Engelspapst - Jörg Kastner - ebook

Engelspapst ebook

Jörg Kastner

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Opis

Weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle, aber die Welt zweifelt: Ist der neue Papst Custos ein Heilsbringer, der in alten Schriften erwähnte Engelspapst – oder stürzt er die Kirche ins Verderben? Da geschieht hinter den Mauern des Vatikans eine furchtbare Bluttat: Der Kommandant der Schweizergarde wird ermordet. Sein Neffe Alexander Rosin, Adjutant der Garde, dringt bei der Suche nach den Verantwortlichen tief in die Machtstrukturen des Vatikans ein. Zusammen mit der jungen Journalistin Elena Vida deckt er die Machenschaften eines gefährlichen Geheimbunds auf. Ein sagenumwobener Smaragd führt die beiden auf die Spur einer jahrhundertealten Verschwörung – und schließlich steht nicht nur die Zukunft der Kirche auf dem Spiel, sondern auch das Leben von Papst Custos. In den dunklen Katakomben unter den Straßen Roms fällt die Entscheidung…

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Jörg Kastner

Engelspapst

Roman

Für Andrea und Roman Hocke, ohne die Rom nur eine Stadt geblieben wäre.Weiterer Dank gilt meiner Frau Corinna, die Rom mit mir erkundet und das Manuskript kritisch gelesen hat.JK

Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben,

und was du auf Erden bindest,

wird auch im Himmel gebunden sein,

und was du auf Erden löst,

wird auch im Himmel gelöst sein.

(Matthäus 16.19)

Das Verlorene werde ich suchen, das Versprengte zurückholen, und das Verwundete verbinden, und das Schwache werde ich stärken; aber das Fette und Starke werde ich vertilgen und werde es weiden mit Gericht.

(Hesekiel 34.16)

Der Fremde erblickt am Ende des rechten Halbrunds merkwürdige Gestalten, die Kleider aus roten, gelben und blauen Tuchstreifen tragen: es sind die guten Schweizer, mit Hellebarden bewaffnet, in der Tracht des 15. Jahrhunderts. Damals bildeten die Schweizer die Hälfte aller europäischen Heere, und zwar die tapferere; daher der Brauch, Schweizer zu halten.

(Stendhal, Wanderungen in Rom)

Prolog

»Habemus papam! – Wir haben einen Papst!« Als Monsignore Gianfranco Tamberlani, Kardinalprotodiakon und Vorsitzender der Apostolischen Signatur, auf dem Balkon der Vatikanbasilika die feierlichen Worte ins Mikrofon sprach, atmete die vieltausendköpfige Menge auf. Dicht zusammengedrängt hatten die aus allen Erdteilen zum Konklave nach Rom gereisten Gläubigen trotz des Nieselregens auf dem Petersplatz ausgeharrt. Herbeigelockt von den dicken weißen Rauchwolken, die knapp eine Stunde zuvor aus dem kleinen Schornstein der Sixtinischen Kapelle aufgestiegen waren. Dort hatten, unbeachtet von den majestätisch über ihren Häuptern schwebenden Gestalten auf den leuchtenden Deckenfresken Michelangelos, die drei als Wahlprüfer ausgelosten Kardinäle die anonymen Stimmzettel und alle Aufzeichnungen der Wahlversammlung vorschriftsmäßig im alten Ofen der päpstlichen Hauskapelle verbrannt. Zusammen mit den Stäbchen, deren chemische Zusammensetzung dem Rauch das unverkennbare Weiß verlieh.

Der alte Kardinal Tamberlani war, als er den Balkon betrat, für einige Sekunden der meistbeachtete Mann Roms und der ganzen christlichen Welt. Auf dem Petersplatz und vor Millionen Fernsehschirmen hatten Christen nicht nur der römisch-katholischen Konfession mit angehaltenem Atem darauf gewartet, dass der dienstälteste Diakon unter den Kardinälen, dem die Verkündung des Wahlergebnisses oblag, sich endlich zeigte. Allen düsteren Prophezeiungen zum Trotz, dass mit dem Tod des letzten Papstes, der ausgerechnet am Karfreitag verschieden war, das Ende des Papsttums, der römisch-katholischen Kirche und der ganzen Menschheit gekommen sei, hatten die im Konklave versammelten Kardinäle sich auf einen Nachfolger geeinigt.

Der weiße Rauch bewies es.

»Habemus papam!«

Das tausendfache Raunen und Flüstern vor Sankt Peter explodierte in einem gigantischen Jubelschrei. Der alte ägyptische Obelisk, der sich aus der Mitte der Menge in den trüben Aprilhimmel reckte, und die Heiligenfiguren auf den Kolonnaden rings um den Platz schienen regelrecht zu erbeben.

Immer mehr Porporati – »Purpurne«, wie der Volksmund die Kardinäle aufgrund ihrer scharlachroten Soutanen nannte – drängten sich auf den Balkon. Allerdings trugen sie statt des leuchtenden Purpurs die schwarzen Talare, die für die Sedisvakanz, die papstlose Zeit, vorgeschrieben waren. Nur die breiten Schärpen und die Kopfbedeckungen waren in der Ehrenfarbe der Kardinäle gehalten. Ob Schwarz oder Rot, die obersten Vertreter der heiligen römischen Kirche interessierten die Gläubigen in diesem Augenblick nicht im Geringsten. Unzählige Augenpaare suchten das Gewühl auf dem Balkon nach dem Mann in der weißen Soutane ab, der Farbe der Unschuld und der Reinheit, des ungebrochenen Lichts und der unbedingten Wahrheit – in der Farbe des Papstes.

Nun lenkte ein von Trommelwirbeln begleiteter feierlicher Aufzug vor der Vatikanbasilika die Aufmerksamkeit auf sich. Die Schweizergarde, seit fünfhundert Jahren Beschützerin des Heiligen Vaters, hatte zu Ehren des neu gewählten Oberhirten ihre im Blau-Gelb-Rot der Medici gehaltene Galauniform angelegt. Für gewöhnlich war die prachtvolle altertümliche Aufmachung mit den schwarz glänzenden, federbuschbesetzten Helmen und den langen Hellebarden eine Touristenattraktion ersten Ranges, aber an diesem Tag konnte sie die Menge nicht lange fesseln. Ein Stück weißer Soutane schimmerte zwischen dem Schwarz und Rot der Kardinäle hindurch. Jeder, der es sehen konnte, wusste, dass dort, noch verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit, der neue Papst stand.

Kardinal Tamberlani breitete die Arme zu einer Ruhe einfordernden Geste aus und wiederholte: »Wir haben einen Papst – Kardinal Jean-Pierre Gardien …«

Er hatte den Namen kaum ausgesprochen, als seine Stimme trotz der leistungsstarken Lautsprecheranlage erneut vom Geschrei der Menge übertönt wurde. Längst nicht alle jubelten. Viele fragten verwirrt, ob sie den Namen richtig verstanden hätten und wer dieser Kardinal Gardien überhaupt sei. Auch die zu Hunderten zusammengekommenen Reporter blätterten eilig in ihren Listen mit den Papabili, den aussichtsreichsten Kandidaten für die Nachfolge Petri. Vergebens. Erfahrene Vatikanberichterstatter hatten vor Beginn des Konklaves ihre eigenen Kandidatenlisten mit denen von Kollegen abgeglichen und über die am häufigsten auftauchenden Namen gründlich recherchiert. Kardinal Gardien jedoch hatte nicht zu den Favoriten gehört.

Nur im Verzeichnis aller an der Papstwahl teilnehmenden Kardinäle war er vermerkt: Jean-Pierre Gardien, Franzose, achtundfünfzig Jahre alt, Präsident des Rates zur Förderung der Einheit der Christen und davor Erzbischof von Marseille. Mit diesen spärlichen Informationen versehen, sprachen die Live-Berichterstatter in die Mikrofone; andere Reporter zückten die Handys, um ihre Berichte durchzugeben. Routiniert machten sie aus der Nachricht im Handumdrehen eine Sensation: Wieder einmal war ein Nichtitaliener zum Papst gewählt worden, er war für das hohe Amt verhältnismäßig jung - und zudem ein krasser Außenseiter!

Zu erklären war das nur mit der langen Dauer des Konklaves. Vor neun Tagen waren die Wahlberechtigten – alle Kardinäle, die jünger als achtzig waren – zusammengekommen, um sich mit einer Mehrheit von mindestens zwei Dritteln plus einer aller Stimmen auf einen Nachfolger des verstorbenen Oberhirten zu einigen. Zur Wahl trafen sie sich in der Sixtinischen Kapelle, die restliche Zeit verbrachten sie im nicht minder streng von der Außenwelt abgeriegelten Hospiz der heiligen Marta, an der anderen Seite des Petersdoms. Vier Wahlgänge pro Tag waren zugelassen, und viermal trat als Zeichen einer nicht erfolgten Einigung schwarzer Rauch aus dem Schornstein, am ersten, am zweiten und auch am dritten Tag. Am vierten Tag spähte niemand neugierig in den Himmel über der Sixtinischen Kapelle; nach den Vorschriften für das Konklave diente dieser Tag dem Beten und vor allen Dingen Besprechungen unter den Kardinälen. An den nächsten drei Tagen kam es wieder zu jeweils vier Wahlgängen, und zwölfmal stieg tiefschwarzer Rauch in den Himmel über der Ewigen Stadt. Erneut gab ein Ruhetag Zeit für Spekulationen. Die Presse mutmaßte, der konservative und der liberale Flügel könnten sich nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen. Und jetzt, als ein krasser Außenseiter zum neuen Pontifex gewählt war, schien diese Annahme bestätigt. Beide Lager hatten lieber einen unscheinbaren und, wie sie hofften, leicht zu beeinflussenden Dritten gewählt als den bevorzugten Kandidaten des anderen Flügels.

Für die nächste Sensation sorgte der Kardinalprotodiakon, als er über den neuen Papst bekannt gab: »... der den Namen Custos gewählt hat.«

Custos?

Mit allem hatte man gerechnet. Mit einem neuen Clemens, Benedikt, Pius oder Gregor. Mit einem weiteren Leo, Paul oder Johannes. Auch mit einem Doppelnamen, wie er zum ersten Mal von Albino Luciani und dann von seinem Nachfolger Karol Wojtyla, Johannes Paul I. und II., gewählt worden war. Aber Custos?

Wieder huschten die Finger der Journalisten über Listen oder tippten den Namen eilig ins Suchprogramm eines Notebooks. Ein Custos war dort nicht zu finden, und schon ergingen die Reporter sich in Spekulationen über die Bedeutung des Namens: Wächter, Hüter, Aufseher …

Papst Custos wartete nicht, bis sie mit ihrer Aufzählung fertig waren. Er trat an Tamberlanis Platz, direkt an der Balkonbrüstung, und gierig zoomten tausend Kameras auf den Mann in Weiß. Die jungfräuliche Soutane, angefertigt vom päpstlichen Hofschneider Gammarelli, ließ den feingliedrigen Körperbau nur erahnen. Vor jeder Papstwahl schneiderte Gammarelli drei Soutanen, eine kleine, eine mittlere und eine große. Für den neuen Pontifex war die mittlere groß genug.

Die schmalen Augen blickten in einer Mischung aus Neugier und Unglauben auf die jubelnde Menge hinunter, aber nicht auf sie herab. Ein Blick, der Scheu verriet vor dem Amt, das ihm die anderen Kardinäle – und Gott, wie man sagte – überantwortet hatten. Doch zugleich ein fester, verantwortungsbewusster Blick. Später hätte wohl beinahe jeder aus der riesigen Menge gesagt, der neue Oberhirte habe ihm persönlich tief in die Augen gesehen, in die Seele.

Als Custos der Stadt Rom und dem ganzen Erdkreis den Segen Urbi et Orbi erteilte, wich der tosende Jubel einer stillen Ergriffenheit. Die Augen der Gläubigen hingen an den Lippen des Papstes, als habe der Prälat Jean-Pierre Gardien mit der Nachfolge Petri nicht nur die Stellvertretung Gottes auf Erden übernommen, sondern sei selbst von göttlichem Atem gestreift worden. Schnell wurde allen klar, dass dieser Papst ein ganz besonderer Mensch war. Erst recht, als er dem Segen eine persönliche Ansprache folgen ließ, keine vorgefertigte Rede, sondern Worte, die spontan und von Herzen kamen. Offene, ungewöhnliche Worte, die manch erfahrenen Vatikankorrespondenten und besonders die Kardinäle auf dem Balkon zu einem Stirnrunzeln veranlassten. Wer geglaubt hatte, mit dem neuen Papst würde die alte Ruhe und Ordnung in den Vatikan zurückkehren, sah sich grob getäuscht. Custos würde für frischen Wind sorgen, im Heiligen Stuhl und in der ganzen Weltkirche.

Aber niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass den außerordentlichen Worten schnell außerordentliche Ereignisse folgen sollten. Ereignisse, die den Vatikan und die gesamte Christenheit bis in die Grundfesten erschüttern würden.

I

Donnerstag, 30. April

Wolken verdüsterten die Abenddämmerung; es war, als bräche die Nacht früher herein. Angestrengt spähte Heinrich Rosin auf die enge Fahrbahn, die von den Lichtspeeren der Scheinwerfer aus dem Dunkel gerissen wurde. Vorsichtig lenkte er den Lancia über den schmalen Kiesweg, die einzige Durchfahrt an der Baustelle. Rechts neben ihm gähnte der Abgrund. Als das knirschende Geräusch unter den Reifen verstummte und der Wagen wieder über die asphaltierte Bergstraße rollte, atmete er auf. Dunkler Wald säumte die Straße zur Linken, und dunkel lag die alte Kirche zwischen den Bäumen. Nicht ein Fenster war erleuchtet, fast wäre er vorbeigefahren. Als das Scheinwerferlicht über die brüchigen Mauern glitt, kamen ihm Zweifel, ob er den Mann, den er suchte, tatsächlich hier finden würde. Das halb verfallene Gebäude sah nicht aus, als beherberge es ein menschliches Wesen.

Rosin stellte Licht und Motor ab, stieß die Fahrertür auf und griff nach der Kassette, die auf dem Rücksitz lag. Doch dann zögerte er, starrte den schmucklosen Kasten an und fragte sich, ob er das Richtige tat. Der neue Papst hatte sein ganzes Weltbild ins Wanken gebracht, mehr noch, es umgestürzt. Er hatte den Heiligen Vater bekehren wollen, aber Papst Custos war ein ungewöhnlicher Mann, ein sehr ungewöhnlicher. In langen Gesprächen hatte er ihn, Heinrich Rosin, davon überzeugt, dass er den falschen Weg beschritt. Mit seinem Entschluss, sich auf die Seite des Heiligen Vaters zu stellen, war er auch zu der Erkenntnis gelangt, dass die Kassette an einen sicheren Aufbewahrungsort gehörte. Doch jetzt fiel es ihm schwer, das lang gehütete Geheimnis einem anderen zu überantworten.

Er gab sich einen Ruck, stieg aus dem Wagen und ging langsam auf die Kirche zu. Mehrere Anbauten wirkten ebenso düster und abweisend wie das alte Hauptgebäude selbst. Gottverlassen. Als er auf dem Vorplatz stehen blieb und sich suchend umsah, erschreckte ihn eine heisere Stimme.

»Sind Sie das, Bruder Heinrich?«

Die Stimme kam von links. Rosin drehte sich um. Zwischen zwei lang gestreckten Gebäuden stand eine Gestalt, so finster, als wollte sie mit der Nacht verschmelzen.

Er hatte die Stimme erkannt. Als er näher trat, erkannte er auch das Gesicht, obwohl es sich sehr verändert hatte. Die Haut spannte über den Knochen wie bei einem Totenschädel, der sich für einen nächtlichen Spukauftritt notdürftig den Anschein eines menschlichen Antlitzes gab. Die schwarze Soutane stammte aus Tagen, in denen ihr Träger ein kräftigerer Mann gewesen war; sie war viel zu weit. Die Augen des Geistlichen lagen hinter dicken Brillengläsern wie hinter einem Schutzwall.

»Sie sehen schlecht aus, Monsignore. Geht es Ihnen nicht gut? Sind Sie krank?«

»Nur an der Seele. Den Grund sollten Sie kennen, Bruder Heinrich, zumindest ahnen. Ich kasteie meinen Körper in der Hoffnung, dass die Seele gesundet.« Das Zucken seiner Mundwinkel war die Andeutung eines Lächelns. »Hat Gott mir nicht verziehen? Sind Sie gekommen, um meiner Qual ein Ende zu bereiten?«

»Was meinen Sie, Monsignore?«

»Pater genügt, ich bin kein Benefiziat mehr. Falls Förmlichkeiten noch eine Rolle spielen.« Der Geistliche seufzte. »Was ich meine? Ich frage Sie, ob der Orden Sie geschickt hat mit dem Auftrag, einen Abtrünnigen zu bestrafen, ihn zum Schweigen zu bringen.«

Nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte, sagte Rosin: »Zum Schweigen bringen? Ganz im Gegenteil, Pater, ich brauche Ihre Hilfe.«

Er musste sich daran gewöhnen, den Geistlichen einfach nur »Pater« zu nennen; zu lange hatte er ihn als »Monsignore«, als seinen Beichtvater im Vatikan, gekannt.

Der Pater bat ihn in einen der Anbauten, in einen kleinen, kargen Raum, und zündete eine Kerze an. Im flackernden Schein der Flamme, die sich auf den Brillengläsern spiegelte, wirkte das ausgezehrte Gesicht noch geisterhafter. »Was mich zu Ihnen führt, ist ein Geheimnis, größer als alles, was ich Ihnen je anvertraut habe«, begann Rosin umständlich, noch nach den passenden Worten suchend. »Auch wenn Sie nicht mehr mein Beichtvater sind, muss ich doch um Ihr Schweigen bitten, nicht weniger als …«

»Sie können sich auf mich verlassen, Bruder Heinrich, falls ich Sie noch so nennen darf. Aber ich habe dem Orden den Rücken gekehrt und weiß nicht, ob Sie mit Ihrem Anliegen zu dem Richtigen gekommen sind.«

»Gerade deshalb habe ich Sie aufgesucht, Pater. Auch ich habe dem Orden den Rücken gekehrt. Er weiß es nur noch nicht – hoffe ich. Wenn er es aber erfährt, ist das hier außerhalb des Vatikans besser aufgehoben.« Rosin schob die Kassette über den kleinen Tisch; der Geistliche machte keine Anstalten, sie zu berühren. Rosin zog einen kleinen Schlüssel aus der Hosentasche und legte ihn auf die Kassette. »Über den Inhalt will ich Ihnen nichts sagen, Pater, aber ich muss Sie warnen. Falls Sie sich darauf einlassen, die Kassette für mich aufzuheben, kann das gefährlich werden.«

Leicht befremdet, als sei ihm die ganze Sache unangenehm, starrte der Geistliche auf die Kassette. »Was soll ich mit dem Schlüssel?«

»Wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, nicht dazu komme, sie wieder an mich zu nehmen, müssen Sie entscheiden, was mit ihr geschieht. Wenn Sie meinen, Sie müssten den Inhalt kennen, benutzen Sie den Schlüssel.«

Der Pater schüttelte den Kopf. »Ich will nicht wissen, was darin ist. Ich weiß ohnehin schon zu vieles, das meine Seele belastet. Damals, als ich die Geheimnisse des Ordens zu erfassen begann, habe ich einen Weg in die Kapelle gefunden.«

»Die Kapelle?«

»Die unterirdische Kapelle. Als ich sie sah, wusste ich, dass all die Gerüchte um den Sohn Gottes nicht bloß Gerüchte sind. Auch wenn ich nicht alles verstand – ich habe begriffen, dass der Orden einem finsteren Weg folgt. Ich habe den Anführer des Treffens an der Stimme erkannt.« Rosin zog die Brauen zusammen. »Wenn er das wüsste, wären Sie nicht mehr am Leben, Pater.«

»Ich weiß. Vielleicht habe ich den Vatikan auch deshalb verlassen. Weil ich feige bin. Aber ich habe mir immer eingeredet, ich sei hier in die Berge gegangen, weil ich den Orden nicht länger unterstützen wollte.«

»Ich bin erst in den letzten Tagen zur Einsicht gelangt. Leider sehr spät.«

»Hat das mit dem neuen Pontifex zu tun?«

Rosin nickte. »Ich will versuchen, ihm zur Macht über das Geheimnis der Kapelle zu verhelfen, aber wenn die, die wir unsere Brüder genannt haben, davon erfahren, kann niemand sagen, wie es ausgeht. Dann müssen andere sich bemühen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.« Er zeigte auf die Kassette. »Da drin findet sich ein Schlüssel zur Wahrheit.«

Zweifelnd starrte der Pater auf den Kasten. »Was soll ich damit tun, falls …«

»Ein Unglück geschieht?« Rosin zuckte mit den Schultern. »Fragen Sie Gott um Rat, den wahren Gott.«

Der Geistliche sah ihn traurig an. »Das tue ich schon seit Jahren.«

Rosin bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln. »Wir alle sind nur Menschen, Pater. Schwache Menschen. Aber gerade in der Menschlichkeit kann unsere Stärke liegen. Wollen Sie mir helfen?«

»Ja.«

Erleichtert stand Rosin auf und reichte ihm die Hand. »Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Falls nicht, dann hören Sie auf die Stimme Ihres Herzens, Pater. Es wird Gottes Stimme sein.«

Als Rosins Wagen hinter den Bäumen der nächsten Biegung verschwand, stand der Geistliche vor der Kirche und starrte ihm nach. Seine dünnen Lippen formten tonlos Worte: »Spricht Gott überhaupt noch zu den Menschen?«

II

Freitag, 1. Mai

Das quälende Traumgesicht verschwand in einer grellen Explosion, und eine Flutwelle gleißenden Lichts riss Alexander aus dem unsteten Kosmos seines Unterbewusstseins. Eben noch hatte er neben dem Todgeweihten in der einmotorigen Cessna gesessen, den sicheren Tod vor Augen und doch unfähig, in den Lauf des Schicksals einzugreifen, jetzt lag er in seinen zerwühlten Laken, erschöpft und schweißgebadet wie in all jenen Nächten, in denen der Tod seine Träume beherrschte. Diesmal versank die Sonne der Zerstörung nicht hinter dem Horizont des Erwachens, wollte nicht mit den Trümmern der zerfetzten Einmotorigen verglühen.

Doch zumindest ihre Blendkraft ließ nach, als sie die Konturen von Alexanders doppeltem Deckenstrahler annahm. Jemand hatte das Licht in seiner kleinen Stube angeschaltet. Einer der schwarzen Kunststoffstrahler zeigte auf die geöffnete Tür; in seinem Licht stand die muskulöse Gestalt Utz Rassers, der stets wirkte, als wollte sein Brustkorb mit jedem Atemzug die Uniform sprengen. Jetzt, da er vom schnellen Laufen schnaufte und seine Brust sich heftig hob und senkte, schien der Stoff tatsächlich zum Zerreißen gespannt.

Im ersten Augenblick dachte Alexander, sein Kamerad sei ebenso verschwitzt wie er. Dann erkannte er, dass die Feuchtigkeit nicht nur auf Rassers Gesicht glitzerte.

Regentropfen bedeckten die dunklen Schnürschuhe und die dunkelblauen Wollstrümpfe, die blaugraue Hose, den schwarzen Umhang und das schwarze Barett, das beim Laufen unvorschriftsmäßig weit in den Nacken gerutscht war.

Alexander erinnerte sich, dass Utz in dieser Nacht Wachhabender Korporal draußen an der Porta Sant'Anna war. Ein nicht gerade beliebter Job, wenn Petrus die Schleusen öffnete.

Wenn Utz Wache hatte, durfte er nicht hier sein. Nachlässigkeiten im Dienst wurden vom Kommandanten der Schweizergarde unnachgiebig geahndet. Alexander begriff, dass etwas nicht stimmte, fuhr hoch und saß kerzengerade in seinem schmalen Bett. In Rassers breitem Gesicht zeigten sich Verstörung und Unsicherheit, Regungen, die Alexander bei so ziemlich jedem anderen Gardisten eher vermutet hätte als bei dem bodenständigen Bauernsohn aus dem Oberwallis.

»Was ist los?«, stammelte er.

Die roten Leuchtziffern seines Radioweckers zeigten 00.22 Uhr an. In seinem Kopf überstürzten sich die aberwitzigsten Vorstellungen, angefangen bei einer Gasexplosion im Apostolischen Palast bis hin zu einem Terroranschlag auf den Vatikan.

Utz keuchte: »Zieh dich an!«

Noch halb benommen, sprang Alexander aus dem Bett und griff nach der Uniform, die er säuberlich auf dem einzigen Stuhl platziert hatte. Es war die blaugraue Alltagsuniform, wie auch sein Kamerad sie trug. Die bunte Medici-Tracht legten sie nur zu besonderen Wachdiensten an. Einen Augenblick überlegte er, ob er die verschwitzten Sachen, die er trug, Boxershorts und T-Shirt, wechseln sollte, doch die absolute Dringlichkeit in Rassers Blick sprach dagegen.

»Probealarm?«, fragte Alexander, während er in die Uniformhose stieg.

Er glaubte selbst nicht daran. Gerade bei einem Alarm hätte Utz seinen Posten nicht verlassen dürfen. Der FvD, der Feldweibel vom Dienst, wäre durch die Flure gelaufen und hätte gelärmt wie die Posaunen von Jericho. Aber nichts dergleichen. In den übrigen Stuben der Kaserne herrschte Friedhofsruhe.

»Nein, das nicht«, antwortete Utz zögernd. Er wich Alexanders Blick aus, als fürchte er sich vor der Antwort.

»Was dann, verdammt?« Alexander schlang den braunen Ledergürtel um das Wams und zog ihn fest.

»Wirst schon sehen, Alex. Mach hin!«

Alexander hatte sich kaum das Barett mit dem Rangabzeichen eines Adjutanten übergestülpt, da packte Utz ihn am Arm und zog ihn aus dem Zimmer. Er konnte nicht einmal mehr nach seinem Umhang greifen und das Licht löschen. Im Erdgeschoss stand der Feldweibel vom Dienst vor seinem kleinen verglasten Wachbüro und winkte die beiden, die mit jedem Schritt zwei Treppenstufen auf einmal nahmen, vorbei. Kurt Mäder war ein abgeklärter Städter aus einer der wenigen alten Katholikenfamilien Berns. Umso beunruhigender fand Alexander seine ratlose Miene.

Verwirrt registrierte er, dass Utz ihn nicht zum Vordereingang führte, wo das Sant'Anna-Tor lag. Er hatte vermutet, dass es an Rassers Posten zu einem Vorfall gekommen war, der seine Anwesenheit erforderte. Als er Utz auf den Innenhof der Kaserne folgte, fiel ihm auf, wie viele Fenster im gegenüberliegenden Gebäude mit den größeren Wohnungen der Offiziere und der verheirateten Unteroffiziere erleuchtet waren. Und dann glitt sein Blick auf den Apostolischen Palast, dessen hohe Mauern die der Gardekaserne weit überragten. In dem Bereich, in dem die Privatgemächer des Heiligen Vaters lagen, brannten ebenfalls ungewöhnlich viele Lichter.

Utz hatte seine Verwunderung bemerkt und erklärte: »Die Vigilanza bringt den Papst zur Sicherheit in einen anderen Trakt.«

Trotz des heftigen Regens, der auf sie herabprasselte, blieb Alexander mitten auf dem Hof stehen, legte den Kopf in den Nacken und starrte zur drei Stockwerke über ihnen liegenden Wohnung Seiner Heiligkeit hinauf.

»In Sicherheit? Die Vigilanza?«

»Auf dem Gelände des Vatikans sind Schüsse gefallen. Du weißt, dass die Sicherheitsvorschriften für diesen Fall eine sofortige Verlegung Seiner Heiligkeit verlangen.«

Alexander warf einen Blick über die Schulter zu den Schlafräumen der Schweizer. Um Mitternacht war Zapfenstreich gewesen; die Fenster waren alle dunkel.

»Der Schutz des Heiligen Vaters obliegt uns, aber die Garde schläft!«

»Befehl«, sagte Utz. »Von wem?«

»Parada und von Gunten.«

»Warum?«

»Weil die Garde in die Schießerei verwickelt ist.« Ehe Alexander die nächste Frage stellen konnte, zerrte Utz ihn weiter. »Los, du wirst erwartet!«

Bevor sie das andere Ende des Hofes erreichten, waren sie nass bis auf die Knochen, ohne dass Alexander es auch nur bemerkte. Rassers knappe Antworten beschäftigten ihn; statt ihm zu helfen, hatten sie ihn eher noch mehr verwirrt.

Die Vigilanza, die zweite Sicherheitstruppe im Vatikan, befand sich in ständiger Konkurrenz zur Schweizergarde. Die Polizisten der Vigilanza, durchweg Italiener, hielten die Schweizer mit ihrem traditionellen militärischen Zeremoniell, ihren überladenen Galauniformen und den alten Hellebarden für so etwas wie Zinnsoldaten, im tatsächlichen Einsatz kaum zu gebrauchen. Die Schweizer wiederum, die seit fünfhundert Jahren unter Einsatz ihres Lebens die Sicherheit des Papstes garantierten, hätten eine Aufstockung des eigenen Mannschaftsbestandes lieber gesehen als die Etablierung einer zweiten Wachtruppe auf dem Boden der Vatikanstadt.

Nachdem Papst Paul VI. 1970 die Ehrengarde, früher Nobelgarde genannt, die Palatingarde und die Päpstliche Gendarmerie aufgelöst hatte, war ein moderner Wachdienst entstanden. Vornehmlich aus Mitgliedern der früheren Gendarmerie gebildet, hatte der neue Dienst 1991 seine endgültige Ausformung und den Namen »Vigilanzakorps des Staates der Vatikanstadt« erhalten.

Die traditionsbewussten Schweizer verachteten die vergleichsweise junge Wachtruppe, die ihnen den Rang ablaufen wollte. Schweizer und Vigilanzamänner setzten einander zu, wo sie nur konnten. Alexander spürte beim schnellen Gehen noch immer den stechenden Schmerz in seinem rechten Unterschenkel, da, wo ihn beim letzten Fußballspiel der Schweizer gegen die Vigilanza ein rattengesichtiger Italiener gefoult hatte. Der Ball war zwanzig Meter entfernt gewesen. Alexander hatte sich mit einem Ellbogenstoß in die Magengrube gerächt. Der Schiedsrichter war erbost auf ihn zugekommen, und keine dreißig Sekunden später hatte der FC Guardia nur noch neun Feldspieler auf dem Platz gehabt.

Jetzt erteilte Riccardo Parada, der Chef des Vigilanzakorps, den Schweizern sogar Befehle? Und warum hatte Utz nicht den Kommandanten der Schweizer erwähnt, sondern seinen Stellvertreter, Oberstleutnant von Gunten? Soweit Alexander wusste, war der Kommandant daheim. In seiner Wohnung oben unter dem Dach brannte Licht. Am befremdlichsten jedoch war, dass vor dem Offizierswohnhaus, einem Gebäude der Schweizergarde, zwei schwer bewaffnete Gendarmen der Vigilanza Wache hielten.

Sie drückten sich, vor dem Regen Schutz suchend, an die Hausmauer neben dem Hintereingang, und jeder presste eine Maschinenpistole mit vorn am Lauf angeschraubtem Scheinwerfer und 40-Schuss-Stangenmagazin gegen die blaue Uniformjacke, unter der sich das Schulterpolster mit der Dienstpistole deutlich abzeichnete. Die beiden kaum handgroßen Scheinwerfer flammten gleichzeitig auf und stachen den Schweizern in die Augen.

Die Gardeadjutanten blieben stehen, und Utz nannte ihre Namen. »Oberstleutnant von Gunten und Generalinspektor Parada erwarten uns.«

Die Vigilanzaschnösel sprachen nicht mit jedem. Einer winkte sie mit seiner kurzläufigen Beretta-MP weiter. Die Schweizer schlüpften zwischen ihnen hindurch ins Trockene. Hastige Schritte hallten durch den Hausflur, begleitet von hektischen Stimmen. Ein starker Luftzug zeigte an, dass der Vordereingang offen stand. Von dort waren Motorengeräusche und krachende Autotüren zu hören. Im Treppenhaus wären sie fast mit zwei Männern zusammengestoßen, die es ebenfalls eilig hatten, nach oben zu kommen. Einer war Vizeinspektor Aldo Tessari, der stellvertretende Vigilanzakommandant. Der andere, Folco Lafranchi, war der offizielle Fotograf des Osservatore Romano; er hatte seine Fotoausrüstung bei sich.

Tessari wandte sein spitzes Vogelgesicht Alexander zu und sagte mit kummervoller Miene: »Mein aufrichtiges Beileid, Signor Rosin.« Dann stürmte er, gefolgt von dem Fotografen, die Treppe hinauf.

Stirnrunzelnd sah Alexander ihm nach und blickte dann seinen Kameraden an.

»Gleich wirst du alles verstehen, Alex.« Auch Utz machte sich auf den Weg nach oben.

Alexander stieß einen unwilligen Seufzer aus und folgte ihm.

Er wischte mit dem Unterarm über seine Augen, aber das Bild verschwand nicht. Was er sah, war wie ein Albtraum, doch hätte er aus einem Albtraum wenigstens erwachen können. Mit bösen Träumen kannte Alexander sich aus.

Die beiden Männer im Flur der Kommandantenwohnung lagen dort wie im Schlaf. Es war ein Schlaf, aus dem es kein Erwachen gab.

Der ältere, mit angegrautem Haar und panisch aufgerissenen Augen, war Oberst Heinrich Rosin, Kommandant der Schweizergarde. Er trug Zivil: hellbraune Mokassins, grüne Socken, eine bequeme braune Hose und ein grünes Polohemd, das auf der Brust zerfetzt und blutgetränkt war. Der rechte Mokassin war halb vom Fuß gerutscht.

Es sah aus, als hätte der Oberst, durch den ersten Schuss zu Fall gebracht, versucht, dem Attentäter kriechend zu entkommen. Der zweite Schuss hatte dann sein Leben ausgelöscht. Der rechte Fuß hatte sich entweder im Todeskampf oder bei dem Versuch, außer Reichweite des Killers zu gelangen, in der dicken Wolle des Läufers verhakt.

Der jüngere Mann, bekleidet mit Puma-Turnschuhen, Levi's-Jeans und einer schwarzen Lederjacke, musste der Mörder sein. Er lag auf dem Bauch. Ein Teil des Kopfes fehlte, das blonde Haar war blutverklebt. Offenbar hatte er sich nach den Schüssen auf Rosin die Waffe in den Mund gesteckt und abgedrückt. Der weggesprengte Teil seines Schädels hing als formlose Masse an der weißen Raufasertapete. Der Killer war auf den Bauch gefallen. Der rechte Arm mit der Waffe lag halb unter ihm begraben. Der Kopf war zur Seite gedreht, die Augen blickten ebenso gläsern wie die des Kommandanten.

Merkwürdig erschien Alexander, dass der Mörder hinter seinem Opfer lag, schon halb im Wohnzimmer. Von hier aus konnte er unmöglich auf den in die Wohnung flüchtenden Kommandanten geschossen haben. Und wer floh vor seinem Mörder, indem er auf ihn zulief?

Noch merkwürdiger aber war, dass der Killer ein Kamerad war, Gardeadjutant Marcel Danegger.

Alexander konnte einfach nicht begreifen, was er im gelblichen Licht der schlangenartig gewundenen Flurlampe vor sich sah. Seine Gedanken kreisten um das seltsame Bild, ohne zu irgendeinem Ergebnis zu gelangen. Nur unterschwellig hörte er, was Parada, Tessari und von Gunten redeten.

»Der Chef ist in Sicherheit«, meldete Tessari; er sprach vom Papst. »Plan Giovanni.«

»Was heißt das?«, fragte von Gunten.

»Jedes Geheimversteck für den Chef trägt einen anderen Namen«, erklärte Parada.

»Das weiß ich«, schnarrte der Oberstleutnant aus dem Kanton Uri. Seine raue Kommandostimme verriet den ehemaligen Offizier der Panzergrenadiere. »Welches Versteck verbirgt sich hinter der Bezeichnung Giovanni?«

»Je weniger das wissen, desto besser«, versetzte Parada kühl. »Zum Glück hat der Apostolische Palast über zehntausend Räume.«

»Ich bin der stellvertretende Kommandant der Schweizergarde. Und wie es aussieht, obliegt mir nun die Befehlsgewalt. Ich habe ein Recht …«

»Ein Schweizergardist läuft Amok und erschießt seinen Kommandanten«, fuhr Riccardo Parada dazwischen. »Wer garantiert mir, dass nicht noch mehr Schweizer eine Schusswaffe haben und mordlüstern durch den Vatikan laufen?«

Von Guntens kantiger Körper straffte sich, jeder Zentimeter trotz der zivilen Kleidung ein Soldat. »Wollen Sie etwa auch mich verdächtigen?«

»Das Vigilanzakorps garantiert die Sicherheit Seiner Heiligkeit.« Parada war lauter geworden, klang aber beherrscht. »Jedes überflüssige Wort kann diese Sicherheit gefährden.« Nach einer kleinen Pause fügte er schärfer hinzu: »Ich bin der Sicherheitschef des Vatikans. Drei Tote in einer Nacht genügen mir!«

Drei Tote.

Die Worte hämmerten in Alexanders Kopf, wieder und wieder, wie eine Endlosschleife. Sein Herz raste, Hitze stieg in ihm auf. Er hatte in seiner Verwirrung Juliette vergessen! Eine fürchterliche Ahnung befiel ihn, eine Erklärung dafür, weshalb Danegger fast im Wohnzimmer lag. Er sprang über die beiden Toten hinweg und betrat das modern eingerichtete Wohnzimmer mit der angrenzenden Dachterrasse. Vor dem mehrstufigen Glastisch, der von einer schwarzledernen Sitzgruppe umgeben war, lag Juliette Rosin. Sie hatte versucht zu fliehen, aber das tödliche Projektil war schneller gewesen und hatte sie in den Rücken getroffen. Das Weiß ihres Pullovers stand in einem obszönen Kontrast zu dem roten Fleck rund um das Einschussloch.

Alexander kniete sich neben sie und drehte ihren Kopf so weit herum, dass er in ihre großen Augen sehen konnte. Kein Zweifel, seine Tante Juliette war tot. Tränen stiegen ihm in die Augen.

Schon eine ganze Weile bemerkte er die Helligkeit, die immer wieder aus Richtung Flur aufzuckte. Jetzt waren die Blitze ganz nah und noch um einiges greller. Folco Lafranchi ging langsam um die Tote herum und nahm sie aus allen Richtungen auf. Das hohlwangige Gesicht des Fotografen wirkte konzentriert und bar jeden Mitgefühls. Die tote Frau des Gardekommandanten schien für ihn nicht mehr zu sein als ein Objekt seiner Arbeit.

Alexanders Blick glitt über Juliettes rabenschwarzes Haar, das der Todeskampf in wirre Strähnen zerfasert hatte, dann über den weißen Pullover mit dem grässlichen roten Fleck. Unwillkürlich dachte er an das schlafende Schneewittchen und den vergifteten Apfel, das Symbol des Sündenfalls. Ein Barockgemälde, das er in der vatikanischen Pinakothek gesehen hatte, fiel ihm ein: Ein schwarz gewandetes Gerippe, der Tod, reckte nackten Männern und Frauen einen rot schimmernden Apfel entgegen. Hatte auch Juliette sich schuldig gemacht?

Ein neuer Blitz schnitt in seine düsteren Gedanken. Juliettes schwarzer Wollrock war über den schlanken, schwarz bestrumpften Beinen weit nach oben gerutscht. Für einen Augenblick hob Lafranchi den Kopf und blickte über seine Kamera hinweg auf die Tote, noch immer völlig ausdruckslos.

Zorn kochte in Alexander hoch. Er stieß sich vom Boden ab. Wie eine Raubkatze sprang er den Fotografen an und drückte ihn rücklings gegen die Wand. Lafranchis Kopf schlug gegen einen Zinnteller mit dem eingravierten Bildnis des verstorbenen Papstes. Der Teller löste sich aus der Halterung und fiel mit einem harten Scheppern aufs Parkett. Alexanders Hände umklammerten Lafranchis Hals.

»Lass Juliette in Ruhe! So kommt sie nicht in die Zeitung. Sie ist tot, verstehst du? Tot!«

Lafranchis Antwort erstarb in einem dumpfen Gurgeln. Er bekam kaum noch Luft. Alexanders Daumen drückten gegen seinen Kehlkopf, ein Griff, den jeder Gardist im Nahkampftraining lernte. Wenn er den Druck erhöhte, würde der Fotograf an seinem eigenen Adamsapfel ersticken.

Jemand packte Alexander hart an der Schulter und riss ihn nach hinten. Er taumelte und wäre gestürzt, hätte ihm nicht die Rückenlehne eines schweren Ledersessels Halt geboten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass der würgende und keuchende Fotograf die Kamera umklammerte wie ein Ertrinkender den Rettungsring.

»Hör auf, Alexander!«, rief Utz Rasser, der ihn zurückgerissen hatte. »Was soll das?«

»Ich will nicht, dass sie in die Zeitung kommt – nicht so.« Von Gunten, Parada und Tessari betraten den Raum und der Sicherheitschef erklärte: »Ich habe Signor Lafranchi kommen lassen. Die Tatortfotos sind nicht für den Osservatore bestimmt, sondern für unsere Akten. Sie werden dem Andenken an Ihre Tante keinen Abbruch tun, Adjutant Rosin.«

Indem er ihn mit seinem militärischen Rang ansprach, erinnerte Parada Alexander daran, dass er der Schweizergarde angehörte. Und ein Gardist hatte Haltung zu bewahren, selbst in einer Situation wie dieser.

»Wird die Polizei keinen Fotografen mitbringen?«, fragte Alexander matt.

Parada lächelte ihn kalt an. »Wir sind die Polizei.«

»Ich meine die römische …«

»Der Fall ist eindeutig«, fiel von Gunten ihm ins Wort. »Es ist entschieden worden, dass eine Hinzuziehung der römischen Behörden nicht erforderlich ist.«

Alexander bohrte seinen Blick in die grauen Augen seines Vorgesetzten.

»Wer hat das entschieden?«

»Kardinal Musolino – nachdem ihm die Sachlage geschildert wurde.«

Musolino war als Kardinalstaatssekretär der zweitmächtigste Mann im Vatikan. Sein Wort war, wie das des Papstes selbst, Gesetz.

»Der Kardinal ist also schon unterrichtet …« Alexanders Zorn war so gut wie verraucht, der Verstand gewann die Oberhand über die Gefühle. »Wann ist … das hier passiert?«

»Gegen dreiundzwanzig Uhr vermutlich«, antwortete Parada. »Ein paar Nachbarn der Rosins wollen zu dieser Zeit Schüsse gehört haben. Aber die Leichen wurden erst eine halbe Stunde später entdeckt, als Oberleutnant Schnyder mit seiner Frau nach Hause kam und sich über die offene Wohnungstür wunderte.«

»Und die Schüsse?«, entfuhr es Alexander.

»Im Fernsehen lief ein Kriegsfilm. Auch der Apparat in dieser Wohnung war eingeschaltet.«

Alexander sah Juliette an, blickte dann zum Flur und schüttelte den Kopf. »Wieso ist der Fall eindeutig? Warum sollte Danegger das getan haben?«

»Dass er es getan hat, ist eindeutig«, beharrte Parada. »Und sein Motiv ist auch nicht gerade unklar. Wie ich hörte, hatte er häufig Streit mit seinem Kommandanten.«

»So ist es«, bestätigte von Gunten. »Danegger hat sich einige Nachlässigkeiten zuschulden kommen lassen. Mehrmals ist er verspätet in die Kaserne zurückgekehrt, einmal sogar eine ganze Nacht fortgeblieben. Als Oberst Rosin ihn zur Rede stellen wollte, wurde er aufsässig.«

»Er fühlte sich von meinem Onkel ungerecht behandelt«, sagte Alexander, »hat schon lange vergeblich auf die Benemeranza-Medaille gewartet. Ich glaube, er ist der einzige Gardeadjutant, der diese Auszeichnung nicht besitzt.«

»Kein Wunder bei seiner laxen Dienstauffassung«, schnaubte von Gunten. »Oberst Rosin war kurz davor, Danegger zu degradieren oder unehrenhaft aus der Truppe zu entlassen. Das hat er mir erst vor wenigen Tagen erzählt.«

Paradas breites Gesicht hellte sich auf. »Na, da haben wir doch ein wunderbares Motiv. Vielleicht hat Danegger von Oberst Rosins Absichten gehört und wollte sich in einer Kurzschlusshandlung rächen.«

»Kurzschlusshandlung?« Alexander sah den Sicherheitschef zweifelnd an. »Danegger muss sich die Waffe besorgt haben. Das sieht mir eher nach einer geplanten Tat aus.«

»Zu seiner Entscheidung, Oberst Rosin zu töten, kann er in einem Kurzschluss gelangt sein«, sagte Tessari. »Gleichwohl kann er die Tat kühl und überlegt vorbereitet haben. Es gibt genügend Morde, die nach einem ähnlichen Muster abgelaufen sind.«

»Hat er seine Dienstwaffe benutzt?«, fragte Alexander. »Das haben wir noch nicht festgestellt«, antwortete Tessari.

Alexander trat auf den Flur. Als er an Lafranchi vorbeiging, fing er sich einen finsteren Blick ein. Seit dem Handgemenge hatte der Fotograf kein Bild mehr geschossen. Als Alexander sich über Danegger beugte, rief Tessari: »Berühren Sie die Waffe nicht! Wir wollen sie auf Fingerabdrücke untersuchen.«

»Haben Sie also doch Zweifel?«

»Bloße Routine.«

Vorsichtig fasste Alexander den Toten an der Schulter an und drehte ihn so weit herum, dass er die Waffe sehen konnte. »Eine SIG 75, die Dienstwaffe der Garde. Sie wird nur zu besonderen Zwecken ausgegeben und ist sonst in der Waffenkammer verschlossen.«

»Er wird sich die Pistole heimlich besorgt haben«, meinte Tessari. »Hatte er Zugang zu der Waffenkammer?«

»Nein«, warf Utz Rasser entschieden ein. »Ich bin der Waffenwart.«

Parada, der neben Utz stand, fragte ihn: »Hat Danegger versucht, sich heimlich Zugang zur Waffenkammer zu verschaffen? Oder hat er Sie um eine Waffe gebeten?«

»Das hat er nicht. Er hat genau gewusst, dass er damit bei mir auf Granit beißen würde. Davon, dass jemand versucht hätte, heimlich in die Waffenkammer zu gelangen, weiß ich nichts.«

»Die Aufsicht über die Waffenkammer ist eine Vertrauensstellung«, erklärte von Gunten. »Adjutant Rasser hat diese Position nicht aus Zufall inne.«

Als Alexander aufstand, fiel sein Blick auf Heinrich Rosin. Das grüne Poloshirt war verrutscht und gab an der rechten Seite eine Handbreit nackter Haut frei. Seltsame rote Punkte, die aussahen wie kleine Wunden, bildeten dort ein Muster, das nichts mit den Schussverletzungen zu tun hatte. Die Wunden waren älter.

»Was ist das?«, sagte Alexander halblaut, mehr zu sich selbst, während er sich über seinen Onkel beugte.

»Oberst Rosin ist sehr gläubig gewesen. Er hat zuweilen einen Bußgürtel getragen.«

Die Antwort kam vom Treppenabsatz außerhalb der Wohnung, wo sich eine dürre Gestalt im schwarzen Anzug und mit weißem Römerkragen durch die Gruppe entsetzter Nachbarn zwängte. Franz Imhoof, der Kaplan der Schweizergarde, trat mit zögernden Schritten näher. Das schmale Gelehrtengesicht wirkte noch blasser als sonst. Die wässrigen Augen hinter den runden Brillengläsern waren weit aufgerissen; in dem flackernden Blick lag Bestürzung.

»Was meinen Sie damit, Monsignore Imhoof?«, fragte Tessari sofort.

Imhoof schien erstaunt. »Sie kennen keinen Bußgürtel?«

»Ich bin Polizist, kein Geistlicher.«

»Ein Bußgürtel ist ein Metallband mit nach innen gerichteten Dornen. Man trägt es um die Hüften oder, als kleinere Ausgabe, um den Oberschenkel. Der Schmerz hilft einem, die alltäglichen weltlichen Probleme nicht so wichtig zu nehmen und sich auf den Glauben zu besinnen.«

In Tessaris Raubvogelgesicht zuckte es, als müsse er ein Grinsen unterdrücken. »Sie scheinen aus Erfahrung zu sprechen, Monsignore.«

»Wer glauben will, muss leiden.« Der Kaplan wandte sich Alexander zu. »Ihr Leid allerdings, Adjutant Rosin, ist eins, dessen Sinn menschlicher Geist nur schwer zu erfassen vermag. Ich bin gekommen, um mich Ihrer anzunehmen. Das heißt, falls Sie meine Hilfe benötigen.«

Alexander schluckte einen Kloß in seinem Hals hinunter. »Ich fühle mich zurzeit nicht in der Lage zu beten.«

Imhoof nickte verständnisvoll. »Die Zeit wird kommen, und ich werde für Sie da sein. Suchen Sie mich auf, sobald Ihnen danach ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und jetzt verlassen Sie diesen schrecklichen Ort und versuchen Sie, zur Ruhe zu kommen. Das ist ein Befehl.«

Er sprach in freundschaftlichem Tonfall, aber er durfte, obwohl er Geistlicher war, den Schweizern Befehle erteilen. Als Gardekaplan bekleidete er den Rang eines Oberstleutnants und stand damit nach dem Kommandanten und seinem Stellvertreter in der Befehlshierarchie an dritter Stelle. Utz trat vor. »Ich kann Alexander begleiten. Ich muss ohnehin wieder zu Sant'Anna.«

»Einverstanden«, sagte Oberstleutnant von Gunten, und Utz schob seinen Kameraden sanft auf den Flur. Kaum waren sie draußen, zuckte ein greller Blitz durch die Wohnung.

Der Regen trommelte unvermindert heftig auf die Dächer der drei Kasernentrakte. In den Schlafräumen der Gardisten herrschte Dunkelheit. Alexander stand unter dem Schutz eines schmalen Dachvorsprungs und blickte über den Kasernenhof zum Wohnhaus der Offiziere und Verheirateten. Die erleuchteten Fenster waren verwaschene Flecke hinter den Regenschleiern, die beiden Vigilanzamänner am Hintereingang kaum zu erkennen.

Er wusste nicht, wie lange er hier schon stand. Zeit war bedeutungslos für seine Gedanken, die in der Vergangenheit weilten, bei seinem Onkel Heinrich und bei Juliette. Aber auch bei seinem Vater, den er ebenso überraschend verloren hatte. Zehn Jahre war das her, doch die Albträume hörten nicht auf.

Tief sog er die kühle Nachtluft ein. Seine unregelmäßigen Atemzüge entsprachen seiner Erregung. Er hatte Utz gebeten, ihn auf dem Hof allein zu lassen; er hatte trotz des Regens frische Luft tanken wollen, und Utz war nach einem letzten besorgten Blick auf den Kameraden zunächst zur Waffenkammer gegangen, um zu überprüfen, ob sie ordnungsgemäß verschlossen war. Es sei alles in Ordnung, hatte er Alexander noch zugerufen, und dann war er zum Sant'Anna-Tor gegangen, wo die Kameraden schon auf ihn warteten.

Seit ihrem gemeinsamen Wehrdienst bei den Fernmeldern waren Alexander und Utz befreundet. Als Alexander, der Familientradition folgend, in die Schweizergarde eintrat, war Utz mehr aus persönlicher Verbundenheit denn aus Überzeugung mitgekommen. Vielleicht hatte auch Fernweh eine Rolle gespielt, Utz war bis dahin kaum über das Wallis hinausgekommen. In Rom hatte sich gezeigt, dass mehr in ihm steckte als ein auf die Welt neugieriger Bauer. Er versah seinen Dienst in der Garde mit großer Hingabe. Wie von Gunten gesagt hatte: Utz war nicht zufällig der Armiere, der Waffenwart.

Im Rücken den kalten Mauerstein, vor sich den prasselnden Regen, stand Alexander still in seinem geschützten Winkel und konnte nicht anders, als wieder und wieder an die drei Toten da drüben zu denken. Mörder und Ermordete, vereint im ewigen Schlaf.

Er stellte sich vor, wie Marcel Danegger über den nachtdunklen Hinterhof geschlichen war und – vom Regen durchnässt und zum Töten entschlossen – an der Wohnungstür des Kommandanten geklingelt hatte. Hatte er die SIG 75 schon in der Hand gehalten, als Heinrich Rosin öffnete, oder hatte der Oberst Daneggers Absicht erst erkannt, als dieser in den Flur trat? Spätestens als die beiden Schüsse auf Heinrich Rosin abgefeuert wurden, musste Juliette neugierig geworden sein. Sie war zum Flor gelaufen. Vielleicht hatte Danegger sie erst zu diesem Zeitpunkt bemerkt. Ihre Blicke hatten sich getroffen – er zum Töten entschlossen, sie in der Erkenntnis, dem Tod geweiht zu sein. Auch die Flucht zurück ins Wohnzimmer hatte Juliette nicht retten können. Wohin hätte sie im Dachgeschoss fliehen sollen? Der Schuss in den Rücken hatte ihrer Angst ein Ende gesetzt.

Alexander sah ihr schönes Gesicht mit den hohen Wangenknochen, den leuchtenden Augen und den vollen Lippen vor sich, sah ihr Lächeln, ihre regelmäßigen Zähne, roch den Duft ihres Parfüms, spürte ihre Wärme. All das hatte der Tod mit einem Sensenhieb in den Schlund der Vergangenheit befördert. Der Schmerz wollte ihn fast zerreißen; immer wieder schrie er sein trotziges, aufgebrachtes »Nein!« in das Rauschen des Regens.

Seine Fäuste hieben auf die Mauer ein, bis Schmerz zu Betäubung wurde. Ganz allmählich kehrten seine Gedanken in geordnete Bahnen zurück – und er erkannte, dass die ganze Geschichte keinen Sinn ergab. Nichts passte zusammen!

Er lief in den Regen, wollte zurück zu den Toten, um Oberstleutnant von Gunten, Parada und Tessari seine Zweifel vorzutragen. Doch schon nach wenigen Schritten hielt er inne und blickte zu dem Kasernentrakt, in dem die Waffenkammer lag. Durch den Regenvorhang schimmerte ein schwaches, unstetes Licht. Es kam aus einem der Kellerfenster, die zur Waffenkammer gehörten. Es war gegen halb zwei Uhr morgens, regulär hatte dort um diese Zeit niemand etwas zu suchen. Alexander änderte seine Richtung und lief auf das tanzende Licht zu.

Er wollte keine Zeit verlieren und alarmierte deshalb nicht den Feldweibel vom Dienst, als er das Kasernengebäude betrat. Eine kleine Treppe führte zum Untergeschoss. Hier brannte kein Licht, aber das hatte er auch nicht erwartet. Das Leuchten, das er gesehen hatte, stammte unzweifelhaft von einer Taschenlampe. Wer auch immer sich in der Waffenkammer zu schaffen machte, er hatte etwas zu verbergen.

Auf dem dunklen Gang setzte er vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Nur mit Mühe bezwang er seine Erregung. Dass Danegger seinen Onkel aus dienstlicher Frustration erschossen hatte, glaubte er nicht. Er war sich noch nicht einmal sicher, ob er Danegger für den Mörder halten sollte. Dass ausgerechnet in dieser Nacht ein Eindringling in der Waffenkammer zugange war, konnte kein Zufall sein.

Die äußere Zugangstür war nur angelehnt, das Vorhängeschloss lag auf dem Boden. Alexander hob es auf und betastete es. Der Bügel war mit einem Bolzenschneider durchgetrennt worden. Am Türschloss war keine Beschädigung zu erkennen, aber das konnte an der Dunkelheit liegen. Von der Nachtbeleuchtung im Treppenhaus des Erdgeschosses drang kaum mehr als ein schwaches Glimmen bis nach hier unten. Er bückte sich und legte das Vorhängeschloss geräuschlos zurück auf den Boden.

Langsam zog er die dicke Eisentür auf. Das Büro mit den Ausgabebüchern war dunkel. Undeutlich zeichneten sich die Umrisse des Schreibtisches und des Bücherregals ab. Der schwache papierene Kanzleigeruch kam gegen den schweren Dunst von Eisen und Waffenöl, der aus dem Magazin drang, kaum an. Langsam drehte Alexander den Kopf und ließ seinen Blick über die Silhouetten der Möbel gleiten, bis er sicher war, allein zu sein.

Er durchschritt den kleinen Raum, zog die gläserne Durchgangstür zur eigentlichen Waffenkammer auf, starrte und lauschte in die Finsternis. Das unstete Licht war erloschen, und er hörte nur sein eigenes, zu schnelles Atmen. Doch er war nicht allein. Vielleicht sprachen archaische Sinne auf eine Gefahr an, die mit Augen und Ohren nicht wahrzunehmen war. Er spürte, dass sich noch jemand hier aufhielt. Seine Nackenhaare stellten sich auf, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Seine linke Hand tastete an der Wand entlang, bis sie den Lichtschalter fand. Kurz verharrte sie auf dem glatten Kunststoff. Alexander atmete tief durch und drückte auf den Schalter. Die klobigen Lampen flammten auf und tauchten das Magazin in zähes Gelb.

Lange Reihen altertümlicher Waffen und Rüstungen: zweihundert Jahre alte Gewehre mit aufgepflanzten Bajonetten, unglaublich lange Musketen und aus dem sechzehnten Jahrhundert stammende Granatwerfergewehre mit oberschenkeldicken Läufen, Partisanen und Hellebarden, Bidenhänder und Säbel, Pickelhauben und Morillons und die schweren Harnische, die immer noch zur Grangala der Gardisten gehörten. Es sah aus wie der Fundus einer Filmgesellschaft, die sich auf Historienschinken spezialisiert hatte. Die modernen Waffen und die dazugehörige Munition wurden in Panzerschränken verwahrt, die allesamt verschlossen waren.

Und zwischen all den Schränken, Regalen, Truhen und Waffenständern gab es genug finstere Ecken, in denen sich jemand verbergen konnte.

Langsam ging Alexander durch das Magazin. Ein Schatten löste sich aus dem Spalt zwischen zwei Panzerschränken und sprang ihn an. Auch im Licht der Deckenlampen war die Gestalt kaum deutlicher zu erkennen. Sie blieb ein schwarzer, gesichtsloser Schemen, die rechte Hand erhoben, darin eine gut zwanzig Zentimeter lange Winkeltaschenlampe.

Alexander sah den Angreifer zu spät, um rechtzeitig auszuweichen. Der Schlag mit der schweren Lampe traf zwar nicht seinen Kopf, sandte aber einen stechenden Schmerz durch seine linke Schulter. Beim Sprung zur Seite blieb er mit einem Fuß in einem hölzernen Waffenständer hängen. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte. Die Mütze rutschte ihm vom Kopf. Einige Hellebarden und Bidenhänder lösten sich aus dem Ständer und kippten unter lautem Scheppern um. Laut genug, dass der Feldweibel vom Dienst es hörte?

Etwas Schweres fiel auf Alexander. Der Aufprall raubte ihm für Sekunden den Atem, schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen. Aber auch als sie verschwanden, konnte er kein Gesicht erkennen. Der andere hatte eine schwarze Biwakmütze auf, die nur schmale Schlitze für Augen, Nase und Mund frei ließ. Er trug einen Rollkragenpulli, eine Rangerhose mit großen aufgesetzten Taschen, Stiefel und Lederhandschuhe, alles in Schwarz. Der Mann kauerte auf ihm und holte zu einem weiteren Schlag mit der Winkellampe aus.

Alexander warf den Kopf zur Seite und riss sein rechtes Knie hoch. Der Maskierte stöhnte laut auf, als der Stoß ihn zwischen die Beine traf. Keine Sekunde später hörte Alexander einen metallischen Aufschlag, in den sich ein helles Klirren mischte. Die Winkellampe war dicht neben seinem rechten Ohr auf eine der steinernen Bodenplatten geschlagen, und das handtellergroße Glas war zerplatzt.

Er schlug den anderen mit der Faust mitten ins Gesicht und vernahm ein neuerliches Stöhnen. Der Unbekannte war lange genug mit seinem Schmerz beschäftigt, dass Alexander ihn abschütteln konnte. Doch als er auf den Beinen stand, hatte der Maskierte sich auch schon erhoben. Er hatte eine der auf den Boden gefallenen Hellebarden ergriffen, hielt die altertümliche Waffe, die mit ihrer Verbindung aus Axtschneide, Spießklinge und Haken zum Schlagen und Stoßen wie auch zum Wegziehen geeignet war, als sei er darin geübt, und machte einen Ausfallschritt auf Alexander zu.

Der sprang zurück und riss eine Hellebarde aus dem Waffenständer. Der Maskierte setzte ihm nach und führte die Axtklinge zum Schlag. Alexander parierte, indem er seine Waffe hochriss und gegen die gegnerische drückte. Dass der Fremde den Umgang mit der unhandlichen Waffe außerordentlich gut beherrschte, zeigte er, als er seine Hellebarde mit einer geschickten Körperdrehung von Alexander löste, sie in derselben Bewegung herumriss und Alexander den Schaftfuß in die rechte Seite rammte.

Alexander ignorierte den stechenden Schmerz. Der Unbekannte erwies sich als gefährlicher Gegner; tatsächlich stieß er mit der Hellebardenspitze nach. Doch genau das hatte Alexander erwartet. Er drehte sich zur Seite und der Stoß ging ins Leere.

Auch er war im Hellebardenkampf geübt. Aus der Ausweichdrehung heraus drückte er die Waffe des Gegners mit seinem Hellebardenschaft nach unten. Eine weitere schnelle Drehung, ein Griff in den Nacken des Maskierten, und Alexander warf ihn über die Hüfte.

Mit einem dumpfen Geräusch fiel der Fremde auf den Scheitstock, auf dem früher zum Strafdienst verurteilte Gardisten Holz gehackt hatten. Nun, da Brennholz nicht mehr benötigt wurde, bestand die Strafübung im Zerhacken verschlissener Uniformen. Danegger hatte sich dieser nervtötenden Aufgabe auf Oberst Rosins Geheiß hin mehrfach widmen müssen. Mit dem Beil, das in dem Holzblock steckte, hatte er den Stoff in zehn Zentimeter breite Streifen zerschnitzelt.

Der Maskierte hatte im Fallen seine Hellebarde verloren und wollte, halb auf dem Block liegend, nach dem Beil greifen. Alexander war schneller und drückte die Spitze seiner Waffe gegen die muskulöse Brust unter dem schwarzen Pullover.

»Fass das Beil nicht an!«

Der Maskierte erstarrte in der Bewegung, die rechte Hand nur fünf Zentimeter von dem Beil entfernt. In dem schlechten Licht und unter der etwas verrutschten Biwakmütze waren seine Augen kaum zu sehen. Trotzdem meinte Alexander, im Blick seines Gegners Verwirrung und Furcht zu lesen.

»Jetzt nimm die Mütze ab, mit der Linken!«, befahl Alexander im stoßweisen Rhythmus seines keuchenden Atems. »Ganz ruhig, ohne jede Hektik!«

Die behandschuhte Linke wanderte langsam höher. Gleichzeitig veränderte sich der Blick des Maskierten; die Augen schienen aufzuleuchten.

Es war ein Warnsignal, doch Alexander bemerkte es zu spät. Wer auch immer sich in seinem Rücken angeschlichen hatte, er war sehr leise gewesen. Jetzt stand er hinter Alexander, der nicht mehr wahrnahm als einen Schatten. Ein Schlag auf seinen Hinterkopf löschte alles aus. Ihm war, als falle er in ein unendlich tiefes Loch. Ein Grab, aus dem ihm Heinrich Rosin, Juliette und Marcel Danegger zuwinkten. Und sein Vater.

III

Es war wie das Auftauchen aus einer Nebelbank. Die Schleier verzogen sich quälend langsam, und ebenso langsam nahm die Welt feste Konturen an. Das Erste, was er sah, war das matte Schwarz des Doppelstrahlers unter der Decke. Die Lampe war ausgeschaltet, doch es war taghell in seinem Zimmer. Er drehte den Kopf. An der Wand neben dem Bett hingen drei Fotos, von der Sonne schon ausgebleicht.

Das älteste Bild zeigte vor einem künstlichen Atelierhintergrund ein Brautpaar; die beiden umarmten einander leicht verkrampft und lächelten ebenso leicht verkrampft in die Kamera. Der Brautschleier umrahmte ein madonnenhaft schönes Gesicht mit großen, ausdrucksstarken Augen. Ein paar freche rotbraune Locken, die sich unter dem Schleier hervorstahlen, nahmen dem Gesicht die Strenge. Der Bräutigam, mit akkurat geschnittenem dunklem Haar, war auch im Hochzeitsfrack durch und durch Soldat. Obwohl mehr als einen Kopf größer als seine Braut, brachte er es kaum fertig, sich ein wenig zu ihr hinunterzubeugen. Seine Haltung war gerade, fast steif, als hätte er den Schaft einer Hellebarde verschluckt. Seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und unter dem Lächeln ernst und entschlossen. Man sagte Alexander nach, er sei seinem Vater sowohl äußerlich als auch dem Wesen nach sehr ähnlich.

Das Foto war über dreißig Jahre alt. Kein Jahr nach der Hochzeit war Isabelle Rosin gestorben, bei Alexanders Geburt. Alexander war die ersten Jahre bei den Eltern seiner Mutter aufgewachsen und dann in ein Internat geschickt worden. Markus Rosin hatte sich als allein stehender Angehöriger der Schweizergarde schlecht um den Sohn kümmern können. Und daran, seinen Beruf aufzugeben, hatte er nicht einmal einen Sekundenbruchteil lang gedacht. Seit Generationen waren die Rosins Soldaten und Schweizergardisten. Und sie waren stolz darauf.

Markus Rosin besonders. Er hatte dem Heiligen Vater mit solcher Inbrunst gedient, dass er als erster Rosin zum Gardekommandanten aufstieg. Das zweite Foto zeigte ihn in tadelloser Grangala-Uniform mit dem letzten Papst auf dem Damasushof, während seiner Vereidigung als neuer Kommandant. Das war vor dreizehn Jahren gewesen. Alexander, der stolz im Publikum gestanden hatte, hörte heute noch, wie sein Vater traditionell in drei Sprachen seinen ersten Tagesbefehl verkündete: »Viva il papa! Es lebe die Schweiz! Honneur et fidélite!«

Das dritte Foto war drei Jahre später entstanden. Diesmal trug Alexander die Uniform der Schweizer Armee, und sein Vater war zur Vereidigung des Rekruten erschienen. Der Fotograf hatte den Augenblick festgehalten, in dem der Vater dem Sohn zur Gratulation die Hand reichte. Obwohl die Aufnahme leicht verwackelt war, spürte man Markus Rosins Steifheit und Distanz, als fühle er sich nicht recht wohl. So war es immer gewesen, wenn er Zivil getragen hatte.

Die Begegnungen zwischen Vater und Sohn waren nicht sehr häufig gewesen, und auch während der wenigen zusammen verbrachten Ferien hatten sie die Kluft nicht zu überwinden vermocht. Einige gemeinsame Tage und Nächte änderten nichts daran, dass jeder sein eigenes Leben führte. Inzwischen bedauerte Alexander, dass sie einander nicht näher gekommen waren.

Bei seiner Vereidigung hatten sie sich zuletzt gesehen. Kurz darauf war Oberst Markus Rosin unerwartet verstorben, und sein jüngerer Bruder Heinrich hatte seine Nachfolge als Gardekommandant angetreten. Heinrich Rosin war es auch gewesen, der Alexander gedrängt hatte, nach dem Wehrdienst zur Garde zu kommen. Am Abend von Alexanders Vereidigung als Gardist, wie stets an einem sechsten Mai, hatte der Onkel ihm seine Hoffnung bekundet, er werde dereinst der dritte Gardekommandant sein, der den stolzen Namen Rosin trage. Seit fünfhundert Jahren dienten die Rosins in der päpstlichen Garde, seit Albert Rosin aus Zürich unter Hauptmann Kaspar Röist den Papst gegen deutsche Landsknechte und spanische Söldner verteidigt hatte.

»Wie geht es dir, Alex?« Erst jetzt wurde Alexander bewusst, dass er nicht allein war. Utz Rasser saß in Alltagsuniform an dem kleinen Tisch, auf dem sein Barett lag, und blätterte in der vorletzten Ausgabe von Facts; Alexander hatte das heimatliche Magazin abonniert. Besorgt blickte er Alexander an. »Mann, das Pflaster ist ja fast größer als dein Kopf. Wer immer das Schwein war, er hat dir gehörig was verpasst.«

»Die Schweine«, sagte Alexander, nachdem er seine Erinnerungen zusammengekramt hatte. Vorsichtig befühlte er seinen Hinterkopf und ertastete das mächtige Pflaster.

»Natürlich mehrere, hätte ich mir denken können. Von einem allein lässt sich ein Alexander Rosin nicht unterkriegen.« Utz ließ das Magazin auf die zerkratzte Tischplatte sinken und grinste ihn an. »Schmerzen?«

»Nein, nicht richtig, nur so ein dumpfes Drücken.«