Der finstere Tag - Dominic Nolan - ebook

Der finstere Tag ebook

Dominic Nolan

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Opis

Sie wacht auf in einem leeren Raum, neben sich eine Tote. Wer ist sie? Wo kommt sie her? Sie kann sich an nichts erinnern. Detective Abigail Boone war tagelang verschwunden, als sie schwer verletzt und ohne Gedächtnis aufgegriffen wird. Sohn und Ehemann sind ihr fremd, den Polizeidienst musste sie verlassen. Abigail sieht nur eine Chance, Antworten zu bekommen und herauszufinden, wer ihr Leben zerstört hat - sie muss ihren letzten, noch immer ungeklärten Fall neu aufrollen. Jeder warnt sie vor diesem brandgefährlichen Plan: Denn wie soll sie ohne Gedächtnis wissen, wem sie trauen kann oder wer ihr Böses will?

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumWidmungZitatEins123456789Zwei1011121314151617181920Drei2122232425262728293031Vier323334353637383940414243444546Fünf474849505152535455Sechs56575859Danksagung

Über dieses Buch

Sie wacht auf in einem leeren Raum, neben sich eine Tote. Wer ist sie? Wo kommt sie her? Sie kann sich an nichts erinnern. Detective Abigail Boone war tagelang verschwunden, als sie schwer verletzt und ohne Gedächtnis aufgegriffen wird. Sohn und Ehemann sind ihr fremd. Abigail sieht nur einen Ausweg aus ihrer schrecklichen Situation: ihren letzten Fall neu aufzurollen. Doch dieser Weg führte sie schon einmal in tödliche Gefahr – und diesmal weiß sie nicht, wer Freund oder Feind ist …

Über den Autor

Dominic Nolan ist im Norden von London geboren und aufgewachsen. Der finstere Tag ist sein Krimidebüt.

D O M I N I C  N O L A N

DERFINSTERE

TAG

K R I M I N A L R O M A N

Aus dem Englischen vonFreya Gehrke

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2019 by Dominic Nolan

Published by Arrangement with Dominic Nolan

Titel der englischen Originalausgabe: »Past Life«

Originalverlag: Headline Publishing Group

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlagmotive: © shutterstock: Charlie Tyack | Party people studio | ­donatas1205; © Arcangel Images: Stephen Mulcahey

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-7804-7

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Für Val und Jim NolanQuellen der Freiheit

Wie können wir ohne unsere Vorleben leben?Wie sollen wir wissen, wer wir sind, ohne unsere Vergangenheit?

John Steinbeck

Es ist allein das Leben, das ich führte,das mich am Freitod hindert.

Blaise Cendrars

Was immer auch geschehen war, es zog sich bereits aus ihrem Bewusstsein zurück, zerfaserte schneller, als sie es greifen konnte. Verwundert stellte sie fest, dass sie lag. Unter sich eine nackte Matratze, den Blick auf eine Wand gerichtet. Im schwachen Licht glitt ihr Blick durch den Raum, auf der Suche nach etwas Vertrautem, irgendetwas, das ihr verraten würde, wo sie sich befand. Das Fenster war sorgsam mit Brettern vernagelt, nein, an beiden Seiten verschraubt. An den Wänden eine billige Prägetapete, ehemals weiß, mittlerweile braun verfärbt und Blasen werfend vor Feuchtigkeit. An einer Ecke rollte sie sich auf und gab da­run­terliegende Schichten frei wie ein sich zersetzender Katalog der Inneneinrichtungsgeschichte.

Relikte vergangener Völker.

Sie war erschöpft. Nein, mehr als das – ausgelaugt, als wäre da etwas, das mit ihr geschähe und das ihre Knochen müde und ihren Kopf schwindlig und wattig machte. Sie hatte Angst, spürte sie tief unten im Bauch, wusste aber nicht, wovor. Wusste überhaupt nichts. Mit dieser eisigen Erkenntnis kam leise Panik in ihr auf. Es würde ihr schon wieder einfallen, sagte sie sich, ihr würde alles wieder einfallen. Bleib einfach nur einen Moment liegen und warte, bis der offensichtliche Kram zurückkommt.

Wie zum Beispiel dein Name.

Ihr Körper begann sich bemerkbar zu machen. Pochender Schädel, rauer, ausgetrockneter Mund. Ein Auge war kaum mehr als ein Schlitz, ihr Gesicht berührungsempfindlich, und überall meldeten sich neue schmerzende Stellen, schneller, als sie hinterherkam. Das konnte sie sich unmöglich selbst ausgesucht haben, ganz egal, was das nun genau war. Sich zu bewegen war eine He­rausforderung, und in ihrem Kampf, sich aufzurichten, sackte sie erst wie betrunken zur Seite, bevor sie sich auf die Knie hochstemmte.

Sie war nicht allein.

In der gegenüberliegenden Ecke saß eine spärlich bekleidete junge Frau zusammengesackt an der Wand, die Beine ausgestreckt, die bloßen Füße nach innen gekehrt.

Als sie das Mädchen ansprechen wollte, hakte ihre Stimme unangenehm. Mit Mühe sammelte sie etwas Speichel im Mund und räusperte sich rau.

»Hey.«

Nichts.

»Hallo?«

Sie kroch auf die andere zu und fühlte dabei, dass auch ihre Knie und Schienbeine zerschlagen waren. Das Mädchen war im Grunde noch ein Teenager, ihr kindlicher Körper ließ sie jünger erscheinen, ihre Haut hatte die Farbe von Sand bei Ebbe. In ihrer Armbeuge entdeckte sie kleine Insektenstiche entlang der Venen, am Boden eine Spritze und einen Löffel, das volle Programm. Endlich war sie nahe genug, um sich vorzubeugen und ihre Hand unter die Nase der anderen zu halten.

»Scheiße.«

Als am Hals des Mädchens kein Puls zu finden war, drückte sie das Ohr an ihre Brust, gerade oberhalb des winzigen Tops, das ihre kleinen Brüste bedeckte. Nichts. Die Haut war eiskalt.

Tief durchatmen. Widersteh dem Drang, laut um Hilfe zu rufen.

Die Tür war verschlossen und hatte innen keinen Knauf, über das Loch war eine Messingplakette geschraubt. An einem der Bretter vor dem Fenster waren die Schrauben gelöst, und hastig kroch sie hi­nüber und zog das lose Ende zurück. Hinter dem Glas war es dunkel, und sie erkannte, dass das Fenster auch von außen vernagelt war. Sie ließ sich an die Wand unter dem Sims sinken, wo einem ungestrichenen Fleck nach einmal eine Heizung gestanden haben musste.

Die funzlige Beleuchtung stammte von einer schwachen Glühbirne in einer Lampe am Boden, von deren versifftem fuchsienfarbigen Schirm Fransen baumelten. Eingesteckt war sie nicht in eine Steckdose, sondern in ein Verlängerungskabel, das unter der Tür hindurch nach draußen verschwand. Der museumsreife Teppich hatte wahrscheinlich irgendwann in den Siebzigern in einem spritzigen Orange geleuchtet. Mittlerweile war er nicht nur vor Dreck dunkel, sondern an einigen Stellen so durchgelaufen, dass die rußigen Partikel des zerbröselten Unterbelags sich wie Brandspuren da­rum ausbreiteten. Über die Beschaffenheit und Herkunft der zahllosen Flecken würde sie nicht weiter spekulieren.

Sie war allein und wusste ein paar Dinge. Was eine Heizung war und Tapete und Türen und Schlösser und was das Fehlen eines Herzschlags bedeutete. Und, als sie es hörte, das Geräusch von Schritten. Sie erstarrte. Es kam von außerhalb des Zimmers, schätzungsweise von Schuhen auf nackten Dielenbrettern. Vorsichtig schob sie sich zur Tür und hielt ein Ohr da­ran. Vom Rahmen schälte sich die alte weiße Farbe ab und lag in kleinen Kringeln auf dem Boden wie abgeschnittene Fußnägel. Ihr Atem ging schnell und flach, ihr Herzschlag dröhnte ihr in den Ohren. Trotzdem versuchte sie zu lauschen. Stimmen, menschliche Stimmen. Durch die Wand nicht zu verstehen, aber es waren definitiv zwei Stimmen in einem anderen Raum.

Bitte, Gott, mach, dass sie in einer Sprache sprechen, die ich verstehen kann.

Die Schritte kamen direkt zur Tür, klar und deutlich war dabei seine Stimme zu hören – sie wusste, dass es ein Mann war –, doch nichts aus seinem Mund ergab einen Sinn, für sie war es Kauderwelsch. Dem ersten folgte ein zweiter Mann, der den anderen von weiter weg anrief, doch seine Worte waren ihr ebenso unverständlich wie die des ersten.

Was bedeutete das? Hatte sie vergessen, wie Menschen miteinander reden? Vielleicht war sie nicht von hier, wo immer hier auch sein mochte. Eine Ausländerin, verloren und eingesperrt an irgendeinem fernen Ort.

Die erste Stimme blieb vor der Tür stehen. Als sie einen Schlüssel ins Schloss gleiten hörte, krabbelte sie zurück zu ihrer Matratze und legte sich wieder genau so hin, wie sie aufgewacht war, mit dem Rücken zur Tür. Sie hörte die Tür aufschwingen und spürte einen Blick auf sich, doch niemand kam he­rein. Der andere rief etwas aus der Entfernung, der Nähere antwortete. Dann ging die Tür wieder zu, diesmal blieb sie jedoch unverschlossen.

Sie wagte einen Blick über die Schulter, dann huschte sie zur Tür. Einen Spalt weit stand sie noch offen, und durch diesen konnte sie hinter einem weiteren Durchgang auf der anderen Seite ein Stück den Flur hi­nun­ter einen der Männer sehen. Seine Füße und Beine, einen massigen Bauch, der auf den Oberschenkeln auflag, denn der Mann saß auf einem Hocker. Auf den Knien balancierte er ein Tablett, und er trug Handschuhe, die dünne Einmal-Variante. Mit einer Gabel in der Faust, eine Skimaske von der unteren Gesichtshälfte hochgerollt, schaufelte er sich haufenweise Dosenspaghetti in den Mund. Die losen Enden glitschten he­rum, wenn er sie einsaugte, und hinterließen Saucenspuren auf seinen vollen Lippen.

Beinahe hätte sie gelacht. Spaghetti. Was das war, wusste sie auch.

Eine dritte Stimme in dem anderen Zimmer, diesmal von einer Frau. Keine Worte, andere Laute.

Angstlaute. Schmerzenslaute.

Der Mann stellte sein Tablett auf den Boden, stemmte sich hoch und ging weiter ins Zimmer, außer Sichtweite. Bei seiner Masse wiegte er sich dabei schwerfällig hin und her, es war weniger ein Gehen als ein Schwanken. Das Geräusch von Schlägen, weibliches Flehen.

Sie schlüpfte aus der Tür auf den Flur, über dessen gesamte Länge sich am Boden Kabel zogen. Eine Tür am Ende, hinter dem Zimmer, aus dem die Geräusche kamen, sah aus wie ein Wohnungseingang. In der anderen Richtung lagen zwei weitere Räume. Der erste, fast direkt gegenüber, war ein Bad mit satiniertem Glas in der Tür. Der andere war eine Küche. Auf einem Resopaltisch da­rin stand ein Campingbrenner, da­rauf ein Stieltopf mit siedendem Wasser, daneben ein zweiter Topf, in dem verschmierte Saucenreste langsam antrockneten. Das Fenster war wie in dem anderen Zimmer verbarrikadiert, allerdings liefen hier die Kabel zusammen und führten durch ein ausgesägtes Loch im untersten Brett an den unbekannten Ort, von dem der Strom abgezapft wurde.

Sie schlich zurück und trat ins Badezimmer, wobei sie die Tür weit genug offen ließ, um den Eingang des Raums sehen zu können, in dem sie eingesperrt gewesen war. Der Schlüssel steckte noch. Das Bad war eng und fensterlos, die einzige Lichtquelle waren die Milchglaspaneele in der Tür. Auf dem Wannenrand hing eine Zeitung. Sie kniff die Augen zusammen, um in der Düsternis einen genaueren Blick da­rauf werfen zu können, und unterdrückte einen Freudenschrei, als sie die Schlagzeilen las und verstand. Sofort sah sie sich nach weiteren Dingen um, die sie lesen könnte, doch in dem Raum war nichts.

Ein kleiner Hängeschrank über dem Waschbecken war leer, doch als sie ihn schloss, fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild. Das Gesicht war ihr fremd. Nicht weil es zerschlagen und durch Schwellungen verformt war, sondern weil sie absolut sicher war, es nie zuvor gesehen zu haben. Der Mund im Spiegel veranstaltete merkwürdige Dinge, und sie kannte die Augenfarbe nicht. Zitternd sank sie zu Boden und setzte sich mit angezogenen Knien unter das Waschbecken. Der Gipskarton war von den Wänden gerissen, die Rohre waren freigelegt, an der Wanne fehlte die Verkleidung. Am Boden lag eine Kachelscherbe. Sie hob sie auf und umklammerte sie, hielt sie eng an ihre Brust gedrückt.

Durch die Wand hörte sie die andere Frau erneut aufschreien. Angespannt horchte sie auf die Stimme, drückte sich immer tiefer in die Nische zwischen dem kalten Keramiksockel und der bröckelnden Wand, lauschte den Lauten dessen, was sie mit ihr machten. Über den Flur näherten sich schwere Schritte. Endlich zwang sie sich hoch und ging hinter der Tür in Position wie ein Sprinter im Startblock. Als eine dunkle Silhouette über das satinierte Glas glitt, katapultierte sie sich nach draußen und auf den Fleischberg, die zerbrochene Kachel rammte sie tief in sein Fleisch.

Brüllend drückte er den Rücken durch und fingerte nach der Scherbe. Ihr war die Hand abgerutscht, sodass sie sich an der scharfen Kante die Innenfläche aufgeschnitten hatte, doch das Stück Kachel steckte fest in seinem Rücken, kurz unter dem Schulterblatt. Durch den Aufprall aus dem Gleichgewicht gebracht torkelte er in das Zimmer mit der Matratze und sie zog die Tür hinter ihm zu, schloss sie ab und warf den Schlüssel ins Bad, wo er über die Fliesen in einen dunklen Winkel unter der Wanne schlitterte.

Nie und nimmer war dem anderen Mann der Tumult entgangen, außerdem begann der Koloss jetzt zu schreien. Er trat gegen die Tür, doch da sie nach innen öffnete, hielt der Rahmen seinem Ansturm stand.

Zurück in die Küche, wo das Wasser mittlerweile überkochte, zischend und spuckend in der Flamme unter dem Topf verdampfte. Sie umfasste den Stiel – heiß, aber nicht zu heiß –, ließ den Topf aber noch auf dem Brenner. Von einem Fuß auf den anderen wippend hörte sie den zweiten Mann im Flur.

Näher, näher, lass ihn zu dir kommen.

Endlich hob sie den Topf und sprang vor.

Baseballkappe und ein Bandana über Mund und Nase, sodass sie nur seine Augen sehen konnte, dunkel und unversöhnlich, da­rüber schwarze Brauen. Kurzes dunkles Haar, das hinter den kupfrig braunen Ohren abstand. Seine Jeans und sein Gürtel waren offen, nur mit einer Hand zusammengehalten.

Sie starrten einander an, dann schlenzte sie den Topf in seine Richtung.

Kochendes Wasser verbrühte ihm das Gesicht und er stieß einen befremdlichen Schrei aus, vergaß die Jeans und riss mit beiden Händen an dem dampfenden Bandana. Er sackte in die Knie und landete auf dem Hintern, die Jeans hing ihm um die Knöchel – und sie schüttete ihm das verbleibende Wasser über den Schritt, wofür sie einen weiteren Schrei erntete.

Der Koloss hatte das Holzpaneel aus der unteren Türhälfte he­rausgetreten und versuchte sich jetzt auf Händen und Knien durch ein Loch zu zwängen, das für ihn doppelt so groß hätte sein müssen.

Versprach ihr, er würde sie verfickt noch mal umbringen.

Dreckige kleine Fotze.

Jetzt verstand sie wunderbar, was er sagte.

Aus dem anderen Zimmer wankte eine Frau auf den Flur, setzte die nackten Füße sehr vorsichtig. Sie trug nichts außer einem schmutzigen weißen Unterhemd. Ihr blondes Haar war mit dunklem Blut verklebt, mit einer Hand wischte sie ein Rinnsal weg, das ihr vom Skalp ins Auge tropfte.

Sie packte ihren Topf fester, marschierte zu dem Verbrühungsopfer und hieb ihm damit wieder und wieder auf den Schädel. Er gab seltsame Laute von sich und griff nach ihren Knöcheln, doch sie schmetterte den schweren Boden des Topfs gegen seinen Ellbogen, und plötzlich kam seine Atmung seinen Schmerzensschreien kaum hinterher.

Als sie zu reden begann, ergab es keinen Sinn, wie bei den Männern vorhin, nur anders. Sie griff in die Jeanstaschen des Verbrühten und wühlte da­rin he­rum, bis sie auf einen Schlüsselbund stieß. Bis sie die Wohnungstür aufgeschlossen hatte, war der Koloss fast aus dem Loch he­raus, nur ein paar Splitter der zertretenen Tür zerrten noch an ihm. Außen vor der Wohnungstür hing eine Sperrholzplatte, die jedoch nur an einer Ecke befestigt war und sich leicht zur Seite drücken ließ.

Als sie sich nach der anderen Frau durch die Öffnung schob, musste sie ihre Augen bedecken. So grau und bedeckt es auch war, das Licht blendete sie dennoch, und sie blinzelte zum Himmel, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Sie rechnete mit dem ockerfarbenen Backstein eines Wüstenlandes, doch als das Kaleidoskop vor ihren Augen verblasste, fand sie sich auf dem Laubengang im ersten Stock eines Wohnblocks in einer eindeutig britischen Stadt wieder. Die anderen Wohnungen am Laubengang waren ebenfalls verrammelt, der Parkplatz unter ihr so gut wie leer. Vielleicht eine halbe Meile entfernt hockte die röhrenförmige Silhouette eines Stadions vor dem Horizont, etwas näher reihten sich leicht versetzt drei Hochhäuser aneinander. Gigantische Grabsteine, der sterbenden Sonne entgegengerichtet.

Etwas traf sie hart auf die Rückseite des Oberschenkels, und sie stürzte seitwärts.

Der Koloss schob sich durch die Tür und hatte sie gepackt.

»Lauf!«, schrie sie die andere Frau an. »Bleib ja nicht stehen!«

Eine Sekunde lang stand die Fremde wie erstarrt; erst als sie noch einmal angeschrien wurde, sprintete sie zu der Treppe am Ende des Laubengangs.

Sie trat mit der Ferse nach dem Kerl aus und erwischte ihn an der Schläfe und der Schulter. Ihr Bein rutschte ihm aus der Hand, und sie fiel rückwärts in den Schatten der Balustrade. Hastig rappelte sie sich auf und floh in die entgegengesetzte Richtung zu der anderen Frau. Es war eine Sackgasse, hinter der Tür zur letzten Wohnung ragte eine Granitwand empor. Sie hörte, wie er sie verfolgte. Die andere Frau war entkommen. Ihre eigenen Beine würden ohnehin keine Jagd mitmachen. Als sie sich umdrehte, war er da, krallte die großen Hände um ihre Oberarme, sodass seine Daumen sich schmerzhaft in ihre Achselhöhlen bohrten. Er riss sie he­rum, sodass sie gegen die Brüstung prallte und ihr Rücken sich über der Leere wölbte. In Erwartung eines Schlags drehte sie das Gesicht weg, doch er tat nichts.

Sah sie nur durch seine Maske an.

Musterte sie.

Dann hob er sie hoch und warf sie über die Brüstung.

Rückwärts fiel sie hi­nun­ter, ihre Füße wirbelten über ihren Kopf und weiter, bis die Schwerkraft sie erfasste. Etwas Hartes, Unbewegliches traf sie an der Hüfte und am Oberschenkel. Ihr Blick ging in den Himmel, dann kam unvermittelt der Boden, als würde ihr ein Gebirgsmassiv ins Gesicht schlagen.

Der Himmel war zurück. Reglos blieb sie liegen und betrachtete ihre Optionen. Neben ihr stand ein Auto. Sie versuchte da­run­terzukriechen – es war wichtig, dass man sie nicht fand, bevor sie wieder ganz beisammen war. Kein Teil ihres Körpers schien jedoch geneigt, ihren Befehlen zu gehorchen. Da war etwas in ihrem Mund, harte Stückchen, die sie auszuspucken versuchte, doch da drinnen war alles wie Sirup.

Es tauchten Stimmen auf, dann schwebten die dazugehörigen Gesichter über ihr. Jemand berührte sie an der Schulter, sprach tröstende Worte, die sie verstand.

Man sagte ihr, sie solle liegen bleiben, sich nicht bewegen. Hilfe sei unterwegs.

Sie wollte lachen. Was glaubt ihr denn, wohin ich verschwin­­de? Ich schaffe es ja nicht mal unter dieses Auto.

Hoch über den Gesichtern wölkten sich schwarze Rauchschwaden in den Himmel, glitten auf der Brise dahin, die das Ende des Tages einläutete. Feuerzungen leckten hervor, wo die Bretter über den Fenstern zu lodern begannen, die Wohnung dahinter mit all den da­rin verborgenen Gräueln musste in hellen Flammen stehen.

Ihr Bein schmerzte auf eine Weise, die sie nicht einordnen konnte. Es war unter ihr, oder vielleicht auch neben ihr. Etwas bauschte sich über ihr auf, vielleicht eine Jacke, und sank wie eine Decke auf sie herab. Ihr wurde bewusst, dass sie zitterte. Leute sagten, es würde alles wieder gut werden, sprachen es aus wie eine Frage. Sie glaubte, sie vielleicht zu kennen, oder wünschte es sich zumindest.

Andere Stimmen, die mehr Autorität verströmten. Sie wollte etwas sagen, wollte Meldung machen.

Ihnen versichern, dass sie immer noch am Leben war hier drinnen, und dass sie ein paar Dinge noch wusste.

Sagen Sie mir Ihren Namen, Liebes.

Das sollte eigentlich nicht schwierig sein.

Sagen Sie mir, was passiert ist.

Ich weiß nicht, antwortete sie, oder dachte es wahrscheinlich bloß.

Ist schon gut, Liebes. Ist schon gut.

Sie kapierten es nicht. Es war nicht gut. Sie wusste nicht, was passiert war. Sie wusste nicht, was vor ihrem Erwachen in jenem Zimmer geschehen war, nicht einmal ihren eigenen Namen kannte sie.

Sie erinnerte sich an gar nichts.

Eins

Ich war Abigail Boone

1

Die Dusche hatte eine geräumige Kabine, reichlich Platz für den ergonomisch geformten Plastikhocker mit seinen höhenverstellbaren Beinen und Gummifüßen. Weiches Wasser, dank irgendeiner Apparatur an der Zuleitung. Es war alles extra für ihre Heimkehr eingerichtet worden, das Bad direkt angeschlossen ans größte Schlafzimmer des Hauses. Um genau zu sein, waren sie umgezogen, aber dieses Badezimmer war als Allererstes renoviert worden. Ein Neuanfang. Nicht dass sie an das Haus auch nur die geringste Erinnerung gehabt hätte.

Boone setzte sich hin und bearbeitete die weiße Haut an ihrer Ferse mit einem Bimsstein. Sie verlagerte das Gewicht. Manchmal spürte sie die aus dem Knochen ragende Verriegelungsschraube, wie sie sich in ihren Pomuskel bohrte. Mittlerweile war fast ein Jahr vergangen, und sie traute dem Bein noch immer nicht ganz.

Sie trat aus der Dusche, griff sich ein Handtuch von der Stange und schlang es sich zu einem Turban ums nasse Haar. Das Wasser ließ sie laufen. Während sie sich ein zweites Handtuch unter den Armen um den Leib schlang, lauschte sie an der Tür zum Schlafzimmer. Von unten rief Jack: »Tschüs.« Er wartete einen Moment, bevor er es noch einmal versuchte.

»Tschüs.«

Dann der Junge: »Sie kann dich nicht hören, die Dusche ist an.«

Sie wartete, bis sie die Haustür hinter ihnen ins Schloss fallen hörte, bevor sie das Wasser abstellte. Stumme Wut hatte sich in ihr aufgestaut, wie sie es so oft tat. Sie schlich auf den Flur, selbst hier allein im Haus versuchte sie dabei zu verbergen, dass sie das verletzte Bein weniger belastete. Die Ärzte behaupteten, es sei wunderbar verheilt, und abgesehen von der etwas unbequemen Schraube gebe es keinen Grund, warum sie humpeln sollte.

Boone war der Ansicht, dass die meisten dieser Quacksalber mit ihrem Fall überfordert waren. Sie ging ins vordere Gästezimmer (vom Inneneinrichter penibel in floral gemustertem Schwarz-Weiß gestaltet) und stellte sich seitlich ans Fenster. Den Kopf zwischen Wand und Vorhang geschoben, spähte sie hi­nun­ter auf den Lexus in der Auffahrt. Makellos glänzend stand das Auto neben ihrem fünfundzwanzig Jahre alten Saab 900SE.

Dem Flitzer.

Kobaltblau metallic, an höchstens einem Dutzend Stellen angerostet.

Sie hatten versucht, sie zu überzeugen, die Klapperkiste loszuwerden, aber das kam nicht infrage. Der Wagen hatte etwas seltsam Tröstliches an sich. Vielleicht weil er so fehl am Platz wirkte vor diesem Traumhaus mit seinem polierten Parkett, dem Meerblick und den japanischen Luxusautos. Vielleicht auch, weil er genauso vermackelt aussah, wie sie sich fühlte. Es war das Einzige auf der Welt, das einen Sinn ergab.

Jack saß bereits hinter dem Steuer des Lexus, der Junge – Quin – hing noch halb in der Tür und durfte sich von seinem Dad anhören, er solle in die Gänge kommen. Jack hatte ihr erzählt, sie hätten ihn nach dem Heimatort der Familie ihrer Großmutter benannt, die im County Clare nahe Ennis als Bauern gelebt hatte, bevor sie nach dem Krieg in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft hergekommen war. Boone glaubte, dass sie ihm da wahrscheinlich Seemannsgarn aufgetischt hatte, denn in den Regalen im – von Jack so genannten – Studierzimmer hatte sie eine Ausgabe von Ann Quins Berg gefunden.

Quins Autotür fiel mit einem befriedigenden Klunk ins Schloss, während er weiter an seinem Rucksack he­rumfummelte.

Wie kam er zu seiner gefüllten Butterbrotdose? Sie hatte nie gesehen, ob er die Sandwiches selbst schmierte oder ob Jack das tat. War das früher ihre Aufgabe gewesen? Es kam ihr vor wie Mum-Territorium. Sie sah zu, wie der Wagen langsam in der Auffahrt zurücksetzte und schließlich die Straße hi­nun­ter verschwand. In Ruhe gelassen würde die Wut sich genauso schnell zerstreuen, wie sie sich zusammengeballt hatte.

In ihrem eigenen Zimmer fischte sie ihre Brücke aus dem Glas auf dem Nachttisch, spülte sie unter fließendem Wasser ab und schob sie sich in den Mund. Sie schob den Kiefer hin und her und tastete mit der Zunge über ihr Zahnfleisch, bis es sich richtig anfühlte. Mit der Zungenspitze wölbte sie ihre Oberlippe vor, dort, wo sich die Narbe über eine Erhebung ihres Philtrums zog. Mittlerweile war sie fast unsichtbar und das einzige äußerliche Zeugnis, dass ihr die Zähne ausgeschlagen worden waren. Sie massierte ein wenig Feuchtigkeitscreme ein. Einen großen Unterschied schien das jetzt nicht mehr zu machen, doch es war zu einem Ritual geworden. Dasselbe tat sie mit den Narben an ihrem Bein.

Immer noch in ihre Handtücher gewickelt, tapste sie nach unten und hinterließ feuchte Fußspuren auf dem enteneiblauen Teppich. Die riesige Küche war in einem Anbau nach hinten hi­naus untergebracht. Das Oberlicht des nach Süden ausgerichteten Raums fing die Sonne ein, dass die weißen Möbel nur so strahlten. Sie füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein, dann holte sie aus einem Hängeschrank über der Anrichte eine French Press und einen luftdicht verschlossenen Behälter mit vorgemahlenen Bohnen. Sie mahlte ihren Kaffee selbst, frische Bohnen bewahrte sie versiegelt im Tiefkühlschrank auf, bis sie bereit war, sich mit ihnen zu befassen. Die French Press reichte für zwei Tassen, deren erste sie mit einem Schuss Milch genoss. Sie mochte ihren Kaffee entweder so oder schwarz. Jack zufolge war das mit dem Kaffee insgesamt neu.

Allerdings behauptete er auch, sie hätte früher zwei Stück Zucker in ihren Tee genommen, was sie sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte.

Am Frühstückstisch schaltete sie das Tablet ein, das Jack ihr gekauft hatte. Eine App sammelte Nachrichten aus allen möglichen Quellen, die sie mit glasigem Blick durchscrollte; die Schlagzeilen überflog sie, den Rest reimte sie sich zusammen. Nachrichten und Politik waren etwas, wofür sie noch nicht wirklich Interesse aufbrachte. Sie hielt es damit, so zu tun, als würde das alles überhaupt nicht geschehen, und überließ die Entscheidungen denen, die sich dazu berufen fühlten.

Sie ließ sich Zeit mit ihrem Kaffee, trank die zweite Tasse schwarz. Der Tag – wie auch jeder andere – erstreckte sich vor ihr wie eine breite Chaussee der Möglichkeiten. Sie verfügte über Zeit, finanzielle Mittel und war mobil. Sie hätte alles tun können, und so tat sie ausnahmslos nichts. Den letzten Rest ihres Kaffees nahm sie mit nach oben und zog Jeans und einen dünnen Pullover an. Aus ihrem vorigen Leben hatte sie schränkeweise Kleider geerbt, trug jedoch kaum je etwas, das sich nicht falten ließ.

Sie machte es sich in dem riesigen Trumm von Clubsessel bequem, den Jack für ein Vermögen für das Studierzimmer angeschafft hatte, und las eine Weile. Der Sessel füllte den Panorama-Erker fast aus. Da der Vorsprung nach Norden ausgerichtet war, gab es hier viel Licht, es war aber nicht zu hell. In ihrem Lesegeschmack hatte sie sich noch nicht festgelegt. Da sie nicht einfach das Vorige erben wollte, hatte sie Jack das Versprechen abgenommen, ihr nicht zu erzählen, welche Bücher ihre waren und welche seine. Sie wollte die Bibliothek auf eigene Faust erforschen. Wie sich he­rausgestellt hatte, las er kaum Belletristik und sie hatte nichts für die jüngsten Entwicklungen in der Psychologie übrig, was diese Bemühungen überflüssig machte.

Als sie die richtige Seite gefunden hatte, vertiefte sie sich aufs Neue in Richard Sterns Other Men’s Daughters. Es war das einzige Buch im Regal gewesen, in dem sie ein Lesezeichen entdeckt hatte, wahrscheinlich hatte sie es also in der Zeit kurz vor ihrem Unfall (wie sie die Ereignisse innerlich bezeichnete) gelesen. Monatelang hatte sie es unberührt gelassen, wie ein Totem eines früheren Daseins, doch die Versuchung, eine Verbindung zur Vergangenheit zu entdecken, war zu groß gewesen. Sie hatte es von vorn angefangen, doch nichts war ihr bekannt vorgekommen.

Auf dem Lesezeichen waren die wilden Kritzeleien eines Kindes zu sehen, der Tonkarton war laminiert. Jemand hatte ein kleines Loch hin­eingestanzt und eine fransige rosa Troddel da­ran befestigt. Trotz seiner Plastikhülle war das Lesezeichen zerknickt und eselsohrig, alt und viel benutzt. Nach einigen Kapiteln legte sie es zwischen die Seiten und klappte das Buch zu. Sie hatte für sich he­rausgefunden, dass es am besten funktionierte, zwei oder drei Bücher unterschiedlicher Genres gleichzeitig zu lesen, und wechselte nun zu einem Krimi, Endstation für neun von Sjöwall und Wahlöö.

In diesem Raum fühlte sie sich am wohlsten. Er war nicht mit Fotos zugehängt wie andere Zimmer – leuchtende, grinsende Gesichter, die sich für die Kamera an Orten zusammendrängten, an deren Besuch sie keinerlei Erinnerung hatte, und sie mit wandernden Augen verfolgten, wenn sie wie ein Geist dieser Bilder durchs Haus streifte.

Sie hatte sämtliche Orte recherchiert, in denen sie Urlaub gemacht hatten, hatte so viel da­rüber gelesen, dass sie sich nach einer Weile gefragt hatte, ob es überhaupt eine Rolle spielte, dass sie sich an keinen davon erinnern konnte. Was war schon das Pseudo-Leben der Erinnerung? Der schleichende Verfall des Abgespeicherten musste sich doch an irgendeinem Punkt so mit anderweitig zugeführtem Wissen überschneiden, dass beides nicht mehr auseinanderzuhalten war.

Das Telefon klingelte und sie ignorierte es. Niemand sprach aufs Band. Zehn Minuten später klingelte es wieder, und sie wusste, dass es Jack war. Sie schnappte sich ihre Schlüssel und ging nach draußen in den Garten, sodass sie das Klingeln nicht hören konnte. Es war ein kleiner Garten, mit einer schmalen Terrasse samt Tisch und Stühlen, doch hinter dem Zaun trennten ihn nur eine Straße und ein schmaler Sandstreifen vom Meer. Ein Tor führte hi­naus auf die Grasnarbe des Küstensträßchens, und das Salz überraschte sie jedes Mal wieder.

Sie wohnten im Speckgürtel von Lark, einem mittelalterlichen Hafen und viktorianischen Erholungsort, der heute von den Überresten beider Epochen lebte. Hier war der Strand, abgesehen von gelegentlichen Joggern oder Hundespaziergängern, für gewöhnlich menschenleer. Es gab eine Bank, die Boone als ihre Bank betrachtete, und dort setzte sie sich hin, um in der steifen Brise eins zu werden mit dem Ärmelkanal, seine grauen Wogen zu studieren, während Frankreich als dunkler Streifen am Horizont lag.

2

Wenn es keine Erinnerung gibt, was ist dann Zeit?

Boones Erinnerung an jenen Tag in der verrammelten Wohnung und an die Dinge, die dort geschehen waren, hatte sich Stück für Stück verzerrt, wie in einem Spiegel, von dem sich die Silberschicht löst. Sie wusste noch, wie sie im Krankenhaus zu sich gekommen war und das Gefühl gehabt hatte, seit Millionen Jahren dort zu sein. Sie war der festen Überzeugung, dass im Lauf dieser Zeit Hunderte von Menschen mit ihr gesprochen hatten, die alle mehr oder weniger das Gleiche gesagt hatten. Ihre Worte wiederholt hatten wie schamanische Gesänge in toten Sprachen. An die Gesichter hatte sie keine klare Erinnerung, doch gegeben hatte es sie mit Sicherheit, irgendwo über ihr, auf sie herabblickend. Sie entsann sich einiger Fetzen dessen, was sie gesagt hatten.

Distaler Radius.

Trümmerfraktur Femurschaft.

Marknagel-Osteosynthese.

Die Worte begleitete ein verschwommenes Gefühl der Vertrautheit wie ein in der Kindheit auswendig gelerntes Gedicht, als habe sie sie immer gekannt, könne sich aber nun nicht mehr ihrer genauen Bedeutung entsinnen. Als fehle ihr der Kontext, in dem sie sie hätte anwenden können.

Einmal hätte sie schwören können, dass ihre Mutter dort war, doch auch wenn sich auf ihrer Seite die Matratze unter ihrem Gewicht senkte, als sie sich setzte, war sie in Boones Wahrnehmung weniger eine Person, sondern mehr eine Präsenz.

Als sie wieder weit genug beisammen war, um Gesichter und greifbare Körper zu erkennen, ihre Mimik und Gestik zuzuordnen, auch wenn sie ihre Identitäten nicht kannte, misstraute sie zutiefst allem, was man ihr sagte. Zwei Tage, behauptete der Arzt, sei sie dort gewesen. Zuerst sediert, dann für die Operation an ihrem zertrümmerten Oberschenkelknochen unter Vollnarkose, und schließlich noch ein paar Stunden, bis sie wieder ganz zu sich gekommen war. Klang nach Schwachsinn. Nichts, was diese Leute sagten, war glaubwürdig, bis sie es mit verifizierbaren Quellen abgleichen konnte.

Bloß dass Boone keine hatte. Keine Möglichkeit, sich zu orientieren. Vor jenem Tag in der Wohnung existierte nichts. Es gab für sie keine Vergangenheit, sie hatte nicht einmal ein Gefühl für die Gestalt oder den Umfang dieses leeren Flecks.

Ihr wurden zwei Menschen vorgesetzt, die anscheinend froh waren, sie zu sehen. Ein Mann beugte sich he­run­ter zu einer ungeschickten Umarmung, die sich unvermittelt zu einer Umklammerung auswuchs, bevor er ihr – vielleicht weil er ahnte, wie durch den Wind sie tatsächlich war – einen Kuss auf die Stirn drückte. Irgendwo hinter ihm versteckte sich ein Junge und wartete auf Anweisungen, wie sie sich nun alle zu verhalten hätten.

Ein Ehemann und ein halbwüchsiger Sohn.

Es dauerte eine Weile, bis sie allen glaubhaft vermittelt hatte, dass sie keinen Schimmer hatte, wer die beiden waren. Die Ärzte sagten, kurzzeitiger Gedächtnisverlust sei nicht unbedingt ungewöhnlich nach einem schweren Trauma, daher sei zu erwarten gewesen, dass sie verwirrt sein könnte. Die großzügige Dosis Benzodiazepine in ihrer Blutbahn dürfte es auch nicht gerade besser machen.

Sie stellten ihr Fragen, um grundrisshaft festzustellen, was sie noch wusste. Der autobiografische Kram war ein einziges großes Fragezeichen. Null Erinnerung. Keine Ahnung, wer sie war, woher sie kam oder was für Menschen es in ihrem Leben gab.

Ihr semantisches Gedächtnis war besser erhalten, aber trotzdem lückenhaft. In der Theorie verstand sie die Welt; sie wusste, was ein Krankenhaus war und was die Uniformen verschiedener Leute bedeuteten. Sie zeigten ihr eine Reihe von Gegenständen und Bilder von Gegenständen, und sie identifizierte so viele davon, wie zu erwarten gewesen war. Mit Einzelheiten wurde es schwieriger.

Einige Dinge wusste sie, andere wiederum nicht.

Sie wusste, was ein Astronaut war und dass die Menschheit ins Weltall vorgedrungen war, doch wer der erste Mann auf dem Mond gewesen war, konnte sie nicht sagen.

Manche Dinge wusste sie halb.

Sie fragten sie nach Büchern aus ihrer Sammlung, und sie erklärte überzeugend, dass Simenon die Maigret-Romane geschrieben hatte, konnte sich aber an keinen einzigen Plot erinnern. Jack bestätigte, dass sie sämtliche Folgen besaß und beinahe obsessiv der Reihe nach durchgelesen hatte.

Bei anderen Dingen wünschte sie, sie wüsste sie nicht.

»Wer ist derzeit Premierminister?«, fragte ein Arzt.

»Oh mein Gott«, sagte Boone.

Als nach einigen Tagen keine Besserung zu bemerken war, wurden viele Stirnen gerunzelt und scharfe Atemzüge gemacht, wie bei Klempnern, bevor sie schlechte Neuigkeiten überbrachten. Jack und Quin, Vater und Sohn, setzten betretene Gesichter auf und zogen sich auf eine Position des Abwartens zurück. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis sie sich wieder an sie erinnern würde, sich an sich selbst erinnern würde. Sie waren der festen Überzeugung, sie sei irgendwo da drin.

Bis dieser Zeitpunkt eintreffen würde, hielt sie Hof. Ärzte, Gutachter, Chirurgen, Psychiater und Experten jeglicher Couleur defilierten laut denkend durch ihr Zimmer, ohne sich je auf etwas festlegen zu wollen, bevor sich ein Konsens he­rausbilden würde. Zahlreiche CT-Bilder zeigten eine Gehirnerschütterung, aber keine ernsthaften Verletzungen, die die Gehirntätigkeit beeinträchtigen würden, und ganz sicher nichts, das in einer totalen retrograden Amnesie resultieren könnte. Schließlich einigten sie sich auf eine Art dissoziativen Zustand, eine Stressreaktion auf physisch und psychisch traumatische Ereignisse.

Dann gab es da noch die andere Option, aber niemand wollte Boone von Angesicht zu Angesicht der Simulation bezichtigen.

Sie war eine Fremde auf der Erde. Weniger als das. Ein Musterexemplar, etwas zu Studierendes, nur aus der Distanz zu Begreifendes. Sie machte es sich zur Aufgabe, keine Fragen zu stellen, sondern Informationen nonchalant aufzusammeln, sie an sich hängen bleiben zu lassen wie Kletten bei einem Wiesenspaziergang.

Ihre Eltern waren bereits tot, und sie hatte weder Geschwister noch sonstige Verwandte außer Jack und Quin. Mit weit geöffneten Augen lag sie nachts wach, unfähig, das Gesicht ihres Vaters oder die Hände ihrer Mutter zu rekonstruieren. Alles war gegenwärtig und vollgestopft und über die Maßen verwirrend.

Und so ließ sie sich voll in die Abläufe und Routinen des Krankenhauses fallen: wenigstens etwas Konkretes. Hier gab es Medikamentenpläne, Arztvisiten und Physiotherapie. Die Muskeln in ihrem Bein mussten sich erst aufbauen, bevor der gebrochene Knochen wieder belastet werden durfte.

Dazu gab es tägliche Verhöre durch Polizisten verschiedener Reviere.

Vier Tage war sie vermisst gewesen.

Einhundertundzwei Stunden.

Niemand konnte mit Sicherheit sagen, wie viele davon sie in jener Wohnung verbracht hatte. Die Fragerei förderte wenig Nützliches zutage. Ihre Beschreibungen ihrer Entführer blieben vage, verschwommen durch Gewalt und Betäubungsmittel.

Sie hielt sie für dunkelhäutig, dunkler als sie zumindest.

Sie hielt sie für groß, größer als sie jedenfalls.

Und sie sprachen eine Sprache, die sie nicht verstand.

Sie fragte sich, wie oft sie in ihrem früheren Leben als Polizistin wohl von Zeugen gehört hatte, die großen schwarzen Männer seien es gewesen.

Beunruhigender war die Frage, wa­rum sie überhaupt dort gelandet war. Als Detective Sergeant waren ihr die Langzeitvermisstenfälle zugeteilt gewesen. Die Art von Fällen, die über den Ermittlungsspielraum eines einfachen Polizisten weit hi­nausgingen, jedoch nie genug Dringlichkeit für eine vollwertige Hochrisiko-Vermisstenfahndung entwickelt hatten. Für gewöhnlich Teenager aus schwierigen Verhältnissen, die schon öfter weggelaufen waren oder bereits Verwarnungen wegen Drogenmissbrauchs oder illegaler Prostitution hatten.

Sie war im Alleingang unterwegs gewesen, und in ihrem Computer war für den Tag ihres Verschwindens nichts eingetragen. Allerdings hatte sie einem Kollegen gegenüber erwähnt, sie habe einen Hinweis zu einem Fall erhalten, erwarte sich aber nicht allzu viel davon.

Sarah Still, Jahrgang 1995, im Oktober 2010 als vermisst gemeldet von ihrer Großmutter Molly Still, die sie zusammen mit ihrem Mann Rodney großgezogen hatte, nachdem Sarahs Mutter das Kind im Stich gelassen und sich ins Ausland abgesetzt hatte. Beim Jugendamt gab es eine Akte über Sarah, die häufig von zu Hause ausgerissen war, und niemand war überrascht gewesen, als sie irgendwann nicht mehr zurückgekommen war.

Man hatte kein Notizbuch bei Boone gefunden, und sie hatte auch nirgendwo sonst festgehalten, wo­rin dieser Hinweis im Detail bestanden haben könnte. Außerdem war da noch die unangenehme Angelegenheit ihres Auftauchens im Osten Londons, obwohl sie bei der Polizei von Kent angestellt war und sich nirgends Unterlagen fanden, nach denen irgendjemand über ihre Reise in Kenntnis gesetzt worden wäre.

Ihr nicht gekennzeichnetes Polizeifahrzeug war am ersten Tag in einer Wohngegend vier Meilen entfernt von dem Ort gefunden worden, wo man sie festgehalten hatte. Die Gegend war durchsucht worden, da sie sich in der Nähe des letzten Auftauchens ihres Wagens in der Verkehrsüberwachung befand. In der Wohngegend gab es keine Kameras, und selbst eine minutiöse Analyse von Stunden von Videomaterial aus umliegenden Straßen hatte keine Hinweise ergeben, was danach geschehen war. Wochenlang waren Hunderte Polizisten um den Fundort von Boones Wagen und die ausgebrannte Wohnung he­rum von Tür zu Tür gegangen und hatten Tausende Aussagen aufgenommen, die keinerlei sachdienliche Hinweise ergeben hatten. Niemand hatte Boone mit ihrem Auto gesehen, niemand hatte sie in ein anderes Fahrzeug steigen sehen. Niemand hatte bemerkt, wie man sie in die Wohnung gebracht hatte, oder dass irgendjemand sonst sie verlassen hätte. Überwachungskameras in dieser Anlage wurden so oft mutwillig zerstört, dass man es bei den meisten irgendwann aufgegeben hatte, sie zu reparieren, sodass sie von ihren Standorten herabbaumelten wie die Köpfe von Vögeln, denen man das Genick gebrochen hatte.

Sicherheitskameras vor einem örtlichen Fitnessstudio in einem umgebauten Lagerhaus hatten zwei Personen aufgenommen, die das Grundstück zu Fuß verlassen hatten. Dunkle, körnige Bilder zeigten einen massigen Mann, der einen kleineren dicht an seiner Seite umklammert hielt und sich schwankend davonmachte. Dieses Video hatte die Polizei siebzehn Stunden nach dem Auffinden von Boone entdeckt. In der Gegend tummelten sich halb leere Hochhäuser und Wohnblöcke, Lagerhallen und Werkstätten, Dutzende verlassener Betriebsgelände und ein sechsspuriger Eisenbahnzweig mit einem unüberschaubaren Netzwerk von Nebengleisen. Von den zwei Männern war keine weitere Spur gefunden worden.

Die Wohnung war mit Brandbeschleunigern übergossen worden und in Flammen aufgegangen wie ein Waldbrand im Hochsommer. Was immer dort auch an Beweismitteln gewesen sein mochte, war zerstört. Monate später war Boone mit einigen Detectives zu einer Begehung dorthin zurückgekehrt. Die Zimmer waren rußgeschwärzt wie das Innere eines Eisenbahntunnels, und draußen um die Fenster zogen sich Schmauchspuren, als sei der Wohnung die Wimperntusche verlaufen.

Das tote Mädchen, das man in der Wohnung gefunden hatte, war so verbrannt gewesen, dass man sie nicht hatte identifizieren können, auch ein Abgleich des Zahnstatus hatte keinen Treffer erbracht. Bei der Polizei lautete eine Theorie, sie könnte über Menschenhändler aus dem Ausland eingeschleust worden sein. Eine Autopsie ergab, dass sie an einer Überdosis Heroin gestorben war und es Anzeichen für eine schon länger bestehende Sucht gab. Die andere Frau, die entkommen war, hatte die Polizei in einem Versteck hinter einigen Müllcontainern auf dem Gelände aufgestöbert. Sie stammte aus Bulgarien, beherrschte offenbar kaum ein Wort Englisch und war ohnehin wenig geneigt, der Polizei behilflich zu sein. Letztlich waren die Ermittlungen in eine Sackgasse geraten.

Während der Genesung im Krankenhaus waren die täglichen Familienbesuche für Boone das Härteste.

Jack und Quin kamen, um Abigail Boone zu sehen, und in der Angelegenheit konnte sie den beiden nicht helfen. Sie wischten durch Fotogalerien auf ihren Handys, erzählten Anekdoten von gemeinsamen Abendessen oder Ausflügen oder einfach nur die albernen Witze, die das Leben erträglich machten. Der völlig sichere Umgang der zwei miteinander und mit ihr war für Boone ein Buch mit sieben Siegeln. Mit jener Vergangenheit hatte sie nichts zu schaffen, konnte keine eigenen Erinnerungen beisteuern.

Identität lässt sich durch Papiere nachweisen, aber wie beweist man sein Selbst?

Wie misst man eine Person, wie sucht man nach Belegen, wer dieser Mensch sein mag? Einzig in der Vergangenheit, entschied Boone, und in jenem von der Vergangenheit konstruierten Gebilde, das wir als Bewusstsein bezeichnen.

3

Als Quin aus der Schule kam, legte Boone ihr Buch weg und stand auf. Jeden Tag, wenn er nach Hause kam, unterbrach sie, was immer sie gerade tat – ob sie nun im Clubsessel las oder im Fernsehen Frauentennis schaute –, und lungerte im Korridor oder in einem der breiten, bogenförmigen Durchbrüche, mit denen die meisten Räume im Erdgeschoss verbunden waren (das Studierzimmer hatte eine Tür, weil sich das so gehörte). Es wäre ihr anmaßend vorgekommen, sich bei irgendeiner Beschäftigung ertappen zu lassen. Sie tauschten ein »Hey«. Er hatte wieder angefangen, sie Mum zu nennen, doch zärtliche Worte kamen Boone nur schwer über die Lippen. Sie fragte sich, ob Jack und sie Kosenamen füreinander gehabt hatten, wollte jedoch nicht fragen, weil sie fürchtete, er könnte das als ersten Schritt ihrerseits werten, es mit ihm zu versuchen.

Quin flitzte ständig umher, von einem Zimmer ins nächste, ob auf der Suche nach einem Snack oder die Arme voll mit mysteriösen elektronischen Geräten. Seit sie im Haus war, hatte er sich angewöhnt, sich im Studierzimmer seines Vaters am Schreibtisch niederzulassen, sobald er heimkam, um seine Hausaufgaben zu erledigen. Eine mönchsartige Hingabe an seine Bildung, von der Boone vermutete, sie war da­rauf ausgelegt, dass er in ihrer Nähe sein konnte.

Als er sich an seine Aufgaben gemacht hatte, kehrte sie zurück auf ihren Platz im Erker und las weiter. Sie wechselten kaum ein Wort miteinander, bis sie draußen Jacks Auto vorfahren hörten. Der heimkehrende Jäger. Boone blieb in ihrem Sessel und stellte ihn sich vor anhand der Geräusche, die er machte. Es waren jeden Tag dieselben. Der Schlüssel im Schloss, das Schließen der Tür, der Schlüsselbund, der in der Schale auf dem Sideboard im Flur landete, der dumpfe Laut, mit dem Jack seine Aktentasche abstellte, das Rascheln seiner Jacke beim Ausziehen und dann, wenn er sie über einen Stuhl hängte. »Hi«, sagte er und blieb an der Tür zum Studierzimmer stehen.

»Hi«, antwortete sie.

»Hey, Dad«, begrüßte ihn Quin.

»Himmel. Was für ein Tag. Ich brauche einen Drink.« Sein Gesichtsausdruck fragte: Auch einen?

Sie nickte und folgte ihm über den Flur in den vorderen Wohnbereich, wo er am Eichen-Barschrank stehen blieb. Da­rin befand sich eine Reihe von Flaschen, die von hochpreisig bis lächerlich teuer reichten und deren Füllstand in direkter Korrelation zu ihrem Kaufpreis stand. In der, die er auswählte, befanden sich nur noch ein paar Fingerbreit, wovon er ihnen beiden eine großzügige Portion einschenkte. Trinken war noch etwas, wobei sie nicht tagsüber erwischt werden wollte, deshalb mochte sie es, wenn er nach seinem Feierabend einen zum Runterkommen brauchte.

Jack stürzte seinen Drink schnell hi­nun­ter und blieb nachdenklich am Barschrank stehen.

»Thai-Hühnchen?«, fragte er.

»Klingt gut.«

Auch wenn Boone vom Kochen sowohl Techniken als auch Rezepte geblieben waren, konnte sie sich nicht entsinnen, welchen Stellenwert es früher in ihrem Leben eingenommen hatte. Wie oft hatte sie gekocht, was hatte sie besonders gern zubereitet, welche Gerichte kannte sie als unausgesprochene Favoriten ihres Mannes und Sohnes? Jack schien es zu mögen, sich in der Küche austoben zu können, wenn er heimkam, ein Balsam nach seinem Tagewerk, deshalb war es leichter, alles ihm zu überlassen. Sie deckte drei Plätze am Esstisch ein und ließ sich dann am kleineren Küchentisch nieder, während Jack hackte und brutzelte und in vagen Andeutungen von seinem Tag erzählte – was die Privatsphäre seiner Patienten anging, war er äußerst korrekt. »Du warst heute unterwegs?«, fragte er. »Ich hab versucht anzurufen, aber es ist niemand drangegangen«, setzte er schnell hinzu.

Boone war sich nie sicher, ob er ihr Fallen stellte oder sie davor rettete. Sie hatten sich an der Universität kennengelernt, hatte sie erfahren, und er hatte aus seiner Promotion eine leitende Stelle beim staatlichen Gesundheitsdienst gemacht, bevor er sich eine lukrative Privatpraxis als klinischer Psychologe aufgebaut hatte, neben der er noch ab und an forensische Gutachten erstellte. Auch wenn er sie aus offenkundigen Gründen nicht selbst behandeln konnte, empfand sie auch seinen gewöhnlichen Gesprächsstil, als diene er der Beweisführung. Seit ihrer Entlassung aus der Klinik hatte er sie schon mehrmals gedrängt, sich in Behandlung zu begeben.

»Ich hatte monatelang kognitive Verhaltenstherapie, Jack«, hatte sie geantwortet. »Reden, Medikamente, Hypnose, noch mehr Reden. Gebracht hat es rein gar nichts.«

»Es geht um mehr als bloß ums Erinnern«, hatte er entgegnet. »Du solltest mit jemandem über deine Reintegration sprechen. Jemandem, der dir helfen kann, dich einfach wieder in der Welt zurechtzufinden.«

»Ich lebe mit einem Seelenklempner zusammen«, hatte sie zurückgegeben. »Noch einen kann ich ungefähr genauso gut gebrauchen wie noch mal vom Balkon geworfen zu werden.«

Seitdem hatte er das Thema nicht mehr angeschnitten. Dafür hatte er immer noch seine Fragen. »Ich war nur unten am Strand«, sagte sie, während sie zusah, wie er eine Zitrone über dem frisch zubereiteten Pilaw ausdrückte.

Er nickte, klatschte in zufriedener Chefkoch-Manier in die Hände und nahm drei große Schalen aus einem Hängeschrank.

»Rufst du Quin?«, bat er und streckte sich.

Durchs Haus zu schreien war Boone zu viel des Überschwangs, so etwas tat man nur, wenn man sich zu Hause fühlte. Stattdessen ging sie lautlos zum Studierzimmer, wo der Junge immer noch über seinen Aufgaben saß.

»Essen ist fertig«, sagte sie.

Er hob erfreut die Augenbrauen und folgte ihr aus dem Raum.

»Mathe?«

Er nickte. »Polynomdivision.«

Heilige Scheiße, dachte sie.

»Da wird sich dein Vater draufstürzen«, sagte sie.

Am Esstisch warteten Schüsseln voller dampfend heißem Thai-Hühnchen und Zwiebelreis mit feinen Paprikawürfeln auf sie. Jack war noch an der kleinen Stereoanlage in der Küche zugange, und sie setzten sich auf ihre Plätze und warteten auf ihn.

Dann ertönte eine merkwürdige Nummer im Fünfzigerjahrestil, in der es um Tanzen mit Eskimos ging. Nach allem, was Boone in ihrer kurzen Zeit hier im Haus mitbekommen hatte, stand Jack eher auf Indie-Rock- und Shoegazing-Kram wie My Bloody Valentine, sein Musikgeschmack gilbte irgendwo zwischen der sechsten Klasse und Unizeiten vor sich hin. Sie spürte, wie er sie musterte, bis sie sich genötigt sah, etwas zu sagen.

»Interessante Wahl«, kommentierte sie.

Er nickte nur. Sie wusste nicht, welche Kleinigkeiten von Bedeutung waren, und so wurden sie alle bedeutsam. Und genau so fängt Paranoia an.

Er hatte schon vorhin eine Flasche Rotwein geöffnet, um den Wein atmen zu lassen, und schenkte ihnen nun zwei Gläser halb voll. Der Wein war immer gut, das musste sie ihm lassen. Sie begannen zu essen. Das Gericht stand bei ihnen allen dreien ganz weit oben auf der Liste, und seit Boones Heimkehr kam es oft auf den Tisch. Sie hegte den Verdacht, Jack hoffe, es könnte mit irgendwelchen magischen Eigenschaften versehen sein und würde, wenn sie es nur oft genug äßen, irgendwie die alte Abby anstelle dieses Eindringlings hervorlocken. Ziemlich hohe Erwartungen an ein bloßes Essen.

»Bist du weit gegangen auf deinem Spaziergang?«, erkundigte er sich.

Boone schüttelte den Kopf. »Eigentlich nur bis zur Bank.«

»War ja ein bisschen frisch heute.«

Sie zuckte die Achseln. Sie versuchte, immer nur dann an ihrem Wein zu nippen, wenn er es tat, damit sie nicht vor ihm ausgetrunken hätte. Oft kam sie sich vor, als würde sie tadelloses Benehmen proben, bevor sie irgendwelche Würdenträger aus einem fremden Land besuchte. Alle Protokolle beachten. Absurd, das war ihr bewusst – trotzdem.

»In den Downs gibt es ein paar sehr schöne Strecken«, sagte Jack. »Ich glaube, morgen Vormittag habe ich nicht viel auf dem Zettel. Ist gar keine lange Fahrt.«

»Ich hab mich bei Tess angekündigt«, entgegnete Boone. Es stimmte, trotzdem fühlte sie sich sofort schuldig.

»Ach so. Dann machen wir das wann anders.« Er wandte sich seinem Sohn zu.

»Hausaufgaben erledigt?«

Quin nickte und schob sich eine große Gabel Reis in den Mund. Das Essen war noch heiß, was er mit Mühe zu verbergen versuchte.

»Polynomdivision«, erklärte Boone.

Da­rüber dachte Jack eine Weile still nach.

»Nützlich im Ingenieurwesen«, bemerkte er schließlich. »Oder der Aerodynamik, weil man damit –«

»Ich muss bloß die Arbeit bestehen«, fiel Quin ihm ins Wort.

»Okay. Gibt’s sonst was Neues?«

Quin schüttelte den Kopf.

»Na dann«, sagte Jack. »Klasse.«

Der Rest der Mahlzeit verlief ohne weitere Gespräche, was sich langsam zur Norm entwickelte. Boone wusste, dass das für Jack schwer war – als müsste er sich mit gleich zwei Teenagern he­rumschlagen. Im Krankenhaus hatte ihr vor den Familienbesuchen mit ihrer unermüdlichen Fröhlichkeit und ihrem tapferen Optimismus gegraut.

Keine Sorge.

Das kommt alles wieder.

Bevor du dich versiehst, ist alles wieder wie immer.

Das Bild von Normalität, das die beiden zeichneten, war ihr ebenso fremd wie die unbekannte Welt, in der sie sich wiedergefunden hatte. Diese frisch-aufgeräumte Grundhaltung der ersten Tage, als würde die alte Abby jeden Moment wieder auftauchen, war nach und nach Resignation und angespanntem Lächeln gewichen. Gezwungene Konversation am Essenstisch. Schweigen.

Jack kam damit klar, der war erwachsen. Mit Quin war es anders. Was sollte sie von ihm denken? Er war ihr Sohn. War in ihr he­rangewachsen. Das, die Tatsache ihrer Mutterschaft, ließ sich nicht in Abrede stellen. Das reale Leben als Mutter hingegen war eine ganz andere Sache. Wo sie Emotionen hätte empfinden sollen, sah sie nur Biologie. Sie wusste, dass er in ihr he­rangereift war, aber was war mit dem Aufziehen, mit seiner Menschwerdung? Anfangs war der Junge vorsichtig gewesen, hatte sich im Krankenhaus hinter seinem Vater he­rumgedrückt, argwöhnisch gegenüber dieser Fremden, die aussah wie seine Mutter. Danach war Boone fast neun Monate lang im Krankenhaus und in der Reha gewesen, und ihre Heimkehr hatte einige Umstellungen mit sich gebracht. Trotzdem bemühte Quin sich, und sie wusste, dass sie ihm dabei nicht wirklich entgegenkam.

Es war, als weigere sie sich, jegliche Art von Gefühlen gegenüber Jack oder Quin zu hegen, nicht einmal Neugier. Ihr Leben fühlte sich an wie ganz allein ihres. Etwas, das sicher und nicht einsehbar zu verstauen und vor der Einmischung anderer zu schützen war.

Doch das waren große Themen, so groß, dass sie nicht wusste, wie sie auch nur anfangen sollte, sich damit auseinanderzusetzen. Sie hatte ja noch nicht einmal den Kleinkram im Griff. Um welche Uhrzeit sie immer zu Abend aßen, wie lange man im Bad brauchte und wann man was tat, wie man frische Handtücher zusammenlegte, welche Sachen in welche Schränke gehörten, ob Äpfel im Kühlschrank oder in der Obstschale gelagert wurden.

Das Leben bestand aus Gewohnheiten und Systemen, und Boone musste sie allesamt neu lernen.

4

Nach dem Essen verschwand Quin nach oben, und Jack machte den Fernseher an. Die Abende waren besonders schwierig. So viel von unseren Unterhaltungen setzt sich aus früher Gesagtem zusammen, ob zum selben Menschen oder jemand anderem, durchgewalkt und auf die gefälligste Form geschliffen. Boone hatte nichts eingekellert, keine Vorräte von alten Lieblingsthemen, auf die sie zurückgreifen konnte, und die Routinen anderer entzogen sich ihr. Geschichten, die ihr früher unter Garantie ein Lächeln entlockt hätten, ernteten nun befremdete Blicke. Der Fernseher bot ihnen beiden eine Zuflucht. In den ersten Tagen nach ihrer Rückkehr hatte Jack ihr immer die Fernbedienung angeboten oder auf die Kanäle geschaltet, die er als »ihre« bezeichnete. Eines Abends hatten sie eine unangenehme Entdeckung gemacht, als Boone das Liverpool-Spiel hatte sehen wollen. Jack war ganz aufgeregt geworden und hatte ihr erzählt, dass ihr Vater sie als kleines Mädchen immer mit ins Stadion genommen hatte. Er wertete es als Zeichen, dass sie sich erinnerte, doch in Wahrheit hatte Barb ihr erzählt, dass sie ein Fan der Reds war. Selbst Boone wusste, dass man seine Mannschaft niemals verriet.

Jetzt hatte Jack die Nachrichten eingeschaltet.

»Wir könnten nach einem Film suchen«, schlug er vor.

»Ich glaube, ich lege mich hin«, entgegnete Boone.

»Okay. Dann bis morgen früh.«

»Ja. Bis dann.«

Jack blieb in blaues Licht gebadet zurück, während Boone mit der angefangenen Rotweinflasche nach oben ging. Sie hatte ihr eigenes Zimmer, dafür hatte sie schon bei einem von Jacks Besuchen in der Klinik den Grundstein gelegt. Sie hatte ihm erklärt, sie würde sich erst nach und nach in alles einfühlen müssen. Was sie betraf, hatte sie noch nie mit irgendjemandem ein Bett geteilt. Jack sah gar nicht übel aus, aber sie konnte sich nicht erinnern, wa­rum sie sich zu ihm hingezogen gefühlt hatte, und empfand jetzt rein gar nichts. Wusste nicht einmal, wie derlei Gefühle hätten aussehen sollen. Da fand nichts Chemisches statt.

Das Zimmer war groß, es ging über die gesamte Hausrückseite. Selbst mit dem nachträglich eingebauten Bad bot es mehr als genug Platz für ein Sofa und einen Sessel samt Tisch sowie Schlafzimmermöbel. In dem Alkoven, den das Bad bildete, stand ein gigantischer Kleiderschrank. Da­rin hingen Sachen aus ihrem alten Leben, Röcke und Hosenanzüge und Kleider, die Art von Klamotten, von der sie beim besten Willen nicht wusste, wofür sie sich je so angezogen haben sollte.

Auf der niedrigen Kommode stand ein iPod, den Quin ihr geschenkt hatte, als Jack ihm einen neuen besorgt hatte. Seit ihrer Rückkehr hatte er sich tief in die Musik gewühlt, die sie seiner Einschätzung nach in seinem Alter gehört haben musste, und das Gerät war vollgestopft mit Alben aus den Neunzigern. Endtroducing, Slanted and Enchanted, Siamese Dream, 36 Chambers, Dummy, Bee Thousand, OK Computer, If You’re Feeling Sinister et cetera. Boone hatte keine Ahnung, ob sie irgendetwas davon tatsächlich gehört hatte, als sie noch jünger gewesen war, aber so illusorisch es auch sein mochte, schenkte ihr die Musik ein Fünkchen Geborgenheit.

Sie zog sich aus und duschte. In ein Handtuch gewickelt setzte sie sich aufs Bett und rubbelte sich zu Loveless die Haare trocken. In die Ecke zwischen zwei fensterlosen Wänden hatte sie einen Tisch gestellt, auf dessen Fläche – und an den Wänden da­rüber – Überbleibsel ihres früheren Lebens hingen: Fotos, Polizei-Notizbücher und Akten, Karten, Ausdrucke aus den sozialen Medien (hauptsächlich von Quins Accounts – Boone war offenbar eine digitale Einsiedlerin gewesen), Papierkram aus der Schule, von der Uni und von der Arbeit. Es gab einige Zeitungsausschnitte von der Handvoll von Gelegenheiten, zu denen sie es in die Berichterstattung geschafft hatte. Größtenteils Lokalpresse, dazu ein paar überregionale Artikel, die veranschaulichten, wie mager das Interesse am Verschwinden von Sarah Still ausgefallen war. Falls sie je ein Mensch für handschriftliche Terminplaner gewesen war, hatte keiner davon überlebt.

Für Boone fühlte es sich an, als sei alles in ihrem Leben jemand anderem passiert. Sie hatte geheiratet und ein Kind zur Welt gebracht, konnte sich aber an beides nicht erinnern, und wie es aussah, war das einzige Großereignis, das sie jetzt noch erwartete, der Tod. Vielleicht hatte er sogar schon begonnen.

Sie hatte Jack über ihr Leben ausgefragt, hatte sich zu seinen Antworten Unmengen von Notizen gemacht, in der Hoffnung, so irgendwie einen Sinn in ihrem Dasein erkennen zu können. In ordentlichen Stapeln lag das Projekt da, zahllose A4-Blätter voller Ereignisse und Details, festgehalten und dann abgeschrieben im Versuch, aus Daten Erfahrungen he­rauszufiltern, während jedes weitere Wort nur noch mehr den Anschluss an die Realität verlor. Die Karte ist nicht das Land. Es war wie eine Kopie einer Kopie von einem Bootleg gegenüber dem Konzertbesuch selbst, es fehlte der Geruch von Schweiß und abgestandenem Bier. Es war erbärmlich, wo­rauf ein Leben sich auf Papier reduzieren ließ. Offen lag es vor ihr und glich doch weniger einem Buch als einer Kiste voller rostiger Nadeln.

Sie war ein Einzelkind, ihre Eltern hatten sich kurz nach ihrer Geburt getrennt. Ihre Mutter war nach Kanada gezogen und hatte sich nie wieder blicken lassen. Als sie neun gewesen war, hatte ihr Vater einen tödlichen Autounfall gehabt, und sein Bruder hatte sie bei sich aufgenommen. Eigentlich stammten sie aus dem Wirral, doch ihr Onkel war fürs Studium umgezogen und besaß eine Buchhaltungsfirma in Canterbury, und so wurde Boone in den Süden verpflanzt.

Bis ihr Onkel das Zeitliche segnete, im Sommer nach ihrem ersten Studienjahr, war ihre ursprüngliche Sprachfärbung gründlich ausgemerzt. Jack hatte sie an der Uni in London kennengelernt und noch vor dem Abschluss geheiratet. Als sie ihre Urkunde im Barbican entgegengenommen hatte, war sie schon mit Quin schwanger gewesen. Vier Jahre später hatte sie sich der Polizei angeschlossen. Probezeit, Streife, Detective, Dezernat Schwerverbrechen, Detective Sergeant und schließlich die Langzeitvermisstenfälle. Meistens junge Frauen, oft verwundbar, größtenteils ging man davon aus, dass sie tot waren. Untersuchung alten Beweismaterials, Verfolgung erkalteter Spuren. Offenbar hatte sie Geschmack an dieser Arbeit gefunden und war gut da­rin gewesen.

Das waren die Fakten des Lebens von Abigail Boone, geborene Kelly. Sie existierte als Wesen in der Welt; das waren die Dinge, die sie tat – jetzt reduziert auf das Modell eines Lebens im Gedankengebäude einer Person, die in ihrem Körper hauste. Sie war alles so oft durchgegangen, dass es nicht mehr viel gebraucht hätte, um sie zu überzeugen, ihr Leben sei frei erfunden. Die Wahrheit ist das erste Opfer einer jeden Erzählung.

Die Vergangenheit war inert, ein regloses Ding. Sie pickte da­rin he­rum wie eine Krähe, wie eine Leichenfledderin auf einem vorzeitlichen Schlachtfeld, die hoffte, aus den Mündern der Toten noch ein paar brauchbare Zähne he­rausbrechen zu können. Und doch war diese erplünderte Vergangenheit alles, was sie hatte. Ihre Gegenwart war ebenso wie ihre Zukunft ein undurchdringlicher trüber Dunst, in dem sie blind umherstolperte. Ein einziger roter Faden in allem, was sie zusammengesucht hatte, löste noch etwas in ihr aus, verband sie mit ihrer Vergangenheit: das Schicksal von Sarah Still. Boone war der jungen Frau nie begegnet, sie hatte immer nur als Idee existiert, als Name auf einem Stück Papier oder in den Mündern anderer Leute. Sie konnte nicht mit letzter Gewissheit sagen, ob das Mädchen ihr nun wirklich am Herzen lag, wie es vielleicht einmal der Fall gewesen war. Doch eines wusste sie sicher: Was auch immer mit Sarah Still geschehen war, blieb untrennbar verflochten mit dem, was Abigail Boone widerfahren war. Zuerst fast aus Versehen – als unvorhergesehene Folge ihres Versuchs, ihr altes Leben zu kartieren – hatte Boone begonnen, die ihr zur Verfügung stehenden Fakten zum Fall Sarah Still aufs Geratewohl zusammenzutragen. Die wenigen Orte, an denen man sie gesichtet hatte, waren auf einer Landkarte des Südostens markiert. Die einzige verheißungsvolle Spur hatte es drei Jahre nach ihrem Verschwinden gegeben. Eine alte Schulfreundin hatte sie in einem Nachtclub im Osten Londons gesehen. Nicht so wahnsinnig weit entfernt von der Wohnung, in der Boone zwei Jahre später zu sich gekommen war. Sie wusste jedoch nicht, ob da ein Zusammenhang bestand, denn was bei all diesen Informationen fehlte, war jeglicher Hinweis da­rauf, was Boone zurück nach London geführt hatte.

Mittlerweile hatte ihr Fokus sich voll und ganz auf diesen einen Aspekt des Lebens von Abigail Boone gerichtet, auf die Verbindung zu Sarah Still. Eine Verbindung, die sich für sie entscheidend anfühlte, wenn auch auf eine Weise, die sie nicht klar artikulieren konnte. Es war nicht so, als wäre ihr Leben nur etwas aus dem Gleichgewicht geraten, als sei nur ein bisschen was in der Kalibrierung verrutscht. Nein, es war nicht wiederzuerkennen; eine Welt, in der es nichts Vertrautes gab, nicht einmal ihr eigenes Gesicht. Wenn es irgendetwas gab, das ihr ersparen würde, auf ewig in diesem Dunst zu leben; das ihr Frieden in ihrer eigenen Haut schenken könnte, dann – davon war sie überzeugt – versteckte es sich irgendwo an diesen Wänden unter den wiedergekäuten Fetzen ihres Lebens.

Wenig später hörte sie Schritte auf dem Teppich im Flur, sah den Schatten zweier Füße, als jemand dort draußen verharrte. Den Fuß ihres übergeschlagenen Beins fest mit dem Handtuch umklammert, mit dem sie ihn gerade abgetrocknet hatte, hielt Boone mucksmäuschenstill, selbst ihr Atem ging flach und lautlos. Gleichzeitig beschwor sie sich innerlich, den Gast he­reinzubitten, wer auch immer es war. Gute Nacht zu sagen, wie man es in einer Familie tun sollte. Doch sie tat es nicht, und die Füße tappten schließlich weiter den Flur hi­nun­ter.

Boone trocknete sich zu Ende ab und zog einen Bademantel über. Dann öffnete sie die verglaste Flügeltür zum Balkon und setzte sich mit der Rotweinflasche nach draußen, um die Meeresbrise zu spüren. Jetzt, da sie allein war, weckte der Alkohol Melancholie. Wie viel von dem, was sie vergessen hatte, waren essentielle Bestandteile ihres Selbst gewesen? Sie konnte sich an kein einziges Gesicht vor jenem Tag in der Wohnung entsinnen, dafür wusste sie, dass ihre Fesseln schlank waren und das etwas Gutes war. Waren die Dinge, an die sie sich erinnerte, zu klein, als dass sie einen Unterschied gemacht hätten, oder waren die, die sie vergessen hatte, zu groß dazu?