Die Stadt hinter dem Dönerladen - Mirijam Günter - ebook

Die Stadt hinter dem Dönerladen ebook

Mirijam Günter

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Opis

Nickis Leben liegt in Trümmern. Ihre beste Freundin Jessica, Nickis einziger Halt, ist nicht mehr da. Von den Erwachsenen kann sie keine Hilfe erwarten, schon gar nicht von ihrer Mutter. Die kapiert einfach nicht, dass es einen Unterschied macht, ob sie für ihre Tochter eine Mutter oder eine Freundin darstellt. Schrecklich unreif ist sie auch noch, kann keinen Mann halten oder trennt sich von ihren Partnern, sobald es ernst wird. Auch Rainer hat sie in die Wüste geschickt, den Polizisten und einzigen Mann, den sich Nicki jemals als Stiefvater gewünscht hätte. Genau so wenig sieht sie in den Lehrern ihrer Schule eine Hilfe. Also geht sie nicht mehr hin. Stattdessen treibt sie sich auf der Straße herum. Dort lernt sie Stefan kennen. Während der sich in sie verknallt, beginnt Nicki, Gefühle für Deco zu entwickeln. Ausgerechnet Deco, Stefans Freund! Er trifft sich mit Nicki neben dem Dönerladen, seinen Arbeitsplatz. Doch irgendwie wird sie aus Deco nicht schlau. Er scheint in Rätseln zu sprechen. Trägt er Geheimnisse mit sich herum? Was hat er zu verbergen? Unerwartet verschwindet Deco von der Bildfläche. Nicki spürt, dass etwas nicht stimmt, und macht sich auf Spurensuche in den Dönerladen. Nur stockend kommt die Wahrheit über Deco ans Licht - mit dramatischen Folgen. Am Ende wird für Nicki ihre Stadt, die Stadt neben dem Dönerladen, nicht mehr die gleiche sein. Mirijam Günter inszeniert eine lebendige Geschichte aus labilen jugendlichen Charakteren, die in der untersten Gesellschaftsschicht ums Überleben kämpfen. Eine freche, naive Göre im Glauben, die Welt drehe sich ausschließlich um sie, sieht sich mit einem "illegalen", da ohne Papiere lebenden, intelligenten Halbwüchsigen konfrontiert, der ohne Perspektive auf eine Zukunft voller Ängste in den Tag hinein lebt. In einem Strudel aus persönlichen Schicksalen und Behördenwillkür präsentiert sich die soziale und politische Situation Deutschland

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Die Stadt hinter dem Dönerladen

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buchin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2015© Größenwahn Verlag Frankfurt am Mainwww.groessenwahn-verlag.deAlle Rechte vorbehalten.ISBN: 978-3-95771-051-2eISBN: 978-3-95771-052-9

Mirijam Günter

Die Stadt hinter dem Dönerladen

Jugendroman

 

IMPRESSUMDie Stadt hinter dem Dönerladen

AutorinMirijam Günter

SeitengestaltungGrößenwahn Verlag Frankfurt am Main

SchriftenConstantia und Lucida Calligraphy

CovergestaltungMarti O´Sigma

CoverbildMarti O´Sigma

LektoratThomas Pregel

Größenwahn Verlag Frankfurt am MainAugust 2015

ISBN: 978-3-95771-051-2eISBN: 978-3-95771-052-9

Alle Personen in diesem Buch sind frei erfunden.Etwaige Namensähnlichkeiten sind reiner Zufall.

 

»Die mich immer schützen, sind Engel!«Aus einer Literaturwerkstatt mit benachteiligten Jugendlichen

Das hier war heute mein letzter Schultag, das schwöre ich. Nie wieder betrete ich dieses Gebäude. Ich weiß, was sie von mir wollen, wenn ich in die Gesichter meiner Mitmenschen schaue. Sie wollen, dass ich wieder normal ticke. Man übersteht das, das Leben geht weiter. Alles wird gut, irgendwann wirst du drüber lachen, laber Rhabarber. Nie wird einer mal drüber lachen. Keiner. Erst recht nicht ich. Sie sollen mir eine Person zeigen, die darüber lacht, wenn die beste Freundin verschwunden ist. Jessica hieß meine beste Freundin, ihr Name war Programm. Denn wenn ein Mädchen Jessica heißt, dann darf es kein Weichei sein. Sie war ganz anders als all diese überfressenen gelang-weilten Gesichter, die jetzt in der Klasse übrig geblieben sind. Sie hatte mich mit ihrer unbekümmerten Lebensart immer mitgerissen. Ihr war es egal, was die Leute dachten. Sie lief in Kleidern rum, von denen sie manche aus dem Altkleidercontainer gefischt hatte. Sie zog bunte Ringelstrümpfe zu einem schwarzen Cocktailkleid an. Sie sprang mitten im Unterricht auf und rief: »Ich hab euch alle lieb!« Wenn sie die erstaunten Blicke der Lehrer sah, erklärte sie, dass es im Unterricht endlich mal etwas menschlicher zugehen müsste. Oft saßen wir zusammen auf einer Bank in der Innenstadt und grüßten alle Leute, die vorbeikamen. Jessica führte Listen darüber, wie viele Leute zurückgrüßten. Sie wertete die Liste aus und hielt daraufhin ein Referat in der Schule über den baldigen Zusammenbruch unserer Gesellschaft. Unser Direktor bekam das Referat zu lesen und wollte Jessica zu einer Therapie schicken. Mit fünfzehn durfte man sich keine Gedanken über die Gesellschaft machen. Das durfte man nur in der Generation des Direktors, und die machte sich keine Gedanken.

Jessica machte aber noch viel mehr. Sie kommunizierte nicht im Internet, wie es alle taten, weil sie nicht zur Vereinsamung der Gesellschaft beitragen wollte. Sie kannte alle Außenseiter dieser Stadt. Obdachlose und sogar der letzte Schmuddelpunk begrüßten sie mit Namen. Sie ging regelmäßig, ohne Bezahlung, mit einer verwirrten alten Dame spazieren.

Da wir Freundinnen waren, lief ich bald auch in Sachen herum, die aus dem Rahmen fielen. Im Gegensatz zu meinen Klassenkameraden trug ich keine Markenklamotten, sondern konnte einfach in einer Jogginghose auftauchen. Mit Jessica war es mir egal, was die anderen von mir dachten. Mit ihr fühlte ich mich stark, denn wir wussten, dass es auf uns ankam, die Gesellschaft vor dem Wahnsinn zu retten, weil nur wir die Ungerechtigkeiten sahen und alles verstanden. Jetzt aber, wo nur noch ich da war, verstand ich nichts mehr und ich wollte nicht mehr die Welt retten. Ich sah nicht die Gesellschaft vor die Wand knallen, sondern mich. Ohne Jessica fühlte ich mich wie ein wirklicher Außenseiter, ich hatte irgendwie meine Daseinsberechtigung verloren. Sie hatte meiner Außenseiterrolle Sinn gegeben. Sie wusste, was zu tun war, und riss mich mit. Mit Jessica auf dem Pausenhof zu stehen und Leute anzupöbeln, die schwachsinnige Parolen von sich gaben, das war tough. Alleine hielt ich die Klappe. Ich regte mich nicht mehr über die Dummheit meiner Mitmenschen auf, die nicht begriffen, was los war, und sich einnebeln ließen. Ich wäre froh gewesen, etwas zu haben, was mich einnebelte.

Jessica war wunderschön und hochintelligent, sie hätte die tollsten Jungen haben können, aber sie hatte einen ganz speziellen Geschmack. Auf einer Party, bei der fünfundzwanzig Jungen waren, nahm sie sich garantiert den Jungen mit dem größten Dachschaden und knutschte mit ihm rum. Aus irgendeinem Grund wollte sie nur einen Jungen haben, den sie glaubte retten zu müssen. Den fand sie. Einen, der sie richtig verarschte.

Ich redete mir den Mund fusselig, aber sie verteidigte das Arschloch. Er behandelte sie wie den letzten Dreck, ließ sie ständig hängen. Wenn er dann endlich auftauchte, redete er sogar in ihrem Beisein bei seinen Kumpels schlecht über sie.

»Geh nicht mit dem Typen ins Bett«, warnte ich sie.

»Wieso nicht, ich liebe ihn doch.«

Der Typ sah gut aus, das musste ich zugeben. Er hatte braune gelockte Haare, unwahrscheinlich lange Wimpern und sinnliche Lippen, die man küssen musste. Asitoaster mit Muckibude gaben den Rest dazu. Er sah gut aus, war aber eine Drecksau. Außerdem war er völlig unter ihrem Niveau. Er hatte die Hauptschule abgebrochen, nachdem er zweimal die achte Klasse wiederholt hatte, schmiss dann diverse Stellen und vertickte nun Drogen. Dabei stellte er sich so blöd an, dass selbst die Polizei Mitleid mit ihm hatte. Er war so dumm, dass es einem wehtat, und verhielt sich derart asozial, dass man Gewaltfantasien ihm gegenüber bekam. In der Stadt trat er gerne gegen die Hüte oder Teller der Bettler und lachte, wenn diese auf der Erde nach ihren Tageseinnahmen suchten. Er fand, Mädchen hätten in Anwesenheit von Männern die Klappe zu halten. Er schlug Jessica, aber sie verzieh ihm und erzählte mir etwas von seiner schweren Kindheit. Sie hätte den Himmel auf Erden haben können, stattdessen wählte sie die Hölle. Sie schlief natürlich mit ihm. Als sie mal nicht wollte, vergewaltigte er sie. Vor seinen Kumpels. Die filmten das. Jeder, der wollte, bekam das Filmchen auf sein Handy geschickt. Jeder wollte das Filmchen sehen, selbst die ach so braven Schüler unserer Schule. Jetzt war sie nicht mehr da.

Und dann erzählen einem Erwachsene tatsächlich so einen Schwachsinn, dass man, nur weil die beste Freundin nicht mehr da ist, nicht davon stirbt. Man stirbt wohl. Dass das Leben weitergeht, erzählen sie einem. Natürlich nicht sofort, aber nach drei Wochen. Das Leben geht aber nicht weiter, es bleibt stehen, die Batterie vom Wecker ist raus, er läuft nicht mehr, es gibt keine Ersatzbatterie, zurück bleibt nur ein Rauschen in den Ohren. Aber das verstand niemand. Sie bieten einem Hilfe an, Gespräche. Über was sollte ich reden? Sie erzählen, dass sie sich Gedanken machen würden um einen. Sie sollten aufhören, über mich nachzudenken. Mir kam es vor, als wäre schon alles in meinem Leben passiert. Alles war schon geschehen. Ich hatte alles gesehen. Ich weiß, dass Erwachsene über solche Sätze lachen. Aber sie lachen aus Angst. Aus Angst, weil sie sich sonst eingestehen müssten, dass sie sich etwas vormachen.

Auf jeden Fall ist an dieser Schule kein Platz mehr für mich. Es hatte mich keiner gemobbt, noch nicht mal das, nein, sie hatten mich schlicht und ergreifend ignoriert, meine sogenannten Klassenkameraden. Das hatten sie zwar vorher schon gemacht, aber da war immerhin meine beste Freundin noch da gewesen. Warum sollte ich hier sitzen, an meine Freundin erinnert werden und mich dabei schlecht fühlen? Ich stand auf und ging zur Klassentür.

»Wohin gehst du, Nicki?«, fragte der Lehrer.

Ich stand vor ihm, die Hände tief in meiner weißen Leinenhose vergraben und den Kragen meiner Trainingsjacke hochgestellt. Eine Haarspange löste sich und eine meiner blond gefärbten Strähnen fiel mir ins Gesicht. Ich hatte normalerweise schulterlanges kastanienfarbenes Haar, aber Jessica hatte mir geraten, meine Haare heller zu färben. Vielleicht sollte ich sie jetzt schwarz färben?

»Ich möchte gerne eine Antwort«, der Lehrer war ungeduldig.

»In eine andere Welt. Meine alte ist gegen die Wand geknallt.«

Erstaunt sah er mich an.

Ich lebte mit meiner Mutter in einer großen Wohnung. Mein Vater verschwand vor meiner Geburt. Er zahlte Geld, auch für mich, obwohl ich ihn nie gesehen hatte. Das war seltsam. Aber damit wollte ich mich nie beschäftigen, erst recht nicht jetzt. Wer behauptet, dass das einen interessieren müsse, wer der eigene Vater sei, der soll mir mal den entsprechenden Gesetzestext zeigen, der mich zu diesem Interesse zwingt. Ich hatte genug Probleme, wer weiß, was ich für eins dazubekommen würde, wenn ich diesen Menschen kennenlernte.

Meine Mutter und ich leben zwar zusammen, aber wir lassen uns eigentlich in Ruhe. Ich frage sie nichts und sie mich auch nichts und alle leben in Frieden. Es gab mal eine Zeit, da war das anders. Da hatte meine Mutter einen Freund, der Rainer hieß und der sie wirklich geliebt hat – und mich dazu.

Als die Beziehung zwischen meiner Mutter und ihm vor anderthalb Jahren vorbei war, hatte sie ihm verboten, weiter Kontakt zu mir zu haben. Das war ihre Rache. Erbärmlicher geht es wirklich nicht. Erwachsene halt. Dabei hat sie ihn nur verlassen, um ihn auf die Probe zu stellen. War für sie ein Spielchen. Dass er dann tatsächlich wegblieb, damit hätte sie nie gerechnet. Schließlich hatte sie das schon oft mit ihm gemacht. Aber jetzt hatte er einmal die Konsequenz gezogen. Wenn ich ehrlich bin, verachte ich meine Mutter dafür. Das sind Spiele, die spielt man als Erwachsener nicht. Als Jugendlicher sowieso nicht, wir kommen gar nicht auf solche Ideen. Mir hat sie damit einen Schaden zugefügt. Rainer hat sich rührend um meine Mutter gekümmert, sie ständig zum Essen eingeladen, sie in Museen und Zoos geschleppt. Er bestand darauf, dass ich mitkam. Ich hatte meine Mutter bis zu diesem Zeitpunkt nie so glücklich gesehen. Sie hatte eigentlich nie eine Familie, und deswegen ist sie beziehungsunfähig. So hatte mir Rainer das mal erklärt. Ich hatte wirklich geglaubt, jetzt wären wir eine richtige Familie. Das, was ich mir heimlich immer gewünscht hatte. Alles war perfekt, und dann machte meine Mutter, diese blöde Kuh, mir mit ihrer Dummheit alles kaputt. Danach hat sie gelitten. Monatelang. Das war mir egal. Ich habe nämlich auch gelitten. Ich habe allein schon seine Geschichten vermisst. Er konnte so wunderbar erzählen, zum Beispiel, dass er fast die Eignungsprüfung zur Polizeischule nicht gepackt hätte, weil er es bei der Sportprüfung nicht schaffte, über den Bock zu springen. Er stoppte immer kurz davor und kehrte wieder um. Zum Glück hatte der ältere Einstellungsbeamte ein Einsehen. Er meinte, er wüsste, dass Rainer ein wunderbarer Polizist werden würde, selbst wenn er es nicht schaffte, über einen idiotischen Bock zu springen. Recht hatte er. Rainer konnte solche Sachen so fantastisch erzählen, dass ich davon träumte, wie er vor diesem Bock stoppte. Jetzt erzählt er nicht mehr. Ich weiß, so etwas kommt hunderttausendfach vor. Mich hat es trotzdem fast umgebracht. Das eigene Schicksal ist immer das schlimmste. Ich habe versucht, ihn zu erreichen, habe stundenlang vor der Polizeiwache gesessen und auf ihn gewartet. Er kam nicht raus. Ich schickte ihm SMS, jeden Tag mehrere, am Anfang antwortete er, aber nach einer Woche war Schluss. Nichts mehr. Ich weiß nicht, warum er mir das angetan hat, egal wie lange ich darüber nachdenke. Ich versuchte, gut in der Schule zu sein, weil ich dachte, dass er dann zu mir zurückkommen würde. Das tat er natürlich nicht. Es war wahrscheinlich eine schwachsinnige Idee von mir gewesen. Aber wenn man fertig mit der Welt ist, dann kommt man halt auf solche Ideen. Na, immer noch besser, als kriminell zu werden oder Drogen zu schlucken. Ich fragte mich wirklich, was ich denn mit dem idiotischen Verhalten meiner Mutter zu tun hatte? Auch wenn sie ihm verboten hatte, mit mir Kontakt zu halten, war er nicht mutig genug, sich über dieses Verbot hinwegzusetzen? Er war Polizist, die mussten sich doch ständig über Verbote hinwegsetzen, oder?

Ich schaffte es zu einem Arzt, der zwar keine Ahnung von seinem Beruf hatte, aber dafür bekannt war, dass er krankschrieb. Ich erzählte ihm etwas von Schlafstörungen, Stress mit meinen Eltern, keinen Hunger, und er was von einer wahrscheinlich kleinen Depression. Ich bekam den gelben Schein für drei Wochen ausgestellt. In Deutschland darf es einem nicht einfach dreckig gehen, weil etwas Schlimmes passiert ist, nein, man ist direkt depressiv und muss zum Psychiater.

Meine beste Freundin und mein Herzwunschpapa hatten mich verlassen. Der Boden unter meinen Füßen schwappte. Ich ging wie auf Eiern. Keiner konnte mir verraten, wie man als Jugendliche voller Traurigkeit überlebt.

Nachdem ich ein paar Stunden auf meinem Hochbett verbracht hatte, beschloss ich, mir in der Küche was zu essen und zu trinken zu holen. Mein Bett war übrigens nicht so ein selbst gebautes, sondern aus meiner Kinderzeit, mit einer Höhle darunter. Oben stand ein kleiner Fernseher, und insgesamt hatte ich es etwas aufgestockt. Unten hatte ich eine dünne Matratze liegen. Das Buch, das dort lag, kannte ich auswendig. Wirklich. Ich fing immer an der gleichen Stelle an zu weinen. Mein Gott, ich war echt nur peinlich. Eine normale Mutter würde sich schämen, dass ihre fünfzehnjährige Tochter in einem Ikeakinderhochbett schlief und nicht ganz normal auf einer Matratze, die auf dem Boden lag.

An meinen Wänden hingen Poster von James Dean und anderen Männern mit verlorenen und traurigen Gesichtsausdrücken. Die Fotos hatte ich in einem Antiquariat gekauft, Menschen vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Die rahmte ich mir ein und hängte sie auf. Fünfzehn Augenpaare blickten nun herab, also, sie blickten natürlich geradeaus, aber man sagt das halt so.

Meine Mutter saß in der Küche. Seit Rainer weg war, hatte sie Angst, sich um mich kümmern zu müssen, aber ich tat ihr den Gefallen und glänzte mit Abwesenheit. Seit der Trennung änderte sie ihr Leben, schnitt sich die Haare ab und besuchte eine Yogaschule. Anfangs hatte sie oft wechselnde Freunde, sie war mir dankbar, dass ich meine Freizeit nicht zu Hause verbrachte. Da wir keine Asifamilie waren, kam ich nicht ins Heim. Ich hatte ja gute Noten, saubere Sachen und genug zu essen. In meinem Alter darf man sogar mit dreckigen Klamotten herumlaufen, die Erwachsenen freuen sich dann, sie nennen das rebellische Phase. Gegen das, was mit meinem Leben los war, gab es kein Gesetz, das mich davor schützte. Jugendliche alleine zu lassen, nannte man fortschrittliche Erziehung. Manchmal wünschte ich mir, meine Mutter würde mich misshandeln.

Sie hielt einen Brief in der Hand und seufzte.

»Nicki, wir müssen miteinander reden.«

»Jetzt, nach fünfzehn Jahren?«

»Ich habe hier einen Brief vom Jugendamt bekommen«, sie hielt ihn theatralisch in die Höhe. »Deine Schule hat mich informiert, was passiert ist.«

»Was ist denn passiert?«

»Nicki!«, sagte sie mit genervter, lauterer Stimme.

»Was denn?!«

»Ich habe die Erziehungspflicht. Ich habe keinen Bock auf Ärger!«

Darum ging es also. Natürlich ging es um sie.

»Was wollen die denn?« Das sollte gar nicht so genervt klingen, denn ich wollte wirklich wissen, worum es ging.

»Mir Hilfe anbieten.«

»Sag ihnen, du bist verloren.«

»Es geht nicht um mich, es geht um dich.«

»Wie? Ich dachte, sie bieten dir Hilfe an.«

»Stell dich nicht dümmer an, als du bist, ja! Das ertrage ich nicht.« Sie zog ein Migränegesicht. »Du hattest ja schon vorher Ärger in der Schule, und jetzt, wo das passiert ist, fragen sie, ob wir nicht mal vorbeikommen wollen.«

»Gibt es da Geld?« Dann hätte man sich ja das mit einem Besuch doch noch mal überlegen können.

»Nicki!« Und da war sie wieder, die gereizte Mamastimme.

»Lass mich in Ruhe.«

»Wir waren immer Freundinnen. Nicki, ich bin immer für dich da, ja?«

»Klar.«

»Soll ich mal was kochen?«

»Untersteh dich!«

»Es tut mir leid, dass mir die Zeit fehlt, täglich für dich zu kochen.«

Ich glaubte, das meinte sie tatsächlich ernst.

»Schade«, ich versuchte, nicht sarkastisch zu klingen.

»Du bist so dünn geworden. Du musst dich vernünftig ernähren. Soll ich vielleicht einen Essenbringdienst organisieren?« Irgendwie klang sie doch besorgt, natürlich machte sie sich um ihre Ruhe Sorgen.

»Nee, lass mal, ich mach das schon selber.«

»Du kannst ja gar nicht kochen.«

Eine der Fähigkeiten, die meine Mutter mir beigebracht hatte. Sie konnte einfach nicht kochen, und jetzt, wo sie mit einundvierzig ihren Gesundheitsfimmel hatte, schmeckte alles nach Lebertran.

»Also, Nudeln mit Soße, das kriege ich hin«, versuchte ich sie zu beruhigen.

»Gesund ist das ja nicht.«

Meine Mutter sah mich zweifelnd an. Ich sah, wie sie krampfhaft überlegte, ob es nicht einen bio-öko-fairgehandelten Bringservice gab. Oder ob sie mich überzeugen konnte, wenigstens Vollkornnudeln zu essen. Dann ließ sie mich zum Glück in Ruhe, und ich schlief im Wohnzimmer vor dem Fernseher ein. Sie weckte mich mit einem Kuss auf die Stirn.

Ich stand auf, ging in die Küche und machte mir einen Cappuccino. Das brachte meine Mutter zur Weißglut, dass ich diesen Pulvercappuccino trank. So etwas Ungesundes.

»Sag mal, meine Liebste«, sprach sie mich an, als ich in der Küche in meiner Tasse rührte, »wir können ja mal was zusammen machen, nur du und ich.«

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Mutter mal alleine was mit mir gemacht hätte.

»Was denn?«, fragte ich.

»Na ja, vielleicht shoppen gehen?«, versuchte sie es zaghaft.

Ich schaute auf meine weiße Leinenhose.

»Meine Klamotten gibt es nicht bei H&M.«

»Vielleicht ist es besser, wenn du mal für eine Weile weggehen würdest.« Man merkte ihr an, dass sie irgendetwas suchte, was die Situation, wie sie jetzt war, änderte.

»Lass mich in Ruhe! Oder willst du mich loswerden?«

»Das ist nicht gegen dich, Nicki«, sagte sie ganz erschrocken, »ich will dich nicht loswerden. Willst du wenigstens auf eine andere Schule?«

»Nein!«

»Vielleicht wirst du an einer anderen Schule nicht ständig an deine Freundin erinnert werden.«

»Ich möchte aber an sie erinnert werden«, sagte ich ziemlich entschlossen, und das war in diesem Augenblick auch wirklich ernst gemeint.

»Ich weiß nicht, ob das richtig ist«, sagte sie hilflos. »Du kommst zu mir, wenn du mit jemand reden willst, ja? Ich bin für dich da.«

»Ja klar, so wie immer halt«, antwortete ich sarkastisch.

»Mein Gott, ich kümmere mich nur um dich, weil ich sehe, dass du leidest wie ein armer Hund.«

Komisch, dass man leidet, wenn die beste Freundin nicht mehr da ist.

»Ich würde weniger leiden, wenn du mich in Ruhe lassen würdest. Hast du sonst auch getan, und das lief prächtig.«

Was hatte sie auf einmal? Sie hatte sich sonst nie um mich gekümmert. Zum Reden hatte ich meine Freundin, nur jetzt nicht mehr. Aber bevor ich mit meiner Mutter reden würde, führte ich lieber Selbstgespräche. Wenn ich Sprüche wie Meine Mutter ist meine beste Freundin höre, krieg ich Spontanausschlag.

Und wenn sie Angst um mich hatte? Quatsch, warum das denn auf einmal? Das musste sie nicht. Meine Seele verreckte zwar, aber ich blieb am Leben.

»Ich habe mich übrigens von meinem Freund getrennt.«

Meine Mutter hatte Gesprächsbedarf.

»Interessant, wie lange hast du es diesmal ausgehalten?«

Jetzt war sie beleidigt und hielt endlich die Klappe.

Ich hatte mit den Typen meiner Mutter eigentlich nie was zu tun. Ich finde, irgendwie geht mich das nichts an. Es wäre mir im Grunde peinlich, wenn ich über das Liebesleben meiner Mutter Bescheid wüsste. Den Freunden meiner Mutter war das ganz recht, dass ich keinen Bedarf danach hatte, sie näher kennenzulernen.

Allerdings suchte vor einem halben Jahr der damalige Freund meiner Mutter das Gespräch mit mir. Er hatte Angst, in eine Vaterrolle zu kommen. Wir könnten gute Freunde sein, einen Vater könne er mir nicht ersetzen, sagte er mir zu Beginn des Gespräches, das ihm sichtlich peinlich war.

»Das brauchst du nicht, ich komm schon klar«, beruhigte ich ihn.

»Ja, aber speziell für ein Mädchen ist es für die persönliche Entwicklung wichtig, einen Vater zu haben«, erklärte er. »Ohne eine solche Bindung können irreparable psychologische Schäden entstehen.«

»Ach, wirklich?«

»Ja«, er nickte, »das hat mir gestern Abend ein befreundeter Psychologe erzählt. Ich hatte mich bei ihm erkundigt, es ist ja nicht so, dass du mir egal bist.«

»Das glaube ich auch nicht.« Mir war das total egal.

»Hast du denn jemanden in deinem Umfeld, der für dich wie ein Vater ist?«

»Ja klar.«

Das stimmte nicht. Nicht mehr.

Rainer hatte mich verlassen. Egal wie grausam das klang, ich musste es mir immer wieder sagen. Damit ich wusste, dass es Realität war und kein Albtraum.

Ich weiß nicht, warum so etwas nicht unter Strafe steht. So fühlte ich mich nach Jessicas Weggang noch einsamer und hilfloser. Das mit Jessica, das wussten alle. Dass Rainer mich verlassen hatte, das wusste keiner. Ich konnte es niemandem erzählen. Mich konnte nichts mehr umhauen, dachte ich. Meine Seele ist verreckt, bevor ich erwachsen geworden bin. Ich liege auf dem Boden, und bis zu meinem Tod werde ich auf dem Bauch liegen und um Liebe flehen. Umsonst.

Die Einzige, die das gewusst hatte, war Jessica. Ich bin mit Jessica Rainer begegnet. Ich saß mit Jessica auf einer Bank im Park, und er kam vorbei.

»Hi«, sagte er und stellte sich vor mich. »Was macht das Leben?«

»Nichts.« Ich schaute auf die Erde.

»Ist alles klar?«

»Nein.« Mit meinen Füßen malte ich ein Herz, peinlicher gings nicht.

»Was ist los?« Die Frage stellte er nur aus Höflichkeit, das merkte man.

»Nichts.«

Er schaute zu mir herunter, mit diesen Vateraugen. Verdammt, er sollte sich zu mir setzen, mich in den Arm nehmen und sagen, dass alles gut war. Dass er nur kurz verschwunden war.

»Ich muss los«, sagte er stattdessen. »Habe gleich Dienst. Die Kollegen warten schon.«

Ich sah ihm hinterher.

»War das ein Bulle?«, fragte Jessica.

»Jaha.«

»Was hast du denn mit so einem Typen zu tun?«

»Das geht dich gar nichts an.« Ich sah weg, irgendwohin in die Landschaft.

»Sag bloß, du hattest was mit diesem alten Knacker?«, bohrte Jessica nach.

»Halt die Fresse, Jessica, oder wir sind geschiedene Leute!«

Jessica stand auf, stellte sich vor mich, beugte sich zu mir herunter und blickte mir in die Augen.

»Sag nicht, dass das eine Papastory ist, die vor die Wand geknallt ist?«

Ich antwortete nicht.

»Ich wollte schon immer wissen, woher du deine Klatsche weghast«, stellte sie nicht gerade einfühlsam fest. »Einen triftigen Grund kenne ich ja nun. Wie lang ist das her?«

Ich brauchte ein paar Minuten, bis ich sagen konnte: »Fast anderthalb Jahre.«

»Was ist passiert?«

»Keine Ahnung«, antwortete ich und wusste es wirklich nicht. »Er hat sich von meiner Mutter getrennt. Aber was hat das mit mir zu tun?«

»Ich bin mir sicher, das wirst du nie vergessen.«

Das waren ja schöne Aussichten.

Meine beste Freundin und Rainer hatten mich verlassen. Der Boden unter meinen Füßen schwankte. Ich ging wie auf Eiern.

Wenn die Welt aus den Fugen geraten ist und man selbst das Gefühl hat, dies als Einziger zu bemerken, dann sollte man sich einen Schutzraum suchen, von dem aus man diese Welt von außen betrachten kann. Wenn Freunde einen nicht mehr schützen können, weil sie nicht mehr da sind, wenn die Erde bebt und man keine drei Schritte mehr laufen kann, ohne das Gefühl zu bekommen, man geht in die Knie, dann geht man besser woanders hin.

Ich lag auf meinem Hochbett unter der Bettdecke, die Leiter hatte ich vorsichtshalber hochgezogen. Nicht, dass jemand aus der realen Welt auf die Idee kam, mich hier zu besuchen. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Irgendwann kommt der Zeitpunkt bei jedem Menschen, an dem du dich selber nicht mehr aushältst. Und ich hielt mich nicht mehr aus. Ja gut, ich hatte als Einzige begriffen, dass die Welt schlecht war, sie hatte mir die einzigen Menschen genommen, die einen Platz in meinem Herzen hatten. Diese Erkenntnis brachte mich keinen Schritt weiter. Sich selber immer wieder zu sagen, dass einen alle alleingelassen hatten, dass man als Einzige die Welt und deren Geschehen begriffen hat, macht einen nur noch einsamer und führt zu dem Zustand, in dem man sich selbst nicht mehr leiden kann. Entweder beendet man dann sein Leben oder man versucht, seine Seele zu retten und zu überleben. Die Wahrheit war, ich wollte mich nicht umbringen, ich wollte, dass sich jemand um mich kümmerte. Solange ich hier oben blieb, war ich mit mir allein. Das lag gewiss nicht an der fehlenden Leiter. Meine Mutter hatte mir am zweiten Tag, den ich auf meinem Hochbett lag, gesagt, dass sie mich mit meiner Trauer in Ruhe ließe, solange ich das wollte. Das war jetzt eine Woche her. Freunde hatte ich ja keine mehr. Ich hoffte die ganze Zeit, dass Rainer kommen würde. Er kam nicht. Warum nicht? Wahrscheinlich würde er nicht mal auf meine Beerdigung kommen.

Wenn man die Realität ein paar Tage ignoriert hat, dann kommt einem die Welt da draußen, wenn man sie das erste Mal wieder betritt, völlig unwirklich vor. Ich war wie ein Eremit, der von einem einsamen Berg nach fünfzig Jahren heruntersteigt und merkt, dass die Probleme, über die er all die Jahre nachgedacht hatte, sich von selbst erledigt hatten. Gab es eine Möglichkeit, die Realität für immer zu verlassen, ohne sich umzubringen oder Drogen zu schlucken?

Ich kaufte mir einen Ayran und setzte mich auf die Treppenstufen des Dönerladens. Ein paar Meter entfernt standen zwei Jugendliche. Einer war ein etwas dunkelhäutiger schwarzhaariger Ausländer, der andere war Afrikaner. Ob Afrikaner alle Weißen als Europäer bezeichneten? Ich betrachtete sie neugierig, sie sahen ganz gut aus, die beiden. Das fiel den Jungen natürlich irgendwann auf, und sie lachten zu mir herüber. Ich konnte mich nicht so recht entscheiden, wer von beiden besser aussah. Ich schaute noch mal kurz zu ihnen hinüber. Eigentlich war ich für so was viel zu schüchtern. Bei dem Thema Jungen war ich eine Null. Bisher hatte Jessica das für mich erledigt. Die hatte immer zwei Jungen angesprochen, einen für sich und einen für mich.

»Hallo, wer bist du denn?«, fragte mich der gut aussehende Schwarzhaarige.

Er sprach normales Deutsch, sogar ohne dieses berühmte ey lan. Ich hatte diesen Typen nie gesehen. In unserer Schule hatte die Parole gegolten, sich nicht mit Ausländern abzugeben. Mit Ausländern meinte man aber keine Holländer oder Schweden, sondern Türken oder Araber. Obwohl Russen auch nicht sonderlich beliebt waren. Man sollte sich nicht von ihnen ansprechen lassen, hieß es. Angeblich wollten die immer nur Stress. Oder Sex. Einige Mädchen aus meiner Klasse, also natürlich nicht Jessica, erzählten immer, dass man als Mädchen für die eh nur eine Nutte war. Nur zum Ficken gut.

Ich sagte nichts.

»Warum gibst du uns keine Antwort?«, fragte der Afrikaner.

Ich schwieg.

»Wahrscheinlich ist sie was Besseres«, vermutete sein Kumpel.

Nein, ich war zu schüchtern, aber das konnte ich ja schlecht sagen.

»Ich muss sowieso los. Hab eh keinen Bock auf Mädchen, die sich für was Besseres halten. Das habe ich nötig wie trocken Brot.« Der bestaussehende Afrikaner, den ich je in meinem Leben gesehen hatte, ging wegen meiner Schüchternheit. Super, Nicki, dachte ich nur.

»Darf ich mich neben dich setzen?«, versuchte es sein Kumpel.

»Nein!« Heute schlug ich alle in die Flucht. Was war nur mit mir los? Vielleicht war ich depressiv. Ich hätte den Beipackzettel nicht wegschmeißen sollen. Vielleicht hatte mir der Arzt ja sogar ein Mittel gegen Doofheit aufgeschrieben.

»Oh, du kannst ja sprechen. Warum darf ich mich nicht neben dich setzen? Weil ich Ausländer bin?« Er sah mich belustigt an.

»Weil sich niemand neben mich setzen darf.«

»Ich will nur mit dir reden. Wirklich. Ich will dich nicht ins Bett kriegen. Jetzt guckst du so erstaunt. Meinst du, ich wüsste nicht, was über uns erzählt wird? Aber ich bin nicht so.«

»Natürlich nicht.«

Ich dachte an die Weiber in meiner Klasse, ihre Horrorgeschichten, die sie über Ausländer erzählten. Erst machen sie einen betrunken, dann vergewaltigen sie einen. Dann holen sie ihre drei Brüder und sieben Onkel und zünden dir deine Villa an. Wegen der Ehre. Jessica war die Einzige gewesen, die dagegen etwas sagte. Schon allein das machte sie zum Außenseiter. Was dachte ich? Ich hatte keine Meinung, wie so oft halt. Ich kannte keine Ausländer. Man hatte nichts miteinander zu tun. Jeder blieb unter sich. Vielleicht gab es deswegen diese Vorurteile. Man kannte sich einfach nicht, selbst wenn man ein Klassenzimmer miteinander teilte. Daran sollte ich vielleicht mal was ändern. Ich konnte mich mit diesem gut aussehenden Typen ja mal unterhalten. Wenn er mir wirklich an die Wäsche wollte, bekam er was auf die Fresse. Außerdem hatte ich ja keine Villa.

»Hi, sorry, das ist nichts gegen dich. Ich bin gerade nicht gut drauf. Wirklich.«

»Was ist? Hast du Probleme?« Er sah nicht so aus, als wenn ihn das interessieren würde.

»Das könnte man so ausdrücken.«

Er lachte, allerdings nicht freundlich, sondern verbittert. Seine Augen waren die traurigsten Augen, die ich je gesehen hatte. Ich schaue immer bei fremden Menschen als Erstes auf die Augen. Es gibt die traurig treuen Augen, die strahlend zuversichtlichen, die verzweifelt trotzigen und die explodierend freudigen Augen. Diese Augen haben all die Menschen, auf die Verlass ist. Alle anderen schauen anders, von diesen Leuten sollte man sich fernhalten. Jessica hatte explodierend freudige Augen gehabt, Rainer hatte trotzig treue Augen. Er hielt sich halt nie an meine Regeln. Er war eine Mischung, in seiner ganzen Person. Dieser Typ, der vor mir stand und verbittert lachte, dessen Augen konnten mich nicht belügen. Was war dem Typen passiert?

»Was hast du denn für Probleme? Schlechte Noten? Ärger mit den Eltern? Stress mit der besten Freundin?« Er klang komplett abgenervt.

»Nein, solche Probleme hatte ich nie.«

»Was kann denn ein Mensch wie du für Probleme haben?

Was kann dir schon groß passieren? Also, was ist los? Willst du länger in die Disco, und deine Mama gibt keine Erlaubnis dafür? Oder mehr Taschengeld? Kauft dir dein Vater vielleicht nicht die Jeans, die alle in deiner Klasse haben, und du bist jetzt mega-out? Was für ein sagenhaft großes Problem kann jemand wie du haben?«

Was war los mit ihm, hatte ich ihm was getan? Er fragte doch mich, keiner zwang ihn. Wenn ihn das nervte, sollte er aufhören, Fragen zu stellen. Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht, sah zu ihm hoch.

»Ich denke kaum, dass dich das interessiert.«

»Du täuschst dich, mich interessiert es brennend, was eine Wohlstandsgöre wie du für schlimme Probleme haben könnte. Musst du immer einkaufen gehen? Auf deinen kleinen Bruder aufpassen? Den Müll rausbringen? Oder, ganz schlimm, dein Zimmer selber aufräumen?«

Was sollte das? Wollte er mich verarschen?

»Ich habe keinen kleinen Bruder. Die anderen Sachen, die du aufgezählt hast, sind für mich kein Problem.«

»Also, was hast du für Sorgen, es interessiert mich wirklich?« Das klang jetzt nicht mehr genervt, sondern aggressiv.

»Wieso willst du das unbedingt wissen?«, fragte ich gereizt zurück.

Er lachte verächtlich.

»Weil ich immer wieder fasziniert davon bin, was die Leute hier für Sorgen haben. Was sie als Problem ansehen. Drei Viertel der Menschheit würden sich über deine Sorgen totlachen. Denk mal drüber nach, falls du denken kannst. Zähl mal deine Privilegien auf. Du hast ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, du kannst zur Schule gehen, du kannst hier jede Religion ausüben, die du für richtig hältst, du darfst für oder gegen das System sein, als Frau darfst du eine Ausbildung machen und deine eigene Meinung frei äußern. Alles, was du hast, haben Millionen von Menschen nicht. Egal, was du für Sorgen hast, drei Viertel der Menschheit würden diese Sorgen nicht verstehen können, sie würden darüber lachen. Weil es Wohlstandssorgen sind. Du kannst kein wirkliches Problem haben, verstehst du?«

Na, wenn er das doch alles so genau wusste, warum stellte er dann überhaupt Fragen?

»Bist du Politiker?«

»Nee, aber ich würde gerne Politik studieren. Geht aber nicht. Also, was ist? Was hast du für ein Problem, denk an die drei Viertel der Menschheit und sag mir dein lachhaftes Problem.«

Jetzt stand er mit verschränkten Armen da, sein Gesichtsausdruck war entschlossen, er wartete darauf, dass ich ihm recht gab. Nur seine Augen blieben traurig.

»Also, ich kann mir nicht denken, dass drei Viertel der Menschheit über meine Sorgen lachen würden«, sagte ich mit fester Stimme und sah in seine Augen.

Jetzt war er verdattert. Passte wohl nicht in sein Weltbild. Er holte ein Päckchen Zigaretten aus seiner Hosentasche.

»Darf ich mich vielleicht jetzt neben dich setzen?«, sagte er jetzt ganz ruhig.

»Von mir aus.« Ich rutschte ein wenig zur Seite.

Er bot mir eine Zigarette an, eine Weile saßen wir schweigend nebeneinander und rauchten.

»Erzählst du mir, was dich bedrückt?«

Ich konnte aus dem Augenwinkel heraus seine traurigen Augen sehen. Ich brauchte ein Foto von ihm. Das würde gut in mein Zimmer passen.

»Erzählst du es mir, bitte?«, flüsterte er fast.

Wieso sollte ich das tun, einem wildfremden Menschen von Jessica erzählen? Wieso sollte ich das tun? Einem Menschen, den ich heute das erste Mal gesehen hatte und den ich wahrscheinlich nie wieder sehen würde. Wenn man eine Sache oft erzählte, war sie irgendwann wahr. Ich wollte nicht, dass wahr wurde, was geschehen war.

Ich war mal für zwei Wochen mit einem Jungen zusammen. Er hieß Urs und war schon Anfang zwanzig. In seinem Abschiedsbrief erklärte er mir, dass er mich verlassen müsse. Weil ich ihn intellektuell unterfordere und außerdem in ihm etwas berühren würde, was er nicht benennen könne, was aber nicht gut sei. Ich weiß, das hört sich alles lächerlich an, aber damals wollte ich es nicht wahrhaben. Ich bin einfach so jemand, ich kann es nicht ertragen, verlassen zu werden. So wie ich damals jeden Tag auf den Treppenstufen der Polizeiwache gesessen hatte, so hatte ich anderthalb Monate so getan, als sei ich noch mit Urs zusammen. Ich sagte sogar Termine mit meinen Freunden ab, weil ich mich angeblich mit Urs treffen würde. Ich lebte die Beziehung weiter, in meinen Träumen. Bis mir Jessica einen Schlag in die Magengrube verpasste und mich mit der Wahrheit konfrontierte. Ich litt drei Wochen entsetzlich, dann war es vorbei.

Hier würde keine Jessica kommen und mir einen Schlag in die Magengrube verpassen. Deswegen konnte mich die wahrhaftige Wirklichkeit mal. Ich werde sie nie akzeptieren!

Leider war die Wahrheit auch, dass Jessica von mir verlangt hätte, dass ich der Realität in die Augen sähe. Ich könnte ja einfach gehen. Also, aus meinem Körper gehen. Mich selbst beobachten. Mir den Zusammenbruch von Nicki anschauen. Du bist schon verdammt schlau, dachte ich mir. Genauso machen wir das. Wir nehmen unsere Seele und unser Herz mit. Damit sie keinen Schaden davontragen, und dann lassen wir nur den Körper zugrunde gehen.

»Ich bin traurig, weil ich jemanden verloren habe.«

Ich sah ihm direkt ins Gesicht, er wich meinem Blick nicht aus. Ich bekam Achtung vor ihm. Ich wäre meinem Blick ausgewichen.