Brockendämmerung - Roland Lange - ebook

Brockendämmerung ebook

Roland Lange

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Opis

Auf der Suche nach einem sensationellen Motiv am Brocken findet ein Landschaftsmaler den Tod. Hat der Wolf, der kurz darauf tot und mit menschlichen Fingern im Magen aufgefunden wird, das Opfer angegriffen? Die Wolfsgegner streuen wilde Gerüchte. Die Soko Wolf ermittelt. Kurze Zeit später meldet eine Frau aus Barbis ihren Mann als vermisst. Das Team von Hauptkommissar Ingo Behrends beginnt mit der Suche und stellt fest, dass die Frau des vermögenden Versicherungsvertreters unter dem Einfluss einer religiösen Sekte steht. Will deren Anführer an das Geld des Mannes kommen? Dann decken Behrends' Leute eine Verbindung zu dem Künstler vom Brocken auf. Behrends entsendet einen Mitarbeiter in die Soko Wolf, ermittelt aber eigenmächtig weiter und lässt sich schließlich auf eine gefährliche Erkundungswanderung am Brocken ein ...

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Roland Lange

Brockendämmerung

Harz Krimi

Prolibris Verlag

Handlung und Figuren sind frei erfunden. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt.

Die Hexen zu dem Brocken ziehn,

Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.

Dort sammelt sich der große Hauf,

Herr Urian sitzt obenauf.

Goethes Faust – Walpurgisnacht!

Prolog

Kriminalhauptkommissar Ingo Behrends lümmelte träge auf der Couch und nuckelte an einer Flasche Köstritzer, während sich seine Ehefrau Katrin auf dem Sessel nebenan durch das Fernsehprogramm zappte. Bei einem der regionalen Vorabendmagazine hielt sie einen Moment inne. Verantwortlich für ihr Zögern war das Foto im Rücken der Moderatorin. Auch Behrends richtete sich etwas auf und lauschte interessiert.

»Guten Abend, meine Damen und Herren«, begrüßte die Moderatorin die Zuschauer mit dem gewohnt professionellen Lächeln. Dann wurde das Foto bildschirmfüllend in den Vordergrund geholt. Es zeigte zwei heulende Wölfe auf einer verschneiten Anhöhe vor der Kulisse eines winterlichen Laubwaldes. In ihrer typischen Haltung hatten die Tiere die Köpfe zurückgelegt und stießen aus ihren halb geöffneten Rachen kleine Atemnebelwolken in die klare Luft.

»Der Wolf ist in den Harz zurückgekehrt!«, sagte die Moderatorin und gab der Nachricht mit einer dramatischen Betonung das nötige Gewicht. Das Foto rückte wieder in den Hintergrund. »Wölfe im Harz – das Thema soll uns heute Abend beschäftigen«, fuhr sie fort. »Wir haben dazu einen Fachmann ins Studio eingeladen, den Forstwirt und Wolfsexperten Michael Voss vom Naturschutzbund Deutschland.« Die Kamera schwenkte auf einen Mann, der mit übergeschlagenen Beinen lässig auf einem roten Sofa saß und lächelnd ein schwaches Nicken andeutete.

»Toby! Toby, komm!«, rief Behrends.

Irgendwo in einer Ecke des Wohnzimmers scharrte es, und kurz darauf tauchte Sir Toby, Behrends’ Irischer Setter, am Fußende der Couch auf.

Behrends schnipste mit den Fingern und deutete neben sich. »Na los, setz dich zu uns und hör schön zu. Was die Dame da erzählt, interessiert dich bestimmt auch.« Sir Toby machte zwei Schritte und ließ sich auf den Fußboden fallen. »Die reden über deine Vorfahren. Merkt man dir gar nicht an, dass du mit denen verwandt bist. Ganz ehrlich, manchmal vermisse ich das an dir, dieses Wilde, Geheimnisvolle.« Er drehte sich zu Katrin hin: »Ich finde, er macht seinen Vorfahren keine große Ehre. Was denkst du?«

»Mhm … schon möglich«, murmelte Katrin abwesend.

»Ich denke manchmal, er ist gar kein echter Hund, sondern ein Bettvorleger.« Behrends klang unzufrieden. »Was meinst du, Schatz, ob man ihm das irgendwie beibringen kann?«

»Was?«

»Das Heulen.«

»Du spinnst doch!«

Er wandte sich wieder dem Fernseher zu und kraulte dem vor sich hindösenden Sir Toby den Kopf.

»Nachdem in den vergangenen Jahren fast überall in Deutschland Wölfe gesichtet und zum Teil auch ansässig geworden sind, galt der Harz bisher immer nur als sogenanntes Wolfserwartungsland«, sagte die Moderatorin gerade. Sie hatte sich zu dem Wolfsexperten auf das Sofa gesetzt. »Doch nun gibt es auch in dem Mittelgebirge wieder Wölfe. Wie sind die da so plötzlich aufgetaucht?«

»Nun«, begann der Experte gedehnt, »zunächst einmal reden wir nicht von Wölfen, sondern von einem einzigen Wolf. Und gesehen wurde der bisher auch noch nicht.«

»Ach?«, wunderte sich die Moderatorin. »Aber heißt das dann …«

»Das heißt, es handelt sich um einen Wolf, der einen GPS-Sender trägt«, fiel ihr der Experte ins Wort, »und anhand dieses Senders werden seine Wanderwege aufgezeichnet. Man muss das Tier also nicht zwangsläufig zu Gesicht bekommen, um zu wissen, wo es sich aufhält.«

»Einen GPS-Sender?«

»Richtig. Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, leben im Braunkohlegebiet in der Lausitz mehrere Wolfsrudel. Es gibt dort ein Projekt namens Wanderwolf, in dem das Abwanderungsverhalten der Wölfe untersucht wird. Dazu werden einigen Tieren Halsbänder mit GPS-Sendern angelegt. Der Harzer Wolf gehört zu diesem Projekt.«

»Dieser Wolf ist also aus der Lausitz in den Harz gewandert?«

»Nicht direkt. Er war vorher schon wochenlang unterwegs, ist sozusagen auf Umwegen in den Harz gekommen. Es ist alles dokumentiert. Das Tier war zu keiner Zeit außer Kontrolle.«

Die Moderatorin zog ein wenig die Augenbrauen hoch. »Ich verstehe«, sagte sie, »die Tiere werden also überwacht. Vielleicht auch, weil sie eine Gefahr darstellen?«

»Oh nein, nein! Verstehen Sie mich bitte nicht falsch.« Der Experte hob abwehrend die Hände. »Die Beobachtung dient lediglich dazu, das Verhalten der Tiere im Rahmen des Wanderprojektes zu studieren, und nicht der Überwachung, weil Wölfe angeblich gefährlich sind.«

»Gut. Darauf, wie gefährlich der Wolf tatsächlich ist, werden wir gleich zu sprechen kommen. Es gibt dazu durchaus gegensätzliche Ansichten.« Ein kurzes Interview mit einem Schafzüchter wurde eingespielt, das diese Behauptung untermauern sollte.

Danach wandte sich die Moderatorin wieder ihrem Gast zu: »Herr Voss, in dem Interview ging es um Schafe, die nachweislich von einem Wolf gerissen wurden. Glauben Sie, dass der Wolf auch Menschen angreifen würde? Oder ist das auszuschließen? Der Gründer eines bekannten Anti-Wolf-Forums sagt ja, die Tiere seien durchaus eine Gefahr für Menschen. Die Erfahrungen aus Russland während des Zweiten Weltkriegs bewiesen das.«

Der Experte schnaubte verächtlich. »Das ist Unfug. Lassen Sie es sich gesagt sein, der Wolf ist keine Gefahr für Menschen. Im Gegenteil! Er ist ein wichtiges Regulativ in unserer Kulturlandschaft. Wir können froh sein, dass der Wolf wieder den Weg zu uns gefunden hat – in eine Gegend, die bis zu seiner Ausrottung im neunzehnten Jahrhundert seine Heimat war.«

1.

Wie lange er schon durch die trübe Suppe marschierte, hätte er nicht sofort sagen können. Das Zeitgefühl schien dem Mann, der sich Hagen vom Ravensberg nannte, vollständig abhandengekommen zu sein. Ob er weiter als einen Kilometer gegangen war, ob erst wenige Hundert Meter – unmöglich, das ohne sichtbare Orientierungspunkte abzuschätzen. Erst wenn er unmittelbar an Bäumen, Sträuchern und Felsen vorbeischritt, nahm er sie wahr. Hin und wieder lichtete sich für einen Augenblick der Schleier, gewährte ihm einen verschwommenen Blick, wie durch eine schmutzige Fensterscheibe. Dann sah er die Baumwipfel, die wie Schemen aus der hellgrauen Decke stachen, und er glaubte, der Nebel würde sich jeden Moment auflösen. Doch schon Sekunden später war alles so dicht und undurchdringlich wie zuvor. Sein Ziel, dieser sagenhafte Aussichtspunkt, von dem er bis vor Kurzem nie gehört hatte, schien ihm plötzlich unerreichbar zu sein.

Eine unangenehme Enge beschwerte Hagen vom Ravensberg die Brust. Lag es an dem unbekannten Pfad, auf dem er gerade ging? Dabei hatte er doch schon so oft abseits der ausgeschilderten Routen einen Weg zum Gipfel gesucht, unter sengender Sonne ebenso wie bei Sturm und Regen, Eis und Schnee, sogar im dichten Nebel. Nie hatte er sich abschrecken lassen. Warum spürte er ausgerechnet heute diesen merkwürdigen Druck?

Der Aufstieg hatte normal wie immer begonnen. Außer einer Gruppe verrückter Mountainbiker war er niemandem begegnet. Vielleicht war das wohlige Kribbeln, das er immer zu Beginn seiner Wanderungen empfand, etwas stärker gewesen als sonst. Die Vorfreude auf einen grandiosen Blick über die Harzlandschaft hatte zusätzliche Glückshormone in ihm aktiviert. Dann aber war der Nebel gekommen, so plötzlich und unerwartet, wie es nur hier am Brocken passierte. Hagen vom Ravensberg war nicht sonderlich überrascht gewesen. Wusste er doch, wie unberechenbar das Wetter rund um den Berg sein konnte. Entschlossen war er der milchigen Wand entgegengeschritten, die jeden Baum und Strauch vor ihm und sogar den Himmel verschlungen hatte und langsam auf ihn zugewabert war. Nur ein paar Sekunden hatte es gedauert, bis er von der nasskalten Riesenhand ergriffen worden war. Die Nebelklauen hatten sich um ihn gelegt und seine Spuren getilgt. Seine Vorfreude und sein Wohlgefühl waren jäh umgeschlagen in Beklemmung.

Um ihn herum war es totenstill. Er durfte nicht leichtsinnig werden. Gerade mal ein paar Meter des Weges vor ihm ließen sich erkennen. Es war fremdes Terrain, auf dem er sich bewegte, und er wusste nicht, was ihn im nächsten Moment erwartete. Im Nationalpark blieb die Natur an sehr vielen Stellen sich selbst überlassen. Sollte ihm etwas zustoßen, brauchte er nicht auf schnelle Hilfe zu hoffen.

In Gedanken versunken, den Blick starr auf den sichtbaren Bereich vor seinen Füßen gerichtet, tastete er sich voran. Sein Ziel und die damit verbundene Vorfreude auf einen einzigartigen Rundblick waren in den Hintergrund gerückt. Stattdessen nahm das Druckgefühl auf seinen Brustkorb stetig zu. Sein Herz klopfte wie zu Anfang seiner Wanderung. Dumpfer Trommelschlag hämmerte von innen gegen seine Brust, schnell und drängend. Aber jetzt nicht mehr als Folge der anstrengenden Wanderung oder der Vorfreude. In diesen Minuten hatte er tatsächlich Angst! Eine diffuse Angst, die ohne konkreten Auslöser schlagartig in ihm wühlte. Vielleicht, weil das unfassbare, milchige Nichts um ihn herum ihm die Orientierung und damit auch die Sicherheit genommen hatte. Ohne den geringsten Fixpunkt gab es keinen Halt.

Ein Mensch ohne Halt ist verloren, schoss es ihm durch den Kopf.

Er blieb stehen und atmete tief durch, versuchte, seine Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Ein paar Sekunden horchte er in sich hinein. Hatte er jemals zuvor dieses Gefühl gehabt? Natürlich, er hatte sich schon einige Male in seinem Leben gefürchtet. Aber immer ging es um greifbare Bedrohungen, denen er etwas entgegensetzen konnte, gegen die er sich aktiv zu wehren wusste. Die Situation, in der er sich gerade befand, war eine andere, ebenso wie die Angst eine andere Dimension hatte. Ihm graute vor dem Unsichtbaren, Ungreifbaren, vor den Dämonen, die dank seiner Einbildungskraft plötzlich vor seinen Augen erstanden – drohend und unfassbar und dennoch überall gegenwärtig. Genau wie der Nebel.

Ärgerlich schüttelte er den Kopf. Was für eine Memme war er eigentlich geworden, dass er sich von den Wetterkapriolen so verrückt machen ließ? Du kennst den Brocken, du kennst das Wetter hier oben, bemühte er seine Erinnerung an zurückliegende Aufstiege zum Gipfel und stapfte endlich weiter.

Den Schatten links von sich nahm er nur aus den Augenwinkeln wahr. Gut zwanzig Meter entfernt, wahrscheinlich sogar um einiges weiter, schwer abzuschätzen. Es war nicht mehr, als ein schnelles, schemenhaftes und lautloses Huschen. Unmöglich zu erkennen, was es gewesen sein könnte. Ein größeres Tier vielleicht? Aber wäre das nicht einigermaßen geräuschvoll durchs Unterholz gebrochen? War es vielleicht doch ein Wolf gewesen? Er musste wieder an den Fernsehbericht denken. War ausgerechnet ihm eins der Tiere über den Weg gelaufen? So scheu, wie sie angeblich sein sollten. Aber war das bewiesen? Wenn ihn das Vieh nun belauerte und im nächsten Moment anfallen würde?

»Du bist ja verrückt«, haderte er leise mit sich selbst. Das Ganze war sicher nur die Ausgeburt seiner Fantasie gewesen. Er stoppte kurz ab, dann setzte er sich erneut in Bewegung, allerdings noch ein wenig langsamer, zögerlicher. Die gerade erst verdrängte Angst kehrte auf leisen Sohlen zurück, ohne dass er es verhindern konnte.

Da! Da war er wieder, der Schatten! Kein Irrtum dieses Mal, keine Einbildung! Oder doch? Gab es das – eine Nebel-Fata Morgana? Es war etwas vorbeigehuscht! Weiter vorn, über den Weg. Von links nach rechts. Doch ein Wolf! Aber nein! Den undeutlichen Umrissen nach hätte es eher ein Mensch sein können. Wolf – Mensch … Werwolf? Absoluter Schwachsinn!

»Hallo!«, rief er ins Nichts hinein. »Hallo! Ist da wer?«

Er bekam keine Antwort, hatte auch nicht damit gerechnet, hatte mit seinem Rufen nur die Stille durchbrechen wollen, um sich ein wenig Mut zu machen.

Unruhig kontrollierten seine Augen das gesamte Blickfeld voraus, während er sich langsam weiterbewegte. Eine ganze Weile passierte nichts mehr, und seine Schritte wurden wieder länger, mutiger. Dann hörte er es, kaum wahrnehmbar. Zuerst glaubte er, es sei das Klagen irgendeines Tieres. Aber gleich darauf formte sich aus leisen Klangfetzen eine Melodie, die ihm das Herz zu Eis gefrieren ließ.

Der Schatten! Wer hockte da im Unterholz und spielte das Lied? Ausgerechnet dieses Lied, das vor etlichen Jahren für ein paar Tage sein Leben begleitet hatte. Tage, an die er bis heute erinnert wurde, weil er seinerzeit auf einen teuflischen Pakt eingegangen war. Nur sein Vertragspartner konnte es sein, der ihn auf diese Weise quälen wollte. Aber warum?

Oder gab es noch jemand anderen, der wusste, was er mit dem Lied verband? Wer versteckte sich im Nebel? Wer lauerte ihm auf? Hatte sein neuer, geheimnisvoller Freund damit zu tun? Nein, unmöglich! Der konnte nichts von alledem wissen. Dafür kannten sie sich viel zu kurz. Vor nicht mal einem Jahr war er Hagen vom Ravensberg zufällig über den Weg gelaufen, dieser skurrile, hagere Riese. Chris, mit dem Namen hatte er sich vorgestellt, war ein leidenschaftlicher Wanderer wie er selbst. Von ihm hatte er überhaupt erst von diesem sagenhaften Aussichtspunkt erfahren. Aber nicht nur das! Der lange Schlaks war es auch gewesen, der ihm den idealen Zeitpunkt für seine Wanderung mitgeteilt hatte. Als habe es dafür nur diesen einen Tag gegeben!

So früh wie möglich solle er vor Ort sein, hatte Chris gesagt, um das Morgenlicht einfangen zu können, das dort besonders jetzt, im Spätherbst, unvergleichlich sei. Die Dämmerung, den kurzen Zeitraum des Übergangs von der Nacht zum Tag, müsse er an dieser Stelle unbedingt erleben. Hagen vom Ravensberg hatte ihm geglaubt und seinen Rat befolgt.

Hatte er ihm etwa eine Falle stellen wollen und ihn deshalb hierher gelockt? Nein! Warum auch? Was für einen Grund hätte er haben sollen?

»Über sieben Brücken ...«, hallte es aus dem Nebel. Eigenartig kalt und leer, beinahe seelenlos. Das Lied trug nichts mehr von der Wärme jener Tage in sich. Auch nichts von der verhängnisvollen, aufreizenden Stimmung.

»Wer ist da?«, brüllte Hagen vom Ravensberg. »Komm raus, verdammt noch mal! Zeig dich, du elender Dreckskerl!« Er hatte eine Scheißangst.

Statt einer Antwort dudelte weiter der Refrain. Erst jetzt bemerkte er, dass es nichts anderes als der Refrain war, der sich ständig wiederholte. Wie von Sinnen stolperte er los – dahin, wo er die Quelle des Liedes vermutete. Mitten hinein in unwegsames Unterholz und Buschwald.

Der tragbare CD-Player stand an den morschen Stamm einer entwurzelten Fichte gelehnt. Entgeistert starrte er einige Sekunden auf das Gerät, dann bückte er sich, brachte es mit einem Knopfdruck zum Verstummen. Er richtete sich auf, drehte sich um seine eigene Achse. »Wo bist du?«, brüllte er und legte alle Kraft, die er hatte, in seine Stimme. Keine Antwort, nicht mal ein Rascheln oder ein anderes Zeichen menschlichen Lebens. »Komm raus, du Feigling!«

Nichts passierte.

Er spürte, wie sich die Panik rasend schnell von seiner Magengegend aus über seinen ganzen Körper ausbreitete. Weg! Du musst weg!, hämmerte es in seinem Kopf. Bloß nicht stehen bleiben! Hau ab! Bring dich in Sicherheit!

Der Nebel schützt mich, hoffte er, während er in eine willkürlich gewählte Richtung davonlief. Kein beruhigender Gedanke, denn so unsichtbar ihn der Nebel auch machte, so wenig ließ er ihn erkennen, wo er sich gerade befand und wo sich sein Gegner aufhielt. Er war blind, aber war es sein Jäger deshalb auch?

Er achtete kaum auf Hindernisse und Bodenunebenheiten. Die Panik trieb ihn vorwärts, meist leicht bergab. Die Schwerkraft gab ihm die Richtung vor. Kleinere Äste peitschten ihm ins Gesicht, er ignorierte sie. Er stolperte über Baumstümpfe, trat in kleine Mulden, geriet ins Straucheln, fing sich wieder, hetzte weiter. Vorwärts, möglichst viel Abstand zwischen sich und den unsichtbaren Verfolger bringen! Dann spürte er, wie sich sein Brustkorb zusammenzog und ihm die Luft ausging. Halt an!, flehte die Stimme in ihm. Bleib stehen, um Luft zu holen! Nur einen Augenblick! Es ging nicht. Die Angst trieb ihn voran. Weiter, immer weiter. Meter um Meter … Wie lange würde er noch durchhalten?

Der Schlag traf ihn direkt von vorn am Kinn und streckte ihn zu Boden. Als er hart auf eine Baumwurzel aufschlug, war er bereits bewusstlos.

2.

Zwei Tage war Reinhold nun schon unterwegs. Das war nichts, was Maria Bender in Unruhe versetzte. Ihr Mann war selbstständiger Versicherungsvertreter, und sein Kundenkreis erstreckte sich über das gesamte Land. Da kam es immer wieder vor, dass er auf seiner Tour in irgendeinem Hotel übernachtete, oft auch an den Wochenenden. Meist entschloss er sich ganz spontan dazu. Weil unvorhergesehene Umstände es verlangten. Und davon gab es viele.

Wenigstens meldete er sich bei seiner Frau, wenn er längere Zeit nicht nach Hause kam. Spätestens im Laufe des darauffolgenden Tages. Länger hatte er sie noch nie im Ungewissen gelassen. Auch eine Art Verlässlichkeit, die Maria zu ertragen gelernt hatte, seit Reinhold seinen sicheren Angestelltenjob bei dem Versicherungskonzern gekündigt hatte, um sich ausgerechnet hier am Harzrand eine neue Existenz aufzubauen. In Barbis, einem Kaff am Ende der Welt, verglichen mit Frankfurt. Sie hatte sich nicht vorstellen können, die Mainmetropole und ihre beengte Wohnung in City-Nähe je zu verlassen. Und doch war es so gekommen.

Nur widerwillig hatte sie ihre alte Heimat aufgegeben. Sie hatte Angst gehabt vor dem Neuen, Fremden und vor der Leere. Sie war den Trubel einer Großstadt gewohnt und hatte nicht gewusst, wie sie das Fehlen des Straßenlärms und des Menschengewimmels ertragen sollte. Vor allen Dingen aber hatte sie sich um ihre finanzielle Sicherheit gesorgt. Wovon hätten sie leben sollen, wären Reinholds Pläne gescheitert?

Ihre Geldsorgen waren unbegründet gewesen. Wenigstens das. Es fehlte ihnen an nichts, und immer, wenn Maria einen Wunsch äußerte, wurde er ihr von Reinhold erfüllt – solange er mit Geld zu bezahlen war. Mehr konnte sie nicht von ihm erwarten. Nicht einmal dann, wenn er zu Hause war. In den wenigen Stunden, die ihnen zwischen seinen Reisen blieben, redeten sie kaum miteinander und wenn, dann bestimmten Belanglosigkeiten ihre kurzen Gespräche. Danach zog sich Reinhold zurück und sie versuchte, sich mit irgendetwas anderem zu beschäftigen. Wenigstens gab es nie Streit zwischen ihnen, und er war gut zu ihr. Mehr verlangte sie nicht – nicht mehr. »Liebe vergeht«, hatte ihre Mutter früher oft zu ihr gesagt, »der Alltag bleibt. Such dir einen Mann, mit dem du gut auskommst. Auch ohne Liebe und ohne Worte.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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