Die Schäferin von Yorkshire - Amanda Owen - ebook

Die Schäferin von Yorkshire ebook

Amanda Owen

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Opis

Oktober 1996: Die 21-jährige Schäferin Amanda Owen hat es ins Herz der Yorkshire Dales verschlagen, wo sie einen Widder abholen soll. Doch was sie letztendlich dort findet, ist weit mehr als ein widerspenstiges Schaf... Schon als Kind verschlang Amanda die Bücher des Tierarztes James Herriot und radelte bei jeder Gelegenheit ins Hochmoor, anstatt, wie von ihrer Mutter vorgesehen, die Laufstege der Welt zu erobern. Und sie verfolgte ihren Weg mit eigenwilliger, nahezu rebellischer Unbeirrtheit. Heute bewirtschaftet Amanda mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern die abgeschiedene Farm Ravenseat mit 900 Schafen im Norden Englands und führt ein Leben, das an jenes ihrer Vorfahren vor hundert Jahren erinnert. Einziges Zugeständnis an die Modernität ist eine Satellitenschüssel, mit deren Hilfe Amanda die Vorkommnisse ihres ausgefallenen Lebens twittert und in den Herzen ihrer Follower die Sehnsucht nach der rauen Wildnis weckt. Kein Wunder, dass jetzt die Verfilmung des Buches geplant ist. Voller amüsanter Anekdoten und unvergesslicher Charaktere entführt Amanda Owens Geschichte den Leser in eine Welt, die bestimmt ist vom Rhythmus der Natur. Augenzwinkernd berichtet sie, wie sie den Widrigkeiten des harten Farmalltags entgegentritt: anpackend, geduldig und immer mit dem Gefühl, am wunderbarsten Ort der Welt leben zu dürfen.

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Amanda OwenDie Schäferin von Yorkshire

AMANDA OWEN

Die SchäferinvonYorkshire

Mein Leben mit sieben Kindern,900 Schafenund einem Mann

Aus dem Englischen vonIlka Schlüchtermann

Osburg Verlag

Titel der englischen Originalausgabe:The Yorkshire Shepherdess

First Published 2014 by Sidgwick & Jackson,an imprint of Pan Macmillan, a division ofMacmillan Publishers International Limited

Copyright © Amanda Owen 2014

Erste Auflage 2016© der deutschsprachigen AusgabeOsburg Verlag Hamburg 2016www.osburgverlag.deAlle Rechte vorbehalten, insbesondere das desöffentlichen Vortrags sowie der Übertragungdurch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziertoder unter Verwendung elektronischer Systemeverarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.Lektorat: Bernd Henninger, HeidelbergSatz: Hans-Jürgen Paasch, OesteISBN 978-3-95510-114-5

Für meine Familie

Inhalt

Vorwort

1 Eine typische Kindheit

2 Flughafer und Wolle

3 Eine Frau und ihr Hund

4 Nur Ravenseat

5 Bergschäferin

6 Hochzeit in Reitstiefeln

7 Reuben: Achtung, ich komme! 147

8 Miles – ein langer Weg

9 Edith startet durch

10 Unsere kleine Blume

11 Clives großer Tag

12 Freilaufende Kinder

13 Sidney im Schnee

14 Und Annas, macht sieben

Bildnachweis

Einer dieser herrlichen Sommerabende auf Ravenseat. Unsere Kinder lieben sie Ihre Kindheit unterscheidet sich so sehr von meiner

 

Vorwort

»Holst du für mich einen Schafbock von einem Kumpel ab? Ist ein richtig feiner Swaledale-Züchter und er leiht mir jedes Jahr einen Bock.«

Das war eine dieser typischen Bitten des Farmers, für den ich arbeitete. Er brauchte einen Bock, ein männliches Schaf für seine Herde – klar, wozu. Er half mir, den alten Anhänger hinten am Pickup festzumachen, und los ging’s, ohne gescheite Wegbeschreibung und mit der Angst im Nacken, ob Pickup und Anhänger durchhalten würden.

Das war im Oktober 1996, an einem kalten, dunklen Tag, ich folgte der Straße von Kirkby Stephen bis zur Grenze zwischen Cumbria und Yorkshire und dann ging’s rein ins Swaledale. Ich starrte in die Dunkelheit, um irgendeinen Hinweis auf die Farm zu entdecken. Solche Hinweisschilder kenne ich nur zu gut: ein einfaches Stück Holz, auf das jemand den Namen der Farm gekritzelt hat. Die Straße, eine endlose Achterbahn, schlängelte sich vor mir durch die dunklen Hügel. Allmählich kam mir der Gedanke, ich hätte die Abzweigung verpasst. War ich überhaupt schon an einer vorbeigekommen? Viel weiter konnte es doch gar nicht mehr gehen.

Da plötzlich: ein deutlich sichtbares Schild im Scheinwerferlicht, RAVENSEAT ONLY, 1 ¼ MILES. Ich bog in die schmale Straße ein, der klapprige Holzanhänger rumpelte hinter mir her, hier und da blickte ein Schaf starr in meine Scheinwerfer. Hoffentlich überfahre ich kein Schaf, ehe ich dort bin, dachte ich.

Dann, nach einer Ewigkeit, wie es mir vorkam, endete die Straße. Ohne jede Vorwarnung. Ich stand vor einer Furt. Da durch? In einem tiefliegenden Pickup mit rostigen Türen? Ich paddelte mit dem Stiefel etwas durchs Wasser, es war nur knöcheltief. Der Pickup tauchte ein, und dann ging es hoch in einen schlammigen Hof, rechts das Farmhaus und direkt vor mir ein paar uralte Steinscheunen und Ställe (barns). Im Dämmerlicht einer Stalllampe konnte ich eine Kuh erkennen, die genüsslich widerkäute. Sofort sprang ein bellender Hund aus der Dunkelheit. Aus Erfahrung weiß ich, dass man sich vor Hofhunden in Acht nehmen muss, und war erleichtert, als plötzlich alles in helles Licht getaucht wurde und der Farmer in der Eingangstür stand.

»Weg da und Platz.«

Der Befehl war sicher nicht an mich gerichtet und tatsächlich, der Hund schlich zurück in die Dunkelheit.

»Immer herein Mädel, ich mach uns’n Tee.«

Kein großes Glücksgefühl überkam mich, dass ich mein Ziel endlich erreicht hatte. Kein romantischer Zauber umwehte diese schicksalhafte Begegnung. Nur Erleichterung, es geschafft zu haben. Ich freute mich jetzt auf einen Tee, doch mir graute auch schon vor der Rückfahrt.

Heute, wenn ich meine Familie, meinen Mann und unsere sieben Kinder anschaue, wird mir klar, dass diese erste Begegnung mit Ravenseat der entscheidende Wendepunkt in meinem Leben war. Diese Begegnung hat mir die beiden Dinge beschert, die ich am meisten liebe: Clive Owen, meinen Mann, und Ravenseat Farm, den wunderschönsten Ort auf der Welt.

Ich meine es wirklich so, wenn ich sage, Ravenseat ist wunderschön. Klar, es ist rau und öde hier, es ist abgeschieden, der Wind heult um die Ecken und treibt den Regen durch die Mauern ins Haus hinein. Im Winter begräbt uns der Schnee, und wenn Strom und Wasser streiken, bleibt uns nichts anderes übrig, als so zu leben wie die Farmer, die sich an diesem Ort vor vielen hundert Jahren niedergelassen haben: Dann holen wir Wasser vom Fluss und kochen über offenem Feuer. Doch es ist der beste Platz auf Erden, um Kinder zu haben und Tiere, und ich würde ihn für nichts in der Welt eintauschen. Selbst heute noch, nach so vielen Jahren, gibt es Momente, in denen ich beim Anblick dieses grandiosen Fleckens Erde tief durchatmen muss.

Nicht, dass das Leben hier in irgendeiner Weise idyllisch wäre, das kann man wirklich nicht sagen. Wir arbeiten hart, damit unsere Kinder und unsere Tiere unter schwierigen Bedingungen sicher und gesund aufwachsen können.

Für die meisten Bergfarmer hier ist dies ihre traditionelle Lebensform, in die wurden sie hineingeboren. Aber für mich? Ich bin ein Stadtkind. Eine Zugezogene, eine offcumden1. Im Gespräch mit dem Berufsberater in meiner Schule in Huddersfield standen Berufe wie »Schäferin« oder »Farmerin« gar nicht zur Debatte.

Was hat mich hierher geführt? Zu dieser höchstgelegenen, abgeschiedensten Farm im Swaledale, der nördlichsten Farm der Yorkshire Dales?

Dies ist meine Geschichte, die Geschichte meiner Familie und – in der Hauptrolle – Ravenseat selbst.

1

Eine typische Kindheit

Wenn ich meine Kindheit mit einem einzigen Wort beschreiben sollte, dann wäre dies ›typisch‹. Ich wurde in Huddersfield geboren, im September 1974, als erstes Kind von Joyce und Maurice Livingstone. Die nordenglische Stadt Huddersfield war durch die industrielle Revolution zu beträchtlicher Größe angewachsen, überall schossen neue Webereien aus dem Boden. Eine kleine Wollindustrie hat bis heute überlebt, aber wie in so vielen Städten Nordenglands ist die Blütezeit dieses Wirtschaftszweiges längst Geschichte. Gleichwohl ist Huddersfield noch immer noch ein florierender und quirliger Ort.

Es war eine schöne Zeit. Wir wohnten in einem Doppelhaus aus der Jahrhundertwende, mit einem kleinen Vorgarten, einem größeren Garten hinter dem Haus und einer geräumigen Garage, deren steile Ausfahrt direkt auf eine belebte Straße führte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, dass ich mit meinem Dreirad nonstop diese Ausfahrt hoch- und runterfuhr. Mein Gefährt war bei hohem Tempo in Kurven aber ziemlich wackelig und instabil, sodass ich eines Tages in eine der Steinsäulen an der Toreinfahrt reinkrachte und mir vier Vorderzähne ausschlug. Zum Glück waren es nur Milchzähne und es blieb kein dauerhafter Schaden zurück. Unzählige Male raste ich in den Kirschlorbeer und einmal wurde ich von einem bösartigen Rosenbusch durchlöchert. Im Laufe der Zeit nahm ich die Abfahrt auch mit Rollerskates, Gokarts und Rollern. Oben auf einem relativ steilen Hügel zu wohnen, hatte einen großen Nachteil: Die Ausflüge auf Rädern endeten sehr oft in Stürzen und Tränen. Für ein kleines Kind schien es unendlich viele Freiräume und Spielmöglichkeiten zu geben, doch wenn ich heute nach Hause zurückkehre, scheint mir alles viel beengter als in meiner Erinnerung.

Meine erste Schule war die Stile Common Grundschule in Huddersfield, ein altes viktorianisches Gebäude, nur einen kurzen Fußweg von zu Hause entfernt. Da es eine multikulturelle Schule war, wuchs ich mit asiatischen und farbigen genauso wie mit weißen Freunden auf. Mit sieben wechselte ich zur Stile Common Junior School, mein Freundeskreis blieb aber derselbe.

Als ich sechs war, wurde meine Schwester Katie geboren, ein Ereignis, an das ich mich nur sehr unscharf erinnere. Was ich hingegen noch in sehr guter Erinnerung habe, ist der Geheimtrick, mit dem ich Katie beruhigen konnte, wenn sie quengelig war. Dann griff ich durch die Stäbe ihres Kinderbetts, klaute ihr den Schnuller aus dem Mund und flitzte hinunter in die Küche. Wenn ich mich auf den Deckel des Eimers stellte, in dem Katies Windeln zum Einweichen lagen, konnte ich den Honigtopf erreichen und den Schnuller hineintauchen. Beim Herausziehen blieb ein dicker, klebriger Honigklumpen daran kleben, und diesen Honigschnuller stopfte ich ihr dann wieder in den Mund. Meine Mutter dachte tatsächlich jedes Mal, ich hätte eine besondere, magische Gabe, um Kleinkinder zu beruhigen. Es war aber natürlich nur eine Frage der Zeit, bis der ganze Schwindel aufflog: Eines Tages gab der Deckel des Windeleimers nach, der Inhalt ergoss sich auf dem Küchenboden und der Geruch von Bleichmittel durchzog das ganze Haus.

Mein Vater war Ingenieur und arbeitete in dem renommierten Unternehmen David Brown, das Traktoren und Militärfahrzeuge produzierte. Jede freie Minute verbrachte mein Vater in unserer Garage, denn seine große Leidenschaft war das Reparieren von Motorrädern. Er hatte die Begabung und das Knowhow, alles reparieren zu können, was ihm in die Finger kam: von der Wurstmaschine aus der Fabrik bis hin zur Kühlanlage unseres Supermarktes.

In der Familie meines Vaters hatten alle jungen Leute Motorräder und dazu eine große Pokal-Sammlung von Straßen- und Geländerennen. Mein Vater hatte jede Menge Motorräder, ein paar zum Fahren und ein paar in Einzelteilen. Sein ganzer Stolz war eine Honda mit metallic-blauer Lackierung, mein Favorit hingegen war eine Norton-Straßenmaschine. Die hatte einen breiten, viereckigen Sitz, auf dem ich mich als Sozius ganz sicher fühlte. Ich klammerte mich eng an meinen Fahrer, die Arme um seine glatte, speckige Belstaff-Motorradjacke geschlungen. Mein Vater fuhr sehr vorsichtig, wenn ich dabei war – wahrscheinlich auf Anweisung meiner Mutter, die stets um meine Sicherheit besorgt war. Früher oder später musste es aber dann doch passieren: Ich war acht oder neun, als ich rückwärts von einem Geländemotorrad stürzte. Das war in Post Hill, in der Nähe von Leeds, auf unwegsamem Gelände mit Wald, Wasserläufen und Steinbrüchen, einer Strecke, auf der die Motorradfahrer ihr Können testen. Geländemaschinen sind nicht fürs Fahren zu zweit geeignet und als mein Vater damals versuchte, eine steile, steinige Steigung zu erklimmen, vergaß er wohl, dass ich hinten drauf saß, auf dem Sozius über dem Schutzblech. Erst als er die schwierige Stelle geschafft hatte, blickte er sich um und sah eine kleine Figur mit einem übergroßen Sturzhelm, weit unten, verzweifelt winken. Meine Würde war stärker verletzt als mein Körper.

Wenn man meinen Vater suchte, musste man einfach in die Garage gehen. Hätte er die Wahl gehabt, so hätte er liebend gern dort gewohnt. Für meine Mutter hatte er eine Sprechanlage installiert, damit sie ihn ins Haus rufen konnte. Katie und ich verdienten uns ein Taschengeld, indem wir die Metallspäne unter den Drehbänken und Werkzeugmaschinen zusammenfegten. Mein Vater war der Mann, den man aufsuchen musste, wenn Präzisionsarbeit gefragt war; er hatte eine unbeschreibliche Geduld und half jedem, der irgendein technisches Problem hatte. Es gab Tage, an denen man morgens beim Öffnen der Haustür einen Auspuff oder eine ölige Kurbelwelle auf der Türschwelle fand und kurz danach sah man meine Mutter wie wild die Stufe schrubben, um die Ölflecken wieder wegzukriegen. Schnell lernte ich, Pleuelstangen von Vergasern zu unterscheiden und Kolben von Kurbelwellen.

Vater hatte als Motorradmechaniker eine schillernde Kundschaft: Einmal kam eine Schar ledergekleideter Hell’s Angels auf ihren röhrenden Harleys, um diese nach ihren individuellen Wünschen frisieren zu lassen. Besonders ist mir eine auffällige, pinkhaarige junge Motorradfahrerin mit Namen Toyah in Erinnerung geblieben. Meine Mutter war nicht so begeistert von ihr wie mein Vater. Diese Toyah schenkte mir ein schwarzes, Ripped-T-Shirt, mit Löchern, und der Aufschrift THE PISTON BROKE CLUB, das ich ganz stolz trug, bis meine Mutter realisierte, was das überhaupt hieß – Kolbenbruch. Danach verschwand das Shirt ganz schnell auf einem Haufen ölverschmierter Lumpen in der Garage. Mein Vater hatte nur ein großes Problem: er war einfach zu gutmütig. Einige Kunden bezahlten ihn für seine Arbeit, andere waren weniger entgegenkommend. Sehr oft nahm er Arbeiten an, die andere Mechaniker abgelehnt hatten, er liebte solche Herausforderungen.

Meine Mutter war das genaue Gegenteil dieses ölverschmierten Tüftlers, sie war sehr elegant. Sie hatte Vater als Angestellte im Büro des Traktorunternehmens David Brown kennengelernt. Nebenberuflich verfolgte sie aber auch noch eine Karriere als Model und gewann – vor ihrer Heirat und den Kindern – bei Schönheitswettbewerben einige Preise und Titel. Es war die Zeit von Twiggy, und da Mutter sehr groß und schlank war und auch dieses knabenhafte Aussehen hatte, entsprach sie perfekt dem Modegeschmack der Zeit. Sie hatte wunderschöne Sachen zum Anziehen, von denen einige auf dem Dachboden einstaubten und andere in einer Kostümkiste landeten, darunter Ponchos, Schlaghosen und ein prächtiger Samtumhang. Diese Sammlung nutzten Katie und ich zum Verkleiden. Besonders ist mir ein Paar silberner Schaftstiefel in Erinnerung geblieben, die Mutter für ein Foto-Shooting anhatte. Diese Stiefel waren unser größter Schatz, und wir Schwestern lieferten uns heftige Kämpfe darum, wer sie tragen durfte. Ich wünschte, Mutter hätte mehr von ihren Kleidungsstücken aufbewahrt. Viele wären heute sicher sehr wertvoll und außerdem wäre es ein großer Spaß, sie noch einmal rauszukramen.

Vater und Mutter waren beide sehr groß: Vater war 2,06 m und Mutter 1,82, sodass es kein Wunder ist, dass Katie und ich auch ziemlich groß sind. Ich bin 1,88, war immer die Größte und hatte auch leider immer die größten Füße der Schule, von der ersten Klasse an.

Alle vier Großeltern lebten bei uns in der Nähe, im Umkreis von einer halben Meile. Die Eltern meines Vaters, Großmutter und Großvater, waren begeisterte James-Herriot-Fans. James Herriot war der Tierarzt in den Yorkshire Dales, der Der Doktor und das liebe Vieh (All Creatures Great and Small) geschrieben hat. Ich habe als Kind alle Folgen der Serie im Fernsehen gesehen und im Haus meiner Großeltern war ein Regal voll mit seinen Büchern, die ich irgendwann alle gelesen hatte. (Hier schließt sich, wie so oft, der Kreis: Nach Ravenseat kommen jetzt Besucher aus den USA, Kanada und Japan, die ebenfalls James Herriot-Fans sind. Sie möchten die Orte aus den Büchern aufsuchen und eine Farm besuchen, die noch ungefähr so aussieht wie die Farm, die James Herriot beschrieben hat – in den 40er und 50er Jahren.)

Die Eltern meines Vaters waren ein bisschen wohlhabender als die meiner Mutter, und hießen unter Freunden nur Nana und Ganda. Beide Großväter hatten wirklich praktische Berufe: Mutters Vater arbeitete bei einem Bushersteller und später als Lastwagenfahrer, während mein anderer Großvater eine gute Stelle beim Elektrounternehmen Philips hatte.

Als ich elf war, kam ich auf die Newsome High School, eine riesige Gesamtschule mit mehr als tausend Schülern, angeschlossen war noch eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung und für Taube. In dieser Schule trafen sich Kinder vieler verschiedener Nationalitäten und sozialer Schichten. Ich erinnere mich, dass mal die Polizei aufs Schulgelände kam und während des Kunstunterrichts einen Jungen festnahm. Er hatte offensichtlich die Mittagspause dazu genutzt, Autoradios zu stehlen. Ich war nicht wirklich eins von den coolen Mädchen dort, ich riss keinen vom Hocker. Ich war keine von denen, die den letzten Schrei an Klamotten oder Schuhen trugen. Das Geld war knapp und die neuesten Turnschuhe waren einfach nicht drin. Ich wurde zwar nicht gemobbt, versuchte aber immer, so unauffällig wie möglich zu bleiben. Ich wollte einfach kein Aufsehen erregen, weder positiv noch negativ. Ich hatte sehr viele Freunde, die meine Leidenschaft für A-Ha und Madonna teilten, außerdem war ich – etwas beschämt gebe ich es zu – eine Brosette, d. h. ein Fan der schaurig aussehenden Goss-Zwillinge, deren Popband Bros hieß. Zum Glück gab es zu jener Zeit auch Modetrends, die nicht viel kosteten: Netz-Tops, von Madonna getragen und von uns ›Teebeutel-Tops‹ genannt zum Beispiel, die man recht billig auf dem Markt erstehen konnte. Außerdem verbrachten wir viele glückliche Stunde damit, die Container hinter dem Fountain Pub zu durchstöbern, um Grolsch-Flaschenverschlüsse zu finden, die wir an unseren Schnürschuhen festmachten. Wenn wir modemäßig auch nicht immer top waren, so waren wir aber auch nicht ganz out.

In der Schule war ich keineswegs ein Faulpelz, machte aber nur, was nötig war, und blieb den Rest der Zeit für mich. Sobald ich alt genug war, allein draußen herumzulaufen, schnappte ich mir unseren West Highland Terrier, einen knuddeligen kleinen Hund mit dem ungewöhnlichen Namen Fiona, um lange Spaziergänge zu machen. Die Alternative dazu wäre gewesen, mit anderen Kindern in Bushäuschen rumzuhängen, aber das schien mir nicht sehr spannend und Fiona hatte, ehrlich gesagt, auch nicht den geeigneten ›Status‹ eines Vorzeigehundes. Newsome, der Ortsteil, in dem wir wohnten, liegt sehr zentral: Geht man 30 Minuten in eine Richtung, so ist man mitten in der Stadt, 30 Minuten in der anderen Richtung landet man mitten im Hochmoor, weit weg von Häusern und Verkehr. Diese zweite war immer meine Richtung. Manche Leute finden das Moor trostlos, andere bedrohlich, ich aber habe diesen endlosen Himmel immer geliebt, die imposanten Umrisse der Hügel und die Granitfelsen.

Als ich 11 oder 12 war, bekam ich ein Mountain-Bike, ein großartiges Geschenk, das mir viele Jahre von großem Nutzen sein sollte, die ganze Schulzeit hindurch und noch weit darüber hinaus. Am Anfang war es viel zu groß für mich, doch ich wuchs schnell ›hinein‹ und das Rad gab mir die Freiheit, mich allein weiter von zu Hause wegbewegen zu können. Oft sagte ich meinen Eltern, ich wollte Blaubeeren sammeln, was ich auch tat, allerdings nicht, weil ich mich von diesen kleinen violetten Beeren besonders angezogen fühlte, sondern weil ich die Ausrede brauchte, um hoch ins Moor zu radeln. Ich kann es nicht erklären, aber ich war einfach unendlich glücklich dort oben. Geerbt habe ich diese Liebe zur freien Natur nicht. Auch wenn meine Eltern die Natur nicht gerade hassten, so waren sie doch keine Leute vom Land und ganz gewiss keine Farmer. Niemand in meiner Familie hat je einem Kaninchen das Fell über die Ohren gezogen, geschweige denn ein Feld umgepflügt – wenigstens nicht in den letzten Generationen.

Einmal, als ich so um die 13 war und hoch nach Meltham und dann weiter raus ins Saddleworth Moor radelte, traf ich auf einen riesigen Schwarm Polizisten, ich sah Straßensperren und ein Geschwirr von Hubschraubern über unseren Köpfen. Es war die Hölle los und ich musste umdrehen. Später hörte ich, dass an jenem Tag entweder Ian Brady oder Myra Hindley2 dort hochgebracht worden waren, als die Polizei auf der Suche nach dem Grab ihres letzten Opfers war.

Außer Fiona war mein Kontakt zu Tieren sehr begrenzt, bis ich anfing, Reitunterricht zu nehmen. Um diese Reitstunden bezahlen zu können, musste ich einen Wochenend-Job annehmen und das ging erst, als ich nach dem Gesetz alt genug war, Geld zu verdienen, also mit 14. Aus einem unerklärlichen Grund befand sich in unserer Siedlung, inmitten der Sozialwohnungen mit Kieselrauputz, ein Reitstall. Der Begriff ›Reitstall‹ ist mit großer Vorsicht zu genießen, denn dieser Stall bestand aus einer Ansammlung von Blechhütten und Schuppen, einer ›Reitbahn‹ umzäunt von recycelten Leitplanken und bestückt mit den klapprigsten Gäulen, die die Welt je gesehen hat. Eine Reitstunde kostete 10 Pfund und da ich für Katie mitbezahlte, konnte ich mir nur alle zwei Wochen eine Reitstunde leisten.

Um das Reitgeld zu verdienen, arbeitete ich jeden Samstag in Barratts Schuhgeschäft im Stadtzentrum. Es war schon schlimm genug, hübsch angezogen in einem engen Rock und weißer Bluse dort zu erscheinen, doch zu allem Überfluss wurde von mir erwartet, Barratts Pumps zu tragen, und die waren richtig uncool. Zum ersten Mal im Leben halfen mir in jenem Moment meine großen Füße: Es war schwierig – wenn nicht unmöglich – ein passendes Paar Pumps in meiner Größe zu finden und so durfte ich meine eigenen Schuhe tragen. Während der Öffnungszeiten schaute ich regelmäßig durchs Schaufenster und sobald ein Klassenkamerad das Geschäft betrat – vielleicht sollte ich besser sagen, wenn er oder sie von der Mutter hineingedrängt wurde – versteckte ich mich im Lager. Kein Teenager mit etwas Grips wäre je freiwillig hier reingekommen.

Wegen meiner Größe bekam ich beim Reiten natürlich immer sehr große Pferde, normalerweise Drake, einen einäugigen, stämmigen Burschen, mit langem Behang an den riesigen Hufen, einer hochstehenden Bürstenmähne, schwarzem Fell mit Schuppen und keinerlei Bereitschaft, etwas anderes zu tun, als gemächlich dahinzutrotten. Ich liebte das Gefühl, auf einem Pferderücken zu sitzen, auch wenn unsere Ausritte – zu einem schäbigen, trostlosen Platz hinter dem Industriegebiet – nicht sonderlich spannend waren. Dort konnten alle Reiter galoppieren, nur ich bildete in unbequemem, schnellem Trab die Nachhut. Manchmal durchkämmten wir auch den Straßendschungel unserer Siedlung. Die Pferde waren bombensicher, nichts konnte sie aus der Ruhe bringen. Herrenlose Fahrräder, freilaufende Hunde, Polizeisirenen oder Alarmanlagen: all dies hatten sie schon gesehen, schon gehört und es kümmerte sie nicht. Und mich, ehrlich gesagt, auch nicht. Für eine kurze Zeit war ich in meine eigene Welt versunken. Dies war jedes Mal die wunderbarste Stunde und die Trauer war groß, wenn sie vorbei war, denn ich wusste, jetzt würde es wieder zwei Wochen bis zur nächsten dauern.

Als Teenager war ich sehr groß und sehr dünn. Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, als eine Frau mit pummeliger Tochter im Bus zu meiner Mutter sagte:

»Ihre Tochter sollte keine Jeans tragen, sie hat doch nichts, womit sie sie füllen kann.«

Genau das war aber die Statur, die man brauchte, um Model zu werden, und meine Mutter hatte anscheinend den Plan im Kopf, dass ich die kommende Jerry Hall wäre. Als ich 14 oder 15 war, sah sie eine Anzeige in der Lokalzeitung ›Model gesucht‹, und sie rief sofort dort an, um für mich ein Treffen zu arrangieren und um Bilder von mir im Fotostudio machen zu lassen. Ich war zögerlich und eher widerwillig, aber so war ich bei all ihren Vorschlägen zu jener Zeit. Es kam schon automatisch: Mutter wollte dies oder das, also wollte ich es auf keinen Fall.

Wir fuhren zusammen mit dem Bus hin. Ich fühlte mich äußerst unwohl, so herausgeputzt, mit den Unmengen an türkisfarbenem Lidschatten und matt-rosa Lippenstift, die sie mir verpasst hatte. Wir hätten gewarnt sein müssen, als wir den heruntergekommenen Ort in einem Außenbezirk von Huddersfield erreicht hatten, aber der Typ, der uns empfing, war okay und hinter den schäbigen Türen der Behausung gab es ein richtiges Studio mit verschiedenen Hintergrundkulissen und Scheinwerfern. Ich glaube, ich habe den Model-Job früher durch eine rosarote Brille gesehen und dachte, ich würde für Vogue oder Cosmopolitan arbeiten, doch bei der ›Arbeit‹, die der Typ uns zeigte, ging es eher um Strickmuster und Prospekte. Klar, dachte ich mir, man muss halt irgendwo anfangen und der Fotograf bescheinigte mir auf jeden Fall ein gewisses Potenzial …

Er schickte mich in die Umkleidekabine, um mich umzuziehen. Aber was fand ich dort vor: ein wirklich schauriges Kleid aus den 1980ern in Zitronengelb und mit Schulterpolstern, kombiniert mit einer dazu passenden, aber absolut altmodischen Strickjacke. Ich überlegte, dass es gar keinen Grund zur Beunruhigung gäbe, schließlich musste ich weder in Bikini noch in Unterwäsche erscheinen. Ich hatte nur in einem dieser großen Rattan-Pfauensessel zu sitzen, die zu jener Zeit in jedem Wintergarten zu finden waren, und so zu tun, als ob ich telefonierte.

Der Typ machte Fotos, um zu sehen, ob ›die Kamera mich liebte‹. Dann wollte er ein Portfolio zusammenstellen und sich wieder bei mir melden.

Wir hörten nichts mehr von ihm, bis wir ihn einige Wochen später auf einem Bild in der Zeitung sahen. Anscheinend war alles ein ausgeklügelter Schwindel: Der Kerl hatte eine geheime Kamera in der Umkleidekabine angebracht, die die Mädchen beim Ausziehen filmte. Ich entdeckte, dass viele Mädchen aus meiner Schule sich von ihm hatten fotografieren lassen, um zu sehen, ob sie Model-Qualitäten hatten … Das war der Anfang und gleichzeitig das Ende meiner Model-Karriere und ich bin dankbar, dass Mutter nie mehr davon gesprochen hat.

Bücher habe ich immer geliebt. Von klein auf habe ich Bücher verschlungen, aber lieber Sachbücher als Romane. Ich hatte einen Bücherschrank in meinem Zimmer und investierte mein Taschengeld in antiquarische Bücher aus staubigen alten Buchläden, wo man für ein paar Pennies speckige, abgewetzte Wälzer erstehen konnte. Ich liebte alles, was mit Tierärzten, Landwirtschaft oder Tieren zu tun hatte. Und ich klebte förmlich jeden Samstagabend am Fernseher, wenn Der Doktor und das liebe Vieh lief. All dies heizte meine Fantasie und Lust immer weiter an, obwohl sich mein Kontakt zu Schafen und Kühen auf die Fernsehbilder beschränkte. Als ich mal eine Rolle Prägetapete fand, zeichnete ich eine Kuh, ein Schaf und ein Pferd darauf, kramte einen veralteten Band Black’s Tierarzt-Lexikon heraus und beschriftete meine Tiere mit allen möglichen Krankheiten. Die Madonna-, Bros- und A-Ha-Poster mussten die Wände räumen und für die Tierbilder Platz machen. Ich träumte davon, Tierärztin zu werden. Und zwar nicht eine von diesen klinischen Tierärzten in weißem Kittel, die ich mit Fiona manchmal aufsuchen musste. Nein, ich spürte kein Verlangen, den ganzen Tag Kater zu kastrieren. Was ich mir wünschte, war Tierarzt zu sein wie James Herriot einer war.

Mit 16, kurz bevor ich meine Abschlussprüfungen machte, hatte ich eines dieser Standard-Interviews mit dem Berufsberater an unserer Schule. Wie sollte mein Leben weitergehen? Eine meiner Schulfreundinnen war schon schwanger, eine andere hatte eine Stelle in einer Fabrik in Aussicht, die Kopfteile für Betten herstellte. Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich bei Marks and Spencer arbeitete, aber zu der Zeit war die Vorstellung, eine gestreifte Bluse zu tragen und den ganzen Tag Kleidung zu verkaufen, für mich alles andere als erstrebenswert.

Ich traute mich nicht, meinen Traum vom Tierarztberuf irgendwo zu erwähnen: All das war so realitätsfern, weit weg vom Alltag in der Newsome High School. Ich bekam ein Handbuch zur Berufswahl, in dem ich nachlesen konnte, welche Noten man für den angestrebten Karriereweg benötigte. Ziemlich ernüchternd. Mir wurde bewusst, dass sehr große und ernsthafte akademische Anstrengungen nötig waren, um ein neuer James Herriot zu werden. Allerdings waren meine Schulabschlussnoten so gut, dass ich einen Platz für die A-Levels am College bekam. Das gab mir etwas mehr Zeit zu entscheiden, in welche Richtung mein Leben weitergehen sollte. Ich hatte schon immer hart arbeiten müssen, um die Prüfungen zu bestehen, und war mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich so viele Jahre meines Lebens für dieses aufwendige Tiermedizin-Studium opfern wollte.

Schließlich entschied ich mich, meine A-Levels am Greenhead College in den Fächern Englisch, Biologie, Erdkunde und General Studies zu absolvieren. Wie schon zu Schulzeiten, machte ich nur das, was nötig war, ohne hundertprozentige Anstrengung und ohne klare Vorstellung, wo das alles hinführen sollte. Die Lehrer am College waren sehr darauf bedacht, dass so viele wie möglich von uns zur Universität gingen und ich überlegte zwischendurch tatsächlich, einen Abschluss in Betriebswirtschaft zu machen, allerdings fehlte mir auch da wieder der nötige Enthusiasmus.

Am College lernte ich Jason kennen, meinen ersten richtigen Freund. Er machte dort einen Computer-Kurs. Ehrlich gesagt, hatten wir nichts gemeinsam außer unseren Modegeschmack und unsere Liebe zu schwarzem Eyeliner. Wir waren beide Goths, wenn auch nicht so engagiert wie andere. Ich färbte zum Beispiel meine Haare nicht schwarz und Jason auch nicht.

Schwarz angezogen waren wir schon, von Kopf bis Fuß, und trugen auch unsere Sonnenbrillen zur Schau – zu jeder Zeit und bei jedem Wetter. Wir durchwühlten Plattenläden, um irgendetwas von The Mission zu finden, ich trug Fallschirmjäger-Stiefel, Netzstrumpfhosen, Tüll-Petticoats und Knotentücher, Jason die Lederhosen und Ripped-Shirts, die er immer schon trug. Dies war meine Art der Rebellion, und meine Mutter war nicht sehr glücklich damit, aber sie hat meine Veränderungen niemals kommentiert und mir anscheinend auch nicht übel genommen. Im Rückblick jedoch wird mir klar, dass es für diese elegante Frau deprimierend gewesen sein muss, ihre Tochter in diesem Aufzug herumlaufen zu sehen!

Was auch immer wir zu jener Zeit dachten und taten, eigentlich waren Jason und ich nicht wirklich rebellisch: wir verlobten uns sogar! Wie spießig ist das denn? Er kaufte mir für 90 Pfund einen Ring mit einem mikroskopisch kleinen Diamanten bei dem renommierten Juwelier H. Samuel. Ich war sehr beeindruckt von dem Geschenk – so viel Geld. Ich zeigte den Ring glückstrahlend im ganzen College herum, er war wundervoll. Merkwürdigerweise kann ich mich heute noch nicht einmal daran erinnern, warum Jason und ich auseinandergingen. Allerdings kann ich mich sehr gut daran erinnern, dass ich ihm den Ring eines Tages vor die Füße warf. Unsere Beziehung war nicht wirklich ernst und nicht einen Moment habe ich daran gedacht – auch in jener Zeit nicht –, ihn zu heiraten. Ich habe keine Ahnung, was aus Jason geworden ist. Ich habe ihn nach Beendigung des College nie mehr gesehen.

In meinem Biologie-Kurs im College konnte ich verschiedene Module wählen, eins davon hieß ›Mikrobiologie in der Milchwirtschaft‹ und wurde von der University of Liverpool angeboten. Die meisten Vorlesungen wurden im College abgehalten und beschränkten sich auf theoretisches Arbeiten, ab und zu besuchten wir jedoch auch eine bewirtschaftete Milchfarm und dann war ich sofort gefangen vom Farmalltag mit Kühen und Schafen. Es gab so viele verschiedene Möglichkeiten, auf einer Farm mit Tieren zu arbeiten, auch ohne tierärztliche Ausbildung – mein Traum war noch nicht geplatzt …

Mir kam erstmals der Gedanke, dass ich vielleicht einfach auf irgendeiner Farm anheuern sollte.

Also stieg ich auf mein altes Rad, und zwar wörtlich genommen – es war nämlich dasselbe Mountain Bike, das ich schon mit zwölf hatte –, radelte alle Farmen am Stadtrand ab und bot jedem, der mich möglicherweise brauchen konnte, meine Hilfe an, natürlich zum Nulltarif. Nun, es gibt nichts, was ein Farmer mehr liebt als Leute, die umsonst arbeiten und dabei so richtig ranklotzen, auch wenn sie im Schlamm stecken bleiben oder sich einsauen. Ein paar Farmer schienen etwas misstrauisch, als ich aufkreuzte, denn sie waren es gewohnt, dass männliche Wesen ihre Arbeitskraft anboten. Doch ich zeigte meinen guten Willen, arbeitete hart und, was das Wichtigste war, ich war frei.

Meine Abschlussprüfungen fielen nicht besonders gut aus und ich konnte mir immer noch nicht vorstellen, wie ich jemals den Job ergattern konnte, den ich gerne wollte. Ich war immer für die Drecksarbeit zuständig. Niemand sprach von Bezahlung oder gar von einem festen Job. Wie konnte ich nur irgendwie vorwärtskommen? Mein nächster Schritt war, mich an der Berufsfachschule in Huddersfield für einen staatlich anerkannten Kurs in Tierpflege einzuschreiben. Dies schien ein Schritt rückwärts in meiner beruflichen Karriere – ich hatte schließlich schon die A-Levels in der Tasche –, aber ich hoffte, dass mir durch die praktische Erfahrung die Möglichkeit eröffnet wurde, auf einer Farm zu arbeiten.

Genau in dieser Zeit entdeckte ich ein Buch, das für mein weiteres Leben eine wichtige Rolle spielen sollte. Ich ging damals in der Stadtbücherei von Huddersfield ein und aus, um mir Bücher über Tiere und Landwirtschaft auszuleihen, als mir das Buch Hill Shepherd von John und Eliza Forder in die Hände fiel. Man stellt normalerweise sehr schnell fest, ob einen ein Buch ›packt‹ und dieses tat es ganz gewiss. Schon auf den ersten Blick, beim ersten Durchblättern, hat es mich in seinen Bann gezogen: bewegende Fotos von Schäfern und ihren Herden, dazu der spannende Text über die Stationen ihres Lebens. Ich lieh es drei Mal hintereinander aus, bekam dann aber einen Brief von der Bücherei, dass ich das Buch nicht noch einmal ausleihen könne und dass ich Strafe zahlen müsse, wenn ich es nicht zurückbrächte. Ich konnte mir nicht leisten, es zu kaufen, und so brachte ich es – wenn auch widerwillig – zurück. Ich liebte jedes kleine Detail darin: das Foto eines Farmers, der einem toten Lamm das Fell abzieht, die Schafherde, die eine Straße entlanggetrieben wird, dicht dahinter die treuen Hütehunde, ein Schäfer, der seine Schafe im Lake District aus den Bergen holt. Man sieht Schafe, die sich wie kleine, perlende Tropfen ihren Weg durch das Farndickicht hinunter nach Hause bahnen. (Hier schließt sich wieder einmal ein Kreis in meinem Leben: Kürzlich kaufte ich mir im Antiquariat eine alte Ausgabe dieses wundervollen Buches, und auf einem der Fotos, auf einer Schaf-Auktion in Hawes, sieht man Clive, meinen Mann. Wie hätte ich ahnen können …).

Einen großen Teil meiner praktischen Erfahrung am College holte ich mir während der zweiwöchigen Ablammzeit auf einer Farm. Das war eine wahre Feuertaufe. Hätte mich die praktische Arbeit auf der Farm nicht so begeistert, dann wäre dieser Job ganz bestimmt der Auslöser dafür gewesen, mit fliegenden Fahnen zu Marks and Spencer zu stürmen, um ein Bewerbungsformular zu holen. Es waren nur zwei Personen mit dem Ablammen betraut: eine junge Studentin der Tiermedizin und ich. Wir standen in einem furchtbar großen, modernen Stall, vollgestopft mit Schafen kurz vor dem Lammen. Obwohl wir beide viel theoretisches Wissen im Kopf hatten, fehlte uns doch jegliche praktische Erfahrung. Die eigneten wir uns dann notgedrungen Schritt für Schritt in der Realität an. Es wurde ein unglaublich rasanter Lernprozess.

Wir hatten eine kommerzielle Farm vor uns, auf der das Ablammen im Stall und nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte, draußen auf der Weide stattfand. Es war eine sehr harte, verantwortungsvolle Arbeit, mit der wir vollkommen allein gelassen wurden. Die Studentin war zum Glück eine zuverlässige Teamkollegin und wir beide zogen ›am gleichen Strang‹. Der Farmer war stets missmutig und unglaublich knauserig. Er konnte uns keine der zum Ablammen notwendigen Gerätschaften und Mittel zur Verfügung stellen: kein Kolostrum-Pulver zum Beispiel, als Ersatz für das lebenserhaltende Vormilchsekret (Biestmilch), das die Mütter in den ersten Stunden nach der Geburt produzieren bevor die Milch einschießt und das die für alle Neugeborenen wichtigen Immunstoffe aufweist.

Wir taten unser Bestes, indem wir hier und dort etwas Biestmilch bei denen stibitzten, die viel hatten, und es an die weitergaben, die nicht genug bekamen. Nach Ansicht unseres Farmers sollten die unterversorgten kleinen Lämmer gleich getötet werden. Das Schlimmste war, dass er dies nicht auf humane Art und Weise erledigte, sondern den Lämmern einfach eins über den Schädel gab und sie dann in eine große blaue Tonne warf. Mir wurde schlecht bei dem Anblick, wie er sie umhaute, und noch dreckiger ging’s mir, als ich sah, dass sich manche Lämmer in der Tonne noch bewegten. Heute würde ich ihm selbst eins über die Rübe geben, aber zu der Zeit war ich einfach noch sehr jung und weniger selbstsicher.

Diese Farm wurde richtig schlecht geführt. Schon sehr früh erkannte ich, dass es gute Farmer und schlechte gab; genauso wie in allen anderen Berufen. Für schlechte Farmer zu arbeiten, war sicher nicht gerade eine positive Erfahrung, aber es prägte mich und zeigte mir, wie man es nicht machen sollte. Ich bekam eine klare Vorstellung davon, wie ich selbst in Zukunft arbeiten wollte, und ich lernte auch, dass ich alle romantischen Vorstellungen vergessen konnte. Nach meinem zweiwöchigen Arbeitseinsatz sollte mir der Farmer 20 Pfund bezahlen, aber – wie ich es eigentlich auch erwartet hatte – tauchte er am Zahltag gar nicht erst auf.

Später nahm ich Gelegenheitsarbeiten auf einem Pferdehof an, wo ich hauptsächlich misten und putzen musste. So sehr ich Pferde auch liebte, wusste ich doch, dass ich nicht den Rest meines Lebens mit Pferden arbeiten wollte. Bei einem anderen Job lernte ich, eine kleine Melkanlage zu bedienen. Auf diesem Hof herrschte eine angenehme Atmosphäre, denn sie hatten eine gute Mischung aus Kühen, Schafen, Pferden und Schweinen. Zu jener Zeit hatte ich meinen Fachhochschulkurs beendet und im Kopf meine Interessen sortiert: Schafzucht war es – das und nichts anderes.

Da kam mir, wie so oft, ein Glücksfall zu Hilfe. Mein Kurs in Tiermedizin hatte auch eine landwirtschaftliche Komponente, sodass ich lernte, Tierärzten bei ihrer Arbeit mit Nutztieren zu helfen. Einer meiner Tutoren hatte gute Kontakte zu Farmen und zufällig kannte er jemanden, der gerade einen Farmhelfer suchte – oder vielleicht auch nur einen Dummen …

2

Flughafer und Wolle

Mein erster Vollzeitjob war Kühemelken auf einer Familienfarm in Wakefield. Sehr bald realisierte ich, dass ich einen schwierigen Kurs zwischen zwei Chefs steuern musste, denn die beiden hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, was meine Aufgaben waren. Genau genommen waren es auch zwei Höfe. Auf dem einen regierte der alte Herr, der Vater, und auf dem anderen sein Sohn, der gerade frisch von der Landwirtschaftsschule kam. Theoretisch hatte eigentlich jeder sein Reich. Die Realität aber sah so aus, dass der Vater mich aufsuchte und mir erklärte, was und wie ich etwas zu tun hatte, was das komplette Gegenteil von dem war, was mir der Sohn ein paar Minuten zuvor aufgetragen hatte. Der alte Knabe wollte alles so haben, wie es schon immer war, ganz traditionell, und der junge Bursche hatte einen Haufen neuer Ideen im Kopf, die sein Vater schlichtweg für Unsinn hielt. Sie stritten über die einfachsten Dinge.

Über Eimer zum Beispiel: Jeden Tag gab es 130 Kühe zu melken und 25 Kälber zu füttern. Der Sohn wollte, dass ich die Eimer auswusch, sie sterilisierte und dann in einer Reihe aufstellte, denn er sah die Gefahr, dass Dreck von einem Eimer zum anderen übertragen würde, wenn man sie aufstapelte. Dann kam der alte Herr und fragte mich, was um Gottes willen ich denn da täte. All die aufgereihten Eimer würden doch dreckig werden und stünden im Weg herum und sollten gefälligst aufgestapelt werden. So wurde ich ohne Pause von dem einen gerügt, weil ich tat, was der andere mir aufgetragen hatte. Man konnte es keinem recht machen, immer hatte einer etwas rumzunörgeln. Außer mir arbeiteten noch zwei Burschen vom YTS (Youth Training Scheme, staatliches Ausbildungsprogramm für Jugendliche) auf dem Hof und wir drei hatte ständig Stress mit einem der Chefs. Dann gab es noch einen alten Farmarbeiter, der schon immer dort war. Es war sozusagen eine richtige Männerwirtschaft, die noch nie durch ein Mädchen gestört worden war.

Gleich am Anfang hieß es: » Und vergiss deine Köderdose nicht.«

Köder?, dachte ich. Was hat Angeln damit zu tun?

Aber schnell merkte ich, dass sie die ›Brotdose‹ meinten. Bei schönem Wetter saßen wir draußen und aßen, aber wenn es regnete – was meistens der Fall war – saßen wir im Schuppen auf Milchkästen und Teekisten. Die Teekisten waren voll mit Männermagazinen. Es war eigentlich abstoßend für mich, mein Brot zu essen, während die drei andern Typen den Playboy lasen, doch irgendwann störte ich mich nicht mehr daran. Wenn man in einer Welt arbeiten möchte, die seit Jahrhunderten männlich ist, dann sollte man sich auch nicht aufregen oder feministisch tun, nur weil man ein bisschen angemacht wird oder die Kerle ungehobelt daherreden.

Es war echt schwere Arbeit. Ich stieg jeden Morgen um sechs aufs Rad und war um sieben Uhr dort, eine Stunde bergauf, bergab. Wenn ich nicht Fahrrad fuhr, musste ich zwei Busse nehmen, was sehr viel länger dauerte. Wenn ich nach einem Tag auf der Farm wirklich mal den Bus nahm, konnte ich mir einer Sache sicher sein:

Ich schaffte es, den ganzen Bus zu räumen, und zwar nur wegen meines üblen Geruchs, normalerweise Silage-Geruch – meine Mitreisenden hatten schnell die Nase voll.

Ich hatte eine 7-Tage-Woche, aber jedes dritte Wochenende bekam ich mein – wie die Farmer es nannten – freies Wochenende. Dies waren aber die schlimmsten aller Wochenenden: Das Melken morgens und abends blieb meine Aufgabe, nur die Stunden dazwischen waren frei. Das bedeutete für mich aber, die Tour mit dem Fahrrad zweimal am Tag zu machen. Ich hatte das Gefühl, den ganzen Tag im Sattel zu sitzen, den ganzen Tag bergauf, bergab zu strampeln. Kein Wunder, dass ich keine Zeit für Freunde oder Verabredungen hatte. Zu jener Zeit gingen meine Schul- und Collegefreunde schon längst ihre eigenen Wege. Einer war eifriger Student in Oxford, ein anderer Auszubildender bei der Lloyds Bank – alle hatten ganz normale, sinnvolle Berufe. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich nicht so leistungsfähig war wie sie, aber ich war immer noch nicht im Reinen mit dem, was ich tat. Ich liebte die Arbeit auf der Farm, doch die Arbeitszeit war brutal und ich hatte das Gefühl, mein Leben noch nicht richtig in der Hand zu haben.

Meine Farm war zum großen Teil ein Ackerbaubetrieb, für mich eine ganz neue Erfahrung. Stundenlang schaufelte ich Getreide in Silos und Getreidespeicher oder füllte Säcke mit Gerste. Ich musste auch einen Mähdrescher abschmieren, 130 Schmiernippel jeden Morgen während der Erntezeit. Die Maschine, ein museumsreifer, riemengetriebener Mähdrescher, war der ganze Stolz des Alten, und er machte tatsächlich Stichproben, um zu kontrollieren, ob ich alles richtig geschmiert hatte.

Ich wurde auch mit einem Kartoffelsack auf dem Rücken losgeschickt, um vorsichtig den wilden Hafer auszurupfen, der zwischen der Gerste wuchs. Der Farmer betonte, ich solle auf keinen Fall meine Verpflegung vergessen … Beim Blick über die reifen, goldenen Gerstenfelder konnte man den Flughafer gut erkennen, die grünen Rispen überragten alles. Auf den ersten Blick schien es nur eine Handvoll wilder Gräser zu geben, aber als ich in das Feld hineinkroch, entdeckte ich ihre ungeheure Ausbreitung. Jetzt wurde mir klar, warum ich meine Tagesverpflegung mitnehmen sollte. Der Vorteil dieser langen Tage in den Gerstenfeldern war, dass ich eine goldene Bräune bekam, die man in keinem Sonnenstudio hätte kaufen können, leider reichte sie aber wegen der langen Gummistiefel nur bis zu den Oberschenkeln.

Die Erntezeit war unglaublich arbeitsintensiv: Wenn der Wassergehaltsmesser den erforderlichen Trockenheitsgrad des Getreides anzeigte, hieß es ›alle Mann an Deck‹. Flutlicht wurde rund um die Felder installiert und niemand hörte auf zu arbeiten, bevor nicht das gesamte Getreide sicher eingebracht war. Obwohl die Arbeit sehr hart war, merkte ich, dass ich dabei eine ganze Menge praktischer Erfahrung sammeln konnte. Ich lernte, wie man Gülle auf die Felder verteilt – mit einem langen Schleppschlauch und Traktor oder mit einer Scheibenegge – ich lernte, wie man mit einer Zapfwellenegge Erdklumpen aufbricht, um den Boden für die Aussaat bereit zu machen, ich lernte ein Kalb zu enthornen, und ich lernte Traktorfahren. Autofahren konnte ich schon, damit hatte mein Vater mich mit großer Geduld bereits vertraut gemacht. Eine einzige Fahrstunde mit einem professionellen Fahrlehrer genügte, um die Details für die Fahrprüfung zu lernen. Ich bestand beim ersten Versuch.

Während meiner Zeit auf der Farm haben sich meine Eltern oft gewundert, Was in aller Welt tut sie da eigentlich?, besonders dann, wenn ich verdreckt und stinkend nach Hause kam. Die Antwort war ganz einfach, ich war ganz am Ende der Rangordnung, ich war der Handlanger, der Wasserträger, von dem man erwartete, dass er alles ohne Murren tat. Aber ich war glücklich damit, denn ich konnte arbeiten und lernen. Ich musste ja irgendwie anfangen und außerdem gab es zu jener Zeit bei mir zu Hause Ereignisse, die wichtiger waren als meine Karriere.

Ich war damals 18 Jahre alt, als mein Vater starb. Jahrelang hatte er geglaubt, ein Magengeschwür zu haben, und bekam Gaviscon verschrieben, ein Antazidum gegen Verdauungsstörungen. Als die Schmerzen schließlich unerträglich wurden, veranlasste der Arzt weitere Untersuchungen und es wurde Magenkrebs festgestellt. Zu dem Zeitpunkt war er schon sehr krank und konnte nicht mehr arbeiten. Schließlich kam die Zeit, als er noch nicht einmal mehr an seinen geliebten Motorrädern herumbasteln konnte. Das war das Schlimmste für ihn. Es war herzzerreißend zu sehen, wie er die Räder wegräumte und die Ersatzteile katalogisierte, die Garage, Keller und Dachboden füllten. Ich konnte zwar Kurbelwellen von Pleuelstangen unterscheiden, aber er hatte über viele Jahrzehnte Unmengen an Einzelteilen angehäuft und um zu verhindern, dass wir nach seinem Tod von irgendwelchen skrupellosen Händlern übers Ohr gehauen wurden, machte er eine detaillierte Liste davon. Wir mussten ihm versprechen, niemals seinen Kompressor zu verkaufen, alles andere versuchte er bei Motorradfans loszuwerden. Meine Mutter arbeitete zu der Zeit in der Schulkantine und sie musste ihren Job aufgeben, um für ihn zu sorgen. Katie war damals zwölf Jahre alt und es war für uns alle eine sehr schwere Zeit. Ich war bei ihm, als er starb. Er war zu Hause und stand seit Tagen unter Morphium. Mich verfolgt dieser Moment immer noch, es war solch ein irreales Erlebnis, es war, als ob ich es nicht wirklich selbst erlebte: all die Formalitäten und praktischen Dinge, die geregelt werden mussten, den Arzt und den Bestatter anrufen, und dann das Schlimmste, die Großmutter aufsuchen, um ihr zu sagen, dass ihr Sohn gestorben sei. Ich wollte eigentlich nicht zur Beerdigung gehen, aber meine Mutter bestand darauf. Der zweite Konflikt folgte auf dem Fuß:

»Du gehst nicht in deinen Gothic-Sachen dorthin.«

»Vater kennt mich nur so, und alle gehen in Schwarz. Wo ist das Problem?«

Seitdem habe ich Beerdigungen gehasst, und ich gehe auch nur sehr selten hin.

Was meinen Job angeht, so versuchte ich erst mal, keine Pferde scheu zu machen und alle Zukunftssorgen für mich zu behalten. Meine Mutter hatte schon genug am Hals.

Mir wurde klar, dass mein Wunsch, auf einer Farm zu arbeiten, bedeuten würde, Huddersfield verlassen zu müssen. Ich wollte nicht für die kommerziellen, industriellen Farmen arbeiten, kurz, ich wollte mehr Weiden und weniger Ställe. Natürlich könnte man sagen, ich hätte eine sehr romantische Vorstellung von meinem Arbeitsplatz, aber ich war mir sicher, dass es Stellen gab, wo Hund und Stab die Hauptrolle spielten und nicht elektronische Messgeräte und Trockensubstanzen. Es war allerdings noch nicht die passende Zeit, von zu Hause wegzugehen, so kurz nach Vaters Tod.

An einem typischen, grauen, regenverhangenen Tag im Spätherbst kam ich mit dem Bus von der Arbeit und lief, wie gewöhnlich vor mich hin summend, durch das Zentrum von Huddersfield. In der Haupteinkaufsstraße, wo die Leute wie immer einen großen Bogen um mich machten, kam ich am Strawberry Fair vorbei, einem dreistöckigen Porzellan- und Geschenkeladen an der Ecke Byram Arcade. Ich war schon oft dort vorbeigegangen, um eine Etage höher in einem Vintage-Laden vorbeizuschauen, wo zwei Punkerinnen grunge-style Mode verkauften: alte Kleidungsstücke, die sie secondhand gekauft und dann selbst umgearbeitet hatten. Dies war während meiner Gothic-Zeit mein Lieblingsgeschäft, genauso wie nebenan der Plattenladen Dead Wax Records, wo ich viele Regennachmittage damit vertrödelte, die Plastikkisten voller abgegriffener Alben zu durchwühlen. Strawberry Fair war ein Nobelladen und bis dahin nicht auf meinem Schirm. Im Schaufenster standen polierte Silber- und Glaswaren mit zartem Dekor, in der Verkaufshalle hing ein glitzernder Kristallkronleuchter und smarte Verkäufer schwebten zwischen Waren und Kunden hin und her. An der Tür hing ein Schild: VERKÄUFER/IN GESUCHT. IM GESCHÄFT NACHFRAGEN.

Ein Gedankenblitz schoss durch meinen Kopf: Sollte ich mal etwas ganz anderes ausprobieren, eine konventionellere Arbeit? Dieser Gedanke bekam durch die Kombination verschiedener Faktoren Nahrung: den beginnenden Winter, die unbarmherzige Schufterei auf der Farm, sowie das Gefühl, jetzt nach Vaters Tod mehr Verantwortung übernehmen zu müssen.

Bevor ich auch nur die Chance hatte, meine Gedanken richtig zu ordnen, steckte eine Frau ihren Kopf aus der Tür und sagte: »Sind Sie an der Stelle interessiert? Wenn ja, können Sie sich sofort beim Chef vorstellen. Philip ist gerade im Lager.« Überrascht über mich selbst ließ ich mich hereinbitten, zeigte aber auf meine schlammigen Gummistiefel. Betreten nahm ich den beigefarbenen, dicken Plüschteppich wahr, doch mein Vorschlag, die Stiefel vor der Tür stehen zu lassen, stieß auf taube Ohren. Irene, die Verkäuferin, nahm mich mit nach hinten und eine Treppe hinunter. Ich fühlte mich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, als ich mir – nach Kuhstall riechend – vorsichtig meinen Weg durch die Glasvitrinen mit Lladró-Schmuckstücken und feinem Keramikservice bahnte. Im Gespräch mit Philip antwortete ich ganz ehrlich, dass ich den Job nur vorübergehend brauchte und Verkäuferin keineswegs mein Berufsziel wäre. Ich glaube, er fand mich etwas merkwürdig, ahnte aber, dass ich zuverlässig und hart arbeiten konnte und, wie es aussah, schien er dringend jemanden zu suchen, denn er sagte: »Wenn Sie den Job möchten, haben Sie ihn.«

Am nächsten Tag informierte ich den Farmer, dass ich nicht mehr käme. Er war nicht besonders besorgt, denn es gab eine Menge junger Leute, die Arbeit suchten. Ich war sicher leicht zu ersetzen. Feierlich verbrannte ich die stinkenden Hosen und wurde urplötzlich zum Inbegriff von Frische und Eleganz: in engem Rock, frischer weißer Bluse und den verhassten Barratts-Pumps – jetzt hatten sie mich doch erwischt.

Erstaunlicherweise fand ich Gefallen an dem Job. Meine neuen Kollegen, eine freundliche, respekteinflößende Truppe, duldeten keine Flausen. Schnell lernte ich die wichtigsten Verkaufsfloskeln und Sprüche und wurde schon bald Expertin in der Kunst, Leute zum Kaufen zu bewegen. Noch immer war ich perplex über die Dinge, die ich verkaufen musste. Ich arbeitete in der Haushaltsabteilung, wo gutbetuchte Damen und Herren sich ihre Hochzeitslisten zusammenstellten. Sie zerbrachen sich den Kopf über das Design des Bestecks, die Farbe der Eierbecher und die Frage, ob sie einen Fischkessel brauchten oder doch besser ein Fondue-Set. Ich nickte zustimmend, wenn wir die Vorzüge eines Tellers mit 24 cm Durchmesser gegenüber einem mit 27 cm Durchmesser diskutierten, und ich dachte für mich: Wie verdammt unnütz ist das alles?

Schon die Preise: Hunderte Pfund für gusseisernes Küchengeschirr, Tausende Pfund für die exklusiven Geschenkkisten aus Holz, gefüllt mit glänzend poliertem Besteck. Es gab viele verschiedene Ausführungen von Gabeln, Löffeln und Messern und ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wofür einige von ihnen gut waren: Apostellöffel, Salzlöffel, Teemaßlöffel! Ein Besteckhersteller gab mir einmal eine Lehrstunde im Eindecken der Tische bei offiziellen Empfängen, damit ich einen fachkundigen Eindruck machte. Lächerliche Summen wurden für Vasen oder Porzellanfiguren bezahlt. Das alles war ein großes Mysterium für mich. Ein wichtiges Teil aus dem Laden habe ich aber dann doch für mein späteres Leben gebrauchen können.

Es gab in dem Geschäft einen großen, schwarzen, gusseisernen Topf mit Deckel, ganz versteckt in der Ecke; er wog bestimmt eine Tonne und wurde nur ›Gänsetopf‹ genannt. Ich musste ihn regelmäßig abstauben, benutzte ihn zum Draufsteigen, um an die Pfannen oben im Regal zu kommen, und hatte mich damit abgefunden, ihn niemals verkaufen zu können. Ausnahmsweise schien ich einmal recht zu behalten, niemand wollte ihn haben. Doch dann, eines Tages, am zweiten Weihnachtstag, hatten wir einen großen Ausverkauf, und eine Dame aus Jamaica betrat den Laden. Sie kaufte den Topf zu einem deutlich reduzierten Preis und erzählte mir, sie habe eine große Familie und könnte jetzt erfreulicherweise mindestens zwei ganze Hühner darin kochen. Ich habe mir selbst mittlerweile auch solch einen Topf gekauft, für den großen schwarzen Herd mit offener Feuerstelle auf unserer Farm. Ich liebe diesen Ofen im Winter, er ist ökonomisch, wärmt das Haus, trocknet die Wäsche, heizt das Wasser und kocht das Essen. Er lässt uns auch bei Stromausfall nicht im Stich. Das einzige Problem ist, dass der Essensgeruch das ganze Haus erfüllt, den Appetit anregt und die Kinder so hungrig macht, dass sie viel mehr essen als sonst.

Im Geschäft, bei Strawberry Fair, hatte ich ja von Anfang an ehrlich gesagt, irgendwann wieder zurück auf eine Farm zu wollen. Ich genoss meinen kurzen Abstecher in die ›geregelte, zivilisierte Welt‹, ich war da, wenn meine Mutter und Katie mich brauchten, doch das Farmleben war und blieb meine wahre Liebe. Ich kaufte mir die Farmzeitungen Farmers Guardian und Farmers Weekly und brütete über den Stellenanzeigen. Da gerade der Frühling begann, wurden eine Menge Leute fürs Ablammen gesucht, einige im Stall, einige auf der Weide. Die meisten Ablamm-Jobs draußen brauchten einen Schäfer oder eine Schäferin mit Hütehund. Den hatte ich nicht, sodass viel weniger Angebote für mich in Frage kamen. Doch dann, schließlich, fand ich eine Anzeige, die genau zu mir passte:

GESUCHT ab sofort.Einsatzfreudige junge Personzum Schafehüten und Ablammen in Salisbury Plain.Kein Hund erforderlich. Nur die Bereitschaft zu arbeiten undEigeninitiative zu entwickeln. Unterkunft vorhanden.Bitte anrufen.

Zu jener Zeit besaß ich ein Auto, einen Mini Metro für 900 Pfund, die ich mir mühsam zusammengespart hatte. Also fuhr ich an einem Sonntag runter nach Wiltshire zum Vorstellungsgespräch. Noch nie war ich allein so weit gefahren. Ganz früh am Morgen machte ich mich auf den Weg, direkt auf die Autobahn, vorbei an Birmingham und Bristol und kam schließlich mittags in Warminster an. Ich war total angespannt. Es war tatsächlich das erste Mal, dass ich mich von zu Hause losgerissen hatte, der heimischen Sicherheit den Rücken kehrte, aber ich wusste, jetzt war die Zeit gekommen, auf eigenen Füßen zu stehen.

Ich fuhr eine lange Kieseinfahrt hoch und erreichte ein großes modernes Haus, nicht gerade das, was ich mir unter einer Farm vorgestellt hatte. Ein Mann kam heraus, den ich für den Farmer hielt, war mir aber nicht sicher. Normalerweise kann man einen Farmer meilenweit erkennen, doch dieser war irgendwie anders, irgendwie glatter als die Farmer, die ich kannte. Ich stellte mich vor, atmete einmal tief durch und versuchte Selbstbewusstsein auszustrahlen. Ich ließ so viele landwirtschaftliche Fachbegriffe wie möglich aus mir heraussprudeln, um mit meinem enormen Wissen über Schafe und Lämmer Eindruck zu schinden (das Wissen beruhte zwar mehr auf Fachbüchern als auf tatsächlicher Erfahrung, aber das konnte mein Gegenüber ja nicht wissen). Er zeigte keine Reaktion, brachte mich stattdessen zu meinem kleinen Zimmer auf der anderen Seite des Hauses und meinte, ich könne den Job haben. Ich hätte schwören können, er hatte mir gar nicht richtig zugehört, aber egal, ich hatte den Job und das zählte. Ich war wie im Rausch. Zwar war es auch diesmal nicht wirklich die Art von Farm, die ich mir erträumt hatte, aber es gab wohl jede Menge Schafe und das war schon mal ein guter Anfang.

Als ich bei Strawberry Fair kündigte, bot Philip mir an, ich könne den Job jederzeit zurückhaben, egal wann. Das war sehr beruhigend, doch ich wusste, ich würde das Angebot niemals annehmen. Ich bekam auch ein hübsches Abschiedsgeschenk. Eins der teuren Essensservice, die wir verkauften, war mit Schafen und Schäfern verziert, und der Hersteller hatte ein paar kleine Porzellanschafe zur Dekoration des Services mitgeliefert. Ich liebte diese kleinen Schafe und die Kunden liebten sie auch. Immer wieder fragten sie, ob die Schäfchen nicht doch zu verkaufen seien. Nein, waren sie nicht. Zwei davon bekam ich geschenkt, sie stehen immer noch in einem Eckregal in Ravenseat, hoch oben, weit weg von Kinderhänden.

Ich belud mein Auto mit allem, was mir wichtig war, und weg war ich, zuversichtlich und hoffnungsvoll wie niemals zuvor. Als ich ankam, war der Farmer nicht da. Man sagte mir, er sei Wasserskifahren in Amerika. Wie eigenartig, schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte mich darauf verlassen, dass er mir alles genau zeigte und mir erklärte, was er von mit erwartete. Später im Pub hörte ich, dass die Einheimischen der Farm den Spitznamen Waco gegeben hatten, in Erinnerung an einen Ort in Texas, wo ein Jahr zuvor über 80 Sektenmitglieder bei einer Razzia getötet worden waren. Die Leute im Dorf hatten beobachtet, dass ein Haufen junger Arbeiter auf der Farm ein- und ausging und der Hof trotzdem vernachlässigt war. So machte das Gerücht die Runde, dass auf der Farm Anhänger einer Sekte lebten. Davon hatte ich bei meiner Ankunft natürlich nicht die leiseste Ahnung.

Mit mir lebten noch zwei andere junge Arbeiter auf dem Hof, ein Mann und eine Frau, die zum Kühehüten angeheuert worden waren, sowie ein älterer Mann, der alles beaufsichtigen sollte. Natürlich tat er das nicht: Er saß vor dem Fernseher oder war einfach gar nicht zu sehen. Niemand war verantwortlich, alles hing an uns.

Am nächsten Morgen gingen meine beiden Kollegen raus zu den Kühen und ich schloss mich ihnen an, um nach den Schafen zu schauen und die Elektrozäune zu reparieren. Das gesamte Land ringsum gehörte zum Verteidigungsministerium, es gab weder Mauern noch Zäune, nur riesige Weideflächen von schlechter Qualität und flaches Gelände mit ein paar kleinen Wäldchen. Ich sah verlassene Dörfer, die von der Armee für Übungen genutzt wurden. Dort herumzulaufen war sehr gefährlich, denn überall lauerten Brandbomben und Gräben, in denen Panzer unter Tarnnetzen verborgen waren. Während meiner Zeit auf der Farm erlebte ich zum Beispiel, dass eine unselige Person dort einen Ausritt machte und ihr Pferd auf eine Test-Mine trat, die mit lautem Knall in einer Rauchwolke explodierte. Der Reiter wurde abgeworfen und das Pferd galoppierte in den Sonnenuntergang. Es wurde eine Woche lang nicht gesehen, dann tauchte seine Silhouette ab und zu am Horizont auf, mit schleifenden Zügeln und dem Sattel unter dem Bauch baumelnd. Das einzig Gute an diesem Gelände war, dass die herumliegenden Sprengköpfe perfekt zu Hundenäpfen umfunktioniert werden konnten – sozusagen eine kleine Entschädigung für das ›In-die-Luft-Fliegen‹.

Ein anderes meiner bemerkenswerten Fundstücke war ein Armeepullover mit dem Abzeichen des Bombenräumkommandos. Er war nicht mehr in perfektem Zustand, aber angenehm zu tragen (ich habe ihn immer noch). Ich fragte mich, ob der vorherige Besitzer tatsächlich auch in die Luft geflogen war und ob dieser Pullover das einzige Überbleibsel von ihm war … Ein gruseliger Ort, um Landwirtschaft zu betreiben.

Mein abwesender Chef verdiente sein Geld damit, Zuchtschafe bei sich überwintern zu lassen. In rauen Klimazonen, hoch oben in der abgelegenen Wildnis (wie es die Yorkshire Dales und der Lake District sind), schicken die Farmer ihre jungen weiblichen Zuchtschafe (gimmer hoggs) im Winter runter in mildere Klimazonen, auf sogenannte Winterweiden. Normalerweise werden sie Anfang November weggebracht und Anfang April wieder zurückgeholt. Auf Ravenseat machen wir das genauso, wie alle Bergschäfer. Die Farm, die den Schafen ein Winterquartier gibt, wird dafür pro Schaf bezahlt, und zwar anständig. Mein damaliger Chef nahm Schafe von verschiedenen Farmen aus dem Lake District auf. Was mir zu denken gab, war, dass er trotz der großen Zahl von Tieren zwischen Weihnachten und Mitte Februar nicht einen einzigen Schäfer eingestellt hatte. Kein Wunder also, dass ich dort draußen ein Horrorszenario vorfand. Die Schafe waren zwar noch alle da, doch sie standen auf kahlem Boden, abgesperrt mit Elektrozäunen. Seit längerer Zeit hatten sie keine frische Weide gesehen, sie mussten geradewegs verhungern. Einige Schafe hatten versucht auszubrechen und waren in den Elektrozäunen hängengeblieben. Sie waren sicher von tieffliegenden Militärhubschraubern oder von freilaufendem Wild erschreckt worden und bei ihrem Fluchtversuch mit den Hörnern im Draht hängengeblieben. Einige waren tot, andere konnte ich retten, doch auch diese waren durch fehlendes Futter und Wasser ausgemergelt und schwach. Die, die sich nicht in den Zäunen verfangen hatten, waren nur noch Haut und Knochen. Niemand hatte sie gefüttert. Meine beiden Farmkollegen waren entsetzt über das, was geschehen war. Sie selbst hatten sich nicht um die Schafe gekümmert, weil sie ja für die Kühe verantwortlich waren, die weit entfernt auf anderen Weiden grasten. Die Kühe sahen sehr gut aus.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Theoretisch schon, aber meine praktischen Erfahrungen mit Schafen waren eher begrenzt. Mit Hilfe der anderen beiden Farmarbeiter und einem jungen Kerl aus dem YTS (Youth Training Scheme), der jeden Tag vorbeikam, wickelte ich die Elektrozäune auf und trieb die Schafe, die noch laufen konnten, auf frische Weiden. Die schwächeren und kranken Tiere brachten wir mit dem Anhänger zur Farm und versorgten sie in einem Stall. Der Farmer hatte keine Notfallnummer hinterlassen, wir fanden aber eine Telefonnummer seiner Ex-Frau. Ich rief sie an und schilderte ihr die Situation. Sie gab den Besitzern der Pflegeschafe Bescheid und informierte wohl auch die zuständigen Behörden. Zwischen den Zeilen konnte ich heraushören, dass der Farmer und seine Ex-Frau nicht im Guten auseinandergegangen waren, und so überraschte es mich auch nicht, als Beamte von der RSPCA (Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals, Britische Tierschutzorganisation) und der Trading Standards (Gewerbeaufsicht) an die Tür klopften. (Wie alle anderen Betriebe auch, werden unsere Farmen mittlerweile regelmäßig kontrolliert, um sicherzustellen, dass wir Farmer auch tun, was wir angeben.)

Die Besitzer der fremden Schafe waren natürlich entsetzt über die Vorkommnisse. Sie hatten zu Weihnachten nach ihren Schafen gesehen und sie mit Entwurmungsmittel behandelt. Zu dem Zeitpunkt war alles noch in bester Ordnung, der weite Weg hatte sie aber abgehalten, häufiger vorbeizukommen, und sie hatten somit nicht die leiseste Ahnung, was mit ihren Schafen passiert war.

Sie durften ihre Tiere dann aber nicht auf die lange Reise zurück in den Lake District schicken, denn gemäß einer Tierschutztransportverordnung musste erst eine tierärztliche Untersuchung bescheinigen, dass sie sich in einem transportfähigen Zustand befanden. Ich kümmerte mich ausgiebig um die Schafe, trieb sie auf verschiedene Weiden und machte täglich einen Kontrollbesuch. Die kranken Tiere bekamen Heu und Trockenschnitzel und wurden nach einiger Zeit auf die Weiden rund ums Haus gelassen.

Diese Vorfälle haben mir die Augen dafür geöffnet, wie es hinter einer makellosen, neuen Fassade in Wirklichkeit aussehen kann. Für das perfekte Image dieses Hofes hatte man keine Kosten und Mühen gescheut. Im Stall war alles brandneu: Unterstände, Treibgänge, Fallgitter und aller Komfort, der das Leben angenehm gestaltet. Klappkisten, Waagen, sogar eine große, runde Desinfektionswanne, gefüllt mit – wie ich vermutete – alter Desinfektionslösung und leider auch noch zwei toten Schafen.

Dem Farmer fehlte allerdings etwas Entscheidendes: das nötige Fachwissen oder die Lust an der Arbeit. Die Erinnerung an diesen furchtbaren Vorfall, an den Vertrauensbruch mit den Farmern, lässt uns heute unsere Tiere auf den Winterweiden regelmäßig besuchen. Von wegen ›aus den Augen, aus dem Sinn‹. Im Laufe der Jahre haben wir zum Glück gute Winterquartiere gefunden und die nutzen wir auch weiterhin für unsere Jährlinge.