ZOMBIE INC. - Chris Dougherty - ebook

ZOMBIE INC. ebook

Chris Dougherty

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Opis

WILLKOMMEN bei ZOMBIE INC., dem führenden Hersteller von Zombieabwehrsystemen in der Republik der Vereinigten Fünf Staaten! Seit 2027 im Geschäft, stellt ZOMBIE INC. SIE an erste Stelle. IHRE Sicherheit ist unser HAUPTZIEL! Unsere zahlreichen Verteidigungsoptionen für Ihr Zuhause - vom Ze Fence® über Ze Popper® bis zum Ze Shed® - passen sich allen Bedürfnissen und jedem Budget an. Benutzen Sie den Scan Code "MEHR ERFAHREN", um eine KOSTENLOSE unverbindliche vor-Ort*-Beratung zu erhalten. *Planen Sie Ihren Termin im Vertrauen darauf, IHR HAUS NIEMALS VERLASSEN ZU MÜSSEN! Da draußen ist es nicht sicher, und das wissen wir besser als die meisten Menschen! Unsere Vertriebsmitarbeiter sind GUT AUSGEBILDET und in der Lage sämtliche feindlichen Begegnungen mit den Lebenden und den Untoten zu bewältigen. Fünfundzwanzig Jahre nach der tödlichen Seuche steckt das erfolgreichste Unternehmen der Republik der Vereinigten Fünf Staaten, ZOMBIE INC., in Schwierigkeiten. Wird die bloße Tatsache von abnehmendem Nachschub und schwindender Nachfrage das Ende sein oder wird ZOMBIE INC. einen - wie auch immer widerwärtigen - Weg finden, um zu überleben? ---------------------------------------------------------- "Volle Punkzahl für diese Buch. Hier ist eine Perle des Genres zu finden. Tolle Charakter mit einer originellen Welt mit Zombie , gute story!" [Lesermeinung] "Von mir ein Daumen hoch und eine absolute Leseempfehlung für alle, die mal einen ganz anderen Zombieroman lesen wollen." [Lesermeinung] "Eine Kritik an den Kapitalismus unterhaltsam verpackt in einem satirischen Zombieroman - War mal was anderes und mir hat das sehr gut gefallen." [Lesermeinung]

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Inhaltsverzeichnis

Zombie Inc.

Copyright

Widmung

Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Epilog

ZOMBIE INC.

Chris Dougherty

Title: ZOMBIE INC. © 2013 Chris Dougherty. All rights reserved. First Published by Severed Press, 2013. Severed Press Logo are trademarks or registered trademarks of Severed Press. All rights reserved.

Lesermeinungen

»Hier ist eine Perle des Genres zu finden. Tolle Charakter mit einer originellen Welt mit Zombies, gute Story!« [Lesermeinung]

»Sollte irgendwann die Zombieapokalypse kommen und genug Menschen überleben, gäbe es sicher eine Zombie Inc. ! Mal ganz etwas Anderes, fand ich toll!« [Lesermeinung] 

Besonderer Dank gilt meinen frühen Lesern Anne Francemore, Bob Dattolo und Rich McGee. Danke für eure Geduld und den Gebrauch eures Verstandes.

Impressum

Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: ZOMBIE INC.
Copyright Gesamtausgabe  © 2015LUZIFER-Verlag
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Cover: Mark Freier
Übersetzung: Madeleine Seither

ISBN E-Book: 978-3-95835-085-4

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Prolog

  «Sehen Sie sich das an! Sehen! Sie! HIN!»  Carl blickte, wohin der wütende Hausbesitzer – nur mit einem offenen Bademantel und weiten Boxershorts bekleidet – deutete. Nicht, dass er den Fingerzeig brauchte. Das Problem war reichlich eindeutig.   Zwei Beine wogten träge aus einem Abwasserkanalgitter am Bordstein.  «Jawohl, ich sehe es», sagte Carl und stützte die Hände in die Hüfte. Er hatte die Praktikantin im Auto gelassen. Vorerst. Er wollte ein gutes Verhältnis zu dem Hausbesitzer aufbauen, und ein Publikum oder jegliches Zeichen von möglicherweise in Gang kommender Bürokratie würde den Mann nur noch mehr aufbringen. «Ist sein Halsband gar nicht losgegangen, oder wissen Sie das nicht?» Carl lächelte ein verwundertes Halblächeln. EinIch-tue-hier-nur-meinen-Job-mein-Freund-Lächeln.  «Ich weiß es nicht», sagte der Hausbesitzer mit einem Stoßseufzer. Seine Schultern entspannten sich. «Ich bin heute Morgen rausgegangen, um die Zeitung zu holen, und sah ihn da drinnen herumstrampeln.» Carl und der Hausbesitzer richteten ihre Blicke zurück auf die Beine. Ein leises Stöhnen erklang vom Kanalrost, widerhallend und verloren. Es hatte noch immer seinen Kopf. So viel war klar. Sie konnten nicht Ächzen ohne Kopf.   «Tja, Sie hatten Glück. Das kann ich Ihnen sagen.» Carl kratzte sich an den Rippen und nickte nachdenklich. Er machte ein paar Notizen auf dem Klemmbrett. Dies war eine nette Nachbarschaft; mindestens eines von sechs Häusern stand noch. Der Typ war entweder von der Regierung oder er arbeitete für eines der Energieunternehmen.  «Als ob ich das nicht wüsste! Der Wichser hätte sich direkt auf mich stürzen können, wenn er nicht in den Kanal da gestolpert wäre. Ich war ja kaum wach!» Dieses Mal war das Geschrei des Mannes aufgeregt, ein Ausruf von:Können Sie das glauben? Ich kann es nicht fassen!  «Nicht wahr? Sie hatten wirklich Glück. Gar keine Frage», sagte Carl. Großes Haus, nett begrünt. Viel Geld hier. Gutes Laserraster, kostspielig. Die Häuser nebenan und auf der anderen Seite der Straße waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Alle nach der Seuche leer stehenden Gebäude waren abgerissen worden, um neuerliche Verseuchungen und Plünderungen zu kontrollieren.   Drei weitere Zombies standen im Vorgarten verteilt wie Dame-Spielsteine. Sie stöhnten und schwankten. Ihre Aufmerksamkeit war auf die beiden Männer gerichtet. Ein Viertel des Gartens war auffällig leer.   «Gut, lassen Sie mich das aufnehmen und für Sie erledigt bekommen», sagte Carl. «Wie hat sich der Rest des Systems verhalten? Sie hatten es – wie lange? Sechs Monate ungefähr? Irgendwelche Probleme?» Er stellte diese Fragen gerne, um Kunden daran zu erinnern, dass es tatsächlich ausgesprochen wenige Zwischenfälle dieser Art gab.   Der Hausbesitzer zuckte mit den Schultern. «Nö, keine Probleme. Meine Frau hasst es, aber …» Er zuckte wieder mit den Schultern. Sein Bauch, ein kampfeslustiger Basketball, hob und senkte sich. «Die Damen sind manchmal etwas empfindlich. Sie wissen schon. Die verstehen nicht so viel von Sicherheit. Deswegen habe ich auch dafür gesorgt, dass wir ausschließlich Mannzies bekommen.» Ein kleiner, unbewusster Schmollmund der Abscheu huschte über das Gesicht des Mannes. Carl konnte ihm das nachempfinden. Er und der Hausbesitzer waren wahrscheinlich ungefähr im selben Alter: frühe Fünfziger. Gleiche Generation zumindest. Manche der Ausdrücke heutzutage: Mannzies, Frauzies, Kindzies … Etwas war entschieden falsch an einem beinahe kosewortgleichen Ausdruck in Verbindung mit diesen schlurfenden Monstrositäten. «Sie wollte nicht einmal, dass wir Waffen im Haus haben, ganz zu schweigen von diesen Gartenzombies hier.»   Carl nickte verständnisvoll, aber natürlich wanderten seine Gedanken zu Annie, seiner Frau. Er hatte sie vor sechsundzwanzig Jahren verloren, während der ersten Welle. Sie war so jung gewesen. Sie waren alle so jung gewesen.   Carl schüttelte den Gedanken ab und streckte seine Hand aus. «Ich werde mich bei Ihnen melden, aber nehmen Sie meine Karte. Hier ist mein Scancode. Rufen Sie mich an, falls man Sie nicht in ein paar Stunden wieder aufgerüstet hat.»   «Oh, vielen Dank. Danke. Das werde ich.» Der Hausbesitzer zog seinen Bademantel zu und bückte sich, um die Zeitung aufzuheben. Er ging pfeifend die Einfahrt hinauf. Die verbleibenden Zombies – einer auf der einen Seite und zwei auf der anderen – verfolgten sein Fortschreiten mit ihren hungrigen, leeren Augen.  Zeitung, dachte Carl. Der Kerl musste das große Geld haben. Also wahrscheinlich ein Regierungsangestellter. Vier Gartenzombies alleine vorne? Höchstwahrscheinlich acht hinten raus. Absolut unnötig, aber so war die übereifrige Verkaufsabteilung nun mal. Vielleicht Candy. Sie wäre genau der Typ dieses Kerls. Er war wohl nicht in der Lage gewesen, seine Nase lange genug aus dem Ausschnitt der Frau zu bekommen, um nein zu sagen. Natürlich war er kein Millionär, keines der wirklich hohen Tiere. Die hatten alle Ze-Sheds. Wesentlich attraktiver, als Leichen rund um die Uhr im Garten stehen zu haben. Mit dem Ze-Shed konnte man die verdammten Dinger wenigstens manchmal wegsperren.  Nicht, dass irgendwer Gartenpartys schmiss.   Nicht mehr.

EINS

Ze-Popper!®Mit der Ze-Popper!® Abwehrlinie stellt Zombie Inc. das Neuste in Sachen Haussicherheit vor. Schützen Sie Ihr Heim mit Ihrer eigenen persönlichen Armee der Toten! Räuber werden weiterziehen, wenn sie sehen, dass Sie von ZIs mobilen Leichen bewacht werden.Ein unauffälliges Lasersystem wird um ihr Grundstück herum installiert, um fixe und/oder flexible Grenzen zu erzeugen. Es wird nach Maß an die Größe Ihres Gartens, Lebensstils und Budgets angepasst. Sie können das System in Zonen einteilen oder einfach die Grundstücksgrenzen einfassen (in Verbindung mit dem Ze-Shed® System). Ihr(e) Zombie(s) kommt/kommen voll ausgebildet. Ein von einem elektrischen Impuls begleiteter Ton macht Ihre(n) Zombie(s) auf die Gegenwart der Lasergrenzen aufmerksam – dank Fabrikkonditionierung werden diese nicht übertreten!* Die Zonen können zum Zutritt für Hauseigentümer mit der hausinternen Kontrolltafel oder der Ze-Panic!® Fernbedienung geräumt werden.Sie werden ruhig schlafen, wenn Sie das Zombie Inc. Ze-Popper!®-System Ihren Besitz schützen lassen!*Ein Dauerhalsband mit kleinen Sprengsätzen enthauptet augenblicklich jeden Zombie, der über die Laserlinie wandert, und macht ihn so für Sie und Ihre Familie unschädlich.** Kontaktieren Sie einfach Ihren Zombie Inc. Vertreter über dessen Scancode ‹Kundenbetreuung› und das Team der Zombie Inc. Bergungsspezialisten wird sich der Sache annehmen.**Ein enthaupteter Zombie kann möglicherweise eine Gefahr für Sie darstellen, wenn Sie in nahen Kontakt mit dessen Mund kommen.Halten Sie Kinder und Haustiere von einem enthaupteten Zombie fern und versuchen SIE sich NICHT selbst an einer Gefahreneindämmung. Die Bergungsspezialisten von ZI sind für SIE da!Alle stillschweigenden oder schriftlichen Garantien erlöschen, wenn das System nicht von einem durch Zombie Inc. lizenzierten und zertifizierten Vertragspartner installiert wird. Für eine Liste von ZI Ze-Popper!® und Ze-Shed® Installationsspezialisten nutzen Sie bitten den Scancode unter ‹DIENSTLEISTER› in dieser Broschüre. Bei generellen Fragen oder für eine kostenlose, unverbindliche Beratung vor Ort nutzen Sie einfach den Scancode unter ‹MEHR ERFAHREN›.

***

Der SUV war ein Mazda Zecon mit schwarz getönten Scheiben und einer vollkommen schwarzen Autofolie mit dem Zombie Inc. Logo in weiß auf jeder Seite, einem Scancode für das Assessment-Team auf jedem Türblech und einer über das komplette Heck gepflasterten fotorealistischen, lebensgroßen Zombiehorde.  Stilvoll, dachte Carl und ließ die Beifahrertür aufschnappen. Die Praktikantin saß großäugig und zitternd auf dem Fahrersitz. Sie hatte eine kleine Ze-Cross!® Gasdruckarmbrust mitsamt Bolzen unsicher auf Carls Kopf gerichtet.  Carl runzelte die Stirn. «Du kommst wohl nicht oft raus, was, Dillalia?»   Sie senkte die Armbrust und atmete ein lang anhaltendes, zittriges Pfeifen von Luft aus. Sie lächelte, aber selbst ihr Lächeln war zaghaft. Carl war zu dem Glauben gelangt, dass die Menschen aus Dillalias Generation abgehärtet waren, unempfindlich. Diese hier allerdings nicht. Sie war ziemlich klein, nicht größer als eins-zweiundsechzig. Dünn, aber robust aussehend, und die ZI-Gutachteruniform aus weißem Oxfordhemd und dunkelbraunen Kakihosen kleidete sie gut. Es war ein altmodisches Outfit, ein Rückblick auf die Zwanziger und davor, als Dienstleister vieler Bereiche solche Kleidung getragen hatten. Natürlich erinnerte Carl sich noch daran, als Männer (hauptsächlich) diese getragen hatten. Damals war es keine Uniform gewesen, sondern schlicht Business Casual.   «Es ist eben Z-zedur», sagte Dillalia. Ihr Tonfall war fragend; sie erhoffte sich Bestätigung, Weisung. «Es ist exakt handbuchkonform, in der Defensive zu sein, wenn man in der Wildnis ist.»   Carl schnaubte und ließ sich schwer auf den Beifahrersitz fallen. «In der Wildnis, ja? Nennt ihr Kids das heutzutage so, Dill?» Er schüttelte den Kopf. «Als ich in deinem Alter war, bedeutete das etwas völlig anderes.»   «Ja, ich weiß. Dschungel und so.»  Carl schnaubte noch einmal. «Ja, so ungefähr. Aber nicht wirklich.» Er warf ihr einen Blick zu. «Und nenn es bitte nicht noch malZ-zedur. Nenn es einfachProzedur – nenn es beim Namen. Glaub mir, all dieses Z-dies und Z-das wird sich nicht durchsetzen, wenn es das bis jetzt noch nicht getan hat.»  «Aber das Handbuch …»   «Das Handbuch ist zu neunundneunzig Prozent Müll, wenn du im Einsatz bist», entgegnete Carl. «Hefte es wegen der Informationen über medizinische Versorgung und was auch immer ab – aber eine Sache, die uns helfen wird, miteinander zurechtzukommen, sag ich dir gleich jetzt: Widersprich mir nicht mit Handbuchbockmist. Okay?»   Dill nickte mit sorglosem aber konzentriertem Gesichtsausdruck, und Carl fragte sich, welchen Ruf er bei ZI bekommen hatte. Natürlich wurde jeder Außendienstgutachter ein bisschen als tickende Zeitbombe betrachtet. Das Assessment-Team bildete die vorderste Front, bestand aus denjenigen, die die Sicherheit des ZI Geländes verließen, um die Drecksarbeit zu erledigen. Das Assessment beschloss die nächsten Schritte, weitere Maßnahmen und Ersatzleistungen. Dazu gehörte eine Menge Training, eine Menge Übung. Vor Dill hatte es zwei Praktikanten gegeben, die es nicht geschafft hatten. Einer war tot, einer hatte aufgegeben, und sie beide waren schlecht für Carls Bilanz. Es war nicht schlimm, im Verlauf einer Karriere ein oder zwei zu verlieren, sogar vier oder fünf, abhängig davon, wie lange man ausbildete und welche Widrigkeiten das zugeteilte Territorium bereithielt, aber zwei hintereinander zu verlieren, war ein Unglück gewesen.

***

Es war durchaus möglich, dass Dill selbst auch vom Assessment war – vomMitarbeiterassessment. Die meist gehasste und gefürchtete Gruppierung innerhalb von ZI.  «Bestell die Wrangler», sagte Carl. Zeit, zur Sache zu kommen. «Wir haben einen Mannzie, der kopfüber in einem Kanalgitter feststeckt.»   «Mit Halsband oder …?»   «Jap, ziemlich sicher. Nicht losgegangen, soweit ich sagen kann. Ein Wranglertruck genügt.»   Dill klappte die Sonnenblende herunter und berührte ihren Augenwinkel. Ein Laserlicht erstrahlte von dem kleinen Scanner neben ihrem Augenlid. Ein Piepen kam aus der Nähe ihres Ohres und sie berührte ihr Ohrläppchen leicht mit zwei Fingerspitzen. «Hier spricht FA 12382. Wir bitten um einen Wranglertruck. Standort wird übermittelt.»   «Okay, Assessment, Wranglertruck ist unterwegs.» Die automatisierte Stimme war gut, sehr nahe an einer menschlichen, aber es gab immer eine kleine Verzögerung, wenn sie umschaltete. «Geht es um Eindämmung?»   Dill blickte zu Carl, der ohne von seinem Klemmbrett aufzusehen den Kopf schüttelte. «Es hat sich schon selbst eingedämmt», brummelte er abgelenkt. «Es gibt keinen Grund zur Panik.»   «Nein», antwortete Dill der Stimme und zog ihre Finger von ihrem Ohrläppchen zurück, um den Anruf zu beenden. «Was jetzt? Gehen wir nach draußen und warten in der Nähe des Dings im Rinnstein?»   «Herrgott, nein», sagte Carl. «Wir warten, bis die Wrangler …» er schauderte, «… ankommen.»   «Sind sie wirklich so schlimm?»  Carl runzelte die Stirn. «Du hast die Wrangler noch nicht gesehen? Nein? Tja, sie sind nur, weißt du,anders. Nicht so schlimm wie die Cleaner, aber du würdest nicht regelmäßig mit den Wranglern abhängen wollen.»  «Das habe ich über sie schon gehört.»   «Okay, also, Prozedur, siehst du? Dieses Formular? Das ist das erste, das ausgefüllt wird. Immer. Vor Ort und im Beisein eines Hausbesitzers, wenn es bezüglich eines Defekts oder vermeintlichen Defekts eines Systems geht.»   «Aber zuerst die Lage beurteilen, richtig?»   «Ja, klar, Scheiße, natürlich. Du musst die Lage beurteilen, um das verdammte Ding ausfüllen zu können.»   Dill nickte wieder, unbeeindruckt, die Augen auf das Klemmbrett gerichtet. Carl schluckte seine Ungeduld hinunter. Es war seine eigene Schuld. Er erklärte die Dinge nicht richtig und außerdem war sie nicht bei ihm gewesen. Woher sollte sie das wissen?   Okay, er war also ein bisschen verunsichert. Von ihrem Erfolg schien sehr viel mehr abzuhängen, weil er auch seinen beeinflusste.   «Hör mal, Dill, als der Kerl angerufen hat, konnte ich an seinem Tonfall hören, dass es eine schlechte Idee wäre, ihm Publikum zu bescheren. Du wirst das lernen. Nächstes Mal kommst du mit mir, okay?»   Dill nickte wieder. Carl konnte sich kein rechtes Bild von ihr machen. Sie war verschlossen genug, um von der Mitarbeiterbeurteilung zu sein, aber sie schien zu jung. Sie hatte Angst gehabt, so ganz alleine im Geländewagen, doch das konnte ein Hinweis auf alles sein. Die Einzigen, die außerhalb der Firmenmauern nicht ängstlich wurden, waren Wrangler, Cleaner und, selbstverständlich, Zombies.   Was einem einen Eindruck vom Geisteszustand der Wrangler und Cleaner vermittelte.   «Sobald du alles auf dem Klemmbrett hast», fuhr Carl fort, «überträgst du es aufs Tablet.»   «Warum tippt man es nicht von vorneherein ins Tablet?»   Carl seufzte, aber es war eine vernünftige Frage für eine junge Person. Die meisten von ihnen hatten wahrscheinlich niemals Kugelschreiber, Bleistifte oder Papier benutzt. «Es ist Teil des Services, Teil der … wie zum Henker heißt das, die, ähm, der …? Der Zauber! Genau wie die Kakis und die Oxfords. Wir sind aufs Altmodische aus. Wir sind auf Beruhigung aus.»   «Ich wäre von einem Klemmbrett nicht beruhigt», sagte Dill.   «Nein, ich nehme an, das wärst du nicht», erwiderte Carl, «aber du bist nicht um die fünfzig. Du besitzt kein Haus oder …» Er runzelte die Stirn. «Besitzt du ein Haus?»   Sie sah ihn an, als sei er verrückt; ihr erster echter Gesichtsausdruck, wenn man die Angst von zuvor außer Acht ließ.   «Nein, siehst du?», fuhr Carl fort. «Das meine ich. Unser Gebiet umfasst beinahe ausschließlich Häuser, Hauseigentümer, Geldsäcke, die sich die großen Systeme leisten können. Verstehst du, was ich meine? Die wollen ein gottverdammtes Klemmbrett sehen, und ein bisschen hopphopp. Es lässt sie sich gut fühlen. Sicherer.»   Dill nickte und richtete ihren Blick wieder auf das Klemmbrett. Sie war lernbereit. Gut, denn sie hatte einen langen Weg …  Das Brüllen eines Benzinmotors ließ sie zusammenzucken. Carl konnte den Wranglertruck von hier aus nicht sehen, aber er erkannte ihn nichtsdestotrotz am Geräusch. Die Wrangler hatten tatsächlich um das Recht auf die alten Benzinfahrzeuge gekämpft und gewonnen. So durchgeknallt waren sie. Es schien, als ob sie Zombies anlockenwollten.Verrückt.  «Okay, sie sind da», sagte Carl. «Fahr langsam rüber.»   Dill drückte oben auf das Lenkrad. Das Auto summte und rollte vorwärts, langsam an Schwung gewinnend. Sie bog um die Ecke und der Lastwagen der Wrangler kam in Sicht. Ihre Augen weiteten sich. «Was zum …?»   Carl lachte. Er hatte ihr Gesicht beobachtet, gespannt, was passieren würde, sobald sie die Wrangler sah. «Mal was anderes, hm?»   Sie schaute ihn an und richtete dann ihren fassungslosen Blick auf das Fahrzeug zurück, das wenige Meter die Straße hinunter quer parkte. Es war ein großer Pick-up, mattschwarz, mit dem Zombie Inc. Logo in Rot auf jedem Türblech. Die Reifen waren gut einen Meter zwanzig hoch, mit schwerem Profil und Spikes, und die Fahrerkabine thronte weit darüber. Ein Kuhfänger, ebenfalls mattschwarz, bedeckte die Front und ein Gestell aus Bullenhörnern mit Zombieköpfen auf den beiden Spitzen saß darüber wie etwas aus einem Wildwest-Albtraum. Auf einem roten Aufsatz über der Ladefläche stand das Wort ›Wrangler‹ in einer schwungvollen Schrift, die so gestaltet war, dass sie an ein Seil erinnerte.   Der Motor heulte auf, ließ den Truck erzittern, und dann erstarb das Geräusch. In der plötzlichen Stille holte Dill Luft, um zu sprechen, doch dann öffneten sich die Türen des Fahrzeugs. Zwei Wrangler stürzten heraus.   Die Männer waren wie Biker früherer Zeiten gekleidet, mit schweren Bluejeans, Lederchaps und Lederwesten über nackter Haut. Ihre Unterarme waren mit schwarzem Leder umwickelt und sie trugen beschlagene Halsbänder; die Sonne blitzte und funkelte von den Metallspitzen. Motorradstiefel mit Stahlkappen und Ketten und mattschwarze, mit roten Totenköpfen geschmückte Durags komplettierten den Look.   Die Männer rannten brüllend auf Carl und Dill zu.   «Sie … die, äh …», stotterte Dill. Die Wrangler sahen wie Banditen aus, wie Piraten, Randalierer, Raufbolde. «Kommen sie her, um uns zu töten?»   Carl zuckte mit den Schultern. «Tja, das weiß man einfach nie», sagte er, und dann ließ er seine Tür aufschnappen und deutete auf die Beine im Kanalgitter, um die wilde Aufmerksamkeit der Wrangler umzuleiten.   Sobald sie die Beine sahen, steigerten sich ihre Rufe sowohl in Lautstärke als auch in Häufigkeit. Ein oder zwei «yee-haws» platzten aus ihnen heraus wie unkontrollierbare Rülpser.   «Bin gleich wieder da», sagte Carl und wollte die Tür schließen.   «Warten Sie!», rief Dill mit panikgeschärfter Stimme. «Was ist mit mir?»   «Dir passiert schon nichts. Du hast deine Armbrust, richtig? Behalte sie griffbereit.»   «Ja, aber was ist mit, Sie wissen schon, Berufserfahrung?»  «Siehstdu die beiden?», fragte Carl und warf einen Daumen über seine Schulter zurück. Die Wrangler hatten den verirrten Zombie bei den Knöcheln gepackt und zogen lachend an ihm, schleiften ihn aus dem Kanal. «Scheiße, Dill, du wirst reichlich Berufserfahrung bekommen, okay? Beobachte erst mal nur, ja?»  Dill nickte und setzte sich zurück. Sie überprüfte den Rück- und die großen Seitenspiegel.Sei dir immer deiner Umgebung bewusst.Wachsamkeit war die erste Regel, wenn man außerhalb der Einfriedungsmauer war. Das war nirgendwo ausdrücklich in den Trainingsmaterialien niedergeschrieben, aber die Geschichten von durch bloße Unaufmerksamkeit verlorener Leben waren so beängstigend, wie sie zahlreich waren. Selbst wenn mindestens die Hälfte davon eher büroüberlieferte abschreckende Beispiele statt Tatsachenberichte waren.  Die Wrangler nickten Carl zu und setzten ihr Gezerre fort. Als der Zombie plötzlich freikam, stolperte einer der Wrangler nach hinten und landete hart auf seinem Hintern. Der noch stehende Wrangler trompetete ein Lachen heraus, während der hingefallene Wrangler fluchte.   «Ha! Du Filznase! Pass auf, wo du deine eig'nen blöden Latschen am sein hass, Depp!»   «Fick dich, Floyd! Meine Latschen waan nich' dat Problem. Dat da waas!»   «Floyd, der alte Kerl is nich' in die Nähe von die aufgeblas'nen Boots wat du Füße nenns' gekomm'n. Jetz' tuste ma' aufsteh'n und dann lass ma' um den Kerl am kümmern fang'n.» Der stehende Wrangler drehte sich um, um einen zähflüssigen Schwall Tabak auf die Straße zu spucken. Dann grinste er breit. «Du Filznase.»   Der hingefallene Wrangler fluchte wieder, ehe er den Fuß des Zombies mit einer präzisen, effizienten Bewegung verdrehte, die den Knöchel durchbrach. Der stehende Wrangler hockte sich hin und bearbeitete das andere Bein des Zombies in ähnlicher Manier, brach ihm den anderen Knöchel und ließ das Wadenbein mit einem Knirschen zersplittern. Dann traten die Männer zurück.   Der Zombie drückte sich hoch, grunzte und kam auf die Knie. Sein Kopf baumelte beinahe bis zum Boden. Die Wrangler kreuzten ihre Arme vor ihren kräftigen Brustkörben und legten beobachtend die Köpfe schief. Sie waren still, wachsam. Jegliche Vortäuschung von Idiotie und Wildheit schien komplett verschwunden.   «Ich schätz ma', dat den Halsband nur halb gezündet hat.»   «Jau, ich auch. Vielleicht sind die Ladung'n leer?»   «Sollnse nich', nich' bei den neuen Models. Siehste dat blaue Schildken da? Dat Halsband is grad ma'n Monat alt.»   «Heilige Scheiße, da hasse Rech', Floyd. Müssenwer uns wohl dat Mistdingen von den Kerl krallen. Dat Halsband nach ZI bringen, damit se rausfinden könn', warum den Explosionen den nich' explodiert ham.» «Na, dat wollnwer tun, also lass ma' am Tun fang'n. Lass den Hohlkopp eintrei'm.»   Die Wrangler wandten sich an Carl. «Kannse nen Auge auf dat da werf'n, solangwer dat Ausrüstung am hol'n sind, ja, Abby? Bravet Mädchen.»   Als Carl ihnen den Mittelfinger zeigte, brachen sie in Gelächter aus. Während sie zu ihrem Truck zurücktrabten, schlugen sie einander auf die Schultern.   Wrangler waren rätselhaft. Sie alle nannten einander „Floyd“ und jeden anderen nannten sie – aus unbekannten Gründen – «Abby». Sie waren ein sich nahestehender, verschlossener Haufen, und Carl bemitleidete den für sie zuständigen Betreuer der Personalverwaltung. Jahrelang hatte die Firma versucht, einen Wrangler eigens für den PV-Posten ins Management zu versetzen, aber es gab keine Interessenten unter ihnen. Derzeit wurde der Job von einem jungen Mann erledigt, von dem man munkelte, er sei deswegen beinahe selbstmordgefährdet.   Die Wrangler kamen zurück. Einer von ihnen trug eine lange Stange mit einem Seil am Ende. Früher hatte man diese Hundefänger genannt. Carl erinnerte sich gut daran. Jetzt gab es keine Hunde mehr, oder zumindest nicht viele. Nach der Seuche hatte es sie zu den verrottenden Zombies hingezogen, zum Gestank. Es war nicht ungewöhnlich gewesen, einen Hund am Bein eines schlurfenden Zombies kauen zu sehen, oder beim Versuch, sich über die weniger gehfähigen herzumachen. Doch Zombiefleisch war Gift für Tiere.   Ein Großteil der Ausrüstung des amerikanischen Tierschutzvereins war von Zombie Inc. für einen Bruchteil ihres eigentlichen Werts aufgekauft worden; sie eignete sich gut zum Fangen und Verwahren von Zombies.   Der andere Wrangler trug einen dünnen Schlagstock und einen Taser. Sie näherten sich dem Zombie wie Tiertrainer in einem Zoo für Irre.   «Brauchs' uns nich' helf'n tun, Abby», sagte der Wrangler zu Carl, ohne ihn anzusehen. «Geh wieder in deim Pussykarre rein und tu auf'n Bericht wart'n. Dat wird eimfach!»   «Du sachset, Floyd», meinte der andere Wrangler. «Et halb'm Kopp schon wech? Den Chancen tun mir gefall'n!» Er schwang den Stab in einem Kreis über seinem Kopf und die Schlaufe zischte und knallte. «Halb'm Kopp; halber Job! Ha!»   «Jetz' schnapp dir dat halt und hör auf zum Labern, Floyd. Irgendwie isset auffe Beine gekomm'n.»   Der Zombie stand schwankend auf den Stümpfen seiner Fußknöchel. Seine Füße zeigten in verschiedene Richtungen und die verdrehten Knochen seines Schienbeins stießen durch die Haut. Sein Kopf baumelte gegen die Brust, da sein Nacken vom Halsband weggefegt worden war. Knochensplitter, in Streifen verfaulender Haut verfangen, hingen ihm um die Schultern wie ein makabrer Schal. Sein Stöhnen wurde von der alten Cordjacke, die er trug, gedämpft. Eine Substanz, die aussah wie eine Mischung aus Kaffeesatz und trocknenden Blutklümpchen, lief seinen Rücken hinab. Er schwankte und schlurf-hopste auf die Wrangler zu, wobei er einen Fuß zurückließ. Ein Klumpen von etwa der Größe eines Augapfels fiel mit einem schmatzenden Geräusch auf den Straßenbelag.   «Scheiße, ich schätze, dat den Mistkerl noch'n bissken Leben am hab'm is.»   «Schnür'n einfach ein, Floyd, verdammt nochma', hör auf zum Rumalbern!»   «Ich hab'n, ich hab'n, hör auf zum Flennen, du Hosenscheißer.» Er schwang die Schlinge und wirbelte sie über den Kopf des Zombies, aber dieser torkelte nach links und das Seil rutschte an seiner Seite entlang.   «Boah, Scheißkerl, halt still, du traniger Pisskopp!» Er zog die Schlinge wieder hoch – der Stab war lang und unhandlich – und dieses Mal schwankte der Zombie nach hinten, sodass die Schlaufe nutzlos an seiner Vorderseite hinabglitt. Dann wankte der Zombie mit schwingenden Armen und ächzend vorwärts, während sein Kopf auf seiner Brust von einer Seite zur anderen baumelte.   «Herrgott! Hör auf herumzualbern und FANG das Ding!», sagte Carl, während er an seinem Gürtel nach seiner Pistole tastete.   «Halt'n Mund, Abby, Floyd hatt'n! Setz dich inne Pussykarre rein, wennde nich' …»   Der Zombie stolperte und eine seiner ausgestreckten Hände verfing sich in der Weste des Wranglers. Der Wrangler brüllte wie ein überraschter Löwe und sprang zurück, während der andere mit dem Elektroschocker einschritt.   «Floyd! Pass auf! Den Dreckskerl hat dich fast gekricht!» Er stieß den Elektroschocker in den Arm des Zombies.   Der Arm wurde nach oben und zurückgerissen und zuckte unkontrolliert. Der Wrangler stieß den Elektroschocker in die offene Höhle am Hals des Zombies. Blaues Feuer sirrte und blitzte. Der Gestank von heißem, verwestem Fleisch in Kombination mit Ozon ließ Carl würgen.   «Schnür'n ein, Floyd! Fang dat Arschloch!»   «Kann ich nich'! Dem sein Kopp is zu weit unt'n! Dat Schlaufe bleibt nich' häng'n! Scheiße!»   Der Zombie stürzte sich wieder vorwärts, die Wrangler sprangen in perfekter Synchronizität zurück, und dann, wie durch Zauberhand, erschien ein schwarzer Bolzen im Kopf des Zombies.   Er brach vorwärts über sich selbst zusammen und fiel auf das Pflaster.   Carl hörte auf nach seiner Pistole zu tasten und starrte mit offenem Mund. Die Wrangler sahen einander an, versteinert, und drehten sich dann langsam um.   Dill stand drei Meter entfernt, mit ihrer Armbrust in Schulterhöhe.   Die Wrangler blinzelten zu ihr hin, dann blinzelten sie zu Carl hinüber, nur um ihre Aufmerksamkeit wieder auf Dill zu richten.   «Danke, Abby», sagte der erste Wrangler, «aber die sollnwer lebend zurück bring'n.»  Dills Gesicht war schon zuvor sehr weiß gewesen, wurde jetzt aber noch weißer. «Oh», sagte sie und senkte ihre bebende Armbrust. Ihre Schultern sackten vor Niedergeschlagenheit herunter. «Tja …Scheiße.»  Die Wrangler blinzelten wieder in ihre Richtung und brachen dann in Gelächter aus.   «Tu dir nix draus mach'n, Abby! Ha ha! Bis'n gutet kleinet Abby!»   «Besser'n toter Toter wie'n toter Wrangler! Ha!»   Als sie ihr auf die Schultern klopften, streckten sie sie beinahe nieder, aber Dill brachte ein Grinsen zustande. Die Männer lachten lauter und begannen, ihr auf den Rücken zu schlagen. Fast ging sie in die Knie.   «Bis'n gutet, Abby! Bis'n gutet Gutachter!»   «Kanns' uns immer anruf'n tun, Abby! Wir sind deine Wranglers!»   «Danke … Jungs, danke … uff, danke, ich …» Sie entzog sich ihren freundlichen Schlägen. Die Männer grinsten sie weiterhin an. «Aber ich heiße Dill.»  «Och!Rech'hasse, Abby!», sagte der erste Wrangler und riss sie mit einer ungestümen Umarmung, die ihr den Atem nahm, hoch. «Grr … bis'n guter Mann!»  «Himmel», sagte Dill mit einer Stimme wie ein abgequetschtes Piepsen, «lass mich runter!»   Der Wrangler ließ sie so plötzlich los, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen, als ihre Füße auf der Straße aufkamen. Die Männer beugten sich zu ihr. Wieder waren alle Spuren der Clownerie aus ihren Zügen verschwunden. Dill blickte in zwei Paar brauner Augen so freundlich und warmherzig wie die eines Pit Bull-Welpen. Der erste Wrangler sagte: «Dat is unser Ernst. Egal watte brauchs' …»   «… du rufst uns sofort an, Abby», beendete der Zweite.

***

Dill und Carl beobachteten vom SUV aus, wie die Wrangler den Hals des Zombies absägten, um das nicht explodierte Halsband zu bergen. Sie lachten und riefen, und gelegentlich zeigten sie dem Gutachterauto entweder den Mittelfinger oder den erhobenen Daumen, nur um dann wieder in Gelächter auszubrechen. Scheinbar waren sie gänzlich unberührt von ihrer Begegnung mit dem Tod und ebenso unbekümmert über die Ladungen am Halsband, die nicht gezündet hatten. Natürlich fehlten vielen Wranglern ein paar Finger. Es schien ein Mal der Ehre für sie zu sein.  «Schräg. Die sindsoschräg!», sagte Dill und schüttelte den Kopf. Ihre Stimme war noch immer zittrig und ihr Gesicht war sehr weiß. In ihren geweiteten Augen schillerten sorgsam ungeweinte Tränen.  «Immerhin hast du einen guten Eindruck gemacht», sagte Carl. Sein Tonfall lag halbwegs zwischen Bewunderung und Verärgerung. «Du scheinst zu wissen, wie du dich verhalten musst. Besonders wenn man bedenkt, dass du gerade erst angefangen hast. Die meisten Menschen sind nicht ganz so souverän, wenn sie das erste Mal draußen sind.»   Dill seufzte und verschränkte ihre Arme vor der Brust. «Ich bin nicht vom Mitarbeiterassessment, falls es das ist, worüber Sie sich Gedanken machen.»   Carl ließ seinen Blick erst über sie und dann von ihr fort streifen. «Wenn du das sagst.» Er zuckte mit den Schultern.   Sie wandte sich ihm zu. «Es ist mein Ernst. Ich bin nicht von der Mitarbeiterbeurteilung. Ich verspreche Ihnen, das bin ich nicht.»   Carl nickte, scheinbar desinteressiert, und beobachtete die Wrangler.   «Ich bin's nicht, Carl. Und außerdem verlangt die Firmenpolitik, dass ich sage, ich wäre, wenn jemand fragt.»   Carl schnaubte. «Wer hat dir das erzählt?»  «Ich weiß nicht. Ich meine … es ist eben etwas, das man sich so erzählt. Manweißdas.»  «Dill, denk mal darüber nach – wie könnte das denn eine Regel sein? Wie könnten sie die denndurchsetzen?» Er schüttelte den Kopf. «Deswegen mag ich es, draußen zu sein. Zu viel Gequassel und Informationskannibalismus im Büro.»  Die Wrangler hatten den Zombiekopf entfernt und das Halsband im Truck verstaut. Jetzt standen sie beim Kanalgitter, wo geronnenes Blut in weiten Bögen über die Straße und den Bürgersteig geschleudert worden war. Sie bewegten sich systematisch, Rücken an Rücken, und blinzelten, während sie sich in Viertelkreisen drehten.   «Was tun sie da? Warum blinzeln sie so?», fragte Dill.   «Sie erfassen den Schauplatz. Wrangler haben Kamera- und Scannerimplantante.»   «Himmel», schnaufte Dill, «das muss teuer sein!» Ihre Finger wanderten unbewusst zu dem Anrufcodescanner, der nahe ihres Augenlides eingebettet war, aber sie berührte ihn nicht. Er war kleiner als ein halbes Reiskorn und wurde durch Druck aktiviert. Der Laser scannte eine Reihe von QR-Codes und verband einen über das winzige, in Ohrnähe implantierte Telefon mit seinem Gesprächspartner. Der Scanner und das Implantieren selbst waren nicht so teuer; es waren die Tarife, die einem wirklich zu schaffen machten. Glücklicherweise hatte ZI Dills Tarif übernommen, als sie beigetreten war, und zog private Anrufe von ihrem Lohn ab.   Kameraaugen waren üblicherweise nur etwas für die Geldsäcke, wie beispielsweise die Regierungsmitarbeiter.

ZWEI

Zombie Inc. Firmenhandbuch

Mitarbeiterersatzleistungen, §8Nachtodesleistungen Beitrag und Auszahlung (Stand: 13.10.41)

Mitarbeiterbeiträge zu den Zombie Inc. (nachstehend «ZI» genannt) Nachtodesleistungen sind VERPFLICHTEND und werden zu einem Satz von 0,05% des jeweiligen Entgelts pro festgelegtem Bezugszeitraum direkt von diesem Entgelt abgezogen. ZI entspricht diesen Mitarbeiterersatzleistungen zu 100%.ZI wird Ihre zombifizierten Überreste allein auf Firmenkosten bergen und entsorgen. Erben und/oder Abtretungsempfänger von Angestellten erhalten die BIS ZUM TAG DES ZWISCHENFALLS kumulierten Nachtodesleistungen (in Übereinstimmung mit «Wales gegen die Vereinigten Fünf Staaten»‹27.März 2033›, worin entschieden wurde, dass Nachtodesleistungen NICHT den Wiederbelebten gehören. Daher endet die Akkumulation mit den Ersten Tod.)Nachtodesleistungen werden zu den folgenden Prozentsätzen und basierend auf den entsprechenden Umständen ausgezahlt:

100% Leistung: (Erben und/oder Abtretungsempfänger) des Angestellten erhalten 100% Nachtodesleistungen, sofern der Angestellte sich einen Biss durch Infizierte während der normalen Erfüllung seiner Pflichten und zugewiesenen Aufgaben in Bezug auf seine genaue Berufsbezeichnung zuzieht.100% Leistung: (Erben und/oder Abtretungsempfänger) des Angestellten erhalten 100% Nachtodesleistungen sofern der Angestellte sich einen Biss durch Infizierte während der Teilnahme an jeglicher ALS VERPFLICHTEND GEKENNZEICHNETEN Firmenveranstaltung, d.h. berufliche Aus- und Fortbildung (auch inklusive Waffentraining, Übung von Ausweichmanövern, Erkennung Echten Todes), jährliche Geländereinigung, Fachmessen, etc. zuzieht. 80% Leistung: (Erben und/oder Abtretungsempfänger) des Angestellten erhalten 80% Nachtodesleistungen sofern der Angestellte sich einen Biss durch Infizierte während der Teilnahme an jeglicher ALS FREIWILLIG GEKENNZEICHNETEN Firmenveranstaltung, d.h. Picknicks, Zombiejagden, Wohltätigkeitsveranstaltungen, etc. zuzieht. 50% Leistung: (Erben und/oder Abtretungsempfänger) des Angestellten erhalten 50% Nachtodesleistungen, sofern der Angestellte sich einen Biss durch Infizierte während der Teilnahme an JEGLICHER nicht mit seiner Arbeit in Verbindung stehenden und sich außerhalb seiner regulären Schicht abspielenden Aktivität zuzieht.

***

  «Sieh dir zum Beispiel den Sterbegeldschwindel an», sagte Carl. Er tippte umständlich und mit zusammengekniffen Augen weitere Informationen ins Tablet. «Mal sehen. Zubehördefekt, aber es gibt kein Kästchen für halb explodierte Halsbänder. Das ist definitiv was Neues. Wir schreiben es in die Kommentare. Zwei Wrangler. Das ist gar nicht so übel, aber wir haben eine Waffe abgefeuert und das wird einige …»  «Was ist der Sterbegeldschwindel?», fragte Dill träge, beinahe wie hypnotisiert. Sie war gebannt von Carls umständlichem Getippe auf dem Tablet. Er war so quälend langsam! Sie hätte das Ding in Sekunden ausgefüllt gehabt. Sie riss ihren Blick mit Mühe weg, und überprüfte die Spiegel und die Umgebung. Die Wrangler waren gegangen, aber das Durcheinander von verdrehtem, zerbrochenem, aufgeschnittenem Zombie blieb. Grauenvoll. Ihr drehte sich in einer Mischung aus Schuldgefühlen und verzögertem Stress der Magen um.   «Die Beiträge sind verpflichtend. Du weißt, dass sie die direkt von deinem Lohn abziehen, ja?» Carl tippte und tippte.   «Ja, aber die Firma zahlt auch ein.»  «Sicher. Sie gleicht sich zu hundert Prozent an. Aber wenn du zu Hause oder beim Einkaufen oder bei allem Möglichen gebissen wirst, dann zahlen sie nur fünfzig Prozentaus.»  «Na ja, das hat Sinn. Wenn ich für die Hälfte des Geldes verantwortlich bin und ZI die andere Hälfte dazu tut, warum sollte ich dann alles bekommen, wenn ich etwas Dummes tue, das mich von einem Zombie gebissen werden lässt, während ich nicht arbeite? ZI ist nicht dafür verantwortlich, was ich mit meiner eigenen Zeit anstelle. Ich bekomme das zurück, was ich einbezahlt habe.» Dill zuckte mit den Schultern und überprüfte die Umgebung abermals. Carl ging ihr ein wenig auf die Nerven. Ihr eigener Vater hatte auch einer Menge Verschwörungstheorien angehangen. Lästig.   «Bestell eine Reinigung», sagte Carl. Er blickte flüchtig zu der Schweinerei hin und dann zurück aufs Tablet. «Ein Cleaner sollte genügen.»   Dill berührte ihr Auge, scannte den Code auf der Blende unter ›Cleaner‹ und rief an. Sobald sie die Verbindung getrennt hatte, kam Carl wieder in Fahrt.   «Lass uns mal auf die Zahlen sehen, okay? Sagen wir, du zahlst zwölf Monate lange jeden Monat zehn ein, das macht einhundertzwanzig im Jahr. Über zehn Jahre hinweg beläuft sich das auf zwölfhundert, richtig?»   Dill nickte. Innerlich seufzte sie. Jetzt geht’s los. Vortragszeit.   «Okay, also wer profitiert von dem Geld, während es bei ZI liegt? Wer zieht einen Vorteil aus der Investition?»  «ZI, offensichtlich», sagte Dill. Sie bemühte sich, die Ungeduld aus ihrer Stimme heraus zu halten, aber das war nicht leicht. Sie hatte dieses und Ähnliches wieder und wieder von Menschen gehört, die schon vor der Seuche gelebt hatten. Es war, als wollten sie, dass die Welt einfach so weiter lief, wie sie es getan hatte, als sie jünger gewesen waren. «Aber wen interessiert das? ZI muss Geld verdienen, um uns weiterhinanstellenzu können. Sehen Sie das nicht? Wir haben Glück, Carl. Viele Menschenbekommennicht einmal eine Nachtodesleistung!» Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf, aber insgeheim genoss sie beinahe die Diskussion und die Tatsache, dass sie sie von dem ablenkte, was sie gerade mit diesem Zombie getan hatte. «Außerdem sind die Chancen auf einen Ersten Tod während der Arbeit ziemlich hoch. Also keine Sorge.»  «Keine Sorge, ha. Der war gut. Wir arbeiten siebzig Stunden pro Woche!»  Dill lächelte. Das war noch etwas, das sie von ihrem Vater gehört hatte. Die berühmte Vierzig-Stunden-Arbeitswoche! Beinahe musste sie lachen. Was zum Henker hatten damals alle mit ihrer zusätzlichen Zeit gemacht? Ihr Vater hatte von seltsamen Dingen erzählt, zum Beispiel, dass die Leute freitags ganz aufgekratzt waren und montags trübsinnig wurden – damals, als die Wochentage noch Namen hatten, in alten Zeiten, als das Konzept der «Woche» überhaupt etwas bedeutet hatte. Jetzt war ein Monat nur die Anzahl der Tage.JederTag war ein Arbeitstag. Na und? Es war besser, als in einem Zweizimmerapartment zusammen mit fünf anderen Leuten herumzusitzen, die man brauchte, um es sich überhaupt leisten zu können!  «Was soll's», sagte Dill. «Mir persönlich macht es nichts aus zu arbeiten. Ich bin nicht so faul wie diese Sozialhilfewertmarkenschlampen, die …»   Ein mattschwarzer Kombi mit verdunkelten Fenstern und bar jeden Logos oder Verzierungen jeglicher Art glitt in Sicht.  «Hab keine Angst», sagte Carl. Sein Tonfall, flach und emotionslos, ließ sie frösteln, weil er implizierte, dass es seiner Meinung nach etwas gab, vor dem sie sich fürchtensollte.  «Ich hab keine Angst», sagte sie. «Das sind nur Cleaner. Kein …» Sie schluckte, als sich die Tür des Kombis öffnete und eine Gestalt in einem schwarzen Anzug auftauchte wie eine giftige schwarze Rauchwolke. «… kein Problem.»   «M-hm», sagte Carl. Die Figur aus dem Kombi wandte sich dem Gutachterauto zu. Ihr Gesicht war eine konturlose, weiße, leere Scheibe. Dill zog entsetzt die Luft ein.   «Hey, wo ist sein …»   «Keine Sorge, das ist nur eine Maske. Sie kommen mit jeder Menge dreckigem Mist zusammen. Seine Hände sind auch bedeckt, siehst du? Soweit ich verstehe, ist es ein weißer Overall aus mikrometerdünnem aber undurchdringlichem Material. Der schwarze Anzug darüber ist nur der Schau wegen, genau wie unsere Kakihosen. Bestatter trugen früher Schwarz.»   «Undurchdringlich für einen Biss?»   «Herrje, schön wär's», sagte Carl. «Nein, undurchdringlich für die Käfer. Keime.»   Der Mann lehnte sich wieder in den Kombi. Als er aufstand, saß ein Fedora, so schwarz wie sein Anzug, tief in die Stirn gezogen und wie angegossen auf seinem Kopf. Auf Dill wirkte es bedrohlich, aber sie wusste nicht warum. Entweder war es die Neigung des Huts selbst oder die Schatten, die diese erschuf, aber so oder so war der Cleaner gerade noch ein bisschen albtraumhafter geworden.   Er hob eine weiße Hand. Carl winkte zurück.   «Warte hier. Und dieses Mal will ich wirklich, dass du wartest, okay?»   Dill nickte, unfähig, ihre Augen vom Cleaner zu reißen. Er hatte sich zu der Sauerei beim Kanalrost gedreht. Sein Kopf neigte sich und seine Finger klopften auf seinen Oberschenkel.   «Was tut er da?»   «Tippen», sagte Carl.  «Tippen? Auf seinemBein?»  «Nein, nicht direkt. Er hat Sensoren in den Fingern, entweder in den Handschuhen oder …» Carl schüttelte mit gerunzelter Stirn den Kopf, «… oder, na ja,tatsächlichin seinen Fingern. So oder so, er ist direkt mit einem Tablet im Kombi verbunden. Er gibt die Vorfallsdaten ein, ohne sich selbst, seine Kleider, zu kontaminieren. Die wissen nie, woran sie geraten.» Carls Tonfall wurde bewundernd. «Diese Jungs haben das Tippen richtig gut drauf, das ist verdammt sicher. Warte hier.»  Die Tür schnappte auf und er war weg.   Der Cleaner fuhr damit fort, auf seine Oberschenkel zu klopf-tippen und der Stoff unter seinen Fingerspitzen zitterte, als sei er leer. Dill zitterte auch.  Du machst dich selbst wahnsinnig, dachte sie.Das ist nicht der Schwarze Mann. Es ist nur ein Kerl in einem Anzug. Fleisch und Blut, genau wie jeder andere. Entspann dich.  Der Cleaner wandte sich Carl zu, als dieser sich näherte, aber auf Dill wirkte es, als sei das ausdruckslose Gesicht auf sie gerichtet. Sie zitterte wieder. Carls Kopf bewegte sich, während er sprach. Er deutete auf das Haus, den Garten, die Zombiesauerei. Der Cleaner schien nicht zu sprechen, aber er war zu weit weg, als dass Dill hätte sehen können, ob sich die Maske über seinem Mund mit dem Atem von Worten bewegte.   Dann kam Carl zurückgeeilt.   Der Cleaner hatte etwas hervorgeholt, das wie ein metallener Dirigentenstab aussah. Daraus wurden zwei Stäbe; der Cleaner hielt einen in jeder Hand. Sie funkelten im wolkenverhangenen Vormittagslicht. Die Schultern des Cleaners hoben und senkten sich, ehe er die Arme nach oben streckte. Ein Kabel schlängelte sich zum Auto zurück. Was immer die Dinger in seinen Händen waren, sie standen unter Strom.   Carl stieg neben Dill ein. Seine Stirn schimmerte leicht vom Schweiß. Er schlug die Beifahrertür unnötig fest zu.   «Ich bin froh, dass es nur einer ist», sagte er.   Dill öffnete den Mund, um ihn zu fragen, ob er den Zombie oder den Cleaner meinte, aber alle Gedanken stoben aus ihrem Verstand, als der Cleaner sich über seine Arbeit beugte.   Die Stäbe in seinen Händen waren eine Art Hochgeschwindigkeitselektromesser; das mussten sie sein. Er begann mit den Beinen des Zombies und setzte zuerst einen Schnitt von der Kniescheibe zum Knöchel an, teilte die Beine in der Mitte entzwei, enthüllte Knochen und verrotteten Knorpel und gräuliches Fleisch. Dann schnitt er von einer Seite zur anderen, würfelte die Beine wie große, weiche Karotten. Ranzige Stücke rieselten von den aufblitzenden Messern und spritzten auf die Straße und auf Maske und Anzug des Cleaners. Die Kaffeesatz/Blutklümpchen-Substanz begann sich anzusammeln wie Treibgut, wo immer die Messer sich befanden. Ein großer Brocken purpurnen Fleisches landete auf der Schulter des Cleaners und bebte nass.   Er machte sich an den Rumpf.   Dill sah weg, als ihr übel wurde, aber der Messerklang bohrte sich in sie, schien ihre Ohren zu überspringen und direkt in ihrem Gehirn zu kreischen und zu vibrieren. Wie ein Zahnarztbohrer. Sie blickte rechtzeitig zurück, um zu sehen, wie der Kopf gespalten wurde, wie die Augen auseinander trieben, sich weiteten, um dann wieder gespalten zu werden. Geviertelt und dann geachtelt. Das Heulen der Messer schwoll an, als sie es mit den Schädelknochen zu tun bekamen. Stückchen von Weiß flogen davon und landeten in einem Muster des Irrsinns auf dem schwarzen Anzug des Cleaners.   Dill rieb sich mit den Händen über den Mund.   «Geht's dir gut? Wird dir schlecht?» Carls Stimme war mitfühlend, aber noch etwas anderes schwang darin mit. Als ob er die Bestätigung von etwas erwartete. Ihrer Schwäche vielleicht.  «Mir geht's gut», sagte Dill. Sie lehnte sich zurück und holte tief, langsam und geräuschlos Luft. Ihr würde verdammt noch mal nicht schlecht werden. Sie wollte verdammt sein, wenn das passierte. Sie hatte Schlimmeres gesehen. Herrje, ihr Freund, Denny, spielte ein Spiel namensBreeder, das viel ekelerregender war als das, was der Cleaner da tat.  Das Spiel hatte ihren Magen nie zum Brodeln gebracht, hatte ihren Kopf nie schwindlig und leicht werden lassen.   Die Messer schalteten sich ab und Dill seufzte vor Erleichterung. Nicht so schlimm. Sie konnte es verkraften. Sie konnte diesen Job machen.   Der Cleaner ging um den Kombi herum zu dessen Heck. Er brachte einen langen schwarzen Schlauch zum Vorschein, geriffelt und biegsam, und zog ihn vom Auto zu der Zombiesalsa, die er gerade hergestellt hatte. Er klickte etwas an und der Schlauch hüpfte. Dill erkannte das tiefe, brausende Geräusch – der Schlauch gehörte zu einem großen Staubsauger. Der Cleaner richtete die Düse auf den Zombie. Stückchen und Brocken flogen in den Schlauch hinein, schlugen und klopften gegen dessen gesamte Länge. Größere Teile – eine Hand, ein Fuß – begannen die Düse zu verstopfen, und das Brausen ging in ein Kreischen über, während der Staubsauger sich damit abmühte, seine Ladung aufzunehmen. Der Cleaner trat nach dem Schlauch und schüttelte ihn, und die größeren Stücke begannen sich eins nach dem anderen zu überschlagen und im Heck des Autos zu verschwinden.   Dann strömte eine Wolke grauen Rauchs von der Oberseite des Kombis. Gestank – eine Mischung aus Barbecue, Fäkalien, Käse und Müll – erreichte Dill wie eine sehr schlechte Nachricht.   Sie würgte. Ihre Augen, geweitet und schockiert, suchten Carl.   Sein Blick war entschuldigend, aber auch ein bisschen – ein ganz kleines bisschen – amüsiert. «Ich habe vergessen, dir von dem Teil zu erzählen, wo sie sie einkochen.»   Der Staubsauger kreischte wie ein Dämon und darunter, irgendwie mit dem Gestank verworren, glaubte Dill den Cleaner lachen zu hören. Sie lehnte sich zur Tür hinaus und übergab sich, betend, dass Carl nach Zombies Ausschau hielt.

***

  «Besser?», fragte Carl, als sie sich wieder in den Wagen zog. Er hielt ihr ein Stoffaschentuch unter die Nase.  Sie würgte beinahe wieder, während sie davor zurückschreckte.   «Es ist sauber, herrje», sagte er und schüttelte es.   Sie schob es fort, aber während sie das tat, erhaschte sie den nostalgischen Geruch von Trocknertüchern. Es war sein Ernst gewesen, dass es sauber war. Sie beobachtete mit Bedauern, wie er es zurück in seine Tasche stopfte, und wischte ihren Mund mit dem Kragen ihres Hemdes ab, das nur nach Reinigungschemikalien roch.   Ihre Augen drifteten unfreiwillig zum Cleaner. Er war noch immer am Staubsaugen, aber mittlerweile war ein dünnes Kopfstück am Ende des Schlauches befestigt worden. Er schob es über die letzten Reste von geronnenem Blut, um sie auf und fort zu saugen. Er hob eine Hand, schnippte das purpurfarbene Fleisch von seiner Schulter und fuhr mit dem Staubsauger darüber. Dills Magen wollte revoltieren. Sie atmete tief und gleichmäßig.   «Ich hätte dich warnen sollen», sagte Carl.   Sie lehnte ihren Kopf gegen den Sitz zurück und rollte ihn von einer Seite zur anderen. «Ich glaube nicht, dass es was ausgemacht hätte. Ich glaube nicht, dass man auf so was vorbereitet sein kann.» Sie blickte flüchtig zu Carl. Er sah vom Cleaner zu dem Tablet auf seinem Schoß, in welches er Dinge hinein tippte. «Wieso wusste ich das nicht?»   «Hm? Hör mal, ich hab doch gesagt, es tut mir leid, dass ich es dir nicht erzählt habe.»  «Nein, ich weiß. Ich meine … wieso weißniemandetwas darüber? Über das Schneiden. Den … den Staubsauger?»  Carl zuckte mit den Schultern, warf einen weiteren Blick zum Cleaner hin und tippte noch etwas. «Vielleicht weil es niemand wirklich wissenwill. Wenn man nie hier raus kommt …» er nickte, um auf die Nachbarschaft zu verweisen, «… dann weiß man nicht, was vor sich geht. Die Dinge in den Nachrichten oder in Videospielen zu sehen, istnichtdasselbe, wie sie direkt mitzubekommen. Die Leben der Menschen sind sehr sauber geworden, im Vergleich zu der Zeit vor der Seuche.» Er zuckte wieder mit den Schultern. «Sogar diejenigen, die hier draußen leben, wollen es nicht sehen. Glaubst du, der Hausbesitzer hat von seinem Fenster aus zugeschaut? Wenn das die alten Zeiten wären und jemand würde, sagen wir mal, einen Baum fällen oder so, dann würde er ihm zusehen. Er würde Bilder machen, um sie seinen Freunden auf der Arbeit zu zeigen, aber manche Dinge …» Carl schüttelte den Kopf und tippte wieder, dann richtete er seinen strengen aber nicht gemeinen Blick auf Dill. «Du willst der Reinigungskraft nicht dabei zusehen, wie sie die Toilette putzt, oder? Du willst nicht sehen, was der Klempner aus dem Abfluss zieht.»  Dill wollte nicht zugeben, dass sie zu arm für eine Reinigungskraft war, obwohl diese staatlich subventioniert wurden; eine Initiative, die die Menschen wieder zum Arbeiten brachte, nachdem so viele Firmen Bankrott gemacht hatten. Eines Tages würde sie eine haben, aber im Moment war sie nur einen Gehaltsscheck davon entfernt, selbst eine Reinigungskraft zu sein. Jedenfalls schrubbte sie ihre eigene Toilette.   Allerdings verstand sie sein Argument.   «Sie haben recht. Man hört von Dingen, den besonders ekelhaften Dingen wie Gliedmaßensammlern und Zombiepornos, und der Verstand geht einfach irgendwie darüber hinweg», sagte sie. «Als ob er selbstständig entscheiden würde, was man wissen sollte und was nicht. Hey, ich frag mich, ob das von einem Implantat kommt oder so?»  «Ha! Wer redetjetztvon Verschwörungstheorien?» Carl schüttelte den Kopf. «Nein. Das war schon immer so, glaub mir. Das ist wie mit den Obdachlosen. In den frühen Zwanzigern hatten wir aufgehört, sie zu sehen. Es gab ganze Gemeinschaften von Zeltmenschen, Tunnelmenschen, Kanalisationsmenschen, aber alle liefen einfach nach dem MottoSoso, welche Obdachlosen?herum, als ob es diese nicht gäbe. Obwohl es schlimmer war, als je zuvor.»  «Mein Dad hat immer davon geredet», sagte Dill. Sie konnte sich kaum vorstellen, nicht in einem zombiesicheren Gebäude zu leben. 2027 war sowohl das Jahr der Seuche als auch das Jahr ihrer Geburt gewesen. Mit sechsundzwanzig hatte sie keine Erinnerung an eine andere Welt.   «Ist dein Vater noch in der Nähe?», fragte Carl. Sein Tonfall war freundlich, aber vorsichtig. Das Konzept einer intakten Familie hatte seit der Seuche zu zerfallen begonnen. Man hörte sehr selten von einer ganzen Kernfamilie, die es geschafft hatte, und die Jahre nach der Plage waren nicht viel besser gewesen. Während sich die Gesellschaft umgestaltete, hatten Unfälle, Krankheiten und Dummheit einen qualvollen Tribut gefordert.   «Er war es, bis ich vierzehn war. Dann war er es nicht mehr.» Ihr Ton war nüchtern. «Ich bin zwei Jahre lang umhergestolpert und bin dann ZI beigetreten. Und dann zog ich in die Innere.»   «Bist du da noch?»   «Ja», sagte sie und diesmal war ihr Tonfall knapp genug, um das Gespräch zu beenden. Sie wollte ihm nicht davon erzählen, wie sie mit fünf Mitbewohnern auf engstem Raum lebte, in zwei Schlafzimmer gepfercht und an einem Badezimmer anstehend. Er lebte wahrscheinlich in einem Reihenhaus in der Äußeren. Vielleicht sogar in einem richtigen Haus. Assessment-Angestellte verdienten genug. Das war einer der Gründe, weshalb sie dorthin wollte, neben dem, was Denny sie zu tun bat, und trotz, dass der Job seine eigene Flut von Gefahren mit sich brachte.

DREI

Zombie Inc. FirmenhandbuchKleiderordnung: Bekleidung des Assessment-Teams (Stand: 01.12.52)

Zombie Inc. (nachstehend «ZI» genannt) ist stolz auf die Professionalität seiner Mitarbeiter, besonders die derjenigen Teams, welche direkt und physisch mit der Öffentlichkeit im Allgemeinen und ZI-Kunden im Speziellen in Verbindung treten. Angesichts dessen legt ZI die nachfolgende VERBINDLICHE Kleiderordnung nahe (sämtliche Kleidung ist über das ZI-Firmengeschäft oder online über einen von ZI autorisierten Textilvertrieb, wie z.B. Amazon, zu beziehen):Assessment-Team, Kleidung im AUSSENDIENST: von ZI genehmigtes weißes Oxfordhemd, jahreszeitabhängig lang- oder kurzärmlig, mit dem ZI-Logo auf der vorderen linken Brusttasche. Dunkelbraune Kakihosen, gerade geschnitten, mit aufgerolltem und gebügeltem Aufschlag. WICHTIGE KLEIDUNGSÄNDERUNG, BITTE AUFMERKSAM DURCHLESEN: Die frühere Kleidungsvorschrift für Schnürschuhe oder Slipper wurde geändert. Vom Änderungsdatum dieser Mitteilung an WERDEN ALLE GUTACHTER AUSSCHLIESSLICH GENEHMIGTE HALBLEDERSTIEFEL MIT STAHLKAPPEN TRAGEN. Dies geschieht aufgrund des Zwischenfalls vom 27.09.2042 in New Trenton, als ein Mitglied des Assessment-Teams seine oder ihre Zehen während eines Reinigungsauftrags verlor. Assessment-Team, Kleidung im INNENDIENST: Wird ein Mitglied des Assessment-Teams zum FIRMENINTERNEN Dienst, wie zum Beispiel zu beruflicher Aus- und Fortbildung (auch inklusive Waffentraining, Übung von Ausweichmanövern, Erkennung Echten Todes) oder ähnlichem eingeteilt, so entspricht die Arbeitskleidung des Assessment-Teammitglieds der oben genannten, mit Ausnahme der Erfordernis hablederner Stahlkappenstiefel. Assessment-Team, FREIZEITkleidung: Als wesentlicher Bestandteil der ZI-Familie ist Ihr persönliches Auftreten ebenso wichtig wie Ihr professionelles. Wir von ZI sind uns bewusst, dass Eingriffe in die Wahl der Freizeitkleidung missliebig sind, und haben uns daher dazu entschieden, KEINE solchen Eingriffe zu machen, MIT AUSNAHME des folgenden: UNTER KEINEN UMSTÄNDEN ALS AKZEPTABEL GELTENDE KLEIDUNGSSTÜCKE: Jegliche Kleidung, die die Aufmerksamkeit auf Geschlechtsmerkmale oder -organe lenkt, einschließlich, aber nicht beschränkt auf: pofreie Hosen, schrittoffene Hosen, brustfreie Oberteile, rückenfreie Oberteile, jegliche durchsichtige Kleidung, Kleidung, die in jedweder Art im Bereich der Geschlechtsmerkmale oder -organe leuchtet, flimmert, piept, rotiert oder blinkt. Hoch geschnittene Shorts, welche Geschlechtsmerkmale oder -organe zeigen (inklusive des Hinterteils), Schuhe, die die Körpergröße um mehr als anderthalb Zentimeter nach oben oder unten verändern, Schals oder Gürtel JEGLICHER ART und Flip-Flops.

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  «Was jetzt? Gehen wir zurück oder warten wir hier auf den nächsten Anruf?», fragte Dill.