90 Nächte, 90 Betten - Christine Neder - ebook

90 Nächte, 90 Betten ebook

Christine Neder

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Opis

Christine Neder hat einen unglaublichen Selbstversuch gewagt: Drei Monate lang schlief sie jede Nacht in einer anderen Wohnung und erlebte die Gastfreundlichkeit wildfremder Menschen, die sie über Social-Networking-Angebote im Internet kennenlernte. Nebenbei führte sie einen Blog, der von zahlreichen Fans begeistert gelesen wurde, und schrieb über ihr Projekt eine Kolumne auf SPIEGEL Online. In 90 Nächte, 90 Betten berichtet sie nun von ihrer aufregenden Odyssee durch Berlin, auf der sie bei den skurrilsten Leuten übernachtete, wie etwa einer Nippessammlerin, die ihr Tarot-Karten legte, oder dem Inhaber eines mobilen Kiosks für antike mexikanische Erotikmagazine. Christine Neder logierte in jeder Art von Unterkunft, die ein Couchsurferleben zu bieten hat: von der prunkvollen Altbauwohnung bis hin zum beengt-spartanischen Campingbus. In ihrem Tagebuch nimmt sie ihre Leser mit auf ihr turbulentes Abenteuer und erzählt vom alltäglichen Wahnsinn eines Lebens aus dem Koffer. Couchsurfing ist der neue Reisetrend des digitalen Zeitalters: Auf Internetseiten, wie zum Beispiel couchsurfing.org oder hospitalityclub.org, vernetzen sich abenteuerlustige Menschen, die einander spontan und kostenlos einen Schlafplatz zur Verfügung stellen. Die Idee dahinter: eine Alternative zur Massenabfertigung des Pauschaltourismus zu schaffen, indem man sich auf die alte Tugend der Gastfreundschaft besinnt und so eine individuelle, persönliche und unkomplizierte Art des Urlaubs ermöglicht. In Deutschland gibt es über 200.000 angemeldete Couchsurfer - Tendenz steigend. Vor allem junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren haben die Vorzüge dieser Reiseart für sich entdeckt: Man muss nicht lange im Voraus planen und lernt mit Sicherheit neue Leute kennen. Langeweile ausgeschlossen! In einem außergewöhnlichen Selbstversuch schlief sich die Couchsurferin Christine Neder 90 Nächte lang durch die Betten der Hauptstadt - jede Nacht woanders. Mit viel Witz erzählt sie von abenteuerlichen Unterkünften, liebenswert schrulligen Gastgebern und dem aufregenden Gefühl, nicht zu wissen, wo man als Nächstes landet. Dabei widerlegt sie die landläufigen Vorurteile und zeigt: Auf den Couchsurfer warten nicht verdreckte Klos und aufdringliche Männer mit zweifelhaften Absichten, sondern freundliche Menschen und wertvolle Erfahrungen. Ihr Buch inspiriert, weil es zeigt, wie viel Spaß es machen kann, aus dem Alltag auszubrechen - auch wenn einen alle für verrückt halten. 'Es kann nicht jeder sagen, dass er schon einmal im Regierungsviertel, 500 Meter vom Reichstag entfernt, geschlafen hat. Von außen sieht Mierniks Van wie ein Eiswagen aus. Ziemlich groß, doch das täuscht. Durch die Schränke und unzähligen Kisten an den Wänden sind wirklich nur noch zwei Quadratmeter Platz, um sich zu bewegen. Da sind Kisten voller Essen, sorgfältig aufeinandergestapelt und beschriftet, damit er alles wiederfindet: Mehl, Gewürze, Pasta. Es ist halb elf und Miernik hat noch Lust zu kochen. Wir schneiden Zwiebeln auf dem Boden, dämpfen Paprika und Zucchini und kochen Dinkelnudeln. Ich will ehrlich sein: Als ich das erste Mal den Van von innen sehe, suche ich schon nach Ausreden, warum ich hier nicht schlafen könne und fluchtartig verschwinden müsse. Mir fällt aber nichts Plausibles ein. Genau das wolltest du doch: Das Unmögliche erleben. An deine Grenzen gehen. Testen, wo deine Belastbarkeit endet. Dich mit deinen Vorurteilen konfrontieren und deine schlechten Eigenschaften überwinden. Heute ist der beste Tag, um das in Angriff zu nehmen.'Christine Neder

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Christine Neder

90 Nächte, 90 Betten

Das Tagebuch einer Couchsurferin

FACEBOOK

Klaus Weber,23.10.2010, 12:27 Uhr

Betreff: 90 Nächte

»Hast du schon einen Termin für deine erste Sitzung? Nach diesem mehr als fragwürdigen Experiment brauchst du sicherlich psychologische Unterstützung, um alles zu verarbeiten ...«

SPIEGEL-ONLINE-Forum

Peter Sonntag, 28.10.2010, 11:48 Uhr

Betreff: Der Traum aller Heranwachsenden

»[…] Wenn das Mädel sich dran gewöhnt hat, kann sie entweder ein Buch schreiben, oder sie ist in der Gosse gelandet. Oder beides.«1

Im Klartext

Neunzig Tage, vom 17. August bis zum 15. November 2010, übernachtete ich in Berlin jede Nacht bei einem anderen, mir fremden Menschen. Die Schlafmöglichkeiten suchte ich mir über Websites wie CouchSurfing oder Facebook. Es war nicht immer einfach, alles zu koordinieren und zu organisieren und mit den unterschiedlichsten Situationen zurechtzukommen. Eine ständige Frage, die mich bei meinem Projekt begleitete: »Wie ist der reale Mensch hinter einem Internet-Profil?« Diese Zeit in Berlin war die härteste und zugleich die aufregendste in meinem Leben. Ein Selbstversuch, der mich an meine Grenzen brachte.

Ich war jeden Tag in einer anderen Wohnung. Der Lesbarkeit zuliebe wollte ich aber nicht über jeden einzelnen Gastgeber berichten, entweder weil mir wichtiger schien, andere Dinge zu erwähnen, oder weil ich nicht einfach nur schreiben wollte »Es war ein unvergesslich schöner Abend«. Das war es aber so oft.

Ich danke allen Gastgebern, die mich aufgenommen und mir einen Schlafplatz zur Verfügung gestellt haben. Ohne sie wäre dieses Buch nicht möglich gewesen. Ihre Geschichten, Wohnungen und unterschiedlichen Lebensarten geben diesem Buch den Inhalt und machen es einmalig.

Besonders danken möchte ich meiner Familie und meinem Freund, die verhindert haben, dass ich psychologische Hilfe brauche und dass ich in der Gosse gelandet bin.

Wie alles begann

Ende Juli, Englischer Garten in München. Genau zwischen den Hippie-Trommlern, die nebenbei als Drogendealer ein bisschen Geld verdienen, und den Seilkünstlern, die todesmutig über den Eisbach balancieren. An einem Sonntagnachmittag liege ich einfach faul mit Freunden auf der Wiese rum, bevor es zum traditionellen Kaffeetrinken nach Schwabing geht. Die Tage in München sind gezählt und der Abschiedsschmerz macht sich langsam bemerkbar.

»Hast du schon eine Wohnung in Berlin?«, fragt mich Jana, die neben mir liegt.

»Ne«, antworte ich in einem dezent aggressiven Tonfall. Die Frage nervt mich, weil sie mir das Problem, das ich versuche, bis auf den letzten Tag zu schieben, wieder klar und deutlich vor Augen führt. Ich muss mich schon seit Wochen darum kümmern. Ich hatte es jedoch vorgezogen, nach Rumänien in den Urlaub zu fahren, um mit Petra Fotos für ihre Diplomarbeit zu schießen. Wir hatten am Strand rumgelegen, uns von Couchsurfern Constanta zeigen lassen und das Nachtleben von Mamaia getestet.

Ich habe keine Lust, 600 Kilometer von München nach Berlin zu fahren, um mir eine Wohnung zu suchen. Es wird darauf hinauslaufen, dass ich mich bei tausend WGs vorstelle, deren Bewohner mir blöde Fragen über mein Sozialverhalten stellen und zum Schluss noch wollen, dass ich ein Gedicht aufsage, Lieder singe oder ein Bild male, zu ihrer Belustigung.

Ich kenne das alles von meiner letzten Wohnungssuche in München. Da hat man mir ein Zimmer gegen Kellnern in der Eckkneipe angeboten und letztendlich bin ich so verzweifelt gewesen, dass ich einen Monat lang für 430 Euro Miete im Wohnzimmer einer Kettenraucherin geschlafen habe. Im besten Fall finde ich in Berlin eine Einzimmerwohnung. Da vegetiere ich jedoch wieder einsam vor mich hin, wie damals in meinen ersten vier Monaten in München.

Es ist nicht einfach in der Generation Praktikum. Man ist der unbezahlte Depp vom Dienst und hat keine Zeit, soziale Kontakte in einer neuen Stadt zu knüpfen, weil man jeden Tag von 10 bis 20 Uhr im Büro ist. Eigentlich habe ich gehofft, dass ich in München einen festen Job bekomme, auf den ich mich beworben hatte. Bis die »Wir melden uns«-Frist schon sieben Tage abgelaufen gewesen ist und ich von mir aus nachgefragt habe, wie es denn aussähe. Letztendlich habe ich mir damit meine Abfuhr selbst abgeholt.

Einige Firmen halten es einfach nicht mehr für nötig abzusagen, haben es unter dem ganzen enormen »Stress« vergessen oder sind einfach null empathisch und können sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn man bei jedem Anruf einen kleinen Nervenzusammenbruch bekommt, weil man denkt, es könnte dieeine Firma sein, der zukünftige Chef, der neue Job, ein neues Leben, in dem man endlich eigenes Geld verdient.

Es hat also nicht sein sollen und das Schicksal schickt mich für ein weiteres Praktikum nach Berlin. Ich kenne weder die Stadt noch Menschen dort. Wahrscheinlich ziehe ich wieder genau da hin, wo nur dreimal in der Stunde ein Bus fährt, wie damals in Bielefeld zu Studienzeiten.

Das ist das Problem, wenn man nicht ortskundig ist. Mieter, die ihre Wohnung loswerden wollen, lügen dir das Blaue vom Himmel herunter. Beste Lage, ruhige Nachbarn und obwohl es eine Dachgeschosswohnung sei, werde sie durch die neue Isolierung nicht unerträglich heiß im Sommer. Alles erstunken und erlogen. Kenne ich schon alles.

Die Wohnungssuche und das Umziehen bringen nur Stress und Probleme mit sich, die ich, ganz untypisch für mich, weit weg in den hintersten Gang meines kleinen Gehirnlabyrinths stecke. Lieber mit Freunden noch ein bisschen im Park abhängen und die letzten Tage in der Münchner Sonne genießen.

Daniel hat die neue Neon dabei, die ich mir gleich kralle.

»Die Wahrheit ist: Nichts läuft gut, wenn es im Bett nicht gut läuft.«2

Interessante These auf dem Cover. Ich blättere die Zeitschrift durch und bleibe bei dem Bild eines Pärchens hängen. Sie sind beide um die vierzig und sitzen auf einem weißen Bett mit Tagesdecke und Zierborte am Rand. Ich sehe das personifizierte amerikanische Spießertum vor mir. Sie, eine Vorzeige-Hausfrau, akkurates, halblanges Haar mit Außenwelle, von gut genährter Statur, mit einem grauen Bleistiftrock, dazu das passende Twin-Set, legt ihre Hand auf das rechte Knie ihres Mannes. Er trägt zu seiner grauen Stoffhose ein blaues Hemd mit braun-rot gestreifter Krawatte und schwarze Socken. Die beiden sehen so prüde und konservativ aus, dass ich mir kaum ausmalen kann, wie sie wohl leben. Charla Muller, 43 Jahre alt, Autorin des Buches 365 Nächte, hat ihrem Mann zum 40. Geburtstag ein Jahr lang jeden Tag Sex geschenkt und darüber ein Buch geschrieben.3 Irre Sache. Aber geniale Idee. Irgendetwas über einen längeren Zeitraum hinweg ausprobieren und dann über seine Erfahrungen berichten. Möglichst ein bisschen verrückt soll es sein und auch nicht zu einfach nachzumachen. Etwas, das die meisten Menschen gern einmal ausprobieren würden, aber nicht den Mut oder die Zeit dazu haben.

»Ich brauch keine Wohnung«, antworte ich Jana. »Ich mache neunzig Tage Couchsurfing in Berlin und schlafe jede Nacht bei jemand anderem.«

Die perfekte Lösung für mein Problem. Dadurch lerne ich unglaublich viele Menschen kennen und die Stadt mit ihren unterschiedlichsten Bezirken. Und ich brauche mir erst einmal keine Gedanken über eine Wohnung zu machen.

Meine Begleiter tun so, als hätte ich nichts gesagt.

Man hört nur das stumpfe Trommeln der Hippie-Dealer im Hintergrund.

Und dann doch noch ein nachsichtig lächelndes: »Klar, Christine. Mach das mal …«

Warum nimmt mich eigentlich nie jemand ernst?

Der Tag davor

Ich verbringe das letzte Wochenende in München. Ich esse noch einmal Germknödel mit Vanillesoße, schaue mir um 12 Uhr das Glockenspiel am Marienplatz an und treffe alle meine Freunde, bevor es heißt: neunzig Tage Abstinenz. Meinen Sitzplatz im Schottenhamel-Festzelt für das diesjährige Oktoberfest muss ich schweren Herzens abgeben und mein Dirndl zurück in den Schrank hängen, da ich dann in Berlin bin. Das nennt man Opfer bringen. Es tut gut, einmal anderen, außer meinen Eltern, von der ganzen Idee zu erzählen. Nur leider treffe ich auch bei meinen Freunden auf null Verständnis. Hier die schönsten Reaktionen:

»Du Olle hast doch ’nen Schuss.«

»Willst du das wirklich machen? Dich so quälen?«

»Es glaubt dir keiner, dass du diesen krassen Couchsurfing-Scheiß machen willst. Also wo wohnst du wirklich?«

Der einzige halbwegs einfühlsame Mensch ist Paul. Das Ganze sei zwar überhaupt nichts für ihn, aber er findet wenigstens annähernd positive Worte: »Ich bewundere dich für deinen Mut und ich finde deine Entscheidung faszinierend.« Wir sitzen im Biergarten am Kloster Andechs, vor uns Bergpanorama. Ich glaube wirklich, jemanden gefunden zu haben, der mich nicht als unzurechnungsfähig abstempelt, bis ich ihm folgende Frage stelle: »Glaubst du, es kommt blöd, wenn ich frage, ob sie frische Kuhmilch haben?«

»Nicht blöder, als neunzig Tage immer woanders zu pennen.«

Danke, Paul.

Morgen geht es also nach Berlin und heute lasse ich noch einmal richtig Druck ab. Der ganze Stress muss raus, den ich mir innerlich selber gemacht habe. Also flenne ich. Über eine Stunde. Mit Rotz und Wasser und Schnappatmung. Natürlich kann ich das Ganze jederzeit abbrechen, wenn es mir zu viel wird. Es zwingt mich ja niemand dazu. Aber trotz aller Bedenken will ich jetzt keinen Rückzieher machen, denn ich möchte unbedingt diese Erfahrung machen und ich bin einfach ein Mensch, der Herausforderungen braucht und ständig an seine Grenzen gehen muss, weil ihm sonst langweilig wird. Ich habe mir irgendwann imaginär den Spruch »Man wächst an seinen Herausforderungen« auf die Stirn tätowieren lassen. Ich muss mir nur langsam überlegen, wie hoch hinaus ich denn wachsen will.

Natürlich ist mein Vorhaben keine Pauschalreise. Ich habe Angst. Wahnsinnige Angst, irgendwann vor der falschen Tür zu stehen, weil ich es vercheckt habe. Ich habe Angst, dass mir mein Auto mit all meinen COS-Lieblingskleidern in Berlin-Kreuzberg angezündet wird. Ich habe Angst, mein Projekt allein nicht auf die Reihe zu bekommen und dass ich mein Praktikum nebenbei nicht durchziehen kann. Und ja, dadurch, dass ich ständig gefragt werde, ob ich nicht Angst habe, an einen irren Vergewaltiger oder Serienkiller zu geraten, habe ich auch mittlerweile davor Angst. Ist auch kein Wunder, wenn ich von Freunden Geschichten aus Das Serienmörderbuch vorgelesen bekomme. Lieblingsstelle: »Ich hatte den Wunsch, in den ganzen Körper einzutauchen, in den Innereien einer Frau herumzuwühlen.«4

Ich bin schon so weit, dass ich ernsthaft überlege, welche Schutzwaffe ich mir für das Projekt kaufen soll. Schweizer Taschenmesser? K.o.-Spray? Oder lieber gleich einen Keuschheitsgürtel?

1. Nacht

Aller Anfang ist schwer

Aus Solidarität mussten wir alle jedes Mal einen Kurzen mittrinken ...

Friedrichshain, 9 Uhr. Ich liege auf einer Matratze. Neben mir im Bett röcheln Friedrich und Frank im Tiefschlaf vor sich hin. Mein Geist wird langsam wacher und schon vor dem ersten Augenaufschlag kreist nur eine Frage in meinem Kopf herum: Warum geht es mir so schlecht?

Da liege ich, mehr tot als lebendig. Aber ich weiß, dass kein Weg daran vorbeiführt. Irgendwann muss ich aufstehen und mich dem neuen Tag stellen. Dem ersten Tag als Extrem-Couchsurferin. Mir tut alles weh, und ich bin noch ganz gerädert von den unzähligen Krämpfen, die ich heute Nacht in meinen Füßen gespürt habe. Magnesiummangel. Martini zieht mir immer sämtliche Lebensenergie aus dem Körper. Dabei hatte der gestrige Abend so friedlich angefangen. Mein Gastgeber Friedrich und ich saßen in der Küche, haben ein Gläschen Wein getrunken und über mein Experiment gequatscht. Alles war entspannt und ruhig, bis Friedrichs Mitbewohner gekommen sind. Und weitere Freunde. Und Nachbarn. Und andere Couchsurfer und das Ganze dann in eine WG-Party ausgeartet ist.

Jetzt traue ich mich, öffne meine leicht verklebten Augen und bin geblendet vom hellen Tageslicht. Da ist er auch schon. Der obligatorische Zwinkerschmerz. Jedes Mal, wenn ich blinzle, fühle ich einen stechenden Impuls an den Schläfen. Aber noch schlimmer ist die Tatsache, dass sich immer noch alles dreht. Was hat denn bitte mein Körper in den letzten fünf Stunden gemacht? Er ist auf jeden Fall nicht seiner Pflicht nachgegangen, meine ­Promille abzubauen. Arschloch. Nachdem ich erst mal fünf Minuten an die Decke gestarrt und versucht habe, nicht zu blinzeln, sammle ich alle meine Restkräfte zusammen und rolle mich von der Matratze auf den Boden. Oh, wie gut so ein harter, kalter Boden für den Kopf sein kann. Hier verharre ich erst einmal weitere zehn Minuten in stabiler Seitenlage, bis ich anfange, in Richtung Bad zu robben. Bis zum Waschbecken. Hier ist meine Base, an der ich mich hochziehen kann, um auf zwei Beinen zu stehen. Ich stehe! Doch dann schaue ich in den Spiegel, und der Anblick lässt mich fast wieder ohnmächtig werden ... Wie sehe ich denn bitte aus?!

Mein Gesicht ähnelt einem zerknitterten Streuselkuchen. Mit Augenringen bis zu den Mundwinkeln und seltsamen Haut­irritationen, die ich nicht zuordnen kann.

Ich lasse mich auf den Klodeckel fallen und stütze meinen megaschweren Schädel ab. Aber die Schmerzen sind ja noch nicht alles. Die Anstrengung macht mich etwas nüchterner im Kopf, und mir wird nicht nur meine katastrophale körperliche Verfassung bewusst, sondern auch der katastrophale Verlauf des gestrigen Abends.

Ich hatte alles unter Kontrolle gehabt, den Gesprächen der anderen gelauscht, zwei Stunden Friedrich und Stefan beim Schachspielen zugeschaut und ab und zu an meinem Wein genippt. Alles ist gut gewesen, bis Frank, ein Freund meines Gastgebers, angefangen hat, über sein beschissenes Leben zu reden. Er ist 23 Jahre alt, arbeitet als Krankenpfleger und hat zwei unter­gejubelte Kinder mit einer acht Jahre älteren Frau, die er nicht liebt. Er muss viel zu schnell erwachsen werden und rebelliert dagegen, indem er ausbricht, einfach nicht nach Hause geht und viel zu viel trinkt. Mir fällt auf, dass er ein schönes und interessantes Gesicht hat. So männlich und markant, aber durch die blonden Haare und blauen Augen hat er auch weibliche Merkmale. Nur leider nehmen ihm seine prollige Art und sein Kleidungsstil einiges von seiner Schönheit.

Er sah gestern wirklich unglücklich aus. Aus Solidarität mussten wir alle jedes Mal einen Kurzen mittrinken, wenn er einen weiteren Grund aufgezählt hat, weshalb sein Leben beschissen ist. Er hatte zu viele Gründe, worauf zu viele Schnäpse folgten. Um 3 Uhr nachts habe ich aufgeben müssen und bin schon mal »auf die Matratze« gegangen.

Zwei Stunden später ist Friedrich, mit dem ich mir das Zimmer geteilt habe, auch gekommen. Drei Stunden später die zwei übrig gebliebenen Alkoholleichen, die den Weg in ihr eigenes Zuhause nicht mehr gefunden haben. Sie haben sich zu Friedrich ins Bett gesetzt und ihren letzten Joint geraucht. Friedrich hat sich nicht mehr wehren können, und ich konnte sowieso nicht mehr schlafen, da der Morgenverkehr von der Frankfurter Allee zu uns herauftönte.

Heute Morgen kommen zu den unerträglichen Kopfschmerzen, die sich so anfühlen, als würde ein kleines Männchen in meinem Kopf mit einem Presslufthammer meine Schädeldecke durchbrechen, noch stark verminderte Reaktionsfähigkeit und eine Mischung aus Brand und Sodbrennen. Wenigstens gibt es dafür ein Heilmittel. Eis! Als ich Friedrichs Wohnung um 14 Uhr verlasse, sitze ich den Rest des Tages nur rum und esse Unmengen an Eis. Ich frage mich, wie ich die nächsten 89 Nächte überstehen soll, wenn das so weitergeht.

2. Nacht

Durchwachsen

Früher, in seiner Jugend, ist er ­bestimmt ein kleiner Punk ­gewesen.

Ich fühle mich wie Anna Pawlowa als sterbender Schwan. Schlecht gelaunt bin ich noch dazu, wegen akuten Schlafmangels. Erst jetzt wird mir richtig bewusst, wie verdammt lang neunzig Tage eigentlich sind – unfassbar lang. Wie bin ich eigentlich auf die Neunzig gekommen? Ich glaube, weil es so eine schöne Allite­ration ist – neunzig Nächte. Aber ich bin immer noch davon überzeugt, dass ich das schon schaffen werde. Obwohl ich ständig in kleine Tagträume verfalle, in denen ich den ganzen Mittag in meinem eigenen, wohligen, warmen Wohnzimmer im Schlafanzug vor der Glotze hänge und mir Hartz-IV-TV reinziehe. Mit heißer Schokolade in der Hand, Hot Sox an den Füßen und Kuchen in der Küche. Als ich aus meinem Tagtraum erwache, bin ich wieder mitten in der Realität. Die Burger-King-Filiale am Alexanderplatz. Weder wohlig noch warm. Ein Mitarbeiter mit Schnauzbart nimmt Kontakt mit mir auf, nicht gerade freundlich.

»Entschuldigen Sie bitte, junge Dame. Es ist nicht gestattet, von einer Burger-King-Filiale Strom zu zapfen. Sie dürfen Ihren Laptop nicht in die Steckdose stecken.«

Ich hasse es, junge Dame genannt zu werden. Wenigstens hat er mein fortgeschrittenes Alter erkannt und siezt mich. Arschloch.

Ich esse mein Eis auf und verlasse mit bitterbösem Blick das Etablissement, um das schöne Berliner Pisswetter zu genießen. Meine Laune ist am Tiefpunkt. Gegen Nachmittag wird sie aber besser, als mich folgende SMS erreicht:

»Hallo Christine, alles klar wegen heute Abend. Ich freue mich! Bringst du etwas Hunger mit? Ich würde eine Kleinigkeit kochen. Okay?«

Natürlich ist das okay und abends bin ich auch wieder in der Lage, feste Nahrung aufzunehmen. Es gibt Vollkornnudeln auf Spinatsauce mit Gurken-Mais-Salat, zum Nachtisch ein Glas Baileys und Geschichten über Kreuzberg 61 und SO 36. Jonny ist Kreuzberg-36er. Er ist alternativ, wohnt am Kottbusser Tor und hat Politik und Soziologie studiert.

Jonny organisiert Events gegen Faschismus, benutzt auffällig oft das Wort »Sozialismus« und ist bei CouchSurfing Mitglied der Feminism-Gruppe. Früher, in seiner Jugend, ist er bestimmt ein kleiner Punk gewesen. Im Moment gibt er das vegane Essen auf und fängt auch wieder an, Alkohol zu trinken. Mein Mitbringsel, Bamberger Rauchbier, kann er jedoch noch nicht trinken, da er sich erst an Wodka gewöhnt hat. Komische Reihenfolge. Erst Wodka, dann Bier?

Beim CouchSurfing-Portal ist er erst seit ein paar Wochen aktiv und hat sich prompt in seinen letzten Gast verliebt. Eine australische Sängerin, die ein paar Auftritte in Europa hat und so unter anderem in Berlin gelandet ist. Bei Jonny. Er erzählt, dass sie nett und interessant ist. Aber am längsten erzählt er mir von ihren Schuhen. Sie habe gelbe Chucks mit hellblauen Schnürsenkeln getragen und dazu noch eine halbtransparente rote Strumpfhose. Für ihn eine fantastische Farbkombination, die ihn immer noch ganz vom Hocker haut.

Es fällt irgendwann das Wort »Fußfetischist« und dann kann ich seine Begeisterung auch verstehen. Die paar Tage, in denen sie da gewesen ist, haben die beiden sehr viel Zeit miteinander verbracht. Zusammen gekocht, gelebt, Konzerte besucht und ­Musik ausgetauscht. Vor ein paar Tagen ist sie wieder abgereist und aus seinem Leben verschwunden. Wahrscheinlich kommt sie nie wieder. Aber wenigstens bleibt sie in seinem Herzen und in seinem Kopf als großartige Erinnerung.

Wie viele Menschen wohl noch an mich denken, wenn sie die Tür hinter mir zugemacht haben? Ich merke schon am zweiten Tag, dass ein Abend reichen kann, um eine sehr intensive Zeit mit interessanten Gesprächen zu haben. Am nächsten Morgen einfach wieder zu gehen, obwohl man ein Teil des täglichen Lebens eines anderen gewesen ist, fühlt sich komisch an.

Man fühlt sich wie ein kleiner Welpe, der die Milchdrüse seiner Mutter gefunden hat, an der er sich geborgen und aufgehoben fühlt. Bis man ihn wegreißt und auf der Straße aussetzt. So fühle ich mich. Wie ein kleiner Köter. Wahrscheinlich ist die Situation Gewöhnungssache. Ich bin froh, dass meine Schuhe und Füße nicht so betörend sind und Jonny kein Interesse daran hat. Ich habe erst kürzlich ein Herz gebrochen und bin gerade wieder dabei, es zu kitten.

3. Nacht

Sie meinen es doch nur gut

Ich weiß nie, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt: Wildes Rummachen? Blowjobs? Sex?

Ich will endlich einmal das Gefühl haben, als ganz normaler Couch­surfer unterwegs zu sein. Als jemand, der in der Stadt ist, weil er das Brandenburger Tor sehen will, die Siegessäule oder das Jüdische Museum. Ich nehme mir für diesen Abend vor, einmal nichts von meinem Projekt zu erzählen, um genau dieses Gefühl zu bekommen. Aber ich versage kläglich. Knappe neunzig Minuten kann ich stand­halten. Marcus, mein heutiger Gastgeber, stellt geschickte Fragen und spielt mich damit an die Wand:

»Was machst du hier in Berlin?«

»Ich wollte die Stadt mal sehen. Und bin ein bisschen auf Wohnungssuche, weil ich vielleicht hierherziehe.«

»Wo hast du denn schon Wohnungen angeschaut?«

»Also, bis jetzt nur … ähm, online, auf Wg-gesucht.de. Ich habe nur mal so geschaut, was es gibt.«

»Und warum bleibst du nur eine Nacht bei mir?«

»Mhm, weil ich … ähm, für die nächste Nacht schon jemand anderen habe.«

Das ist nicht gelogen.

»Wie lange bleibst du in Berlin?«

»Mhm, weiß ich noch nicht genau. So ein bis zwei Wochen?«

Ich hasse Lügen. Ich finde es viel zu anstrengend und bekomme sofort ein schlechtes Gewissen. Marcus wird mir immer sympathischer und meine Gewissensbisse tiefer. Irgendwann sage ich die Wahrheit über mich und mein Projekt. Darauf folgen weitere Fragen:

»Seit wann machst du das?«

»Wie bist du auf die Idee gekommen?«

»Was hast du dir davon versprochen?«

»Wissen deine Freunde davon?«

»Und was sagen denn deine Eltern dazu?«

Nun, ich glaube, für die ist eine kleine Welt zusammengebrochen.­ Sie geben langsam die Hoffnung auf, dass ich irgendwann »vernünftig« werde und folgende drei, in ihren Augen, primäre Ziele erreiche:

1.Länger als ein Jahr in einer Stadt wohnen, sodass sie nicht ständig Kisten von unserem Dachboden auf den Anhänger und vom dem Anhänger wieder in eine andere Wohnung schleppen müssen, um drei Monate später das Ganze wieder auf unseren Dachboden zu hieven.

2.Einen seriösen Job finden, mit dem ich es schaffe, mich selbst zu ernähren. (Das heißt jetzt nicht, dass ich schon einmal einen unseriösen Job gemacht hätte.)

3.Ein normales Leben mit einem geregelten Tagesablauf führen.

Von allen drei Punkten bin ich gerade weit entfernt. Ich bin in diesem Jahr schon dreimal umgezogen. Ich bekomme ein Praktikantengehalt, mit dem ich nicht mal in Berlin eine Miete zahlen kann. Das soll schon was heißen. Ich bin weit weg davon, ein Leben­ zu führen, das man als normal bezeichnen könnte.­ Aber was ist schon normal? Auf den Punkt mit dem seriösen Job möchte­ ich noch einmal näher eingehen. Seitdem ich im Juli zur Fashion Week eine Woche in Berlin war und dank eines Gäste­listen­platzes das Berghain (2009 auf Platz eins der Top-100-Clubs der Welt) von innen sehen durfte, denken meine Eltern, ich sei auf die schiefe Bahn geraten und Berlin sei das Tor zur Hölle. Jeder, der schon einmal vom Berghain gehört hat, weiß, dass es dort zwar schon ein bisschen spezieller, freizügiger und anders zugeht als in den meisten Clubs. Für Berliner Verhältnisse ist das aber schon beinahe­ normal. Ich denke, ich habe damals in dem Post auf meinem Blog ganz gut geschildert, was Sache ist:

»12.07.2010 | Erfahrungsbericht: Berghain

Man hört so unglaublich viele skurrile Sachen vom Berghain. Ich finde, es gibt nichts Spannenderes, als selbst herauszufinden, was dahintersteckt. Die drei Haupt-Vorurteile:

1.Vor 4 Uhr ist nichts los.

2.Man steht IMMER zwei Stunden an und kommt dann meistens nicht am Türsteher vorbei.

3.Die Leute haben im ganzen Laden überall Sex.

Ob vor 4 Uhr nichts los ist und man immer zwei Stunden anstehen muss und dann doch nicht reinkommt, weiß ich leider immer noch nicht. Ich komme erst nach 4 Uhr an und gehe dank meines Gästelisten-Platzes an der 500-Meter-Schlange und dem Türsteher vorbei. Aber wenn ich mich hätte anstellen müssen, dann hätte es sicher zwei Stunden gedauert.

Ich finde das Gebäude von innen ziemlich beeindruckend. Dieser riesige Fabrikkomplex mit den verwinkelten Ecken und den Darkrooms. Mir fällt gleich auf, dass es einen gewissen schwulen Dresscode gibt. Oben ohne ist ziemlich schwul. Oben ohne mit Ledergeschirr ist 100 Prozent schwul. Gefällt mir sehr gut, dieser Dresscode. Da weiß man als Frau gleich, wer nicht zur Verfügung steht. Ich würde zu gern Fotos machen, aber meine Kamera wird mir gleich bei der Taschenkontrolle abgenommen. Gute Marketing-Strategie. Den Mythos aufrechterhalten. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob das Berghain wirklich nur ein ganz normaler Nightclub ist oder schon ein Swinger-Club. Als ich nur zwei Minuten drin bin, spüre ich schon eine Hand auf meinem Rücken. Ich weiß nie, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt: Wildes Rummachen? Blowjobs? Sex? Ich sehe alles in unterschiedlichen Ausführungen, unfreiwillig. Was ich jedoch am gewöhnungsbedürftigsten von allem finde: erst um 8 Uhr morgens nach Hause zu gehen.

Ich würde wieder hingehen, wenn ich auf der Gästeliste stehe. Geiler Schuppen, endgeile Musik und supergeile Atmosphäre. Very sexy.«5

Vielleicht hätte ich einfach nur schreiben sollen, dass ich es ganz in Ordnung finde und nicht superendgeil. Das hätte die Situation bestimmt nicht so eskalieren lassen.

Auf diesen Eintrag bekomme ich zwei Mails.

Nachts um 03:18 Uhr von meiner Mutter:

»Liebe Christine, du wirst es schon an der Uhrzeit merken: Es ist keine normale Mail. Da ich schon die zweite Nacht herumsitze und bügle, muss ich jetzt meine Meinung sagen. Ich, deine Mutter, muss es dir sagen. Du solltest deinen Blog am besten gleich sperren. Was ich gelesen habe, reicht mir. So habe ich dich nicht erzogen. Nun kann ich mir auch vorstellen, wie du deine Nächte in Berlin verbringst. Ist ja schon nicht normal für eine Frau.

Was ich da alles gelesen habe, finde ich unmöglich.

Wenn du auf deine Mutter hörst, würdest du ein anderes Leben führen. Wenn du so weiter machst, führt es zu nichts. Denn das, was du im Kopf hast, wird keine Wirklichkeit, glaub es mir. Du kannst noch so viel verreisen und vor der Wirklichkeit davonlaufen. Du kannst die tollsten Menschen kennenlernen, die schenken dir alle nichts. Auch wenn du solche Lokale aufsuchst, kann ich dir als Mutter nur sagen, ich finde es ziemlich schrecklich. Wenn du nichts Besseres zu tun hast, finde ich es dazu noch traurig.

Meine Bedenken sind, dass du noch mehr abfallen wirst, wenn du wieder solche Einträge schreibst. Ja, ich weiß, es sind schon so viele Leser, die du hast. Was die über dich denken, weiß ich nicht.

Suche dir eine ordentliche Arbeit! Du flüchtest, indem du ständig verreist und umziehst. So wird das nichts. Berlin, muss ich dir jetzt schon sagen, ist nichts für dich. Ich könnte noch viel mehr schreiben, aber ich lasse es sein. Vielleicht lachst du über meine Mail. Aber ich sage dir eins, ich habe mehr Lebenserfahrung.

Wie du ja weißt, früher war das alles ganz anders.

Natürlich ist Mutti immer die Böse, die dir schreibt, was sie unmöglich findet.

Ich würde dir ja gern eine gute Zeit wünschen, das kann ich aber nicht. Was weiß ich, wo du dich überall herumtreibst ...

Gruß Mutti.«

Morgens um 9:03 Uhr von meinem Vater:

»Hallo Christine, auch ich möchte mich kurz zu deinen ›Blog‹-Einträgen äußern. Jeder Personaler, der jemanden einstellt, geht ins Internet, um mehr herauszufinden. Wenn er deinen Namen eingibt, sieht er, dass du einen ›Blog‹ hast.

Wenn er dann liest, was du alles schreibst, wird er dich nicht einstellen. Niemals. Sei also nicht überrascht, wenn du nur Absagen bekommst. Alles was du einmal reinstellst, kannst du nicht mehr löschen. Es wird dich ewig verfolgen.

Hör also auf, diesen Mist zu schreiben. Es schadet dir nur.

Trotzdem noch schöne Tage.

Gruß Vater.«

Es wird ein bisschen dauern, bis sie sich wieder beruhigen. Meine Idee, neunzig Nächte bei Fremden in Berlin zu verbringen, finden sie auch nicht so toll. Aber ich glaube trotzdem, dass sie die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass ich irgendwann ein normales Leben führen werde.

4. Nacht

Auto, Alkohol und Abendplanung

Ich fühle mich wie ein alter Sack, ich kann nicht mehr.

Heute habe ich eine sehr schwierige Mission, die ich unbedingt erfüllen muss, da sonst mein Experiment definitiv scheitern wird. Wenn jemand schon einmal mit dem Auto in Berlin unterwegs gewesen ist, weiß er, welch eine unerträgliche Qual es ist, einen Parkplatz zu finden. Es ist ein wirklicher Albtraum und vergleichbar mit dem Versuch, an einem verkaufsoffenen Sonntag bei Ikea einen Einkaufswagen zu ergattern.

Am ersten Abend versuche ich in Friedrichshain 45 Minuten lang, mein Auto an einem Ort zu parken, an dem es nicht abgeschleppt wird. Dabei verliere ich drei Liter Schweiß und werfe mir anschließend zwei Aspirin ein, weil ich vor Stress unerträgliche Kopfschmerzen bekomme. Ich muss zugeben, ich entspreche auch voll und ganz dem Frauenklischee und kann sehr schlecht bis gar nicht einparken, weswegen 70 Prozent der freien Parkplätze auch noch für mich wegfallen, weil ich sie für zu klein halte.

Vor einem besetzten Haus in der Rigaer Straße finde ich einen Parkplatz. Hierhin pilgere ich nun jeden Morgen, um mir neue Klamotten zu besorgen, Schuhe zu wechseln und dreckige Wäsche zu sammeln. My car is my castle. In meinem Auto befindet sich momentan mein Leben. Alle meine Lieblingsklamotten, meine schönsten Schuhe, Ordner mit wichtigem Papierkram, ein bisschen Essen, meine Schmuckkiste, eine Accessoires-Box und vieles, vieles mehr. Um mich zurechtzufinden, habe ich mein eigenes System entwickelt. Das Neder’sche Ordnungsprinzip.

Ich kenne mich mit Umzügen sehr gut aus. In den letzten Jahren ist es von Schweinfurt nach Bielefeld gegangen, dort habe ich Modedesign studiert. Während des Studiums verschlug es mich für verschiedene Praktika nach München, London und New York, anschließend nach Paderborn zu meinem damaligen Freund. Nach seinem Bachelorabschluss zurück nach Bielefeld. Dann kurz nach Schweinfurt zu meinen Eltern, für weitere drei Monate nach München, noch einmal zurück nach Schweinfurt. Und jetzt nach Berlin.

Oft ziehe ich nur mit einem Koffer um, in dem zwar immer alles drin ist, ich aber nichts wiederfinde. Normalerweise schmeiße ich meine Lieblingsteile in den Koffer und hoffe einfach darauf, dass ich nichts vergessen habe. Aber dann ziehe ich irgendwann ein Teil raus und merke, dass ich nichts Passendes dazu eingepackt habe. Das ist mir schon so oft passiert. Für den Rock kein kombinierbares Oberteil, zu dem Pullover keine Hose. So habe ich Unmengen dabei, aber dennoch nichts zum Anziehen. Diesmal habe ich aus meinen Fehlern gelernt und vorgesorgt.

Einen Tag lang habe ich mir Stylingkombinationen für meine Klamotten zurechtgelegt und fotografiert. Welche Jeans geht mit welcher Cardigan? Welches Top, welche Schuhe? Zum Schluss hatte ich eine ganze Mappe voll von Kombinationsmöglichkeiten meiner Kleidung im Koffer und war zufrieden.

Meine schlimmste Vorstellung ist: Ich stehe morgens vor mei­nem­ Auto, kann mich nicht entscheiden, was ich anziehen soll – was gelegentlich vorkommt –, hab mich dann endlich entschieden, finde es jedoch nicht, muss mich neu entscheiden, komme zu spät ins Büro und werde gefeuert. Um das zu vermeiden, halte ich mich an eine strenge Packordnung. Alles im Auto hat seinen festen Platz. Der Koffer mit Shirts, Pullovern und Hosen ist im Kofferraum. Schuhe stehen hinter den Vordersitzen, die Accessoires-Box liegt auf der Rückbank, die Kleidersäcke mit Kleidern hängen am hinteren Fenster des Beifahrersitzes, Kleidersäcke mit Blusen, Röcken und Mänteln am hinteren Fenster des Fahrersitzes.

Die Ordnung ist da, nur kann ich aus zeitlichen Gründen nicht jeden Tag nach Friedrichshain fahren, um meinen Koffer neu zusammenzustellen. Also versuche ich, mir heute einen Dauerparkplatz im Parkhaus am Alexanderplatz zu organisieren. Das wäre perfekt, da sich das Parkhaus direkt neben meiner Praktikumsstelle befindet. Es stellt sich als schwierige, fast unmögliche Aufgabe heraus, da es außer mir noch ungefähr 400 weitere Menschen gibt, die einen Dauerparkplatz am Alexanderplatz ergattern möchten. Aber mit Hilfe meines Charmes und meiner Rehäuglein bezirze ich den Parkhauswärter und bekomme einen minderwertigen Parkplatz auf dem Deck, der eigentlich gesperrt ist. Für mich erfüllt er seinen Zweck vollkommen. Jetzt kann ich vor der Arbeit meinen Koffer ins Auto packen und wie ein ganz normaler Mensch ins Büro gehen.

Zur Feier des Tages will ich mir ein Gläschen Prosecco genehmigen. Am liebsten in einem dieser coolen, trendigen Berliner Cafés, um in richtigem Berlin-Flair auf meinen Parkplatzerfolg zu trinken. Vom Alexanderplatz laufe ich Richtung Westen und ende in einer kleinen Seitenstraße an den Gleisen. Ich entdecke ein unschlagbares Angebot auf einer Tafel und bleibe stehen. Einen Kaffee und ein Stück Kuchen für 1,50 Euro. Ich suche nach dem »je« 1,50 Euro, aber finde es nicht. Wo gibt es denn noch solche Preise? Nicht einmal in Schweinfurt! Ich ergattere einen der wenigen freien Plätze und freue mich auf frischen Kaffee und ein Stück Käsekuchen. Der Prosecco folgt danach. Da kommt auch schon die Bedienung mit der Karte. Und was sehe ich da auf dem Deckblatt: Café Seidenfaden, alkohol- und drogenfreies FRAUENcafé. NUR FÜR FRAUEN! ONLY WOMEN!

Dann fällt mir auch erst das Warnschild an der Tür auf. In Gelb-Schwarz steht da fett: NUR FÜR FRAUEN. Der Cocktail des Monats ist ein »Fruchttraum« und neben mir trifft sich eine Frauen­strickgruppe. Da sitze ich jetzt. Inmitten von männerfeindlichen Feministinnen und ohne Prosecco. Die Passanten schauen mich etwas komisch an und genauso fühle ich mich auch. Sehr komisch. Hier passe ich nicht hin. Ich will doch cooles Berlin-Flair! Ein paar Yuppies mit Nerd-Brille und MacBooks um mich herum. Superjunge, superreiche Eltern, die ihre Kinder in Burberry-Klamotten stecken. Stattdessen bekomme ich Stricknadelgeklapper. Aber der Kuchen schmeckt hervorragend.

Danach geht es zu meinem nächsten Schlafplatz in den Wedding. Diesmal nicht über das CouchSurfing-Portal. Dino, auch Bloggerin, ist auf meinen Blog aufmerksam geworden und hat mich zu sich eingeladen. Ich freue mich sehr, nicht wieder die gleiche Frage gestellt zu bekommen: Und, welche Erfahrungen hast du mit Couchsurfing gemacht?

Außerdem muss ich das Experiment nicht erklären, da sie schon alles weiß. Wir können also bei Bier und Wein gleich zu den wichtigen Themen des Lebens übergehen: Männer und Fleisch, vegan leben, von welchem Essen wir das letzte Mal gekotzt haben und warum die Bloggerwelt größtenteils so doof ist. Eigentlich will ich mit Dino noch weggehen, aber um 1 Uhr mache ich schlapp. Ich fühle mich wie ein alter Sack, ich kann nicht mehr. Das ständige Rumirren, Kofferschleppen und Entertainment-Programm am Abend ist anstrengender, als ich gedacht habe.

Dino macht sich um 2 Uhr nachts auf den Weg und geht auf ein Open-Air-Festival. Ich bin sehr froh, dass ich mich für das Bett und nicht für die Party entschieden habe. Es ist Freitagnacht und sie wird erst Sonntagnachmittag wieder nach Hause kommen ...

5. Nacht

And the winner is ...

Nach einer Sachertorte schmecken die Butterkekse auch nicht mehr so gut wie davor.

Man sagt, das Scheunenviertel sei einer der schickeren und schöneren Bezirke Berlins. Ich lege also die Messlatte etwas höher an als sonst, aber was ich sehe, übertrifft meine Erwartungen absolut.

Ich stehe vor der Haustür. Hier gibt es keine vergilbten Plastikkästchen, in die das handgeschriebene Namensschild reingesteckt oder mit einem Streifen Tesa aufgeklebt wird. Hier stehen die Namen in Gravur auf einer goldschimmernden Tafel. Ich bin begeistert. Auch die Lage der Wohnung ist optimal. Wer neben einem Friedhof wohnt, lebt sehr ruhig. Trotz Großstadt. Die positiven Überraschungen ziehen sich durch den ganzen Abend. Als mir Tom die Tür öffnet, fahre ich mit einem verspiegelten Aufzug in den dritten Stock. Kein Kofferschleppen. Keine weiteren Zerrungen im Rücken und blaue Flecken an den Beinen. Ich bin im Himmel. Im »Schöner Wohnen«-Himmel. Beim Anblick dieses Zuhauses wäre selbst Tine Wittler sprachlos. Es gibt einen Ost- und einen Westbalkon mit dunkelbraunen Rattanmöbeln, unendlich viele Bücher, einen Kamin mit Holzlager und zwei wunderschöne Katzen, bei denen ich mich frage, ob sie auch Dekorationselemente sind. Sie passen perfekt ins Farbschema. Ich befinde mich in einem Traum in Beige. Beiges Sofa, beige Vorhänge, beige Badfliesen, beige Badewanne und die zwei beigen Katzen Mrs Jackson und Mrs Pollock, die ganz ladylike durch die Räume flanieren.

Tom arbeitet als Berater für Unternehmen und Verlage mit Schwerpunkt Social Media. Ich freue mich, dass er neben all den wichtigen Dingen, die es im Leben zu tun gibt, noch Muße hat, mich zu unterhalten und mir beim Samosa-Essen zuzuschauen. Samosa ist eine indische Vorspeise, der ich beim ersten Verzehr im Jahre 2007 in London auf der Brick Lane verfallen bin und die ich im Restaurant um die Ecke bestelle.

Ich klebe förmlich an seinen Lippen und lausche all den Geschichten über das Verlagswesen, die Berliner Mitte-Szene und sein Leben. Den Abend habe ich einer Freundin aus München zu verdanken. Sie kennt Tom von früher und hat ihm von mir und meinem Projekt erzählt. Er ist ihr erster Freund gewesen, im Sprachurlaub vor über zwanzig Jahren. Die Romanze hielt nur zwei Wochen und danach haben sich die beiden nie wiedergesehen. Aber dank Facebook bekommt man nicht nur Übernachtungsangebote, sondern findet auch alte Bekannte wieder. Irgendwann hat Tom sie gesucht, gefunden und geaddet.

Ich habe mich vor meinem Experiment auf das Schlimmste eingestellt. Auf dreckige Klos, schimmelige Kühlschränke und Isomatten als Schlafplätze. Und nicht darauf, dass ich zum Essen­ eingeladen werde und es mir auf einem beigen Traumsofa gemütlich machen darf. Ich freue mich, hier zu sein, aber vielleicht wäre es besser gewesen, nicht schon am fünften Tag so eine außer­gewöhnlich schöne Wohnung zu betreten. Das ist kaum zu übertreffen. Nach einer Sachertorte schmecken die Butterkekse auch nicht mehr so gut wie davor.

Am meisten freue ich mich über die vielen Stunden, die Tom mir schenkt. Zeit ist so wertvoll. Ich habe zum Glück noch ge­nügend davon. 85 Tage. 85 Tage, die ich mit wilder Entschlossenheit durchziehen möchte. Ich spüre Begeisterung und hoffe, das Scheunen­viertel noch öfter von innen zu sehen.

6. Nacht

Nein!

Seine Oma kann ihm am Telefon nicht helfen. Ich auch nicht.

Stefan ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich über ihn schreibe. Über ihn und darüber, wie er hilflos ein Stück Schweinelende schneidet und versucht herauszufinden, ob das Fleisch noch gut ist oder schon vergammelt. Seine Oma kann ihm am Telefon nicht helfen. Ich auch nicht. Da ich über diese Nacht nicht schreiben darf, bleibt alles Weitere ein Geheimnis. Vor allem, was mit Stefan und dem Stück Fleisch passiert ist.

7. Nacht

Fröhliche Weihnacht überall

Es fehlten nur noch »Last Christmas« im Radio und Zimtsterne und Glühwein auf dem Tisch.

Anja redet und redet und redet. Sie erzählt mir von ihrer Ausbildung zur Sicherheitskraft, die sie aufgegeben hat, weil ihr eigenes Leben ihr lieber ist als das fremder Menschen. Sie erzählt von dem Blog über Piercings und Körpermodifizierungen, den sie gerade schreibt. Nebenbei verdient sie sich ein bisschen Geld, indem sie Diabetikerkuchen backt und ihn verkauft. Und sie gibt zu, dass sie unendlich viel redet. Ich finde es angenehm. Ich genieße es, dass sie anders ist. Ich stehe einfach nur in der Küche, passe auf das Nudelwasser auf und höre ihr zu. Aufmerksam und lang.

Sie entschuldigt sich ständig dafür, dass überall Kartons rumstehen und sie keine Lebensmittel mehr in der Wohnung hat. Sie ist gerade mitten im Umzug. Das macht mir alles überhaupt nichts aus. Ich finde es toll, dass sie während eines Umzugs noch die Nerven hat, mich zu beherbergen, und ich habe schon vorher angekündigt, dass ich etwas zum Abendessen mitbringe. Leider fällt es sehr bescheiden aus. Es gibt Nudeln mit Kräuterfrischkäse, Mais und Tomaten.

Auch während des Essens redet Anja ohne Punkt und Komma. Ich glaube, es tut ihr gut. Sie trägt so viel in sich, das sich angestaut hat und einfach raus muss. Kaum sitzen wir am Tisch und haben die Nudeln auf dem Teller, erzählt sie mir von ihren Depressionen und dass niemand in ihrer Familie sie versteht. Manchmal wacht sie nachts auf, muss einfach weinen und kann nicht mehr aufhören. Ich bin überrascht, wie offen sie mir das erzählt, obwohl wir uns doch kaum kennen. Wenn man es genau nimmt, eine knappe halbe Stunde.

Ich fühle mich sehr geschmeichelt, dass sie mir so viel Vertrauen entgegenbringt. Ich bin ein sehr empathischer Mensch, weswegen mir Schicksalsschläge von anderen selbst sehr nahegehen. Ich lebe die Situation richtig mit, versetze mich in die Person, versuche zu helfen, Denkanstöße und Ratschläge zu geben. Zum Glück hat Anja einen Freund, der für sie da ist und sie unterstützt. Die beiden haben sich bei World of Warcraft, einem Online-Rollenspiel, kennengelernt, daraus wurde irgendwann mehr als nur virtueller Kontakt. Bald zieht sie zu ihm nach München.

Dass sie ihn über alles liebt, glaub ich ihr sofort. Wie kommt man sonst auf die absurde Idee, Ende August einen Adventskalen­der­ für seinen Liebsten zu basteln. So kommt es, dass ich nach dem spartanischen, aber köstlichen Abendmahl mit ihr im Wohnzimmer sitze und mit Schere, Kleber und Bastelpapier bewaffnet bin. Wir falten 24 kleine Schachteln. Ich war noch nie Ende August in Weihnachtsstimmung. Es fehlten nur noch Last Christmas im Radio und Zimtsterne und Glühwein auf dem Tisch.