Fleshly Transmission - Jek Hyde - ebook

Fleshly Transmission ebook

Jek Hyde

0,0

Opis

Drei Novellen von Jek Hyde: 1. Fleshly Transmission: Turel Nazarets Schulden steigen unablässig, ohne dass er auch nur einen Gedanken an die Tilgung verschwendet. Kein Wunder, dass er eines Tages an die falschen Leute gerät und sich gefoltert und gekreuzigt auf einem Feldweg wiederfindet. Jedoch ist Turel nicht gebrochen, er glaubt gar, all seine Schulden wären nun abgegolten. 2. Gendefekt: Die dreißigjährige Maja Dini steckt durch einen Gendefekt im Körper eines kleinen Mädchens fest, der seit ihrem neunten Lebensjahr keinen Tag gealtert ist. Alle Welt behandelt sie wie ein Kind, selbst ihre beste Freundin Alison übersieht, dass Maja längst erwachsen ist. Doch dann taucht ein Kerl mit Mardermaske auf. Maja verfolgt einen Plan, um die deprimierende Situation zu beenden. 3. Pyromaniac: Lea Koljai ist Pyromanin. Nur der Schein des Feuers erhellt ihr tristes, einsames Leben. Wenn sie von keinem geliebt wird, sollte sie wenigstens akzeptiert werden. Doch ihre erste Liebe Hanna will Lea lediglich therapieren. Alison taucht in Leas Leben auf, die von der Männerwelt die Nase voll hat. Trotzdem ist Lea für die Gesellschaft untragbar. Und je mehr sie dies fühlt, desto unberechenbarer wird sie.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 601

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Jek Hyde

Fleshly Transmission

Eine Novellensammlung

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

www.engelsdorfer-verlag.de

Fleshly Transmission

„Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in dieser Welt.“

Jean Amery

1. Ein Kreuz auf dem Feldweg

Eine blutrote Sonne ging am Rande des Feldes auf.

Als die Sonne aufging, wusste er, dass er es überstanden hatte, denn genau wie die Sonne war auch er nun über den Berg.

All die gelben Stoppeln und Halme auf dem Feld, bekamen rote Gesellschaft und lange, schwarze Schatten. Es sah aus wie ein Meer aus Flammen. Das Fegefeuer, so musste es sein.

Die rote Sonne blendete Turel Nazaret.

Nach der dunklen, angenehm kühlen Nacht fühlte er die Wärme der Sonne über seinen nackten, geschundenen Körper kriechen, wie er da am Kreuz hing.

In der Nacht war eine Sternschnuppe über ihn hinweggeflogen. Er konnte sie sehen, zumindest als er das getrocknete Blut aus den Augen geblinzelt hatte. Die Erinnerung, wie die Klinge des Klappmessers durch seine Haut fuhr, war noch frisch. Und das sollte nur der Anfang gewesen sein. Zwei Messerschnitte quer durchs Gesicht. Sie verliefen über die Augen und kreuzten sich auf den Lippen. Die Nacht war kühl gewesen, doch anstatt zu frieren, hatte Turel es als ernsthaft angenehm empfunden. Wie Schnee, der seine Wunden kühlte.

Sein ganzes Gesicht war voller getrocknetem Blut. Kupfergeschmack auf der Zunge, die nach den fehlenden Zähnen tastete. Das ungewohnte Gefühl, dass Etwas fehlte, als er mit der Zungenspitze über die vielen Lücken in seinem Mund fuhr, wo früher Zähne gesessen hatten.

Der starke Kupfergeschmack auf der Zunge, auch wenn er instinktiv wusste, dass es lange nicht so viele gewesen waren, so hatte er doch das Gefühl, dass jeder zweite Zahn jetzt fehlte und stattdessen eine empfindliche Lücke im weichen Zahnfleisch saß. Er hatte sich die Zange lieber erst gar nicht angesehen, sondern sich darauf konzentriert, die Prozedur zu überleben. Was blieb ihm auch anders übrig?

Ein dürrer Springinsfeld. Mandelförmige Augen, blondes, kurzes Haar. Es wirkte unnatürlich und trotzdem passte es zu seiner Erscheinung. Dazu eine bei Asiaten scheinbar recht beliebte Kinn-Schnurrbart-Kombination. Er war auch der Idiot gewesen, der mit der Zange herumalbert hatte. Jeweils ein Ende in einer Hand und die Zange klappern lassen wie ein Gebiss. Zum Glück waren Turels Augen voller Blut gewesen und so konnte er kaum was erkennen.

Der andere, ein große Kerl mit Vollbart, einer Glatze und irgendetwas Traurigem in seinen Augen, war das genaue Gegenteil des Asiaten.

Große, lange Nägel steckten in Turels Händen und in den Füßen. Jesusgleich hing er am Kreuz, dass die Beiden erst vor Ort zusammengezimmert hatten, als Turel blutend im Kies des Weges lag, während die Beiden aus ihrem Kastenwagen die zwei Hölzer geholt hatten.

Turels Fingerspitzen waren blutig und taub. Die Beiden hatten ihm die Fingernägel herausgerissen.

Sein ganzer Körper war mit lauter kleinen Wunden bedeckt. Der Große hatte Turel zum Kastenwagen geschliffen und neben die Balken hineingeworfen.

Alles war recht verschwommen, lief ineinander über und Turel konnte sich erst wieder erinnern, als die Beiden ihn in der Dämmerung aus dem Auto warfen, ihn mit einem widerlich gelben Abschleppseil ans Auto ketteten und ihn über den steinigen Feldweg schleiften, bis zu der Stelle, wo er nun schon die ganze Nacht gehangen hatte. Es fühlte sich an, als hätte er sich gar nicht von der Stelle bewegt. So, als wäre eine riesige Rolle an grobem Schleifpapier unter ihm ins Rollen gekommen.

Er wusste nicht, wer von Beiden auf die Idee kam, Turel seiner Qualen zu entledigen und statt ihn zu kreuzigen, ihn einfach an einen der krüppeligen und verdrehten Kirschbäume aufzuhängen, die den Feldweg stückweise säumten. Recht schnell war ein weiteres Seil über den Ast geworfen, der Bärtige hatte eine Dreizehn gedreht und diese um Turels Hals festgezogen.

Doch der Tod am Strang war weder von Turel erwünscht noch von höheren Mächten erlaubt. So brach der runzelige, alte, trockne Ast, als der Bärtige Turel mit einem Ruck hinaufzog. Wie die Beute eines Greifvogels wurde Turel hinaufgerissen, das Seil schnitt ihm scharf in den Hals und mit dem Geräusch eines brechenden Knochens brach der Ast ab und Turel stürzte als menschliches Fallobst zu Boden, wo er auf dem Arsch aufkam und sich die Hüfte brach.

Der Bruch der Hüfte löste einen anderen Schmerz fast gänzlich ab. Die Erinnerung schoss durch seinen Kopf, wie er blutend auf dem staubigen Fliesenboden gelegen hatte. Umringt von gezogenen Zähnen und herausgerissenen Fingernägeln. Der Große hatte seine Füße gepackt und der Asiat ihn unter den Achseln und beide hatten ihn in eine alte Wanne gewuchtet, gleich einem alten Mehlsack.

Der grelle Schmerz, als sie mit einem Schnitt ihn seiner Hoden entledigten, unterbrach Turels Mantra, das er seit dem Anfang der Folter durch seinen Kopf kreisen ließ. Für andere Gedanken war kein Platz. Nur das eine Mantra, das sich immer wieder und wieder drehte.

Er nahm es wieder auf. Musste es wieder aufnehmen, was blieb ihm sonst übrig? Es drehte die Gebetsmühle weiter.

Das Geräusch des Panzertapes riss ihn aus der kurzen Ohnmacht. Das erste, was Turel wieder in den Sinn kam, als er da so auf dem Kreuz lag, war sein Mantra. Sogleich nahm er es wieder auf, als der Asiat ihn praktischerweise mit Panzertape an das Kreuz band. Um den Brustkorb, um die Handgelenke und um die Beine.

Der Bärtige war es, der schließlich die langen Nägel auf die Hände setzte und jeden mit einem schweren Schlag durch Turels Handflächen hindurch, an zwei Speichen vorbei, ins Holz trieb. Turel nahm sich die Zeit zu schreien. Warum auch nicht? Solange das Mantra im Kopf lief, konnte er machen, was er wollte. Nur das Mantra, das durfte er keinesfalls vernachlässigen.

Turels Welt hob sich, als der Bärtige mit lustloser Hilfe des Asiaten das Kreuz in das vorgegrabene Loch rutschen ließ. Der Ruck und der Schmerz, den dies wieder freisetzte, an all den verwundeten Enden von Turel, ließ ihn erneut der Welt entgleiten und erst das Röhren des Kastenwagens, der in der fast untergegangenen Sonne über den Kiesweg davon rumpelte und eine Staubwolke hinter sich her zog, ließ ihn sich wiederfinden.

Allein am Kreuz hängend, während die Sonne in seinem Rücken unterging, streckte sich sein langer Schatten über das Stoppelfeld und über seinem Kopf, der nur ein Mantra enthielt, begann ein riesige Zelt von Sternen zu glühen.

Die Kühle der Nacht strich über den einsamen Turel. Trocknete dessen Blut. Er fühlte sich schwer, wie er da am Kreuz hing, als einzige Hilfe hielt ihn das Panzertape, was sich trotzdem in ihn schnitt. Hände und Füße taub, Hüfte pumpte klopfenden Schmerz durch seine Gedärme. Turels Hals war fürchterlich trocken und sicher hätte er den Tod jetzt an sich ranlassen können. Die meisten hätten das wohl schon eher getan, aber Turel hatte beschlossen, dass er weiterleben würde.

Turel nahm an, dass entweder sein Mantra funktionierte oder der Schock, denn nachdem er noch etwas vor sich hin geschrien hatte und der Himmel ganz dunkel und kalt geworden war, fand er sich plötzlich klaren Verstandes am Kreuz wieder.

Nicht in der Lage sich zu bewegen. Nur das Stoppelfeld und die Tiere, die sich durch die Dunkelheit wie Schatten stahlen.

Wieder eine Chance einfach abzutreten, aber das wollte Turel nicht. Wozu hatte er das Ganze denn durchgestanden?

Und dann der einzig wichtige Gedanke:

Scheiße, ich hab’s überstanden. Es ist vorbei. Und jetzt?

Nichts war. Jetzt hing er eben nachts am Kreuz. Und Turel wurde klar, dass er bestimmt mehr gelitten hatte als Jesus. Er lachte und schrie noch ein wenig. Tat der Welt kund, dass er besser war als Jesus. Er hatte eben schließlich Jesus in seiner eigenen Königsdisziplin geschlagen: im Leiden.

Wenn es eines gab, was Jesus besonders gut konnte, dann war das Leiden. Und Turel hatte wohl auch für Hunderte von Jahren genug gelitten. Genau aus diesem Grund wollte er nicht sterben und würde es demnach auch nicht tun. Er musste ja noch allen vorhalten, was er alles aushalten konnte. Dass er einfach der Härteste von allen war.

Als er da so am Kreuz hing und fast so was Ähnliches wie Langeweile aufkam, die Schmerzen waren teilweise dumpf und bohrend geworden, der Hals machte das Schreien nicht mehr so richtig mit und zu krächzen war irgendwie unbefriedigend, kam ihm der Gedanke, dass möglicherweise nicht mehr alles so wie früher sein würde.

Sollte auch er, Turel, der Leidende, zu einem solchen, hilflosen Trauerkloß verkommen wie all die andern Überlebenden von bestialischen Folter-Qualen? Würde auch er bei jedem lauten Geräusch aufschrecken?

Als ein Waschbär am blutigen Ansatz seines Kreuzes herumschnüffelte, wurde Turel eines klar:

Er wollte nicht sterben, also starb er nicht. Er will keine psychisch zerstörtes Häuflein Elend werden, also wurde er es auch nicht! Er war besser als Jesus, sein Wille war Gesetz.

Der Waschbär, der unter seinem Kreuz herumschnüffelte, war schließlich auch ein Migrant in diesem Land und sogar ein geächteter. Wer mochte schon diese Eierdiebe, die sich wie die Karnickel vermehrten? Aber er überlebte und das sogar prächtig. Warum sollte also Turel total am Ende sein? Nur weil es all die andern waren? Gab es irgendein dickes Buch voller Richtlinien, wie sich ein Opfer zu verhalten hatte?

Turel war eben Turel.

Und Turel wusste, dass Turel besser war als alle anderen.

Ach, er könnte jetzt um all seine Verluste weinen, aber was brachte das schon? Turel hatte schon vor langer Zeit gelernt, das Verlieren zu genießen.

War es der Schock? War es der hohe Blutverlust? Was auch immer es war, Turel fand sich plötzlich in einem erlösenden Hochgefühl wieder und er lachte ein wenig wahnsinnig vor sich hin. Möglicherweise hätte Turel Nazaret jetzt auf den Gedanken kommen können, dass seine Psyche schon von Anfang an nicht ganz normal war. Aber um auf diesen Trichter zu kommen, war Turel einfach zu erschöpft. Fast schlief er an seinem Kreuz ein, oder vielleicht wurde er auch von der Ohnmacht übermannt. Alles in allen weckte ihn bloß das kratzende Geräusch von Schritten auf dem staubigen Kiesweg.

Als Turel die schweren Augen wie mit Wagenhebern aufstemmte, stand dort unten ein alter Mann am Kreuz, in dunkler Jacke und mit Schiebemütze auf dem weißhaarigen Kopf, der bedauernd, traurig und unfähig entsetzt zu sein, zu ihm aufsah. In diesem alten Kerl erkannte Turel Otto Feininger, seinen alten Freund. Turel lächelte leicht und konnte sich nun entspannt der schwarzen Braut Ohnmacht hingeben. Otto würde sich schon um alles kümmern.

2. Wieder daheim

Wenn man so viele Zähne auf so schmerzhafte Weise eingebüßt hat wie Turel, dann bekommt man ein anderes Verhältnis zum Zähneputzen.

Es wurde plötzlich etwas Sakrales. Putzi als Götze. Dr.Best wurde zu Turels Imam. Rund ein Drittel von Turel Zähnen war durch Goldzähne ersetzt worden. Wenn schon, denn schon. Es ging Turel nicht darum, seine Verletzungen zu verbergen. Vielmehr sie zu etwas Besonderem zu machen. Narben wurden zu Orden. Löcher in Händen zu Freitickets. Er hatte seine eigene Technik fürs Zähneputzen herausgearbeitet. Dabei wurde der Mund in sechs Segmente unterteilt: linke Backenzähne unten, rechte Backenzähne unten, Schneidezähne unten, Schneidezähne oben, linke Backenzähne oben, rechte Backenzähne oben. Jedes der Segmente putzte er von hinten, von vorn und obendrauf.

Als bete er einen Rosenkranz herunter.

Die Zahnpasta schäumte aus beiden Mundwinkeln und tropfte von seinem Kinn ins Waschbecken, das voller Haare lag. Er spie die ganze schaumige Masse aus. Gurgelte nach und spie auch das Wasser ins Becken, das einen erheblichen Teil der Haare, die darin klebten, mit sich riss. Turel wischte den Rest mit einem Taschentuch vom Mund und betrachtete einen Moment seine Zähne. Zog die Lippen zurück, die in der Mitte des Mundes von den Narben regelrecht gespalten wurden. Betrachtete die glänzenden weißen Zähne und die glänzenden Goldzähne.

Noch einmal drehte er den alten Wasserhahn auf und ließ das Wasser die restlichen Haare mit sich reißen. Half dabei mit den Händen nach. Die haarige Flut strudelte ab und Turel sah wieder auf in den alten Spiegelschrank, der direkt über dem Waschbecken hing.

Die Narben waren weitgehend verheilt und zu tiefen Schluchten geworden. Ungleichmäßig und hässlich. Zwei schmale Canyons, die über seine Augen verliefen und sich auf den Lippen kreuzten, um am Kinn wieder auseinander zu laufen.

Er hatte sich das dunkelbraune Haar abrasiert. Wenn er schon ein Opfer war, dann sollte es auch jeder auf den ersten Blick sehen, was für ein schweres Los Turel trug. Vom KZ-Häftling über den buddhistischen Mönch, der unter schweren Entsagungen meditierte, bis zum modernen Messias, der alle Sünden und Leiden auf sich nahm, trugen alle eine Glatze. Warum also Turel nicht auch? Der kleine Goldohrring in seinem Ohr glänzte vom gleichen Gold wie seine Zähne. Ein mystischer goldener Schimmer im kalten Licht des winzigen Badezimmers.

Er knipste das Licht aus und ging in sein kleines Zimmer zurück.

Ein kleiner Raum mit Turels Bett an der Wand, davor der große Teppich mit dem verworrenen, arabischen Muster, davor die Tür zu dem winzigen Balkon. Turel hatte verschiedene bunte Glühbirnen angemacht und so schimmerte das Zimmer in einer Mischung aus warmem Gelb und abgefahrenem Pink-Rot. Auf der Bettkante saß Laura und sah ihn an.

Die gute alte Laura mit ihrer kurzen, blonden Jungenfrisur und dem Lächeln auf ihrem recht runden Gesicht. Sie trug irgendein graues, kurzes Kleid mit schwarzem Gürtel um die Taille, was sich um ihren durchschnittlichen Körper schlang.

„Was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?“, fragte sie.

„Ich bin ein Opfer“, grinste Turel. Seine Goldzähne wirkten in den Lichtverhältnissen fast schwarz, mit einem leichten Schimmer. „So tragen Opfer ihre Haare nun mal“, meinte er und stand in den dunkelroten Shorts vor der Tür zum Bad.

„Jetzt erkennt dich niemand mehr auf deinem Ausweis“, meinte sie in einer Mischung aus Verspieltheit und Ernst.

Turel trat weiter ins Zimmer. Sah zu den beiden Löchern in seinen Füßen, darunter der arabische, rote Teppich. „Wie lange war ich eigentlich nicht mehr hier? … Es muss fast ein Jahr gewesen sein“, meinte er.

„Kein Wunder. Deine Hüfte war gebrochen. Das dauert“, meinte Laura. „Ich habe hier übrigens gewohnt. Ich konnte meine alte Wohnung nicht bezahlen und die hier erhalten. Und ich mag den Ausblick hier. Da dachte ich, scheiß auf die Wohnung. Und da habe ich halt hier gewohnt. War ein komisches Gefühl hier zu wohnen, ohne dass du da warst. Ich habe aber versucht, nichts zu ändern. Ist ja deine Wohnung.“

„Danke“, Turel sah sich um. „Mir kommt es vor, als wäre ich länger nicht mehr hier gewesen. Fast, als wäre die Zeit stehengeblieben in dieser Wohnung“, er entdeckte die leere Packung Raffaelo, die neben dem Schränkchen stand. Turel musste lächeln: „Hey, aus der Packung da habe ich den letzten gegessen, bevor ich los bin und die beiden Irren mich gefoltert haben. Die leere Packung hat hier auf mich gewartet. Genauso wie du“, er sah zu Laura hinüber.

„Als Otto mir davon erzählte, wusste ich echt nicht, was ich denken sollte“, sie sah zu Boden. „Ich meine, du hingst eine ganze Nacht am Kreuz. Da draußen auf den Feldweg. Das muss schrecklich gewesen sein.“

„Na ja … ich habe ein paar Sternschnuppen und einen Waschbären gesehen, das ist doch auch schon was, oder?“, meinte Turel.

Laura sah ihn starr und ernst an. „Du musst mir unbedingt erzählen, wie du das machst.“

„Sternschnuppen und Waschbären sehen?“, fragte Turel.

„Nein. Da draußen auf dem Feld an einem Kreuz hängen und darüber Witze machen. Sie haben dir das Gesicht zerschnitten. Dir die Hüfte gebrochen. Dir Zähne und Fingernägel herausgerissen“, meinte sie schon energischer, „ … dir die …“, sie sprach es nicht aus.

„Sprich es aus!“, forderte Turel. „Verschwiegenheit macht es nicht ungeschehen, also sprich es aus.“

„ … dir die Eier abgeschnitten“, sie sah ihn an. „Wie kannst du jetzt einfach dort stehen als wäre nichts geschehen? Als wärst du irgend so eine Actionheld aus ’nem Film, der einfach alles wegsteckt.“

„Ich bin ein Actionheld aus ’nem Film“, grinste Turel.

Laura erinnerte sich, als sie Kinder waren und sie noch langes Haar hatte, wie Turel eines Tages meinte: „Hey, Laura, komm mal mit, ich muss dir unbedingt was zeigen.“

Er hatte eine Kerze angezündet. Es hatte einige Versuche gebraucht, bis er das Rädchen am Feuerzeug richtig gedreht hatte.

„Mach das nicht, das ist gefährlich!“, hatte Laura gerufen.

Doch Turel war das egal gewesen und er zündete den Docht der Kerze auf dem Tisch an, ballte die Faust, hatte die Hand direkt über die Flamme gehalten. Die kleine, orange Speerspitze hatte wie eine Zunge mit der Handkante gespielt. „Ich wette, das kannst du nicht!“, hatte Turel gerufen. Da hatte Laura Angst gekriegt. Auch sie hatte sich früher mal an einem heißen Ofen verbrannt und schrecklich geweint.

„Hör auf, Turel! Du tust dir noch weh!“

„Nö, tue ich nicht“, meinte er konzentriert.

„Hör auf damit, Turel“, hatte Laura gerufen, die Hände angespannt in ihre Kleidung gekrallt. „Hör auf, Turel! Sonst sag ich, dass du dir wehtust!“ –

„Du wolltest schon immer allen beweisen, dass du stärker als jeder andere bist, was?“, fragte Laura nostalgisch lächelnd.

„Ich musste das nicht beweisen“, meinte Turel. „Ich kann alles ertragen. Dass müsste doch jetzt klar sein, oder?“, er ging zum Schrank und zog eine der drei großen Schubladen auf. Suchte nach seinen Sachen.

„Weißt du, irgendwie warst du trotzdem hier. Auch wenn ich wusste, dass du noch im Krankenhaus liegst, war es, als wärst du trotzdem hier. Oder als würdest du jeden Moment zurückkommen. Oder als wärst du nur mal kurz einkaufen oder beim Zahnarzt. Das war deine Wohnung.“

„Ich war beim Zahnarzt“, meinte Turel und zog sich an.

Sie ließ sich aufs Bett sinken. „Manchmal lag ich hier und habe einfach die Decke angestarrt und versucht mir vorzustellen, was du durchleiden musstest.“

„Und?“, fragte Turel, „ist es dir gelungen?“, und zog eine weinrote Hose aus Leder hervor. Suchte die dazugehörige Jacke.

„Nein. Wie auch? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Es ist einfach unvorstellbar“, Laura verschränkte die Hände unterm Kopf, wendete den Kopf zur Seite und ließ erneut den Blick über all die Dinge in seiner Wohnung schweifen. Über die fast überquellenden Regale voller Dinge, den alten, großen Röhrenfernseher in der Ecke. Einige Dinge schlummerten einfach in gestapelten Umzugskartons, die Turel nie ausgepackt hatte. Wenn er etwas daraus brauchte, kramte er es hervor und steckte es danach wieder zurück.

„Weißt du, dass dein alter Röhrenfernseher, wenn er in der Nacht auf Standby steht, geisterhaft glüht? Ich musste den Stecker herausziehen, weil ich Angst hatte, dass er in der Nacht plötzlich irgendwelche Gesichter oder so was zeigt.“

Turel breitete die Arme aus, er meinte: „Wie sehe ich aus?“

Laura stützte sich auf die Tagesdecke des Bettes und sah Turel an. Er trug ein leichtes, dunkles Hemd und dazu diese weinrote Hose aus Krokodilleder, mit dieser merkwürdigen, vernarbten Musterung. Die Schuppen eines Reptils.

„Wie ein anderer Mensch“, lächelte Laura.

„Passt, oder?“, er ging zum offenen Balkon. Es war ein winziger, alter Balkon aus Stein. Turels Wohnung saß ganz oben in der Ecke eines Hauses. Das schwarze, spitze Geländer, das langsam rostete, stammte von einem alten Friedhof. Früher einmal hatte es ein paar Gräber umschlossen. Jetzt hielt es Turel vorm Abstürzen ab. Unten verlief schräg die Straße. Das Haus stand genau in einer Ecke. An der langen Seite links von ihm befanden sich einige Läden: Cafés, Dönerbuden, ein Elektrogeschäft.

„Was willst du jetzt eigentlich machen?“, hörte er Laura hinter sich fragen.

„Ich finde, dass ich genug gelitten habe. Ich habe jetzt nur noch das Beste verdient, findest du nicht?“, spähte Turel über seine Schulter zu Laura, die noch immer auf dem Bett saß.

3. Fegefeuer

Die enge und verwinkelte Treppe hinauf, immer Otto Feininger nach.

Durch die Tür in das niedrige Wohnzimmer.

Auch hier schien sich nichts verändert zu haben.

Eine niedrige DDR-Wohnung, die die DDR um Jahre überlebt hatte. Eine helle, gemusterte Tapete, die ebenfalls inzwischen fast zu alt schien. Ein runder Tisch mit einer kleinen Gruppe Stühle und einer weißen Spitzentischdecke. Rechts ein altes, grünes Sofa mit Sessel und dunklem, runden Holztisch. Selbstverständlich nicht ohne Tischdecke. Gegenüber eine recht ausfüllende Schrankwand. Schmucklos und zierlos aus glattem, beschichtetem Holz mit schmalen Griffen. Darin ein unpassender Flachbildschirm – wie auch immer der da hingekommen war? In der Ecke neben dem Sofa stand noch immer eine alte mit Stoff bespannte Stehlampe und von der Decke hing ein für damalige Verhältnisse futuristischer Kronleuchter, der seine fünf Lampen nach außen bog.

Otto, mit seinem leidgeprüften Gesicht und dem weißen Haar, betrachtete Turel einen Moment.

„Dieses Jahr ist verdammt leidhaft. Ich traue mich kaum zu fragen, wie’s dir geht“, meinte er und ließ sich in den grünen Sessel nieder.

„Es wird dich überraschen“, meinte Turel, „aber mir geht’s gut“, er zog die rote, zur Hose passende Lederjacke aus und warf sie aufs Sofa. Schob sich an dem Tisch vorbei und ließ sich nieder.

Otto sah ihn einen Moment an. „Das verstehe ich nicht“, meinte er. Schaute in Turels vernarbtes Gesicht. „Wie kann es dir auch nur ansatzweise gut gehen?“, das Bild von dem fürchterlich blutverkrusteten Turel, der dort so geschunden und zerstört vom Kreuz hing, flackerte durch Ottos Gehirn. „Als ich dich da sah, dachte ich, dass du nie wieder werden würdest“, meinte er. „Du weißt, ich habe eine Menge hässlicher Dinge gesehen und erlebt. Auf einem Morgenspaziergang rechnet man nicht damit, einen Freund gefoltert am Kreuz vorzufinden.“

„Ich bin froh, dass du mich gefunden hast“, begann Turel. „Ich meine, du hast schon so einiges gesehen. Du kannst das ab. Weißt du, als ich da am Kreuz hing und eigentlich kaum noch da war, hörte ich nur das Geräusch von Schritten im Kies. Ich stemmte meine Augen auf und da warst du. Ab diesem Moment war mir klar, dass ich mich fallen lassen konnte. Dass du dich um alles kümmerst. Ich habe mich drauf verlassen und wurde nicht enttäuscht. Eh ich mich versah, war der Krankenwagen da.“

Turel erinnerte sich an diese letzten quälenden Momente. Das Gekreische der Sirenen, die über den Kiesweg herbeieilten. Wie jemand ihn abtastete. Abhorchte. Seinen Puls fühlte.

Die tonnenschweren Lider hatte Turel aufgestemmt, die Sonne stand schräg und blendete ihn. Der Himmel war blau und wolkenlos. Einige Feuerwehrleute versuchten das Kreuz zu stützen, in ihrer schwarz-blauen Kleidung, den Neonstreifen und den Helmen. Andere gruben Turels Kreuz aus. Er konnte den Kopf kaum weit genug senken, um sie zu beobachten. Jedes Rütteln und Schütteln am Kreuz ließ seine Hüfte furchtbar schmerzen, genauso wie es an seinen Händen und Füßen zog. Doch Turel hatte nicht mehr die Kraft gehabt zu schreien und so musste er es eben stumm ertrag. Das Kreuz hob und senkte sich. Hob sich erneut und wurde langsam auf den Boden gelegt. Turel, den ebenfalls tonnenschweren Kopf auf der Schulter ruhend, hatte die Feuerwehrmänner angesehen, und Otto, der traurig und fad an der Seite stand und nichts tun konnte, als am verkrüppelten Kirschbaum zu stehen, beobachtete ihn.

Turels Welt legte sich flach auf den Kiesweg, wo die Feuerwehrmänner ihn hingetragen hatten, und nun machten sie sich bereit, mit einfachen Zangen die Nägel zu ziehen. Womit auch sonst?

Nach Turels Erinnerung waren das die schmerzhaftesten Momente am Kreuz. Wie der Feuerwehrmann, einen schweren Fuß auf der Erde, den anderen neben Turels Arm auf den Kreuzbalken gestemmt, beide Hände um die Zange legte und zog. Mit einem langsamen, quietschenden Ruck zog er den Nagel ein Stück hinaus. Das Metall schrammte an Turel Wunde entlang. Der Schorf, der sich bereits um den Nagel gebildet hatte, bereit, das Stück Metall zu absorbieren und einzukapseln, wurde erneut aufgerissen. Eine frische Kaskade an Schmerz in der Hand. Ein weiterer Ruck, der spitze, große Nagel war draußen.

Er brachte die Kraft auf, einmal gequält aufzustöhnen, bevor er den Kopf wieder in den Nacken sinken ließ. Der Nagel fiel in den Kies und der Feuerwehrmann sagte irgendwas, was Turel nicht verstand, tätschelte seine Schulter mit der behandschuhten Hand und trat hinüber zum rechten Arm, während ein anderer Feuerwehrmann sich daran machte, das schwarze Panzertape vom Kreuz zu schneiden.

Ein erneuter Ruck riss die Wunde an der Rechten wieder auf. Noch ein Ruck und fast schon routiniert hatte der Feuerwehrmann den Nagel draußen, der nun ebenfalls zu Boden fiel. Der andere Feuerwehrmann machte sich nun daran, Turels rechten Arm loszuschneiden, während der linke entspannt vom Kreuzbalken rutschte. Der Feuerwehrmann griff mit der groben Zange den Nagel in Turels Füßen und riss daran. Wunden platzen wieder auf. Blut und Eiter floss über Turels Füße. Der rechte Arm rutschte vom Kreuz. Turel, den Kopf im Nacken und die Augen geschlossen, lag auf dem Kreuz, während die Sanitäter um ihn herumwuselten. Mit einem schweren Ruck war der Nagel aus dem Holz, aber noch lange nicht aus den Füßen. So stemmte der Feuerwehrmann sich auf Turels Beine. Seine Hüfte schmerzte fürchterlich. Der Schmerz des gebrochenen Beckens und der abgeschnittenen Hoden kämpfte um Turels Aufmerksamkeit. Mit einem langsamen, äußerst schmerzhaften Zug war der Nagel aus den Füßen und die Sanitäter klappten ihre Liege aus. Hoben Turel vom Kreuz, das abgeschnittene Panzertape klebte noch an ihm, die Hüfte verschob sich und Turel verlor das Bewusstsein. Seine Hüfte riss ihn wie ein Stein aus purem Schmerz in die tiefe Dunkelheit.

Otto hatte zwei Gläser und Apfelbrand geholt. Füllte die klare Flüssigkeit in die beiden Gläser mit den dicken Böden.

„Hier, hast du dir verdient“, meinte Otto.

„Du sagtest, dieses Jahr wäre so leidhaft, wie meinst du das?“, fragte Turel und trank einen Schluck.

„Mathilda ist gestorben“, meinte Otto. Nahm ebenfalls einen Schluck. „Während du im Krankenhaus warst. Eines Tages ist sie einfach zusammengebrochen. Ich habe es nur gehört, weil sie die Auflaufform hat fallen lassen. Du weißt doch, welche ich meine? Diese alte Auflaufform aus diesem braunen Keramik.“

Die plötzliche Erkenntnis über Mathildas Tod gab Turel einen Stoß. „Tut mir leid“, meinte er und trank sein Glas aus.

„Wir haben am Morgen noch Scherze gemacht“, meinte Otto. „Und dann ist sie einfach umgefallen und war tot. Die Ärzte konnten nicht genau sagen, was es war. Ich hab’s nicht kommen sehen. Von einem Tag auf den anderen war sie weg. Seit damals in Auschwitz kannten wir uns. Haben uns im KZ lieben gelernt. Zusammen konnten wir nach der Befreiung uns therapieren, weißt du? Wenn wir miteinander geschlafen haben, war kein Lager mehr um uns. Wir haben uns einfach eine Ecke gesucht, wo gerade keiner war. Merkwürdig oder?“, er trank sein Glas leer. „Als ich letztes Jahr mit Mathilda auf dieser Feier war, fragte uns ein junges Pärchen, wo wir uns kennengelernt hatten. Mathilda erzählte ihnen, wo und unter welchen Umständen“, Otto musste lachen. „Die beiden wurden plötzlich kreidebleich und wussten nicht mehr, was sie sagen sollten. Mathilda hat mir sehr geholfen. Was ist mit dir?“, er sah mit seinen freundlichen Altmänneraugen zu Turel hinüber. „Hast du jemanden, mit dem du alles aufarbeiten kannst?“

„Ich brauche es nicht aufarbeiten“, meinte Turel und schenkte sich selbstständig nach. „Ich habe es überstanden. Du kennst mich doch?“

Otto sah Turel einen Moment prüfend an, dann schenkte er sich selbst nach und meinte: „Turel“, in einem Ton, der Turel wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen sollte, ein Ton, der Turel aufforderte, Vernunft anzunehmen.

„Höre auf mit solchem Blödsinn“, setzte Otto fort. „Du wurdest gefoltert. Das ist keine Schande, traumatisiert zu sein. Vergiss nicht, ich hatte das Gleiche erlebt.“

„Nicht genau das Gleiche. Du hast deine Hoden noch“, versuchte Turel die Stimmung aufzulockern.

Otto lächelte, die Falten in seinem Gesicht verzogen sich: „Ja und sie sind inzwischen genauso nützlich wie deine. Aber wir wurden beide gefoltert. Jeder auf seine Art.“

Turel kippte den Apfelbrand hinter, der sich seine Kehle hinunter brannte, sogar die sichelförmige Narbe an seinem Hals begann zu prickeln. „Du wurdest viel länger gefoltert. Über Monate hinweg. Bei mir war es nur eine einzige Nacht.“

„Spiel es nicht runter. Ich hatte Mathilda. Sie hat mich damals geküsst, als ich nicht mal mehr wusste, wie das ging“, lachte er leicht und nostalgisch. „Die Welt ist einfach nicht mehr sicher, wenn du einmal so was durchgemacht hast. Die Folter, nicht den Kuss natürlich.“

„Natürlich“, stimmte Turel zu.

Otto betrachtete Turel. „Ich versteh dich nicht. Wie lange lagst du im Krankenhaus? Ein Jahr?“

„Genau ein Jahr, ja.“

„Und jetzt sitzt du hier und tust so, als wärst du der Alte.“

„Ich bin der Alte. Ich habe überlebt. Meine Sünden quasi abgebüßt.“

Otto mochte Turel, aber manchmal konnte er sich nur über diesen Kerl ärgern. Das Schlimmste daran war, dass Turel kein Grünschnabel mehr war. Früher hatte er gewusst, Turel redete eben Stuss und wusste nicht, was für welchen. Aber er war übel gefoltert worden und redete noch den gleichen Stuss. Es brachte Otto auf den Gedanken, dass Turel damals vielleicht doch keinen Blödsinn gequakt hatte. Sie waren beide gebrandmarkte Männer. Er mit seiner Nummer und Turel voller Narben.

„Welche Sünden denn?“, fragte Otto erschöpft.

„Aus dem letzten Leben vielleicht. Oder welche, die ich erst noch begehe“, er beugte sich vor, stützte sich auf den Tisch auf: „Weißt du, was ich schon immer komisch fand? Jesus ist doch angeblich für all unsere Sünden am Kreuz gestorben. Das bedeutet, er krepierte und alle unserer Sünden sind weg. Damit müsste doch die Erbsünde sich erledigt haben, oder? Eva hat Mist gebaut, Jesus hat die Sache wieder gerichtet. Wir können demnach doch quasi keine Sünden mehr begehen. Ich meine, praktisch schon, aber im Prinzip sind die doch von Jesus schon gesühnt worden. Wir können sündigen, soviel wir wollen. Jesus hat es gerichtet. Und der Witz an der Sache ist, ich habe mehr gelitten als der Kerl.“

Otto wollte gerade einen Schluck trinken, als er plötzlich lachen und husten musste. Er hustete und räusperte sich, hielt Turel die Hand vor, stellte sein Glas fest auf den Tisch und bekam sich schließlich wieder ein.

„Du lehnst dich verdammt weit aus dem Fenster … aber du hast recht. Wahrscheinlich hast du tatsächlich mehr gelitten als Jesus“, er schüttelte den Kopf. „Und gerade deshalb verstehe ich dich nicht. Warum sagst du, es geht dir gut? Wie kann es dir so kurzfristig nach solch einem, ich nenne es mal Horror, gut gehen? Erkläre mir das. Ich versteh dich wirklich nicht. Erkläre einem alten, gefolterten Sack wie mir, warum du nicht total am Ende bist? Ich meine, es ist schön, dass du die Sache so einfach weggesteckt hast, aber wie?“

„Immer an morgen denken“, war Turels einfache Antwort.

Otto lehnte sich in seinem alten, fusseligen, grünen Sessel zurück. „Ich verstehe dich immer noch nicht. Wie kann es ein Morgen geben nach so was? Als ich aus dem Lager raus war, war ich so erschöpft, dass mir fast alles egal war, solange Mathilda bei mir blieb. Die Welt da draußen war nach dem Lager einfach nicht mehr dieselbe wie vorher. Sie hatte sich verändert.“

Turel sah auf seine vernarbten Finger. Nur an den Spitzen, rund um die Fingernägel, lauter kleine Narben. Turels Fingernägel waren recht lang, ein weißer Streifen stand über.

„Meine Nägel sind nachgewachsen. Das Herausreißen hat den Pennern nichts gebracht. Ich trau mich jetzt bloß nicht mehr so recht, sie zu schneiden“, lächelte Turel verträumt und schaute seine Fingernägel an. „Aber ich muss wohl irgendwann, weil sie sonst zu lang werden, abbrechen“, er zog die Lippen zurück, sodass Otto seine Goldzähne sehen konnte. Turel fuhr von der Innenseite mit der Zunge darüber. Sie fühlten sich ganz natürlich an, als wären seine alten Zähne wie seine Fingernägel nachgewachsen. „Ich habe wieder ein volles Gebiss“, grinste er. „Du kennst dich doch mit der christlichen Mythologie aus. Mathilda war schließlich überzeugte Christin“, meinte Turel.

„Ja?“, meinte Otto gespannt auf Turels Ausführung.

„Dann kennst du das Fegefeuer?“

„Ja.“

„Was ist das Fegefeuer?“

„Das Fegefeuer ist ein Ort der Reinigung. Wenn du nicht gut genug für den Himmel bist, kannst du dort deine Sünden ableiden. So was wie die Wiederholung der Aufnahmeprüfung. So habe ich das zumindest verstanden, als Mathilda mir das mal erklärte.“

„Ja. Man leidet im Fegefeuer seine Sünden ab. Danach darf man ins Paradies. Die Folter war mein Fegefeuer. Ich bin sauber, für immer“, meinte Turel etwas nervös. „Scheißegal was ich tue, der Himmel steht mir weit offen. Ich habe also das Fegefeuer mit Bravour bestanden und jetzt will ich meinen verdammten Himmel haben“, meinte er. Trank seinen Brand mit einem Schluck aus. „Und glaube mir, ich bekomme meinen Himmel auf Erden noch“, sagte Turel, während er sich das schimmernde Glas im Licht der Lampen besah. Wie sie glänzten und sich darin spiegelten.

4. Testosteron-Tango

An diesem ersten Abend saß Laura wie an diesem ersten Morgen auf dem Bett und sah Turel an.

Dieser warf die weinrote Krokodillederjacke, die ihm bis in die Kniekehlen hing, über den weißen Stuhl, dessen Sitzfläche und Rückenfläche nur aus einer Bahn Leder bestand, in den man so herrlich einsank.

In den Händen hielt Laura die Brieftaschen und sah sie durch. Diesmal drei an der Zahl. Lukrativ.

„Und? Wie sieht die Beute aus?“, fragte Turel und ließ die Hose herunter, warf sie ebenfalls zur Jacke über den Stuhl.

Laura zog die raschelnden Scheine hervor und sah diese durch. Ließ die Brieftaschen zwischen ihre Füße fallen. Sie trug immer noch das mausgraue Kleid.

„Sieht ganz gut aus“, meinte sie. „Zwanzig – vierzig – sechzig – achtzig“, die Zwanziger gingen durch ihre Finger. „Neunzig – hundert – fünf – zehn – fünfzehn – zwanzig“, sie sah zu Turel auf. „Durchschnittlich. Hatte schon mal mehr … allerdings auch schon mal weniger. Was hast du heute gemacht?“

„Nicht viel. Otto getroffen“, meinte Turel und ging, nur sein riffliges, dunkles Hemd an, zum Schrank hinüber und legte sich seine Utensilien zurecht.

Eingeschweißte Spritze. Eingeschweißte Nadeln. Ampullen.

„Was machst du da?“, fragte Laura. Sie sah zu Turels Beinen, wo nun sein Schwanz vor nichts hing.

„Ich mach mich startklar“, meinte er und entriss die Nadel der Verpackung, schraubte sie auf die kleine Plastikspritze, die er eben der Verpackung entrissen hatte. Legte sie ordentlich beiseite.

„Das Zeug hier hat mir Dr.Ruben mitgegeben. Ist ein toller Kerl, weißt du. Total verrückt.“

Ein wenig machte sich Laura Sorgen um ihn. „Nein, ehrlich, was machst du da? ‚Startklar‘, was soll das bedeuten?“

„Testosteron“, meinte Turel. „Ich habe keine Hoden mehr … irgendwo muss der Antrieb ja herkommen, oder?“, er hielt die kleine Ampulle einen Moment in der Faust und schüttelte sie ein wenig.

„Du setzt dir eine Testosteronspritze?“, fragte Laura.

„Ja“, Turel nahm ein kleines, silbernes Metallstück. Es ähnelte einem Miniaturbrotmesser mit kleinen Zacken. Damit sägte Turel den Hals der Ampulle durch. „Normalerweise macht es der Arzt, aber Dr.Ruben schien kurz angebunden zu sein. Er meinte, es sei besser als Salbe, weil ich von der Pickel kriegen würde, keine Ahnung, ob das ernst gemeint war“, Turel steckte die Nadel in die klare, ölige Flüssigkeit und zog etwas davon in die Spritze. Er tastete mit der Linken an seiner linken Arschbacke herum. Setzte sich dort schließlich die Spritze. Die ölige Flüssigkeit schmerzte ein wenig. Als er die Spritze aus seinem Fleisch zog, markierte ein kleiner, öliger Tropfen die Einstichstelle. Turel wischte ihn mit der Hand flüchtig weg.

Für Laura wirkte es befremdlich. Turel spritzte sich Testosteron. „Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob du noch der Alte bist“, meinte sie.

„Zwischen dem alten und dem neuen Turel liegen nur ein übler Tag und ein zugedröhntes Jahr im Krankenhaus. Ich habe mich nur äußerlich verändert“, meinte er.

„Dir kam es vielleicht nicht so lange vor, aber mir schon. Du lagst eben im Krankenhaus unter irgendwelchem Zeug, aber ich habe hier in deinem Bett geschlafen. Habe in deiner Wohnung gelebt. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, die du weg warst.“

„Es fühlt sich irreal an, weißt du“, begann Turel und ging zu ihr hinüber er. „Als ob die Nacht auf dem Feldweg das letzte Reale gewesen wäre. Ich weiß, dass ich wieder Zuhause bin, das ist mir klar. Ich weiß, dass hier eine wunderbare Laura vor mir sitzt“, dabei musste sie lächeln. „Aber ich bin noch nicht richtig angekommen. Ich nehme es hin, aber richtig bewusst ist es mir nicht“, er sah sie einen Moment in diesem rosaroten Lichtschein der bunten Birnen an, der über ihre Haut strich. Den grauen Stoff ihres engen Kleides entlang. Das Geld wirkte rosa in ihren Händen. Es beschien ihre leichten Rundungen. Ihr Gesicht.

„Andererseits brauchen wir nie wieder ein Kondom zu benutzen“, meinte Turel spontan.

Laura wusste nicht, ob es ein Witz sein sollte. „Warum? Können wir denn noch Sex haben, du hast schließlich keine …“

„Ja“, fuhr ihr Turel dazwischen. „Die produzieren aber nur Samen. Den Rest macht die Prostata. Der Schwellkörper ist in Ordnung und arbeitswillig“, er hob seinen Schwanz kurz an, was die Leere zwischen seinen Beinen noch unterstrich, und ließ ihn wieder fallen. „Was denkst du, wozu ich mir Testosteron spritze?“, meinte er und stützte sich kurz auf seine Knie.

Eine leichte Traurigkeit ergriff von ihrem runden Gesicht Besitz: „Das muss schlimm gewesen sein“, meinte sie.

„Der Schock kümmert sich schon drum“, meinte Turel. Setzte sich neben sie aufs Bett. „Weißt du was? Ich könnte den Schmerz nicht mehr beschreiben. Nicht, weil er unbeschreiblich wäre, sondern weil ich mich nicht mehr erinnere. Es ist wie bei Schwangeren. Man vergisst den Schmerz, sonst würde man ja durchdrehen. Guck dir zum Beispiel eine dieser fetten Frauen da draußen an. Zum Beispiel die Hildrichen, du weißt, welche ich meine? Deine frühere Nachbarin. Die hat … wie viel? Fünf Kinder? Jedes ein Souvenir von einer früheren Beziehung. Denkst du, die hätte auch nur ein zweites rausgequetscht, wenn sie sich genau noch an die Schmerzen erinnern könnte? Weißt du, die übelsten Schmerzen von allen, an die ich mich noch erinnere, waren die, als die Nägel aus meinen Händen und Füßen gezogen wurden“, meinte Turel und hob demonstrativ beide Hände mit den runden Löchern zwischen den Speichen des Ring- und Mittelfingers.

„Ich kann mich nicht erinnern, außer an das Gefühl der Kälte und dass was fehlte. Gesehen habe ich auch nicht, wie sie mir die Eier abtrennten. Ich hatte Blut in den Augen. Konnte kaum was sehen. Unnützes Fleisch muss weg, was?“, scherzte Turel.

„Ich finde das echt nicht witzig“, meinte Laura. „Die haben dir die Eier abgeschnitten … das ist wie … als hätten sie einer Frau die Brüste …“, sie wollte sich das lieber nicht vorstellen.

Turel sprang auf: „Quatsch! Was soll ich denn machen? Rumheulen, weil ich meine Hoden los bin?!“, fragte er. „Ich kriege sie ja eh nicht wieder“, meinte er und stand ganz plötzlich nutzlos mit hängenden Armen da, nur mit dem Hemd bekleidet, im Raum. Die gelochten Füße auf dem arabischen Teppich. Das Testosteron gluckerte in ihm herum. Laura hatte all ihre Anziehungskraft, die mit seinen Hoden gegangen war, wieder. Nicht dass er sie zwischenzeitlich unansehnlich gefunden hätte. Sie war immer noch schön, aber eher wie eine Statuette, wie ein Kunstwerk. Nun übten ihre Waden wieder die starke Anziehungskraft auf ihn aus, wie sie da so brav zusammen standen. Er erinnerte sich an das Gefühl, ihre Brüste zu kneten. An ihren Geruch und ihre Geräusche, wenn sie stoßweise ausatmete.

„Vielleicht kannst du mich ja trösten“, meinte Turel.

Laura verstand nicht recht.

Turel ging auf sie zu. Lächelte: „Leg schon das Geld zur Seite“, dabei kickte er eins der Portemonnaies weg.

Schließlich sah Laura schon, was los war, vergaß ihre Bedenken, warf sich zurück und stopfte das Geld in die Schublade des Nachtschränkchens. Für Turel hatte das Geld vorläufig seinen Wert verloren, er griff sie an den Knöcheln und zog die kichernde Laura zu sich zurück, wobei ihr Kleid bis zu dem Gürtel hochrutschte: „Nicht wegkrabbeln“, meinte er und machte sich sogleich an die Arbeit.

Ein kleiner Bannzauber gegen alles, was geschehen war. Das Testosteron arbeitete und hängte ihm imaginäre Hoden an. Turel machte sich nicht die Mühe, den Gürtel zu lösen, sondern zog das Kleid einfach von ihren kleinen, weichen Brüsten. Ein kleines Spektakel und Gerangel im Garten irdischer Genüsse. Das rosa Licht hüllte alles ein, Laura schlang ihre Beine um ihn. Zog seinen ungewohnt kahlen Kopf näher zu sich heran. Seine vernarbten Finger gruben sich in ihr Fleisch. Ein Gegengift in Form von elektrischen Signalen gegen den Schmerz der herausgerissenen Nägel, die schon lange wieder nachgewachsen waren.

Turel wie auch Laura spürten, dass sich an dem Vorgang und den freigesetzten Stoffen nichts merklich verändert hatte. Erst nachdem Turel sie zurücksinken ließ und sich aufsetzte, spürte er den fehlenden Widerstand zwischen seinen Beinen. Aber mehr auch nicht.

„Du hast recht“, meinte Laura. „Es hat sich nichts verändert“, meinte sie mit hochgeschobenen Kleid und heraushängenden Brüsten im rosa Schein des Lichtes.

Turel wurde etwas Bestimmtes klar und er rollte sich zur Seite neben sie. „Wir haben gerade die Natur beschissen“, meinte er lächelnd, die Hände hinter dem Glatzkopf verschränkt.

„Wie meinst du das jetzt wieder?“

„Hast du dich je gefragt, warum alle so verrückt nach Sex sind?“, stellte Turel seine Gegenfrage.

„Weil’s geil ist.“

„Und warum ist es so geil?“, fragte er und sah zu ihr hinüber.

„Warum?“, fragte Laura. Spielte einfach mit.

„Weil die Natur will, dass wir uns fortpflanzen. Warum sollte uns Sex sonst gefallen? Wir sollen unsere Art erhalten.

Doch jetzt können wir das Ganze haben, ohne die geringste Gefahr. Meine Hoden sind dahin. So bleibt für mich nur noch das Gefühl übrig. Wie ich schon sagte, wir bescheißen die Natur. Sieht fast so aus, als hättest du damals recht gehabt.“

„Womit denn?“

„Weißt du nicht mehr, was du damals meintest, als die Frage aufkam, ob wir nun ein Paar sind oder nicht?“

„Nein, was habe ich denn gesagt?“, fragte Laura.

„Du meintest, wir wären einfach zwei verlorene Seelen, die den Weg gemeinsam beschreiten. Das gefiel mir schon immer, wie du das so gesagt hast“, meinte er.

Laura drehte sich auf die Seite: „Daran kann ich mich nicht mal mehr erinnern. Soll ich das wirklich gesagt haben?“

„Ja. Hat sich denn was an der Aussage geändert?“

„Nein, ich glaube nicht“, meinte Laura lächelnd. „Wir sind wohl immer noch verlorene Seelen. Mehr denn je.“

5. Fingernägel

Turel stand in dem kleinen Bad und betrachtete seine Fingernägel.

Die Badewanne direkt vor ihm, die Tür im Rücken. Es schien helles Tageslicht durch das kleine, hohe Fenster zum Fuß der Wanne hinein. Eigentlich wollte Turel bereits unterwegs sein, doch es gab noch etwas, was erledigt werden musste, und das fiel ihm sichtlich schwer.

Er hielt eine kleine, silberne Fingernagelschere aus Metall in der Rechten, während er die Fingerspitzen der Linken betrachtete. Die kleinen dünnen Narben rund um den Fingernagelansatz. Inzwischen waren seine Nägel sehr gut nachgewachsen und so lang, dass sie ihn störten. Trotzdem konnte es Turel nicht.

Er stand einfach vor der Wanne, schon angezogen und bereit loszumarschieren in seiner weinroten Krokodillederjacke und der dazu passenden Hose aus dem gleichen Material, doch er konnte einfach nicht.

Stand konzentriert da und schwitzte.

Nicht der Schmerz, sondern das Gefühl des Fehlenden, dass der Finger plötzlich weniger stabil sein könnte. Die rote von Fleisch durchsetzte Haut, die ihrer Motorhaube aus Horn beraubt worden war. Die Verletzlichkeit. Nackt und schutzlos. Aber das konnte Turel ja nicht an sich heranlassen. Er hatte schließlich nicht grundlos gelitten.

Ihm ging es gut.

Ihm ging es gut.

Ihm ging es gut.

So, jetzt, wo das geklärt ist, können wir ja anfangen.

Wieder starrte Turel einen Moment seine Fingernägel an. Er entschloss, dass ihn die Jacke störte, also ließ er sie von seinen Armen rutschen und auf die weißen, klinischen Fliesen fallen. Ganz anders als die staubigen, dreckigen, auf denen er gefoltert worden war.

Die Schere wechselte in die Linke.

Wenn, dann fange ich mit dem Schwierigsten an.

Vorsichtig setzte Turel die kleine Schere am rechten Zeigefinger an. Schnitt vorsichtig. Die Nägel durften ihn nicht behindern, aber sie durften keinesfalls zu kurz sein. Ein weißer Rand musste überstehen, ganz einfach, damit der Fingernagel nicht direkt in das weiche Fleisch schnitt. Die ersten Hornspäne fielen in die Wanne. Turel spürte, wie Schweiß seine Schläfen entlang kroch, wie eine schwere, rote Nacktschnecke, die ihre Schleimspur über seine Schläfe zog.

Die rechte Hand war fertig, das Schwerste getan. Die Schere wechselte die Hand. Das gleiche Spiel bei der Linken. Es wurde mit jedem Finger einfacher. Waren ja bloß Nägel, mehr nicht. Nur Fingernägel. Niemand würde sie ihm noch mal herausreißen können. Er hatte alles überstanden, alles in bester Ordnung.

Als er fertig war, drehte er den Wasserhahn auf, der aus der Wand ragte. Das klare Wasser spülte die Hornreste wie kleine Segelboote den Abfluss hinunter. Turel drehte ihn wieder zu und wandte sich um.

Fast kam es ihm vor, als schiebe er mit den Schuhen, während er sich drehte, den dicken Staub vom Boden, der mit seinem Blut zu einer dicken, rot-grauen Paste geworden war, an ihm haftete wie Semmelmehl mit Blut statt Ei.

Zähne und Fingernägel, die um ihn herumlagen.

Es kostete Turel unheimliche Kraft zu lächeln. Die beiden Mundwinkel nach oben zu ziehen, wobei sich sein vernarbtes Gesicht verzog. Er musste krampfhaft lachen, weil er gewonnen hatte. Er hatte alles gewonnen. Dafür hatte er bloß richtig üble Stunden bezahlt, Zähne, die längst ersetzt worden und Fingernägel, die schon wieder nachgewachsen waren. Er legte die kleine Schere auf den Rand des Waschbeckens neben die schmierige, blaue Seife und betrachtete seine Fingernägel. Bei jedem ein weißer Streifen über. Fantastisch.

Und nun fragte er sich, warum er hier so herumtrödelte, schließlich musste er doch los. Schnell hob Turel seine Jacke auf und ging durch die Räume, die fast spiralisch um das Zimmer mit seinem Bett und dem Balkon angeordnet waren.

Laura war bereits ausgeflogen, um irgendwelche Leute zu beklauen. Als er durch die Küche in den schmalen Raum hinter seinem Bett kam, wo Kartons und ein kleiner, alter Schrank mit gewunden Verzierungen und einem Spiegel standen, den der Vorbesitzer hiergelassen hatte, streifte sich Turel die Jacke über. Schaute in den Spiegel, den Kerl an, der bereits alle Sünden der Welt abgelitten hatte. Das Schlimmste war überstanden, er war über den Berg.

Da klopfte es plötzlich an der Tür und Turel fuhr herum. Er öffnete sie und da stand ein Mann im Anzug vor ihm, der ihm einen Briefumschlag reichte. Alles ging so schnell, dass Turel kaum Zeit hatte, den Mann zu erkennen. Er nahm einfach den Umschlag entgegen und betrachtete ihn.

„Guten Tag, Herr Nazaret“, sagte der Mann. „Herr Flitzwitz möchte sich gern bei Ihnen entschuldigen für all die Unannehmlichkeiten. Die Einladung ist im Umschlag. Einen schönen Tag noch.“ Als Turel daraufhin vom Umschlag aufsah, sah er nur noch den Rücken des Mannes, der die Treppe hinunterging.

6. Der hypothetische Lee

Hellstes Licht erfüllte den weiten Raum.

Alles war hell und schön. Fenster reichten über die ganze Wand. Nur Vorhänge konnten davorgezogen werden. Der Schreibtisch an der Wand glänzte wie poliert. Er war schlicht und doch so prächtig. An der Wand dahinter ein paar Bilder. Teilweise Kritzelmännchen, die von Kindern und/​oder Patienten gezeichnet worden waren.

Er war aufgestanden und zu Turel gegangen. Hielt ihm freundlich die große, schwarze Hand hin.

„Guten Tag, wie geht’s Ihnen?“, meinte er mit einem breiten, dicklippigen Lächeln.

Turel schüttelte die schwere, schwarze Hand. „Gut … mir geht’s gut“, meinte Turel ein wenig angespannt.

Dr.Klember war ein großer, schwarzer Mann. Nicht nur groß, sondern auch breit. Keinesfalls dick oder muskulös. Aber er war wie eine menschliche Mauer aus Fleisch und schwarzer Haut, erfüllt von strahlender Güte. Sein fast birnenförmiger Kopf schien recht übergangslos auf dem Rumpf zu sitzen. Dr.Klember hätte sicherlich ein Fußballtor blockieren können. Trotzdem war der Koloss in dem graugestreiften Anzug alles andere als gefährlich.

Ein sanfter Riese, der Turel zur Liege wies, die recht mittig im Raum stand: „Setzen Sie sich doch“, meinte Dr.Klember und ließ Turel vorgehen. „Ich nehme Ihre Jacke, wenn Sie möchten“, er half Turel aus der Jacke, trug sie hinfort und hängte sie mit seinen riesigen Fingern an die Wand.

Es war kein altes Sofa, sondern eine Liege auf dünnen, geschmeidigen Metallbeinen. Schwarzes Lederpolster. Flach und leicht gebogen wie ein Liegestuhl. Turel setzte sich erst einmal seitlich darauf und beobachtete den Koloss, wie er sich seinen Chefsessel heranzog und darauf Platz nahm. Sofort senkte sich der Stuhl fast zur Hälfte und Dr.Klember strahlte Turel an. Die perfekte Zahnarztwerbung. Ein Koloss, der nicht schwärzer hätte sein können, mit einem breiten weißen Lächeln. Seine Zähne waren so gleichmäßig, dass Turel ihm auch abnehmen würde, dass es keine Zähne, sondern Auswüchse der Kieferknochen waren, gleich einem Dunkleosteus.

„Turel Nazaret. Das ist ein interessanter Name“, begann er. „Sagen Sie, woher kommt der?“

„Keine Ahnung“, meinte Turel.

„Ich wusste nicht, dass es Turel auch als Vornamen gibt.“

„Gibt so einiges, was?“

„Da haben Sie recht“, meinte Dr.Klember. „Sie können sich ruhig hinlegen, wenn Sie wollen. Sie können aber auch gern so sitzenbleiben, wenn es Ihnen gefällt. Erstmal, wie geht es Ihnen?“, fragte er und lehnte sich zurück. Turel blieb seitlich sitzen.

„Gut“, meinte Turel. „Mir geht’s gut.“

„Das ist schön. Sie müssen sehr stark sein, wenn es Ihnen nach alle dem gut geht. Aber schließlich haben Sie es sich ja auch verdient oder?“

So sieht es aus.

„Wissen Sie …“, er brach ab. „Wollen Sie ein Glas Wasser haben?“, fragte er und deutete zum Schreibtisch, wo zwei neutrale Gläser mit Wasser standen.

„Nein, nein. Schon okay.“

Er wandte sich wieder Turel zu: „Als ich Sie letztens im Krankenhaus besucht habe, hatten Sie noch Haare, was ist denn passiert? Ein Neuanfang?“

„Nein, ich führe was fort“, meinte Turel. „Ich dachte, wenn ich ordentlich gelitten habe, dann kann ich auch so aussehen.“

„Wie meinen Sie das denn?“, fragte Dr.Klember.

„Na ja, so Tibet-Mönch-Stil. Macht des Geistes über den Körper. Der Geist ist stärker als der Körper und so.“

„Das ist ein guter Ansatz. Die wenigsten Menschen, die so etwas erlebt haben, können so gelassen in die Zukunft blicken. Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?“

„Warum fragen Sie das denn?“

„Na ja“, lächelte er. „Sie scheinen ja gut klarzukommen. Ich bin Psychologe. Wenn es Ihnen gut geht, dann brauchen Sie mich nicht. Die Krankenkasse hat ein paar Sitzungen bezahlt, also warum sie verschwenden. Unterhalten wir uns.“

„Was war die Frage noch mal?“

„Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?“

„Ich denke, ich werde das Leben genießen“, meinte Turel. Dabei kam ihm eine Idee. Er schwang sich auf die Liege und verschränkte die Hände hinterm Kopf, die Füße gekreuzt. „Wie Sie sagten, ich hab’s verdient nach all dem. Ich habe ja schließlich genug gelitten. Das ist vermutlich der Punkt. Sag mal“, meinte Turel, „um ein Trauma wie Folter überwinden zu können, muss man es doch erst mal anerkennen, oder?“

„Da haben Sie recht“, pflichtete Dr.Klember bei.

„Das habe ich. Schon im Moment, als es passiert ist. Ich habe eben gelitten. Weißt du, woran ich in letzter Zeit gedacht habe, während ich da so im Krankenhaus lag?“, fragte Turel und spähte kurz zu Dr.Klember hinüber.

„Nein. Erzählen Sie’s mir“, meinte er lächelnd.

„Ich dachte an all die Opfer von Katastrophen, oder die damals in Hiroschima. Ich meine, die wurden aus ihrem Leben gerissen. So wie ich. Von einem Moment an war nichts mehr dasselbe. Alles zerstört. Menschen mit geschmolzenen Gesichtern und so. Leichenteile, die vom Himmel regnen. Was weiß ich, eben hattest du noch jemanden an der Hand und plötzlich ist nur noch der Arm da. Die haben eine sehr anschauliche Darstellung der Hölle bekommen, oder? Überall verdammte Seelen, die auf ihrem nackten, verschmorten Fleisch herumkriechen und um Wasser und Linderung betteln. Stellen wir uns einen Typ in Hiroschima vor … äh … wie heißt man in Hiroschima? Lee.“

„Lee ist, glaube ich, chinesisch, aber das macht nichts“, meinte Dr.Klember. „Also, wir sind Lee in Hiroschima.“

„Ja. Wir gehen durch die zerstörten Straßen. Sehen all den Horror, der da stattfindet. Alles ist zerstört. Schatten in den nackten Stein gebrannt. Der totale Horror eben. Nehmen wir mal an, Lee ist weitgehend gut davongekommen. Vielleicht in ’nem Keller oder so, weit genug weg, dass er nicht bei lebendigem Leibe gebraten wurde. Und jetzt sind wir aus unserem Loch gekrochen und laufen durch die Straßen. Vielleicht helfen wir, wo wir können?“

„Ich bin sicher, dass wir tun, was wir tun können“, pflichtete Dr.Klember bei.

„Ja. Wir helfen, wo wir können. Und was passiert? Plötzlich ist unser hypothetischer Lee total verstrahlt. Ich meine, jetzt so richtig. Ihm fallen die Haare aus und so. Vielleicht bindet er sich ein Kopftuch um und hilft weiter. Tut so, als ob nichts wäre. Denn er weiß, wenn er nicht hilft, wird er ebenfalls siechen und verwelken. Nehmen wir an, alles klappt. Lee überlebt. Die Stadt wird neu aufgebaut. Die Leute finden langsam aber sicher in die Normalität zurück. Lees Haare wachsen wieder. Und dann …“

„Und dann …?“, fragte Dr.Klember.

„Und dann nimmt Lee seinen alten Job wieder auf. Er darf wieder Klos putzen und seinen Hungerlohn kassieren, wovon das meiste für die Miete in irgendeinem Drecksloch weggeht. Sicher, er hat überlebt und halb Hiroschima wieder aufgebaut, und keiner wird ihm danken. Jeder hat eben mit sich selbst zu tun und glaubt daran, dass es selbstverständlich ist, dass einer sein Leben riskiert, nur um einen Unbekannten zu retten. Wofür hat Lee denn dann überlebt? Nichts ist besser geworden. Eine Katastrophe war passiert. Er hat Übermenschliches geleistet und jetzt ist er zurück im alten Leben. Wofür? Weißt du, wie ich das finde?“

„Nicht sonderlich gut, entnehme ich Ihrer Erzählung.“

„Ganz und gar nicht. Da hast du recht. Ich finde das zum Kotzen. Also wozu überlebt man das, wenn nichts besser wird? Wozu? Ich habe überlebt und werde mein Leben genießen“, er sah wieder lächelnd mit seinem vernarbten Gesicht zu Dr.Klember auf.

„Ich meine, ich bin der hypothetische Lee! Die Welt hat jetzt gefälligst die Ampeln für mich grün zu stellen. Ständig sollen wir doch alles für Flüchtlinge tun, weil die eben aus dem Horror kommen. Jetzt bin ich auch Flüchtling. Die Gutmenschen haben mich in ihre Wohnungen und aus ihrem Topf essen zu lassen. Weil ich gelitten habe. Wenn die wirklich so gut und so sozialverantwortlich sind, dann haben die Kerle mir die Wanne vorzuheizen und dann haben die Frauen gefälligst ihre Beine breitzumachen, wenn ich komme. Ich bin sogar freundlich und sage danach: ‚Danke, danke, ihr guten, ihr herzensguten Menschen.‘ Es sei denn, sie sind alle gar nicht solche herzensguten Menschen, die alles tun würden, nur damit es mir wieder besser geht.“

Turel lag noch immer lächelnd, trotz der harten Worte, mit verschränken Armen hinterm Kopf und überschlagenen Beinen auf der Liege. „Deswegen geht’s mir gut“, meinte er selbstzufrieden. „Das Prinzip kannst du gern den andern Opfern verraten. Ich bin vielleicht ein Opfer“, er sah in das helle Licht, das den Raum so glorreich wie das Paradies flutete. „Aber ich bin keiner dieser zitternden, zuckenden Verlierer. Ich bin ein Gewinner, gerade weil ich diese Torturen überstanden habe. Ich meine, ich habe keine Eier mehr“, er sah zu Dr.Klember auf. „Das ist schon übel, oder?“, Dr.Klember sah zurück in dieses zerschlitzte Hundegesicht mit den vielen Goldzähnen. Er wusste nicht genau, was er davon halten sollte.

So was war ihm bisher noch nicht untergekommen.

7. Ein schneller Kaffee

Es war ein nettes, kleines Kaffeehaus mit großen Fenstern zur Straße hin, an denen man sitzen und Kaffee trinkend hinausstieren konnte, und einigen dunklen, runden Tischen mit Sofas und Stühlen, selbstredend im braun-schwarzen Kaffeehausstil.

Es war so gut wie leer und rein offiziell war es auch gerade geschlossen. Das musste Herr Flitzwitz angeordnet haben.

Turel sah ihn gleich, Herrn Flitzwitz, wie er dort auf dem Stuhl saß. Ein schmaler, bürokratischer Kerl mit Brille und sauberer Frisur. Er steckte wie immer in einem beigen Anzug. Überhaupt war alles an ihm irgendwie beige und fade. Und wer saß da auf dem roten, eleganten Sofa mit den dünnen, schwarzen Holzbeinen? Der blonde Asiat mit der Kinn-Schnurrbart-Kombination, der über die Lehne zu Turel schaute. Er winkte Turel heran.

Als Turel um das Sofa herankam, klopfte der Asiat neben sich auf das Polster: „Mein rechter, rechter Platz ist leer“, grinste er.

„Setz dich“, meinte Herr Flitzwitz von seinem Stuhl aus und deutete mit der flachen Hand auf das Sofa. Ein verschwommenes, blutiges Bild vom grinsenden Asiaten, der mit der Zange spielt, flackerte über Turels Sehrinde hinweg. Er setzte sich neben den Asiaten.

„Willst du einen Kaffee?“, fragte Herr Flitzwitz.

„Ja“, sagte Turel. Der Asiat saß neben ihm, einen Arm auf der Lehne, und grinste ihn breit an, was dessen Augen noch schmaler machte, während Herr Flitzwitz sich umdrehte und zur Tante an der Glastheke mit den vielen Kuchen hinüberrief: „Bringen Sie unserem Freund einen Kaffee bitte“, dann wandte er sich wieder Turel zu. Das Gesicht nichtssagend und ausdruckslos.

Bürokraten-Pokerface.

Er hakte die Finger ineinander. Auf dem Tisch standen bereits sein Kaffee und der des Asiaten.

„Es tut mir sehr leid, das musst du wissen, Turel“, meinte Herr Flitzwitz. Sah kurz darauf den Asiaten an und meinte: „Mingzi … bitte …“, worauf Mingzi sich normal neben Turel setzte und zu grinsen aufhörte.

„Du musst wissen, es war alles nicht so geplant. Mingzi hier, muss meinen Befehl fürchterlich falsch gedeutet haben“, meinte Herr Flitzwitz. Seine Augen hinter den Brillengläsern fuhren die tiefen Narben in Turels Gesicht nach. „Du hast dich sehr verändert“, meinte er schließlich.

Darauf musste Turel lachen. Seine Goldzähne wurden dabei sichtbar. „Ach was? Wirklich?“, fragte Turel.

Die Kaffeetante brachte den Kaffee und verschwand wieder. Turel zog seine Tasse zu sich hin, stupste den Zuckerwürfel hinein, der daneben auf der Untertasse lag, und riss das Päckchen Milch auf, um es hineinzugießen. Eine weiße Spirale mischte sich ins Schwarz und Turel rührte mit dem Löffel drin herum.

„Ich kann verstehen, dass du wütend sein musst“, begann Herr Flitzwitz von Neuem. „Aber du musst das auch mal von meiner Seite aus sehen. Du hast fürchterlich hohe Schulden. Ich meine, ich gewähre gern Freunden einen Vorschuss und wenn gute Freunde ein Problem haben, können sie immer zu mir kommen und dann werde ich mich um die Probleme kümmern, aber dann muss man auch seine Schulden bezahlen können. Wir müssen alle zahlen, Turel“, meinte er mit besorgter Miene.

Turel rührte die Schwärze um. Sah kurz zur Mingzis Tasse hinüber. Alle drei Kaffeetassen weiß und klinisch. Neben Mingzis Tasse stand die kleine Milch, unangetastet.

„Gib mir mal die Milch“, meine Turel zu Mingzi hinüberschielend. Der schob sie mit einem langen Finger mit schwarz lackiertem Nagel hinüber.

Turel goss eine weitere weiße Spirale ins Dunkle, das sich ganz langsam klärte. Licht trat in die Finsternis. Er hatte alles überstanden. Die Nägel waren nachgewachsen. Das zeigten die Narben, dass alles vorbei war.

Nach diesem kurzen Schweigen sah Turel auf: „Was hast du Mingzi denn befohlen, was er so furchtbar falsch verstehen konnte?“, Turel sah zu ihm hinüber: „Vielleicht solltest du erst mal richtig Deutsch lernen?“

„Ich bin Deutscher, du Penner!“, mokierte sich Mingzi.

„Sssch“, meinte Herr Flitzwitz mit einer beschwichtigenden Handbewegung.

„Deine Augen sagen mir was anderes, Lee Mingzi“, grinste Turel mit seinem golddurchsetzten Gebiss zurück.

„Ich heiße Louis, du Arschloch, ich bin in Dresden geboren!“, mokierte er sich weiter.

Turel nippte an seinem Kaffee. Wandte sich Herrn Flitzwitz zu und ignorierte Louis. „Ganz ehrlich, mich wundert, dass du mich zum Kaffee eingeladen hast. Warum sind wir nicht Sushi essen gegangen?“, fragte Turel ganz unschuldig.

„Sushi ist japanisch, meine Mutter ist Chinesin!“

„Ist ja Wahnsinn, da wäre ich nie drauf gekommen“, konterte Turel und Louis zog sich griesgrämig in seine Ecke zurück. „Also“, meinte Turel zu Herr Flitzwitz. „Was für ein Befehl war es denn, den Louis Ich-bin-Deutscher-Mingzi da falsch verstanden hat?“, er deutete mit einer Daumenbewegung zu Louis hinüber.