Ein Lied vom Tod - Walter Wolter - ebook

Ein Lied vom Tod ebook

Walter Wolter

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Opis

Achtung Hochspannung! Der Detektiv und die Lady - Bruno Schmidts fünfter Fall In einer Winternacht wird im Saarland ein Spediteur ermordet. Niemand ahnt den Grund, keiner kennt den Täter. Einziger Anhaltspunkt der Kripo: Dem Opfer war am Telefon das "Lied vom Tod" vorgespielt worden. Privatdetektiv Bruno Schmidt hat indessen anderweitig zu tun und zweifelt wieder einmal an der Richtigkeit seiner Berufswahl: Es ist nämlich alles andere als ein Vergnügen für ihn, die elitebewusste Tochter eines Konzernchefs auf Schritt und Tritt als Leibwächter zu begleiten - auch weil er nicht weiß, wovor Dr. Friederike Meinolf solche Angst hat, dass sie nachts schreit. Entspannend dagegen ist sein Kontakt zu einer gealterten Diva. Jeanne Bisonnier, einst ein gefeierter Chanson-Star, hat sich in ein Vogesental zurückgezogen, wo sie sich um verstoßene Tiere kümmert. Als die todkranke Frau dem Detektiv unverhofft eine außergewöhnliche Lebensperspektive eröffnet, sagt dieser begeistert zu. Doch bevor er die Chance wahrnimmt, möchte er seinen letzten Auftrag zu Ende bringen. Derweil geschieht ein weiterer Mord - abermals gespenstisch angekündigt mit dem Lied vom Tod. Bald darauf erklingt die verhängnisvolle Melodie auch für Brunos Schutzperson Friederike Meinolf…

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Alle Rechte vorbehalten

© 2014 Gollenstein Verlag, Saarbrücken

www.gollenstein.de

eISBN: 978-3-956330-28-5

ISBN: 978-3-938823-26-2

inhaltsübersic ht

I. stille nacht

II. die drei von der blauen ecke

III. der skorpion

IV. die farm der tiere

V. »deep throat«

VI. sechstausend plus spesen

VII. koks und tränen

VIII. schreie in der nacht

IX. auf kurze distanz

X. die grosse chance

XI. lothringer roulette

XII. paul

XIII. liebe am nachmittag

XIV. ende einer ära

XV. zigeuner

XVI. »willkommen im club«

XVII. der dritte auftrag

XVIII. essigvisage

XIX. entscheidende sekunden

XX. gelegenheit macht liebe?

XXI. »hände hoch!«

XXII. russensitz

XXIII. das schweigen der tiere

I. stille nacht

Dass er in dieser Nacht ins Nichts gehen würde, hätte Karlmann Reuss um ein Uhr dreißig noch für unmöglich gehalten. Er war hellwach und kerngesund. Und er hatte eine Pistole in der Tasche. Der Tod schien ihm so weit weg wie der Mond, der dreiviertel voll über den Flachdächern des Gewerbegebiets hing und die Kulissen tagaktiver Betriebsamkeit mit kaltem Glanz überflutete. Die Nacht war still, klar und frostig. In der Ferne ratterte ein Zug.

Das Schiebetor zum Areal der Spedition Reuss war geschlossen. Auf dem weitläufigen Gelände standen, exakt ausgerichtet in zwei Reihen, an die vierzig Sattelschlepper und Hängerzüge. Wie ein General durchschritt Reuss das Spalier seiner einheitlich gelb lackierten Brummis. Ohne zu ahnen, dass ein Augenpaar ihm folgte, überquerte er einen leeren Platz vom Ausmaß eines Fußballfelds und tauchte in den Mondschatten der hohen Werkstatthalle ein. Ein Feuerzeug flammte auf und beleuchtete kurz sein breites Gesicht, die fleischige Nase, die glatt rasierten Wangen und die Lippen, an denen eine Filterlose klebte.

Der Firmenchef schlug sich die Nacht zum Sonntag um die Ohren, weil er nicht schlafen konnte. Und er konnte nicht schlafen, weil er in letzter Zeit ständig bestohlen wurde. Die Diesel-Diebe kamen vorzugsweise am Wochenende oder an Feiertagen wie Weihnachten, wenn ein großer Teil der Reuss-Flotte auf dem Speditionsgelände parkte. Aus den Tanks der Zugmaschinen, die jeweils bis zu tausend Liter fassten, pumpten sie kanisterweise den Treibstoff ab, schafften ihn durch ein hastig geschnittenes Loch im Zaun und brachten ihre Beute, wie Reuss vermutete, mit einem Kleintransporter in Sicherheit. Überforderte Polizisten beließen es anderntags dabei, die Schäden zu protokollieren.

Bestohlen zu werden erzeugte bei Reuss ein galletreibendes Gefühl. Er war ein Bestimmer, ein Boss, der es nicht ertrug, dass gegen seinen Willen etwas geschah. Auf eigenem Grund und Boden von arbeitsscheuem Gelichter ausgetrickst zu werden, brachte ihn dermaßen zur Weißglut, dass er eine Konfrontation herbeisehnte. Deshalb trug er in der rechten Tasche seiner schwarzen Nappa-Langjacke eine Pistole.

Der Wachhund, den er sich vor ein paar Wochen angeschafft hatte, war den Anforderungen nicht gewachsen gewesen. Genauer gesagt: Er hatte sich als korrupt erwiesen. Für einen Ring Lyoner hatte er die Firma verraten. Das Einwickelpapier hatte man außerhalb der Umzäunung gefunden. Reuss hatte nicht lange gefackelt. Noch am selben Tag hatte er den Hund eigenhändig mit einem Nageleisen erschlagen und den Kadaver auf dem Betriebsgelände verscharren lassen.

Nächste Woche würden, das war veranlasst, Kameras und Bewegungsmelder installiert werden.

Rauchend ging Reuss an der Werkstatthalle entlang, an die sich ein einstöckiger Flachbau mit Büros anschloss. Ein Schlüsselbund klirrte. Ohne Licht zu machen betrat Reuss das Gebäude. Seine Schritte hallten durch den gefliesten Flur, den er mit seiner Taschenlampe erhellte. Die Türen zu den Büros links und rechts standen offen. Im Chefzimmer, das sich am Ende des Flurs befand, ließ er sich auf einem ledernen Drehsessel mit despotisch hoher Rückenlehne nieder und legte die eingeschaltete Taschenlampe vor sich auf den Schreibtisch. Der Lichtkegel erfasste eine flache Silberschale mit Weihnachtsgebäck und ein Sideboard voller Modell-Trucks. Reuss griff zum Telefon und wählte eine Nummer. Nach über zwanzig Freizeichen legte er frustriert auf.

»Was ist das für ein Spiel, du kleines Luder? Ich weiß doch, dass du da bist!«

Reuss war verheiratet, hatte zwei fast erwachsene Kinder, eine prächtige Villa und immer eine Affäre am Laufen. Aktuell war es die Frau eines seiner Fahrer, eines Russlanddeutschen, den er vor Jahresfrist eingestellt hatte. Das kurvige Ding mit dem unschuldigen Blick und dem süßen Akzent hatte er bei einer Betriebsfeier ins Visier genommen. Zwei Tage später hatte sie sich ihm ergeben.

Der geborene Verführer war Reuss nicht, nein, beileibe nicht, aber er verstand sich auf die Balance von Zuckerbrot und Peitsche. Die Aussicht, dass Nikolai, Maschas Mann, seinen Job behalten durfte, hatte das existenziell leicht zu verunsichernde Wesen aus Kasachstan rasch gefügig gemacht.

Reuss hatte die junge Ehefrau im Griff. Er konnte nach Belieben bestimmen, wann er sie bestieg. Als Chef ihres Mannes wusste er zu jedem Zeitpunkt, wo dieser sich befand. Wenn Nikolai mit Stahlträgern nach Brüssel, mit Keksen nach Konstanz oder mit Slipeinlagen nach Hamburg unterwegs war, hatte Reuss freie Bahn.

Warum klappte das heute nicht? Nikolai war, da gab es kein Vertun, irgendwo in Österreich. Reuss schaute auf seine Armbanduhr und schüttelte missbilligend den Kopf. Mit der Taschenlampe ging er über den Flur in die Betriebsküche, holte eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und leerte sie zur Hälfte, ohne auch nur einmal abzusetzen. Er war ein Klotz von einem Kerl, einsneunzig groß, über zwei Zentner schwer und unmäßig in allem, was er tat.

Zurück im Chefzimmer, ließ er die Rollläden herunter und knipste die Schreibtischlampe an. Ihr Streulicht färbte den nüchternen Raum gelblich, was daran lag, dass der Tiffanyschirm hauptsächlich aus gelben Glasteilen zusammengesetzt war. Die Lampe stellte einen Sattelschlepper dar, gelb wie die Reuss-Flotte, und war eine Sonderanfertigung, ein Geschenk der Belegschaft zum fünfzigsten Geburtstag des Chefs.

Reuss stellte die Bierflasche auf den Schreibtisch, legte das Schlüsselbund daneben und dann seine Pistole, eine Walther P 99. Als ein weiterer Versuch, Mascha ans Telefon zu bekommen, ergebnislos blieb, lehnte er sich mit finsterem Blick in den Ledersessel zurück. Das Schäferstündchen in der Morgenfrühe, auf das er scharf war, wurde allmählich ungewiss.

Er ging in die Küche, um sich ein neues Bier zu holen. Da klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch. Reuss beeilte sich.

»Ja?«

Die Vorfreude in seinem groben Gesicht fiel zusammen wie ein glücklos gebackener Kuchen. Die Anruferin war seine Ehefrau.

»Nein, nichts«, sagte Reuss, »hier ist alles ruhig. Leg dich wieder hin!«

Er beendete das Gespräch ohne Umschweife und ohne Gute-Nacht-Gruß. Verdrossen starrte er eine Weile vor sich hin. Dann begann er mit der Pistole zu spielen. Er entnahm das Magazin, drückte eine Patrone nach der anderen heraus, insgesamt sechzehn Stück, und füllte es wieder auf. Zu Hause hatte er ein Arsenal an Schießgerät, alles ganz legal, denn als Sportschütze verfügte er über eine Waffenbesitzkarte.

Für den Fall, dass die Dieseldiebe Gegenwehr leisteten oder sonstwie Schwierigkeiten machten, hatte er die Walther ausgewählt. Die Pistole lag ihm gut in der Hand und war trotz ihres mannstoppenden Neun-Millimeter-Kalibers noch leicht genug, um in der Jackentasche getragen zu werden. Reuss war so in das Spiel mit der Waffe vertieft, dass er zusammenzuckte, als das Telefon erneut läutete.

»Ja?«

Es meldete sich niemand.

»Hallo? Wer ist da?«

Reuss hörte ein Geräusch, ein Knacken, als würde eine Taste einrasten. Wollte Mascha ihn necken? Nein, das entsprach nicht ihrem passiven Wesen!

Die Töne eines Streichinstruments drangen leise an sein Ohr. Bald waren es mehrere Instrumente. Die Töne wurden eindringlicher. Reuss lauschte mit steiler Stirnfalte. Es war wieder diese hypnotische Melodie, die ihm bereits gestern und vorgestern am Telefon vorgespielt worden war. Jedermann kannte sie, auch Reuss. Nun, mitten in der Nacht, wirkte das Lied vom Tod näher, unheimlicher. Das machte ihn wütend und unsicher zugleich.

»Hundsfott!«, donnerte er ins Telefon und knallte den Hörer auf.

Es fehlte nicht viel, und er hätte die Bierflasche gegen die Wand geworfen. Um sein Büro vor Schaden zu bewahren, verließ er es. An der Außentür des Gebäudes stellte er fest, dass er im Brass zwar die Pistole eingesteckt hatte, nicht aber das Schlüsselbund. Zurückzugehen hatte er keine Lust. Also verschob er den Stift am Schloss, sodass die Tür beim Zuziehen nicht verriegelt wurde.

Zwanzig Minuten lang patrouillierte er durch die Nacht, sog abwechselnd kalte Luft und Zigarettenrauch in die Lungen und hätte einem Dieb, sofern ihm einer über den Weg gelaufen wäre, mit Vergnügen jeden Knochen einzeln gebrochen. Aber auf die Halunken war kein Verlass. Unverrichteter Dinge beendete Reuss den Rundgang. Seine Armbanduhr, die er mit dem Feuerzeug beleuchtete, zeigte ein Uhr dreißig an.

Zurück im Bürotrakt, beschlich ihn ein warnendes Gefühl. Es war nichts Konkretes und er hätte auch nicht sagen können, welcher seiner Sinne das Unbehagen auslöste. So war ihm nicht bewusst, dass es seine Nase war, die etwas wahrgenommen hatte, einen Hauch von einem fremden Geruch, der erst vor Kurzem aus der kalten Luft hereingetragen worden war. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Sein Blutdruck stieg. Nach ein paar Schritten durch den unbeleuchteten Korridor verharrte er lauschend. Es war so still, dass er die ferne Eisenbahn hören konnte.

Nein, dachte er, da ist niemand. Da kann niemand sein!

Er drückte den nächsterreichbaren Lichtschalter, wartete gespannt das nervöse Aufflackern der Neonröhren ab und ging langsam an den offenen, dunklen Räumen vorbei zum Chefzimmer. Die Tür war zu.

Jetzt war es wieder da, dieses mulmige Gefühl. Teufel nochmal, wer hatte diese Tür zugemacht? Er selbst, dessen war Reuss sich absolut sicher, war es nicht gewesen.

Da drin ist jemand, schoss es ihm durch den Kopf, und während seine linke Hand die Stablampe umkrampfte, glitt die rechte in die Jackentasche zur Pistole.

Noch unentschlossen, wie er weiter vorgehen sollte, starrte er auf die helle Eichenmaserung des Türblatts – da wurde hinter ihm geatmet. Reuss’ Nackenmuskeln versteiften sich. Er drehte sich um und blickte in ein unmaskiertes Gesicht. Dann sah er die Klinge. Sie ragte nicht zwischen Daumen und Zeigefinger, sondern seltsamerweise zwischen Ring- und Mittelfinger aus der Hand.

In der letzten Sekunde seines Lebens erkannte Reuss, dass er verloren hatte. Dass es zu spät war, die Waffe zu ziehen. Ehe er die Hände hochreißen konnte, traf ihn ein blitzartiger Stoß in die Kehle. Mit animalischem Röcheln taumelte er gegen die Tür. Die Lampe fiel ihm aus der Hand und rollte über den Fliesenboden. Ein zweiter Stoß zuckte gegen sein Gesicht und trieb den scharfen Stahl durchs rechte Auge ins Gehirn. Mit erschlafften Muskeln rutschte Reuss an der Tür herunter, sein Kopf fiel zur Seite und schmierte eine Blutspur über das helle Holz. Ein Zucken durchlief seinen massigen Körper. Was weiter mit ihm geschah, spürte er nicht mehr.

Der Tod des Spediteurs bereitete den Ermittlern Kopfzerbrechen und stachelte die Reporter zu wilden Spekulationen an. Vor allem die Tatsache, dass das Opfer post mortem entmannt worden war, bestimmte die Schlagzeilen. Von der Mafia war die Rede, hier russisch, dort italienisch, auch eine Art Ehrenmord auf Orientalisch wurde für möglich gehalten.

Nach den Erfahrungen der Kriminalisten ließ der Overkill, wie das Aneinanderreihen mehrerer tödlicher Verletzungen genannt wird – allein das Herz war dreimal getroffen worden –, eher den Schluss auf eine Beziehungstat zu. In Verdacht geriet vorübergehend ein junger Russlanddeutscher. Sein Alibi jedoch war unumstößlich. Alle weiteren Spuren führten ins Nichts.

II. die drei von der blauen ecke

Ihren unverwechselbaren Charme bezog die Blaue Ecke aus ihrer Gestrigkeit. Generationen von Zechern hatten mit ihren Allerwertesten die Stühle und Barhocker glatt gewetzt. Wie die Gesichter der Gäste, die kamen und vergingen, hatte die Vorstadtkneipe von Zeit zu Zeit den Namen gewechselt. Blaue Ecke hieß sie, seit Paul Gruber, ein ehemaliger Boxtrainer, die Pinte betrieb.

Die Schwarz-weiß-Poster an den Wänden erzählten von großen Faustkampf-Duellen. Da legte Rocky Marciano, der legendäre Schwergewichts-Weltmeister der 50er Jahre, das Gesicht des schwarzen Ex-Champs Ezzard Charles mit einem rechten Schmetterschlag in Trümmer, da taumelte der tapfere Karl Mildenberger mit aufgeplatzter Augenbraue durch das Treffer-Stakkato des überirdischen Muhammad Ali, und in der Ecke über dem Stammtisch war der Sekundenbruchteil festgehalten, in dem Jersey Joe Walcott am 28. Mai 1950 in Mannheim dem deutschen Schwergewichtsmeister Hein Ten Hoff die Nase brach.

Über der Theke verstaubte ein Siegerkranz des einstigen Mittelgewichtlers Bruno Schmidt.

Dass die Blaue Ecke so gut lief, war nicht vorrangig Pauls Verdienst, sondern hatte unmittelbar mit Silvi, der jungen Bedienung zu tun. Sie war es, die den Laden am Laufen hielt, vor allem abends, wenn die jüngeren Gäste kamen. Viele klebten nur deswegen vor der Theke, weil Silvi dahinter stand. Und dass die kesse Rothaarige mit dem Pagenschnitt, der unerhört hellen Haut und den Sommersprossen nun schon im dritten Jahr der Blauen Ecke die Treue hielt, hatte der alte Paul seinem ehemaligen Boxer Bruno zu verdanken, an den Silvi ihre Liebe verschwendete.

Bruno betrieb sein Detektivbüro im selben Haus. Ein Messingschildchen neben der Kneipentür – Ermittlungen / Personenschutz, 1. Stock, B. Schmidt – wies darauf hin. Im Grunde genommen hing auch er am Tropf der Blauen Ecke; wenn er keine Aufträge hatte, durfte er Bier zapfen. Seit Jahr und Tag, wie einst schon als Trainer, hatte Paul ein Auge auf seinen ewigen Schützling, der in materiellen Dingen stets eine Spur zu unbekümmert war, was oft dazu führte, dass er wie ein Matrose auf einem leckgeschlagenen Schiff ein Loch nach dem anderen stopfte und gewiss schon untergegangen wäre, wenn Paul ihm nicht immer wieder festen Boden gegeben hätte.

Doch es war nicht der gegenseitige Nutzen, der das aus drei Generationen zusammengesetzte Trio der Blauen Ecke zusammenhielt, sondern ein viel stärkeres, reißfesteres Band, nämlich das der Freundschaft. Sogar der facettenreiche Begriff Liebe wäre in diesem Zusammenhang nicht zu hoch gegriffen gewesen. Für Paul war Bruno wie ein Sohn, für Silvi war er der Mann ihres Lebens. Und Bruno? Er hätte sich für jeden der beiden in Stücke reißen lassen. Paul begleitete ihn schon so lange durchs Leben, dass Bruno es sich anders gar nicht mehr vorstellen konnte. Er war der Fels, auf den er seine Detektei und überhaupt seine ganze Existenz gebaut hatte.

Was Silvi anging, war seine Gefühlslage nicht nur anders, sondern auch komplizierter. Mit 47 Jahren war er fast doppelt so alt wie sie. Eine gemeinsame Zukunft, so dachte er, konnte es nicht geben. Aber er genoss die Gegenwart. Silvi war ein hinreißendes Geschöpf, das er mit allen Sinnen erfasste. Es würde weh tun, sie zu verlieren, dessen war er sich bewusst, genauso bewusst wie darüber, dass er sie nicht festhalten durfte. Sie hatte etwas Besseres verdient als einen vernarbten Ringveteranen mit einer Lebensbahn voller Risse und Brüche und ohne Aussicht auf irgendetwas, was ein Mann einer Frau zu Füßen legen könnte.

Vielleicht war es gut so, wie es war. Im Grunde genommen wollte Bruno keine Verantwortung übernehmen, wollte den Rücken frei haben bei seinen Aufträgen, die ihn ab und an in die Nähe von Grab oder Knast brachten. Im Untergang, das war seine private Philosophie, war man am besten allein.

An diesem Märzmorgen jedenfalls gab es keinen Anlass, sich den Kopf über die Zukunft zu zerbrechen. Durch die Fenster der Blauen Ecke schien die Sonne auf den Frühstückstisch. Bruno war der Einzige, der noch nicht fertig war. Ihm gegenüber, hinter der aufgeschlagenen Zeitung, saß Paul. Das weiße Tischtuch war mit Krümeln krosser Brötchenkruste gesprenkelt, der Kaffeepegel in der Glaskanne auf zwei Fingerbreit gesunken. Silvi hantierte bereits hinter der Theke. Es war zehn Uhr und an der Zeit, die Kneipe zu öffnen. Bald würden sich die ersten Gäste einfinden.

Mit seinem Messer schabte Bruno einen Rest Mett aus der Folie.

»Haben wir noch mehr von dieser Bauarbeitermarmelade?«, fragte er.

»Dann bequem dich mal in die Küche, du Vielfraß«, sagte Silvi und zündete sich eine Zigarette an, »ach, lass mal, ich mach’s schon.«

»Wenn du auch noch einen Kaffee aufbrühen würdest für einen alten Mann ...«, sagte Paul.

»Denk an dein Herz!«, mahnte Silvi. »Du wirst hier noch gebraucht.«

Pauls Pumpe hatte in letzter Zeit ein paar Mal unrhythmisch auf sich aufmerksam gemacht.

»Mein Herz gibt nicht auf«, grummelte Paul, »es hängt zu sehr an euch zwei Rotznasen.«

Dann vertiefte er sich wieder in die Zeitung.

»Nun hört euch das an!« Er senkte das Blatt und legte die Stirn in Falten. »Hier wird wieder so ein akademischer Kunstfurzer zitiert. Der behauptet, dass Kneipenverweildauer und Schluckfrequenz von der sozialen Situation des Trinkers abhängen.« Zur Strafe schüttelte er die Zeitung. »Kann man das nicht einfacher ausdrücken?«

»Besser nich«, sagte Silvi, »sonst würden’s auch die Betroffenen kapieren.«

Paul widmete sich weiter seiner Lektüre.

»Diese Sache da ...«, sagte er, »der Mord an dem saarländischen Spediteur, diesem Karlmann Reuss, ist nach wie vor unklar. Und das nach drei Monaten! Wenn so ein Ding nach drei Tagen nicht aufgeklärt ist, wird’s schwierig. Hast du doch selber mal gesagt, Hammer, oder?«

Mit Hammer war Bruno gemeint. Paul redete ihn aus alter Gewohnheit mit seinem einstigen Kampfnamen als Profiboxer an.

»So ungefähr«, antwortete Bruno lakonisch.

Silvi stellte ein Tablett mit Frühstücksnachschub auf den Tisch.

»Is das der Typ, dem sie den Hauptgenerator entfernt haben?«, fragte sie.

»Den was ...?« Paul zog seine Lesebrille Richtung Nasenspitze und wandte ihr sein zerknittertes Gesicht zu.

»Das Gemächt abgeschnitten«, erklärte Silvi mit feinem Lächeln und einer Scherenbewegung von Zeige- und Mittelfinger. »Den muss jemand von Herzen gehasst haben, den Herrn.«

»Nicht unbedingt«, sagte Bruno. »Gibt’s noch Kaffee?«

»Jaaa.« Silvi boxte ihn auf den Oberarm. »Übrigens hat schon zweimal so ’n Hauptkommissar hier angerufen. Hat aber nich gesagt, wasser von dir will, Champ.«

»Das war sicher der Klaus Corbeau. LKA Saarbrücken.« Bruno rieb sich, Schmerz simulierend, den Oberarm.

»Stimmt. Haste ihn schon zurückgerufen?«

»Der kann mich mal«, sagte Bruno, »der alte Aktenwallach.«

»Hast du nicht mal einen Job erledigt für diesen Toten ... ähm ... für diesen Reuss?« Paul blickte über den Brillenrand.

»Ja, vor zwei Jahren«, antwortete Bruno. »In Luxemburg war ein LKW samt Ladung geklaut worden. Das hätte ich aufklären sollen.«

»Und, hast du?«

»Nein.« Bruno biss in eine Brötchenhälfte. »Ich bin nicht ständig in Hochform.«

»Hört euch das an, Kinder!« Paul hatte seine Brille wieder justiert. »Die Witwe Reuss hat die Belohnung auf zwanzigtausend Euro erhöht. Wär das nicht was für dich, Hammer? Denk mal, zwanzigtausend!«

»Ich würde, wenn ich wüsste, wie es wäre, wenn ich’s täte«, entgegnete Bruno, »aber ich hab mein Glückskonto schon überzogen.«

»Probier’s doch einfach!«

»Ach, Paul, wo die Bullen mit ihrem ganzen Technik- und Computerkram nicht weiterkommen, braucht einer wie ich gar nicht erst anzufangen.«

»Dann eben nicht«, knurrte Paul. »Wenn du’s dir nicht zutraust ...«

»Du änderst dich nie«, sagte Bruno. »So hattest du mich früher schon auf die schlimmsten Brecher heiß gemacht. Bis ich dann im Ring was auf die Glocke gekriegt hab.«

»Unsinn! Meistens hast du gewonnen! Und da wäre noch viel mehr rauszuholen gewesen – bei deinem Talent! Wenn du damals gegen den ...«

»Lass stecken!«, unterbrach ihn Bruno. »Reich mir lieber mal ein Stück Zeitung.«

Paul gab ihm das Feuilleton.

»Zu gnädig«, sagte Bruno.

»Beschwer dich nicht«, Paul verzog keine Miene, »in dem Teil sind auch die Todesanzeigen.«

»Die interessieren mich erst, wenn deine dabei ist.« Bruno grinste. »Mit allen Verdiensten um den internationalen Boxsport.«

»Das kann dauern«, parierte Paul. »Bis dahin wirst du eine Lupe brauchen, Hammer, und einen Zivi, der dir die Zeitung hält.«

Minutenlang kehrte Stille ein in die Blaue Ecke, nur das Rascheln beim Umblättern der Zeitungsseiten war zu hören und vom Tresen her das leise Klirren von Gläsern, die Silvi auf Sauberkeit überprüfte.

»Ist ja ’n Ding«, sagte Bruno gedehnt, »die Bissonnier macht auf Landleben.«

»Die Bissonnier?« Pauls Stirnfalten verrieten, dass er in seinem Gedächtnis forschte.

»Sag bloß, die kennst du nicht? Die ist dein Jahrgang, Paul! Eher noch älter.«

»Hhmmm ... ich mag ja mal ein toller Hirsch gewesen sein, aber du überschätzt mich, Hammer. Ich kenne nicht alle Damen meiner Altersklasse.«

»Von der Bissonnier hast du gehört, garantiert! Sie war ein Star. Wunderbare Chansons hat sie gesungen. Auf Französisch, auf Deutsch, auf Spanisch. Nur anspruchsvolle Sachen.«

»Was denn so?«

»Poetische Texte«, sagte Bruno. »Von Paul Celan zum Beispiel. Oder das Panther-Gedicht von Rainer Maria Rilke. Kennst du das?«

»Nein.« Paul schüttelte bedauernd den Kopf. »Frag mich nach Dempsey oder Joe Louis. Meinetwegen auch nach Michalczewski oder Rocchigiani. Was du willst! Aber nicht nach Gedichten.«

»Hör mal zu, Paul!« Silvi, die dabei war, den Tisch abzuräumen, hielt kurz inne, sammelte sich und trug mit ihrer leicht rauchigen Stimme vor:

»Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.«

»Hm.« Paul räusperte sich. »Hört sich nicht schlecht an, so wie du das sagst.«

»Die beiden anderen Strophen werden mir auch noch einfallen.« Silvi führte die Zigarette an ihren blasslila geschminkten Mund. »Lasst mich nur mal kurz nachdenken, Jungs!«

»Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte ...«, sagte Bruno hinter vorgehaltener Zeitung.

»Wie, du auch?« Paul kam aus dem Staunen nicht heraus.

»Jeder hat seine verborgenen Seiten«, sagte Bruno.

»So? Auf was muss ich denn noch alles gefasst sein?« Paul legte die Zeitung aus der Hand. »Und das nach so vielen Jahren!«

»Lass dich nicht bluffen, Paul«, rief Silvi, »auf einige seiner verborgenen Seiten könnte man verzichten. Das kann ich dir flüstern!«

Sie lachte ihr sinnliches Raucherlachen und schnippte die Asche ihrer Zigarette in den Ausguss, bevor sie mit schwingenden Hüften in der Küche verschwand.

»Der machst du nichts vor.« Paul schmunzelte. »Der nicht! Die kennt dich durch und durch, Hammer.«

»Meinst du?«

»Ja, mein’ ich. Sie ist wirklich ein tolles Mädchen, unsere Silvi.«

Da Bruno mit keinem Wort der Bestätigung auf seine Feststellung einging, hakte er nach.

»Du solltest sie heiraten, Hammer!«

Bruno schwieg hinter der Zeitung.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?« Paul konnte beharrlich sein wie ein Zahnarztbohrer. »Wenn es Liebe regnet, spannst du den Schirm auf, Hammer!«

»Paul!« Bruno senkte die Zeitung. »Als Meistermacher hast du unbestreitbar deine Verdienste, aber als Beziehungsberater ... ich weiß nicht. Lass dir eins gesagt sein: Nichts ist tödlicher für die Liebe als die Ehe.«

»Woher willst du das wissen? Hast du’s je ausprobiert?«

»Das weiß man eben.« Zur Untermauerung seiner These tippte Bruno auf ein Foto der Feuilletonseite. »Jeanne Bissonnier hat diese Erfahrung auch gemacht. Da gab’s mal eine Skandal-Ehe mit einem teutonischen Playboy. Erinnerst du dich?«

»Ah, jetzt fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren«, Paul reckte den Zeigefinger, »die hatte diesen Stenz geheiratet, den mit dem offenen Hemd, diesen Günther oder Gunther ...«

»Nein, das war die Bardot«, sagte Bruno, »die Bissonnier hatte sich von einem anderen Aufreißer einwickeln lassen.«

»Und?«

»Das Übliche im Jet-Set. Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Und Scheidung nach der Hochzeit.« Bruno schob die Zeitungsseite mit dem Bericht über den Tisch. »Man hat lange nichts mehr von ihr gehört. Und nun haust sie angeblich mutterseelenallein in den Nordvogesen.«

Interessiert betrachtete Paul das vierspaltige Foto, auf dem eine schlanke, mit Jeans, Gummistiefeln und Norwegerpulli salopp gekleidete Frau daherschritt, im Hintergrund ein doppelstöckiges Blockhaus, ein paar Ställe und schütter verschneiter Wald. Der Wind wehte Haarsträhnen in ihr Gesicht. Neben ihr sprang übermütig ein zotteliger Hund. Halblaut las Paul die Überschrift: Die große Dame und das einfache Leben.

»Die sieht nach was aus«, er nickte beeindruckt, »und ist noch total blond.«

»Friedhofsblond, würd’ ich sagen. Sieh mal genauer hin!«

»Na und?« Paul strich mit der Hand über sein graues Haar, das er zurückgekämmt trug. »Das hat doch auch was!«

»Bei der Bissonnier vielleicht«, sagte Bruno.

»Dass so eine berühmte Frau mit Tieren im Wald lebt ...«, Paul wiegte zweifelnd den Kopf, »das ist irgendwie seltsam.«

»Die hat eben vom Luxusleben die Nase voll. Steht da jedenfalls.« Bruno zog die Zeitungsseite zu sich und suchte mit dem Finger eine bestimmte Stelle der Reportage. »Da! Sie sagt: ›Wenn ich an diese dekadente Phase zurückdenke, schäme ich mich. Zum Ende meines Lebens will ich noch einmal etwas Sinnvolles tun.‹«

»Ist Einsamkeit etwas Sinnvolles?«

»Einsamkeit ist die Quelle allen Geistes«, philosophierte Bruno und legte die Hände in den Nacken.

»Die Quelle allen Geistes!«, papageite Paul. »Wenn ich nicht genau wüsste, dass dir die Bierquelle näher steht, Klugscheißer, wär’ ich jetzt schwer beeindruckt.«

»Mein Schicksal ist es, verkannt zu werden«, seufzte Bruno.

»Du tust ja auch alles dafür«, sagte Paul trocken.

»Aber zurück zu dieser Frau. Was treibt sie denn Sinnvolles im Wald?«

»Sie hat einen Gnadenhof eingerichtet.« Bruno streckte sich. »Ein Altersheim für Tiere, die keiner mehr haben will.«

»Was für ’n Altersheim?« Silvi war wieder hinter der Theke.

»Eins für Grauzausel auf vier Pfoten«, sagte Bruno.

»Wär das nich ’n prima Platz für den alten Barry?«, fragte Silvi.

Barry war der Hund von Albert, einem einsamen Säufer, der sich in der Blauen Ecke regelmäßig die Kante gegeben hatte, bis vor etwa vierzehn Tagen das Vorhersehbare eingetreten war: Alberts Leber hatte schlappgemacht. Nachdem er drei Tage in der Kneipe nicht aufgetaucht war, hatte Bruno nach ihm geschaut und ihn in seiner Souterrainwohnung tot inmitten einer Blutlache gefunden. Barry hatte Wache gehalten neben seinem toten Herrchen.

Es war Bruno schwergefallen, den Promenadenmischling im Tierheim abzusetzen. Er mochte den graubraunen Bulldog-Schlittenhund-Verschnitt mit dem treuherzigen Blick, von dem Albert immer behauptet hatte, er sei »als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich«.

Tag und Nacht war Barry an Alberts Seite gewesen, hatte in der Blauen Ecke geduldig neben ihm ausgeharrt, bis der unverbesserliche Schluckspecht seinen Pegelstand erreicht hatte, war dann brav mit ihm nach Hause getrottet, hatte ihm den Weg gewiesen, Schrittchen für Schrittchen, und wenn der sturzbesoffene Albert das Pflaster geküsst hatte und nicht mehr hochgekommen war, hatte Barry losgeheult wie eine Sirene, steinerweichend und so lange, bis im Umkreis die Fenster hell wurden und irgendein Gutmensch dem Gefallenen zu Hilfe eilte. – Der treue Trinker-Hund war nun arbeitslos.

»Das ist die Idee, Silvi!« Begeistert knuffte Bruno die Faust auf den Tisch. »Dass ich da nicht selber draufgekommen bin ...«

»Was Wunder«, lästerte Silvi, »bei den vielen Kopftreffern, die du schon kassiert hast!«

Wie der Blitz war Bruno hinter der Theke, umfasste ihren Po und hob sie übermütig hoch.

»Morgen hab ich in Karlsruhe zu tun, Süße«, sagte er dicht an ihrem schlanken Hals, »und dann mache ich einen Abstecher über die Grenze und frage, ob Madame Bissonnier ein Eckchen frei hat für den alten Barry.

»Tu das, Champ!« Silvi steckte ihm die Zeigefinger in die Ohren, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

»Ach ja, da wär noch eine Kleinigkeit ...« Er hielt sie weiterhin eng umfasst und sprach sanft und suggestiv in ihre roten Haare: »Mein Auto tut’s wieder nicht. Krieg ich deins?«

III. der skorpion

Tuisko Gänsle, 34, hatte es in seinem Leben zu einer abgebrochenen Metzgerlehre, einer großen Gesichtsnarbe und zwölf Jahren Knast gebracht. Und zu einem Auftritt im Fernsehen. Für eine Hand voll Euro hatte er sich – es war kurz vor Weihnachten gewesen – in einer dieser peinlichen Nachmittags-Talkshows, in denen materiell und geistig Minderbemittelte vorgeführt wurden, von einer aalglatten Moderatorin ein paar Details seiner Verbrecherlaufbahn aus der Nase ziehen lassen. Mörderische Details.

Entgegen der Absprache hatte das TV-Luder nichts davon wissen wollen, dass Gänsle sich für Schlangen interessierte, auch für Spinnen und hauptsächlich für Skorpione, nein, die Fakten, die sie vor laufenden Kameras beharrlich-raffiniert aus ihm herauskitzelte, drehten sich samt und sonders um sein vereistes Gemüt und die speziellen Dienstleistungen, die er vor Jahren im Kölner Türsteher-Milieu erbracht hatte. Gänsle hatte nämlich eine Vergangenheit als Lohnkiller. Im Auftrag eines tunesischen Clans hatte er in den Neunzigern einen türkischen Paten kaltgemacht.

Von den dreizehn Jahren, die ihm vom Gericht dafür aufgebrummt worden waren, hatte er zwölf abgesessen, neun davon in einem Hochsicherheitsgefängnis, wo die schweren Jungs unter sich waren, die Zellentüren drei Tonnen Druck aushielten und der Hofgang in einem so genannten Tigerkäfig stattfand.

Draußen neu anzufangen war weitaus schwieriger, als Gänsle sich das vorgestellt hatte. In einer ausgedünnten Arbeitswelt, in der es Männer ohne Knast schon schwer genug hatten, war er ein Chancenloser.

Die Frage, warum er in dieser aussichtslosen Situation ins Saarland zurückgekehrt war, zurück in das Land seiner freudlosen Kindheit, dem er als Jugendlicher einst leichten Herzens den Rücken gekehrt hatte, hätte er nicht so ohne Weiteres beantworten können. Es gab hier niemanden, der auf ihn gewartet hätte. Seine Mutter war seit fünf Jahren tot. Wo ihr Grab war, wusste er nicht. Er erkundigte sich auch nicht danach.

Mutter – das Wort ließ ihn kalt. An mütterliche Liebe konnte er sich nicht erinnern, nur an einen unberechenbaren Wechsel von Gleichgültigkeit und Wutausbrüchen. Er war ein ungewolltes Kind gewesen und ihr bei allem, was sie tat, irgendwie im Weg. Im Rückblick kam es ihm vor, dass sie ihn sogar für die Respektlosigkeit verantwortlich gemacht hatte, die ihr als allein erziehender Gelegenheitshure in dem engen, erzkatholischen Arbeitermilieu der saarländischen Provinz entgegengeschlagen war.

Nein, er hatte ihr nichts zu verdanken. Nur Nachteile. Diesen bescheuerten Nachnamen Gänsle zum Beispiel.

In der Hoffnung, ihren versauten Leumund aufzubrezeln, hatte sie hastig einen Habenichts geehelicht, einen nomadisierenden, schnattermäuligen Propagandisten, der in einer Supermarkt-Passage tropffreie Fensterwischer anpries. An die zwei Jahre war der Schwatzbeutel bei ihr geblieben, und dabei war ihm nichts Besseres eingefallen, als Tuisko, den Bankert, zu legitimieren, indem er ihm seinen lächerlichen Familiennamen mit dem schwäbischen Verkleinerungssuffix »le« verpasste: Gänsle. Gans wäre schon schlimm genug gewesen, Gänsle zu heißen aber war eine Strafe. Tuisko Gänsle – die Kombination aus dem Namen eines Germanengottes und dem eines Korinthenkackers aus Sindelfingen forderte den Spott geradezu heraus.

Der Schwabe verschwand eines Tages, sein Name aber blieb. Tuisko Gänsle musste damit leben: in der Schule, auf dem Bolzplatz, in der Disko und während der Metzgerlehre, die er vor der Gesellenprüfung schmiss, weil er mit dem tyrannischen Schlachtermeister nicht klarkam.

Später, als Rotlicht-Parvenü im Rheinland, hieß er anders. Er nannte sich »Skorpion«. Das wurde allgemein akzeptiert.

Auch im Knast gab es, abgesehen von den Schließern, nur wenige, die Gänsle mit seinem bürgerlichen Namen anzusprechen wagten. Dass der Skorpion stets etwas zum Stechen in petto hatte, war unter den Gefangenen bekannt. Nirgendwo wurde mehr Phantasie darauf verwendet, aus harmlosen Gegenständen des Alltags gefährliche zu machen, als hinter Gittern. Schon eine nass geformte Zeitung und ein Nagel genügten, um eine wirkungsvolle Stichwaffe herzustellen.

Die Zeit des Skorpions war nun vorbei. Gänsle war wieder Gänsle. Er stand vor einem neuen Anfang.

Im Heim für entlassene Strafgefangene hatte er es nicht lange ausgehalten. Nach all den Jahren erzwungener Gemeinschaft sehnte er sich nach Individualität. Auf dem Umweg über versiffte Absteigen in Köln, Frankfurt und zuletzt in Saarbrücken war er in diesen verlorenen Stadtteil von Völklingen gekommen, wo Frauen mit Kopftüchern und Plastiktüten blicklos an grauen Fassaden vorbeilatschten, wo die Bushaltestellen demoliert und mit zotigen Ausdrücken vollgesprüht waren und leere Schaufenster wie Todesanzeigen von einer Geschäftigkeit kündeten, die es hier vor längerer Zeit einmal gegeben haben musste.

Gänsle hauste hinter der zugeklebten Glasscheibe eines ehemaligen Klempnerladens, trank Bier und starrte stundenlang auf den Fernseher, den er samt Videogerät und DVDPlayer für wenig Geld in einem Wiederaufbereitungsbetrieb der Arbeiterwohlfahrt erstanden hatte. Der Linoleumboden klebte vor Dreck. Wenn Gänsle nachts zum Pinkeln aufstand und das Licht einschaltete, flüchtete eine Kompanie Kakerlaken hurtig unter die Sperrmüllmöbel.

Die Freiheit, die er sich in mehr als viertausend Knastnächten erträumt hatte, war nun elende Realität. Für mehr als das Lebensnotwendige hatte Gänsle kein Geld. Die paar Penunzen, die ihm zur Verfügung standen, spendierte der Staat.

Fast alles, wovon er in seiner Zelle phantasiert hatte, war unerreichbar geblieben. Frauen zum Beispiel. Auf einen wie Gänsle, der mit geschmacklosen Tattoos und schlechten Zähnen die Stigmata eines verworfenen Lebens trug, flogen sie nicht. Da nutzte es nichts, dass er ein Gardemaß von 187 Zentimetern hatte, ein wuchtiges Kinn und einen schwellfähigen Bizeps. Allen männlichen Attributen zum Trotz sah er nicht aus wie einer, der eine Sünde wert gewesen wäre.

Zu allem hin zerstörte eine Wulstnarbe, die sich halbmondartig von der linken Schläfe ums Auge herum bis unter den Nasenflügel zog, die Symmetrie seines Gesichts. Sie war ein Andenken an eine Rasierklingenattacke in Block D und würde ihn zeitlebens an die brutale Regellosigkeit der Knastkämpfe erinnern. Über dem Narbengewebe war die Haut dünn wie Papier, bildete keine Pigmente mehr und reagierte auf alles empfindlich, sogar auf die Sonne.

Es wurmte Gänsle, wenn er daran dachte, dass diese Verunstaltung vermeidbar gewesen wäre. Doch anders als im bürgerlichen Leben, wo nach Unfällen oder Operationen die kundigen Hände von Physiotherapeuten das aufgeworfene Gewebe glätteten, war man im Knast sich selber überlassen. Nicht einmal Silikonpflaster oder Fettcreme, womit er den Narbenwildwuchs wenigstens hätte geschmeidig halten können, waren ihm zur Verfügung gestellt worden.

Bei dem Gemetzel war auch ein Nerv zu Schaden gekommen. Seitdem zwinkerte Gänsle unkontrolliert mit dem linken Auge.

Dass es mit seinen Zähnen nicht zum Besten stand, war unübersehbar. Sie waren braun und brüchig wie Zimtstangen. Die durch Karies und Schlägereien eingebüßten Exemplare waren durch eine billige Metallgussprothese ersetzt worden, deren hässliche Halteklammern im Volksmund Schweinehaken hießen. Um diesen Makel zu beseitigen, hätte Gänsle einem Zahnarzt ein dickes Bündel Banknoten hinblättern müssen.

Teuer wäre es gewiss auch gewesen, die vielen Tätowierungen wegzulasern, die Dolche, Särge, Frauenakte, Spinnennetze und Schlangenköpfe, allesamt von einem Dilettanten geritzt, einem sicherungsverwahrten Serienvergewaltiger, dem zum Bebildern seiner Mitgefangenen nur provisorisches Gerät zur Verfügung gestanden hatte. Sogar auf den Handrücken war Gänsle illustriert: auf dem rechten mit einem Skorpion, auf dem linken mit einem Totenkopf.