DUNKLER FLUSS - Nicholas Bennett - ebook

DUNKLER FLUSS ebook

Nicholas Bennett

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Opis

"Eine spannende und nervenaufreibende Geschichte" [Lesermeinung] "Die detaillierten, schon fast epischen Beschreibungen lassen gleich einen Film im Kopf ablaufen." [Lesermeinung] "Die Grundgeschichte, die Nicholas Bennett da erzählt, ist, ganz pur und rein für sich genommen, großartig!" [Lesermeinung] Inhalt: Der Fluss vergisst nicht … Ein Leben wird gerettet, ein anderes verflucht. David Weaver wird von Träumen und Geistern heimgesucht, als der Fluss ihn ruft, wie er es bereits früher getan hat … im August 1976, dem heißesten Sommer aller Zeiten. Die dunkle Historie einer ländlichen Kleinstadt Englands liegt verborgen in den finsteren Katakomben mittelalterlicher Ruinen. Eine Energie aus altertümlicher Zeit schlummert dort und wartet darauf, sich an den Bedürfnissen der Menschen, Böses zu tun, zu laben. DUNKLER FLUSS ist ein Mystery-Thriller über die düstere Psychologie eines beschaulichen kleinen Ortes, den scheinbar selten ein Wässerchen trübt. Die älteren Bewohner jedoch wissen es besser. Sie kennen die heimtückische Unterströmung, die dem Leben am Fluss Meas zu eigen ist …

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MOBI

Liczba stron: 900




DUNKLER FLUSS

Nicholas Bennett

übersetzt von Andreas Schiffmann

Copyright © Nicolas Bennett

Dieser Roman ist ein fiktives Werk. Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse entspringen der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit zu tatsächlichen Ereignissen, Schauplätzen oder Personen, lebendig oder tot, ist rein zufällig.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: THE RIVER DARK Copyright Gesamtausgabe © 2015 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Potrafke Übersetzung: Andreas Schiffmann

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2015) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-037-3

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhalt

DUNKLER FLUSS
Impressum
Teil I – Die Brücke
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Zwischenspiel 1
Kapitel 4
Teil II – Das grün-graue Land
Kapitel 5
Kapitel 6
Zwischenspiel 2
Kapitel 7
Kapitel 8
Zwischenspiel 3
Kapitel 9
Teil III – Hochwasser
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Teil IV – Die Unterwelt von Measton
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Zwischenspiel 4
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Epilog

Teil I Die Brücke

Es ist die Unterströmung, verstehen Sie?

Prolog

– 1 –

August 1976, Measton

Es war der heißeste Tag aller Zeiten. Das wusste jeder. Davey dachte das Gleiche, während er zum schmalen Schattenstreifen an der Mauer trabte. Es war auch viel zu heiß zum Laufen, doch er legte sich trotzdem ins Zeug, um mit Grant Moran, diesem üblen Typen, schrittzuhalten.

Davey wusste, dass er einen Fehler machte. Einen schweren Fehler.

Er hatte die unsichtbare Linie am Ende seiner Straße bereits weit hinter sich gelassen – eine Grenze, die nie und nimmer überquert werden durfte, egal wer behauptete, es gehe schon in Ordnung. Und nicht nur das: Er war außerdem hinter dem allerschlimmsten Jungen überhaupt her.

Grant Moran!

Er fand das alles nicht gerecht. Nur weil Grants Daddy als böser Mann galt, meinte jeder automatisch, der Junge müsse genauso sein. Wie der Vater, so der Sohn hatte seine Mama zu Carol, ihrer Nachbarin von nebenan, gesagt. Denn Grants Daddy war ein Krimineller. Er klaute aus den Häusern anderer Leute Dinge, wie ein Einbrecher aus Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann und saß deshalb andauernd im Gefängnis, sodass Grant ihn nie zu Gesicht bekam, nicht einmal an seinem Geburtstag oder zu Weihnachten. Daveys Daddy war ebenfalls fort und würde ihn weder zu Weihnachten noch an seinem Geburtstag oder überhaupt irgendwann sehen. Er saß aber nicht im Gefängnis, sondern war im Himmel. Grant gab vor, es sei ihm egal, ob er seinen Daddy treffen könnte oder nicht, aber dann wurde er wütend und warf Steine auf die Gewächshäuser im Garten des alten Mr. Andrews. So etwas tat Grant ständig. Dies war das Problem und der Grund dafür, dass sich Davey in der Hitze abmühte und seine kurzen Beine im gleißenden Licht der Sonne am frühen Nachmittag vor Anstrengung zitterten. Andererseits hatte Grant stets die besten Ideen.

»Komm schon, das wird bestimmt lustig!« Grant kehrte wieder diese ganz spezielle Art hervor, die darauf hindeutete, dass gleich das Fenster von jemandem dran glauben musste. Er grinste breit. Einschüchternd, lustig und frech zugleich.

»Ich darf nicht«, erwiderte Davey. »Meine Mama hat gesagt …«

Grant verhöhnte ihn auf übertriebene Art und Weise: »Hilfe, Mama hat gesagt, Mama hat gesagt! Ich mach mir in die Windel, wenn ich auf die Straße gehe.«

Davey boxte gegen Grants Schulter. Er trug nicht einmal eine Windel, er war schließlich schon fünf.

Grant tanzte vergnügt um ihn herum. »Mama hat gesagt, Mama hat gesagt, Mama hat gesagt …«

Zehn Minuten später schleppte sich Davey auf dem schmalsten aller Schattenstreifen weiter und bemühte sich vergeblich, Grant nicht aus den Augen zu verlieren, während immer mehr Übelkeit und Panik in ihm aufstiegen. Er hätte am liebsten losgeheult. Nie zuvor war er so weit weg von zu Hause gewesen, ohne dass ihn seine Mutter an der Hand hielt, und das geschah sowieso nur, wenn er in die Vorschule ging.

Wir wagen ein Abenteuer, redete er sich tapfer ein und unterdrückte seine Tränen. Dann setzte er zum vollen Sprint an, trotz der Warnung seiner Mama, in dieser Hitze nicht zu rennen. Er wollte sich schließlich nicht verirren, und Grant preschte voran, ohne auch nur einmal stehenzubleiben oder sich nach ihm umzudrehen – kein einziges Mal. Die Häuser hier sahen nicht vertraut für ihn aus; er hatte sie noch nie zuvor gesehen. Er fand, sie waren schmutzig, und er wusste, dass seiner Mama die kaputten Fahrräder in den Vorgärten, die voller Unkraut waren, oder die Tore, die offenstanden, weil die Riegel abgebrochen waren, nicht gefallen würden. Er lief weiter, wich Hundehaufen aus und sprang auf dem glühend heißen Asphalt über verblasste Kreidekästchen zum Hüpfspielen.

Grant bog in eine Gasse am Ende der Straße ein. Als Davey diese erreichte, war der Junge nur noch ein winziger Punkt in der Ferne, also legte er noch einmal einen Zahn zu. Er flog nun förmlich an Zäunen vorbei, von denen die Farbe abblätterte, und setzte die Füße geschickt zwischen rote Ziegel, die aus dem Boden hervorragten. Er war jetzt Steve Austin, der erste bionische Mensch der Welt. Die Titelmelodie erklang in seinem Kopf, gemeinsam mit Lee Majors' Stimme: »Schleudersitz funktioniert nicht, sie schmiert ab, sie schmiert ab!«

Er schien nun ein wenig zu Grant aufgeschlossen zu haben.

»Warte auf mich!«

Wir haben die Möglichkeit, den ersten bionischen Menschen zu erschaffen.

Grant wartete im Schatten einer Ulme auf ihn. Er hatte sein Tunichtgut-Grinsen für Davey aufgesetzt und wies mit einer Kopfbewegung auf das weite Feld vor ihnen. An dem unbefestigten Weg, der am Rand dieser Einöde verlief, stand ein verwittertes, von Hand bemaltes Schild.

»Ross«, las Davey, während er wieder zu Atem kam. »Was sollen wir denn auf Ross' Land?«

Grant zeigte erneut alle seine Zähne und antwortete: »Wirst schon sehen.«

Sie liefen auf die lange, flache Wiese, die sich bis zum River Meas erstreckte, wobei das Gras bis an Daveys Schultern reichte. Sich einen Weg zu bahnen, war allerdings leicht, weil Generationen von Kindern dauerhafte Breschen in die Wildnis geschlagen hatten … zum Angeln gehen, spielen, oder wenn sie sich Höhlen bauen wollten. Ebenso wie Teenager, die auf der Suche nach einem abgeschiedenen Ort gewesen waren, um sich mit Zigaretten und Sex in die Erwachsenenwelt zu stürzen. Davey machte den Eingang zu einem Versteck aus, wo das Gras und Gestrüpp am dichtesten waren, während vom Regen ausgebleichtes Bonbonpapier das Alter derjenigen preisgab, die es zuletzt besetzt hatten. Dieser Fleck war ausschließlich Kindern vorbehalten. Die beiden hielten sich nun in Richtung Fluss. Irgendwann rutschte Davey aus und knickte schmerzhaft mit einem Fuß um. Er setzte sich auf die durch die Sonne aufgesprungene Erde, rieb sich den Knöchel und versuchte seine Tränen zurückzuhalten. Grants Schatten fiel plötzlich auf ihn.

»Vielleicht solltest du besser heimgehen, Baby Davey. Du bist noch zu klein hierfür – und du bist ein Schlappschwanz.«

Davey blinzelte ihn von unten an. Schlappschwanz? Grant war acht Jahre alt. Er kannte ein paar wirklich gute Kraftausdrücke.

»Nichts passiert«, behauptete Davey und zog die Nase hoch.

Er gewann langsam den Eindruck, dass die Luft hier anders roch. Nach Kacka. Der Fluss war nicht mehr weit weg, das wusste er, und er spürte ein Zwicken im Bauch; so wie immer, wenn er vorsätzlich etwas Ungezogenes oder Verbotenes tat. Wieder hörte er die Stimme seiner Mutter: Geh niemals allein zum Fluss! Leider fühlte er sich hypnotisch zur Strömung des Wassers hingezogen. Mittlerweile konnte er genauso wenig umkehren, wie Fliegen von Hundedreck fernbleiben würden. Der Fluss war riesig; er war aufregend – das Sprungbrett in ein Meer verwegener Fantasien. In ihm schwammen fette Fische, und es lagen bestimmt versunkene Schiffswracks darin … und tote Menschen, davon war er überzeugt. Duncan Harris hatte ihm das einmal erzählt. Vier Jungen sind im Fluss ertrinkt, hatte er ihm verstohlen zugeflüstert, damit Mrs. Newton es nicht hörte. Keiner hat sie je gefindet. Davey hastete weiter durch das hohe Gras.

Dann tat sich das Gewässer vor ihnen auf, das Ufer mit Müll und anderem Unrat übersät, dessen sich die Leute im Laufe der Jahre entledigt hatten, alles von Kühlschränken über Sessel und Tüten mit leeren Limonadenflaschen – Grant untersuchte diese und verkündete, er werde sie zu Dix' Kiosk bringen, um das Pfandgeld dafür einzusacken. Bis hin zu aufgeweichten Pappkartons voller Zeitschriften mit Bildern von nackten Frauen auf den Titelseiten; auch Letztere besah sich Grant, allerdings ohne etwas dazu zu sagen. Sie schlugen sich nun durch den Abfall von Measton, wie es nur kleine Jungs können, witterten dabei Schätze und erwärmten sich für unbrauchbare, weggeworfene Überbleibsel aus den Leben fremder Leute.

Auf ihrem Weg zur Brücke unterbrachen sie sich wiederholt mit Rufen wie Sieh dir das an und einer Runde Steinewerfen, die zwanzig Minuten dauerte. Grant gewann natürlich, denn Davey würde seinen Rekord von acht Sprüngen niemals brechen können. Er schmollte eine Weile, während ihm Grant versicherte, dass er keinen Fünfjährigen kenne, der es nur annähernd so gut könne wie Davey. Daraufhin schleuderte er noch einen Stein über das Wasser, der es ein, zwei, drei, vier und schließlich sogar fünf Mal schaffte. Seine bisherige Bestleistung.

In diesem Augenblick war Davey so glücklich wie noch nie zuvor, außer vielleicht an Weihnachten.

– 2 –

Die Kläranlage ragte zu ihrer Rechten auf. Grant erklärte Davey geduldig, was es damit auf sich hatte.

»Da kommt unser ganzes Kacka und Pipi hin?« Davey war sich nicht sicher, ob Grant ihn nicht zum Besten hielt. Das tat er nämlich gern.

»Ganz genau«, erwiderte Grant lachend. »Warum sonst sollte es so eklig stinken?«

Davey blieb misstrauisch. »Aber was machen die damit?«

»Sie rühren den ganzen Scheiß kräftig um und schütten ihn dann in den Fluss«, antwortete Grant leise und fachmännisch.

»Was? Warum denn erst umrühren?« Davey war fasziniert. Mrs. Newton hätte ihren sonst so uninteressierten Schüler nicht wiedererkannt, wo sie sich doch immer damit abplagte, ihn vom Tagträumen abzulenken.

»Weiß nicht«, gestand Grant und dachte kurz darüber nach. »Vielleicht, damit sich alles besser auflöst und nicht mehr so leicht obenauf treibt.«

»Oh.«

Grant hatte sich jetzt in seine Rede hineingesteigert.

»Die geben besondere Zutaten in die Pisse, damit wir sie wieder trinken können.«

Er konnte sagen, was er wollte: Davey bezweifelte, dass es stimmte. Die beiden schauten kindlich verträumt über die Absperrung hinunter auf die runden Becken voller Exkremente. Grant begann schließlich, dicke Steine über die Mauer zu werfen, »um herauszufinden, wie hoch die Scheiße spritzt«, bis ein Mann mit langem, grauen Haar aus einem der Gebäude neben der Anlage gelaufen kam, ihnen mit einer geschüttelten Faust drohte und rief, dass sie sich sofort verziehen sollten.

»Verzieh dich doch selbst, Scheißerührer!«, schrie Grant zurück und warf noch einen Backstein, der trudelte und dann laut klatschend in ein Abwasserbecken plumpste. Sie blieben gerade noch lange genug stehen, um mitzubekommen, wie die braune Flutwelle überschwappte und der Mann »Oh, Scheiße!« schrie.

Sie liefen fünf Minuten lang lachend davon, ehe sie sich auf dem begrünten, unnatürlichen Hügel fallenließen, der die Böschung der Gleise bildete. Als sich Grants Atem wieder beruhigt hatte, ging er zum Fluss und blickte zur Eisenbahnbrücke hinauf. Einige der kreidigen Kiesel, mit welchen man den Boden entlang der Strecke aufschüttete, waren die sechzig Fuß bis zum Ufer heruntergefallen. Er hob einen auf, wiegte ihn in der Hand und warf ihn dann im hohen Bogen in Richtung Unterseite der Brücke. Am Scheitelpunkt seiner Flugbahn erreichte der Stein fast den Laufsteg, dann ging er über dem Fluss nieder und traf mit einem deutlichen Glucksen das schmutzige Wasser.

»Ui!«, rief Davey beeindruckt.

»Scheißhaus«, brummte Grant und hob den nächsten Kiesel auf. Davey stellte sich neben ihn, während er geistesabwesend an einem Zeigefinger lutschte. Grant versuchte es erneut und verfehlte dieses Mal sogar noch weiter sein Ziel.

»Zu schwer«, rechtfertigte er sich selbst und suchte das Gestrüpp am Ufer nach einem weiteren geeigneten Wurfgeschoss ab. Als Davey unter der Brücke stand, schaute er zu dem Geflecht aus Trägern und Streben auf, das mitten in der Luft zu schweben schien.

»Hallo!«, rief er und lauschte dem kurzen Echo, das wie ein Bellen klang. Es war, als werfe man einen Tennisball gegen eine Wand, vor der man zu dicht stand, sodass er zu schnell zurückkam.

»Auf ein Neues«, sprach Grant. Er vollzog eine Drehung wie ein Hammerwerfer und ließ den Stein dann los. Sie beobachteten, wie er vom Laufsteg abprallte, und johlten dann begeistert. Es schepperte und polterte, was Davey an eine Szene aus einem Gruselfilm erinnerte, in der eine Boje nachts im Nebel auf dem Meer trieb. Wenn er brav war, erlaubte ihm seine Mama manchmal, länger aufzubleiben und solche Sachen mit ihr zu gucken. Jetzt wusste er allerdings, dass er es bestimmt eine Weile nicht mehr tun durfte. Das Gurgeln des Wassers, als der Stein eintauchte, wurde von Geplätscher begleitet, als Metallsplitter nach unten rieselten. Ein paar landeten in der Nähe der Jungs am Ufer. Sie warfen sich übertrieben auf den Boden, so wie die Leute in den Fernsehserien stets Deckung suchten.

»Das Scheißding stürzt bald ein«, sagte Grant ehrfürchtig. »Irgendwann kracht ein Zug in diesen Fluss, und dann bin ich hoffentlich hier, um es zu sehen.«

Davey wusste, dass er jedes Wort ernst meinte. Grant machte nie Witze, wenn es um Zerstörung ging. Er hatte damals auch angekündigt, die Scheiben der Gewächshäuser des alten Mr. Andrews einzuwerfen und hatte es tatsächlich getan; dem Fenster von Mrs. Dix Ladentür war es ähnlich ergangen, nachdem sie ihn beim Stehlen von Süßigkeiten erwischt hatte – »Karamellen für zwei Cent? Sie sind der Dieb, nicht ich!« – und Peter Carson war mit blutiger Nase dahergekommen, weil er Grants Dad einen Zigeuner genannt hatte. Trotz seines zarten Alters von fünf Jahren schien Davey in der Lage zu sein, etwas in dem Moran-Bengel zu erkennen, das seiner Mutter und den Nachbarn offenbar entging.

Denn Grant spielte nur schlechten Menschen übel mit.

Mr. Andrews war ein gemeiner Alter, der Kinder verprügelte, wenn er sie in der Nähe seines geliebten Gartens schnappte, auch wenn sie gar nichts angestellt hatten. Einmal hatte er Clifford Johns ein blaues Auge verpasst, und der Junge war erst zwölf. Mrs. Und Dix zog den Leuten das Geld aus der Tasche, das meinte selbst seine Mama. Ihre Preise seien überzogen hoch, hatte sie einmal zu Carol gesagt. Peter Carson hingegen war ein grausames Kind. Er ärgerte ständig die ganz Kleinen und brachte sie zum Weinen. Grant hatte ihm erzählt, es stimme, dass sein Vater ein Zigeuner sei, aber er hasste es einfach, dass Peter Carson über seinen Vater sprach, egal in welchem Zusammenhang. Für Davey war Grant wie Batman oder Robin Hood; wäre ihm das Wort ein Begriff gewesen, hätte er ihn bestimmt als edelmütig bezeichnet.

Aber er war auch gefährlich, da hatte Mama schon recht.

»Lass uns auf die Brücke klettern«, schlug Grant vor und grinste wieder schalkhaft.

Sie stiegen den Hang hinauf, wobei sie sich an Grasbüscheln festhielten und versuchten auf getrockneten Lehmklumpen Fuß zu fassen. Davey schaute über seine linke Schulter und wurde fast von einem Schwindelgefühl überwältigt, als er das rauschende Wasser unter sich sah. Es kam ihm ungeheuer hoch vor, obwohl er erst die Hälfte des Gefälles bewältigt hatte. Grant packte ihn grob an der Schulter und zog ihn zu sich an den Streckenrand. Dort legten sie sich beide erst einmal erschöpft hin und keuchten angesichts der sengenden Luft, die diesen Jahrhundertsommer kennzeichnete. Später in den Nachrichten würde sogar die Rede von Hitzetoten sein.

Davey glaubte, von hier oben sehe man die ganze Stadt: Dort war das doofe Fußballfeld, rechts Carsons Schrottplatz und das Schulgelände am Gegenufer, links von ihm die ersten Ausläufer der Wohnsiedlung, die er sein Zuhause nannte, während die Gebäude im Zentrum, gemeinsam mit dem Turm von St. Matthew, wo er getauft worden war und Mama seinen Daddy geheiratet hatte, die Dächer überragten. Hinter ihm lagen Äcker und in der Ferne die Measton Hills. Grant zeigte auf die endlosen Reihen von Apfel- und Pflaumenbäumen.

»Da kann man sich prima die Taschen vollmachen«, bemerkte er. »Zu dumm, dass der Bauer ein Gewehr hat.«

Als sie auf die Brücke traten, stimmten sie einen Singsang an: »Der Bauer schießt dich tot, der Bauer schießt dich tot, olé …« Davey fand, man würde gar nicht darauf kommen, dass man auf einer Brücke ging, sähe man nicht die Stahlgeländer an den Seiten. Er folgte dem Verlauf der Schienen, so weit er sehen konnte. In einer Richtung glänzten sie meilenweit silbrig in der Sonne, in der anderen verschwanden sie kurz hinter der Brücke an der Seite eines Berghangs. Sie stellten sich auf das Gleis – Davey allerdings erst nach langer Überzeugungsarbeit sowie einem anschaulichen Beweis dafür, dass er keinen tödlichen Stromschlag bekommen würde – und spielten durch, wie sie sich verhalten würden, wenn ein Zug käme. Daraufhin spuckten sie über das Geländer in den Fluss unterhalb – weit unterhalb – und übten sich im Zielen mit Kieseln. Sie verbrachten einige Zeit damit, an der Oberfläche treibenden Müll zu versenken. Davey traf mit Glück eine zur Hälfte aus dem Wasser ragende Guinness-Flasche, die sogar zerbrach. Dann weihte Grant ihn schließlich in seinen Plan ein.

– 3 –

Sie warteten darauf, dass die Vibrationen zunahmen, als die zwölf Kalksteine endlich anfingen, auf dem heißen Gleis zu zittern. Die Jungs hatten sie mit respektvoller Vorsicht dort hingelegt, ohne ein einziges Wort zu sprechen, und sich dann an den Rand der Strecke zurückgezogen, wo das Gras hoch genug war, um sich darin zu verstecken. Die beiden kannten genügend Kriegsfilme, um sich gekonnt, wie Soldaten auf den Bauch zu legen.

Der Zug war pünktlich.

Keiner der beiden hatte eine klare Vorstellung von den Fahrplänen, aber für sie kam der 12.20 Uhr Zug aus Paddington gerade richtig. Sie mussten nur fünf Minuten warten, bis die Staubkörner auf den Gleisen zu tänzeln und springen begannen, während die dickeren Steine bebten, als wüssten sie über ihr bevorstehendes Schicksal genau Bescheid.

»Schau!« Davey konnte die diebische Freude in Grants Stimme richtiggehend hören und spürte, wie sich seine eigenen sonnenverbrannten Wangen beim Grinsen spannten. In der Ferne wurde nun die Lok langsam sichtbar. Er war erst einmal mit dem Zug gefahren, als ihn seine Mutter nach Birmingham mitgenommen hatte, um ihre alte Schulfreundin zu besuchen, Tante June. Das war toll gewesen, doch dies hier fand er viel besser. Das Rattern des näherkommenden Zugs wurde von einem ohrenbetäubenden Wa-huuuh übertönt.

Die Lok legte die Entfernung bis zu den Jungen im Nu zurück. Grant brüllte, doch Davey verstand ihn kaum. Grant richtete sich auf, behielt aber ein Knie am Boden wie ein Sprinter beim Start eines Rennens.

Davey war verwirrt. Die sehen dich doch so, wollte er rufen. Leg dich wieder hin. Grants Blick galt einzig den Gleisen. Davey schaute ebenfalls hin und sah, dass einer der Kiesel heruntergefallen war. Grant hatte ihn wegen seiner Größe und seines Gewichts ausgesucht. Der Zug war der Brücke jetzt so nahe, dass der Stein immer mehr hüpfte und klapperte. Die Schienen über dem Flusstal brummten vor Elektrizität, während Davey vage wahrnahm, wie Steinchen – plitsch, platsch – in den Meas unter ihnen purzelten. Das alles geschah im Bruchteil einer Sekunde, bevor Grant aus ihrem Versteck stürzte und zur Spur preschte.

Davey konnte seinen eigenen Schrei nicht hören.

Der Zug kam auf die Brücke zu, durchdrang die Welt mit seinem Lärm und Gewicht, seinem Tempo und Gestank. Grant würde sterben, gleich hier, direkt vor seinen Augen. Dies war der Moment, in dem sich Davey der Wirklichkeit des Todes erstmals bewusst wurde.

Hierbei handelte es sich nicht um einen Film mit John Wayne, in dem Cowboys Indianer erschossen, sondern um seinen Freund Grant, der drauf und dran war, von einer Eisenbahn in Stücke gerissen zu werden. Er kauerte nun vor dem Gleis und legte die heruntergefallenen Kiesel präzise mit fließenden Bewegungen zurück: eins, zwei, drei, vier. Dann lagen sie alle wieder auf der Schiene.

Davey konnte jetzt das Gesicht des Zugführers sehen, der dem Knaben auf der Strecke hektisch mit beiden Händen zuwinkte. Man hörte nur noch die Pfeife der Lok, ein erschütterndes WAH-WAAAH! Grant machte einen Satz zurück zum Rand, ohne allerdings vorher zu schauen, wohin er überhaupt sprang. Er landete mit einem Uff! genau auf Davey. Die Bahn brauste vorbei – verschwommene Türen, Scheiben und Waggons – sie konnten sogar die Gesichter an den Fenstersitzen als weiße Kleckse ausmachen. Das Rauschen der vorbeirasenden Wagen und der Luft zwischen ihnen – TSCHAKA-TSCHAKA-TSCHAKA – dauerte unglaublich lange an, weshalb sich Davey die Ohren zuhielt und die Augen schloss, um nicht in Tränen auszubrechen.

Dann war der Zug endlich vorbei. Der Krach verklang nicht langsam, sondern brach sofort ab. Nervenzerfetzend wurde innerhalb eines Augenblicks zu erträglich. Davey kniff die Lider immer noch fest zusammen, als ihm Grant einen Ellbogen fest gegen die Rippen stieß.

»Aua! Wofür war das denn?«, beschwerte sich Davey. Grant zeigte auf den kleiner werdenden Zug und trug wieder das gewohnt spitzbübische Grinsen in seinem koboldartigen Gesicht. Davey konnte sehen, wie der Schaffner an der Tür des hinteren Waggons eine Faust schüttelte und die Lippen bewegte. Worte, die sie zwar nicht hören, sich aber sehr gut vorstellen konnten.

– 4 –

Kaum dass Davey den Finger in das weiße Pulver gesteckt hatte, zog er ihn hastig wieder zurück.

»Autsch!« Die Schiene war heiß genug, um sich Hautblasen daran zu holen, ein Zusammenspiel des heißesten Sommers aller Zeiten und des gerade vorbeigefahrenen Intercity 125. Es sah verblüffend aus. Jeder Stein, auch der dicke, wegen dem Grant, um ihn wieder aufzulegen, sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, war pulverisiert worden – Grants Wortwahl und ein wunderbarer Ausdruck, wie Davey fand, als er ihn für sich wiederholte; noch nie war ihm ein Wort so treffend vorgekommen.

Grant hatte immerzu die besten Ideen. Vielleicht mochte ihn deshalb niemand. Sie alle waren bestimmt nur neidisch, weil ihm stets die interessantesten Dinge einfielen, mit denen man sich die Zeit vertreiben konnte, sogar verglichen mit den Erwachsenen, die eigentlich, wenn man genau überlegte, recht langweilig waren. Tony, der neue Freund seiner Mutter, machte nie gute Vorschläge für Spiele. Grant hingegen dachte sich ständig etwas Spannendes aus. Dazu zählte auch verbotenes Zeug wie dies hier, aber er schien generell zu wissen, wie er sich unterhalten konnte, egal unter welchen Umständen. Vor Kurzem, im Frühjahr, hatte Davey bis zur Taille in sprudelndem Bachwasser gestanden, um Kaulquappen in einem Glas zu sammeln, Kleinfische mit einem Netz zu fangen und so den Lebensraum unter der Oberfläche des geräuschvollen Gewässers kennengelernt, das schon sein ganzes Leben unten an ihrem Garten vorbeifloss. Grant war Führer und Lehrer sowie Beschützer aller Tiere, sowohl der großen als auch der kleinen. Die beiden hatten auch schon Vogelnester in herabhängenden Ästen beobachtet, aus einer nach Grants Ermessen sicheren Entfernung – der ach so böse Grant Morgan, der das Überleben schlüpfender Küken gewährleistete, indem er zusah, dass die Glucke ungestört blieb, und der dafür sorgte, dass Kaulquappen nach angemessener Zeit, um sie zu betrachten, wieder freigelassen wurden, genauso wie Molche und kleine Fische. Grant trug seine Gummistiefel das ganze Jahr über, er spielte sogar Fußball damit und lief trotzdem genauso schnell wie die meisten Jungen aus der Nachbarschaft in ihren Turn- und Basketballschuhen.

»Noch mal!«, verlangte Davey begeistert. Grant schaute in die Ferne, wo der Zug verschwunden war.

»Na gut«, stimmte er gedankenverloren zu. »Aber dieses Mal machen wir es kniffliger.«

Nicht lange, und je eine Reihe kalkiger Kiesel zeichnete sich über die halbe Brücke hinweg auf beiden Schienen ab. Grant stand zufrieden da und stemmte die Hände in die Hüften wie ein Familienvater nach getaner Arbeit im Garten. Eine Dose Bier und eine Zigarette hätten das Bild komplettiert. Davey legte besorgt die Stirn in Falten.

»Glaubst du nicht, das könnte gefährlich werden?«, erkundigte er sich. Da es heute so heiß war, wurde sein Hals ganz trocken, während er mit den staubigen Steinen hantierte. Grant zuckte bloß mit den Schultern.

Keiner der beiden Jungen hatte bemerkt, dass neben Ross' Grundstück ein Streifenwagen vorgefahren war. Sie hätten ihn eigentlich deutlich sehen können, wohingegen die beiden Polizisten die Hände über ihre Augen halten mussten, während sie in Richtung Brücke blinzelten. Sie bewegten sich gezielt über den unbefestigten Weg zum Fluss hin. Der Ältere sprach beim Gehen in ein Funkgerät, der andere zeigte auf einen Pfad, der durch das hohe Gras verlief. Er war noch jung genug, um sich der Abkürzungen zu entsinnen.

Ein dritter Mann hatte sich am Streckenrand auf den Weg gemacht, nachdem er in der Stadt vom Bahnsteig gesprungen war. Ein besonders aufgebrachter Schaffner hatte nämlich die Bahnbehörde über die beiden Jungen am Streckenabschnitt bei der Brücke informiert; er war auch derjenige, dem sie das Polizeiaufgebot verdankten. Jetzt versteckte er sich hinter einem ausgedörrten Gebüsch mit dürren Zweigen, als die Brücke in Sicht kam. Durch das Dickicht konnte er die Bewegungen der beiden kleinen Racker ohne Weiteres im Auge behalten. Oh Gott, dachte er, der eine ist ja fast noch ein Baby. Er konnte nicht älter als vier sein. Während er den Knaben auflauerte, bemerkte er, dass die Polizei kam. Er würde sie abfangen, sollten sie in seine Richtung laufen. Wäre es bloß nicht so heiß … Er wischte sich den Schweiß aus den Augen.

Grant und Davey schauten flussaufwärts, wo Schwäne im hohen Schilf nisteten, bevor der Strom einen Bogen beschrieb und langsam in der Ferne verschwand. Der jüngere Beamte bewältigte den Anstieg mit wenigen Sprüngen, wobei er sich an Büscheln von in der Sonne vergilbten Gräsern hochzog. Sein älterer Kollege hingegen erreichte die Brücke nur schwitzend und schnaufend. Grant hob arglos einen weiteren Stein auf und warf ihn über das Geländer. Davey grölte, da der Aufprall anscheinend beeindruckende Folgen hatte. Der ältere Mann hielt sich einen Zeigefinger vor den Mund und nickte in Richtung der nichts ahnenden Jungen. Die Beamten schlichen leise mit langen Schritten zum Gleis und hätten die Übeltäter direkt im Genick gepackt, wären da nicht noch die Kiesel auf der Spur gewesen. Der Ältere trat einen mit dem Absatz los, der dann klappernd gegen die Schwelle prallte, bevor er wieder zwischen den Schienen liegenblieb. Grant drehte sich daraufhin um und sah die zwei Uniformierten weniger als zehn Schritte entfernt. Er hielt sich an Davey fest, der buchstäblich in die Höhe fuhr, als er die Männer erblickte.

»Jetzt nicht bewegen, Freunde«, beschwichtigte sie der ältere Polizist und lächelte beruhigend. Beide Männer hatten ihre Hände ausgestreckt; eine entgegenkommende Geste. »Niemand bekommt Ärger, wir müssen uns bloß unterhalten.« Sie gingen behutsam auf die Jungen zu. »Machen wir es uns nicht unnötig schwer.«

Grant quetschte daraufhin Daveys Oberarm so fest, dass es wehtat. »Lauf«, schrie er und riss ihn mit sich. Davey stolperte, als sich der jüngere Beamte auf ihn stürzte, und spürte einen Luftzug, als dessen Hand nur knapp danebengriff. Dann befand er sich schon im vollen Lauf hinter Grant über die Brücke. Er hörte die Polizisten hinter sich und wusste, er würde gefangen werden. Als er an seinem flüchtenden Freund vorbeischaute und das Ende der Brücke sah, strengte er sich noch verbissener an. Als es hinter ihm auf einmal dumpf knallte und jemand vor Schmerz aufschrie, wagte er einen kurzen Blick zurück; der ältere Polizist war getaumelt und hatte seinen Partner ebenfalls niedergerissen. Jetzt sah man nur noch zappelnde Glieder in Uniform. Die Jungs würden es tatsächlich schaffen, doch noch zu entkommen.

Dann trat jedoch der Mann im Anzug von British Rail hinter dem Gebüsch hervor und schnappte sich Grant. Davey kam schlitternd zum Stehen und beobachtete, wie der Junge in der Luft um sich trat und dem Schaffner einen Gummistiefel in die Weichteile rammte. Der Mann drehte sich zwar rechtzeitig zur Seite, verlor aber vorübergehend das Gleichgewicht. Er stellte sich zwischen die Schienen und schüttelte grinsend den Kopf.

»Hier kommst du nicht weiter«, sagte er. Grant drehte sich nach ihren Verfolgern um, und sah dann wieder zum Schaffner. Davey schaute zu seinem Freund auf. Er hatte Angst und wollte am liebsten weinen, schließlich war er erst fünf. Grants Blick schnellte nach links und dann lächelte er – ein Zucken eher, bei dem sich der Leberfleck an seiner Oberlippe kräuselte. In diesem kurzen Augenblick bewunderte Davey den älteren Knaben in einer Art von Heldenverehrung, die es nur unter kleinen Jungen gab. Sein ganzes Leben lang würde er sich daran erinnern, wie sein Freund unbeugsam vor der Kulisse der Eisenbahnbrücke und entlegenen Berge stand, darüber ein Himmel so strahlend blau, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. In dieser Situation hätte er alles für Grant getan und wusste deshalb, was zu tun war, als dieser mit den Lippen das Wort Laufsteg formte.

Die beiden Jungen stürzten gleichzeitig zur Seite der Brücke – der ältere zuerst – und schwangen sich energisch auf die Leiter über dem Fluss, einer Furche voll mit unbewegtem, grünbraunen Wasser fünfzig Fuß tiefer. Binnen weniger Sekunden waren sie unter der Brücke.

Die beiden Polizisten wechselten besorgte Blicke. Der Schaffner ging auf sie zu. Er nahm Zigaretten aus seiner Tasche und bot ihnen welche an. Diese rauchten sie dann gemeinsam.

»Dort unten ist es nicht sicher«, sagte er. »Hätte schon vor Jahren für sanierungsbedürftig erklärt werden müssen.«

Der ältere Beamte spuckte nachdenklich auf das Gleis, der jüngere sprach wieder in sein Funkgerät.

»Sehen Sie.« Sein Kollege zeigte auf die Spucke, die jetzt auf dem erhitzten Metall zu zittern begann. »Der nächste Zug kommt!«

Nun griff auch er zu seinem Funkgerät.

– 5 –

Wieso kamen die nicht zu ihnen herunter? Das hätte Davey gern gewusst. Grant hatte ihm gesagt, sie wären Angsthasen – entweder das, oder sie waren zu groß, um sich über den Laufsteg zu zwängen. Jetzt wollte Davey nichts weiter, als wieder nach Hause zurückzukehren und mit seinen kleinen Soldaten zu spielen, begleitet vom einträchtigen Plätschern des Baches – der Trockenperiode wegen, war er im Moment kaum mehr als ein Rinnsal – am Fuß des Gartens, statt sich unter der Brücke hoch über dem schlammigen Wasser des Meas an rostige Stangen und am Geländer festzuklammern. Nicht hinunterschauen, hatte Grant ihm befohlen, aber das musste man einfach tun, es ging gar nicht anders. Mit jedem Blick hinab drehte sich die Welt wie nach einer Fahrt mit dem Karussell auf dem Rummelplatz, doch das hatte immer Spaß gemacht. Diese Sache hier nicht.

Er umschlang eine senkrechte Strebe und drückte seine Wange gegen die vor Korrosion raue Eisenstange, während seine Füße noch so eben nebeneinander auf das schmale Trittbrett passten, das anscheinend die letzte Sprosse einer schlichten Leiter war. Über ihm tat sich ein Dschungel auf, eiserne Stämme mit Stützträgern als Ästen, Muttern und Schrauben statt Laub: Genau das war die Brücke.

»Jungs«, rief eine Stimme von oben. »Haltet euch fest, nicht bewegen.«

Grant zeigte mit zwei Fingern in die Richtung, aus der die Aufforderung gekommen war. »Die wollen uns verarschen«, sagte er. »Komm weiter.« Er machte sich wieder auf den Weg und näherte sich nun bereits der Mitte des Laufstegs.

Davey konnte sich nicht mehr bewegen. Er schmiegte sich noch fester an die Eisenstange, kniff die Augen zusammen und schüttelte vehement den Kopf.

»Schon gut, Davey«, raunte Grant ihm zu und klang dabei fast tröstend. »Ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht.« Die Art, wie Grant seinen Namen ausgesprochen hatte, ermutigte Davey. Er öffnete die Augen und schaute vorsichtig hinunter, löste sich aber sofort wieder vom Anblick des Gefälles zum Fluss, indem er seinen Kopf hastig hochriss. Dann holte er tief Luft und nahm Grants ausgestreckte Hand.

»Stell einen Fuß auf die Stufe dort.« Er zeigte sie ihm. »Dann ziehe ich dich zu mir.«

Davey machte einen Schritt ins Leere unter ihm, sein anderer Fuß rutschte plötzlich ab, und sein Sichtfeld geriet in Schieflage. Er würde fallen!

Grant packte sein Handgelenk und zog ihn hoch auf die nächste Ebene des Laufstegs.

Nach einer Minute Verschnaufen, während Grant seine Glieder von jenen des Jüngeren trennen musste, begannen sie, sich an dem Gewirr aus Metall entlangzubewegen, wobei sie schwach wahrnahmen, dass etwas in der Ferne leise donnerte. Endlich erreichten sie den mittleren Punkt unter der Brücke, wie Grant glaubte. Dort rückten sie dicht zusammen und hielten sich am Gestänge fest. Die Männer riefen von oben aufgeregt etwas, doch ihre Worte waren nicht zu verstehen, man hörte nur, dass sie zusehends wütender wurden.

»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte Davey.

»Warten, bis sie sich verziehen«, antwortete Grant lapidar.

»Und wenn sie sich nicht verziehen?«

»Sie werden.« Grant klang überzeugt. »Denkst du, die warten den ganzen Tag auf uns?«

»Weiß nicht.«

»Natürlich nicht – und Hilfe werden sie auch nicht holen. Denn wenn sie das tun, sehen sie wirklich dämlich aus. Man wird sie auslachen, wenn sie erzählen, dass sie von zwei kleinen Jungen ausgetrickst worden sind.«

Davey dachte darüber nach. Grant hatte vermutlich recht. Außerdem kannte er sich wegen seines Daddys mit der Polizei aus, wenngleich dieser sie für gewöhnlich Bullen nannte. Davey kam es so vor, als nähere sich das Donnern aus der Ferne immer mehr.

»Die hauen ab oder tun so, als ob, damit wir hochkommen, und versuchen dann, uns auf Ross' Feldern zu schnappen. Kriegen werden sie uns aber nicht, weil …« Er hielt abrupt inne und starrte auf das Metall in seinen Händen. Davey tat es ihm gleich. Es vibrierte, und zwar schon seit einer ganzen Weile. Unterschwellig war es ein recht angenehmes Gefühl. Davey schaute Grant nach einer Erklärung suchend an. Zum ersten Mal, soweit er sich an seine Erlebnisse mit ihm erinnern konnte, sah sein Freund ängstlich aus.

Deshalb bekam auch Davey Angst.

»W-was ist los?«, fragte er den Tränen nahe.

Grant schaute über Daveys Schulter in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

»Ein Zug nähert sich.«

Davey sah ihn verständnislos an. Ist doch gut so, hätte er gern gesagt. Schließlich waren sie hier unten sicher. Aber dann begriff er es: Er vergegenwärtigte sich die Erschütterungen durch die Lok in unmittelbarer Nähe und dachte dann an die Metallsplitter, die am Flussufer heruntergekommen waren, als Grant den Laufsteg mit seinem Stein getroffen hatte. Er erinnerte sich noch genau an den Eindruck, die Erde selbst hätte gebebt, als der Zug vorbeigerast war.

»Wir werden hinunterfallen, oder?«, fragte Davey im Flüsterton.

Da blitzten Grants Augen verärgert auf.

»Nein, werden wir nicht. Los jetzt, geh dorthin zurück, wo wir hergekommen sind.«

Nachdem sie sich mühsam auf dem schmalen Gang umgedreht hatten, sahen sie, dass der junge Polizist an der Leiter am anderen Ende hing.

»Nicht bewegen, Freunde.« Seine Stimme hallte über den Laufsteg. »Da kommt ein Zug, haltet euch bloß fest.« Davey fand, er hörte sich besorgt an. Wenn Erwachsene so klangen, gefiel ihm das gar nicht. Es machte ihm Angst!

»Nein, hier entlang«, drängte ihn Grant und drehte sich zum anderen Ufer um.

Davey blieb zögernd stehen. »Grant …«

»Jetzt komm schon!«

Das Donnern klang nun eindeutig nach einem Zug, und damit einher ging ein fernes Wah-Waaah. Der Polizist schickte sich nun an, über den Laufsteg zu kommen. Er schrie auf, als er seitlich mit dem Oberkörper gegen eine hervorstechende Mutter stieß.

»Verdammt noch mal, bleibt ihr wohl, wo ihr seid?«, knurrte er.

Die Metallstruktur wankte jetzt vielmehr, anstatt nur zu erzittern. Grant beeilte sich, die andere Seite zu erreichen, und Davey folgte ihm. Das schwingende Metall festzuhalten tat weh, da es ihm in seine Handinnenflächen schnitt. Es war zu schwer. Davey schaute auf seine Füße, auch sie bebten mit der waagerechten Strebe, auf der sie standen. Er hielt inne, weil er sich zu sehr fürchtete, um auch nur einen weiteren Schritt zu gehen. Der Lärm des Zugs schwoll zu einem Brausen an. Er musste schon sehr nahe sein, denn lauter ging es nicht mehr. Davey presste sich an die Stange, die er festhielt, und legte sein Gesicht dagegen, sogar seine Zähne klapperten wegen der Vibration. Feine Rostflocken rieselten herunter, während dickere Objekte vom Laufsteg abprallten und dann in den Fluss hinabfielen. Das Beben wurde immer heftiger; seine Füße glitten mit jedem Ruck, der durch die Überführung ging, ein Stück vorwärts. Er rutschte auf der Metallsprosse zurück, doch sobald er glaubte, wieder einen sicheren Halt zu haben, ging es von vorn los, weil der Tremor zu heftig und das Profil seiner Schuhsohlen zu abgewetzt war. Das Gestänge rüttelte an seinen Händen, als halte er einen Presslufthammer fest.

Grant drehte sich zu ihm um und starrte ihn an. Er schrie etwas, das Davey aber nicht verstand.

Er würde die Stimme seines Freundes nie wieder hören, außer in seinen Träumen.

Nun erreichte der Zug die Brücke, und ein Wirbelsturm aus Lärm brach über den Laufsteg herein.

Der Tumult erreichte jetzt seinen Höhepunkt; die bebende Welt wurde unscharf, die Atome schienen einzeln vor seinen Augen zu schwirren. Davey wurde regelrecht vom Steg geschüttelt. Er wollte sich noch festhalten, spürte aber nur einen weiteren Stich, als er die wie wild zitternde Eisenstange vor sich packte. Er stand mit seinen Turnschuhen über dem Abgrund, die Absätze noch auf dem Trittbrett, der Rest von ihm bereits im leeren Raum. Verwischte Umrisse stürzten sich auf ihn, verfehlten ihn aber, und dann fiel er.

Dem Krach der Eisenbahn entzogen zu werden kam fast einer Erleichterung gleich. Er konzentrierte sich einzig auf das Gefühl des Sturzes – wuuusch! – und sah in der Ferne die Häuserdächer, bis die Baumwipfel sie verbargen. Dann schaute er am Fluss entlang zur Staustufe, auf die Mauerreste der Klosterruine, die Kläranlage und den trägen Verkehr der Boote, die Orte ansteuerten, an denen er nie gewesen war.

Aus einer solchen Höhe ins Wasser zu stürzen, fühlt sich an, wie gegen eine Wand zu krachen. Nur wenige Fuß unter der Oberfläche stieß er mit den Zehen gegen etwas Unbewegliches. Er spürte, wie sein Bein einknickte, danach einen explosionsartigen Schmerz und dann gar nichts mehr. Er war bereits bewusstlos, bevor die anderen beiden auf das Wasser aufschlugen.

Der junge Polizist John Collins zögerte nicht. Er ließ sich vom Laufsteg fallen, noch bevor der Junge im Fluss untergetaucht war. Hätte er gewartet und gesehen, was mit dem Kleinen geschah, wären ihm die gleichen Verletzungen erspart geblieben. Er erlitt einen zweifachen Beinbruch und wurde ohnmächtig, bis er schließlich von seinem älteren, umsichtigeren Kollegen ans Ufer gezogen wurde.

Grant schaute entsetzt dabei zu, wie sein junger Freund unterging. Er sah die Reste der alten Laufplanke wenige Fuß unter Wasser. Falls er es noch ein kleines Stück über die Mitte des Flusses hinweg schaffte, würde er sie hinter sich lassen und so dem Schicksal entgehen können, das Davey und den Bullen ereilt hatte. Letzterer brüllte, während er sich durch das Wasser in Richtung Ufer kämpfte. Grant bewegte sich weiter über den Steg hinweg und suchte in der Tiefe nach irgendeinem Zeichen von Davey. Sein Freund war verschwunden. Ihm fiel ein, dass die alte Mrs. Thould aus seiner Straße erzählt hatte, dass der Sohn der Grangers vergangenes Jahr im Sommer hier ertrunken war. Es ist die Unterströmung, verstehen Sie? Sie ist äußerst heimtückisch.

Nun sprang Grant.

Auszug eines Artikels aus dem Midland Messenger vom 7. August 1976

JUNGE (8) OPFERT SICH FÜR FREUND (5)

Kein Elternteil der Kinder war zu einem Kommentar bereit. Der Gedenkgottesdienst für Grant Moran findet am Sonntag, dem 11. August, in St. Peter statt. »Die Unterströmung macht den Fluss so heimtückisch«, erklärte Polizeichef John Lewis der Presse. »Es war genauso wie letztes Jahr mit dem Granger-Jungen. Ein starker Schwimmer zu sein garantiert noch keine Sicherheit. Andrew Granger war beim städtischen Sportfest für seine Schule angetreten, doch das hatte ihm in dieser Situation leider auch nicht geholfen.« Die Polizei weist die Öffentlichkeit außerdem auf die Gefahren des Schwimmens im Fluss hin. »Niemand sollte sich vom Wetter täuschen lassen. Der Schein einer ruhigen Oberfläche trügt. Viele haben diesen Irrtum bereits begangen.« Taucher suchten gestern vergeblich nach dem Leichnam des achtjährigen Grant Morgan, der seinen Freund David Weaver vor dem Ertrinken gerettet hat. Die Behörden gehen davon aus, Grant habe sich hinuntergestürzt, als David anscheinend beim Herumalbern in den Meas gefallen sei.

Unterströmung.

Polizeiquellen zufolge markiere die Tragödie die jüngste Zuspitzung in einer Reihe betrüblicher Fälle von Ertrinken im Fluss.

Kapitel 1

– 1 –

Measton, 14. Januar 2001, 23:52 Uhr

Andrew Davies schnorchelte stromabwärts. Das eiskalte Wasser des Meas reflektierte das Mondlicht.

Nach ein paar Minuten unterbrach er seine Bewegungen und schaute zum gegenüberliegenden Ufer. Er suchte die Wegmarke, entdeckte sie aber nicht. Dabei handelte es sich um einen kaputten Steg, der vor langer Zeit für ein Kind zur tödlichen Falle geworden war. Jetzt war es zu dunkel, um etwas zu erkennen, aber er beschloss, trotzdem auf die andere Seite zu schwimmen, allzu weit konnte es nicht mehr von hier entfernt sein.

Als er ins Flussbett leuchtete, um zu prüfen, wie stark seine Lampe war, wäre Davies beinahe geradewegs gegen eine zersplitterte und verfaulte Kante des Stegs gestoßen. Er hatte die Marke also gefunden. Alten Aufzeichnungen zufolge, die er gerade so im dürftig beleuchteten Hinterzimmer des Klostermuseums hatte lesen können, lag die Tunnelöffnung vielleicht drei Meter in der Tiefe. Er richtete die Lampe schräg nach unten aus; wie er vermutet hatte, war dort noch uraltes Ziegelsteingemäuer vorhanden, nur verborgen durch jahrhundertelangen Pflanzenwuchs und Schlamm. Das Loch selbst sah er jedoch nicht. Er hielt den Inflator über seine Schulter und ließ die Luft aus seiner Tarierweste entweichen. Nach einer kurzen Pause, in der ihm bewusst wurde, dass er immer noch den Atem anhielt, stieß er die Luft aus und tauchte unter. Während er zur Flusswand schwamm, glich er behutsam den Druck aus, indem er sich die Nase zuhielt und in die Nebenhöhlen blies. Dann streckte er sich und berührte das alte Mauerwerk. Es fühlte sich glatt an, vermittelte ihm aber das vertraute Gefühl, etwas anzufassen, das man gebaut hatte, als die Welt noch wesentlich jünger gewesen war. Indem er die äußere Wand des Klosters aus der Nähe untersuchte, hoffte er, Inschriften zu finden … Hinweise auf alte Zeiten … irgendetwas. Während seines langsamen Abstiegs glich er die Sauerstoffzufuhr seinem Lungenvolumen an. Als der Lichtkegel der Lampe auf die üppige Vegetation unter Wasser traf, vermittelte die Wand den Eindruck, zu leuchten.

Davies' Waden wurden kälter, gleich darauf seine Knie, und dann schien eine neue Strömung auf seinen Unterleib einzuwirken. Seine Beine wurden zur Kälte hingezogen. Er scharrte an der Wand, stieß sich gegen den Sog ab und richtete dann seinen Strahl nach unten. Sein Herz klopfte vor Aufregung immer schneller. Dort war sie, die Öffnung des Tunnels! Er tauchte tiefer, bis er den schmierigen Boden des Flussbettes mit den Spitzen seiner Flossen streifte. Bevor er das Loch genauer betrachtete, atmete er noch zusätzlichen Sauerstoff ein, um sicherzugehen, dass er genügend Auftrieb hatte. Herzklopfen hin oder her: Er musste ruhig bleiben. Übermäßige Anspannung führte bloß dazu, dass er seine Luft schneller aufbrauchte. Dies war das Letzte, was er wollte, deshalb nahm er sich Zeit und leuchtete die Schwärze des Tunnels in Ruhe aus. Er konnte erkennen, wie das Gemäuer in der Dunkelheit verschwand, aber mehr nicht.

Seine Nervosität bescherte ihm eine erhöhte Adrenalinausschüttung.

Er war allein: solo – kein Kumpel, kein Gehilfe an der Oberfläche, nur er selbst. Genau so wollte er es andererseits auch. Als überzeugter Junggeselle hatte er den Großteil seines Erwachsenenlebens allein verbracht, zufrieden mit sich selbst als einziger Gesellschaft und seiner Routine. Einige Jahre zuvor war er ein paar Monate lang mit einer Frau zusammen gewesen, doch die Beziehung hatte sich als katastrophal erwiesen. Er war es gewohnt, seinen eigenen Weg zu gehen, und mochte es überhaupt nicht, wenn ihm etwas dazwischenfunkte – eine falsche Einstellung, das wusste er selbst. Seine erste Nacht, die er allein verbracht hatte, nachdem sie sich getrennt hatten, war von einem überwältigenden Gefühl der Erleichterung bestimmt worden. Nicht dass er keine Frauen mochte, das tat er sehr wohl; er teilte nur schlichtweg ungern und darin bestand sein Problem. Einem Freund hätte er sein letztes Hemd gegeben, aber darum ging es nicht, denn das Ganze reichte über das Materielle hinaus. Die Stichworte lauteten Zeit und Erfahrung. Im gemeinsamen Alltag hatte es Momente gegeben, wo es ihm so vorgekommen war, als leide seine Lebensqualität beträchtlich darunter – als würden seine Freuden gemindert und seine Gepflogenheiten einfach belanglos. Es dauerte nicht lange, bis ihm die geringschätzigen Reaktionen auf seinen regelmäßigen Tagesablauf auffielen, nach dem man die Uhr hätte stellen können. Seine Partnerin schien sich über sein Gesundheitsbewusstsein lustig zu machen, seine vorhersehbare Ernährung und die jeweils halbe Stunde zweimal jeden Abend, wo er in der Garage verschwand, um Gewichte zu heben. Wenn Davies in schlechter Stimmung war, befürchtete er, die Leute wüssten sogar von seinem Geheimnis.

Und das beunruhigte ihn, denn es war ein besonders unschönes Geheimnis.

Er hatte sich selbstsicher mit der Taschenlampe zwischen den dünnen Bäumen von Ross' Wald durchgeschlagen. Das Gewicht der Gasflasche und der Sporttasche machte ihn nicht langsamer; jahrelanges Eisenpumpen zahlte sich anscheinend aus. Irgendwann blieb er stehen und lauschte aufmerksam. Er glaubte, das hallende Lachen eines Mädchens durch das Gehölz gehört zu haben. Das war gut möglich, aber er lief trotzdem weiter, denn bei Nacht und mitten im Wald konnte man sich auch schon mal so manche Geräusche einbilden. Dennoch blieb er vorsichtig, denn er wollte nicht gesehen werden. Niemand durfte wissen, was er tat. Nachdem man ihm untersagt hatte, in den Tunneln bei der Kirche zu tauchen, lief das, was er jetzt tun wollte, auf ein Strafvergehen hinaus – aber drauf geschissen. Als Präsident der Gesellschaft für Geschichte hatte er den Kirchenrat um Erlaubnis gebeten, die gefluteten Tunnel unter der Klosterruine zu erkunden. Der Ort gab nun schon seit Jahrhunderten Anlass zu Spekulationen; Gerüchte von Schätzen, die angeblich dort verborgen worden waren, bevor die Soldaten des Königs das Gold aus den Kapellen stehlen konnten, gingen einher mit den unvermeidbaren Sagen von spukhaften Gestalten mit Kapuzen, für die sich seine Schüler so sehr erwärmten. Einige stellten das Kloster sogar in den Kontext von Legenden über den Heiligen Gral, aber das fand Davies wirklich lachhaft. Ihm ging es weder um Schätze noch um Märchen; er würde sich schon mit ein paar Papierfetzen begnügen, die sich radiometrisch datieren ließen, um seine Theorie zu beweisen. Falls er etwas Bemerkenswertes dort unten fand, wollte er einen Artikel für History Today schreiben, vielleicht sogar ein Buch. Welchen Schaden konnte ein wenig Forschungsarbeit schon anrichten? Außerdem rechtfertigte er sich damit, dass das Kloster zum Erbe der Menschen hier gehöre.

Beim Fortschreiten durch den Wald orientierte er sich an den Geräuschen von der Staustufe her, ohne auf das Geklirr und Gekicher ringsherum zu hören. Er war sich des Namens, den die Jugend in der Gegend diesem Ort verliehen hatte, sehr wohl bewusst: Fickforst. Plump, aber plausibel.

Das Lachen hatte ihn ein wenig an Patsy erinnert, eine seiner Schülerinnen mit ungewöhnlich üppigen Brüsten. Dadurch kam er auf andere Gedanken, die er aber schnell wieder verdrängte.

Er wusste nur zu gut, wohin sie ihn gebracht hätten.

Der Pfad führte auf eine Lichtung und diese wiederum ans Flussufer. Die Eisenbahnbrücke befand sich zu seiner Rechten, ein Schattenriss gegen den dunkelblauen Nachthimmel. Er hastete flussabwärts, mied den bewaldeten Bereich und hielt sich dabei stets im Schatten. Boote und Frachter lagen in Abständen vertäut am Ufer, dazwischen möglicherweise die Plätze von Nachtanglern. Er wollte auf keinen Fall gesehen werden. Als er an der Staustufe vorbeikam, verließ er den Schutz der Baumgrenze und ging an der Böschung weiter. Hier lagen weder Schiffe, noch gab es Stellen zum Angeln; der Uferrand bestand einzig und allein aus Schilf und Morast, das Ergebnis des anhaltenden Gefälles hinter dem Damm. Auf diesem versuchte sich zwar hin und wieder ein Angler, weil es sich anbot, um Forellen zu fangen, aber nicht heute Nacht. Am gegenüberliegenden Ufer machte Davies die Umrisse des Schrottplatzes aus. Bald drang ihm der Geruch der Nahrungsmittelproduktion von Open Farms in die Nase. Jeder Städter hatte schon zu dieser oder jener Gelegenheit mal dort gearbeitet. Spuren von Industriebetrieben verschwanden kurz darauf, genauso wie das Rauschen der Staustufe. Hinter dem Kloster gab es nichts außer Ackerland und vereinzelte Überreste eines Dorfes, das entstanden war, um die Mönche zu ernähren und ihnen Dienste zu leisten. Er wusste, dass man es im Mittelalter aufgrund eines Aberglaubens verlassen hatte. Jetzt eignete es sich nur noch für gelegentliche Exkursionen mit höheren Schulklassen. Belege für Zivilisation, die bis zu den Knöcheln reichten …

Davies machte den Hals lang, als er auftauchte, und sah das Bogentor zum Klostergelände, dessen altes Mauerwerk sofort wie ein graues Mahnmal in der Dunkelheit aufragte. Dahinter fand man jetzt nichts weiter als eingefallene Wände und schief aufgeschichtete Steine; die letzten beharrlichen Hinweise darauf, dass dort einmal ein riesiges, prachtvoll gestaltetes Gebäude gestanden hatte, weit weg vom Zentrum der katholischen Kirche und dennoch ein würdiger Rivale der Kathedrale von Canterbury.

Und Davies befand sich nun nur noch wenige Zoll vom Unterwassereinstieg in den verbotenen Tunnel entfernt.

Erneut konzentrierte er sich auf seine Atmung, bis er sich entspannt fühlte. Er betrachtete die Öffnung genau; sie war fast rund mit einem Durchmesser von zwei Metern. Er würde in der Lage sein, sich mit den Fingern an den Wänden vorwärtszubewegen. Um sich vor spitzen Kanten zu schützen, nahm er seine Handschuhe aus der Brusttasche und zog sie an. Dann sammelte er sich und versuchte sich einzureden, dass er freudige Erregung und nicht deren Gegenstück, nämlich Furcht empfand.

Beinarbeit wie beim Kraulen, dachte er, innerhalb eines rechten Winkels bleiben, um nicht gegen den Boden zu stoßen. So glitt er in den Tunnel hinein, während er die gewölbte Wand unter seinem Torso mit der linken Hand ertastete.

Sich vorwärtszuziehen war relativ leicht. Mitunter brauchte er seine Füße überhaupt nicht zu bewegen. Die Strömung allein genügte schon, um ihn durchzuschleusen. Die uralten Steine fühlten sich selbst durch die Handschuhe glatt an, seit Ewigkeiten mit Gott weiß was überzogen, das an den Wänden haftete. Das Licht der Lampe, die er festhielt, offenbarte ihm nichts außer dem fließenden Verlauf des Tunnels. Er war schon dreißig Meter tief eingedrungen, ohne auf Abzweigungen gestoßen zu sein.

Binnen kürzester Zeit zauberte seine Fantasie immer häufiger schattenhafte Formen an den Rand des Kegels, den seine Lampe warf – eine geisterhafte Hand, die aus dem Zwielicht auftauchte, oder auch ein Gesicht mit von Fischen zerfressenen Augen.

Er spürte einen Anflug von Panik, allein im Dunkeln unter Tausenden von Tonnen schwerer Erde und Gesteinsmassen. Schließlich wusste niemand, dass er hier war, und er selbst hatte keine Ahnung, was sich sonst noch mit ihm in der Tiefe herumtrieb.

Hör doch auf, rügte er sich selber und achtete darauf, weiterhin gleichmäßig zu atmen. Du benimmst dich wie ein kleines ängstliches Kind.

Trotzdem stimmte es: Er war allein in einer zunehmend dunkler und kälter werdenden Vergangenheit.

Vergangenheit? Er schüttelte sich in der Finsternis. Darüber wollte er erst recht nicht nachdenken.

Es war ein Fehler gewesen, er sollte nicht hier unten sein. Am besten tauchte er sofort wieder auf. Vorsichtig drehte er seinen Körper und untersuchte die Tunneldecke. Ein Einbruch in dieser uralten Konstruktion – mehr war nicht vonnöten, und Beweise für solche Stürze hatte er bisher schon mehrfach gesehen, also wusste er, dass es passieren konnte. Selbstmitleid machte sich mit einer flüsternden Stimme im Dunkeln bemerkbar. Was, wenn er wirklich hier unten starb? Er glaubte nicht, dass man ihn allzu schmerzlich vermissen würde. Dies gehörte zu den Grundzügen von selbstauferlegter Einsamkeit: Wer weint dir dann schon eine Träne nach, wenn du tot bist?

Er paddelte sanft mit seinen Flossen. Ruhig, ruhig, ruhig, ermahnte er sich.

Seine Kollegen hielten ihn für einen komischen Kauz, das wusste er – einen Sonderling ohne Wunsch nach menschlicher Nähe, vielleicht sogar asexuell. Doch darum kümmerte sich Davies eigentlich nicht allzu sehr, vor allem weil er zu oft erlebt hatte, wie Beziehungen aus dem immer gleichen, bedauernswerten Grund eingegangen wurden: Der fundamentalen Schwäche des menschlichen Geistes und dem Abhängigkeitssyndrom, das so viele zu einer Heirat zwang, zum Zusammenziehen und zu einem Dasein voller Seitensprünge für eine Nacht im Alkoholrausch … aber warum? Weil die Leute zu schwach und unsicher waren, etwas Zeit allein zu verbringen! Im Übrigen war es ohne irgendjemand anderen viel leichter, das zu tun, wozu man Lust hatte – und es war auch leichter, Geheimnisse zu wahren.

Davies atmete befreit auf, nun da seine Furcht verflogen war. Er freute sich insgeheim, weil er wusste, dass ihm Panik in irgendeiner Form nicht erspart bleiben konnte; Nachttauchen barg hinreichend Angstpotenzial, da die Sichtbarkeit lediglich auf einen schmalen Lichtkegel beschränkt war und Schatten immerzu bedrohlich herumirrten. Er hatte gesehen, wie ein Taucherkollege an einer Neurose zerbrochen war, ausgelöst einzig und allein durch Furcht – einen seelischen Zustand, den man mithilfe kontrollierter Atmung, Meditation und reiner Willensstärke überwinden konnte.

Wegen seiner Überlegungen hätte er fast eine Öffnung zu seiner Linken übersehen.

Er schwamm vor der Abzweigung auf der Stelle, prüfte die Spannung seiner Leitleine und leuchtete dann in die Leere hinein. Darin waren weitere alte Ziegel eingefallen, anscheinend erst kürzlich, wie es aussah, und das Wasser war trüb vor Staubpartikeln und schwebendem Geröll. Ihm fiel der geringere Durchmesser des Lochs auf. Ich hätte den Seitentank mitnehmen sollen, dachte er. Wird mir allmählich zu eng hier unten.

Ein sicherheitsbewusster Taucher wäre nun umgekehrt. Er wollte sich gerade damit abfinden und genau das tun, als er den Zug spürte.

Nicht unbedingt im wörtlichen Sinn, eher wie ein leichter Ruck, der irgendwo durch seinen Kopf ging: Ein Fisch, der versuchsweise an einem Köder knabberte, sodass die Leine zitterte.

Da, schon wieder!

Er schüttelte heftig den Kopf, wodurch versehentlich Flusswasser in seine Maske drang. Nachdem er sie geleert hatte – Kopf in den Nacken legen und durch die Nase pusten – schaute er wieder nach seiner Luft: immer noch hundertfünfzig Bar plus, also kein Problem.

Du hast Schiss, das ist alles, sagte er sich, und wem wäre es anders gegangen? Hier unten war es schwarz wie um Mitternacht in einem Kohlestollen, und außerdem seit über fünfhundert Jahren unerschlossen. Ein bisschen Angst ist da ganz normal, beschwichtigte ihn die Stimme der Vernunft. Vermutlich erwartete ihn nichts weiter als noch mehr Wasser und ein paar verirrte Fische.

Sei nicht leichtsinnig; bereite dich besser vor und versuche es dann noch einmal.

Mehr Angst. Natürlich und notwendig, beharrte die Stimme. Entspann dich. Atme.

So bringen sich Menschen sinnlos ums Leben. Glaubst du im Ernst, dass du noch zurückkehren kannst, wenn dein Tank irreparabel beschädigt ist? Wie lange hast du bis hierher gebraucht – zehn Minuten?

Was hieß hier beschädigt? Er musste es einfach ruhig angehen lassen. Sollte es dir zu viel werden, kehr um. Dir wird schon nichts passieren.

Was ihn am Ende zum Weiterschwimmen bewegte, war nicht die Vernunft, sondern die Überzeugung, dass dies den Unterschied zwischen ihm und allen anderen ausmachte, die er kannte. Er war derjenige, der stets noch einen Schritt weiter ging. Ihm wohnte eine Zähigkeit inne, die weit über Starrsinn hinausreichte. Er weigerte sich schon sein ganzes Erwachsenendasein lang, der Kälte den Rücken zu kehren, die andere zeit ihres Lebens um jeden Preis zu meiden versuchten.

Er fürchtete sich nicht davor, allein im Dunkeln zu sein. Andrew Davies, eingefleischter Single, Geschichtslehrer und Gelegenheitsabenteurer, stürzte sich in die Finsternis, weil er sich eben nicht davor scheute. Er kannte sie bereits; viele Male hatte er sich seiner eigenen dunklen Seiten angenommen, und als er nun in ein steinaltes Rohr glitt – von einer Strömung beflügelt, für die ihm kein gesunder Menschenverstand eine Erklärung hätte geben können, ignorierte er den naturgegebenen Fluchtinstinkt zu seinem Leidwesen.

Davies trieb seinem Verhängnis unaufhaltsam entgegen.

– 2 –

Brighton, 15. Januar 2001, 01:28 Uhr

Weaver versetzte dem Papier zwischen seinen Füßen, in dem seine Fish 'n' Chips verpackt gewesen waren, einen Tritt und machte sich auf eine eisige Böe vom Kanal her gefasst. Der Januar war im Brighton immer bitterkalt, besonders in den frühesten Morgenstunden – und nicht zu vergessen, dass er keine angemessene Kleidung trug. Er hatte nur eine Motorradlederjacke mit einem T-Shirt darunter an, eine abgenutzte schwarze Jeans und Chucks von Converse. Am Nachmittag vor seinem Aufbruch ins Studio hatte er das für den idealen Aufzug gehalten, denn dort war es warm gewesen. Der Künstler, mit dem er es sich teilte, wollte es nicht anders. Er war besessen von der Heizung … und die halbe Zeit stoned, weshalb er sich für gewöhnlich nicht allzu viel bewegte. Weaver konnte sich nicht daran erinnern, wann er Paul beim Ausarbeiten der Details seines neuesten Werks zum letzten Mal ohne Decke gesehen hatte. Na ja, wenigstens arbeitete er überhaupt an etwas. Genauer gesagt fanden Pauls Herr der Ringe-Figuren reißenden Absatz – keine davon war offiziell genehmigt, und sie wurden nur an kleine Geschäfte, Buden am Meer und einige der vielen Hippie-Läden entlang der Südküste verkauft. Doch, dafür musste Weaver ihn in Schutz nehmen: Zumindest zog er mehr oder weniger sein eigenes Ding durch.

Paul hatte sogar angedeutet, dass er vielleicht aufhören wollte, Stütze zu beziehen, falls er weiterhin so gutes Geld machte, obwohl sie beide wussten, dass dies eine Übertreibung war.

Weaver stellte sich im Eingang eines Geschäfts unter und zündete sich eine Zigarette an. Davon wurden seine Hände kurz warm. Er beobachtete, wie zwei Mittzwanzigerinnen auf hochhackigen Pumps vorbeistaksten, die Arme jeweils um die Hüften der anderen gelegt und betrunken gackernd über einen dummen Witz. Sie waren für das Wetter ebenfalls unzureichend gekleidet, bemerkten es aber anscheinend nicht, weil sie der Alkohol aus der nächstgelegenen Kneipe, die zu solchen Uhrzeiten noch geöffnet hatte, immer noch wärmte. Weaver trank seit über einem Jahr nicht mehr. Er neigte zum Suchtverhalten und konnte nicht maßhalten.

Er schaute den beiden jungen Frauen nach, bis sie die Feuerleiter eines Gebäudes im Regency-Stil auf der Second Avenue erreicht hatten. Amüsiert beobachtete er, wie sie unbeholfen hinaufkletterten und dann ein Schiebefenster öffneten. Sie gaben sich einen leidenschaftlichen Zungenkuss, bevor sie hineinkletterten. So etwas gibt's nur in Brighton, dachte er beiläufig. Die Notleiter förderte eine vage Erinnerung zutage, die jedoch schon wieder verschwunden war, bevor sie sich vollständig manifestiert hatte: Metallstreben und -träger.

Das geschah ihm in letzter Zeit immer wieder.

Er war ein Träumer, schon immer gewesen. Häufig driftete er in andere Welten ab, bisweilen mit Ideen für Gemälde, ein anderes Mal einfach nur zum ziellosen Dahintreiben. Oft nahm er etwas am Rande seines Gesichtskreises wahr, bekam es aber nie richtig zu fassen. Drehte er sich, war es sofort weg, falls es sich überhaupt je um etwas Wirkliches gehandelt hatte. Dies rührte noch aus seiner Kindheit her: Einer Zeit, in der er sein Zimmer lange nicht verlassen, und sich nur mit Stift, Papier und seiner Vorstellungskraft über die Tage hinweggerettet hatte. Weaver brauchte keine künstlichen Hilfsmittel. Falls sie überhaupt etwas bewirkten, dann, dass seine Kreativität darunter litt. Paul schlug ihm wiederholt LSD vor, um sich inspirieren zu lassen – ein guter Trip könne die Spinnweben verwehen und die alten Säfte wieder fließen lassen. Andrew lehnte allerdings stets höflich ab … sein Hang zur Sucht.

Scheiße, ist das kalt.

Er war nun fast zu Hause.

Er bog in eine schlecht beleuchtete Gasse zwischen einem französisch aufgezogenen Franchise-Café und einem Spätverkaufskiosk ein. Hier befand sich der Bodensatz, die unterste Schublade der schicken Kaffeehäuser und Krippen für exotisches Futter. Nicht selten sah er Ratten zwischen den Mülltonnen stöbern, während sich die ausländischen Kellner, Köche und Putzkräfte unterhielten, rauchten und sich gegenseitig anstießen, wenn er vorbeikam. Er dachte dann immer wieder, er könne jetzt eigentlich überall auf der Welt sein: New York, Bangkok, Mexico City oder auch Hongkong. Während des halben Jahres, in dem er eine Wohnung im zweiten Stock über einer Feinbäckerei im Erdgeschoss und einem zweifelhaften Buchversandhandel darüber bezogen hatte, war ihm genügend Schäbigkeit untergekommen, um blasiert zu werden: Hier jemand, der Drogen kaufte, dort ein Fick im Stehen an der Wand, aber es war vor allem die Brutalität in dieser Gegend, wegen der er sich sorgte. Nichts Dramatisches heute Nacht, zum Glück.