Gefühle kommen ohne Voranmeldung - Nadine C. Felix - ebook

Gefühle kommen ohne Voranmeldung ebook

Nadine C. Felix

0,0

Opis

Nach Jahren treffen sie sich wieder: Mona und Lisa kommen sich dabei näher, als ihnen beiden lieb ist. Lisa scheint nur an Sex interessiert, während bei Mona tiefere Gefühle im Spiel sind. Kaum, dass Lisa merkt, dass sie ein Paar sind, ist sie auch schon weg. Aber Mona gibt nicht auf, um Lisa zu zu kämpfen, doch Lisa plagen bald auch noch ganz andere Sorgen - und es scheint, als gäbe es keine gemeinsame Zukunft für sie ...

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Nadine C. Felix

GEFÜHLE KOMMEN OHNE VORANMELDUNG

Roman

© 2013édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-082-0

Coverillustration: © Fons Laure – Fotolia.com

1

Lisa ließ gutgelaunt ihren Blick durch die große Fabrikhalle des Jenseits und über die Frauen gleiten. Sie freute sich auf die Frauendisco und auf das Wochenende mit ihren Freundinnen. Während sie in die Tiefen des Saales vordrang, lächelte sie und flirtete mit einer ihr vertrauten Frau. Sah einer anderen frech hinterher, als diese an ihr vorbeikokettierte.

Als sie ihre Augen von dem dahinschwindenden Po abwandte und hochschaute, erstarrte sie. Ihr Herz klopfte wild, sie spürte es bis an ihren Hals. Schnell ging sie hinter einem der Barpfosten in Deckung.

Sie hatte Mona entdeckt.

Was macht sie hier? Lisa linste um die Säule herum. Mona stand bei Lisas Freundinnen, als sei es das Normalste der Welt, sich mit ihnen zu unterhalten. Sie hat sich in all den Jahren fast gar nicht verändert. Sie ist sogar noch schöner geworden. Lisas Herz schlug schneller als der Takt, den die Musik durch die Boxen vorgab. Sollte sie hinübergehen und Mona begrüßen? Wusste Mona, dass Lisa hier war? Wäre sie überrascht? Wie würde sie reagieren?

Doch Lisa beschloss, keine alten Wunden aufzureißen, schüttelte Monas Bild aus ihrem Kopf, straffte ihre Schultern und trat ihre obligatorische Runde durch das Jenseits an.

Etwas schneller als beabsichtigt kehrte sie zu ihren Freundinnen Jule und Birte zurück. Die Tatsache, dass Mona nicht mehr bei ihnen stand, hatte natürlich nichts mit ihrer Entscheidung zu tun, ihren Freundinnen jetzt Hallo zu sagen.

»Na ihr zwei, alles klar?«

»Na, du lässt dich ja spät blicken. Bist wohl unterwegs aufgehalten worden?« Jule sah sie neckisch an.

Lisa lachte. »Das würdest du wohl zu gern wissen, was?« Sie nahm Jules Glas von der Bar, trank und stellte es leer zurück. »Wo ist denn Mona?«, fragte sie so unschuldig wie möglich. Dabei strich sie sich mit den Fingern über die Lippen und schaute gespielt interessiert einer Frau nach.

Jule und Birte sahen erst sich, dann Lisa verwundert an. »Du kennst Mona?«, kam es von beiden gleichzeitig.

»Flüchtig.« Lisa bemühte sich, so uninteressiert wie möglich zu wirken. Sie hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. Ihre Freundinnen sollten nicht denken, dass sie an Mona interessiert war. Und sie wollte sich nicht eingestehen, dass sie vor Neugierde starb, weil sie wissen wollte, was Mona hier machte. »Worüber habt ihr euch denn so unterhalten?«

»Och, über dies und das.« Birte schien arglos. »Flüchtig also. Wie flüchtig denn genau?«

Ahnte sie etwas? Lisa zuckte nur die Schultern. »Flüchtig, wie Gas halt.« Sie konnte nur hoffen, dass ihre Freundinnen nicht bemerkten, dass sie flunkerte. »Woher kennt ihr sie?«, fragte sie deshalb in harmlosem Ton.

»Aus dem Café. Wir sind ins Gespräch gekommen.« Jule wollte einen Schluck aus ihrem Glas nehmen und rollte die Augen, als sie feststellte, dass es leer war. »Vielleicht ist sie auf der Suche nach einer Frau?« Sie blickte wieder zu Lisa.

Na wunderbar, dachte Lisa. Mona ist auf ein Abenteuer aus, und die beiden hier meinen, ich müsste mich jetzt sofort auf sie stürzen. Sie tat so, als hätte sie die Anspielung nicht bemerkt, und sah sich unauffällig nach Mona um.

»Mona sieht verdammt klasse aus. Ich glaube nicht, dass sie Schwierigkeiten haben wird, eine Frau kennenzulernen«, sagte Birte.

Lisa richtete ihren Blick etwas zu schnell auf Birte. Nein, natürlich nicht. Mona wird mit Sicherheit keine Schwierigkeiten haben. So heiß, wie sie aussieht. Sie ging auf diese Bemerkung nicht ein. »Wo ist sie eigentlich?« Sie schob sich eine Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war, hinters Ohr.

»Tja, vielleicht hat sie ja gerade eine Frau gefunden.« Birte grinste. »Soll hier schnell gehen, habe ich mir sagen lassen.«

Lisa gewann ihre gewohnte Coolness zurück. »Vielleicht hat sie mich hier stehen sehen und fühlt sich von mir eingeschüchtert?«

»Ja, so wird’s wohl sein.« Jule nickte und verdrehte verspielt die Augen.

»Nein, im Ernst, ich habe davon schon mal gehört. Das hat chemische Ursachen. Ist nicht leicht zu erklären.« Lisa verzog einen Mundwinkel.

»Ich hoffe, du kannst es mir erklären?« Monas Stimme erklang wie aus heiterem Himmel hinter Lisas Rücken. Sie hatte sich unbemerkt von hinten genähert.

Lisa durchfuhr ein Blitz, der all ihre Glieder für einen Augenblick lähmte. Sie drehte langsam den Kopf und schaute in unglaubliche, verschiedenfarbige Augen. Noch nie hatte sie Monas Augen nur eine Farbe zuweisen können.

Die Zeit schien stillzustehen. Die Geräusche der Umgebung und die Musik schienen zu verstummen. Sie nahm nur ihren hämmernden Herzschlag wahr. Ihre Knie gaben fast nach. Es fiel ihr schwer zu atmen.

Wie lange war Mona bereits hinter ihr? Und was hatte sie alles von dem gehört, was sie gesagt hatte? Bildete sie sich das nur ein, oder hatte sie in Monas Augen ein Aufblitzen gesehen? Sie versank in Monas Augen, immer tiefer und tiefer. Reiß dich zusammen.

»Ich mag es nicht, wenn man sich so an mich heranschleicht.« Die abweisende und mürrische Antwort kam selbst für Lisa unerwartet. Sie musste einen Schutzschild aufbauen gegen diese Augen, diese Stimme.

Dennoch verzogen sich Monas Lippen zu einem Lächeln. »Entschuldige. Es hat mich überrascht, dich hier zu treffen, und ich wollte nur Hallo sagen.«

Lisa errötete und nagte an ihrer Unterlippe. Von ihrer Leichtigkeit und der Selbstverständlichkeit, mit Frauen umzugehen, die ihr normalerweise eigen war, schien nichts mehr übrig zu sein. Mona setzte sie außer Gefecht, manövrierte sie ins Aus, verdonnerte sie wieder zum unwissenden Schulmädchen.

»Hätte ich gewusst, dass du dich so . . .«, Mona suchte anscheinend nach dem passenden Ausdruck, »entfraut fühlen würdest . . .« Sie schaute etwas hilfesuchend zu Birte.

Die hatte offensichtlich Mühe, ein Lachen zu unterdrücken. »Gute Wortwahl: entfraut.« Belustigt blickte sie zwischen Mona und Lisa hin und her.

Monas Blick glitt von Lisa fort die Treppen hinauf, die auf die Galerie führten, als ob sie nichts an diesem Gespräch interessieren würde. Zwei Frauen, Arm in Arm, gingen küssend nach oben.

»Es braucht schon ein bisschen mehr, mich zu entfrauen«, sagte Lisa. »So einfach ist das nicht.«

Birte und Jule lachten. »Entmannt, entfraut – klasse Idee.«

»Ich musste auch lange darüber nachdenken.« Monas Blick kehrte von den beiden Frauen, die mittlerweile im Dunkel der Galerie verschwunden waren, zu Lisa zurück, streifte sie, wanderte dann schnell zu Birte.

Lisa beobachtete Mona von der Seite. Monas Gesicht zog sie in seinen Bann. Ihre Lippen luden zum Küssen ein . . . Lisa dachte zurück an die heikle Situation, in die sie Mona vor langer Zeit gebracht hatte. Sie musste über ihre eigene Unverschämtheit lächeln. Doch als sie an den Kuss von damals dachte, spürte sie, wie Hitze ihren Körper durchströmte.

Das war jetzt völlig unangebracht. Die Zeiten mit Mona waren vorbei. »Hat dir deine Freundin für heute Ausgang erteilt?«, fragte sie in weit aggressiverem Ton, als sie beabsichtigt hatte.

Monas Augenbrauen zogen sich zusammen. »Du verschwendest noch immer keine Zeit, was?«

»Und du? Verschwindest du immer noch mir nichts dir nichts von der Bildfläche?«

Monas Augen glänzten. Sie warf Lisa einen scharfen Blick zu. »Du weißt, dass das unfair ist. Du hast kein Recht, mir irgendetwas vorzuhalten. Und außerdem brauche ich nicht um Erlaubnis zu fragen, wenn ich ausgehen will. Es geht dich zwar nichts an, aber ich habe mich von meiner Freundin getrennt.«

In Lisas Kopf ratterte es. Sie hatte also eine Freundin, aber jetzt ist sie allein, also ist sie frei, sie ist zu haben, ich brauche nur . . .

Rund um die Bar wurde es plötzlich voll, sodass Lisa näher an Mona herangeschoben wurde. Sie atmete Monas sinnlichen Duft ein. Ein orientalischer Duft wie aus edlen Hölzern und Vanille. Erotik pur. Er ließ ihre Beine schwach werden. Mit einer Hand musste sie sich an der Bar abstützen, mit der anderen berührte sie unverhofft Monas Taille. Sofort spürte sie die Wärme, die von Monas Haut auf ihre überging.

Verlegen zog sie ihre Hand zurück. Gänsehaut überzog ihren Körper. Sie blickte auf Monas Lippen, die gefährlich nahe an den ihren waren. Zu nah, ich bin ihr viel zu nah. Als sie aufsah, trafen sich ihre Blicke.

Ihr wurde so heiß, als würde sie innerlich verbrennen. Hatte sie einen plötzlichen Fieberanfall? Sie würde krank werden, ganz bestimmt. Schnell schaute sie zur Seite. Sie lauschte dem Song, doch dadurch wurde ihr nur noch heißer. Sie musste schnellstens Abstand zwischen sich und Mona schaffen.

Carmen, die Eigentümerin des Jenseits, gesellte sich zu ihnen. »Na, amüsiert ihr euch?«

Lisa trat hastig einen großen Schritt von Mona zurück. Ihr Körper begann sich wieder abzukühlen.

Carmen musterte Mona, schaute ihr tief in die Augen. »Oh mein Gott«, entfuhr es ihr schließlich laut. »Sieh einer an, Zweiauge! Du bist das also.«

Birte und Jule sahen erst sich, dann Carmen und dann Lisa fragend an. Ihre Gesichter baten um Aufklärung.

Carmens Augen schlossen sich zu schmalen Schlitzen. »Du hast damals der Kleinen ganz schön zugesetzt. Ich habe sie total verheult vor dem Café gefunden.«

Mona warf einen Blick auf Lisa.

»Carmen, lass gut sein«, sagte Lisa schnell. »Das ist so lange her, dass es schon fast nicht mehr wahr ist.« Sie schob Carmen hinter die Bar und ließ die anderen verwirrt zurück.

Carmens Stimmung hatte sich schlagartig gewandelt. Giftige Pfeile schossen aus ihren Augen, als sie Lisa anfuhr: »Sag mal, was läuft hier eigentlich?«

»Nichts, was soll denn laufen?« Lisa blinzelte verwirrt. So kannte sie Carmen gar nicht.

»Warum nimmst du sie in Schutz?«

»Das tue ich nicht. Was ist auf einmal mit dir los?«

Carmen musterte sie eindringlich. »Du willst sie. Du willst sie immer noch. Hast du denn nichts aus damals gelernt? Du warst völlig fertig.«

Lisa seufzte und verschränkte die Arme. »Ich war sechzehn. Zeig mir eine, die nicht fertig ist, wenn sie abgewiesen wird in dem Alter. Und wie du siehst, geht es mir bestens. Die Zeit heilt alle Wunden. Damals dachte ich, ich würde Mona lieben.« Sie zuckte die Schultern. »Doch es waren nur Hormone, die ich mit Gefühlen verwechselt habe.«

»Und jetzt? Was ist es jetzt? Immer noch Hormone?«, fragte Carmen.

Lisa wusste, dass Carmen sehr temperamentvoll sein konnte. Manchmal geriet sie richtig in Rage, aber normalerweise bezog sich das nicht auf Lisa. »Ach Carmen, ich bin für die Liebe nicht gemacht, das weißt du doch.« Sie lachte leicht. »Ob Mona oder eine andere, das ist völlig egal.«

»Keine andere hat dich je so fertig gemacht«, erwiderte Carmen. »Oder willst du das bestreiten?«

»Ich bestreite gar nichts.« Lisa hob die Augenbrauen. »Lass uns einfach nicht mehr darüber reden, okay?«

Carmen betrachtete sie eine Weile zweifelnd, dann drehte sie sich um und widmete sich wieder ihrer Kundschaft. Aber trotzdem schweifte ihr Blick noch einmal mit einem tadelnden Ausdruck zu Lisa zurück. »Du lernst es nie«, murmelte sie.

Lisa warf ihr einen Luftkuss zu, und Carmen wandte sich kopfschüttelnd endgültig ab.

Lisa lächelte und lehnte sich gegen das Spülbecken. Sie bewunderte Carmen, die immer nur arbeitete, tagsüber im Café, an den Wochenenden im Jenseits. Manchmal fragte Lisa sich, warum sie das tat. Unter anderen Umständen hätte sie vielleicht vermutet, dass es Carmen darum ging, jemanden kennenzulernen. Aber das war es nicht. Zwar machten sich immer wieder Frauen an Carmen heran, aber nie hatte Lisa sie länger als ein paar Wochen mit ein und derselben Frau gesehen, und selbst das war schon verdammt lange her.

Sie atmete tief ein und stieß sich vom Becken ab. Langsam zog sie der Rhythmus der Musik in seinen Bann. In kleinen Tanzschritten dem Rhythmus folgend schlenderte sie hinter der Theke hervor und gab sich ganz dem Tanz hin.

Eine Frau näherte sich ihr, legte ihre Hände um Lisas Taille und zog sie zu sich heran. Lisa sah der Fremden tief in die Augen, tanzte eine Weile mit ihr, bis sie sich mit lasziven Bewegungen im Takt der Musik hinter die Fremde begab. Sinnlich langsam glitten ihre Hände über den fremden Körper, sie küsste die Frau auf den Nacken, zeigte der dunklen Schönheit, was sie von ihr wollte, nahm ihre Hand und verließ mit ihr die Tanzfläche, um gemeinsam die Metalltreppe emporzusteigen.

Oben auf der Brüstung zückte Lisa eine Schlüsselkarte und zog sie an der Tür mit der Aufschrift Büro durch den Kartenleser. Sie benutzte Carmens Büro immer, wenn sie mit einer Frau ungestört sein wollte.

Nachdem sie die Tür geöffnet hatte, ließ sie ihrer Gespielin den Vortritt. Sie drehte sich, um die Tür zu schließen, da fing sie Monas Blick ein. Auf einmal stand sie da wie zur Salzsäule erstarrt.

Sie spürte, wie die Fremde in ihrem Rücken sie sanft auf den Nacken küsste. »Komm, lass mich nicht länger warten«, hauchte sie an Lisas Ohr.

Langsam, fast widerstrebend begann Lisa die Tür zu schließen, ihr Blick war nach wie vor auf Mona gerichtet. Ihrer beider Augen fixierten sich, bis die geschlossene Tür die Verbindung zwischen ihnen trennte.

2

Mona stand auf der Galerie und beobachtete Lisa, die ihren Körper elfengleich bewegte. Es schien, als würde sie mit der Musik verschmelzen. Der Nebel, der in regelmäßigen Abständen auf die Tanzfläche waberte, umhüllte Lisa wie eine nackte Geliebte. Dann sah Mona, wie eine Frau sich Lisa näherte und sie eng an sich zog. Beide ließen ihre Hüften zur Musik kreisen.

Wie lange sie so stand und Lisa beobachtete, wusste Mona nicht. Die Atmosphäre, die im Jenseits herrschte, war berauschend und zog sie in ihren Bann. Je länger sie Lisa beobachtete, desto mehr wünschte sie sich in ihre Arme. Das überraschende Wiedersehen hatte längst verloschen geglaubte Gefühle wiedererweckt. Die Sehnsucht nach Lisas Zärtlichkeiten erfasste sie erneut. Unangenehme Erinnerungen an das, was sie hatte Lisa antun müssen, breiteten sich in ihr aus. Sie wollte es wiedergutmachen, sie wollte . . .

Ein Luftzug streifte ihren Hals, ließ sie erschauern. Dann ein zweiter, ein dritter. Jemand hauchte warme Atemluft über ihren Nacken. Bevor sie sich jedoch nach der Frau in ihrem Rücken umdrehen konnte, spürte sie die Weichheit des fremden Körpers, der sich eng an sie drückte. Es fühlte sich unglaublich aufregend an.

»Hab keine Angst. Ich werde dir nichts tun. Jedenfalls werde ich nichts tun, was du nicht möchtest«, hauchte eine sinnliche Stimme über Monas Schulter. »Ich finde dich absolut umwerfend. Schon als ich dich das erste Mal gesehen habe, hast du mir gefallen.«

Mona fühlte, wie fremde Hände ihre Taille streichelten, sich dann weiter nach vorn zu ihrem Bauch bewegten.

»Als ich dich heute hier sah, konnte ich mein Glück kaum fassen.« Es folgte ein Kuss auf Monas Hals. »Ich bin dir nach oben gefolgt. Ich hoffe, du hast nichts dagegen?« Ein erneuter Kuss streifte Mona.

Mona schloss kurz die Augen. Verdunkelte somit die Darbietung, die sie die ganze Zeit beobachtet hatte und in der Lisa die Hauptrolle spielte. Jetzt kam ein neuer Akt hinzu. Einer, in dem sie die Hauptdarstellerin war. Sie genoss den Schauer, der ihr über den Rücken lief. Sie hatte keine Angst vor dieser dunklen, vertrauenerweckenden Stimme. Diese Stimme vermittelte ihr das Gefühl, sexy zu sein. Das Ambiente und ihre körperliche Stimulation taten ein Übriges.

»Sag mir, wenn du es nicht möchtest, dann höre ich sofort auf.« Die Stimme klang nun sehr verführerisch, sie umgarnte Mona förmlich.

Fremde Hände zupften an Monas Bluse, bis sie nicht mehr von der Hose gefangengehalten wurde. Fremde Fingerspitzen schlichen sich unter den Stoff und streichelten zärtlich über ihren nackten Bauch. Mona versuchte ihre immer schneller werdende Atmung unter Kontrolle zu bringen, während kühle, samtene Finger ihre weichen Rundungen nachzeichneten und das Feuer, das schon die ganze Zeit in ihr loderte, noch weiter anfachten.

Als die fremden Finger sich langsam Monas Brustwarzen näherten, die bereits Wirkung auf die zarten Berührungen zeigten, sog Mona tief die Luft ein. Sie lehnte sich an den fremden Körper in ihrem Rücken und verstand sich selbst nicht mehr. Wie konnte sie nur zulassen, was da gerade mit ihr geschah? Ein Stöhnen entwich ihr. Ihre Brustwarzen standen bereits hart himmelwärts, als die Fremde ihre Brüste in die Hände nahm und sie sanft massierte. Monas Augen hielten Lisa gefangen, ihre Hände das Geländer der Brüstung.

»Lisa macht dich an, nicht wahr?«, flüsterte die aufreizende Stimme.

»Ja«, hauchte Mona in die Luft. Sie beobachtete, wie Lisa sich hinter die Frau begab und sie ebenfalls auf den Nacken küsste. Daraufhin presste Mona sich noch enger an die Fremde.

»Ja, das gefällt dir!«, flüsterte die Fremde in ihr Ohr.

Mona sah, wie Lisas Partnerin ihre Hände auf Lisas Po legte. Mona ließ die Brüstung los und legte ihre Hände auf den Po der Fremden hinter sich. In stillem Einverständnis stellten sie das Paar dar, das sie beobachteten.

In Monas Gedanken war es Lisa, die hinter ihr stand und sie liebkoste.

Die feuchten Lippen, die sich ihren Hals entlangküssten und sanfte Luft darüberbliesen, machten sie langsam verrückt.

Mona sah, wie Lisa ihr Liebesspiel einstellte und etwas zu ihrer Gespielin sagte. Dann stiegen sie die Treppe hinauf.

Lisa blieb mit ihrer Geliebten in einigen Metern Entfernung stehen.

Mona beobachtete, wie Lisa ihre Gespielin liebkoste. Dann trafen sich ihre Blicke. Lisa lächelte sie überlegen an.

Es war, als sehe Mona in den Spiegel. Nicht die Unbekannte liebte sie, sondern Lisa tat es. Lisa führte all die herrlichen Berührungen aus, die ihr ein solches Hochgefühl bereiteten. Lisa war es, die ihre Hände unter ihre Bluse gleiten ließ. Lisas Hände waren es, die ihr über den Bauch strichen, ihre Brüste umschlossen und anfingen, sie zu massieren. Und es war Lisa, die sie dabei auf den Hals küsste.

Schweißperlen benetzten Monas Haut. Sie konnte ihre Lust kaum noch bremsen. Für einen Moment überlegte sie, dem ein Ende zu setzen. Ihre Augen schlossen sich. Es ist nicht richtig . . . aber unglaublich schön. Es war überhaupt nicht ihre Art. Noch nie hatte sie so etwas getan, geschweige denn daran gedacht, es auf solche Art und Weise zu tun.

Die Fremde öffnete Monas Hose. Flinke und geübte Finger glitten unter ihren Slip. Mona sog scharf die Luft ein. Der Gedanke, dass es Lisas Finger sein könnten, die in ihre Nässe eintauchten, ließ sie aufstöhnen. Sie öffnete die Augen, und ihr verschleierter Blick fing erneut Lisa Blick ein. Sie sah in Lisas Augen, wie erregt sie war. Gleichzeitig hörte sie an ihrem Ohr das Stöhnen ihrer fremden Geliebten. Nach der langen Zeit der Enthaltsamkeit traf sie das Verlangen nach Sex, das sie selten so intensiv empfand wie jetzt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel und löste damit ein immenses Ziehen in ihrer Mitte aus.

»Das macht dich verrückt, nicht wahr?«, flüsterte die Fremde Mona zu.

»Ja . . . sehr.« Monas Stimme vibrierte. Während unbekannte Finger sich geschickt in ihr und auf ihr bewegten, kam sie. Die Dunkelheit erhellte sich für einen Moment, Blitze und Farben nebelten durch die Luft. Erschöpft sackte sie etwas in sich zusammen.

»Das war wunderbar«, flüsterte die fremde Stimme, »auch wenn ich weiß, dass du in Gedanken bei ihr warst. Ich werde mich jetzt zurückziehen . . . und wer weiß, vielleicht haben wir irgendwann noch einmal das Vergnügen.«

Mona fühlte eine sanfte Berührung in ihrem Nacken, dann war die Fremde genauso unauffällig verschwunden, wie sie zuvor aufgetaucht war.

Sie wollte sich nicht umdrehen, wollte nicht wissen, wer die Frau gewesen war. Sie ordnete ihre Kleidung, fühlte sich aufgeheizt von dem gerade Erlebten. Einen Moment zögerte sie, bevor sie in Lisas Richtung schaute, doch Lisa war nicht mehr da. Mona blickte sich um, aber sie konnte sie nirgends entdecken.

Sie schloss seufzend die Augen. Sie brauchte einen Moment, um wieder klar denken zu können. Lisa kann tun und lassen, was sie will. Außerdem wollte sie sich auf kein Abenteuer einlassen, noch nicht. Ihr Leben war noch eine einzige Unordnung. Ihre Trennung von Barbara, der Umzug hierher, die neue Arbeitsstelle. Und Lisa? Lisa schien kein Kind von Traurigkeit zu sein. Alle Frauen hier, das konnte Mona sehen, schmachteten Lisa an. Jede wäre bereit gewesen, sich Lisa hinzugeben, ohne Wenn und Aber. Lisa war eine Frau, die jede in ihren Bann zog. Doch Mona wollte sich da nicht einreihen. Sie beschloss, dass sie zu Hause und allein besser aufgehoben war.

»Ein Wasser, bitte.« Mona hoffte, dass Carmen ihr nicht ansah, warum sie so dringend nach dem kühlen Nass lechzte. Sie fühlte sich wie ein Teenager, der etwas Verbotenes getan hat.

Nach einer Weile gesellte sich Lisa zu Mona und rief über die Bar: »Carmen, würdest du mir bitte ein Wasser und ein Bier bringen?« Sie neigte sich zu Mona. »Das . . . Du hast mich ganz schön angemacht. Du bist unglaublich sexy, weißt du das? Allerdings war ich bislang der Meinung, dass du die Finger von Schülerinnen lässt.«

Monas Kopf schnellte herum. Sie blickte Lisa verwirrt und mit weit aufgerissenen Augen an. »Was? Was erzählst du da? Was meinst du?« Panik macht sich in Mona breit. Sie sah sich schon in Handschellen, von einer grimmig dreinschauenden Polizeibeamtin in den Streifenwagen geschubst.

Lisa zuckte die Schultern. »Na ja, sie ist eine deiner Schülerinnen. Ich weiß es, ich kenne sie. Sie erzählte mir, dass du ihre Lehrerin bist, dass sie dich ziemlich heiß findet und gern mal . . . wenn sie könnte . . . na, das weißt du ja jetzt.« Lisa grinste breit. »Auf jeden Fall hat die Kleine Geschmack, das muss ich ihr lassen.« Sie nahm die Getränke von Carmen entgegen und sprach mit einem Schmunzeln auf den Lippen weiter. »Sie hat dich erkannt. Im ersten Moment konnte sie es kaum glauben, dass du hier bist. Man konnte fast ihre Augäpfel aus den Augenhöhlen fallen sehen. Ich sah, wie sie sah, dass du die Treppe nach oben gegangen bist. Dann sah ich wieder, wie sie dir gefolgt ist. Tja, und was dann kam, wissen wir ja beide.« Lisa nahm grinsend einen Schluck aus dem Wasserglas.

Mona blickte sie weiter ungläubig an. Sie spürte förmlich, wie sie blass um die Nase wurde. »Das hast du dir jetzt nur ausgedacht! Sie ist nicht . . . Ich wusste nicht . . .« Oh Gott! Was habe ich getan?

Lisa feixte. »Keine Angst, beruhige dich. Sie ist volljährig. Du hast also keine Unzucht betrieben.« Sie blickte Mona tief in die Augen. »Sie aber wohl mit dir.« Lachend warf sie ihren Kopf zurück.

»Das ist nicht witzig, Lisa«, sagte Mona eisig und warf Lisa einen finsteren Blick zu.

»Aber es hat dir gefallen. Das kannst du nicht bestreiten. Und du brauchst dir keine Gedanken zu machen, ich kenne die Kleine. Da kommt nichts nach.«

»Na hoffentlich.« Mona nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas.

»Und das war doch auch viel besser, als gleich wieder in einer Beziehung landen.«

Der Ernst, der in Lisas Stimme mitschwang, irritierte Mona etwas. »Was ist so verkehrt an einer Beziehung?«, fragte sie.

Lisas Mundwinkel zuckten. »Wer sagt, dass man nur für eine Person bestimmt ist? Viele Frauen kreuzen meinen Lebensweg. Viele unterschiedliche Frauen. Wie soll ich mich da für eine entscheiden? Für manche, gut: für viele mag es ja die Eine geben. Aber jetzt mal ehrlich: Langeweile wird doch dann zum Programm.«

Mona hob die Augenbrauen. »Denkst du wirklich?«

»Ich habe nichts gegen Beziehungen«, fuhr Lisa fort. »Wirklich nicht. Aber für mich ist das nichts. Es gibt zu viele schöne Frauen auf der Welt.«

»Wenn man die Richtige trifft –«, setzte Mona an.

Aber Lisa unterbrach sie. »Die Richtige? Gibt es das?« Sie machte eine kunstvolle Pause und musterte Mona. »Deine Freundin war’s nicht? Sonst hättest du dich wohl kaum von ihr getrennt.«

»Ich wüsste nicht, was dich das angeht.« Monas Augen zogen sich zusammen. »Dir scheinen Trennungen ja mehr als leicht zu fallen.«

»Oh, hat sie sich von dir getrennt?« Lisa schien immer mehr Gefallen an dem Thema zu finden. »Das tut mir aber leid.«

»Tut es nicht«, sagte Mona. »Und jetzt hör schon auf. Wartet nicht eine deiner vielen schönen Frauen auf dich?«

Lisa blickte sich um, als würde sie den Raum nach genau so einer Frau absuchen. »Im Moment nicht«, entgegnete sie lässig, als ihr Blick wieder zu Mona zurückkehrte. »Wir können uns ruhig noch ein bisschen unterhalten.«

»Warum auch immer du das willst«, sagte Mona. »Dir scheint es ja gutzugehen ohne mich.«

»Das hast du nicht erwartet, hm?« Lisas Blick funkelte. »Hast gedacht, ich liege ewig da rum, wo Carmen mich gefunden hat, und heule mir einen ab wegen dir. Aber ist nicht, junge Frau. Du bist nicht die einzige.«

»Das habe ich auch nie behauptet«, stellte Mona gelassen fest. »Schließlich bin ich fast doppelt so alt wie du, ich sollte es wissen.«

Lisa schien sich verschluckt zu haben, denn sie hielt sich die Hand vor den Mund, um das Wasser nicht gleich wieder herauszulassen. Sie hustete. »Spinnst du? Doppelt so alt. Es sind gerade mal zehn Jahre.« Sie holte tief Luft. »Doppelt so alt bist du aber, wenn du diese Schülerin betrachtest, mit der du eben . . .« Sie lachte laut. »Oder sie mit dir. Wie auch immer.«

»Das macht dir Spaß, hm?« Mona schüttelte den Kopf. »Was soll ich jetzt tun? Im Erdboden versinken, weil ich dasselbe getan habe wie du?«

»Nicht ganz dasselbe. Sie war nicht meine Schülerin.« Lisas Lippen zuckten. »Aber du hast Recht. Wir haben beide keinen Grund, im Erdboden zu versinken, nur weil wir uns das geholt haben, was wir brauchen.« Sie beobachtete Mona, als erwartete sie eine bestimmte Reaktion von ihr. »Die eine mehr, die andere weniger.«

Lisas Blick wanderte von Monas Augen zu ihrem Ausschnitt und schweifte dann weiter über Monas Körper. Sie trat nah an Mona heran. »Ich zeige dir, was ich meine.« Schnell ging sie um sie herum, legte ihre Hände auf Monas Taille und begann, Mona auf den Nacken zu küssen.

Monas kleine Härchen antworteten auf diese Berührung, indem sie sich aufstellten. Sie holte tief Luft. Ihr Körper zuckte bei jedem weiteren Kuss auf ihren Nacken zusammen. Nein, ich will das nicht! »Lass mich, Lisa.« Ihre Augenlider flatterten. Sie wollte sich aus Lisas Griff befreien, aber Lisa ließ es nicht zu, sondern drückte sie gegen die Bar.

»Bitte . . .« Mona hauchte es nur. Sie kämpfte gegen sich selbst an, denn was sie sagte und was sie fühlte, waren zwei verschiedene Dinge. »Das bringt doch nichts.«

Fast unmerklich lockerte Lisa ihren Griff, sodass Mona sich zu ihr umdrehen konnte. Ihre Augen fixierten Monas Gesicht.

Mona sah das Verlangen darin und wusste, dass es sich in ihren eigenen Augen widerspiegelte. Das wollte sie nicht. Sie wollte nicht, dass Lisa es sah. Sie drehte den Kopf weg.

Das hinderte Lisa jedoch nicht daran, sie zu zwingen, sich erneut an die Bar anzulehnen. Ihre Finger streichelten Monas Seiten, während sie ihren Schenkel zwischen Monas Beine schob und leicht gegen ihre Mitte drückte.

Mona zuckte heftig zusammen, als sie es spürte, als das heiße Pochen ihre Schenkel zittern ließ. Lisas Atem strich über ihr Gesicht. Hilflos schnappte sie nach Luft und legte ihre Arme auf den Tresen, um die Kante mit den Fingern zu umklammern. Lisas Lächeln galt jetzt ganz allein ihr. Es war eine Einladung, das wusste sie. Doch die durfte sie nicht annehmen. Sie glaubte auch nicht, dass sie noch einmal – oh doch, sie konnte, ihr Körper zeigte eindeutige Signale. Dieses atemberaubende, aufregende Gefühl war kaum auszuhalten, so unerträglich schön war es in Lisas Armen.

Sie blickten sich in die Augen.

Lisa neigte sich langsam zu Mona. Mona wusste nicht genau, wie sie mit der Situation umgehen sollte. In Lisas Nähe fühlte sie sich so lebendig wie schon ewige Zeiten nicht mehr. Lisa ließ ihr Herz schneller schlagen, erweckte eine Leidenschaft in ihr, die sie gar nicht kannte. Sie glaubte, lichterloh in Flammen zu stehen. Zu plötzlich schien das einzutreten, was sie sich so sehr gewünscht hatte.

Lisa erhöhte den Druck auf ihre Mitte. Mona legte ihre Hände auf Lisas Arme, fing an, leicht über sie hinwegzustreicheln.

Lisa zuckte bei Monas Berührung zusammen. Sie löste ihren Griff um Monas Taille und ließ ihre Finger leicht an Monas Seiten hinaufstreichen. Dann schaute sie ihr in die Augen und lachte leise. Diesmal hatte Mona den Kopf nicht weggedreht und dadurch verhindert, dass Lisa das Flackern in ihren Augen sah, das Auflodern der Lust. Und Lisa war offensichtlich sehr zufrieden mit dem, was sie gesehen hatte.

Mona wusste, dass sie das hier jetzt beenden musste. Es war nicht richtig, was sie hier taten. Das würde nicht gutgehen . . . Doch sie konnte sich nicht gegen das wehren, was in ihr vorging. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, darauf zu reagieren. Sie öffnete leicht ihre Lippen.

Lisas Blick fing den ihren ein. Lisa musste sehen, dass sie ihre Nähe immer mehr genoss. Sie musste sehen, wie sehr Mona wollte, dass Lisa sie küsste. Aber Mona wollte nicht, dass sie es sah. Sie versuchte, ihren Körper dazu zu bringen, sich nicht dazu zu äußern, aber es bewirkte das Gegenteil. Unbewusst schmiegte sie sich enger an Lisa.

Lisas Hand legte sich sanft auf Monas Brust, und der Daumen begann, über ihre Brustwarze zu streichen, die sich sofort emporhob.

Als Lisa den Kopf zu ihr neigte, flammte in Mona ein letzter Widerstand auf. »Nein, was tust du? Nicht hier«, flüsterte sie. Oh doch, bitte, ich kann es kaum noch erwarten, deine Lippen auf meinen zu spüren.

Lisa deutete an, sie küssen zu wollen, tat es aber nicht, sondern verweilte wenige Millimeter vor ihrem Mund.

Mona fühlte, wie ihr eigener Blick sich verschleierte. Ihr Mund öffnete sich erneut leicht. Tief saß ihr Verlangen nach Lisa, aber so wollte sie sich ihr nicht hingeben. Erst recht nicht hier. Aber es fiel ihr schwer, sich aus Lisas Umarmung zu lösen. Sie versuchte, Lisa wegzuschieben.

Monas Gegenwehr – wenn man es denn so nennen konnte – ließ Lisa unbeeindruckt. Sie streichelte Mona weiter.

Mona wusste, dass sie sich energischer wehren musste, wenn Lisa sie ernstnehmen sollte, aber stattdessen gab sie gleich wieder nach. Es machte sie an, dass Lisa so unglaublich besitzergreifend sein konnte. Bei ihr verlor sie ihren eigenen Willen. »Bitte«, flüsterte sie, »küss mich.« Es war ihr inzwischen egal, wo sie sich befand. Ihr Verlangen nach Lisa wuchs mit jeder Sekunde.

Darum musste man Lisa nicht zweimal bitten. Ihre Lippen senkten sich auf Monas. Ihr Blick wich dabei nicht von Monas Augen.

Lisas federleichte Berührung brannte auf Monas Mund. »Das fühlt sich unglaublich an, mach weiter bitte . . .«, flüsterte Mona mit heißerer Stimme.

Lisa genoss. Und es rührte sie, dass Mona ihr so ein Vertrauen entgegenbrachte. Sie strich mit ihrem Daumen über Monas weiche, geschwungenen Lippen und schluckte schwer. Was tat sie hier? War sie von allen guten Geistern verlassen? Waren es nicht genau diese Gefühle, vor denen sie immer Reißaus genommen hatte? Sie fühlte ein Bedauern und eine Sehnsucht in sich aufkeimen. Sie wollte das Eindringen hinauszögern. Es vielleicht sogar beenden. Doch sie konnte sich nicht von Mona lösen. Zu schön war es, was sie gerade empfand.

Vorsichtig fing sie an, statt mit ihrem Daumen mit ihrer Zungenspitze über Monas Lippen zu streichen, saugte zärtlich an ihrer Unterlippe. Küsste sie neckend und lockend.

Mona, die nun nicht mehr an sich halten konnte, da die Gefühle, die Lisa in ihr auslöste, sie überrannten, nahm Lisas Kopf in ihre Hände und küsste sie fordernd. Lisa war so anders als die Frauen, die sie kannte, und es gefiel ihr. Sie verlangte nicht nur Einlass mit ihrer Zunge, sie wollte Lisa von innen erforschen, spüren und schmecken. Mit ihren Händen strich sie Lisas Rücken hinunter, packte sie fest an ihrem Po und beförderte so Lisas Mitte an ihre. Lisa stöhnte in ihrem Mund.

Mona nahm den Moment wahr. Mit heißem Atem umspielte sie geschickt Lisas Zunge. Umkreiste sie sanft und saugte an ihr.

In Lisa machten sich kleine Blitze auf den Weg. Von ihren Lippen über ihre hart aufgestellten Brustwarzen bis hinunter zu ihrem Venushügel, wo die Blitze explodierten. Sie war es nun, die mit ihren Händen Halt an der Bar suchte. Mona schmeckte genauso verlockend, wie sie es sich erhofft hatte. Sie schaffte es in Sekunden, die Mauern einzureißen, die Lisa um sich herum aufgebaut hatte. Sie hatte immer alles dafür getan, dass diese Gefühle, die Mona in ihr hervorlockte, nicht aufkamen. Jetzt ließen sie sich nicht abschütteln. Sie löste sich schwer atmend aus dem Kuss und schaute Mona so tief in die Augen, dass sie alles um sich herum vergaß.

»Nein, komm zurück«, murmelte Mona zärtlich. »Du schmeckst so gut. Ich will dich jetzt nicht gehen lassen.« Noch immer hatte sie ihre Augen geschlossen, spürte so Lisas Berührungen umso intensiver. Ihre Gesichtszüge wurden ganz weich, sie öffnete die Augen und lächelte Lisa an.

Lisa hob eine Hand, streichelte Mona sanft über die Wange. Nie hätte sie geglaubt, dass es so sein konnte. Doch in der nächsten Sekunde zog sie ihre Hand hastig zurück, als hätte sie sich verbrannt. Reiß dich zusammen! rief sie sich zur Ordnung. Sie dachte nicht nach, und das war ein Fehler. Sie ließ sich einfach mitreißen von den wunderbaren Gefühlen, die Mona in ihr hervorlockte. Sie konnte, nein, sie durfte diese Art der Gefühle nicht zulassen. Das würde ihr Leben nur verkomplizieren.

Mona legte Lisa zart ihre Hand auf die Taille. Mit der anderen strich sie sanft an Lisas Nacken entlang. Sie drückte Lisa an sich. Zärtlich, aber doch intensiv küsste sie Lisa erneut. Erforschte sanft die empfindlichen Stellen ihres Mundes. Für eine Frau, die so dreist war, schien Lisa jetzt reichlich zurückhaltend. Mit zunehmender Begierde versuchte sie, Lisa zu locken.

Beide spürten sie die Leidenschaft, die unergründlich tief in ihre Seelen vordrang.

»Muss das hier sein? Lisa, du weißt, dass ich das hier nicht dulde. Ihr wisst, wo ihr hingehen könnt. Ich muss euch nicht dabei zusehen. Und all die anderen auch nicht. Schließlich leite ich keinen Puff. Also, zieht Leine!« Carmen hatte ihre Hände in die Hüften gestemmt und blickte sie beide wütend an, bevor sie sich umdrehte und in der Masse verschwand.

Im Nu löste sich Lisa aus dem Kuss und wich zurück. »Entschuldigung«, murmelte außer Atem. Sie versuchte immer noch, mit dem Schwindelgefühl zurechtzukommen, das von dem Kuss herrührte. So war sie bisher noch nie geküsst worden.

Mona setzte sich mit zittrigen Beinen auf einen Barhocker. Sie war unglaublich erregt.

Herausfordernd sah Lisa Mona an, deren Lippen noch feucht von dem Kuss schimmerten. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, wie sehr sie das gerade Erlebte irritierte. Das hier lief ganz eindeutig nicht nach Plan. Was sie gerade mit Mona gefühlt hatte, war ihr bisher noch nie passiert. Bei keiner Frau. Mona verwirrte sie, aber im gleichen Moment fühlte sie sich magisch von ihr angezogen. Sie sah, dass Monas Gesicht gerötet war, ihr eigenes musste genauso aussehen, wenn sie von der Hitze ausging, die sie nicht nur in ihrem Gesicht fühlte.

Lisa räusperte sich. »Vergiss Carmen, sie übertreibt. Das legt sich wieder. Seit kurzem ist sie schräg drauf.« Sie musste sich ebenfalls setzen. Sie fühlte sich irgendwie angeschlagen, was seltsam war. »Aber siehst du, wie einfach es sein kann? Ohne Verpflichtung«, sie schnippte mit den Fingern, »Spaß haben. Jetzt hast du es kosten können, schon zum zweiten Mal heute Abend, also leb es aus. Genug Frauen wirst du hier dafür finden.« Sie zwinkerte Mona zu. Die alte Lisa kehrte zurück, die coole Lisa, die Spaß-ohne-Gefühle-Lisa. »Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.« Aber du wirst hier keine finden, die dir auch nur annähernd das Wasser reichen kann. Lisa fühlte sich immer noch schwindelig.

Mona wurde bewusst, dass Lisa mit ihr gespielt hatte. Wie hatte sie nur annehmen können, dass Lisa sich tatsächlich für sie interessierte? Dabei war nichts davon echt gewesen. Nur eine Demonstration ihrer Theorie. Lisas Gefühle waren ausschließlich . . . Ja, was? Sexuell? Dachte ich im Ernst, dass wir ein glückliches Paar werden würden? Jetzt und für immer?

Eine junge Frau stellte sich zwischen Mona und Lisa. »Hallo Lisa, wollen wir tanzen?«

Lisa zog die junge Frau zwischen ihre Beine. Küsste sie und liebkoste ihren Po. Dabei schielte sie über deren Schulter zu Mona.

Mona drehte sich zur Bar. Tränen wollten sich in ihre Augen schleichen, aber sie hielt sie zurück. Ich hab’s gewusst, ich hab’s doch gewusst!, schalt sie sich selbst. Die Frauenheldin Lisa hatte sich nicht geändert. Das, was zwischen ihnen noch wenige Augenblicke zuvor gewesen zu sein schien, das war nur Spiel gewesen. Ein Spiel der Verführung. Wie es Lisa mit all ihren Geliebten trieb. Mona war nur eine von vielen. Wie konnte sie nur glauben, dass da echte Gefühle dabei gewesen waren . . .

Nach einer Weile löste Lisa sich aus dem Kuss. Sie entließ die Blonde aus ihrem Griff und stand auf. Bevor sie ging, neigte sie sich zu Mona, sog ihren Duft tief ein. »Du riechst nach Sex. Das macht mich ganz schön an.« Sie küsste Mona auf die Wange. Dann verschwand sie mit der Langhaarigen.

Mona schnappte nach Luft. Konnte so viel Frechheit tatsächlich wahr sein? Genau passend lief gerade der Song You’re so vain. Sie lauschte dem Text, während sie den beiden durch die Spiegel der Bar nachschaute. Du bist so eingebildet, wahrscheinlich denkst du sogar, dass dieses Lied von dir handelt, du bist so eingebildet.

Mona trank ihr Glas leer, stand auf und verließ das Jenseits. Noch mehr von Lisas Arroganz konnte sie heute nicht mehr ertragen.

3

»Habt ihr Lust, ein paar Tage zu verreisen? Lisa und ich haben zwei Wochen Urlaub.« Jule blickte feierlich in die Runde. Sie saß im Café Perle, das ebenfalls Carmen gehörte, neben Birte an einem Tisch. »Und du hast doch Sommerferien. Na, Lust?«, fragte sie Mona, die ihr gegenübersaß.

»Ja, ich hätte tatsächlich Lust.« Ein paar Tage zu verreisen hörte sich sehr verführerisch an.

Birte nickte ebenfalls. »Gute Idee! Und wo soll es hingehen?«

»Das sagt euch Lisa.« Jule wies durch das große Panoramafenster nach draußen. Lisa parkte gerade ihren Wagen.

Mona drehte sich zum Fenster. Ihr Herz schlug schneller bei Lisas Anblick, die aus ihrem Auto stieg und die Straße zum Café überquerte. Trotz der Stiche, die Lisa ihr im Jenseits versetzt hatte, fühlte sie sich zu ihr hingezogen.

Die Café-Tür öffnete sich, und Lisa lief schnurstracks auf Mona zu und setzte sich direkt neben sie. »Na, hat euch Jule schon gefragt?« Sie zwinkerte Mona zu und lächelte über das ganze Gesicht.

Mona hoffte, dass man ihr nicht ansah, wie sehr ihre Wangen glühten. Sie spürte förmlich, wie sie errötete. Lisas Gegenwart irritierte sie mit jedem Mal mehr. Und jetzt, wo Lisa so nah bei ihr saß, ihr zuzwinkerte und sie anlächelte, war es ihr fast unmöglich, klar zu denken. Die Erinnerung, wie Lisa sie berührt und geküsst hatte, kehrte lebhaft zurück.

»Könntest du jetzt mal bitte mit der Flirterei aufhören und uns mitteilen, was du geplant hast?«, fragte Birte etwas ungehalten.

Lisa verdrehte die Augen. »Wollt ihr eine Woche Sylt genießen? Am Sonntag könnten wir los.«

»Wie jetzt, Sylt?« Birte sah sie verdutzt an.

»Ja, vorausgesetzt, ihr mögt Friesenhäuser.« Lisa grinste frech.

»Wie hast du das denn geschafft?«, fragte Mona.

»Na ja, ich hab Beziehungen.« Lisa wich Monas Blick geschickt aus. »Treffpunkt: hier im Café am Sonntag, neun Uhr.«

»Darauf sollten wir einen trinken«, sagte Jule.

»Ich kann nicht, ich muss los«, erwiderte Lisa entschuldigend.

»Wie, du musst los? Du bist doch gerade erst gekommen.«

Mona wünschte sich, dass Lisa noch bleiben würde. Sie versuchte, ihren Blick einzufangen, aber es gelang ihr nicht. Warum tue ich das überhaupt? Hat sie mir nicht schon genug gezeigt, dass von ihr nichts zu erwarten ist? Nichts außer Enttäuschung?

Aber sie konnte nicht anders. Da war etwas zwischen Lisa und ihr, das sie selbst nicht beschreiben konnte. Sie schämte sich dafür, dass sie sich so sehr zu ihr hingezogen fühlte, aber sie konnte nichts dagegen tun. Obwohl sie wusste, dass es das Beste gewesen wäre, Lisa ganz weit auf Abstand zu halten, wollte sie ihr nah sein. Schon allein die Idee, mit ihr zusammen nach Sylt zu fahren, war verrückt. Das war das Gegenteil von dem, was sie tun sollte.

»Ich muss noch die Schlüssel fürs Haus besorgen.« Lisa zeigte über ihre Schulter und drehte sich bereits zum Ausgang.

»Bei dieser sogenannten Beziehung?« Mona zog eine Augenbraue hoch. Benimm dich nicht wie ein eifersüchtiger Teenager. Zeig ihr nicht, was mit dir los ist. Das ist wie eine Einladung für sie, dich in den Boden zu rammen. Gib ihr keine Gelegenheit dazu. Sie war hin- und hergerissen. In Lisas Gegenwart war Beherrschung angesagt. Sie setzte einen kühlen Gesichtsausdruck auf.

Lisa schien von Monas intensivem Blick etwas verunsichert. »Ja, genau. Sie hat nicht lange Zeit.«

»Aha. Und sie überlässt uns einfach so ihr Haus? Ohne Gegenleistung?« Monas Stimme klang leicht spöttisch. »Sie muss ja ein ausgesprochen netter Mensch sein.«

Lisa wand sich ein wenig und wich Monas stechendem Blick aus. »Ja, ist sie.«

»Verstehe.« Irgendetwas in ihrem Inneren sagte Mona, dass es nicht nur bei einer Schlüsselübergabe bleiben würde. Zudem gefiel ihr das Wort Beziehung überhaupt nicht. Als Lisa dann auch noch ihrem Blick auswich, war ihr klar, dass sie etwas verbarg. »Na dann. Wenn das so ist, solltest du wohl besser los«, sagte sie.

»Ja, sollte ich.« Lisa hielt in der Bewegung inne und drehte sich zu Mona. »Tut mir leid.«

Sie wusste nicht, was in sie fuhr, als sie Mona in die Augen schaute, sich zu ihr hinunterbeugte und sie küsste.

Es war nur ein flüchtiger, fast nicht spürbarer Kuss. Doch dieser kleine, nichtssagende Kuss hinterließ auf Lisas Lippen ein unstillbares Brennen. Löste ein erneutes, ungeheures Verlangen nach Mona aus.

Lisa schreckte zurück und sah in ebenso überraschte Augen. Gleichzeitig fühlte sie eine Wärme durch ihren Körper fließen, die sie noch mehr überraschte. Ihr Herz schlug schnell. Etwas lag in diesem Kuss, das sie nicht beschreiben konnte.

Fluchtartig verließ sie das Café.

Mona schaute Lisa konfus nach. Was war das denn gerade? Ihr war heiß, und ihr ganzer Körper kribbelte. Bei diesem Kuss war etwas übergesprungen, das sie nicht benennen konnte. Ebenso konnte sie Lisas Verhalten nicht einordnen. Diese Frau trieb sie in den Wahnsinn.

Sie konnte Lisa einfach nicht greifen. Lisa war wie ein Stück glitschige Seife. Immer wenn sie dachte, sie könnte sie festhalten, flutschte sie weg.

Und genau das war das Problem. Deshalb war es falsch, sich mit einer Frau wie Lisa einzulassen. Sie würde immer eine Enttäuschung sein, sie konnte nicht treu sein, sich nicht auf eine – Mona lachte innerlich sarkastisch auf – Beziehung einlassen. Oder wenn, dann nur auf eine bestimmte Art von Beziehung, eine unverbindliche, sexuell motivierte. Andere Gefühle schien sie nicht zu kennen. Wie hätte sie sonst im Jenseits direkt vor Monas Augen mit einer anderen Frau Zärtlichkeiten austauschen können, mit ihr abziehen können, nachdem sie Mona zuvor so heiß geküsst hatte?

Lisa war unzuverlässig. Ein unzuverlässiger Charakter, der nur sein Vergnügen suchte. Ihr lag nichts an den Gefühlen einer Frau, nur an ihrem Körper.

Mona versuchte, sich zu sammeln. Vielleicht waren es nur ihre eigenen Schuldgefühle, die sie zu Lisa hinzogen. Sie war ihr aber nichts schuldig. Vor ein paar Jahren . . . ja, vielleicht. Aber heute nicht mehr. Heute war Lisa eine Frau, kein Kind mehr. Und was für eine Frau.

Bin ich nicht vielleicht doch schuld daran, dass sie sich so entwickelt hat? fragte sie sich. Wäre sie anders, wenn ich sie damals nicht –?

Nein, wäre sie nicht, gab sie sich selbst zur Antwort. Sie wäre genau derselbe Mensch. Sie kann niemand anderer sein, als sie ist.

Sie war Lehrerin. Sie hatte genug Erfahrung mit Kindern, um zu wissen, dass man nur begrenzten Einfluss auf den Werdegang eines Menschen nehmen konnte. Jeder Mensch hatte angeborene Anlagen, die sich nicht veränderten. Man konnte nur versuchen, sie in die richtige Richtung zu lenken.

Damit hatte sie bei Lisa wohl versagt. Sie seufzte und atmete tief durch. Nach Sylt zu fahren hieß noch lange nicht, dass sie sich auf irgendetwas anderes einlassen musste.

Sie konnte sich vorstellen, welche Erwartungen Lisa mit so einem Ausflug verband. Besonders nach diesem überraschenden Kuss konnte sie sich das vorstellen. Aber das würde nicht eintreten.

Lisa dachte vielleicht, sie brauchte nur ihren Charme spielen zu lassen, aber so einfach war das nicht.

Charme. Dachte sie wirklich, dieses Machogetue wäre charmant? Dachte sie, es machte sie interessant, wenn sie Mona dermaßen vor den Kopf stieß?

Mona schüttelte innerlich den Kopf. Vielleicht war Lisa trotz der vergangenen Jahre doch immer noch nicht so ganz erwachsen. Mona jedenfalls fand dieses Verhalten ziemlich kindisch.

Aber schließlich war sie nicht Lisas Mutter, auch wenn sie älter war als sie. Sie hatte nicht die Verantwortung für Lisas unmögliches Verhalten, sie musste nur dafür sorgen, dass es keine Auswirkungen auf sie selbst hatte.

Und das würde sie. Das nahm sie sich fest vor.

4

Birtes Wagen rollte gleichmäßig über die Autobahn. Nach dem reinsten Frauentheater zu Beginn der Fahrt war nun Ruhe eingekehrt. Jule döste auf dem Beifahrersitz vor sich hin, Lisa war auf der Rückbank eingeschlafen.

Mona betrachtete sie eine Weile schweigend. Übergangslos kramte sie dann plötzlich in ihrem Rucksack nach ihrer Kamera und fing an, die Schlafende zu fotografieren.

Lisas Arme waren vor ihrer Brust verschränkt. Ihr Kopf ruhte auf einem Pullover, den sie zwischen der Scheibe und ihrem Kopf eingeklemmt hatte. Dunkelbraune, lange Haarfransen hingen ihr ins Gesicht und wedelten durch die Fahrbewegung hin und her. Dunkle Augenränder zeichneten sich auf ihren Wangen ab.

Es schien, als hätte sie Erholung ziemlich nötig. Ihr Körper folgte in einem anscheinend geradezu energielosen Zustand weich der Bewegung des Wagens.

Kein Wunder, dachte Mona. Wenn sie es jedes Wochenende so treibt.

Die Woche über war Lisa ganz Geschäftsfrau und eine sehr gute, wie sie von Jule wusste, die mit Lisa in derselben Agentur arbeitete. Doch an den Wochenenden war sie ganz Femme fatale, eine Verführerin, die eine nach der anderen verschlang.

Sie verstand Lisa nicht. Wie konnte sie nur ein derartiges Leben führen? Konnte es wirklich sein, dass sie sich genau das wünschte? Ein Leben, das nur aus andauernden und ständig wechselnden Bettgeschichten bestand? Ohne feste Beziehung? Ohne ein Zuhause, wo sie sich geborgen und aufgehoben fühlen konnte?

Für Mona war das undenkbar. Sie wollte eine Frau, die das Leben mit ihr teilte, den Alltag. Mit der sie gemeinsam aufwachen und gemeinsam wieder ins Bett gehen konnte.

Ihre Augen ließen von Lisas schlafendem Gesicht ab und schauten auf die dahinter vorbeiziehenden Bilder.

Immer flacher wurde das Land, immer eintöniger. Man konnte weit in die Landschaft schauen, ohne dass Häuser den Blick störten, konnte die Gedanken ungehindert schweifen lassen.

Wie in einem Rahmen zeichnete sich Lisas Gesicht im Fenster ab. Es sah so friedlich aus. So ganz ohne die Boshaftigkeit, die sie im Jenseits zur Schau getragen hatte.

Mona lächelte etwas schmerzlich. Ja, wenn Lisa so wäre, wie sie jetzt gerade aussah . . .

Als die Sonne langsam in ihre Abendbeleuchtung überwechselte, fuhren sie an dem Ortsschild Husum vorbei. Hier übernachteten sie, da sie den letzten Autozug nach Sylt heute nicht mehr erreichen würden.

Mona bestand darauf, in einem Einzelzimmer zu schlafen, auch wenn es anders vorgesehen gewesen war. Zwei Doppelzimmer waren gebucht.

Nein, so einfach werde ich es dir nicht machen, dachte sie, als sie die Enttäuschung in Lisas Gesicht sah.