Atlas – Frei zum Abschuss - Martin Calsow - ebook

Atlas – Frei zum Abschuss ebook

Martin Calsow

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Opis

»Bleib hier, so lange du kannst. In deiner Heimat hast du einen Vorteil: Du kennst das Spielfeld.« Sie klopfte ihm auf die Schulter. »Jagdzeit in Westfalen, Atlas.« Ihn lebend zu bekommen, ist einem mexikanischen Drogenkartell ein hohes Kopfgeld wert: BKA-Zielfahnder Andreas Atlas ist in seiner alten Heimatstadt im Teutoburger Wald untergetaucht, nachdem seine Tarnung als verdeckter Ermittler aufflog. Zu seinem eigenen Erstaunen fühlt er sich unerwartet wohl in der westfälischen Idylle. Der einzige Wermutstropfen: Er kommt nicht an seine unterschlagenen Millionen heran. Denn sein autistischer Ziehsohn Lars hat das Geld entdeckt und versteckt – aus Angst, dass Atlas wieder weggehen könnte. Die Angst ist berechtigt: Einige Zwischenfälle und mehrere Tote später wird Atlas klar, dass die Mexikaner ihn gefunden haben …

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Martin Calsow

Atlas Frei zum Abschuss

Kriminalroman

© 2016 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str.31, 44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagbild: Nele Schütz Design

eBook-Produktion: CPI books GmbH, Leck

eISBN 978-3-89425-712-5

Der Autor

Martin Calsow wuchs am Rande des Teutoburger Waldes auf. Nach seinem Zeitungsvolontariat arbeitete er bei verschiedenen deutschen TV-Sendern. Er gehört der Jury des Grimme-Preises an und lebt heute mit seiner Frau am Tegernsee und in den USA.

Mit Quercher und die Thomasnacht erschien 2013 Martin Calsows erster Kriminalroman im Grafit Verlag. Es folgten drei weitere Titel, in denen der sperrige LKA-Beamte Max Quercher im Fokus steht. Atlas – Frei zum Abschuss ist der zweite Kriminalroman einer Reihe um den schweigsamen, leicht autistischen Undercover-Ermittler Andreas Atlas. Weitere Titel sind in Planung.

www.martin-calsow.de

1

›Nasses Dreieck‹, nahe der niederländischen Grenze

Das Haus lag direkt am Kanal, an einer Stelle, die die Deutschen ›das nasse Dreieck‹ nannten. Von den Anwohnern hier schien keiner mehr über die fade Doppeldeutigkeit zu lachen. Der Holländer aber amüsierte sich königlich über diese Ortsbezeichnung, als ihm sein alter Kumpel die Adresse am Telefon genannt hatte. Kees Vermeer hatte ihn angerufen, um ihm von seinen Plänen zu erzählen, und war prompt eingeladen worden.

»Du kannst hier gern wohnen, es ist gerade sehr ruhig. Ich freue mich auf dich.«

Ein merkwürdiger Unterton in der Stimme des Gastwirts hatte Vermeer etwas beunruhigt. Er kannte Hans Blind aus der Zeit beim niederländischen Militär. Beide hatten die gleichen Geister aus Srebrenica mitgebracht, hatten den tausendfachen Tod zugelassen, waren verhöhnt und bespuckt worden, hatten aber auch später vom niederländischen Staatschef einen Orden erhalten. Kees hatte eine Stelle bei der Polizei gefunden, Hans Blind war nach Deutschland gegangen. Aber immer noch sahen die beiden jede Nacht die Gesichter jener Männer, die sie preisgegeben hatten, damals in dem heißen bosnischen Sommer. Nicht nur Angst verbindet, auch Feigheit.

Dann und wann fanden die Kameraden noch zusammen. So wie jetzt Blind und Vermeer, kurz hinter der Grenze an einem Kanal in Deutschland.

Das Haus war Kneipe und Pension zugleich, gedacht für das Frachterpersonal, das hier an der Schnittstelle des Dortmund-Ems- und des Mittellandkanals arbeitete. Der Klinkerbau stand nur wenige Meter vom Ufer entfernt, wo gerade ein großer Frachter aus Belgien angelegt hatte. Es war einst das Haus des Hafenmeisters gewesen, gebaut vor über hundert Jahren, als in diesem Land noch ein Kaiser regierte. Der wollte das Land mit Kanälen durchziehen, um sowohl die Kohle aus dem Westen in den Osten als auch das Holz aus den fernen Wäldern in Ostpreußen in die Flöze des Ruhrgebiets zu bringen.

Zwei Stockwerke, unten die Gaststätte, oben sechs Zimmer und die Wohnung des Pächters. Hier lebte Hans mit seiner gehörlosen Tochter.

Es dämmerte, als Kees die Tür seines Transporters schloss und mit seiner schweren Tasche in die Schankstube trat. Sie hatten sich drei Jahre nicht mehr gesehen, fielen sich aber dennoch in die Arme. Mit schnellen Gesten stellte Blind seinen Freund der Tochter vor. Das Lokal war nicht gut besucht, lediglich ein einheimischer Hartzer sowie zwei Binnenschiffer saßen auf den Hockern an der Theke.

Marieke bediente die drei Männer, damit ihr Vater und sein Bekannter sich im hinteren Teil der Kneipe an einen Tisch setzen und ungestört reden konnten. Die Tochter war es auch, die die Kneipe weit nach Mitternacht abschloss, während ihr Vater mit Kees Vermeer weiterhin Whisky vernichtete.

Sie konnte es sich nicht erklären, aber mit dem Fremden war eine undefinierbare Angst über sie gekommen. Mit dieser Angst schlief sie ein.

Vermeer bliebe länger, erklärte ihr der Vater am nächsten Tag, und werde ihm beim Bau einer überdachten Bar helfen. Es war bereits Ende August. Schon bald wäre der Boden vielleicht gefroren. Doch wenn sie sich mit den Baumaßnahmen ein wenig beeilen würden, könne man im nächsten Jahr mit dem Außenbereich neue Kunden aus den umliegenden Dörfern locken.

Marieke zuckte nur mit den Schultern.

In der darauffolgenden Zeit blühte ihr Vater auf. Gemeinsam fuhr er mit dem Neuen zum Baumarkt, goss mit ihm tagsüber ein Fundament und stellte sich mit ihm am Abend lachend hinter die Theke. Die Männer hörten Musik aus einer ihr unbekannten Zeit, zu der sie sich ungelenk bewegten. Nur an den Wochenenden verabschiedete sich Kees Vermeer immer und fuhr zurück nach Kerkrade. Hans Blind erklärte seiner Tochter, dass sein alter Kumpel dort noch einen pflegebedürftigen Vater habe, um den er sich kümmern müsse.

Marieke verlor ihre Scheu dem neuen Mann gegenüber in dem Moment, in dem er ihr zwar fehlerhaft, aber dennoch bemüht in Gebärdensprache ein Kompliment machte. Sie war dick, fand sie. Und er war schön. Blond und schlank und muskulös und überhaupt ein Traummann. In der Schule im nahen Rheine war sie unter den anderen Stummen und Gehörlosen eine Einzelgängerin geblieben. Ihre starke Kurzsichtigkeit und die damit einhergehenden dicken Brillengläser taten ihr Übriges.

Aber jetzt machte ihr dieser Kees ein Kompliment. Mehr noch, er hatte sich im Internet die grundlegenden Gebärden beigebracht. Am Abend nahm er eine Gitarre, die er mitgebracht hatte, und sang gefühlvolle Lieder. Sie hätte gern mitgesungen, aber ihm dabei zuzusehen, wie er seine Augen schloss und sang, war ihr auch schon ein Vergnügen. Und so wandelte sich Mariekes Angst innerhalb von sechs Wochen erst in scheue Zuneigung, dann in unverhohlene Schwärmerei für den Mann mit den tiefblauen Augen. Es wurde Herbst, als sie nachts nackt in seinem Zimmer stand und leise die Tür hinter sich schloss.

Die Blätter der Eichen am Kanal färbten sich rot. Bald kam der Winter, die beiden Kanäle würden vermutlich zufrieren. Dann wären die Frachter zum Anlegen gezwungen und die Pension wäre ausgebucht. Aber noch blieb es trocken, keine Regenfront schob sich über das platte Münsterland zu ihnen an den Hang, den man hier Teutoburger Wald nannte.

Noch immer werkelten die Männer im Freien herum, während Marieke die Betten bezog. Sie sah verstohlen aus dem Fenster zu ihrem Liebhaber. Zwischen ihnen beiden schien alles gut zu sein, doch ihrem Vater würde sie sich bald erklären müssen. Aber noch wollte sie ihr Geheimnis für sich behalten – falls ihm selbst nicht sowieso schon aufgefallen war, dass sie sich verändert hatte. Sie hatte abgenommen, begonnen, sich zu schminken, und seit zwei Tagen war ihre Periode überfällig.

Drei Zimmer hatte sie bereits gereinigt. Nummer vier war sein Zimmer. Nach der ersten gemeinsamen Nacht hatten sie sich immer nur in ihrem Zimmer geliebt. Kees, so hatte er es ihr erklärt, hatte beim Militär nie einen eigenen Raum gehabt. Umso wichtiger war es ihm jetzt, ein paar Quadratmeter für sich zu behalten. Er schloss immer zweimal ab. Das hörte sie, wenn er leise zurück in sein Zimmer schlich.

Sie respektierte seinen Wunsch auf Privatheit. Aber heute hatte sie eine Überraschung für Kees.

In der Nacht zuvor hatte er, als sie verschwitzt und glücklich neben ihm lag, auf sich gezeigt, die Arme gekreuzt und dann auf sie gezeigt. Ich liebe Dich. Das war der Grund, warum sie ihm den Teststreifen mit einer Rose auf das Bett legen wollte.

Beim Öffnen der Tür drehte sie den Schlüssel zweimal um, verspürte einen leichten Widerstand und stand kurz darauf in Kees’ Zimmer. Er hatte die Vorhänge zugezogen. Sie schnupperte in alle Richtungen. Es roch nach einem Spezialreiniger. Er putzte tatsächlich selbst! Das ärgerte sie ein wenig, denn eigentlich war das ihre Aufgabe. Die Bettdecke war akkurat zusammengelegt, fast wie mit einem Lineal gefaltet.

Marieke hielt einen Moment inne und lauschte. Sie hörte die Männer draußen lachen, also konnte sie ungestört für ein paar Minuten in das Leben ihres Liebhabers eintauchen.

Sie öffnete den Schrank, den sie einst mit ihrem Vater eingebaut hatte, blickte auf ordentliche Stapel von Hemden und sah Hosen, die perfekt über die Bügel gelegt worden waren. Sie schloss vorsichtig die Schranktür und wandte sich dem Badezimmer zu. Sofort sprang die Lüftung an. Fast erschrocken sah Marieke sich im Spiegel, wich ein wenig zurück. Sie betrachtete die Ablage. Dort standen, nach Größe geordnet, ein Aftershave und diverse andere Fläschchen. Dann wandte sie sich zur Duschkabine, einem älteren Modell mit milchigen Plastikschiebewänden. Dahinter konnte sie schemenhaft etwas erkennen. Lag dort etwa jemand? Sie hielt den Atem an, schob vorsichtig die Tür nach links und starrte stirnrunzelnd auf etwas, was sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Kees Vermeer hatte die letzte Spanholzplatte auf das Dach der Außenbar gewuchtet. Von hier oben hatte er freie Sicht auf die Umgebung und konnte direkt in die Zimmer der Pension blicken. Er wollte sich soeben wieder nach unten beugen, wo Hans Blind stand und ihm ein Bier reichte, als er den Schatten wahrnahm. Irritiert sah er erneut in Richtung Haus und erkannte Marieke hinter dem halbhohen Vorhang des zu seinem Zimmer gehörigen Badezimmers.

Er verharrte kurz, ehe er Blind anlächelte und ihm sagte, dass er langsam hungrig sei und Lust auf einen Teller Frikandel hätte.

Blind zuckte mit den Schultern. Es war zwar erst halb zwölf, aber sie waren gut vorangekommen. Also nickte er und machte sich auf in die Küche.

Vermeer rief ihm hinterher, dass er sich noch kurz in seinem Zimmer umziehen wolle, ehe sie sich zum Essen an der Theke treffen würden. Kaum war Blind im Haus verschwunden, kletterte Vermeer über das Vordach zu dem Fenster seines Zimmers. Es stand halb offen, sodass er problemlos in den Raum steigen konnte, ohne darauf achten zu müssen, keinen Krach zu machen. Marieke würde nichts hören.

Sie hatte sich in die Duschkabine gekniet. Die Waffe war lang, daneben lagen in einem mit Schaumstoff ausgelegten Koffer ein Fernrohr und Magazine. Aber das war nicht alles. Sie hob einen Ordner auf, durchblätterte ihn, sah Fotos diverser Häuser sowie Skizzen, Kartenausschnitte und das Bild eines Mannes. Wer war das?

Vermeer hätte es gleich hier machen können. Aber das wäre nicht klug gewesen. Vielleicht verstand sie das alles nicht und würde es für sich behalten. Er wollte ihr eine Chance geben. Eine Chance zu leben.

In ihrem Kopf pochte das Blut, sie erhob sich ruckartig und lauschte. War da jemand? Sie musste ihrem Vater von ihrem Fund berichten, sie konnte nicht einfach Stillschweigen darüber bewahren. War Kees eine Gefahr? Ihr Vater sollte darüber entscheiden. Das hatte er immer schon gemacht, wenn sie sich bei irgendetwas unsicher war. Sie hätte ihm auch längst von ihrer Beziehung zu Kees erzählen sollen.

Sie horchte noch etwas intensiver, doch sie hatte sich wohl getäuscht. Da war niemand. Sie rannte aus dem Zimmer, über den Flur, die Treppe hinunter. Sie sah ihren Vater in der Küche Zwiebeln schneiden. Marieke wedelte aufgeregt mit den Händen und klopfte mehrfach auf die Edelstahlanrichte, sodass sich der Vater erschrocken umdrehte und die Musik, zu der er laut mitgesungen hatte, etwas leiser drehte. Wild und aufgebracht, wie sie war, erkannte Marieke nicht, dass ihr Vater bleich wurde und in diesem Moment der Wut verstand, dass ihre Zeit abgelaufen war.

Vermeer hatte die Plane im Gästeraum ausgebreitet und die Jalousien heruntergelassen. Blind trat aus der Küche, wischte sich die Finger an seiner orangefarbenen Schürze ab, auf der das Wappen der niederländischen Nationalelf prangte. Hinter ihm stand Marieke.

Blind sah die Plane und schaute mit einem traurigen und resignierten Blick zu seinem Freund. »Muss das sein, Kees?«

Der nickte mit einem ebenso traurigen Gesichtsausdruck. »Du weißt es, Hans. Du kennst das Spiel.«

»Wir könnten stattdessen untertauchen. Wir würden …«

»Hans, es wird schnell gehen. Das weißt du.«

Blind nickte ergeben und griff nach der Hand seiner Tochter. Er weinte, als er seinen Arm um ihre Schulter legte, die Augen schloss und sich mit ihr von Vermeer abwandte. »So ist der Tod, Marieke«, flüsterte er seiner Tochter zu, die noch immer nichts verstand, ehe sie mit einer Kugel im Hinterkopf vornüberfiel.

Zur Sicherheit drückte Vermeer noch zweimal ab.

2

Bad Iburg

Er hätte den Sambuca nicht trinken sollen. Sambuca war wie Piña Colada: ein zweifelhaftes Gebräu aus einem anderen Jahrhundert mit großer Kopfschmerzwahrscheinlichkeit am Morgen danach. Aber die Chefin der Kneipe wollte den Abend so ausklingen lassen. Und der Bitte des Führungspersonals sei unbedingt Folge zu leisten, hatte sie ihm gesagt, als sie ihm das brennende Glas unter die Nase gehalten hatte. Er hatte die Stühle ordentlich auf die Tische gestellt, damit die Putzfrau am nächsten Vormittag problemlos den Boden wischen konnte, und wollte schon zu seinem Wagen gehen, als sie und ihr Mann ihm einen Absacker anboten. Widerwillig nahm er ihn an.

Zwei folgten, ehe Andreas Atlas gehen durfte. In jeglicher Hinsicht wenig fahrtauglich, verließ er das Casablanca. Sein alter Passat würde den Winter nicht überstehen. Das linke Rücklicht war defekt, die Bremsen jenseits jeder Toleranzgrenze. Am Wochenende würde er mit Lars, dem Sohn seiner Freundin Grete, einen neuen Gebrauchtwagen kaufen. Das war an und für sich noch nichts Besonderes. Das Besondere war, dass diesmal Lars zahlen würde. Denn Lars, der Autist, saß seit einiger Zeit auf Atlas’ Vermögen. Und machte keinerlei Anstalten, an diesem Zustand etwas ändern zu wollen.

Atlas arbeitete nun schon mehrere Monate im Casablanca hinter der Theke, zapfte Bier, nahm Bestellungen auf und kam langsam wieder in den Abläufen des Kleinstadtlebens an. Noch immer ahnte keiner, wer er vor seinem Erscheinen in Bad Iburg gewesen war. Er spielte glaubhaft die Rolle des Gescheiterten und einige der alten Jugendfreunde nahmen sich seiner an. Nach einem Jahr war er wieder dort angelangt, wo er gewesen war, als er diesen Ort vor über fünfundzwanzig Jahren verlassen hatte.

Bad Iburg lag im niedersächsischen Zonenrandgebiet, an der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen. Sprachlich, mental und kulinarisch war man hier den Westfalen näher als den Menschen Niedersachsens. Doch zwei Dinge unterschieden die Stadt in positivem Sinne von den umliegenden Orten, die maximal eine Kirche, eine Durchgangsstraße und zwei, drei schlecht gehende Gaststätten mit Bundeskegelbahnen aufzuweisen hatten. Zum einen war Iburg von wunderschönen Waldbeständen umrahmt: von Buchen hoch wie Kathedralen – anstatt endloser Maisfeldflächen wie im südlich gelegenen Münsterland. Und: Bad Iburg hatte ein Schloss auf einem kleinen Bergkamm. Es prangte in der Mitte des Ortes wie ein schlafender Drache.

Der Herbst war noch nicht gekommen und erstaunlicherweise regnete es nicht. Für gewöhnlich kamen von Westen zu dieser Jahreszeit nämlich unablässig große schwarze Regenwolken, luden ihre Fracht über der Stadt am Teutoburger Wald ab. Der fehlende Niederschlag war für Atlas insofern lästig, als die Scheibenwischanlage seines Wagens defekt war und nun über die trockene Scheibe quietschte. Die Sambuca Shots wie auch der eine oder andere Zug von dem guten Gras, das sein Freund Gnötter noch auf Lager gehabt hatte, ließen ihn etwas zu langsam über die Bundesstraße nach Hause gondeln. Doch alles in allem war er zufrieden mit sich und der Welt. Denn obwohl der Abend hart gewesen war, hatte er Spaß an der Arbeit gehabt und summte noch immer ein Lied, das ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.

Andreas Atlas hatte in diesem Moment klar vor Augen, wie er das Entertainmentangebot dieses Ortes nachhaltig verändern würde. Nämlich mit einem Vorhaben, das so bescheuert wie einfach war: Schlager-Lipsync.

Die Eigentümer der Kneipe hatten ihn anfangs verständnislos angesehen. Karaoke kannten sie. Aber Lipsync?

»Wir spielen Schlager und die Leute müssen dabei lippensynchron das Lied präsentieren, ohne tatsächlich zu singen. Lipsync eben. Das wird ein echter Brüller«, hatte Atlas ihnen daraufhin erklärt.

Der Chef hatte ihn nur angesehen, wie immer geschwiegen und war dann wortlos in die Küche gegangen – seine Art zu antworten. Am Ende hatte seine Frau entschieden und Atlas einfach machen lassen.

Er kannte Lipsync aus Mexiko. Das war der große Renner auf den Partys der Drogenbarone gewesen, sogar der verstorbene Padron hatte sich euphorisch zu den Songs von George Michael bewegt. Atlas selbst war das Ganze am Anfang schwergefallen. Westfalen waren nun mal nicht gerade für ihre Extrovertiertheit bekannt. Aber Schlagermusik schafft am Ende alles – das war Atlas’ Maxime. Und die in wenigen Tagen stattfindende Schlagersause würde ein Renner im Ort werden, dessen war er sich sicher. Man musste nur schon erheblich angetrunken sein, dann lief eine solche Veranstaltung wie von selbst.

Atlas wischte mit einem alten Lappen das beschlagene Seitenfenster seines Wagens sauber. Die Klimaanlage lebte nach ihm nicht bekannten Regeln. Glücklicherweise funktionierte der CD-Spieler noch. Er hatte für Momente wie diesen eine perfekte Liedersammlung zusammengestellt. Grete nannte sie die ›Töne des Teufels‹. Aber das war ihm egal. Schlager beruhigten ihn wie Königsberger Klopse oder Brötchen von Hermann Große Rechtien. Das waren Dinge aus seiner Heimat, die den Horror der vergangenen Jahre zumindest für kurze Zeit verdrängten. Zu den Klängen von Michael Holms Tränen lügen nicht umkurvte Atlas die Kreisverkehre, sichtbare Zeichen verfehlter Verkehrs- und verschwenderischer Haushaltspolitik, wie Grete ihm gestern mit großem Ernst erklärt hatte.

»Wenn in diesem Ort etwas schiefläuft, dann die Verkehrspolitik. Erst reißen sie alles auf, lassen die Geschäfte im Ort verhungern, weil niemand mehr dort hingelangt, und hinterher ist es wieder keiner gewesen. Was hätte man mit dem Geld nicht alles machen können statt dieser Gigantokreismonster?«, hatte sie ihn gefragt und gleichzeitig die Antwort mitgeliefert. »Die Realschule hätte viel früher den Anbau …«

Spätestens da war er gedanklich aus der Konversation ausgestiegen. Seine Freundin wollte Bürgermeisterin werden. Für Atlas, der Menschen an sich und Menschenansammlungen grundsätzlich skeptisch gegenüberstand, eine schreckliche Idee. In strömendem Regen in der Einkaufsstraße Wahlkampf betreiben und den üblichen Wutbürgern, schwerhörigen Rentnern und hysterischen Hausfrauen Rede und Antwort stehen zu müssen, war für ihn das Grauen schlechthin. Er war froh, dass Grete ihn nicht als ›First Lady‹ vorsah. Sie wusste, dass er für ihre Passion wenig übrighatte, und erwartete nicht, dass sie als Paar auftraten. Aber zu Hause war er ihren politischen Ideen schutzlos ausgeliefert.

Sie war die Sprecherin einer Bürgerinitiative geworden, die sich um einen zugeschütteten Müllplatz sorgte. Man hatte ein Neubaugebiet darauf errichtet. Jetzt begann sich der Untergrund in Form von Rissen und Absackungen zurückzumelden. Gretes Elternhaus stand dort. Sie hatte es vermietet. Aber es drohten finanzielle Einbußen. Die Stadt und der Landkreis wiesen jegliche Verantwortung von sich. So war sie in die Kreise der Kommunalpolitik gelangt. Es verging kein Abend, an dem Grete ihren ›Männern‹ nicht die neuesten Ungeheuerlichkeiten der Verantwortlichen vortrug.

Atlas hatte sich an einem Abend die Lars-Lösung abgeschaut: teilnahmslos zuhören, irgendwann nicken, um dann schweigend aufzustehen und zu gehen. Grete hatte am Küchentisch gesessen und Atlas fassungslos hinterhergesehen. »Toll, jetzt habe ich zwei Autisten im Haus«, hatte sie noch gejammert, ehe sie sich ihrem Schicksal ergeben und einfach vor sich hin monologisiert hatte.

Atlas schmunzelte und fuhr direkt noch eine Runde im ersten Kreisverkehr, den er passierte, beim letzten brachte er es sogar auf fünf Umrundungen. Dann wurde ihm übel. Vor der Ampel am Bahnübergang musste er seine Fahrertür öffnen und auf den nassen Asphalt erbrechen. Der Regen, der inzwischen doch eingesetzt hatte, tropfte derweil in seinen Nacken. Kaum hatte er seinen Magen wieder unter Kontrolle, gab er Gas und fuhr bei Dunkelgelb über die Kreuzung. Er wollte schon am Ortsausgang Tempo aufnehmen, als er das Blinklicht im Rückspiegel sah.

»Schönen guten Abend, Ihre Papiere, bitte. Und könnten Sie vielleicht auch die Musik etwas leiser drehen?«

»Vergossenen Wein, den trinkt keiner mehr, ein verlorenes Herz, bleibt für immer leer. Es ist nie zu spät, komm, entscheide dich. Reich ihr die Hand, Tränen lügen nicht«, sang Atlas, den Kopf hin und her wiegend, leise vor sich hin, während er seinen Führerschein hinter der Sonnenblende hervorholte.

»Bitte, die Musik!« Der junge Herr von der Staatsmacht hatte einen Bubikopf und eine viel zu weite blaue Jacke, beides nahm ihm ein wenig die Autorität.

Atlas wusste, was jetzt kam: Der Gesetzeshüter würde den Sambuca riechen und vermutlich auch den Zustand des Autos monieren. Aber zu allem Überfluss war im Seitenfach der Fahrertür eine Walter P99 versteckt. Und die Pistole war geladen.

Der nächste Song begann. Ein Highlight des jugendlichen Erwachens: Und es war Sommer des großen rumänischen Alltagsphilosophen Peter Maffay.

Mit einer kleinen Taschenlampe leuchtete der junge Polizist auf den rosafarbenen Lappen, während Atlas murmelte: »Es war ein schöner Tag, der letzte im August. Die Sonne brannte so …«

»Wie bitte?«

Langsam war sich der Vertreter der Staatsmacht sicher, dass der hagere Mann, der da am Steuer saß, entweder unter erheblichem Einfluss von Drogen stand oder schlicht nicht ganz dicht war. Beides war in diesem Landstrich nicht ungewöhnlich.

»Da traf ich sie und sah in ihre Augen und irgendwie hatt’ ich das Gefühl, als winkte sie mir zu und schien zu sagen: Komm, setz dich zu mir.«

Der junge Kollege war Polizeimeister. Das erkannte Atlas an dem kleinen blauen Stern auf der Uniformjacke. Deshalb wusste er auch sofort, dass der Mann in der Besoldungsgruppe A 8 lag, also in etwa so viel wie eine Krankenschwester verdiente und noch jede Menge lernen musste. Bislang schaute er lediglich unsicher zu seiner Kollegin, die auf der rechten Seite von Atlas’ Wagen stand, das kaputte Licht betrachtete und das Kennzeichen notierte. Sie hatte klugerweise die Hand an ihrem Holster und schien die Besonnene von den beiden zu sein.

»Herr Polizeiobermeister, wären Sie so nett und würden kurz Ihre Kollegin herüberrufen? Das wäre sehr aufmerksam.«

»Das glaube ich kaum. Haben Sie Alkohol konsumiert?«

»Nein.«

»Wären Sie zu einem freiwilligen Alkoholtest bereit? Steigen Sie bitte aus dem Wagen. Aber langsam«, erklärte der Mann mit einem warnenden Unterton in der Stimme.

Atlas schloss die Augen, öffnete sie jedoch wieder, als er hörte, wie die Polizistin auf die Fahrertür zulief. »Bitte rufen Sie kurz diese Nummer an, ja? Sie gehört Ihrem Kollegen Grebing. Er wird uns hier weiterhelfen können. Denn ich habe zu viel Alkohol getrunken, um den Alkoholtest zu bestehen. Genauer, zwei Sambuca. Zudem ist mein Auto nicht mehr fahrtüchtig im Sinne der Straßenverkehrssicherheit. Ich wohne nicht weit von hier …«

Die Polizistin winkte ihren Kollegen zu sich. Beide setzten sich in den Polizeiwagen und führten mit der Dienststelle ein längeres Gespräch. Atlas lehnte sich auf seinem Sitz zurück und drückte auf die Fast-Forward-Taste des CD-Spielers: Karat live. Über sieben Brücken musst du gehn. Das Original. Das beruhigte ihn. Zumindest wurde er ruhig genug, um das, was jetzt garantiert kommen würde, zu überstehen.

Während der nächtliche Wind ihn frieren ließ, stiegen die beiden Staatswächter wieder aus ihrem Wagen. »Das ist ein Atemalkoholtest …«

»Haben Sie mit Grebing gesprochen?«, fragte Atlas leise.

Die Frau nickte.

»Was hat er gesagt?«

»Dass wir Sie wie jeden anderen Menschen kontrollieren sollen. Sie seien nichts Besonderes.«

Atlas verstand.

»Wären Sie zu diesem Test bereit?«

Atlas kannte das Modell. Er wusste, was er tun musste. Würde er ablehnen, nähmen die Polizisten, so wie die beiden gestrickt schienen, ihn mit zur Wache. Das wäre eher unschön. Also stieg er aus dem Wagen und blies, blieb aber deutlich unter der Anzeige.

»Herr Atlas, Sie bekommen Ihre Papiere zurück. Doch Ihren Wagen, der sicher nicht mehr in den Straßenverkehr gehört, werden Sie hier stehen lassen. Die letzten Schritte zu Ihrem Domizil können Sie zu Fuß zurücklegen. Wir müssen hier weiter unsere Arbeit tun. Es steht Ihnen natürlich frei, ein Taxi zu rufen.«

Beide gingen langsam zu dem Polizeiwagen zurück. Vorsichtig und unauffällig nahm Atlas die Waffe aus dem Seitenfach der Tür, ließ sie in seinen Rucksack gleiten, schloss sein Auto ab und lief daraufhin freundlich lächelnd an den Beamten vorbei. In Mexiko wären die beiden jetzt tot und lägen mit durchlöchertem Gesicht in ihrem Wagen, schoss es ihm durch den Kopf. Aber hier war Bad Iburg im Teutoburger Wald und nicht Juárez, wo kein Polizist jemals so unvorsichtig einem anderen Menschen seinen Rücken zugewandt hätte.

Der Esel hing am Baum und die beiden versuchten, ihn totzuschlagen. Atlas bekam kaum Luft, so sehr musste er lachen. Die Piñata, ein Esel aus Pappmaschee, hing an dem alten Agavenbaum in der Mitte der Hacienda des Padron. Es war die Hochzeit von dessen Tochter, einer weniger schönen, doch umso klügeren jungen Frau. Der Brauch in Mexiko wollte es, dass sie mit ihrem Bräutigam, einem aufstrebenden jungen Politiker aus dem Norden, mit verbundenen Augen auf diese Figur einzuschlagen hatte. Sie stolperten, fielen, wurden angefeuert, lachten und kreischten.

Atlas kannte die Braut gut, er hatte ihr beim Universitätsabschluss geholfen und sie auch heimlich angeglüht. Sie jetzt voller Lebensfreude lachen und herumalbern zu sehen, war dennoch ein Glück für ihn. Der Padron hatte ihn an seinem Tisch Platz nehmen lassen, eine Ehre, die jedem zeigen sollte, dass er nun endgültig dazugehörte.

Sieben Jahre lang war er langsam und stetig in den inneren Kreis der Familie aufgestiegen, hatte ihre Regeln, Bräuche und Ängste beobachtet und übernommen. Er stand nicht nur mit einem Bein in einer anderen Welt, er war schon längst ein Teil davon. Er dachte mexikanisch, er träumte mexikanisch. Die deutsche Sprache in all ihren Ausprägungen war verschwunden. Die Familie des Padron und das Land hatten ihn verschluckt.

Zu seiner Rechten saß die älteste Tochter, eine Investmentbankerin, die extra aus New York eingeflogen worden war. Links neben ihm war die Brautmutter platziert worden, ein echtes Feierbiest mit Hang zu jungen Männern, wie Atlas bereits mehrfach zu spüren bekommen hatte. Diese Familie, die Atlas mit für einer ihn völlig ungewohnten Herzlichkeit und Liebe aufgenommen hatte, ließ selbst sein kühles Gemüt an diesem Tag erwärmen.

»Lach du nur, du bist auch bald dran«, rief der Sohn der Familie ihm zu.

Atlas schüttelte übertrieben entsetzt den Kopf. »Lieber bin ich der Esel da oben am Baum«, gab er lachend zurück.

Der Sohn beugte sich an seiner Freundin vorbei zu Atlas hinüber. »Und wenn wir dich dann schlagen, was fällt dann aus dir heraus? Geheimnisse?«

Atlas grinste. »Abgründe, mein Freund. Abgründe.«

Seine Tischdame strich ihm über die Wange. »Vor der Hochzeit wird aber geübt – mit erfahrenen Frauen …«

Atlas blickte hilfesuchend zu ihrem Sohn, der sich vor Lachen kaum am Tisch halten konnte. Es war erst früher Nachmittag. Doch Atlas spürte, dass er eine kleine Pause brauchte. Und als ob jemand seine Schwäche beobachtet zu haben schien, stand plötzlich ein Junge mit einem Tablett vor ihm und bot ihm kühle, mit Rosenwasser getränkte Erfrischungstücher an. Er bedankte sich, legte sich eines davon auf das Gesicht und rieb es über Stirn und Schläfe. Kaum hatte er seine Augen wieder geöffnet, traf das Paar unter großem Applaus und Gelächter der Gäste endlich den Esel, aus dem nicht nur Süßigkeiten, sondern auch Münzen fielen.

Atlas trank Pacífico, das mexikanische Bier, legte den Kopf in den Nacken, sah in den tiefblauen Himmel und dachte an seine Heimat, in der es jetzt regnete, in der ein Leben mit Privatjet und Hacienda, mit unermesslichem und offen zur Schau gestelltem Reichtum unmöglich war. Dort vergruben sich die Reichen in ihren Bungalows im Teutoburger Wald hinter hohen Hecken. Damit ja kein Neid aufkam. Er genoss diesen Moment, er genoss das Bier, den Tequila, die Sonne und die lachenden Menschen, die ihm allesamt sehr wohlgesinnt waren – auch oder weil es eine Bande von Schwerstkriminellen war.

Es lagen vielleicht zwei Kilometer Strecke vor ihm. Er marschierte los, nahm den Umweg über die Felder und mied die Nähe zu der Bundesstraße. Es war bereits nach ein Uhr, als er die enge Stiege des alten Gutshofs betrat und vorsichtig, das Quietschen der Holzbohlen vermeidend, in sein Zimmer schlich.

Sie waren ein Paar, aber er hatte ihr von Anfang an klargemacht, dass er sein eigenes Zimmer benötigte. Um an dieser Tatsache erst gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, hatte er Grete mehrere Nächte lang den Schlaf mit täuschend echt klingenden Schnarchattacken geraubt. Seitdem lebte er in der Kammer, die einst Gretes begehbarer Kleiderschrank gewesen war, lediglich ein Fenster in Richtung Süden aufwies und gerade einmal Platz für ein Bett und einen Schrank bot.

Er verstaute den Rucksack unter seinem Bett und zog sich das blaue Nachthemd über, das ihm Grete vor zwei Monaten zum Geburtstag geschenkt hatte.

»Du bist eine Frau«, hatte Lars das halblange Hemd trocken kommentiert.

»Ja, sieht deine Mutter aber anders«, hatte Atlas ebenso lakonisch geantwortet, ohne eine Miene zu verziehen. Mimik wurde in Bezug auf Autisten wie Lars meist überschätzt. Sie konnten sie nur selten entziffern.

Bevor er seine Zähne putzte, ging er den Flur entlang und schaute noch einmal nach Lars, der gern und häufig die Nacht zum Tag machte. Gretes sechzehnjähriger Sohn hatte aufgrund seiner Entwicklungsstörung ein paar Besonderheiten, die Atlas sehr ans Herz gewachsen waren. Er hielt den Atem an, öffnete die Tür zu dem Zimmer, das wie bei allen Jungs dieses Alters nach Ziegenbock roch, und sah, dass Lars friedlich schlief. Am Fenster stand ein Synthesizer, ein Moog Prodigy. Atlas hatte das Gerät auf dem Flohmarkt der Halle Gartlage in Osnabrück gekauft. Er selbst hatte in seiner Kindheit Klavierspielen gelernt und war überzeugt, dass Tüfteln etwas war, was dem autistischen Lars Spaß bereiten würde. Er hatte ihm zudem große Kopfhörer geschenkt, sodass sich keiner von Lars’ Übungsversuchen gestört fühlen musste. Und tatsächlich bewies der Junge ein erstaunliches Talent – wenn man das Nachspielen von Stücken wie Maid of Orleans von OMD als Erfolg sehen mochte.

Als er müde in seine Kammer zurückkehrte, hörte er Grete schon. Sie versuchte, unauffällig zu sein, was ihr lediglich annähernd gelang. Er zog sein Nachthemd aus und tat überrascht, als sie die Decke zur Seite warf und nackt auf der kleinen Matratze vor ihm lag.

Alles war da, wo es sein sollte. Das Kind schlief, die Frau lag im Bett, die Waffe sicher darunter. Iburg war Heimat. Für die nächsten Minuten in Form von Sex.

Grete war Lehrerin und somit tiefgläubige Anhängerin diverser Rituale. Dazu gehörte unter anderem auch das morgendliche Frühstück. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass diese terminierte und immer gleich ablaufende Zeremonie etwas war, was ihrem autistischen Sohn half, sich in der Welt zurechtzufinden. Die anderen Eltern in der Selbsthilfegruppe waren schließlich auch dieser Meinung. Atlas hingegen sah das anders. Mochte das Ritual an sich vielleicht wirken, so war das permanente Überprüfen, ob es auch im Detail eingehalten wurde, sowohl für ihn als auch für Lars äußerst mühsam. Für sie begann das Frühstück immer erst dann, wenn sich Grete auf ihr Fahrrad schwang, um zu ihrer Schule zu fahren.

Sie wiederum genoss diese Minuten des Alleinseins ebenfalls. Denn die waren seit einigen Wochen knapp bemessen, nachdem sich Grete zur Bürgermeisterkandidatin hatte aufstellen lassen. Seither glaubte sie in Momenten der Unsicherheit, von den Einwohnern nahezu ununterbrochen prüfend beobachtet zu werden. Nur mit Mühe gelang es ihr, solch dunkle Gedanken für eine Weile zu vertreiben.

Doch bevor die Konrektorin sich heute auf den Weg zur Arbeit machte, musste sie ihrem Freund und Mitbewohner noch ein paar Takte zu der nächtlichen Polizeikontrolle sagen.

»Du bist also alkoholisiert gefahren?«

»Grete, es ist noch nicht einmal neun Uhr.«

»Hast du deine grauenhaften Schlager gesungen?«

»Ich habe nur gesummt. Die Bullen haben mich gehen lassen, weil der Passat nicht mehr fahrtauglich war.«

»Erstens ist Summen schon schlimm genug. Zweitens sind das Polizisten, keine Bullen. Und drittens: Heißt das, dass du Lars und mich bisher in einem nicht fahrtüchtigen Wagen durch die Gegend kutschiert hast?«

Er sah sie ausdruckslos an, ehe er antwortete. »Ich fürchte, du hast recht. Die Scheibenwischer sind nicht mehr intakt, zwei Lichter sind defekt und im Kofferraum fehlt ein Warndreieck. Was hätte da alles passieren können?«

»Du nimmst das nicht ernst! Ich bin als Lehrerin durchaus im Blickpunkt vieler Eltern. Wenn ich da als Vorbild …«

»Grete, magst du mir die Milch reichen?« Er lächelte.

»Andreas, magst du mir zuhören?« Sie lächelte zurück.

»Grete, ich höre dir immer zu.«

Sie atmete durch. Es gab wenig an Atlas, was Grete auf die Palme bringen konnte. Aber seine ›Schwingtürattitüde‹, wie sie es nannte, war bestens dazu geeignet. Seine Methode war dabei immer dieselbe: Drohte ein Konflikt, gab er ihr recht, lächelte und ließ sie, die inzwischen heiß gelaufen und in absoluter Kampflaune war, einfach mit ihrer Wut stehen. Er bugsierte sie sozusagen wie durch eine Schwingtür nach draußen und war den Streit dadurch los. Meist garnierte er seine Antworten noch mit einem nicht hundertprozentig greifbaren ironischen Unterton. Und in jüngster Zeit gesellte sich letzten Endes auch verstärkt ihr Sohn mit irgendeinem Kommentar dazu, den sie nicht hören wollte. So wie jetzt.

»Hat er dich wieder am Arsch, Mama. Wie immer!«

Andreas Atlas konnte mit Stolz sagen, dass er noch nie bei einem Streit die Stimme erhoben hatte. Schreien war ihm fremd. Das Aus-der-Haut-Fahren, wie er es von seiner Mutter kannte, verabscheute er zutiefst. Er behielt immer die Ruhe, zumindest äußerlich. Wenn Grete in ihrer Wut anfing, laut zu werden, sah er sie an und hob die Augenbrauen. Das allerdings machte sie erst recht fuchsteufelswild. Meist ging sie dann in den Wirtschaftsraum und befüllte wütend die Waschmaschine und den Trockner neu. Atlas folgte ihr kurze Zeit später und legte die bereits fertige Wäsche zusammen. In der Regel vertrugen sie sich danach wieder.

Die Schwingtürmethode war auch zum Einsatz gekommen, als das Erbe von Andreas zu regeln gewesen war. Atlas hatte von seinem verstorbenen Vater einen heruntergekommenen Gasthof, den Märchenwald, geerbt, wo er die erste Zeit nach seiner Ankunft in Iburg ein Eremitendasein geführt hatte. Bis Grete in sein Leben trat und ihm vorschlug, er solle doch einfach auf Gut Scheventorf zu Lars und ihr ziehen – dort würde er ja eh die ganze Zeit sein – und von dort aus den Märchenwald vergolden. Um langsam wieder in die bürgerliche Welt zurückzukommen, wie er diese Idee zunächst spöttisch kommentiert hatte.

»Papperlapp, es ist für alle Beteiligten leichter.«

»Ja, Grete, das macht Sinn«, hatte er ergeben geantwortet.

»Es macht nicht Sinn, es ist sinnvoll. In Deutschland ist es ein Verb. Man macht in die Hose, aber keinen Sinn.«

»Danke für diese Information.«

Wieder die Schwingtür, wieder Wirtschaftsraum.

Also hatte Atlas den Märchenwald