Buchstabe und Geist - Frans Kellendonk - ebook

Buchstabe und Geist ebook

Frans Kellendonk

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Opis

Kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag beendet Felix Mandaat sein bisheriges verträumt-zurückgezogenes Leben, um sich endlich unter Menschen zu mischen. Als Vertretung für einen verschwundenen Kollegen tritt er eine Stelle als Bibliothekar in einer Universitätsbibliothek an und will versuchen, sich der hier arbeitenden Gemeinschaft anzupassen, was ihm nicht leichtfällt. Im Magazin der Bibliothek gehen zudem vor Mandaats Augen sehr merkwürdige Dinge vor sich, und bei der Frage, was es mit dem geheimnisvollen Verschwundenen auf sich hat, ob er krank ist oder ihm sogar etwas zugestoßen ist, hüllen sich alle – bei sonst auffälliger Mitteilsamkeit – in ein seltsam eisiges Schweigen. "Buchstabe und Geist" gehört durch den kühl observierenden Stil, den genauen Blick fürs Detail, die subtile Ironie und die teilweise urkomischen Szenen mit den lieben Kollegen und auch den Benutzern der Bibliothek zu den typischen Werken, die Frans Kellendonk in seinem kurzen Leben zu einem der wichtigen, bleibenden Autoren der niederländischen Moderne gemacht haben.

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FRANS KELLENDONK

Buchstabe und Geist

Eine Spukgeschichte

Aus dem Niederländischenund mit einem Nachwortvon RAINER KERSTEN

LILIENFELD VERLAG

INHALT

Kapelle

Die menschliche Ebene

Jakobsleiter

Der neue Meneer Brugman

Mandaat steckt in der Klemme

Zwei beschämende Erinnerungen

Der Weiße Ballon

Phaeton

Letzte Fahrt

Nachwort

von Rainer Kersten

KAPELLE

Ein gelehrter Mann namens van den Kerckhove hat einmal behauptet, die Gracht, an der unser Gebäude liegt, sei die längste der Welt, denn etwas weiter unten ändere sie ihren Namen, fließe weiter durch bis zum Rhein und der, wie bekannt, in das unendliche Meer. Auch sei sie die schönste Gracht der Welt, denn sie sei die vollendetste Gracht in der prächtigsten Stadt der herrlichsten Provinz der Niederlande – und die gelten gemeinhin als die Perle Europas, das sich seinerseits die Kaiserin der Kontinente nennen darf. Leider kann unser Gebäude selbst auf keinen dieser Superlative Anspruch erheben.

Die Front ist aus ganz gewöhnlichem Backstein und stammt aus dem Ersten Weltkrieg. Sie versucht sich den Anschein einer Fassade aus nobleren Zeiten zu geben, was dazu führt, dass die hohen Fenster unter den Girlandenornamenten einen anstarren wie Damen, die an der Wirkung ihrer Toilette zweifeln, angegriffen und angriffslustig zugleich. Sie folgt einem klassisch symmetrischen Aufbau, und auch die geräumige Eingangshalle verspricht Ordnung und Übersichtlichkeit, jedenfalls in der Früh um halb neun, wenn gerade gewischt wurde und die Putzfrauen auf ihre Schrubber gestützt noch ein wenig an der Pförtnerloge schwatzen und den hereinkommenden Mitarbeitern einen guten Morgen wünschen.

Es ist noch ein ganzes Stück vor halb neun, als Mandaat sich vor dem Eingang zu unserem Gebäude die neuen Schuhe abtritt. Gut zwei Stunden vorher ist er aufgestanden und hat sich auf der Stelle in seine Kleidung geworfen. Untadlige Kleidung: schlichte graue Hose, Jackett mit Fischgrätmuster, Pullover mit V-Ausschnitt, darunter ein hellblaues Hemd zu grauer Krawatte. In wenigen Monaten wird Mandaat dreißig. Der Schock, der damit einhergeht, kann einen hart ankommen, das weiß er, und so hat er beschlossen, sein Leben von nun an mit anderen zu teilen. Der Zug hat ihn durch eine Niederlande geführt, die er bisher noch nicht kannte, eine Finsternis mit ihm durchmessen, der sich Fabriken und Bürogebäude mit ihren Lichtern tapfer entgegenzustemmen versuchten. Scharen von Menschen, von nun an Schicksalsgenossen, sind, noch benommen vom Schlaf, zugestiegen. Er hat gesehen, wie die Fenster des Zuges von der mitgebrachten Nestwärme beschlugen. Die arbeitenden Niederlande! Jeder dieser Mitreisenden hat seinen eigenen Beruf. Der eine fräst, dreht und schleift, der andere gibt Unterricht und konferiert, einer weiß alles vom Vulkanisieren, Amalgamieren, Sherardisieren, Silikonieren und Eloxieren, ein anderer verwaltet und leitet, und wieder ein anderer stempelt und stanzt. Wie seine eigene Arbeit genau aussehen wird, weiß Mandaat noch nicht. Auf dem Bahnsteig hat er nochmals – völlig überflüssigerweise – den kleinen Stadtplan studiert, bevor er sich auf seinen von nun an täglichen Weg gemacht hat. Bald schon werden seine Füße jede Unebenheit der Route genau kennen, die Namen der Straßen und der in ihnen befindlichen Geschäftsschilder sich zu einer Litanei aneinandergereiht haben, die er abends auch rückwärts wird aufsagen können.

Dies ist der erste Werktag des neuen Kalenderjahres, der erste Tag seines öffentlichen Lebens.

(Das heißt …)

Jemand kommt ihm mit offenen Armen entgegen. „Da ist ja der Vertreter für unseren Meneer Brugman! Kommen Sie herein – setzen Sie sich.“

Die große Liebe seiner Mutter ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sein Vater war ihre zweite Wahl. Ihr erstes Kind kam tot auf die Welt. Danach kam er. Jetzt kommt er als Stellvertreter für Meneer Brugman. Übrigens ist dies nicht sein erster Besuch in unserem Gebäude. Ein paar Tage zuvor hat er hier ein Bewerbungsgespräch mit einem Herrn geführt, der sich derartige Mühe gab, keinen uninteressierten Eindruck zu machen, dass Mandaat das Gefühl bekam, aus reiner Höflichkeit eingeladen worden zu sein. Inzwischen vermutet er, dass er der einzige Bewerber war.

„Wir sind ja so froh, dass Sie einspringen wollten. Und so kurzfristig auch noch – sehr freundlich von Ihnen. Die Arbeit darf nicht zu lang ins Stocken geraten. In der Sammlung könnten nie wiedergutzumachende Lücken entstehen …“ Angesichts dieser Option driften die Gedanken des anderen einen Moment ab, allem Anschein nach nicht einmal unangenehm. „Das ist Ihre erste Stellung, nicht wahr?“ Er lacht entschuldigend. „Na ja, Stellung …“

Mandaat antwortet, dass er schon mal eine andere Arbeit ausgeübt hat.

„Als Freiberufler?“ Amüsiertes Erstaunen. „Bei Ihrer philologischen Ausbildung?“

Organisatoren von Veranstaltungen. Ein siamesisches „Wir“, an dem er stur festgehalten hatte und das Angebote erstellte, sie zu übermitteln versprach und Vereinbarungen unterschrieb, das alles unter einem goldverzierten Briefkopf in Reliefdruck. Er habe Kongresse organisiert.

„Ach …!“

Reservieren und besprechen, darauf lief die Arbeit im Grunde hinaus. Er reservierte Säle, Hotelzimmer, besprach Pläne und Probleme, buchte Künstler, sogar manche Redner. Für jede Übernachtung, Buchung, jedes Gedeck kassierte er eine Provision von fünfzehn Prozent. Er organisierte Programme für die mitreisenden Damen. Die Juweliere, Glas- und Porzellanhändler, bei denen er sie vorbeischickte, bezahlten ihn großzügig für diese Kundinnen. Massenhaft Geld hat er mit seinen Kuppeleidiensten verdient. Er hat Reisen davon unternommen und den Rest nicht besonders abenteuerlich in Immobilien und Sparbriefe investiert, aus denen er jetzt ein kleines Einkommen bezieht.

„Der Traum eines jeden Dichters! Und ein Dichter müssen Sie ja fast sein, wenn Sie solch segensreiche Arbeit einfach aufgegeben haben …“

Es war eine Arbeit, die er nach einem halben Jahr vom Bett aus erledigen konnte; die er nach einem Jahr tatsächlich von seinem Bett aus erledigte. Neben ihm auf einem kleinen Tisch ein Telefon, ein Diktiergerät, ein Terminkalender und eine Teekanne. Er wartete auf die Post. Er wartete darauf, dass man ihn anrief. Er wartete auf den Abend. In der Ferne das Hämmern von Metall auf Beton, Bodenbefestigungsarbeiten für einen Neubau. Jeden ersten Montag im Monat mittags um zwölf die Sirene. Von seinem Bett aus, das mehr und mehr einem Krankenlager glich, hatte er Aussicht auf einen Lichtschacht: drei Wände aus geborstenem Zement, eine davon weiß gestrichen. Rostige Maueranker. Auf dem Boden des Schachts Kies, darüber der Himmel, mit etwas Glück vorüberziehende Wolken; bei jedem Wechsel des Wetters änderte der Kies seine Farbe. Ab und zu verirrte sich ein Spatz oder eine Amsel zu ihm nach unten. Nur zu Mittag verließer hin und wieder die Wohnung. Nie kaufte er beim Metzger weniger als zwei Steaks, beim Bäcker jedes Mal mindestens zwei Brötchen, aus Scham wegen seiner Einsamkeit. In der Nacht hielt Herzklopfen ihn vom Schlaf ab, und wenn er seine Gedanken endlich loslassen konnte, überkam ihn Panik und er zwang sich, die Augen zu öffnen, wollte er sehen, um sicher zu sein, dass er nicht tot war.

Dieser Schacht ist auch jetzt da, wenn er ihn auch nicht sieht. Alles Mögliche geschieht bei ihm zu Hause. Post fällt durch den Briefschlitz. Eine Maus kommt hinter einer Scheuerleiste hervor und huscht schnüffelnd über den Boden. Die Zeiger der Uhr, die Drehscheibe des Stromzählers, das Licht des Tages wandern, wandern in einem fort weiter. Der Gaszähler tickt. Staub fällt zu Boden. Mandaat sieht es nicht. Denn nun muss es endlich beginnen.

Jetzt sitzt er hier, in einem unserer Direktionszimmer, dieses Produkt gesunder Ernährung, medizinischer und zahnärztlicher Versorgung, schulischer und akademischer Bildung. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben die Niederlande der Nachkriegszeit etwas geschaffen, das in früheren Zeiten Generationen gedauert und ein Vermögen gekostet hätte: einen Herrn vom Scheitel bis zur Sohle. Dieser Herr schaut aus dem Fenster. Im Vergleich zu seinem Lichtschacht ist die Aussicht hier kaum ein Fortschritt zu nennen. Dieselbe minimalistische, beißende Schönheit: Backstein und Grau, vornehmlich das alltäglicher Verzweiflung, doch hier und da auch ein lichtgraues Funkeln.

„Über Ihre Bezüge wissen Sie Bescheid?“, fragt der andere. „Urlaub, Krankenversicherung, Betriebsrente, Aufgabenbereich?“

„Nun ja, Letzteres …“

„Kommen wir gleich drauf.“ Der andere lächelt. „Tja. Sie hatten vielleicht erwartet, der leitende Bibliotheksdirektor selbst würde Sie empfangen, aber Sie werden mit mir vorliebnehmen müssen. Wir bekommen ihn selten zu sehen, und, lassen Sie mich das hinzufügen, je seltener, desto besser, denn jedes Mal, wenn er erscheint, verkündet er uns einen Todesfall. Vorigen Monat noch den der alten Frau Pelkmans …“

Dem nun eintretenden amüsierten Schweigen glaubt Mandaat entnehmen zu können, dass besagte Mitteilung eine eher lustige Angelegenheit war. Der andere schlägt auf seine Stuhllehne und ruft sich zur Ordnung.

„Merkwürdiger Mann, unser Direktor. Mit keiner Macht aus seinem Büro zu kriegen. Ich wollte, ich könnte es Ihnen mal zeigen. Die Einrichtung wurde seit über hundert Jahren nicht erneuert. Die untröstliche Witwe eines Vorgängers hat das testamentarisch so festlegen lassen. Aus den Polstern quillt an allen Ecken und Enden das Stroh. Auf dem Schreibtisch stehen Miniaturporträts von Leuten, die kein Mensch mehr kennt. In einem bestickten Zeitungshalter an der Wand steckt eine Zeitung von genau dem Tag, als der angebetete Gatte verschieden ist. Dort schreibt unser Direktor seine Bücher. Er beherrscht fast fünfzig Sprachen, von einigen davon haben Sie bestimmt noch nie was gehört: Oriya, Cebuano, Hiligaynon, Telalog, Ilokano, Kannada, Paschtu, Telugu, Tamil. Sein Deutsch und sein Englisch sind übrigens eher mäßig, aber das werden Sie noch merken. Niemand weiß besser als er, was für Unmengen Bücher schon geschrieben wurden; dass er trotzdem meint, dem noch etwas hinzufügen zu müssen, ist entweder ein Zeichen tiefen Glaubens oder geistiger Umnachtung. Unser Direktor ist ein Mensch der, nun ja, etwas … – ach nein, ich sollte Ihnen nicht schon alles im Voraus verraten.“

Der andere beugt sich zu Mandaat vor, ein Geheimnis liegt ihm auf der Zunge. „Wenn Sie irgendwann mal einen Moment Zeit haben, machen Sie sich das Vergnügen und schauen Sie im Katalog unter den Namen Ihrer lieben Kollegen nach. Sie werden sehen, fast alle tauchen darin auf – mit einem Sonderdruck, einem Gedichtband im Selbstverlag, egal was, wenn nur Jansen neben Joyce stehen darf und Pietersen neben Proust. Mit einer Ausnahme: Ihrem ergebenen Diener, mir.“ Triumphierend lehnt er sich zurück. „Von mir ist noch kein Buchstabe veröffentlicht worden!“

Dieser andere ist B. C. Latour van Uffel, Mitglied der Direktion. Vorhin, als Mandaat noch an der Tür zum Büro wartete und seine neuen Schuhe trotz energischen Abtretens eine mächtige Schlammpfütze auf dem Linoleum hinterlassen hatten, war der Privatmann Latour van Uffel noch nervös an ihm vorbeigeschlurft, zwei tropfende, wabblige Überschuhe von sich weghaltend, die er dann quälend langsam, als behinderte Mandaats Anwesenheit ihn sehr, schräg an die Wand neben die Tür stellte. Danach ist er im Zimmer verschwunden, um erst zehn Minuten später wiederzukehren als van Uffel, Mitglied der Direktion, den neuen Mitarbeiter mit offenen Armen begrüßend.

Als Gott van Uffel erschuf, muss er gerade einen Zirkel zur Hand gehabt haben. Alles an ihm ist rund, am meisten die Bauchpartie, und mit seinen Händen, die er wie ein Affe oder ein Bettler zu Schalen gekrümmt hält, beschreibt er beim Sprechen endlose Schnörkel. Seine dunkelgrauen, leicht grünen Augen schauen starr über Mandaat hinweg, doch wenn man ihn mit einer Bemerkung überrumpeln würde wie „Jetzt stellen Sie sich doch nicht so an, van Uffel!“, würde sein Blick hilflos in dem seines Gegenübers herumzappeln wie eine Fliege in einem Glas Limonade. Er trägt einen englischen Wollanzug in empfindlichem Anthrazitgrau, auf dem der Privatmann van Uffel deutlich seine Spuren hinterlassen hat: auf dem rechten Ärmel undefinierbarer gelber Staub, auf der Weste eine glänzende Stelle, Butter wahrscheinlich, und überall auf der Brust Brotkrümel. Das weiße Oberhemd dagegen ist so tadellos frisch, dass die Löcher von den Nadeln der Wäscherei noch in ihm zu sehen sind. Eine komplette Junggesellenexistenz weht einem aus dieser Kleidung entgegen.

„Genug geschwatzt, Meneer Mandaat“, er erhebt sich aus seinem Lehnstuhl und klatscht gut gelaunt in die Hände, „höchste Zeit für die Führung.“

Der Eindruck von Ordnung und Übersichtlichkeit, den das Gebäude von außen erregt, ist gelinde gesagt irreführend. „Kommen Sie!“, gebietet van Uffel und lotst Mandaat durch einen Irrgarten von Seitenflügeln und Anbauten, die mittels schiefer Treppen, Zwischengeschosse und Galerien zu Verbindungs- und Hintergebäuden führen, von ihm achtlos als „Zwiebelschuppen“ oder „Refektorium“ bezeichnet oder mit weiteren, in ihrer Bedeutung verblassten Namen belegt, vorbei an jahrhundertealten, rußgeschwärzten Porträts von Männern mit latinisierten Namen. Auf einem Gemälde steigt der Rechtsgelehrte Hugo Grotius unter dem wachsamen Auge seiner Frau Marie in die Bücherkiste, um darin versteckt in die Freiheit zu entkommen. Oder ist das die Witwe am Ziel seiner Reise in Gorcum, und kommt er gerade wieder heraus? „Nutze die Zeit!“, ruft ein gewisser Donellus dem Neuankömmling aus den Kissen seines Sterbebettes zu. Und Mandaat nutzt seine Zeit. Er ist aus seinem Bett gestiegen und betritt nun die Geschichte.

Van Uffel schiebt eine Tür auf und winkt Mandaat, ihm zu folgen. „Die Abteilung Katalogisierung“, verkündet er mit gedämpfter Stimme. „Mit dieser Abteilung werden Sie viel zu tun bekommen. Der systematische Katalog ist der arbeitsintensivste in jeder wissenschaftlichen Bibliothek – und bedauerlicherweise auch der am seltensten konsultierte. Meneer Schiettekatte, der Kopf der Abteilung, wacht über die Hierarchie des Wissens. Er repräsentiert in seiner Person so etwas Ungreifbares wie den organischen Zusammenhang sämtlicher Wissenschaften. Ich will nicht tratschen, aber ich könnte Ihnen Geschichten erzählen … Schauen Sie, da steht er, bei den Redakteuren des Schlagwortregisters.“

Die Redaktion sitzt um einen langen Tisch, beladen mit Karteikästen, Computerausdrucken und Stapeln von Büchern, aus denen Formulare hervorragen, und schon an der Art, wie die Redakteure ihre Schultern krümmen, lässt sich erkennen, was für einen Kopf sie hier über sich haben. Dieser Kopf kann niemand anderes sein als der kleine Herr, der den Besuchern den Rücken zukehrt, wo man ihn, unbemerkt von den Redaktionsmitgliedern, krabbelnd die kurzen Finger bewegen sieht wie die Beinchen einer auf dem Rücken liegenden Schildkröte. Schiettekatte dreht sich abrupt um, denn van Uffel hat gehüstelt, und als der ihm Mandaat vorgestellt hat, nimmt er seine Brille ab und beginnt, sich mit einem makellos weißen Einstecktuch, das er mit einem kleinen Schütteln aus der Brusttasche hervorgeholt hat, die Gläser blank zu polieren. Van Uffel führt das Wort, Schiettekatte schweigt, wirft nur ab und zu einen scheelen Blick auf Mandaat und widmet sich ansonsten weiter der Brille: hält die Gläser gegen das Licht, fängt von vorn an, kopfschüttelnd, als wolle ihm einfach nicht in den Kopf, dass nicht seine Brille, sondern die Welt trübe ist. Als van Uffel zu Ende gesprochen hat, nickt er, faltet das Einstecktuch wieder zusammen, steckt es ein und setzt sich die Brille mit einem missvergnügten Nachklopfen zurück auf die Nase.

„Dann sollten wir einmal zu einer Besprechung zusammenkommen, Meneer … wie war der Name gleich wieder?“

Nicht nur Kinder kriegen leicht einen Frosch im Hals, sobald sie ihren Namen aussprechen sollen, und Mandaat hat ohnehin schon oft feststellen müssen, dass die Sprache ein viel willigeres Medium ist, solange sie unter seinem Schädeldach bleibt und sich nicht nach draußen begibt. An diesem Übel wird er nun nicht mehr lange leiden. Jetzt ist sein Name noch etwas schmerzhaft Persönliches (vollständig heißt er übrigens Felix Mandaat; wir hier begnügen uns mit dem Nachnamen), bald aber wird er zu harter Münze geschmiedet worden sein. Was für die Königin ihr Konterfei auf dem Gulden, wird dann für ihn der Name Mandaat sein.

Schiettekatte hat seinen Terminkalender gezückt und fährt mit dem Finger über Seiten, die genauso makellos rein sind wie sein Einstecktuch. „Morgen nicht“, murmelt er gut vernehmlich, „Besprechung mit der Bibliotheksleitung … Mittwoch Automatisierungskommission in Den Haag … Wie wäre es mit Donnerstag, zehn vor halb zwei?“

„Wie Sie wünschen“, antwortet Mandaat.

„Haben Sie dann auch genug Zeit für Ihr Mittagessen?“

„Ich krieg das schon hin.“

„Vielleicht sollten wir uns besser für nächste Woche verabreden?“

„Nur keine Umstände.“

„Wie Sie möchten. Es ist ein bisschen holterdiepolter, aber für dies eine Mal …“ Schiettekatte schlägt das weiterhin von keinem Eintrag besudelte Buch wieder zu. „Und seien Sie so freundlich, die Verabredung nicht zu vergessen!“

„Dieser Mann! Wenn ich da anfangen würde …“, sinniert van Uffel, als sie wieder im Flur stehen. „Aber gehen wir weiter.“

Nach und nach zeigt sich, dass der andere diese Führung schon so oft gegeben hat, dass er sie für eine bloße Vertretung auch stark gekürzt liefern kann. In gnadenlosem Tempo lenkt er Mandaat durch alle Abteilungen. Titelerfassung und Erwerbung, die Damen der Cafeteria, die Mannschaft der Ausleihe, der Magazinleiter und seine Gehilfen heißen ihn willkommen, herzlich, zurückhaltend, neugierig, in der Arbeit gestört, auf so viele verschiedene Weisen, dass bei dem Neuling nichts als Verwirrung zurückbleibt. „Kommen Sie“, befiehlt van Uffel, und jetzt lernt Mandaat seine direkten Kollegen kennen, als da wären: der Fachreferent für Türkisch-Usbekisch, der schlecht geschlafen hat und ihn nicht grüßt, ein Kollege, der stolz und doch klagend erklärt, dass er ganz allein die gesamten Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften betreut („All Ihre Kollegen sind irgendwo mal gescheitert“, erläutert van Uffel. „Wenn man hier arbeitet, hat man es anderswo nicht geschafft. Gilt genauso für mich, natürlich! Und auch für Sie, oder Sie werden noch scheitern. Kommen Sie!“), ein Kollege für Philosophie, der genau wie der für Jura mit Mandaats Ernennung nicht einverstanden ist, ihm aber feierlich verspricht, ihm trotzdem „loyal zu begegnen“, ein Kollege für orientalische Handschriften, der abwesend ist – für jedes Wissensgebiet gibt es irgendwo im Haus einen Spezialisten. Seit seinem ersten Tag im Internat und dem ersten Tag bei der Armee ist Mandaat nicht mehr so vielen Leuten vorgestellt worden. Ein einziges wildes Gewusel von Nasen, Kinnpartien, Arbeitskitteln, echten und künstlichen Gebissen, Händedrücken unterschiedlicher Feuchtigkeitsgrade, Runzeln, Schnurrbärten, Männern und Frauen mit und ohne Brille, Sommersprossen, Hauttönen von blässlich bis puterrot, Leberflecken, Haarfarben, Frisuren und Kahlköpfigkeit sowie Namen, die fast ausnahmslos mit einem silbernen Blitzen durch die Maschen seines Gedächtnisses schießen.

Einen Namen jedoch hat er sich gemerkt, den von Mevrouw Qualing. Sie waren vor einer Tür aus Riffelglas stehen geblieben, van Uffel den Fingerknöchel schon im Anschlag, als von drin eine Frauenstimme ertönte, unverständlich, aber durch Tonhöhe und Lautstärke als telefonierend zu erkennen. Sie sahen einen Schatten über das Glas gleiten, einen phänomenalen Frauenschatten. Die gewundene Telefonschnur zickzackte von ihrer Hand weg wie ein Blitz. „Offenbar beschäftigt“, murmelte van Uffel. „Na ja, Sie werden noch reichlich Gelegenheit haben, sie kennenzulernen.“ Erst ein paar Türen weiter erklärte er: „Das war Mevrouw Qualing, mit ku-u. Ihre Assistentin.“ Er machte den Mund auf, schloss ihn jedoch entschieden sofort wieder und sagte dann: „Nein, van Uffel, lass dem jungen Mann Zeit, sich sein eigenes Urteil zu bilden.“

Über verschlungene Wege, die Mandaat unmöglich rekonstruieren könnte, erreichen sie schließlich den Teil unseres Gebäudes, der „die Kapelle“ genannt wird: „Die Kapelle der Verschleierten Schwestern.“

„Nonnen werden Sie hier keine mehr finden, aber ein Allerheiligstes ist es noch immer, denn jetzt ist das hier unser Magazin. Mehr als drei Millionen Bände stehen hier, zusammengetragen über eine Periode von vier Jahrhunderten.“

Der Raum wird in seiner Gesamtheit von einer Stahlkonstruktion eingenommen, die bis unters Dach reicht. Die eisernen Säulen sind mit zahllosen Schichten mattgrüner Farbe bedeckt, tropfnasig und rissig, so dass sie wie Baumstämme aussehen. Quietschende Wendeltreppen steigen Mandaat und van Uffel empor, bis ganz nach oben, wo sie das über hundert Jahre alte Gerüst schwerfällig unter ihren Schritten schwanken spüren. Über klirrende Roste gehen sie, und wenn sie nach unten spähen, sehen sie sich durch acht solcher Metallgitter über einem schwindelerregenden Abgrund spazieren.

„Das ist der cortex cerebri