Der Gesang des Coyoten - Christoph Janacs - ebook

Der Gesang des Coyoten ebook

Christoph Janacs

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Opis

GESCHICHTEN ÜBER MEXICO - so facettenreich, geheimnisvoll und schön wie das Land selber. Christoph Janacs vermittelt in seinen Geschichten einen glaubhaften Einblick in die Kultur und eine große Vertrautheit zu seinen beschriebenen Figuren: Jerónimo erlebt mit seinen Freunden den Día de Muertos - der Tag endet für einen von ihnen tödlich; der Arbeiter Santiago zieht mit seiner Frau vom Norden Mexikos in die Hauptstadt, wo sie in den Slums von einem Wolkenbruch heimgesucht werden, der alles mit sich fortspült; ein Redakteur sieht in Vögeln, die vom Himmel fallen, die Vorboten einer Katastrophe; das Touristenpaar Robert und Doris durchstreift die Randbezirke der ausufernden Mexiko-Stadt und gerät in unheimliche Situationen. Ein Kaleidoskop des modernen Mexiko. Die Geschichten sind sehr facettenreicht. Und doch speisen sie sich aus einer gemeinsamen Quelle: einem Land, in dem die uralten Mythen der Azteken und Maya so lebendig sind wie der aktuelle Kampf ums Überleben, eine politische Situation, die zahlreiche Opfer kostet, und - nicht zuletzt - die Landschaft in ihren bizarrsten Ausformungen: einmal ist ihr Gesicht karg, dann wieder üppig, blühend, wuchernd, verschlingend. Janacs verzahnt die Geschichten kunstvoll ineinander, lässt die Figuren einmal Neben- und ein andermal Hauptdarsteller sein. So entsteht ein Netz von verschiedensten Erlebnissen und Erfahrungen, die aus der Realität oft ins "Magische" und Absurde gleiten. Figuren und Leser werden gleichermaßen in Geheimnisse hineingezogen, durchleben dramatische Wendungen und Höhepunkte, die den Atem stocken lassen. "Ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen. Man spürt beim Lesen die Liebe des Autors zu Land und Leuten und sein Wissen über Mexiko."

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Christoph Janacs

DER GESANG DES COYOTEN

Mexikanische Geschichten

Haymon

Inhalt

Das rote Meer

Der Vogel im Rinnstein

Das Lächeln Guerreros

Diegos Torenkopf

Ferngespräch

Eine blaue Mütze

Von einem andern Stern

¡Adiós, poeta!

Das Auge

Xipe Totec

Die Hand

Parque Hundido

Es hört nicht mehr zu regnen auf

Rarschach

Die letzte Nacht

Lazarus Inc.

Erläuterungen

 

 

© 2002HAYMON verlagInnsbruck-Wienwww.haymonverlag.at

Ungekürzte E-Book Ausgabe 2014

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-3519-4

Umschlag: Benno PeterSatz: Haymon Verlag

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Das rote Meer

Er saß, die Hände über dem Strohhut gefaltet, der auf seinem Schoß lag, und blickte zum Fenster hinaus. Den Kopf hatte er an die Scheibe gelehnt. Das Schütteln des Busses störte ihn nicht, im Gegenteil: die Schaukelbewegung und das Beben, das durch seinen Körper lief, wenn sein Kopf sanft am Glas aufschlug, machten ihn nur angenehm müde und versetzten ihn in einen Dämmerzustand, in dem er manchmal nicht mehr wußte, wo sein Körper aufhörte und wo die Umgebung begann; dann spürte er auch nicht mehr die Hitze im Bus, den klebrigen Plastikbezug seines Sitzes und das verschwitzte Hemd, und er verharrte in dieser halb bewußtlosen Verfassung, bis er aussteigen mußte.

Draußen zog die Steppe vorbei, goldgelb, rotbraun und ocker. Durch das verschmierte Fenster und den Staub, den der Bus aufwirbelte, wirkte sie noch unwirklicher, wie die Kulisse eines unverständlichen Theaterstücks, die von unsichtbaren Händen vorbeigeschoben wurde. Eigendich bewegte nicht er sich, sondern das Land da draußen. Schon als Kind hatte er Gefallen gefunden an der Vorstellung, daß alles andere sich um ihn herum bewegte und nur er allein, inmitten der Bewegung, ruhte.

Er schlief nicht, träumte nur, manchmal, mit offenen Augen. Obwohl er Jahr für Jahr, Sonntag für Sonntag und Freitag für Freitag die Strecke entlangfuhr, einmal nach Süden, einmal nach Norden, konnte er nicht die Augen schließen, mußte er hinausblicken in die fiebernde Landschaft, bis ihn die Augen schmerzten.

Die Steppe säumte eine Bergkette. Ein rotes Gewoge türmte sich dort am Horizont auf, eine steinerne Flutwelle, der vor Zeiten jemand Einhalt geboten hatte und die nun da stand, angehalten in ihrer Bewegung, und manchmal glaubte er, das Tosen und Brodeln zu hören, das in diesen Bergen eingesperrt lag und nur darauf wartete, losbrechen zu können und über der Steppe zusammenzuschlagen.

Hin und wieder zweigte eine Schotterstraße ab, manchmal war es auch nur ein Fußweg, eine undeutliche Spur, und führte quer über die Ebene zu den roten Bergen, wo ein Dorf, ein Weiler oder auch nur eine einzelne Hütte lag. Dann hielt der Bus und ließ jemanden ein- oder aussteigen.

Da draußen lebten Menschen, verborgen hinter Agaven, Kakteen und einem Licht, das gelb und orange und manchmal rot war vom Staub, den der Wind durch die Ebene trug und der unablässig wehte, körnig und heiß; Männer, die Sonntag abend wegfuhren und freitags heimkamen und dann ein Stück Boden beackerten und hofften, das Wasser würde reichen und die Pflanzen gedeihen lassen; Frauen, die fortsetzten, was die Männer begonnen hatten, die warteten, manche vergebens, bis sie das Warten aufgaben.

Er hatte auch schon daran gedacht, manchmal. Er war noch immer heimgekehrt.

Er spürte, wie aus seinem Körper nach und nach jedes Gefühl wich, und richtete sich auf.

Neben ihm saß eine junge Gringa, eine große, schlanke Frau mit blonden Haaren, die sie offen trug und die ihr weit über die Schultern und das weiße T-Shirt fielen. Sie war zusammen mit einem älteren Paar eingestiegen und hatte sich neben ihn gesetzt, während die beiden anderen weiter hinten Platz gefunden hatten. Sie mußten zusammengehören: beim Kartenlösen war sie dem Paar behilflich gewesen, danach hatte sie sich anfangs immer wieder umgedreht und den beiden etwas zugerufen. Jetzt schlief sie: ihr Gesicht hatte sich entspannt und fast kindliche Züge angenommen. Er zeichnete mit seinem Blick aus den Augenwinkeln ihr Profil nach, die Stirn, die Augenbrauen, die Wimpern, die schmale Nase, die blassen Lippen, das Kinn, den Hals; dann die Rundungen ihrer kleinen Brüste, die sich unter dem gleichmäßigen Atem hoben und senkten.

Warum er immer wieder heimgekommen war.

Er sah zum Fenster hinaus. Der Bus bremste, rollte von der Fahrbahn hinab auf einen Schotterstreifen, schwankte und hielt quietschend. Ein Mann und eine Frau stiegen aus. Er sah den Strohhut des Mannes vor seinem Fenster halten, wegtauchen, hörte die Klappe des Laderaumes knarren, dann schlagen, spürte die Vibration, dann schwankten die beiden auf einem schmalen Pfad davon, bepackt mit Körben und Säcken.

Sie würde schon auf ihn warten. Er würde, wenn in etwas mehr als einer Stunde der Bus stehenbliebe, aussteigen und in der rasch hereinbrechenden Dämmerung seinen Weg quer über die Ebene nehmen, vorbei an den verkrüppelten Sträuchern, halb vertrockneten Agaven und knorrigen Saguaros, die ihn seit seiner Kindheit wie Lebewesen eines fernen Planeten anmuteten, die in grauer Vorzeit aus dem Himmel gefallen waren und seitdem in dieser verrückten Wüstensteppe standen, angehalten in ihrer Bewegung, bevor sie ein Zauberspruch befreien würde und sie zu Staub zerfielen; er würde sich beeilen, um nicht zu tief in die Nacht zu geraten, aber trotz seiner weit ausholenden Schritte erst nach Einbruch der Dunkelheit ankommen, wenn der Holzzaun und die Hütte bläulich schimmerten, erhellt nur vom kalten Licht der Sterne, die den Himmel dann zu Tausenden bevölkerten, eine Herde gleichgültiger, stummer Tiere.

Er würde eintreten in den kleinen, dunklen, nur von einem Herdfeuer und einer Petroleumlampe erleuchteten Raum, müde und unsicher, ob er sich erleichtert oder niedergeschlagen fühlen sollte, und das Päckchen auf den Tisch werfen.

Mehr ist es nicht!

Marcela würde nichts erwidern.

Die Gringa streckte sich, gähnte, öffnete die Augen und lächelte. Er sah sie an, spürte, daß sein Lächeln mißlang, und drehte seinen Kopf weg.

Wieder hielt der Bus. Diesmal stieg jemand ein: ein weißhaariger Alter, eine krumme Gestalt, die den Gang heranschlurfte, vor dem freien Platz gegenüber haltmachte und Mühe hatte, einen Leinensack hochzuhieven und im Gepäcknetz über den Sitzreihen zu verstauen; immer wieder mußte er sich dagegenstemmen, bis der Sack endlich nachgab und liegenblieb. Ein Junge kam herein und hielt zwei silbrige Schlangenhäute in die Höhe, die in seinen Händen plötzlich lebendig wurden, sich krümmten, zappelten; aber niemand kümmerte sich um ihn, nur die Gringa starrte nach vorn, die Augen weit aufgerissen.

Als der Bus anfuhr, winkte er dem Jungen zu, der am Straßenrand stand und noch immer die Schlangen über seinem Kopf hin und her schwenkte.

Er könnte einfach sitzen bleiben und weiterfahren.

In der nächsten oder übernächsten Ortschaft würde er aussteigen und in einem billigen Hotel übernachten, und am nächsten Tag würde er weiterfahren, immer nach Norden, das Geld würde reichen bis zur Grenze, vielleicht sogar etwas weiter; irgendwie würde er schon an der Grenzkontrolle vorbeikommen, und wenn er sich im Laderaum des Busses verstecken oder zu Fuß gehen oder über den Fluß schwimmen mußte, er würde es schaffen, und drüben würde er eine Arbeit annehmen, irgendeine, er war ja nicht wählerisch und machte sich auch keine Illusionen, reich würde er die ersten Jahre sicher nicht werden, aber mehr verdienen als hier allemal. Eines Tages würde er dann zurückkommen, vielleicht.

Die Gringa hatte nun ein Buch auf dem Schoß liegen und schmökerte, las hier ein wenig, blätterte, las dort. Es mußte ein Reiseführer sein: alle paar Seiten konnte er ein Foto, eine Zeichnung erkennen, einmal den Raster eines Stadtplans, und dazwischen zweispaltige Texte in verschiedenen Schriften. Wenn sie blätterte, glaubte er, trotz des Lärms, den der Bus machte, das Papier zu hören, wie ein Blatt am anderen vorüberglitt, es streifte.

Seine Hände: die harten Fingernägel abgebrochen oder abgebissen, die Ränder schwarz; die Haut verschorft und spröde; sie würden Monate brauchen, um wieder glatt und weich zu werden und streicheln zu können. Er prüfte seine Finger, strich mit den Kuppen über die Hutkrempe, spürte nur ein ungenaues Schaben, mehr nicht.

Irgendwann würde sie aufhören, auf ihn zu warten.

Er sah nach draußen. Noch immer lagen die Berge da und rührten sich nicht, warteten auf das Zauberwort, das sie erlösen würde, damit sie, endlich, losbrechen könnten, eine gewaltige steinerne Flut. Noch immer zog die Ebene am Fenster vorbei, rostrot und rotbraun, mit gelben, grünen und ockerfarbenen Flecken, nur daß das Licht jetzt ein wenig flacher einfiel und die Schatten länger geworden waren. Und noch immer schnitt die Straße schnurgerade durch das Land, über sechzig Kilometer, hatte er einmal gehört, verlief sie ohne eine einzige Kurve, ohne eine Biegung, ohne auch nur die geringste Richtungsänderung, ein blauschwarzes, manchmal graubraunes Band, auf dem der Bus dahinpolterte, eine alles verdunkelnde Staubwolke hinter sich aufwirbelnd, ein Reißverschluß, der die beiden Teile der Ebene zusammenhielt und den der Bus jetzt öffnete; er wußte, wenn er sich jetzt umdrehte, würde er sehen, daß hinter ihnen ein Riß klaffte, wie dieser Riß immer breiter und breiter wurde und das rote Tuch der Steppe auseinanderbrach.

Irgendwann würde sie ihn vergessen haben.

Das war bei Ramón so gewesen und bei Alberto Pozas, und bei Sergio Ramírez ebenso. Irgendwann wußten diese Frauen nicht mehr, mit wem sie zusammengewesen waren und wie lange und wie der Mann hieß, von dem die Kinder stammten, und das würde bei ihm nicht anders sein.

Er blickte zur Gringa hinüber. Sie war über dem Buch, das noch immer auf ihrem Schoß lag, eingeschlafen, ihr Kopf war vornüber gesunken und schwankte im Rhythmus des Busses hin und her.

Dann hielt der Bus, drei Männer stiegen ein, und er wußte es sofort und verspürte nicht einmal Angst.

Die beiden älteren blieben vorne stehen und plauderten beiläufig mit dem Fahrer, während der jüngere den Gang nach hinten ging.

Dann drehten sie sich um und hielten Revolver in ihren Händen.

Das ist ein Überfall!

Die Gringa schreckte aus dem Schlaf hoch.

Machen Sie keine Mätzchen, dann geschieht Ihnen nichts!

Er sah zum Fenster hinaus, betrachtete sein Spiegelbild, das über der Landschaft flackerte. Er fühlte sich auf einmal hellwach und zugleich unendlich müde, fast erschöpft.

¿Un atraco?

Die Gringa blickte ihn an, die Augen weit aufgerissen.

Sí, señora. ¡Quédese en calma!

Sie drehte sich um und rief dem älteren Paar hinten durch den Lärm etwas zu, nickte, hob die Hände, machte beschwichtigende Gesten, ließ sich auf den Sitz fallen, faltete die Hände, drückte sie so fest zusammen, daß die Knöchel weiß hervortraten.

Die Männer begannen mit der Arbeit: langsam, ohne Eile, gingen sie von Reihe zu Reihe, der eine hielt den Fahrgästen den Revolver hin und sagte etwas, der andere mußte nur den Leinensack aufhalten, und hinein fielen Münzen, Scheine, Uhren, Ringe, Armbänder, Halsketten, Ohrringe. Wenn jemand aufbegehrte oder zögerte, brauchte der eine nur ein wenig mit dem Revolver winken, und schon leerte der Mann seine Geldtasche aus, streifte die Uhr vom Handgelenk, knipste sich die Frau den Schmuck von Hals und Ohren.

Er sah zum Fenster hinaus. Die nächste Station erreichten sie in zehn Minuten, bis dahin waren die Männer längst fertig und ausgestiegen. Wahrscheinlich folgte dem Bus schon ein Wagen, der die drei sofort aufnehmen und mit ihnen davonbrausen würde.

Nun standen sie bei der Gringa.

Einen Moment lang sah es aus, als würde sie nichts bemerken oder als wolle sie Widerstand leisten, indem sie die Männer einfach nicht zur Kenntnis nehmen würde, oder als sei sie erstarrt, unfähig, sich zu bewegen.

Perdóneme, señorita, su dinero.

Die Gringa erwachte, sah die Männer an, als ob sie sich erst erinnern müßte, griff nach einem schwarzen Täschchen, das sie unter dem T-Shirt am Hosengürtel trug, holte einen braunen Lederbeutel hervor und leert~ ihn in den dargebotenen Sack.

¿Permítame?

Der Mann mit dem Revolver beugte sich vor, tastete mit der Linken ihren Nacken ab, ließ die Hand den Rand des Ausschnitts hinab gleiten und zog ein Silberkettchen hervor.

¡Esto no, por favor! Es regalo, de mi novio.

Der Mann zögerte, warf dem anderen einen Blick zu, dann zog er die Hand zurück und ließ das Kettchen auf die Brust der Gringa gleiten.

¡Guardéselo! Und geben Sie auf sich acht, Señorita!

Dann winkte er mit dem Revolver: ¿Y tú?

Er griff in den rechten Hosensack, holte ein paar Münzen und zwei Scheine hervor.

¿Es todo?

Sí. No tengo más.

¡Levántate!

Er erhob sich langsam, unendlich müde, hielt dabei den Hut auf die Oberschenkel gepreßt.

¡Vacía los bolsillos!

Er griff in den linken Hosensack, stülpte ihn um.

¡Siga!

Er griff in die Gesäßtasche, spürte das Bündel, fingerte ein paar Scheine heraus.

¡Todo, por favor!

Er griff noch einmal hinein und holte den Rest hervor. Er sah nicht zu, wie die Scheine in dem Leinensack verschwanden.

Er sank zurück auf den Sitz, vermied es, die Gringa anzusehen.

Ein paar Minuten später waren die Männer fertig. Sie ließen den Bus anhalten, grüßten und stiegen aus. Als der Bus anfuhr, sah er, wie einer die Straße hinabspähte und winkte.

Kein Wort würde sie ihm glauben. Sie würde denken, er habe wieder einmal alles Geld in einer der Spielhöllen verloren oder in der Casa Chica gelassen, deren Namen sie noch nie, nicht ein einziges Mal, ausgesprochen hatte.

¡Maldito idiota! Und ich dachte schon, du wärst endlich davon losgekommen!

Sie hatte schon recht: hin und wieder hatte es ihn angewandelt, wenn er sah, wieviel Pedro einstreifte oder Emilio, während er sich von den lächerlichen Scheinehen, die man ihm gebündelt auf die Tischplatte knallte und für die er eine Woche lang geschuftet hatte, nichts ersparen konnte; keine Rede davon, sich irgendwann einmal ein Stück Grund kaufen und ein Haus bauen zu können, nicht einmal für die nötigsten Renovierungsarbeiten an seiner Hütte reichte es aus, gerade genug zum Leben, mehr war es nicht, und dann hatte er eben sein Glück versucht, versuchen müssen, wenn er nicht weitermachen wollte wie bisher: Woche für Woche die gleiche Schinderei für Woche für Woche weniger Geld. Aber das mit der Casa Chica war schon lange vorbei: seit Jorge bei ihr aus und ein ging und sich gebärdete, als sei er der Eroberer der Neuen Welt persönlich, hatte er sich zurückgezogen. Zwei streitende Gockel, das war nicht seine Sache.

Draußen streckten sich die Schatten, legten sich erste Schleier über die Ebene.

Und dann, plötzlich, sah er es, spürte er es, bevor der Bus die Geschwindigkeit verringerte und an dem Schotterweg hielt, wo er auszusteigen hatte: wie die goldgelben Wogen des versteinerten Meeres, die Jahrmillionen ausgeharrt hatten, angehalten in ihrer Bewegung vom Spruch, der Geste eines vorzeitlichen Magiers oder Gottes, sich aus ihrer Erstarrung lösten, in Bewegung setzten und heranrollten, tobend, brausend, Gischt aus Geröll und Kieseln und Sand versprühend, barsten, über dem Bus zusammenschlugen und ihn mitsamt seiner Fracht unter sich begruben.

Der Vogel im Rinnstein

Warum ihm der Vogel im Rinnstein aufgefallen war, konnte er nicht mit Sicherheit sagen, war ihm doch der Anblick toter Tiere in diesem Land, in dem man seit jeher über das Sterben gnädig hinweggeblickt hatte, dafür aber umso inniger den Tod zu feiern verstand, durchaus geläufig: jeden Freitag, wenn er, um in sein Wochenendhaus zu gelangen, die Calzada Ermita Iztapalapa und danach die Carretera Federal Mexico-Puebla hinausfuhr, vorbei an den ausufernden Stadtrandsiedlungen mit ihren fahlen Beronkolossen, den Werkstätten, die oft nur aus einfachsten Wellblech- und Bretterbuden bestanden, den Schwarzbauten aus zusammengestohlenen Ziegeln und den engen, staubigen Gassen, auf denen die Kriminalität gedieh wie ein ansteckender Virus, sah er dutzende Kadaver halbverhungerter Köter am Straßenrand liegen, aufgebläht oder zerhackt von den Schnäbeln unverschämter Vögel, die sich auf ihrer Suche nach Nahrung immer tiefer in die Stadt vorwagten (ein Anblick, der eine arbeitsreiche und meist von Streß und Ärger mit unfähigen oder unwilligen Kollegen und Handgeld erwartenden Beamten geprägte Woche beendete und den er sich bei der Rückfahrt nach einem erholsamen Wochenende ersparte, weshalb er immer erst spätabends heimkehrte, wenn die Nacht die Sicht auf die dunklen, meist nicht oder nur unzureichend elektrifizierten Viertel nahm); alle paar hundert Meter lag ein toter Hund auf dem Schorterstreifen neben der Fahrbahn, manchmal auch eine Katze oder ein anderes nicht mehr identifizierbares Tier, und wenn er bedachte, mit welch stumpfen, fiebrigen Blicken diese Kreaturen die Straßen entlangtrotteten, auf den Beinen gehalten nur noch vom Wunsch, irgend etwas Preßbares zu finden, und sei es ein Papier, das man gierig ausschlecken konnte, und wie sie unvermittelt, ohne auf den vorbeirollenden Verkehr zu achten, die Straßenseite wechselten, dann wunderte ihn die Zahl der von Autos überfahrenen Hunde nicht mehr, die in diesem Land in die Tausende gehen mußte; wo auch immer er hinkam, es lagen tote Tiere in den Straßengräben, nur daß es auf den Überlandstrecken andere, größere waren, Ziegen, Schafe, Esel, auch an den aufgeblähten Kadaver eines Pferdes konnte er sich erinnern, auf dem diese schwarzen, krummschnäbligen Vögel hockten und in den leeren Augenhöhlen wühlten, die Ratten, die über den Körper huschten und an Haut- und Gewebefetzen zerrten, und die beiden Hunde, die sich um ein Stück rotes Fleisch stritten; und jetzt lag da vor ihm ein gewöhnlicher Vogel im Rinnstein, und ausgerechnet der hatte seine Aufmerksamkeit erregt.

Er trat vom Gehsteig und schubste das tote Tier mit dem Schuh an. Bei Tieren kannte er sich nicht besonders aus, bei Vögeln schon gar nicht. Für eine Taube schien er ihm jedenfalls zu klein; wahrscheinlich zählte er zu jener Spezies, die in Scharen die Parkbäume bevölkerte und jeden Abend ein Gezeter anstimmte, als gelte es, den restlichen Lärm der Stadt zu übertönen. Er konnte auch keine Verletzungen erkennen. Der Vogel lag einfach da, Schnabel und Augen aufgerissen, als hätte ihn jemand erwürgt. Das Gefieder war aufgeplustert und nur wenig verschmutzt: der Vogel konnte also noch nicht lange hier liegen. Er schob das Tier mit dem Fuß unter einen Wagen, bis es nicht mehr zu sehen war. Dann ging er weiter.

Unten an der Kreuzung Balderas/lndependencia stieß er auf Guillermo, der gerade versuchte, eine Quesadilla in seinen Mund zu stopfen, ohne sich dabei anzupatzen.

¿Algo nuevo?

Guillermo konnte man fragen, worüber man wollte, er war immer auf dem laufenden und gab stets bereitwillig Auskunft.

Nur das Übliche. Der Peso fällt, die Arbeitslosigkeit steigt. Ansonsten gehts uns gut, wenn man Señor Presidente Glauben schenken darf.

¿Nada extraordinario?

¿A qué te refieres?

Keine Katastrophen? Kein Erdbeben? Nicht einmal ein Chemieunfall?

Guillermo hob den Kopf und glotzte ihn an, die Lippen rotverschmiert von der Salsa.

Ist was mit dir heute?

Nein, gar nichts. Ich dachte nur.

Guillermo verheimlichte etwas, soviel stand für ihn fest.

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, drehte er sich noch einmal um: Guillermo war bereits im Menschengewühl des Metroeingangs untergetaucht.

An der Ecke Balderas/Victoria klingelte es. Instinktiv blieb er stehen, gerade noch rechtzeitig, um nicht von einem Radfahrer zusammengefahren zu werden, der, einen mindestens zwei Meter hohen Turm aus Zeitungen auf dem Gepäckträger balancierend, die Straße weiterschwankte und irgend etwas brüllte, was in dem Lärm zwar nicht zu verstehen war, er sich aber leicht zusammenreimen konnte.

Er atmete ein paarmal durch, wartete, bis sich das Trommeln in seinen Schläfen beruhigt hatte, und ging dann hinunter ins La Habana.

Enrique wartete bereits. Mehr als zwanzig Jahre kannten sie einander, aber noch nie war er in Enriques Wohnung gewesen; er kannte nicht einmal dessen Adresse, nur die Telefonnummer und sein Postfach. Man munkelte, er wohne in Lomas, aber das war wohl nur eine Spekulation, ein Gerücht, vielleicht von Enrique selbst in Umlauf gebracht, genauso fragwürdig und dubios wie seine Frauengeschichten und alles andere, was man sich über ihn erzählte.

¡Siéntate!

Enrique winkte mit seiner fleischigen Hand der Kellnerin und bestellte zwei Mokka.

Wenn man Enrique treffen wollte, brauchte man nur in eines der Lokale gehen, in denen er den Großteil seines Lebens zu verbringen schien; man mußte bloß wissen, wann er sich wo aufzuhalten pflegte: montags beispielsweise frühstückte er in der Casa de los Azulejos mit ein paar Verlegern und Redakteuren, Dienstag nachmittag und abend war er im Café der Librería Gandhi in Coyoacán anzutreffen (wo er sich allerdings nur ungern beim Schachspiel stören ließ), Mittwoch tingelte er abends durch die Cantinas südlich des Zócalo, die Donnerstage verbrachte er unter anderem im La Habana, Freitag fand man ihn im El Parnaso (lesend oder im Gespräch mit irgendwelchen Jungautoren und Verehrerinnen, deren Huldigungen er zwischen Cappuccini und flüchtiger Lektüre von Neuerscheinungen hinnahm) oder vor dem Cafe Jarocho, die Spezialität des Hauses schlürfend, während er mit dem Besitzer einen Plausch hielt, und samstags im Córdoba, wo er mit Schriftstellerkollegen Texte diskutierte, Untergänge heraufbeschwor, Intrigen spann und die nächste Revolution vorbereitete.

Wir müssen etwas unternehmen, begann er, auf jeden Fall dürfen wir nicht dazu schweigen!

¿A qué te refieres?

Zunächst geht es darum, daß wir uns artikulieren, gemäß unserer Rolle als Journalisten und Schriftsteller. Ich habe an eine Resolution gedacht, die wir in den Sonntagsausgaben veröffentlichen könnten. Ich habe auch schon einen Text vorbereitet. ¡Escucha!

Daß die Unterzeichneten ihrer Besorgnis über die jüngste Entwicklung unten im Chiapas Ausdruck verleihen würden; daß es nicht angehe, wenn; daß man nicht hinnehmen könne, daß; daß man die Regierung, namentlich den Präsidenten, auffordere, schnellstens; daß man sich andere Schritte des Protests überlege, wenn nicht bald; daß die Unterzeichneten aber auch die Hoffnung nicht –

Enrique stockte.

Sag einmal, hörst du mir überhaupt zu?

Ich habe einen toten Vogel gesehen, vorhin, im Rinnstein.

Einen toten Vogel!

Enrique schlug mit der rechten Handfläche auf die Tischplatte, daß die Tassen klirrten, und starrte ihn entgeistert an.

Da empört sich die ganze Welt darüber, daß der Präsident und seine korrupten Minister die Vorgangsweise des Militärs nicht nur decken, sondern auch noch öffentlich gutheißen, und dann faselst du etwas von einem toten Vogel!

Der Vogel hatte keine Verletzungen.

Bist du nicht ganz richtig?

Er war erst seit kurzem tot. Es sah aus, als hätte ihn jemand erwürgt.

Schlag mich, komm, schlag mich! – Enrique tippte sich mit dem Zeigefinger auf die rechte Wange. – Bitte, schlag mich, ich muß aus diesem Alptraum aufwachen.

Du verstehst mich nicht ganz: Der Vogel hätte noch zu leben gehabt, hatte vielleicht eine Brut aufzuziehen oder war auf der Suche nach einem Weibchen, aber irgend etwas hat ihn daran gehindert und ihn umgebracht.

Enrique lehnte sich mit einem Seufzer zurück.

Was für ein Land und was für Menschen! Aber sie verdienens nicht besser.

Laß dein Pathos für einen Augenblick, Enrique! Ich habe eine Entdeckung gemacht, die mich beunruhigt.

Daß alle Lebewesen einmal sterben müssen?

Spotte nicht!

Daß irgendein Straßenjunge das Produkt seiner Mutprobe oder Aggression liegengelassen hat?

Mach dich nicht lustig über mich!

Daß ein Ich-bin-ja-so-eine-empfindsame-Seele-Dichter den Anblick toter Tiere auf einmal nicht mehr ertragen kann?

Du verstehst mich nicht.

Ich würde dich sehr gerne verstehen, ich – Enrique beugte sich vor – bemühe mich sogar ernsthaft, dich zu verstehen, aber – Enrique warf das Papier mit der Resolution auf die Tischplatte zwischen ihnen – es gibt eben Dinge, die mich mehr beunruhigen – Enrique trommelte mit dem rechten Zeigefinger auf das Papier vor ihm – als ein toter Vogel, der aus allen Wolken gefallen ist!

Sie schwiegen erschöpft. Die Kellnerin schaute besorgt zu ihnen herüber, drehte den Kopf schnell weg, als sie bemerkte, daß ihr Blick erwidert wurde.

Enrique versuchte einen zweiten Anlauf.

Und: wirst du die Resolution unterschreiben?

Ich –

Also gut: es tut mir leid, dich mit dem Einfall des Militärs im Süden belästigt zu haben, aber ich konnte ja nicht ahnen, daß ich besser eine Protestnote gegen den Vogeltod in Mexico hätte verfassen sollen.

Hör auf mit deinem Zynismus! Ich unterschreibe ja, ich bin nur etwas verwirrt.

Verwirrt ist noch ein freundlicher Ausdruck für deinen Zustand. Na ja, ist wohl nicht dein Tag, Amigo.

Enrique nahm das Blatt, legte es in eine Mappe, die er in seine Aktentasche schob, und schnippte nach der Kellnerin.

¡Yo pago!

Wenn er diesen Ton anschlug, duldete er keine Widerrede. Er legte einen Schein auf die Tasse und erhob sich.

Ich muß jetzt gehn, ich habe noch zu tun.

Als er schon beim nächsten Tisch angekommen war, drehte er sich noch einmal um und grinste.

Nimms nicht zu tragisch, Amigo. Und: ich beteilige mich selbstverständlich an den Begräbniskosten deines Vogels.

Als er das nächste Mal an der Tasse nippte, war der Kaffee bereits kalt. Er winkte der Kellnerin, erinnerte sich, daß Enrique schon gezahlt hatte, erhob sich, bedeutete der verdutzten Kellnerin, die sich auf sein Zeichen hin in Bewegung gesetzt hatte, sie könne zur Theke zurückkehren, und verließ auf schnellstem Weg das Lokal. Hier konnte er sich für längere Zeit nicht mehr blicken lassen.

Was er an Enrique haßte, war dessen Zynismus und fehlende Bereitschaft, auf Probleme und Themen anderer einzugehen, wenn sie nicht zugleich die seinen waren. Aber so aufgeregt hatte er ihn noch nie erlebt. Enrique mußte etwas wissen.

Eine Zeitlang streifte er ziellos durch das Viertel, blätterte gedankenverloren in den Schriften auf den Ständen vor der Bücherei, sah auf der Plaza Ciudadela den Jungen beim Ballspiel zu, winkte vor dem Silberladen dem Orangensaftverkäufer, stand vor einem Zeitungskiosk so lange, bis ihn der Blick des Verkäufers verjagte, und fand sich plötzlich unweit der Stelle wieder, wo der Vogel gelegen war.

Ohne lange zu überlegen, trat er näher heran. Der Wagen, unter den er den Vogel geschoben hatte, war fort; statt dessen stand eine Limousine da, breitbeinig, silbrig glänzend und bewacht von einem Livrierten, der gelangweilt an der Kühlerhaube lehnte und seine Fingernägel reinigte.

Er zögerte und sah sich um. Niemand beachtete ihn. Die Leute hier hatten andere Dinge im Sinn als tote Vögel.

Er bückte sich und spähte unter den Wagen.

Das kleine graue Federbündel lag noch immer da, etwas zerzauster nur und dreckiger.

¿Qué está. haciendo aqui?

Der Livrierte, breitbeinig, groß und mißtrauisch über ihm.

Er hörte sich etwas von einem Schlüssel daherreden, den er verloren hätte und den er irgendwo hier vermutete, merkte an dem Gesichtsausdruck des Mannes, daß ihm dieser kein Wort glaubte, und machte sich davon.

Er brauchte jemanden, dem er von dem Vogel erzählen konnte, ohne gleich verlacht oder für verrückt erklärt zu werden. Nach längerem Nachdenken fiel ihm Clara ein, die ganz in der Nähe beim Excelsior arbeitete. Clara würde ihn verstehen.

Als er ihr Büro betrat, wußte er sofort, sie würde nicht. Aber zum Umkehren war es zu spät, Clara hatte ihn bereits erblickt.

Was suchst denn du hier? krähte sie durch den Raum. Er spürte, wie ihn dutzende Augenpaare fixierten.

Können wir irgendwo in Ruhe miteinander reden? flüsterte er, als er dicht vor ihrem Schreibtisch stand.

Heute? Jetzt? Merkst du nicht, was hier los ist?

In der Straße gleich um die Ecke habe ich im Rinnstein einen toten Vogel gesehen, er –

Dein Vogel ist quicklebendig, und ich hör ihn gerade zwitschern.

Der Bienenschwarm ihrer Finger schwirrte über die Tastatur. Heute war mit niemandem zu reden.

Daß du dich immer nur dann blicken läßt, wenn du ein Problem hast! – Sie blickte nicht einmal auf.

Ich habe kein Problem. Aber vielleicht haben wir alle bald eines.

Weil du einen toten Vogel gesehen hast?

Weil dieser tote Vogel möglicherweise keines natürlichen Todes gestorben ist.

Das ist in diesem Land nichts Besonderes. Also, was willst du?

Ich –

Er ließ sich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch sinken, merkte erst, als sie aufschrie, daß er sich auf einen Papierstoß gesetzt hatte, auf dem auch noch ein paar Disketten lagen.

Er sprang auf und ordnete alles, so gut er konnte; dabei vermied er es, ihr ins Gesicht zu sehen.

Ich fürchte, es ist wirklich nicht mein Tag, sagte er, mehr zu sich als an sie gewandt, ¡Hasta luego! und floh aus dem Raum.

Draußen spürte er ein Brennen in Augen und Nase, schmeckte Bitteres auf Zunge und Lippen, die er sich vergeblich abwischte, mußte niesen, mehrmals, sehneuzte sich, sah, wie sich sein Taschentuch rot färbte. Es war seit Jahren das erste Mal, daß er Nasenbluten hatte.

Beim nächsten Zeitschriftenstand kaufte er sich eine Ausgabe der Jornada. Der Verkäufer wirkte müde.

¿Novedades?

Der Mann griff nach einer Zeitung und reichte sie ihm.

Nein, ich meine tatsächlich Neuigkeiten.

Steht alles da drin, erwiderte der Mann und begann an der rechten Stellwand die Zeitschriften zu ordnen.

Ich meine etwas Aktuelles, das noch nicht –

Er ließ es bleiben. Der Rücken gab keine Anzeichen, irgendwann einmal gesprächiger zu werden.

Er bog auf die Avenida Juárez ein. Auf die Fenster einer Bank hatte man Parolen gesprüht; AQUÍ SE ROBAN TUS $ stand da in großen schwarzen Lettern, hier raubt man dir deine Pesos. Gegenüber unter den Bäumen lag noch immer die Zeltstadt, verborgen hinter Plakaten und Spruchbändern mit aufgemalten Gewehren, Hammer und Sichel, geballten Fäusten und dem Konterfei Emiliano Zapatas.

Obwohl es nicht sehr heiß und die Sonne seit dem Morgen noch nicht durch die graue Wolkendecke gedrungen war, verspürte er plötzlich ein intensives Bedürfnis nach Ruhe und Schatten, nach Grün und dem Geruch von Erde.

Er ging hinüber in den Alameda-Park mit seinen Springbrunnen, Taco-, Eis- und Obstständen, den Zauberern, Predigern, Jongleuren, Liebespaaren, unter den Bäumen herumtollenden Kindern und im Schatten dösenden Arbeitern. Heute war ein gewöhnlicher Arbeitstag, dazu kein schönes Wetter, er würde sicher eine einsame Parkbank finden und sich etwas erholen können.

An einem der Stände kaufte er einen Becher Obst. Er sah schon eine Bank, die ihm günstig gelegen schien – weitab von den Plätzen mit den Springbrunnen, wo stets die größte Unruhe herrschte –, wollte schon auf sie zusteuern, schnell, um zu verhindern, daß sie ihm jemand noch im letzten Moment vor der Nase wegschnappen konnte, als sein Blick auf einen Parkwächter fiel, der gerade im Begriff war, auf seine Schaufel einen kleinen Haufen aus Laub und verschiedenem Abfall zu kehren und in dem ein Federbündel zu erkennen war.

Er stürzte auf den Mann los, entriß ihm den Besen und verteilte die Abfälle auf dem Boden.

In der Mitte lag, die Federn von Abfällen und Staub verfilzt, ein kleiner grauer Vogel.

¿Está loco? Der Mann streckte die Hand nach dem Besen aus. ¡Dámelo!

Statt einer Antwort hockte er sich nieder und betrachtete den Vogel genauer. Er lag da, Schnabel und Augen aufgerissen, als hätte ihn jemand erwürgt. Verletzungen konnte er keine erkennen.

Wie viele tote Vögel haben Sie heute schon zusammengekehrt?

No sé. Ich achte nicht auf sowas.

¿Tres? ¿Cinco? ¿Diez?

No sé.

¿Veinte? ¿Más?

Ya le dije: no sé.

Aber Sie müssen doch wissen, was Sie hier zusammenkehren!

Gar nichts muß ich. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe!

Es importante, señor, muy importante. Können Sie sich nicht erinnern, wie viele –

Ein paar werden es schon gewesen sein.

Ein paar? Mehr als sonst?

Kann ich nicht sagen.

Waren es deutlich mehr als sonst?

Von wem sind Sie? Von der Polizei? Von der Behörde?

Nein, weder noch. Ich möchte nur wissen, ob –

Sie sind da, um mich zu kontrollieren?!

Sie irren sich, ich will bloß –

Ich sage gar nichts.

Bitte, Señor!

Gehen Sie!

Vertrauen Sie mir, Señor!

Verschwinden Sie, bevor ich –!

Der Mann war laut geworden. Es hatte keinen Sinn, weiter auf ihn einzureden. Überdies war man schon überall in der Umgebung auf sie aufmerksam geworden und äugte herüber.

Er gab dem Parkwächter den Besen zurück. Der Mann mußte Angst haben.

Als er erwachte, war das Licht noch trüber geworden; selbst die Bäume und Hecken machten in dem milchig-gelben Schein einen kränklichen Eindruck.

Irritiert blickte er sich um. Erst nach und nach sickerten die vergangeneo Stunden in sein Bewußtsein: Claras Finger, wie sie über der Tastatur schwirrten; Guillermos von der Salsa rotverschmierter Mund; der fleischige Finger, der auf Enriques Wange tippte; der Rücken des Zeitungsverkäufers; der Parkwächter, wie er den Besen an sich riß.

Der Vogel im Rinnstein.

Er blickte auf die Uhr: er mußte mindestens eine Stunde geschlafen haben. Der Becher mit dem Obst stand noch unberührt neben ihm auf der Bank, daneben lag die Zeitung, ein Teil war auf den Boden gefallen und aufgeklappt. Ein Foto zeigte eine Gruppe von schwarz vermummten Männern, die die Hände zu Fäusten geballt hatten und Gewehre über den Köpfen schwenkten.