Karlsbrücke um einen Deut zu nahe an der Brüstung. Der Preis ihrer Jugend war Unsicherheit.

Wien (Mai 1991)

Ausnahmsweise wollte sich Daniel bereits nach den Spätnachrichten hinlegen, als sein Telefon läutete.

»Sicher mein Minister«, murmelte er zu sich, und behielt recht.

»Wie war ich?«, fragte dieser gleich ganz direkt und ohne Gruß.

»Das hätte auch bis morgen Zeit gehabt, diese Autotelefone sind nicht immer ein Segen«, dachte Daniel. Aber in den Dienstwägen der Minister waren diese 70.000-Schilling-Geräte nun einmal eingebaut. »Irgendwann wird uns der Boulevard dafür die Neidgenossenschaft an den Hals hetzen«, dachte Daniel instinktiv. »Und irgendwann wird ein unvorsichtig über Funk geführtes Gespräch abgehört und uns zum Verhängnis werden.«

Ohne seinen Chef etwas von seinem Groll merken zu lassen, antwortete er rasch: »Die Botschaft ist gut rüber gekommen. Gleich drei Mal: Keine neuen Steuern. Das hat schon fast an George Bush erinnert. Da musst du nur aufpassen, dass es nicht schon wieder unglaubwürdig wird. Und ich bleibe dabei: Es muss uns was anderes für den Begriff Mittelstand einfallen. Deine Formel: Entlastung des Mittelstandes. Wer fühlt sich da schon angesprochen, wer will da schon dabei sein? Das klingt so nach: Hilfe für die Mittelmäßigen.«

»Denk dran: wir leben im Land des Understatements, bei uns hat auch kaum einer den Ehrgeiz, mehr als Durchschnitt zu sein, das passt schon«, replizierte der Minister. Kaum hatte er aufgelegt, läutete das Telefon gleich wieder:

»Wollt ihr wirklich gleich mit dem Wahlkampf beginnen?«, Lena beherrschte den grußlosen Einstieg so wie sein Minister. Wohl eine Taktik, die sich in der Evolution des politischen Geschäfts als Überlebensvorteil herauskristallisiert hatte.

»Wir können doch nicht nur auf Kuschelkurs fahren, das glaubt uns sowieso niemand«, verteidigte sich Daniel vor seiner Kollegin. Lena war die Pressesprecherin des Innenministers, eines der einflussreichsten Männer der gegnerischen Partei in der Koalition.

»Aber wozu reden wir dann, das war doch eine der Abmachungen bei der letzten Klausur: Wahlkampf erst kurz vor der Wahl. Steuerreform ist bis dahin kein Thema.«

»Was sollen wir denn machen, wenn wir ununterbrochen von den Journalisten gelöchert werden. Man kann auf solche Fragen doch nicht einfach schweigen.«

»Man muss nur einfach nicht hingehen, aber wenn der gnädige Herr zu eitel ist, eine Einladung auszuschlagen, dann können wir das wieder ausbaden.«

»Bei dir oder bei mir baden?«, versuchte Daniel einen Schwenk ins Unernste.

»Bei mir, ich hab die schönere Wanne, aber erst, wenn ich nicht mehr sauer bin«, stieg sie darauf ein.

»Dazu hast du jetzt eh ein paar Tage Zeit, ich bin ja ab morgen auf meinem Gesundheitscheck im Spital.«

»Ihr Schwarzen seid so auf Endzeitstimmung, dass du auch noch ein Hypochonder wirst. Komm zu uns, dann geht’s dir gleich besser«, stichelte Lena. Seit er ihr von seinem Vorhaben erzählt hatte, zog sie ihn damit auf, dass man im Spital eher einen Schnupfen bekommt, als dass man ihn dort ausheilt.

»Wusste nicht, dass bei euch auch die Gesundheit kollektiv ist, da überleg ich mir das doch glatt.«

»Mach das. Und Küsschen, muss jetzt noch meinen Chef beruhigen. Hab dich lieb.«

»Ich dich auch.«

Das war Lena. Was war das eigentlich, das mit Lena? Mit der quirligen Aktivistin hatte er anfangs immer Sträuße ausgefochten. Das kam zum einen aus den Umständen. Koalitionsregierung heißt: zwei Feinde unter einem Dach. Vereint, wenn es gegen die Opposition geht. Aber permanente Konflikte im eigenen Haus. Ständiges Vereinbaren von Grenzen und ständiger Versuch, diese Grenzen sanft und unbemerkt zu verschieben. Von beiden Seiten.

Zum anderen Teil, weil sie beide ideologische Kämpfer ihrer Parteien waren, keine Pragmatiker. Die Falken, die zwangsläufig in Konflikt kamen. Nächtelang versuchten sie sinnlos, sich gegenseitig zu überzeugen.

Dann die letzte Klausur im südsteirischen Hotel. Bis zehn Uhr nachts standen die Zeichen auf Bruch der Koalition, dann der Schwenk um Mitternacht. Danach das große Versöhnungstrinken. In der Bar trafen sich alle Regierungsmitglieder mit ihren engsten Mitarbeitern.

Am nächsten Tag war Daniel in Lenas Zimmer aufgewacht. Von ihren Parteien hatte bis dato niemand etwas bemerkt. Das hofften sie zumindest beide.

Tagebucheintragung (Rom 15.3.1989)

Eigentlich sollte ich das nicht aufschreiben. J. hat als Leiter der geheimen Kommission und Chef der Glaubenskongregation ausdrücklich erklärt, dass bewusst auf ein Protokoll der Sitzungen verzichtet werde. Erst am Ende aller Beratungen solle es ein Ergebnisprotokoll geben. In einer einzigen Ausfertigung an den Heiligen Vater. Niemand dürfe mit Nichtangehörigen der Kommission über Inhalte sprechen, ja nicht einmal die Existenz der Kommission erwähnen. Nun – dies ist ja kein Protokoll sondern nur eine Tagebucheintragung und ich spreche auch mit niemandem.

– Ja, ja, deine jesuitische Ausbildung, würde W. zu dieser Ausrede sagen. Ihm verdanke ich meine Teilnahme. Er ist der Experte in Kirchengeschichte. Wie er das zu Stande gebracht hat, dass ich mitkommen darf, ist mir unklar und erhöht meinen Respekt. Ich bin einer der ganz wenigen »kleinen Sekretäre« und einfachen Priester in dieser Kommission. Kein Bischof, kein Prälat, kein Universitätsprofessor wie die anderen.

– Komm mit, ich habe dir einen Platz verschafft, da musst du dabei sein. Wir schreiben Kirchengeschichte, caro padre. Er nennt mich oft so, und ich weiß nicht, ob er mich hänseln will – quasi als Junggemüse – oder ob es der Respekt vor der gemeinsamen Priesterweihe ist, die den weisen Alten mit dem Jungen verbindet.

– Vielleicht ist es eines der wichtigsten Kapitel seit dem letzten Konzil. Das weckte natürlich meine Neugier – und ich wurde nicht enttäuscht.

J. erläuterte die Aufgabenstellung: Der Heilige Stuhl rechnet mit einem raschen Ende des Ostblocks. Wenn es zum Zusammenbruch der Regime kommt – Gott gebe, dass kein Blut vergossen werde, was eigentlich nicht denkbar ist – wird zum ersten Mal bekannt werden, dass in diesen Ländern eine Untergrundkirche existiert. (Bekannt werden ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn in westlichen Medien wurde schon manchmal darüber spekuliert. Aber Rom wird nun Position beziehen müssen.)

Die Schwierigkeit ist eine zweifache:

1. Die Kirche hat in manchen Regionen plötzlich – kirchengeschichtlich einmalig – eine Doppelstruktur. Der Vatikan hat nämlich dort, wo er geheime Strukturen aufbaute, auch die offizielle Kirche ganz normal weitergeführt. Vielfach hat er sich mit den Regimes auf für beide Seiten einigermaßen akzeptable Bischöfe geeinigt.

2. hat die Geheimkirche in der CSSR nach der Niederschlagung des Prager Frühlings über weite Strecken den Kontakt zum Vatikan verloren, und man weiß nicht einmal, mit welcher Zahl von Priestern und Bischöfen man es zu tun hat. Es wird vielfach schwierig werden, festzustellen, wer tatsächlich gültig geweiht worden ist.

Die Kommission hat den Auftrag, möglichst rasch Vorschläge zu erarbeiten, wie der Vatikan mit diesen Problemen umgehen soll. Der Papst wünscht ein einmütiges Ergebnis, wie J. etwas säuerlich betonte. Das spricht für Ws. Einschätzung der Wichtigkeit. Die meisten Konzile haben mit Mehrheiten abgestimmt. Einmütigkeit kennt man nur aus der Urkirche.

Prag (Dezember 1989)

»Wir sind hier zusammengekommen…«

Die Einleitungsworte des päpstlichen Legaten1 ließen Katja aufschrecken. Es waren dieselben Worte, die ihr Vater immer am Beginn der Versammlung verwendet hatte. Aber der Legat sprach sie viel zu laut. Dieser geheime Ort vertrug keine lauten Worte. Auch wenn er nicht mehr geheim zu sein brauchte.

»…um einmal noch an jenem Ort die Messe zu feiern, wo diese Gemeinschaft in der Zeit der Verfolgung zusammengekommen ist. Ab nun werden wir wieder bei Tageslicht Gott loben können. Und wir möchten dabei besonders jener gedenken, die diesen Tag der Gnade nicht mehr miterleben können, ihn aber in besonderer Weise möglich gemacht haben. Deshalb sind unsere Gedanken mit Bischof Janicek, der sich für die Kirche Gottes aufgeopfert hat.«

Der Legat machte nicht viele Worte, sondern fuhr zügig mit der Liturgie voran. Katja konnte kaum ihre Empfindungen sortieren. Noch nie war ihr Vater offiziell als Bischof angesprochen worden. Das hatte man selbst in den versteckten Orten vermieden. Und noch nie hatte man sein Verschwinden als Märtyrerschicksal benannt. Sie konnte kaum den Gebeten folgen und sich im Nachhinein nicht mehr erinnern, welche Lesungen und Evangelientexte bei dieser Messe verwendet worden waren.

Erst als der Legat nach dem Evangelium eine lange Pause einlegte, fand sie zurück in die Zeremonie.

»Ich werde euch heute keine Predigt halten«, begann der römische Gesandte, »denn euer Leben bisher war eine bessere Verkündigung als ich sie in Worte fassen kann. Ihr habt, und viele von euch mit ihrem Blut, die Geschichte des Glaubens weiter geschrieben. Die ganze Weltkirche hat mit euch gelitten und gebetet. Ich kann euch versichern, dass auch der Heilige Vater viele Nächte in der Sorge um die Menschen im Osten durchwacht hat.

Aber heute gilt es die Tränen zu trocknen und dem Herrn zu danken.

Gleichzeitig muss uns bewusst sein, dass unsere Arbeit in dieser Welt nie zu Ende ist. Es warten neue Aufgaben.

Ihr wisst, dass der Sonderweg, den die Kirche mit ausdrücklichem Wissen und Billigung des Heiligen Vaters gewählt hat, auf die Zeit der Verfolgung beschränkt ist.«

Während bis zu diesem Augenblick eine heilige Stille über der Versammlung gelegen war, kam bei genau diesem Satz des Römers spürbar Unruhe in den Sitzreihen auf. Einige begannen sogar zu tuscheln.

»Das braucht euch allerdings nicht zu beunruhigen«, griff der Legat die Stimmung sofort auf. »Der Heilige Vater hat in seiner Weisheit einen Entschluss gefasst: Wie ihr wisst hat Rom aus Tarnungsgründen toleriert, dass entgegen der Tradition und dem herkömmlichen Kirchenrecht, wonach nur unverheiratete Männer geweiht werden können, im Untergrund auch Verheirateten das Weihesakrament gespendet wurde. Diese Priester sind eingeladen, sich der griechisch-unierten Kirche anzuschließen, die in voller Verbindung mit der katholischen Kirche steht, aber als orthodoxe Kirche auch verheiratete Priester hat. Dort können sie in besonderer Weise der Mission des Ostens dienen. Viele sollen direkt in Russland tätig sein und so die Unterdrückung beantworten, die von dort in niederträchtiger Weise ausging. Alle werden inständig erinnert, dass sie mit dem Sonderweg, den sie in der Verfolgung beschritten haben, in der römischen Kirche nicht Verwirrung stiften sondern ihre Gabe Gottes bestmöglich zur Wirkung bringen sollen.«

»Geniert ihr euch jetzt für eure Helden?«, durchfuhr es Katja, die die »nicht-Verwirrung-stiften«-Formel des Legaten als klares Schweigegebot interpretierte. Sie konnte nicht erspüren, wie es den anderen im Raum erging. Und es wurde ihr neuerlich unmöglich, den Ausführungen und dem Fortgang der Liturgie zu folgen. Sie wusste im Nachhinein nicht einmal, ob sie die Kommunion empfangen hatte.

Nach dem Schlusssegen ergriff der älteste der Geheimpriester das Wort: »Wir sind voll des Dankes für unsere Schwestern und Brüder, die uns immer im Gebet verbunden waren. Und dem Heiligen Vater, der zwar fern in Rom war, aber dessen Existenz allein uns Hoffnung gab. Wir haben der Kirche die Treue geschworen, und wir werden sie halten.« Er war – sichtlich geblendet vom römischen Würdenträger – besonders unterwürfig. Und doch war immer noch Unruhe im Raum – Katja vermutete, dass nicht alle ihre Heimat verlassen wollten, um ihr Priesteramt weiter ausüben zu können.

»Und was wird aus mir?«, fragte Katja plötzlich laut.

»Es wird uns eine Ehre sein, für die Tochter eines Märtyrers zu sorgen«, erwiderte der Legat.

»Das meine ich nicht, ich meine wo darf ich dem Herren dienen?«

»Wo immer Sie möchten!«

»Ich darf mein Priesteramt hier ausüben?«

Der Blick des Legaten verfinsterte sich: »Ich weiß nicht wovon Sie sprechen?«

»Alle hier wissen, wovon ich spreche!«

»Sie wissen, dass einer Frau nicht die Priesterweihe gespendet werden kann:«

»Ich habe da etwas anderes erlebt.«

»Liebe Frau Janicek«, der Legat hielt kurz inne und war sichtlich bemüht jede Form der Eskalation zu vermeiden, »wir wollen die Feier hier nicht damit belasten. Ich bitte Sie im Sinne der Treue, die Sie dem Papst geschworen haben,…«

»Ich habe sie meinem Bischof geschworen…«

»Die sie Ihrem Bischof geschworen haben und den ich nun vertrete, zu bekennen, dass Frauen keine Priester sein können.«

»Indem Sie mich an meinen Treuschwur erinnern, erkennen Sie aber meine Weihe an, denn es war der Treueschwur im Rahmen der Priesterweihe«, sagte sie und verließ wortlos den Raum.

1 Gesandter des Papstes mit bestimmten Vollmachten

Wien (Mai 1991)

Den Anruf um 7 Uhr 30 des folgenden Tages hatte Daniel schon erwartet. Wenn der Chef zu Hause im Burgenland übernachtete, holte ihn zu dieser Zeit immer schon der Chauffeur ab. Und wenn der Minister zu munter war, um noch ein wenig zu schlafen, griff er zum Autotelefon.

»Die Kronenzeitung hat’s noch groß gebracht«, berichtete Daniel und bekam wie immer kein Lob dafür, dass er schon um diese Zeit der Trafik einen Besuch abgestattet und sämtliche wichtigen Zeitungen gekauft hatte. Wohlgemerkt um das eigene Geld. Als Spesen konnte er sie schwer geltend machen, nachdem alle Titel morgens auf Kosten der Steuerzahler fein säuberlich im Büro auflagen. Der Rechnungshof würde die doppelte Bezahlung geißeln.

»Mit Bild?«

»O du eitler Tropf«, dachte Daniel. »Nein, so spät ändern sie in der laufenden Produktion nur das Nötigste, da hättest du ordentlich was anstellen müssen, damit sie sich um 11 Uhr nachts noch die Mühe machen, ein Bild hineinzubringen.«

»Sehen wir uns bei der Stabsbesprechung?«

»Leider nein, ich hab dir doch schon letzte Woche angekündigt, dass ich ein paar Tage ausfalle, ich mach einen Gesundheitscheck.«

»Die jungen Leute heutzutage, das kannst du doch mit 40 immer noch machen.«

»Sind ja nur drei Tage.«

»Drei Tage nicht am Drücker und man kann eine Wahl verlieren. Einmal ist so was OK, aber öfter kann ich solche Späße nicht brauchen.«

»Du hättest auch fragen können, wie es mir geht«, dachte Daniel. Aber eigentlich war es ihm lieber, dass er diese Frage nicht beantworten musste.

Tagebucheintragung (Rom 16.3.1989)

Warum habe ich gestern mit dieser Eintragung begonnen. Es war weder die Ehre dabei sein zu dürfen noch das delikate Thema. Ich glaube, es war der sehr rasche Dissens, der auftrat und den ich noch nachtragen muss. Mir ist unklar, wie das weitergehen soll. Am meisten bewegt mich eine Enttäuschung. Es gibt hier nicht die Stimmung der Einmütigkeit, sondern das Gefühl von festgefahrenen Fronten, die – so fühlt es sich an – von vornherein feststanden. Gerade hier in Rom, habe ich als Neuling naiv gedacht, wird es nicht so sein…

Die Diskussion wurde jedenfalls rasch sehr emotional.

– Einige Vertreter meinten: Man muss zweifelsfrei der verfolgten Kirche den Vorrang einräumen. Die offizielle Kirchen-Führung dieser Länder ist vielfach kompromittiert, ja oft besteht der Verdacht, dass sie mit Geheimdiensten zusammen gearbeitet haben.

– Ein Mitglied der Bischofskongregation, die für die Bestellungen der offiziellen Bischöfe verantwortlich zeichnete, hält sofort dagegen: Viele der vom Regime geduldeten Bischöfe haben heroischen Widerstand geleistet. Umgekehrt weiß man, dass die Geheimdienste versucht haben, Mitglieder in die Untergrundkirche einzuschleusen.

J. ließ nach meinem Gefühl viel zu lang jedes Kommissionsmitglied seine Einschätzungen vortragen. Er weiß aber wohl aus Erfahrung, dass bei solchen Sitzungen viele Teilnehmer zunächst ihre Eitelkeiten befriedigen möchten. J. scheint mir ein ziemlicher Fuchs zu sein.

Zum Abschluss plädierte er dafür, zunächst die Themen abzugrenzen und teilweise nach dem Ausschlussprinzip vorzugehen. Zum Beispiel: Ist sichergestellt, dass die apostolische Sukzession2 gewahrt wurde – oder ist sie an einem bestimmten Punkt unterbrochen worden? Dann würde sich das Thema von selbst erledigen. Auch sei zu prüfen, ob andere Gründe vorlägen, wonach hier nicht alle Merkmale einer Kirche im vollen Sinn gegeben seien.

(– Diese Strategie kennen wir bei der Abgrenzung zu den Protestanten, flüsterte mir da W. zu. Über die sagt man einfach, sie sind keine Kirche im vollen Sinn und schon ist die ökumenische Diskussion erledigt.)

Allerdings stellte J. klar: Wenn alle Merkmale der Gültigkeit gegeben sind, könne man nicht darüber diskutieren, welchem Kirchenzweig ein Vorzug zuzusprechen sei. Denn es handle sich immer nur um ein und dieselbe Kirche, dann müssten andere Lösungen gefunden werden, die Doppelstruktur aufzulösen.

– Oder wir machen Prag zu einem zweiten Rom, da gibt es ja auch zu viele Bischöfe, meinte J. und ich sah bei ihm zum ersten Mal die Andeutung eines schelmischen Gesichtsausdruckes. Damit hatte er die Lacher auf seiner Seite. Er verteilte ein paar inhaltliche Aufgaben und schloss die Sitzung.

2 Lehre von der Nachfolge. Die Römisch Katholische Kirche geht davon aus, dass – beginnend mit den Aposteln – das Bischofsamt durch Handauflegung in einer ununterbrochenen Kette bis auf den heutigen Tag weitergegeben wurde.

Prag (Jänner 1990)

Katja besuchte Petr. Er war der engste Mitarbeiter ihres Vaters gewesen. Sie erhoffte sich nichts von dem Besuch. Sie verkraftete schlicht das Alleinsein nicht. Die Messe mit dem Legaten hatte sie aus der Bahn geworfen. »Ich weiß wie du dich fühlst. Mir geht es genauso. Ich fühle mich von Rom gedemütigt«, meinte Petr, »von mir erwarten sie jetzt, dass ich mich bedingungsweise neu weihen lasse.«

»Was soll das denn sein?«

»Für den Fall, dass meine damalige Weihe, aus welchen Gründen auch immer, nicht gültig zustande gekommen ist, wollen sie das sozusagen auffrischen. Sub conditione nennen sie das. Unter der Bedingung, dass die erste Weihe nicht gültig war, gilt die zweite. War die erste ohnehin gültig, gilt die zweite nicht. Ist ein bissel kompliziert.«

»Gilt unser Zeugnis nichts?«

»Ganz so drücken sie das nicht aus. Sie meinen, die Weihefolge sei nicht sicher dokumentiert.«

»Ich sag dir was,« meinte Katja, »in meinem Fall würde ich sogar diese Demütigung in Kauf nehmen, wenn sie damit nur meine Weihe anerkennen!«

Petr schmunzelte. »Versteh ich, aber ich habe sie gefragt, was denn mit all meinen priesterlichen Handlungen der Vergangenheit sei, wenn meine Weihe nicht gültig war.«

»Und?«

»Sie meinten, Gott werde wohl das gute Werk vollenden – da hab ich ihnen gesagt: ›Halten wir es in Zukunft auch so‹. Das haben die nicht gleich verstanden, bis ich ihnen erklärte: ›Ich mache in Zukunft alles so wie bisher und Gott vollendet es – so wie bisher, da brauchen wir kein bedingungsweises Drumherum‹.«

»Haben sie’s akzeptiert?«

»Nein, natürlich nicht. Sie sind bis zum Erbrechen höflich geblieben, aber sie haben mir auch klar gemacht: Übernahme in eine offizielle Funktion gibt es nur bei einer bedingungsweisen Weihe. Irgendwie versteh ich sie ja, aber trotzdem komme ich mir besudelt vor.«

Beide rührten kräftig in ihren Kaffeeschalen, sie sogen genussvoll das Aroma des importierten Kaffees ein – wenigstens etwas Feines, das ihnen die römischen Abgesandten mitgebracht hatten – und freuten sich an der vertrauten Zusammenkunft, auch wenn Petr seufzte: »Irgendwie hab ich mir die Freude des Sieges anders vorgestellt.«

»Vielleicht mag der Herr nicht, dass wir in unsympathischen Triumph verfallen«, meinte Katja.

»Unsere Mission ist eben erfüllt. Und Rom war auch nicht über all unsere Pläne informiert…«

»Kann nicht auch der Heilige Geist in diesen Bischöfen hier gewirkt haben? Neues kommt doch von Gott, nicht von Rom!«

»Hadere nicht mit dem Schicksal. Danke Gott, dass du nicht den Weg des Martyriums gehen musstest. Denk doch: Du kannst heiraten, du kannst Kinder haben, du lebst in Freiheit! Du kannst ein schönes Leben haben. Was willst du mehr?«

Wien (Mai 1991)

Auf die Wartezeiten im Spital hatte sich Daniel gut vorbereitet: Alle Tageszeitungen und ein gutes Buch sollten für einige Zeit reichen. Trotzdem nervte der langsame Aufnahmezirkus. Es dauerte gut eine Stunde, bis er endlich auf sein Zimmer gebracht wurde. Unerfreulicherweise war zu dem Zeitpunkt der Zeitungsstapel schon um ein Drittel geschrumpft. Für manche Blätter konnte man beim besten Willen nicht mehr als eine viertel Stunde aufwenden.

Der Weg durch die Korridore eines Spitals weckte bei ihm immer ambivalente Gefühle. Die Raumluft roch nach Tod und nach Rettung gleichzeitig. Wenn die Nase Desinfektionsmittel wahrnahm, löste dies reflexartig den Angstschweiß aus, der ihm bei jeder Injektion oder Blutabnahme kam. Dazwischen stimulierte der Speisegeruch seine Magennerven, obwohl kaum Leckeres zu erwarten war. Das Neonlicht vermittelte Kälte, das emsige Treiben der Schwestern Geborgenheit.

Dass er im Zimmer innerhalb kurzer Zeit von zwei jungen Spitalsmitarbeitern – was waren sie eigentlich? Schwestern, Famulanten, Turnusärzte? – abgehorcht und nach den Beschwerden und bisherigen Diagnosen befragt wurde, erzeugte allerdings Misstrauen und verunmöglichte seinen Vorsatz, ein Vormittagsschläfchen einzulegen. War das Desorganisation? Und wozu könnte diese führen? Es soll schon mehrmals vorgekommen sein, dass man dem falschen Patienten ein Bein amputiert hatte. Daniel seufzte laut. Und erschrak auch darüber.

Es überraschte ihn, wie schnell sich das erste schlechte Gewissen einstellte, nicht im Büro zu sein – nichts erledigen zu können. Warum gab es eigentlich diese Autotelefone nicht im Taschenformat, sodass man überall sein Büro aufschlagen konnte? Bei Raumschiff Enterprise verwendete man doch auch so smarte Sprechgeräte, aber das war wohl Science Fiction.

Anstelle eines vernünftigen Mittagessens brachte man eine ziemliche Flüssigkeitsmenge an Abführmittel. Alle viertel Stunden einen viertel Liter – zwei Stunden lang. Das Volumen hätte ihn noch nicht irritiert. Beim Geruch fingen die Unannehmlichkeiten schon an. Und der Nachgeschmack war ziemlich schauerlich.

Luft anhalten und hinunter damit, das war die Taktik. Die allerdings von Viertelstunde zu Viertelstunde mehr an Überwindung kostete. Er überlegte, ob es ein eigenes Geschäftsfeld sein könnte, sich nur damit zu beschäftigen, Arzneien auch schmackhaft zu machen. Oder bestand ein Teil der Wirkung in ihrer Grässlichkeit? Vielleicht war es schlicht die sadistische Veranlagung einiger Giftmischer in den pharmazeutischen Konzernen.

Als das Zeug im Magen gelandet war, hatte er endlich wieder Muße zum Lesen. Die Wirkung sollte erst in ein paar Stunden einsetzen.