Claire Waldoff - Sylvia Roth - ebook

Claire Waldoff ebook

Sylvia Roth

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Opis

"Die singt wie der Berliner Spatz, unbekümmert, frech", sagte Kurt Tucholsky über die Kabarettkönigin Claire Waldoff. Aus einer kinderreichen Familie stammend, wollte die gebürtige Gelsenkirchenerin eigentlich Ärztin werden. Doch dafür reichte das Geld nicht, so entdeckte sie die Bühne für sich. Bis heute gilt "die Waldoff" als Ikone der Zwanzigerjahre, mit ihrer Lebensliebe Olly von Roeder wurde sie zum Mittelpunkt der lesbischen Szene in Berlin. Sie war eng befreundet mit Zille und Ringelnatz, stand mit der noch unbekannten Marlene Dietrich auf der Bühne, Generationen sangen ihre Lieder. Atmosphärisch dicht schreibt Sylvia Roth über das Leben dieser außergewöhnlichen Frau: Claire Waldoff war emanzipierte Draufgängerin, verwegene Bohème-Natur und ein Original mit unerschrocken starker Stimme.

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Impressum

Titel der Originalausgabe: Claire Waldoff

Ein Kerl wie Samt und Seide

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © Picture Alliance / akg-images

E-Book-Konvertierung: Arnold & Domnick

ISBN (E-Book): 978-3-451-80776-3

ISBN (Buch): 978-3-451-06834-8

„Lieber Gott mit Christussohn,

Ach schenk mir doch ein Grammophon.“

Joachim Ringelnatz, „Kindergebetchen“

Inhalt

Prolog: Rauschen

Rille 1-6: Aufbrechen

Rille 7-13: Ankommen

Rille 14-20: Bleiben

Rille 21-24: Leben

Rille 25-30: Mehr Leben

Rille 31-39: Noch mehr Leben

Rille 40-52: Überleben

Rille 53-60: Gehen

Epilog: Verrauschen

Nachweise

Prolog: Rauschen

Det Rauschen zu Bejinn, det hab ick immer besonders jeliebt. So n Knacken und Knarzen, wenn die Nadel sich uffe Schallplatte setzt, aber noch nix zu hören is – außer eben Rauschen. Det is so n Moment ... Ick weeß nich … Det is irjendwie wie n Versprechen. Wie n weißet Blatt Papier, wat druff wartet, beschrieben zu werden. Wie ne leere Leinwand, kurz bevor n Bild druffjeworfen wird.

Wat verrückt is: Schon allein bei dem banalen Rauschen hat mein janzer Körper jedes Mal anjefangen, sich voller Erwartung anzuspannen und sich uffs Hören zu konzentrieren. Die kleenen Lauscherchen ham sich sofort uffjesperrt wie zwei wissbejierije hungrije Tiere und ham unjeduldig druff jelauert, dat det Rauschen und Knacken und Knarzen sich verwandelt in ne Stimme, in nen Klang, in ne Musicke.

Manchmal hab ick die Platte zwar schon uffn Teller jelegt, hab die Nadel aber noch nich druffjesetzt. Sondern hab mir stundenlang einfach nur anjekiekt, wie die schwarze jlänzende Scheibe sich dreht, ohne se abzuspielen. Det hat so ne Schönheit, wenn die Rillen nach und nach verschwimmen vor die Augen. Und gleichzeitig so wat Melancholischet, Verjeblichet – et is mir manchmal vorjekommen, wie n Leben, wat sich dreht und dreht und dreht. Die Rillen vonne Platte, hab ick mir dann in solchen Momenten jedacht, sehen irjendwie aus wie die Rillen von nem Baumstamm. Jede Rille n Lebensjahr oder so. Da hab ick dann jesessen, hab der Scheibe beim Drehen Jesellschaft jeleistet – und hab so Jeschichten an mir vorbeiziehen lassen. Nur in Jedanken, ohne nen einzijen Ton abzuspielen.

Und während ick so uff die Scheibe jestarrt hab, hab ick mir vorjestellt, dat et von so ner Lebensjeschichte eine Version jibt, die real is, die man jewissermaßen hören kann uffe Platte. Und ne andere Version, die parallel dazu läuft, aber unsichtbar und unhörbar bleibt. Weil se sich sozusajen zwischen die Rillen abspielt. Wie n Jeheimnis, wat da is, wat aber keiner kennt. So, als würde et zu jedem Leben noch n zweitet Leben jeben, wat wie n Schatten neben her läuft, ne zweite Wahrheit jewissermaßen. Denn ick persönlich jloobe ja sowieso: Et jibt nich nur eine Wahrheit von ner Sache, sondern viele verschiedene.

Aber wat soll det Jerede. Lassen wa die Philosophie ma Philosophie sein, wa. Ick werd die Nadel jetz schön sachte uff de Scheibe runtalassen und werd ne Jeschichte abspielen. Ne Jeschichte, die so oder anders hätte sein können. Die jedem und niemandem hätte passieren können. Ne Jeschichte, die inner Verjangenheit stattjefunden hat, aber trotzdem irjendwie im Konjunktiv anjesiedelt is. Weil se eben nur eine Version von vielen Versionen is. Denn die wirklich wahre Version, die findet sich zwischen die Rillen vonne Platte. Und da wird se uff ewig n Jeheimnis bleiben.

Rille 1-6: Aufbrechen

1.

Kreuzweise. Die können sie alle kreuzweise. Findet das kleine Mädchen, das zusammengekauert auf dem Bahndamm hockt, sich eine Strähne aus dem Haar klaubt und sie in die Sonne hält. Den Kopf wirft die Kleine kühn in den Nacken, das rechte Auge kneift sie zu. Und jetzt kuckt sie. Oder späht. Oder linst. Direkt in die Strähne hinein, direkt durch die Strähne hindurch – um wieder einmal festzustellen, dass ihre Haare im Sonnenlicht fast blond wirken. Wo sie doch in Wahrheit rot sind. Hexenrot, feuerrot, teufelsrot, oder was auch immer die anderen Kinder in der Schule sich an kreuzweisem Unsinn dazu ausdenken. Aber wieso eigentlich rot? Ausgerechnet rot? Diese Frage, so überlegt sich das Mädchen, während es den Kopf nicht mehr nur kühn, sondern auch trotzig in den Nacken wirft, wird doch wohl erlaubt sein! Schließlich hat niemand in der Familie rote Haare. Weder die Mutter noch der Vater. Weder Wilhelm noch Fritz noch Otto noch Emil noch Emma noch Emilie noch Carl noch Hugo noch Laura noch Bruno noch Ewald. Also kein einziges ihrer Geschwister. Die sie im Übrigen alle kreuzweise können.

Schräg gegenüber vom Bahndamm, auf dem das Mädchen hockt, liegt die Zeche Hibernia. Wenn die Kleine nicht nur das rechte, sondern auch das linke Auge zusammendrückt, beginnen die beiden riesig zum Himmel sich reckenden Schornsteine zu flackern, als würden sie gleich explodieren. Als atmeten sie tief ein, bebten, zitterten und wankten, um dann kurzerhand in einem krachenden „Hatschi!“ auseinanderzufliegen. Und auch die Fördertürme taumeln vor den zusammengekniffenen Augen, als wollten sie gleich in sich zusammenstürzen. Paff, Krach, Bumm!

Zwei Jahre ist es her, dass es einen schweren Unfall auf der Hibernia gegeben hat, 57 Tote, so stand es am nächsten Tag, am 24. Januar 1891, im Gelsenkirchener Anzeiger geschrieben. Beim Lesen der Zeitung – denn das kleine Mädchen konnte schon damals, mit noch nicht einmal sieben Jahren, lesen – waren ihre Hände vor Aufregung so feucht geworden, dass die schwarzen, rußigen Buchstaben sich aufgelöst hatten und vom Papier direkt in ihre Fingerspitzen hineingekrochen waren. Erst hatten die Finger sich grau und dann schwarz gefärbt. So wie in der Stadt, in der das Mädchen lebt, immer alles erst grau und dann schwarz wird.

Jedenfalls hätte die Kleine die Zeitung gar nicht zu lesen brauchen, denn alles Wesentliche hatte sie am Abend vorher schon in der Kneipe des Vaters gehört. Kohlenstaubexplosion. Dieses Wort hatte die Runde gemacht, war wie ein flinker, unberechenbarer Frosch über die Holztische gehüpft, und alle hatten sofort Bescheid gewusst. Klar. Weil alle den Kohlenstaub kennen, schließlich ist er überall. In der Wäsche, wenn sie zum Trocknen im Freien hängt. Im Rotz, egal, ob man ihn in der Nase hochzieht oder in die Hände schnäuzt. Im Badewasser, jeden Samstag.

Und wenn der Kohlenstaub tief unten unter der Erde zu heftig herumwirbelt und herumtobt, so wie das Mädchen, wenn es sich auf dem Bahndamm um die eigene Achse dreht und dreht und dreht, dann kann es passieren, dass er mit Luft zusammenprallt und explodiert. So hat der Lehrer es in der Schule erklärt, so hat die Kleine es verstanden. Aber wieso hat der Lehrer nichts darüber gesagt, wie man begreifen soll, dass wegen dieser Kohlenstaubexplosion Menschen plötzlich verschwunden sind, von einer Sekunde auf die andere, Paff, Krach, Bumm!, zerrissen von der Luft, verschluckt von der Erde? Konnten das denn die Frauen und Kinder begreifen, die so sehr um ihre zu Kohlenstaub zerfallenen Männer und Väter weinten, dass sich die Taschentücher vor Tränen grau färbten?

Von der Zeche Hibernia schallt die Grubensirene herüber, zerschneidet laut und schrill die Zeit in zwei Teile, übertönt mühelos die Kirchenglocken, die fast heiser wirken gegen die mächtige Röhre der Fabrik. „Tuuuuuuuuuuut“, schreit die Kleine, bis ihre Stimme sich überschlägt und tief in der Kehle einen Purzelbaum macht. „Tuuuuuuuuuuut!“, brüllt sie noch einmal in einer tieferen Tonlage. Gegen die Sirene kommt niemand an, denkt das Mädchen mit heimlicher Anerkennung, diese Sirene hat mehr Kraft als alle Geräusche der Welt zusammen – weswegen ihr Getöse auch so gut in diese Stadt passt, in der es nie still ist, weil unentwegt Maschinen rauschen und schnaufen und atmen, weil permanent etwas brodelt, dampft und zischt. Manchmal scheint es dem Mädchen so, als keuchten nicht die Motoren, sondern die Erde selbst, als würde der Boden vor Schmerzen stöhnen, weil er dauernd von den Maschinen verletzt wird.

Wenn die Kleine ihren Kopf im Nacken lässt, ihn aber dreht, von rechts nach links, dann schweift der Blick. Und wenn der Blick schweift von dem Platz auf dem Bahndamm aus, ragen nicht nur auf der Zeche Hibernia, sondern überall Unmengen von Riesenschloten empor, dazwischen Fördertürme und kahle schwarze Halden, als sei an diesen Stellen die Haut der Erde einfach abgerissen worden. Schwarze Rauchfahnen flattern im Wind, immer direkt über den Schornsteinen der Koks- und Schmelzöfen, sie sehen aus wie dunkle, verzerrte Seifenblasen.

Der Vater des Mädchens hat früher auch im Bergbau gearbeitet, manchmal erzählt er ihr und ihren Geschwistern, wie er Tag für Tag in den tiefen Schlund hinuntergefahren ist, Meter für Meter in die Erde hinein, die ihn gierig verschluckte, als hätte sie zu viel Hunger. Wenn die Erde ihn wieder ausspuckte nach zwölf, manchmal auch vierzehn Stunden Arbeit, war er schwarz. Schwarz wie Schuhcreme. Schwarz wie der Kaffee, den die Mutter morgens aus gerösteter Gerste kocht. Schwarz wie die Lackschuhe, die die Kleine zu ihrem neunten Geburtstag geschenkt bekommen hat.

Weil der Vater innen fast genau so schwarz gewesen war wie außen und seine Lungen die Schuhcreme ununterbrochen wegzuhusten versuchten, hatte er beschlossen, nicht mehr in die Erde hinunterzufahren. „Die können mich kreuzweise“, hatte er gesagt – und eine Kneipe eröffnet, direkt gegenüber dem Bahnhof, in der Mühlenstraße 8. Seither befördert er keine Kohlen mehr aus der Tiefe herauf, sondern Bierfässer und Schnapsflaschen. Viele Bierfässer und viele Schnapsflaschen für Männer, die sich abends müde an die Holztische setzen, um die Schuhcreme in ihrem Mund in den Magen hinunterzuspülen. Aber weil die Schuhcreme zäh ist, braucht es viel zum Spülen, so viel, bis auch der Tageslohn sich weggeschwemmt hat und die Frauen in der Kneipe aufschlagen, um die Männer nach Hause zu zerren, in die kleinen Wohnungen, die den Familien gar nicht alleine gehören, sondern an Fremdarbeiter vermietet sind, damit das Geld sich nicht so schnell wegfrisst, wie es sich wegfrisst.

Wenn der Vater früher aus der Grube gekommen war, gezogen an einem zerschlissenen Förderseil, das zu reißen drohte, um alles, was daran hing, in bis zu tausend Meter Tiefe hinabstürzen zu lassen, hatte nur das Weiß der Augen aus dem schwarzen Gesicht hervorgeblitzt. Dann war er, müde wie die anderen Arbeiter, zu den Kauengebäuden geschlurft, in denen sich die Umkleide- und Waschräume der Bergleute befinden, war gemeinsam mit den anderen in ein Badebassin gestiegen, um sich die Kohle vom Leib zu waschen, und war, noch immer müde, von der Schwarzkaue zur Weißkaue getrottet, um sich dort anzuziehen. Der Vater, das weiß das kleine Mädchen, hatte es gehasst, im selben Dreck wie all die anderen zu baden. Bis heute behauptet er, dass ihn das noch kränker gemacht habe als der Kohlenstaub.

Dabei – wie stellt er sich das eigentlich vor, der Vater?, fragt sich das kleine Mädchen, während es weiter mit zusammengekniffenem Auge durch die Haarsträhne hindurch auf die Silhouette der Schornsteine und Fördertürme schaut. Reines, klares Wasser gibt es doch sowieso nicht, weil die Wasserläufe, die sich wie Adern durch die Stadt und ihre Umgebung hindurchziehen, sämtliche Abfälle und Abwässer aus den Zechen und den Haushalten schlucken. Manchmal hockt das Mädchen sich an einen solchen Graben und schaut auf die stinkende Flüssigkeit, die sich schwarz und träge in die Kuhle schmiegt und sich nicht entschließen kann, abzufließen. Die Mutter sagt, sie solle wegbleiben von diesen Gruben, es wohnten Krankheiten darin – aber die Mutter kann sie kreuzweise! Denn es gibt nichts Schöneres, als darauf zu warten, dass sich, sobald die Sonne ihr warmes Licht erstrahlen lässt, Gasblasen an der Oberfläche der klebrigen, stinkenden Masse bilden und platzen. Paff, Krach, Bumm! Noch eine Explosion! Paff! Und noch eine! Allerdings gelingt es der Sonne gar nicht immer, durch die von schwarzem Ruß verklebte Luft hindurch zu strahlen – an manchen Tagen wird es schon mittags dunkel.

Ein Zug rattert vorbei, die Waggons gefüllt mit Kohle und Erz. Das rechte Auge des Mädchens öffnet sich wieder, das Flackern der Hibernia-Schornsteine hört auf, die vor das Gesicht gehaltene Haarsträhne kehrt zurück ins Blickfeld und erinnert die Kleine daran, dass ihre Frage noch immer nicht beantwortet ist: Wieso eigentlich rot? Hexenrot, feuerrot, teufelsrot? Blond wäre viel wahrscheinlicher – oder eben schwarz, wo hier doch alles schwarz ist. Nur einer hat außer ihr noch rote Haare: Onkel Fritz. Friedrich Ködding. Der wohnt ganz in der Nähe, ist nicht verheiratet und schreibt gerne Gedichte. Die Eltern und Onkel Fritz tuscheln bisweilen mit gesenkten Stimmen, einmal sogar mit einem Rechtsanwalt, das beobachtet Clara jedes Mal ganz genau. Worüber reden sie, die Erwachsenen? Und wie kann es überhaupt sein, dass Erwachsene Geheimnisse haben, wo Geheimnisse doch den Kindern gehören?

Trotzig zwirbelt das Mädchen die Haarsträhne, rot wie sie ist, zurück in ihren Zopf und beginnt, mit dem Zeigefinger Buchstaben in den Sand auf dem Bahndamm zu malen. C-l-a-r-a, murmelt sie, ganz ins Schreiben vertieft, und betrachtet die Buchstaben, die wie Ornamente in dem körnigen grauen Grund versinken. Clara Wortmann – so heißt sie, nicht Clara Ködding. Und weil sie Wortmann heißt, liebt sie Worte und kann noch mehr Begriffe in den Sand schnörkeln. O-b-e-r-h-a-u-s-e-n. Dahin wird sie bald umziehen, weil der Vater eine größere Schankwirtschaft übernehmen will. Eine mit Tänzerinnen, die etwas vortanzen, und Sängern, die etwas singen, während die Gäste Bier trinken. Das bringt mehr Geld, sagt der Vater. Aber auch der, so findet das Mädchen, kann sie kreuzweise.

Sieben Mal schlägt die Glocke der Sankt-Georgs-Kirche. Und das heißt, dass sie schon zu spät ist. Um sieben Uhr gibt es Abendessen, und deshalb muss sich das Mädchen namens Clara Wortmann nun sputen. Schnell den Sand verwischen, damit niemand erfährt, dass sie hier war, schnell die Nase und die Strümpfe hochziehen. Schnell die Wut wegschlucken, die immer wieder in ihr brennt und ihr wie eine innere Dampflokomotive Antrieb gibt, während sie den Bahndamm hinunterfegt. Schnell nach Hause, Mühlenstraße 8.

2.

Jetzt ist der Bahndamm woanders.

Denn jetzt wohnt Clara nicht mehr in der Mühlenstraße 8, sondern in der Marktstraße 65, ihre Stadt heißt nicht mehr Gelsenkirchen, sondern Oberhausen – und an ihrem Himmel, da hängen nicht mehr Sonne, Mond und Sterne, sondern Stangen und Scheinwerfer.

Im Nachthemd steht Clara da, wie das Sterntalerkind aus ihrem Märchenbuch, wirft den Kopf in den Nacken, kneift das rechte Auge zu und schaut: Mindestens sechs Meter geht es nach oben, bestimmt fünf Mal müsste sie sich selbst übereinanderstapeln, um mit der Fingerspitze die Decke berühren zu können. Zwei dünne Seile hangeln sich aus diesem neuen Himmel herab, und an diesen Seilen hängt ein Trapez. Schwingt vor und zurück, vor und zurück, ebenso wie die Frau, die sich an dem Trapez festhält, um ihren Körper biegsam wie eine Schlange durch die Luft zu winden. In immer neuen Formationen zwirbelt sie ihre Beine, streckt und grätscht sie, droht plötzlich zu fallen, jedoch nur, um sich schnell um die eigene Achse zu drehen und in der nächsten Sekunde das Trapez wieder sicher mit ihren Händen zu greifen.

Wenn Clara beide Augen fest genug zusammendrückt, sieht es aus, als würde die Frau ganz ohne Trapez in der Luft schweben, als würde sie, jeder Schwerkraft enthoben und ohne jeglichen Halt, mit ihrem Körper Ornamente in die Luft zeichnen, Buchstaben malen, geheime Botschaften aus dem Schnürbodenhimmel schicken, hinunter zu ihr, dem Sterntalermädchen, das abwechselnd einen Fuß auf den andern stellt vor Aufregung und auch, damit die nackten Zehen, die unter dem Nachthemd herauslugen, nicht so kalt werden.

Vorsichtig neigt Clara den Kopf – so weit, dass sie, ohne entdeckt zu werden vom Publikum, einen Blick in den Zuschauerraum erhaschen kann. Menschen sitzen an Tischen, trinken Bier und rauchen, so dass sich leichte Nebelschwaden im Licht abzeichnen. Immer, wenn die Trapezkünstlerin scheinbar fällt, hört Clara ein erschrockenes Raunen im Publikum, einige Gäste halten sich die Hand vor den Mund, manche sogar vor die Augen, Frauen drücken ihr Gesicht an die Schultern ihrer Männer.

„Na, Kleine, musst du noch gar nicht ins Bett?“, fragt ein Mann, der an Clara vorbei über die Seitenbühne geht, im Arm hält er ein buntes Kostüm.

„Nee.“ Geht den gar nichts an, faucht Clara innerlich. Kann sie kreuzweise.

„Willst wohl auch gerne mal auf die Bühne, was?“, zwinkert er ihr zu.

„Nee.“ Geht den doch wirklich nichts an.

„Wortmanns Varieté“ prangt in stolzen Lettern außen an der Fassade, und im Varieté wird kein Tee getrunken, wie Clara anfangs dachte, sondern geraucht. Die Mutter hat ihr erklärt, dass es sich um eine Mischung aus Theater und Schankwirtschaft handle, die im Volksmund auch „Rauchtheater“ heiße und für die man, im Gegensatz zu einem echten Theater ohne Rauch, nur eine halbe Erlaubnis brauche von der Behörde.

„Was, bitteschön, ist denn eine halbe Erlaubnis?“, hatte Clara verwundert gefragt.

„Naja, kostet eben weniger Geld, so eine halbe Erlaubnis“, entgegnete die Mutter, während sie weiter die Wäsche im kochend heißen, sich nach und nach grau färbenden Wasser auswrang, „da muss man die Zahlungsfähigkeit nur für ein paar Monate nachweisen, nicht für ein ganzes Jahr wie bei einem richtigen Theater, verstehst du?“

„Und wie ist das mit mir?“, fragte Clara und steckte ihre Hände in den wohlig warmen Berg aus dampfender Wäsche. „Bekomme ich eine halbe oder eine ganze Erlaubnis zum Zuschauen im Varieté?“

Die Mutter schüttelte den Kopf und lachte: „Mädchen in deinem Alter gehören abends ins Bett, nicht ins Varieté!“

„Aber weißt du was?“, krähte zeitgleich Claras Schwester Emilie, die Wangen von der Hitze in der Waschküche gerötet. „Vielleicht wird Vater bald eine Nummer mit Tieren ins Programm nehmen. Es gibt eine, da läuft eine Katze über ein Seil – mit einer lebenden Maus im Maul!“

„Das glaube ich nicht!“, gab Clara energisch zurück. „Katzen fressen Mäuse! Warum soll die Katze dann so dumm sein, die Maus im Maul herumzutragen?“

Doch gleichzeitig hatten auch ihre Wangen zu glühen und die Neugierde in ihrem Innern zu pochen begonnen. Ob die Katze vielleicht tatsächlich irgendwann mit ihren Pfoten über die Bühnenbretter von „Wortmanns Varieté“ schleichen würde?

Bisher hat Clara vergeblich auf die Katze gewartet. Stattdessen stehen nun neben ihr auf der Seitenbühne zwei Kerle, die just in diesem Moment den Weg zur Bühne beschreiten, seltsame Paradiesvögel in viel zu bunten Kostümen. Wie zwei Monde schimmern die kalkweiß geschminkten Gesichter über den Hälsen, in jeder der beiden Visagen klafft ein grinsender roter Mund. Während sie auf die Szene schlendern, stößt der eine riesige Rauchwolken aus seinem Mund, die er aus einer großen Pfeife inhaliert, beide strahlen eine gutmütige Ruhe aus.

Paff, Krach, Bumm!, zuckt es plötzlich durch Claras Körper – der eine hat dem anderen mitten auf der Bühne hinterrücks ein Bein gestellt. Wie ein Brett knallt der Gefoppte der Länge nach auf den Boden, platt wie eine Flunder. Gelächter im Publikum. Aktion, Reaktion – Prügelei! Großes Gejaule und Geschrei, eine Kakophonie der Körperteile, Schuhe und Hände fahren auf und ab, bügeln sich von rechts nach links, von einer Diagonale in die andere, Schwitzkasten, irgendwann stampft der Stärkere dem Schwächeren so sehr auf den Rücken, dass alle Knochen zu brechen drohen.

Dem Gelächter im Publikum geht die Luft aus. Clara kann sehen, wie sich dünne Fäden aus Angst unter die Rauchschwaden weben. Was, wenn er ihn tot schlägt?, liest Clara als bange Frage in den Gesichtern der Zuschauer, was, wenn er den armen Kerl zu Brei zermalmt? Doch Clara, das Sterntalermädchen im Nachthemd, weiß es besser. Von der Seitenbühne aus kann sie sehen, dass der Angreifer immer nur auf den Boden tritt, der Liegende sich dennoch jedes Mal wie unter Schmerzen krümmt – gefährlich echt sieht es aus der Perspektive des Publikums aus, doch in Wahrheit wird ihm kein Haar gekrümmt. Und tatsächlich, als das Opfer endgültig dahingestreckt und nur noch eine einzige zerquetschte Masse scheint, steht es auf, als sei nichts geschehen, steckt die Pfeife in den Mund und geht, vergnügt beim Kompagnon eingehakt, auf der anderen Bühnenseite wieder ab.

Erneut linst Clara ins Publikum, das den Abgang der beiden Clowns begeistert und erleichtert zugleich beklatscht. Eines hat sie bereits begriffen: Manchmal muss man gar nicht auf die Bühne schauen, um zu wissen, was auf der Szene gerade passiert, manchmal genügt es, die Gesichter im Zuschauerraum zu studieren. Denn in den Mienen zeichnet sich alles wie in einem Spiegel ab. Es gibt Momente, in denen sich Augen mit Tränen füllen, und Momente, in denen Wangen vor Zorn fast rot werden. Dann wieder sieht man Münder lachen oder Nasen minutenlang bewegungslos verharren, als seien sie erstarrt vor Spannung. Bisher wusste Clara nicht, dass ein Mensch so viele gegensätzliche Empfindungen innerhalb weniger Augenblicke erleben kann.

Während der Applaus für die Clowns verhallt, betritt ein Jongleur die Bühne, der Bälle in einem unaufhörlich wirbelnden Kaleidoskop um seinen Kopf schleudert. Clara versucht, den Weg eines roten Balls zu verfolgen, ihn keine Sekunde aus dem Blickfeld zu verlieren. Doch so sehr sie das rechte Auge auch zusammenkneift, so fest sie die Hände in ihr Nachthemd krallt, so sehr sie sich auch vornimmt, es zu schaffen – alles verschwimmt. Die fliegenden Kugeln des Jongleurs, das Scheinwerferlicht, die Zugstangen am Schnürboden, der Rauch, der vom Zuschauerraum bis auf die Seitenbühne zieht – alles verwischt sich zu einer großen Müdigkeit, die selbst vor dieser aufregenden Welt einer halben Erlaubnis keinen Halt macht. Etwas knackt. Etwas rauscht.

Das Mädchen Clara Wortmann, das gerade noch alles daran gesetzt hat, die Geheimnisse der Jonglage zu entschlüsseln, merkt nicht mehr, dass sie mitten auf der Seitenbühne, zwischen Kostümen, die bei einem schnellen Garderobenwechsel auf den Boden geworfen wurden, in den Schlaf sinkt. Dass sie, zusammengerollt wie eine Katze, von Katzen träumt, die mit offenem Maul über Seile spazieren und dabei von Mäusen verfolgt werden. Sie merkt auch nicht, dass sie zwischen diesen Kostümen, die nach Schweiß und Scheinwerfern riechen, und nach etwas Besonderem, für das sie noch keinen Namen weiß, so lange schläft und träumt, bis die Mutter sie am nächsten Morgen eben dort findet – in einen Frack gehüllt, den das Mädchen im Laufe der Nacht wärmend über sich gelegt hat.

3.

Clara schläft nicht, sie ist hellwach. Wäre ja noch schöner, ausgerechnet jetzt wegzudösen, das kommt ihr gar nicht in den Sinn. Kerzengerade sitzt sie auf der Holzbank des Zuges der Cöln-Mindener Eisenbahngesellschaft, verfolgt hoch konzentrierten Bewusstseins, wie die Lokomotive nordwärts keucht. Altenessen, Gelsenkirchen, Wanne, Herne, Castrop-Rauxel, Dortmund, Hamm, Oelde, Rheda, Bielefeld – Clara Wortmann befindet sich auf Reisen. Vierzehn Jahre ist sie nun alt, bald wird sie fünfzehn, aber, so findet Clara, während sie sich herausfordernd umschaut, sie ist nicht weniger erwachsen als die Menschen, die ihr gegenübersitzen und vom Rattern des Zuges in eine Hypnose geschaukelt werden, die ihre Köpfe wie Ähren im Wind sachte hin und her taumeln lässt. Erwachsen ist sie, weil sie das Abitur machen darf – als eines der ersten Mädchen überhaupt. Weil sie so schnell lernt, so intelligent ist, wie alle sagen. Vielleicht aber auch, weil Friedrich Ködding, jener Onkel Fritz, der dieselben roten Haare hat wie sie, sie loswerden will. Weil er geheiratet hat und es der frisch gebackenen Ehefrau nicht passt, wenn Clara mit ihren feuerroten Zöpfen permanent an Fehltritte der Vergangenheit erinnert. Ja, in der Tat, triumphiert Clara, sie ist hellwach und weiß Bescheid! Gegen sie hat kein Geheimnis eine Chance!

Der Kopf der Dame, die Clara gegenübersitzt, schaukelt auch. Doch im Gegensatz zu den anderen hat die Frau ihre Augen halb geöffnet – und auf Clara gerichtet. Die Pupillen mustern sie, fixieren sie. Bis der Mund unter den Pupillen sich rundet, dann spitzt und schließlich fragt:

„Na, Kleine, bist du ganz alleine unterwegs?“

Clara nickt stumm. Jetzt bloß kein Gespräch anfangen, geht die doch außerdem gar nichts an, die Frau, die kann sie mal kreuzweise.

„Hast du denn gar keine Angst, so ganz ohne Eltern?“

„Nee“, schüttelt Clara den Kopf. Geht die doch wirklich nichts an!

Blitzschnell erfasst Clara, was das für eine Frau ist: Das ist eine von den Schachteln, wie die aus Oberhausen, die sich immer aufgeregt haben, wenn sie mit dem Fahrrad an ihnen vorbeigesaust ist: „Kind, komm da runter, Mädchen dürfen nicht Fahrrad fahren!“, kreischten sie mit schrillen Stimmen, wenn Clara gerade so richtig schön in Schwung gekommen war und ihre Beine wie Dampfmaschinen volle Kraft in die Pedale traten. Sie schüttelten die Köpfe und stemmten die Arme in die Hüften, die Schachteln. Pah! Mädchen dürfen nicht Fahrradfahren! Pest und Cholera! Stumm schnaubt Clara in sich hinein. Schließlich ist es das Beste, was es gibt, so schnell zu rasen, dass der Wind einem um die Ohren saust, bis man nur noch eines hört: Rauschen. Da wäre Clara ja mehr als dumm, wenn sie sich das entgehen ließe, bloß, weil sie ein Mädchen ist!

Einige Wochen zuvor, im Februar 1899, hat Clara einen Brief geschrieben an eine Frau Hedwig Kettler vom Verein Frauenbildungs-Reform. Haargenau erinnert sich Clara an den Wortlaut ihres Briefes, denn sie hat ihn sich lange überlegt, hat ihn wieder und wieder in Reinschrift übertragen. „Durch eine Annonce wurde ich auf Ihr Gymnasium aufmerksam“, so hatte sie ihr Schreiben eröffnet, um dann ohne Umschweife auf das Wesentliche überzuleiten. „Ich beabsichtige, Medizin zu studieren. Wollen Sie mir gütigst Mitteilung über die dortigen Verhältnisse und Bedingungen machen. Ich bin 14 Jahre alt, evangelisch, und werde am 12. März dieses Jahres konfirmiert. Ich habe die hiesige paritätische Mädchenschule Ostern dieses Jahres absolviert und bin gern bereit, meine Schulzeugnisse einzuschicken. Wollen Sie mir gütigst mitteilen“, so hatte Clara erneut angefragt, „ob ich Aussicht habe, in dem Gymnasium aufgenommen zu werden, alsdann wird mein Herr Vater das nötige veranlassen.“

Der Zug rattert, die Dampflokomotive schnauft, die Frau von gegenüber schnauft auch, weil sie zu ihrer nächsten Frage ansetzt – die lässt einfach nicht locker, die Schachtel.

„Und wo fährst du hin, Kleine?“

Kleine, Kleine, Kleine. Kreuzweise!

„Nach Hannover“, würgt Clara von hinten aus der Kehle hervor, in der Hoffnung, es auf diese Weise für sich behalten zu können. Doch dann fügt sie noch freiwillig an, vielleicht, weil sie so stolz darauf ist: „Ich werde dort auf das Mädchengymnasium gehen und das Abitur machen.“

Die Miene der Schachtel färbt sich Richtung Erschrockenheit. „Aber Kindchen, was willst du denn mit sowas? Da verdirbst du dir doch den Charakter!“, vermeldet sie mit mitleidigem Kopfschütteln. „Das Herz einer Frau wird hart, wenn sie zu viel in ihren Kopf hineinstopft. Und das Herz“ – die Stimme der Schachtel nimmt einen komplizenhaften Tonfall an – „ist doch das Wichtigste, was wir Frauen haben, nicht wahr? Wie willst du denn sonst später einmal eine gute Mutter sein?“

„Gar nicht.“ Clara schiebt trotzig die Unterlippe vor. „Ich will Ärztin werden.“

„Ach Kindchen“, die Schachtel wird mild, „da hast du natürlich etwas Schönes vor – anderen Menschen helfen. Aber auch wenn du das jetzt noch nicht fühlst, du wirst schon noch merken: Dein wahrer Beruf ist ein ganz anderer. Du willst doch später einmal heiraten und deinem Mann eine gute Ehefrau sein.“

Und dann senkt die Frau die Stimme, damit die schaukelnden Ohren auf den Nebensitzen nichts mitbekommen, und beugt sich vertraulich zu Clara vor:

„Da musst du vorsichtig sein, Kindchen. Kein Mann wird dich später mehr haben wollen, wenn du deinen Kopf mit zu viel Männerwissen vollstopfst.“

Paff, Krach, Bumm! Sollte man einfach in die Luft sprengen, die Schachtel samt ihrer Ansichten! Jetzt wird Clara gar nichts mehr sagen, das schwört sie sich. Soll die Frau ihr Leben leben, sie lebt ihr eigenes und nicht das der andern. Aus dem Fenster schauen, abschütteln, loswerden, so tun, als müsse man dringend etwas lesen.

Clara faltet die Zeitungsannonce auf, die sie wie einen kostbaren Schatz in ihrer Tasche geborgen hält und die schon ganz zerschlissen ist, weil sie den Aufruf in den vergangenen Wochen unzählige Male studiert hat:

„Immer allgemeiner erhebt sich auch in Deutschland der Ruf nach Zulassung des weiblichen Geschlechts zum Uni­versitätsstudium, nachdem nun fast alle anderen Länder Europas uns in der Erschließung der Hochschule für die Frau vorangegangen sind!“, so schreibt der Verein für die Frauenbildungs-Reform, dem Frau Hedwig Kettler aus Hannover vorsteht. „Die wirthschaftliche Entwicklung unserer Zeit drängt dahin, auch für unsere Töchter die Möglichkeit eigener Erwerbsfähigkeit so weit zu steigern, wie es heute in Deutschland praktisch durchführbar ist. Schon haben im Handels- und Gewerbsleben sich viele Thätigkeitsgebiete dem Fleiß der Frauen geöffnet, die ihnen ehemals verschlossen waren.“

Wie ein Versprechen knistert das Papier in Claras Händen, und das Geräusch mischt sich mit dem Rattern des Zuges.

„Aber es ist nicht allein und nicht einmal in erster Linie das wirthschaftliche Interesse, das die Zulassung der Frau zur Universität fordert, sondern dringender noch das wachsende Bedürfnis nach Ärztinnen für kranke Frauen und Mädchen. Zahlreiche weibliche Personen leiden Schaden an ihrer Gesundheit, weil sie sich scheuen, sich an einen männlichen Arzt zu wenden. Hier thut Hilfe dringend noth!“

Noch vielversprechender raschelt das Papier. Genau das will Clara! Medizin studieren!

„Wir haben uns entschlossen, eine ‚Gesellschaft zur Mitbegründung des Hannoverschen Mädchengymnasiums‘ ins Leben zu rufen, deren Mitglieder jährlich 3 M zu den Kosten der Anstalt beitragen. Es gilt, ein Unternehmen zu fördern, das bestimmt ist, dem weiblichen Geschlechte dauernden Segen zu stiften.“ Und dann steht da noch, ganz am Ende, das Datum: Hannover, Januar 1899.

Der Schachtel von gegenüber sind die Augen zugefallen, der Kopf ist auf die Brust gekippt. Gott sei Dank, Ruhe. Die braucht Clara dringend zum Nachdenken. Bisher weiß sie nicht viel über Hannover. Außer, dass es eine sehr große Stadt ist, in der fast 90.000 Menschen wohnen. 90.000! Mehr als viermal so viele wie in Oberhausen oder in Gelsenkirchen! „Großstadt“ haben die Eltern gesagt. Wohnen wird sie beim Ehepaar Schmitz, der Mann ist der ehemalige Schreiber jenes Rechtsanwalts aus Oberhausen, mit dem die Eltern und Onkel Fritz manchmal gesprochen haben. Onkel Fritz hat das arrangiert. Wenn das kein Beweis dafür ist, dass er ihre roten Zöpfe aus dem Blickfeld bekommen will!

Energisch faltet Clara den Zeitungsartikel zusammen, steckt ihn zurück in die Tasche, setzt sich aufrecht hin und hält sich bereit für die Ankunft. Weder wegen Onkel Fritz noch wegen sonst jemandem fährt sie nach Hannover, sondern einzig und allein, weil sie es will! Ihr Herz klopft. Erst links in ihrer Brust. Dann weiter oben. Dann noch ein Stück weiter oben. Dann im Hals und in der Kehle. Und als der Zug schließlich in Hannover einfährt, klopft es am ganzen Körper, klopft bis in die Bahnhofshalle hinein, die sich hoch über ihr erstreckt, so dass die Geräusche darin aufbranden wie in einer Kathedrale und der Herzschlag von überall im Echo zu ihr zurückschallt.

Am Denkmal von König Ernst-August, der als stolzer eiserner Reiter über dem Bahnhofsvorplatz wacht, den Blick gen Stadt gerichtet, wartet ihre Gastfamilie, Herr und Frau Schmitz, auf sie. „Guten Tag“, grüßt Clara. Knicks zur einen Seite. „Guten Tag“, Knicks zur anderen Seite. Ein Pferdeomnibus passiert den Vorplatz, klackklack, klackklack, gefolgt von einer elektrischen Straßenbahn. Clara nimmt alle Vorgänge mit geballter Intensität wahr, die Sinne geschärft durch den Brennspiegel der Aufregung. Unmittelbar bemerkt sie: Diese Stadt klingt anders, diese Stadt riecht anders. Kein Kohlenstaub liegt in der Luft. Einatmen. Ausatmen. Und noch einmal tief einatmen. Ankommen in der Großstadt. Auf zu ihrer zukünftigen Adresse: Drostestraße / Ecke Kollenrodtstraße.

4.

Am nächsten Morgen atmet Clara erneut tief ein. Jetzt riecht es nicht mehr nach Großstadt, sondern nach gebohnerten Böden. Die Tische stehen in Reih und Glied, ebenso wie die Mädchen, die sich zu ihrem ersten Schultag versammelt haben. Noch tragen sie keine Schuluniform, noch sehen sie alle ganz unterschiedlich aus, manche mit, manche ohne weiße Kittelschürzen. Einige kennen sich bereits und tuscheln leise miteinander, verstummen aber sofort, als eine Frau den Raum betritt. Sie wirkt streng, doch Clara durchschaut, dass die Fassade täuscht. Zwar ist das Kleid bis zum Hals zugeknöpft und das Haar in einem straffen Knoten nach oben gesteckt, aber die Augen leuchten, denn diese Frau, das spürt man, hat eine Vision. Und eine große Kraft. Als Hedwig Kettler stellt sie sich vor und sagt etwas Unerhörtes gleich zu Beginn:

„Vergesst, was ihr bisher gelernt habt.“

Wie meint sie das? Was will sie damit sagen? Clara merkt, wie ihre Ohren sich voller Neugierde aufsperren, und sie spürt zugleich, wie die Mädchen neben ihr sich in eine Reihe elektrisch geladener Fragezeichen verwandeln.

„Bisher habt ihr gelernt, dass ihr Bildung nur braucht, um dem Mann eine interessierte Gefährtin sein zu können. Um sein Haus durch eure kluge Gegenwart zu schmücken und bei Gesellschaften die euch zugewiesene Rolle gut spielen zu können.“

Die anfangs noch blassen Wangen der Frau erröten leicht, während sie der Reihe nach jedem der Mädchen fest in die Augen blickt.

„Findet ihr nicht, dass es Zeit ist, Schluss zu machen mit diesem ‚Mamachen‘-Wesen?“

Clara saugt die Luft durch die Lippen ein. Mamachen-Wesen?

„Wollt ihr weiterhin freiwillig Menschen sein, die aus der Kindheit nie ganz herauswachsen, bloß, weil es den Männern gefällt, wenn ihr den ‚Reiz des Unfertigen‘ mit euch herumtragt? Verspürt ihr in euch nicht den Drang, genauso viel vom Wissen der Welt abzubekommen wie sie?“

Immer herausfordernder klingt die Stimme von Hedwig Kettler, und Clara scheint es, als würde die Frau mit jedem Wort schöner und strahlender werden.

„Wollt ihr nicht auch einen Beruf erlernen, anstatt ausschließlich Kinder zu gebären? Habt ihr nicht auch ein Interesse daran, euer Denken zu schulen? Nicht nur euer Gefühl, sondern auch euren Intellekt auszubilden?“

Längst hat Claras Herz zu klopfen begonnen und es klopft immer unverhohlener, fast schon so laut wie gestern in der Bahnhofshalle, denn sie spürt, dass diese Frau etwas zutiefst Wahres sagt – auch wenn ihren Worten etwas Verbotenes eingeschrieben scheint. Wie gerne würde Clara der dämlichen alten Schachtel aus dem Zug diese Ansprache um die Ohren hauen! Der Name Helene Lange fällt, Hedwig Kettler bezeichnet sie als eine Vorreiterin all dieser Ideen und weist in Richtung der Vase mit frischen Blumen, die auf dem Lehrerpult stehen:

„Mädchen, bedenkt: Zwei Pflanzen, die man in die Sonne gestellt hat, kann man miteinander vergleichen. Zwei Pflanzen, die man in den Schatten gestellt hat, kann man auch miteinander vergleichen. Aber zwei Pflanzen, von denen man die eine in die Sonne und die andere in den Schatten gestellt hat, die kann man nicht miteinander vergleichen. Oder?“

Einige Mädchen nicken stumm in die Zäsur hinein, Clara verharrt unbeweglich, sie will wissen, will jetzt sofort wissen, wie es weitergeht. Endlich öffnen sich Frau Kettlers Lippen erneut:

„Deshalb, Mädchen, ist es völlig absurd zu behaupten, der Geist der Frau sei unbegabter als der des Mannes. Denn wenn eine Pflanze, die man in die Sonne stellte, eine schönere Blüte treibt als eine andere, die im Schatten stand, hat sie dann bewiesen, dass sie eine bessere, kräftigere Pflanze ist?“

Durch die Schülerinnen wogt ein leises Raunen, das schnell verstummt, als Hedwig Kettler zu ihrer Schlussfolgerung ausholt:

„Will man zwei Pflanzen miteinander vergleichen, so muss man sie ganz gleich behandeln: entweder beide in die Sonne oder beide in den Schatten stellen. Und deshalb seid ihr hier! Deshalb bekommt ihr nun dieselbe Ausbildung wie die Jungen.“

Clara meint zu spüren, wie die Mädchen neben ihr wachsen, wie ihre Schultern, ihre Nacken, ihre Köpfe sich stolz erheben. Und sich noch mehr und geradezu trotzig erheben, als Hedwig Kettler anmerkt, dass es mit der Gleichheit leider noch nicht endgültig und noch nicht gerecht bestellt sei, weil die Mädchen dasselbe Pensum, das die Jungen bewältigten, in viel kürzerer Zeit schaffen müssten.

„Im Gegensatz zu den Jungen müsst ihr euer Abitur in nur drei Jahren erlangen. 35 Stunden pro Woche allein der Unterricht, von der stillen Arbeit zu Hause ganz zu schweigen.“

Um gegen das Wummern ihres Herzens anzukommen, lernt Clara innerlich stumm den Stundenplan auswendig. Sieben Stunden Latein pro Woche, sechs Stunden Griechisch, sechs Stunden Mathematik, drei Stunden Deutsch, zwei Stunden Religion, zwei Stunden Französisch, eine Stunde Englisch, zwei Stunden Geschichte und Erdkunde. Kein Pappenstiel. Paff, Krach, Bumm. Gleich, da ist sich Clara sicher, wird ihr Herz explodieren. Ist das nicht alles eine Nummer zu groß für sie? Nicht nur der Lehrplan, sondern auch die Vision, die in den Augen von Hedwig Kettler flackert? Darf sie, Clara Wortmann, sich überhaupt einbilden, zu den Sonnengewächsen zu gehören, oder ist sie im Schatten nicht viel besser aufgehoben? Und überhaupt – wäre es nicht sowieso klüger gewesen, einfach bei ihrem Fahrrad in Oberhausen zu bleiben?

5.

Clara büffelt. Lernt. Studiert. Paukt die biblische Geschichte des Alten Testaments unter besonderer Berücksichtigung der Psalmen und der messianischen Weissagungen. Einverleibt sich die Lektüre des Nibelungen- und Gudrunliedes in neuhochdeutscher Übersetzung, unter Mitteilung von Proben aus dem Urtext. Memoriert griechische Geschichte inklusive der kulturellen Entwicklung. Setzt sich mit den außereuropäischen Erdteilen auseinander. Studiert syntaktische Regeln des Lateinischen, konjunktivische Nebensätze, Partizipialkonstruktionen. Widmet sich der Lehre von den Geraden, Winkeln, Dreiecken, Vierecken, Vielecken und dem Kreise. Absolviert Übungen im richtigen, betonten Lesen und im Sprechen des Französischen. Verinnerlicht die Physik des menschlichen Körpers. Lernt thermische Grundbegriffe sowie die Formenlehre des attischen Dialektes. Leistet Übersetzungsarbeiten, Hausarbeiten, Klassenarbeiten.

Hat Heimweh. Manchmal. Vor allem am Wochenende. Hat aber auch ein Mittel dagegen. Das Mittel heißt „Schorsenbummel“. Clara macht es den Hannoveranern nach – und flaniert. Sonntags zur Mittagsstunde promeniert sie im inneren Herzen Hannovers die Georgstraße auf und ab, schlendert zwischen Kröpcke und Windmühlenstraße auf der einen Straßenseite hinunter und auf der anderen Straßenseite wieder hinauf. Sehr vornehm ist das, findet Clara, und hat sich einen eigenen, möglichst teilnahmslosen Gang dafür zugelegt – samt dem dazugehörigen Blick, mit dem sie sowohl die Schaufenster inspizieren als auch die um sie herum flanierenden wohlhabenden Bürger betrachten kann, die Frauen mit Sonnenschirm in der Hand, die Männer mit Strohhüten auf dem Kopf, auch „Kreissägen“ genannt. Nur am Knotenpunkt „Kröpcke“ wendet Clara, so wie die Hannoveraner auch, ihre Augen gekonnt der Straße zu, denn hier ist Vorsicht angesagt: Hier kreuzen sich die Schienen der Pferdebahn, manchmal fährt auch ein Auto vorbei.

Wenn Clara lange genug auf- und abflaniert ist, schlendert sie zur Uhr. Um so zu tun, als habe sie eine Verabredung an diesem heimlichen Zentrum der Stadt. Liebespaare treffen sich hier ebenso wie Freundinnen und Geschäftsleute. „Um fünf an der Uhr“ heißt es in Hannover, und jeder weiß Bescheid. Eine wahre Zauberkiste ist diese Uhr, findet Clara, ein richtig putziges Straßenmöbel, das nicht nur frei im Raum steht, so dass man das Zifferblatt von allen vier Seiten sehen kann, sondern auch eine Wettersäule, die Thermometer, Barometer und Hygrometer mit selbständigem Kurvenzeichner in sich birgt. Jeden Morgen wird die jüngste Wettermeldung ausgehängt, woraufhin die gesamte Kellnerschaft des Café Kröpcke – alle vornehm befrackt und wie an der Perlenschnur aufgereiht – zur Uhr patrouilliert, um die Vorhersagen zu studieren und herauszufinden, ob es lohnt, die Tische des Cafégartens besucherfertig zu machen oder nicht. Denn wenn die Hannoveraner oft genug die Georgstraße und die Windmühlenstraße hinauf- und hinunterflaniert sind, gehen sie zum Frühschoppen in den Pavillon von Regina und Wilhelm Kröpcke, der so exotisch aussieht, als würde er einem Sultan gehören, mit orientalischen kleinen Türmchen neben der Kuppel, alles aus Eisen. Und hinter dem Pavillon, zack, zack, zack, erstrecken sich bis hin zum Königlichen Theater die Gartenplätze, an denen man am besten dann Platz nimmt, wenn das Orchester in der Konzertmuschel im hinteren Teil des kleinen Parks musiziert.

Heute ist wieder ein Sonntag, an dem Clara an der Uhr herumlungert, das Café Kröpcke konzentriert im Visier. Erst geht sie in die eine Richtung um die Uhr herum, dann in die andere Richtung, sie studiert die Wettervorhersage einmal, zweimal, dreimal, viermal – und beschließt plötzlich energisch: Jetzt ist Schluss mit dem Herumgedruckse am Zifferblatt! Warum soll nicht auch sie, die Schülerin Clara Wortmann, ihren Sonntag im Café Kröpcke verbringen? Es klimpern doch ein paar Pfennige Taschengeld in der Rockschürze, sie braucht sich doch gar nicht so anzustellen! Also wirft Clara den Kopf in den Nacken, drückt beide Augen zu, sammelt Mut und – stürmt ins Café.

So viele Menschen, so viele Kaffeetassen, jetzt bloß nicht das Herz in die Rockschürze plumpsen lassen!

Zögernd, als könne sie sich dadurch unsichtbar machen, nimmt Clara Platz an einem der runden Tische, direkt neben ihr eine fröhliche Runde, über der eine dichte Wolke aus Rauch schwebt. Ebenfalls schwebend gleitet ein Kellner mit wehenden Frackschößen heran, röntgt das Mädchen mit misstrauischem Blick, legt aber dennoch eine Speisekarte auf den Tisch. Clara klappt sie auf – und ist verblüfft. Nicht nur das Angebot an Essen und Getränken findet sich abgedruckt, sondern auch Fahrpläne – offenkundig ist man im Café Kröpcke stolz darauf, so unmittelbar neben dem wichtigsten Verkehrsknotenpunkt der Großstadt Hannover situiert zu sein.

Gierig klettern Claras Augen die Liste der Speisen hinunter. Kröpcke-Spezial: Eine kräftige Rinderbrühe mit Fleisch und Ei, obenauf schwimmt eine geröstete Scheibe Weißbrot, bestrichen mit Rindermark, dazu ein Glas dunkelroten Portweins. Der Magen würde gerne unmittelbar bestellen, aber kreuzweise, das kann sie sich nicht leisten, auch nicht die Königinnen-Pastete, egal, wie oft sie das Geld in der Rockschürze nachzählt.

Wieso aber mustert der Kellner sie so hartnäckig, nimmt sie so zäh ins Visier? Darf man hier nicht einmal einen Moment lang überlegen, ehe man die Bestellung aufgibt?

„Na Kleine, bist du ganz allein hier?“, ruft just in diesem Augenblick eine der Gestalten von dem zugequalmten Tisch zu ihr herüber.

„Na Kleine, na Kleine“, äfft Clara innerlich nach. Wie sie diese Anrede satt hat! Geht den doch außerdem gar nichts an, den Kerl, kann sie kreuzweise!

„Komm lieber mit zu uns an den Tisch“, legt der Mann nach, „sonst wirft der Kellner dich noch aus dem Lokal, die haben hier strenge Anweisung, weißt du, ein Mädchen alleine im Café, das führt schnell zu Missverständnissen ...“

Schon hat er die verdutzte Clara mitsamt ihrem Stuhl zu der kleinen Gesellschaft geschoben, schon sitzt sie in der Rauchwolke, zwischen drei Männern und einer Frau.

„Na, Adalbert, wieder jemanden vor der Sittenpolizei gerettet?“, fragt die Frau, die, wie Clara findet, eine echte Schönheit ist.

„Ja, habt ihr schon gehört? Neulich wollte der Kellner die Olga rauswerfen, weil sie allein da war. Hat ihr dezent das Kärtchen auf den Tisch gelegt: ‚Sie werden gebeten, das Café unauffällig wieder zu verlassen.‘“

„Was, die Olga Polna aus der Oper, die hat er für ne Leichte gehalten?“

„Ich kann euch sagen, die hat vielleicht geschäumt vor Wut!“

Gelächter und Gekreisch. Einer der Männer schlägt seine Hand auf den Tisch, während sich sein Oberkörper nach hinten biegt.

„Herr Oberkellner, ein Knickebein für die junge Dame bitte!“