Der Zingerle - Heinrich Schwazer - ebook

Der Zingerle ebook

Heinrich Schwazer

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Opis

Im August 1950 wurde der zweifache Frauenmörder Guido Zingerle auf einer Almhütte bei Vals gefaßt. Damit ging eine beispiellose Hetzjagd zu Ende, die die Bevölkerung von Nord- und Südtirol über Wochen in ihren Bann gezogen hatte. Von den Medien als "Ungeheuer von Tirol" tituliert, wurde der in Tschars geborene Zingerle bei der Bevölkerung zum sprichwörtlichen Schreckgespenst. Er lauerte seinen Opfern im Wald auf, verschleppte sie in Höhlen, vergewaltigte sie, deckte sie mit Steinen zu und ließ sie eines langsamen Todes sterben. Anhand von Gerichtsakten, Zeitzeugen und Zeitungsberichten zeichnet der Autor Heinrich Schwazer die Lebensgeschichte des Guido Zingerle von der bitteren Kindheit bis zu seinem Tod im Gefängnis nach.

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Zum Buch

Im August 1950 wurde der zweifache Frauenmörder Guido Zingerle auf einer Almhütte bei Vals gefaßt. Damit ging eine beispiellose Hetzjagd zu Ende, die die Bevölkerung von Nord- und Südtirol über Wochen in ihren Bann gezogen hatte. Von den Medien als „Ungeheuer von Tirol“ tituliert, wurde der in Tschars geborene Zingerle bei der Bevölkerung zum sprichwörtlichen Schreckgespenst. Er lauerte seinen Opfern im Wald auf, verschleppte sie in Höhlen, vergewaltigte sie, deckte sie mit Steinen zu und ließ sie eines langsamen Todes sterben. Anhand von Gerichtsakten, Zeitzeugen und Zeitungsberichten zeichnet der Autor Heinrich Schwazer die Lebensgeschichte des Guido Zingerle von der bitteren Kindheit bis zu seinem Tod im Gefängnis nach.

Heinrich Schwazer

Der Zingerle

Geschichte eines Frauenmörders

„Hinter jedem Mörder steckt ein verletztes Kind“

Jonathan Demme

Inhalt

Zum Buch

Vorbemerkung

Maiausflug

Lebendig begraben

Unschuldig verhaftet

Brodelnde Gerüchteküche

Lebendig eingemauert

Der Höhlenmensch vom Zillertal

Vermisst

Der Mord an Helen Munro

Die Flucht

Das erste Geständnis

Der „Luckteufel“

Der Nomade

Der Prozess

Zingerle: Kronzeuge für die Wiedereinführung der Todesstrafe

Wer war Guido Zingerle?

Zingerles Sexualleben

Der Vergewaltiger

„Sie werden mir doch keine Goldmedaillegeben wollen?!“

Zingerle strickt

Der Autor

Vorbemerkung

Der Fall Guido Zingerle war einer der erschreckendsten und spektakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit in Süd- und Nordtirol. Zwei Frauen hat er getötet, drei vergewaltigt, eine davon in einer Höhle lebendig eingemauert. Hätte sie sich nicht aus eigener Kraft befreien können, wäre sie sein drittes Mordopfer geworden. Zingerle hat mitleidslos getötet, aber er war auch selbst Opfer. Ein unerwünschtes Kind, von der Mutter aus Not bald nach der Geburt weggegeben, von der Pflegemutter mit Schlägen statt mit Zuneigung großgezogen, von seiner Umgebung ausgegrenzt, weil er den Makel trug, ein „lediges Kind“ zu sein. Die Lebensangst, erlittene Gewalt und mangelnde Geborgenheit in seiner Kindheit kehrten in seinem Erwachsenenleben als Unfähigkeit zu stabilen Beziehungen, Einzelgängertum und zu gewissen Zeiten als extreme Gewalttätigkeit gegen Frauen zurück. Er war keine „Bestie“, die aus dem Nichts kam, was aber wirklich in ihm vorging, wird man nie mit letzter Sicherheit erfahren. Er selbst stellte sich vor Gericht als willenloses, „krankes“ Opfer seines Sexualtriebes dar, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Gericht entlarvte diese Behauptung als Teil der Tarnung eines Mannes, der bei seinen Taten auf brutalste Weise nur seine eigene Befriedigung suchte und unfähig war, den Schmerz der anderen zu fühlen.

Obwohl das Wissen über die Person Zingerle allmählich verblasst, sind die Erinnerung an den Frauenmörder und die Panik, die er auslöste, in der älteren Generation noch sehr lebendig. Es war kein Kriminalfall, vor dem sich nach der Auflösung unter Beifall der Bevölkerung der Vorhang senkte. Eine tief greifende Verunsicherung blieb zurück und war noch Jahrzehnte später zu spüren. Zingerle wurde zum sprichwörtlichen Schreckgespenst. „Pass auf, sonst holt dich der Zingerle“ wurde zum erzieherischen Standardsatz, mit dem Mütter ihren Töchtern drohten und sie vor den Gefahren der Welt warnten. Junge Mädchen wurden mit der bloßen Nennung des Namens erschreckt; umgekehrt nannte man Männer, von denen man wusste, dass sie mit Frauen grob umgingen, „Zingerle“.

Die fünf Wochen der Jagd auf Zingerle wurden zu einem Medienspektakel, das zeitweise die politischen Ereignisse, den Koreakrieg und die schmerzhaften Preissteigerungen, in den Schatten stellte. Er wurde zum „Ungeheuer“, zum „Wolf“, zur „Bestie“ hochstilisiert, täglich wurden die Leser über die neuesten Spuren und Indizien unterrichtet. Die Ungewissheit, wo er sich befindet, ob er wieder zuschlägt, ließ die Angst unkontrolliert ins Kraut schießen. Waren die Berge und Wälder im kollektiven Bewusstsein bis dahin Refugium gewesen, so wurden sie mit Zingerle plötzlich zum Ort einer tödlichen Gefahr. Die Tatsache, dass jede Frau ein potenzielles Opfer war, steigerte die Identifikation mit den Opfern.

Doch selbst eine oberflächliche Durchsicht der Zeitungsartikel macht sehr bald klar, dass der Fall Guido Zingerle weit mehr war als nur ein sensationelles Kriminaldrama. Zwischen Panik und Hysterie wurde Zingerle zum Synonym für die „Gefahren“ der modernen Zeit und einer liberalen Rechtsordnung. Nicht von ungefähr wurde er in Tirol nach seiner Verhaftung zum Kronzeugen massiver Forderungen nach Wiedereinführung der Todesstrafe.

Obwohl der Fall die Phantasie zahlloser Menschen beschäftigte, war das Wissen um seine Person schon damals sehr bruchstückhaft. Die Frage, wie er zum Mörder geworden war, wurde nicht gestellt und in Bozen bei Gericht gar nicht zugelassen. Heute bekommt man auf Nachfragen fast nur mehr Geschichten zu hören, bei denen der Legendenanteil überhand genommen hat. Aus Gerichtsakten, Augenzeugenberichten und Presseartikeln habe ich die ebenso abenteuerliche wie bedrückende Geschichte von Zingerles Lebens zu destillieren versucht. Daraus ist ein notgedrungen fragmentarisches Bild entstanden, das einen ebenso berechnenden wie hilflosen Menschen zeigt, der von den Wirren seiner Zeit herumgetrieben wurde, diese aber auch geschickt auszunützen verstand.

Bei der Recherche habe ich von vielen Seiten Unterstützung erfahren. Die wichtigsten Materialien sind im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck aufbewahrt, während die Akten am Bozner Oberlandesgericht nur mehr zum Teil auffindbar sind. Bedanken möchte ich mich bei Hans Heiss vom Südtiroler Landesarchiv und Helmut Alexander vom Institut für Geschichte der Universität Innsbruck, die sich für die Genehmigung zur Akteneinsicht eingesetzt haben. Peter Gasser vom Südtiroler Außenamt in Rom möchte ich dafür danken, dass er sich unermüdlich um Akteneinsicht beim italienischen Justizministerium für mich verwendet hat.

Weiters bin ich den Mitarbeitern der Tessmann-Bibliothek, insbesondere dem Direktor Dr. Anton Sitzmann zu Dank verpflichtet. Bei der Rekonstruktion des Mordfalls Gertrud Kutin hat mir Rosa Mian die wertvollsten Hinweise gegeben. Das Opfer von Karneid stand mir für ein Gespräch zur Verfügung, das, so schwierig es war, noch einmal an das Ereignis erinnert zu werden, mir vieles deutlicher vor Augen geführt hat. Toni Weissteiner hat mir die Persönlichkeit Zingerles im Gefängnis geschildert. Ihnen allen sei an dieser Stelle gedankt.

Meine Frau Siglinde Clementi hat mir während der Abfassung des Manuskriptes nicht nur den Rücken freigehalten, sondern mir vor allem das nötige historische Hintergrundwissen vermittelt. Ohne ihre Kritik und Ermutigung hätte ich das Buch nicht beenden können.

Heinrich Schwazer

Maiausflug

23. Mai 1946. Ein Donnerstag. Die Volksschullehrerin Gertrud Kutin steigt um 8.00 Uhr früh in den ersten Zug der Guntschnabahn und fährt in die Höhe. Um diese Zeit sind noch wenig Fahrgäste unterwegs. Nur ein Bauernbub, der die Milch nach Bozen gebracht hat, und ein alter Mann sind mit ihr in der Bahn.

Die Lehrerin hat es eilig. Bis zu ihrer Schule in Glaning braucht sie bei zügigem Gehen durch den Waldweg etwa eine Dreiviertelstunde. An diesem Tag steht der Maiausflug auf dem Programm, eine Wanderung durch die Wälder oberhalb von Glaning. Die Kinder würden schon auf sie warten.

Kutin hat sich für diesen Tag ein Dirndlkleid mit schwarzem Rock, schwarz-rot kariertem Leibchen mit weißen Ärmeln und einer blauweiß gestreiften Schürze ausgesucht. In die Tasche hat sie einen Regenmantel gepackt, da das Wetter nichts Gutes verheißt. An den Fingern trägt sie wie gewöhnlich zwei Brillantringe, ein Geschenk ihres Vaters, und am Hals ein silbernes Kettchen.

Gertrud Kutin und Rosa Gasser in Salzburg

Den Abend davor hat sie mit ihrer besten Freundin Rosa Gasser, Lehrerin in der Volksschule St. Jakob, in der Stadt verbracht, in fröhlicher Stimmung. Gertrud hat vor kurzem einen jungen Mann kennen gelernt, den sie öfters bei der Maiandacht trifft.

Die Stelle in der Volksschule von Glaning ist Kutins zweiter Lehrauftrag. Fünf Klassen hat sie gleichzeitig zu betreuen. Im Jahr davor hat sie ein paar Monate in der Volksschule von Unterinn unterrichtet, frisch von der Lehrerbildungsanstalt Salzburg weg, wo die Südtiroler Lehrerinnen während des Faschismus zur Ausbildung hingeschickt wurden. Vier Jahre dauerte die Ausbildung, das letzte Studienjahr mussten sie in Innsbruck absolvieren, damit die Junglehrerinnen sofort nach Abschluss in Südtirol eingesetzt werden konnten.

Da in Innsbruck damals akute Bombengefahr bestand, wurde der Unterricht nach Mayrhofen ins Zillertal verlegt. Im Februar 1945 maturierte sie – das letzte Schuljahr wurde wegen der Kriegswirren um die Hälfte verkürzt – und unmittelbar danach übernahm sie eine Klasse in der Volksschule Unterinn.

Die Stelle am Ritten war ideal für Gertrud Kutin. Ihre Mutter wohnte in der Nähe, wenn sie in Bozen bleiben wollte, konnte sie bei ihrer Großmutter in der Rauschertorgasse übernachten. Dennoch wurde sie im zweiten Schuljahr nach Glaning versetzt. Wahlmöglichkeiten wurden den jungen Lehrerinnen in der Zeit akuten Lehrermangels keine eingeräumt. Trude, wie sie von ihren Freundinnen genannt wurde, war todunglücklich mit der Stellenzuteilung.

Der abgelegene Ort mit seinen weit verstreuten Höfen behagt ihr nicht. Sie ist ein Stadtmensch, geht gern ins Kino und trifft sich häufig mit ihren Freundinnen. Im Pfarrwidum von Glaning hat sie ein Zimmer, das ihr als Dienstwohnung zur Verfügung gestellt wurde, doch sie benützt es selten. Nach der Schule geht sie öfters nach Bozen. Der Weg durch den Wald kommt ihr ein bisschen unheimlich vor. Abends benützt sie ihn nur, wenn der „Wirts-Toni“, Sohn des „Meßnerwirtes“ in Glaning, dabei ist. Sonst übernachtet sie in Bozen bei ihrer Großmutter in der Rauschertorgasse oder bei ihrer Freundin und fährt am nächsten Tag früh mit der Guntschnabahn wieder hinauf.

An diesem Tag warten die Glaninger Volksschüler vergeblich auf ihre Lehrerin. Nach einer Weile gehen sie ihr bis zur Bergstation der Bahn entgegen. Umsonst. Keine Spur von der Lehrerin. Der Maiausflug findet nicht statt.

Zehn Monate später, am 15. März 1947, fahren der Koch Vincenzo Fratti, seine Frau Ida und Frattis Vater mit der Guntschnabahn hinauf, um in der Gegend von Altenberg Brennholz zu sammeln. Am frühen Nachmittag haben sie einen Haufen beisammen, den sie über einen überhängenden Felsen hinunterwerfen, um das Holz von dort bis zum Weg zu transportieren. Da einige Prügel im dichten Gestrüpp hängen bleiben, muss Fratti sich durch das Unterholz bis unter den Felsen heranmachen. Dort angekommen, bemerkt er einen starken Verwesungsgeruch. Als er sich genauer umschaut, sieht er zwei menschliche Füße aus dem Laub herausragen, die oberhalb der Knöchel zusammengebunden sind. Erschrocken ruft er seiner Frau zu: „Hier liegt ein Toter!“

Gertrud Kutin und ihre Freundin Rosa Gasser auf der Talferbrücke

Fratti läuft sofort ins Tal, um die Carabinieri zu verständigen. Kurz vor 17.00 Uhr greift der Kommandant der Carabinieristation Bozen-Gries zum Telefon und gibt an den Dienst habenden Staatsanwalt die Meldung durch:

„Heute um 16.00 Uhr wurde am Guntschnaberg in einer unwegsamen und gefährlichen Zone vom Maresciallo Ingannamorte, vom Brigadier Giuseppe Sansone und vom Vizebrigadier Larcher Giuseppe eine Frauenleiche entdeckt, die bis zu den Knien unter Steinen versteckt war. Es handelt sich um die Lehrerin Gertrud Kutin, die im Frühjahr 1946 als verschwunden gemeldet wurde. Ermittlungen folgen. Wir ersuchen um Lokalaugenschein, damit die Leiche abtransportiert werden kann.“

Kutins Beine ragten von den Knien abwärts unter einer Geröllhalde hervor. Bis zu 50 Kilogramm schwere Steine lagen auf ihr drauf. Die Füße waren mit einem zerschnittenen Einkaufsnetz gefesselt, ihre Arme hinter ihrem Rücken zusammengebunden. Die Leiche war nackt und auf einen hellen Regenmantel gebettet. Aus ihrer Haltung schlossen die Ermittler, dass sie verzweifelt versucht hatte, sich zu befreien.

Wenige Meter entfernt wurden die Schuhe und die Tasche der Toten gefunden, sodass die Identifizierung keine Probleme bereitete. Die Identitätskarte, Schulhefte, Bücher und einige Fotografien waren noch drinnen. Die Brieftasche, die Ringe, eine Uhr und das silberne Halskettchen fehlten. Die Todesursache konnte bei der Autopsie nicht mehr festgestellt werden, da der Körper bereits stark verwest war. Nur so viel konnten die Gerichtsmediziner feststellen: Der Leichnam war relativ heil, er wies keine Wunden und Knochenbrüche auf, und auch der Schädel war intakt. Die Nacktheit der Leiche ließ jedoch kaum einen Zweifel, dass es sich um einen Sexualmord gehandelt hatte.

Lebendig begraben

Warum Guido Zingerle sich am 23. Mai in Glaning aufhielt, konnte nie eindeutig geklärt werden. Die Gegend war ihm bekannt. Als er in den letzten Kriegsmonaten von der Deutschen Wehrmacht desertiert war und sich in die Schweiz absetzen wollte, hatte er den Buschwald oberhalb von Bozen durchquert. Damals war er in Taufers im Münstertal heillos betrunken vom Südtiroler Ordnungsdienst geschnappt und in Bozen zum Tode verurteilt worden. Das Kriegsende hatte ihm das Leben gerettet. Seither war er nicht mehr in Südtirol gewesen.

Er war 43 Jahre alt, verheiratet, hatte eine 14-jährige Tochter. Seit der Umsiedlung wohnte er in Innsbruck. Seinen Lebensunterhalt verdiente er offiziell als Zeitungskolporteur, die Haushaltskasse füllte er aber mit Schmuggeltouren. Der Familie ging es in den Jahren der Not „ziemlich gut“. Auch in den fraglichen Tagen war Zingerle mit einem Rucksack voll Schmuggelgut nach Bozen gekommen, das er bereits an den Mann gebracht hatte – Sacharin, Tabak, Stoffe.

Vor seiner Rückkehr nach Innsbruck wollte er noch etwas erleben. Die warme Jahreszeit ließ sein Verlangen nach einer Frau übermächtig werden. Mit seiner eigenen Frau hatte er schon seit über zehn Jahren keinen Verkehr mehr gehabt. Sie war nach der Geburt ihrer Tochter „ausgesprochen gefühlskalt“ geworden. Er selbst hatte sich während des Abessinienfeldzugs im Jahr 1935 den Tripper geholt. Seither hatte er häufig wechselnde Geschlechtspartnerinnen gehabt. Während des Krieges hatte er in Innsbruck erstmals auch Gewalt angewandt, um zwei Frauen seinen Willen aufzuzwingen. Einmal sogar in seiner Wohnung. Doch das war folgenlos geblieben. Die Frauen hatten ihn nicht angezeigt. Jetzt war der Trieb wieder in ihm erwacht. Eine „richtige Frau“ sollte es sein, keine Prostituierte. Die verachtete er.

Er hatte in einem Stadel übernachtet und war früh aufgestanden, um nicht vom Bauer überrascht zu werden. Etwa auf halber Wegstrecke zwischen der Bergstation der Guntschnabahn und Glaning setzte er sich auf einen großen, pyramidenförmigen Felsblock, von dem aus er den Weg in beiden Richtungen überblicken konnte. Ein idealer Platz für einen Hinterhalt, wie geschaffen für einen Wegelagerer. Gegen halb neun bemerkte er eine junge Frau, die eilig in Richtung Glaning unterwegs war. Eine groß gewachsene, hübsche junge Frau, die einen Rucksack trug. Er schätzte sie auf etwa 22 oder 23 Jahre.

Zingerle zögerte keinen Moment: Das war sein Opfer. Er versperrte ihr den Weg und forderte sie ohne Umschweife auf, mit ihm zu gehen: „Ich hielt sie auf und machte ihr Liebeserklärungen. Da sie aber Widerstand leistete, nahm ich sie unter den Arm und zog sie in den nahen Wald, zirka 200 Meter entfernt“, sagte er vier Jahre später nach seiner Verhaftung beim ersten Verhör.

Weiter oben liegen die Felsenhänge des Altenberges, eine völlig unwegsame Gegend, zu der man nur mit größter Mühe hinaufsteigen kann. Dorthin will er sie bringen, um ungestört über sie herfallen zu können. Als die Leiche später gefunden wurde, ging man aufgrund der Steilheit des Geländes zunächst davon aus, dass sie von mindestens zwei Personen dorthin gebracht worden sein musste.

Da die junge Frau sich erbittert wehrte, drohte er ihr mit einem Messer. Über die Ängste, die sie ausstand, machte er sich keine Gedanken. Sie flehte ihn an, sie gehen zu lassen: „Ich kenne Sie nicht, ich weiß nicht, wer Sie sind. Lassen Sie mich zu meinen Kindern in die Schule gehen.“

Unter den Felsen angekommen, zwang er sie, sich auszuziehen. Da sie sich noch immer wehrte, fesselte er ihr die Hände mit ihren Strümpfen auf dem Rücken. Dann vergewaltigte er sie ein erstes Mal. Befriedigung verschaffte ihm die Vergewaltigung nicht, „weil das Mädchen nicht mitgearbeitet hat“. Das versetzte ihn in Rage. Er will Nähe erzwingen. Je mehr sie ihn anfleht, sie gehen zu lassen, desto gewaltsamer versucht er, ihre Leidenschaft zu wecken. Der Innsbrucker Psychiater Dr. Karl Vorderwinkler wird später in seinem Gutachten schreiben: „Nun wurde er immer aufgeregter, weil er wegen ihres kühlen und ablehnenden Benehmens keinen Genuss hatte und sich nicht geschlechtlich austoben konnte.“

Er vergewaltigte sie noch mehrmals. Drei- oder viermal, an die genaue Zahl konnte er sich später nicht mehr genau erinnern. Erinnern konnte er sich noch, dass sie ihn gebettelt habe, sie nicht zu quälen, sie nicht umzubringen. Zingerle im ersten Verhör: „Ich habe ihr nicht mehr zugehört. Irgendwann habe ich einen Stein genommen und ihr damit so lange auf den Kopf geschlagen, bis sie still war und sich nicht mehr gerührt hat. Danach habe ich sie mit Steinen zugedeckt und bin nach Bozen hinuntergegangen.“

Diese Version des Tathergangs ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Bis zum Prozess bestritt Zingerle auf das Heftigste, dass Trude Kutin noch gelebt habe, als er den Tatort verlassen hat. Erst im Gerichtssaal gab er zu, dass sie noch gelebt haben könnte.

In Wahrheit war Gertrud Kutin keineswegs tot. Sie lag lebendig begraben unter einer Schicht von Steinen und versuchte verzweifelt, sich zu befreien. Ihre Schreie und Hilferufe, die sehr bald nur mehr ein Wimmern waren, waren bis zum Weg hinunter zu hören. Sie starb eines grausamen, langsamen Todes. Fast drei Tage dauerte ihr Todeskampf unter den Steinen. Die Autopsie ergab später, dass ihr Schädel unverletzt war. War er nicht fähig, sie umzubringen? Oder wollte er sie langsam sterben hören, um seine sadistischen Gelüste zu verlängern?

An der Stelle auf dem Weg nach Glaning, wo Gertrud Kutin von Zingerle überfallen wurde, erinnert ein Kreuz an die Ermordete

Nachdem er sie unter der Steinhalde begraben hatte, setzte Zingerle sich wieder auf den Stein oberhalb des Weges, von dem aus er sie beobachtet hatte. Ihre Brieftasche mit 500 Lire, die Uhr und die Ringe hatte er ihr noch abgenommen. Auch ein Schulbuch aus ihrer Tasche nahm er mit.

Es war früher Morgen. Zingerle saß auf dem Stein und las in dem Buch. Irgendwann am Vormittag kam eine ältere Frau vorbei. Rosa Brugger aus Gries ging damals fast täglich auf den Guntschnaberg, um Holz zu sammeln. An diesem Tag geschah etwas, was ihr noch Jahre später das Gewissen belasten sollte. Als sie eben an der Stelle vorgehen wollte, bemerkte sie einen Mann in italienischer Militärjacke, der auf dem Stein saß und so tat, als würde er in einem Buch lesen. Rosa Brugger grüßte auf Italienisch und bekam einen Gruß zurück. Als sie weiterging, hörte sie aus dem Wald Hilfeschreie: „Helft mir, ich liege unter Steinen.“ Einmal auf Italienisch, dann wieder auf Deutsch. Brugger zögerte nicht lang und wandte sich in die Richtung, von wo die Schreie kamen. Aber da herrschte sie der Uniformierte auf Italienisch an: „Vai avanti!“

Aus Angst vor dem Mann und aus Respekt vor der Uniform ging sie weiter. In Glaning erzählte sie ihr Erlebnis einem Bauern, der ihr jedoch nur antwortete, dass in der Gegend oft Kinder spielten und die Stimmen von ihnen stammen könnten.

Am Nachmittag machte sie denselben Weg in umgekehrter Richtung und wieder hörte sie das Wimmern im Wald. Auch der Mann saß noch immer an derselben Stelle. Die Szene wiederholte sich in den nächsten zwei Tagen: Der Mann saß auf dem Stein, im Wald hörte Rosa Brugger die leiser werdenden Rufe einer Frauenstimme. Einmal fasste sie Mut und fragte ihn, was er hier mache und wohin er zum Essen gehe. Der Mann antwortete, er habe hier zu tun, das Essen werde ihm aus der Grieser Kaserne gebracht. Rosa Brugger wurde die Sache unheimlich, und sie wählte von nun an einen anderen Weg.

Stutzig wurde sie erst wieder, als sie vom Verschwinden der Glaninger Lehrerin hörte. Sie begann die Sache genauer zu verfolgen, da aber die Zeitungen wiederholt schrieben, dass Gertrud Kutin in Innsbruck gesehen worden sei, redete sie mit niemandem mehr darüber.

Als zehn Monate später die Leiche von Gertrud Kutin genau an der Stelle gefunden wurde, hatte Rosa Brugger die Gewissheit, dass sie indirekt Ohrenzeugin eines Verbrechens geworden war und Kutin vielleicht gerettet worden wäre, wenn sie ihre Beobachtung rechtzeitig gemeldet hätte. In ihrer Seelennot wandte sie sich an ihren Beichtvater und beichtete ihm, was sie damals in Glaning gehört hatte. Ihre Gewissensbisse waren so groß, dass sie noch einen zweiten Pfarrer aufsuchte und die Geschichte ein zweites Mal beichtete. Als dann schließlich der „Wirts-Toni“ wegen Mordverdachts verhaftet wurde, rief der Pfarrer sie zu sich und sagte, er werde sie nur lossprechen, wenn sie ihre Beobachtungen der Polizei meldete.

Zunächst führte ihre Beobachtung aber nur zu weiterer Verwirrung im Mordfall Gertrud Kutin.