Was Hochsensible glücklich macht - Renate Göckel - ebook

Was Hochsensible glücklich macht ebook

Renate Göckel

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Opis

Viele Frauen sind sehr empfindsam: Sie haben ein besonders scharfes Auge, eine feine Nase, ein Gespür für Zwischentöne, niedrige Reizschwellen. Renate Göckel zeigt, was ausgeprägt sensible Menschen auszeichnet, wie sie Überreizungen vorbeugen oder mit ihnen umgehen können. Ein Buch für Hochsensible und ihnen nahe stehende Menschen, das zeigt, was Menschen mit sehr zarter, dünner Haut glücklich macht.

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Renate Göckel

Was Hochsensibleglücklich macht

Leben mit einer seelischen Begabung

Impressum

Titel der Originalausgabe: Was Hochsensible glücklich macht

Leben mit einer seelischen Begabung

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011, 2013

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlagkonzeption und -gestaltung: R·M·E Eschlbeck / Hanel / Gober

Umschlagfoto: © plainpicture

Foto Renate Göckel: © Atelier Rossney

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-80328-4

ISBN (Buch): 978-3-451-06293-3

Inhalt

Vorwort

I. Die Prinzessin auf der Erbse

Was uns der Erbsentest verrät

Auch hochsensibel?

Selbsttest

Woran erkennt man einen Hochsensiblen?

Elsie O., 38, hochsensibel

II. Niedrige Reizschwellen – oder was Hochsensible auszeichnet

Ein eingebauter Verstärker

Ach, du Schreck!

Der Blick auf die Zwischentöne

Ein scharfes Auge

Ein feines Näschen

Ein untrüglicher Geschmack

Schnell an der Schmerzgrenze

Eine dünne und zarte Haut

III. Tiefschürfend und aufreibend – Die hochsensible Reizverarbeitung

Gehetzt und gejagt

Ein Mandelkern auf dem Sprung

Theater im Theater

Wenn einem die Felle davonschwimmen

Kopflos im Supermarkt

Aufs Schlimmste gefasst

Wie die Angst sich selbst auffrisst

IV. Wenn Sensibilität zum Albtraum wird

In der Großstadt verloren

Zum Ausflippen

Allein im Haifischbecken

Zwanghaft nett?

Druckmuster

Spannungen unerwünscht

Lahm, stur und faul?

Wie ein Wesen vom anderen Stern

Was zu sehr zu Herzen geht

V. Andere »Software«, andere »Hardware«

Schwache Nerven?

Frauen ticken anders …

… Männer sowieso

Von arroganten Physikern …

… und netten Therapeutinnen

Auf Empfang gestellt

Macht Extrovertiertheit glücklich?

Von Jägern und Bauern

VI. Die Aristokratie des Herzens

Die gute Fee

Wer seinem Herzen folgt

»Böse Menschen kennen keine Lieder«

»Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen«

»Man sieht nur mit dem Herzen gut«

Loyalität, Bescheidenheit und Diskretion

Die Sehnsucht nach dem Spirituellen

VII. Wo Hochsensible Spitze sind

Lebensrettende Bauchgefühle

Überschäumende Fantasie

Feinfühlige Kreativität

Mutige Innenschau

Die stille Kraft der Sensiblen

VIII. Lieber eindämmen als ausflippen

Lieber gesammelt als verloren

Lieber verhüllt als angeglotzt

Bett, Buch und Ruhe

Lieber souverän als verausgabt

Sich auf Vertrautes besinnen

Mit Ariadne durchs Labyrinth

Weltschmerz – oder die Zeit der langen Schatten

IX. Die Kunst der Selbstberuhigung

Scheuklappen für den hoch aktiven Mandelkern

Cool down!

Nachglühen lassen

»Wer Sorgen hat, hat auch Likör«?

Einsteins Brille – oder die guten Seiten sehen

X. Das macht Sensible glücklich

Über sich selbst hinauswachsen

Selbstständig denken und entscheiden

Tauchbad im eigenen Saft

Brüten und tüfteln

Glorreiche Ideen – oder Beziehungen, Biss, Begeisterung

Immer wieder die Balance finden

Nach oben wachsen, nicht nach unten!

Literatur

Vorwort

Wenn Ihr Gegenüber mehrmals ausgiebig gähnt – steckt Sie das dann an? Wenn ja, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einfühlsam und sensibel sind, sehr hoch.

So fand ein Forscherteam im US-Staat Philadelphia heraus, dass Menschen, die häufig mitgähnen, die Stimmungen ihres Gegenübers deutlich besser einschätzen können als andere.

Viele empfindsame und hochsensible Menschen wissen gar nicht, dass sie hochsensibel sind. Sie halten sich für labil, zickig, schwach, gefühlsduselig oder neurotisch.

Als ich etwa vier Jahre alt war, spielte ich am unteren Ende der Straße mit Nachbarskindern. Es war ein heißer Sommertag und ich war so ins Spiel vertieft, dass ich es nicht merkte, als ein Gewitter aufzog. Der erste Donnerschlag überraschte mich dermaßen, dass ich in Panik alles stehen und liegen ließ und laut schreiend die Straße entlang nach Hause lief. Meine Mutter, die gerade Fenster putzte, klärte mich ganz gelassen auf, dass es nur ein Gewitter sei. Die anderen Kinder hatten nicht so verschreckt reagiert. Erst da fiel mir auf, dass ich als Einzige nach Hause gelaufen war. Das war eine hochsensible Reaktion.

»Schreckhaft«, dürfte meine Familie damals gesagt haben. Stimmt ja auch. Aber nicht nur. Wäre es ein gefährlicher Knall gewesen, wäre meine Reaktion vollkommen adäquat gewesen. Vielleicht hätte ich dann gar als Einzige überlebt?

In den Medien und in den Buchläden kommt die Sensibilität als Thema (noch) nicht vor. Die Allgemeinheit hat noch kein Bewusstsein dafür und versieht entsprechende Verhaltensweisen mit dem Etikett »schüchtern«.

Hochsensibel zu sein heißt jedoch mehr – viel mehr.

Und weil es für die Sensiblen in meiner Umgebung (und auch für mich natürlich) auf Deutsch nichts zu lesen gab, was unsere Sensibilität gewürdigt hätte, machte ich mich selbst ans Werk, um diesen unhaltbaren Zustand zu ändern.

Dabei haben mir sehr viele hochsensible Frauen geholfen: 17 Frauen, indem sie Fragebögen ausgefüllt haben, und sicherlich noch einmal so viele, deren offene und mutige Nabelschau ich dann zu meinem »Versuchskaninchen Elsie O.« destilliert habe. Danke euch allen!

Ursula Mayer danke ich für ihre stimmungsvollen Gedichte, die sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Herrn Dr. Thomas Tilcher, meinem Lebensgefährten Dr. Peter Kleesz und unserem Sohn Matthias vielen Dank für alle Unterstützung in Wort und Tat.

Übrigens, hochsensibel zu sein ist gesund: Waghalsige brechen sich früher das Genick. Wenn am Ende dieses Buches Ihre Sensibilität Ihre allerbeste Freundin geworden ist, dann hat es sein Ziel erreicht!

Ihre Renate Göckel

I Die Prinzessin auf der Erbse

Sommerschlussverkauf im Kaufhaus.

Bei drückender Hitze drängen sich zehn Frauen in einer Warteschlange um den Ladentisch. Als ich endlich die Übernächste bin, lässt sich die Kundin vor mir einen Kinderschlafanzug geben.

Sie tastet ihn mit den Händen kurz ab. Dann zippt sie den Reißverschluss auf und befühlt bedächtig alle Innennähte. Sie erspürt die Qualität des Fadens. Weiche Baumwolle oder pieksendes Polyacryl? Das Etikett im Kragen erregt ihre volle Aufmerksamkeit. Sie dreht und wendet es, presst von vorne, von hinten und von der Seite. Abschließend streicht sie langsam mit dem Handrücken über das Etikett und das gesamte innere Rückenteil.

»Der ist zu kratzig«, meint sie nachdenklich. »Den zieht meine Tochter nicht an. Außerdem verläuft die Naht den Rücken hinunter und meine Tochter ist Rückenschläferin. Die Naht drückt zu sehr. Haben Sie vielleicht noch andere Modelle?«

Mit diesen Worten reicht sie der erstaunt blickenden Verkäuferin den Anzug zurück.

Mit einem verhaltenen Seufzer holt diese zwei weitere Schlafanzüge aus dem Regal: einen zweiteiligen und einen mit der Knopfleiste vorne.

Die Kundin sortiert den zweiteiligen sofort aus. »Der hat ein zu wulstiges Bündchen in der Taille. Das stört. Außerdem liegt sie sich den Bauch frei und erkältet sich dann leicht.«

Die ganze Warteschlange hört inzwischen interessiert zu.

Die Kundin fängt auch schon an, den zweiten zu befingern. Die Verkäuferin rollt genervt die Augen. Ich amüsiere mich, weil mir das Ganze so bekannt vorkommt.

»Den nehme ich!«, sagt die Kundin entschlossen, »aber ich brauche ihn eine Nummer größer. Mit mehr Platz zum Ausstrecken.«

Im Gesicht der Verkäuferin zuckt es leicht. Aus der Schlange kommt ein Stöhnen. Die Verkäuferin verschwindet mit energisch klackenden Absätzen im hinteren Ladenraum. Irgendwann tönt es von dort: »In der nächsthöheren Größe gibt es ihn aber nicht mehr!«

»Oh«, meint die Kundin, »das ist aber schade. Vielleicht nehme ich dann doch lieber ein Nachthemd?«

Die Verkäuferin kackt zurück, reißt mit zackigen Bewegungen drei Nachthemden von den Bügeln und meint beherrscht: »Die dürfen Sie alle durchtesten. Aber ich möchte bitte inzwischen weiterbedienen«.

Wie hätten Sie sich als Kundin gefühlt? Hätten Sie den Mut und die Geduld dieser Mutter aufgebracht? Oder hätten Sie eher grollend einen der vorhandenen Schlafanzüge mitgenommen und innerlich über das »zickige Gör« lamentiert?

Dieses »zickige Gör« ist höchstwahrscheinlich eine »Prinzessin auf der Erbse«. Und die Mutter höchstwahrscheinlich ebenso, denn sie brachte unendlich viel Geduld auf und wusste genau, an welchen Stellen der Schlafanzug Probleme machen könnte. So, wie die Erbse jener Prinzessin zugesetzt hatte, die wir alle aus dem Märchen kennen.

Hier noch einmal ihre Geschichte:

Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heiraten, aber es sollte eine wirkliche Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt umher, um eine solche zu finden, aber überall stand dem etwas entgegen. Prinzessinnen gab es genug, aber ob es wirkliche Prinzessinnen waren, konnte er nicht herausbringen. Immer gab es etwas, was nicht in Ordnung war. Da kam er dann wieder nach Hause und war traurig, denn er wollte doch gar zu gern eine wirkliche Prinzessin haben.

Eines Abends zog ein schreckliches Gewitter auf; es blitzte und donnerte, der Regen strömte herunter, es war entsetzlich! Da klopfte es an das Schlosstor und der alte König ging hin, um aufzumachen.

Es war eine Prinzessin, die draußen vor dem Tore stand. Aber, o Gott, wie sah die von Regen und dem bösen Wetter aus!

Das Wasser lief ihr von den Haaren und den Kleidern herunter; es lief in die Spitzen der Schuhe hinein und an den Hacken wieder heraus. Und doch sagte sie, dass sie eine wirkliche Prinzessin sei.

Ja, das werden wir schon erfahren! Dachte die alte Königin. Aber sie sagte nichts, ging in die Schlafkammer hinein, nahm alle Betten ab und legte eine Erbse auf den Boden der Bettstelle, darauf nahm sie zwanzig Matratzen und legte sie auf die Erbse und dann noch zwanzig Eiderdaunenbetten auf die Matratzen. Darauf musste die Prinzessin die ganze Nacht liegen. Am Morgen wurde sie gefragt, wie sie geschlafen habe.

»Oh schrecklich schlecht!«, sagte die Prinzessin. »Ich habe meine Augen fast die ganze Nacht nicht geschlossen! Gott weiß, was da in meinem Bett gewesen ist! Ich habe auf etwas Hartem gelegen, sodass ich ganz braun und blau über meinen ganzen Körper bin! Es ist entsetzlich!«

Nun sahen sie ein, dass es eine wirkliche Prinzessin war, weil sie durch die zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdaunenbetten hindurch die Erbse verspürt hatte. So empfindlich konnte niemand sein als eine wirkliche Prinzessin.

Da nahm der Prinz sie zur Frau, denn nun wusste er, dass er eine wirkliche Prinzessin besitze; und die Erbse kam auf die Schlossmuseen, wo sie noch zu sehen ist, wenn niemand sie gestohlen hat.

Sieh, das ist eine wahre Geschichte.

Was uns der Erbsentest verrät

Es spricht einiges dafür, dass die Prinzessin auf der Erbse hochsensibel war.

Wenn sie die Erbse unter den »zwanzig Matratzen und zwanzig Eiderdaunenbetten« hindurch spüren konnte, dann war ihre Reizschwelle zwangsläufig sehr niedrig. Niedrige Reizschwellen sind typisch für Hochsensible.

Charakteristisch ist auch der Umgang mit dieser niedrigen Reizschwelle. Anstatt sich in ihr Elend hineinzusteigern, hätte die Prinzessin sich theoretisch auch sagen können: »O.k., es ist recht unbequem, aber ich will trotzdem versuchen zu schlafen.«

Stattdessen hat sie »die Augen fast die ganze Nacht nicht geschlossen«.

Das spricht für Überstimulation und Übererregung, worunter Hochsensible bei Reizüberflutung schnell leiden, denn sie besitzen ein hoch reagibles Nervensystem, das bei der kleinsten Unregelmäßigkeit sofort Alarm schlägt.

Eine Reizüberflutung mündet bei Hochsensiblen rasch in einen Kontrollverlust, ein Gefühl des Überwältigtseins. »Gott weiß, was da in meinem Bett gewesen ist!«, lamentiert die Prinzessin. Jammern und klagen ist eine häufige Reaktion, wenn sich jemand überfordert vorkommt, weil er sich ohnmächtig fühlt.

Leider ist der Umgang der Prinzessin mit ihrer hohen Sensibilität für heutige Verhältnisse nicht vorbildlich. Sie suhlt sich in ihrem Elend und schlägt sich leidend die Nacht um die Ohren.

Hätte sie nicht nach einem Lakaien klingeln können, der die Erbse entfernt hätte? Oder hätte sie nicht gar selbst tatkräftig unters Bett greifen und die Erbse beseitigen können? So würden wir heutigen Frauen das machen.

Für unsere Prinzessin hingegen hat die Sache damals sicher anders ausgesehen. Als Prinzessin »von hohem Geblüt« dachte sie vermutlich in etwa so:

Sollte sie gar selbst – wie eine gewöhnliche Dienstmagd – auf Knien auf dem Boden rutschen und das harte Ding ausfindig machen?

Nein, das war für eine echte Prinzessin gewiss nicht standesgemäß. Es galt, Contenance zu wahren und sich in sein Schicksal zu ergeben, auch wenn sie von diesem harten Etwas grün und blau gedrückt würde!

So, wie sie sich in ihr Schicksal ergab und den Prinzen heiratete, ohne um ihre Meinung gefragt zu werden. Schließlich war es doch auch in ihrem Sinne, einem echten Prinzen zur Frau gegeben zu werden, denn nur dieser konnte ihr ein standesgemäßes Leben mit dem richtigen gesellschaftlichen Umfeld ermöglichen. Konnte man denn als Prinzessin etwas anderes erwarten, als aus dynastischen Gründen verheiratet zu werden und dann viele Kinder zu bekommen? Immer in der Hoffnung, dass wenigstens ein männlicher Thronerbe so lange lebte, bis er selber männliche Erben hatte?

Nein, so schlimm würde ihr Schicksal bestimmt nicht aussehen, denn die künftige Schwiegermutter erkannte sie als standesgemäß an. Von ihr hatte sie wenigstens in dieser Hinsicht keine Repressalien zu erwarten. Und das war doch schon viel!

Selbstständigkeit, Eigensinnigkeit und Tatkraft waren bestimmt keine Tugenden für Prinzessinnen im 18. und 19. Jahrhundert.

»Echte, wirkliche Prinzessinnen« mussten hochsensibel und gefügig sein – das ist die Botschaft der Geschichte. Und die Prinzessin war sehr stolz darauf, denn als Prinzessin konnte sie es sich leisten, hochsensibel zu sein.

Ja, leisten! Eine Magd oder eine Bäuerin oder später eine Arbeiterin mussten sich schon immer »zusammenreißen« und ihre Sensibilität unterdrücken oder sie in geschützten Bereichen ausleben.

Leider wissen die meisten Hochsensiblen gar nicht, dass sie hochsensibel sind. Sie spüren nur, dass sie empfindlicher und empfindsamer sind als andere Menschen und sich ab und zu zurückziehen müssen, dass ihnen Trubel schnell zu viel wird, dass sie weniger aushalten – in manchen Bereichen, dass sie manchmal »merkwürdig« reagieren und an Dingen keinen Spaß haben, an denen ihr Nachbar Spaß hat.

Wenn Sie wissen, dass sie hochsensibel und nicht einfach »schüchtern«, »eingebildet«, »ängstlich«, »scheu«, »neurotisch«, »feige« oder »schwach« sind, dann können Sie mit ihrer Veranlagung ganz anders umgehen. Sie können besser zu ihr stehen, sich besser verteidigen und – ganz wichtig – für sich selbst viel früher Freiräume schaffen.

Und ob Sie dann mit Ihrer hohen Sensibilität – wie die Prinzessin auf der Erbse – den richtigen Mann finden oder lieber Ihr Leben selbst anpacken und die Erbse entfernen wollen, das bleibt Ihr Geheimnis.

Auch hochsensibel?

Nein, hohe Sensibilität ist keine Krankheit und auch kein Makel. Es ist eine seelische Eigenschaft, mit der nach Schätzung der amerikanischen Psychotherapeutin und Sensibilitätsforscherin Elaine Aron circa 20 Prozent der Bevölkerung geboren werden. Diese Zahlen beziehen sich nur auf die USA, für Deutschland gibt es keine Zahlen.

Hohe Sensibilität ist hierzulande wissenschaftlich noch nicht als eigenständiges Persönlichkeitsmerkmal erfasst, sondern wird mit Schüchternheit und Introversion in einen Topf geworfen.

Aron geht davon aus, dass 70 Prozent der Hochsensiblen auch introvertiert sind – das heißt aber gleichzeitig, dass 30 Prozent eben nicht introvertiert sind. Von den Introvertierten sollen wiederum 70 Prozent hoch intelligent sein. Dies leuchtet ein, denn hohe Intelligenz geht auch mit differenziertem Denken einher.

Es gibt noch sehr wenig Literatur über Hochsensible, dafür aber umso mehr Vorurteile und Verkennungen, wie wir noch sehen werden.

Elaine Aron selbst gehört zu den Hochsensiblen. Sie hielt sich ihr ganzes Leben lang für »anders« – weniger belastbar, weniger gesellig –, und sie machte mehrere Jahre lang eine Psychotherapie. Als sie dann selber Psychotherapeutin wurde, entdeckte sie an vielen ihrer Patienten Verhaltens- und Denkweisen, die sie von sich selber kannte. Und siehe da, sie erkannte allmählich ihren Wert für sich und die Gesellschaft. Sie nennt die weniger Sensiblen die »Krieger« und die Hochsensiblen die »spirituellen Ratgeber«.

Elaine Aron hat einen Selbsttest für hohe Sensibilität entwickelt. Diesem Fragebogen habe ich noch einige eigene Fragen zur Differenzierung hinzugefügt.

Selbsttest

Ich werde leicht von den Stimmungen anderer angesteckt.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich fahre ungern Auto in fremden Städten.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich bin sehr schmerzempfindlich.

Stimmt    Stimmt nicht

Schöne Musik bewegt mich tief.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich bin gewissenhaft.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich möchte gern alles richtig machen.

Stimmt    Stimmt nicht

Filme mit Gewalt- oder Horrorszenen meide ich.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich bin froh, wenn die Verkehrsampel auf rot springt, so kann ich mich kurz orientieren.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich bin leicht zu überrumpeln.

Stimmt    Stimmt nicht

Wenn ich mehrere Dinge gleichzeitig erledigen muss, komme ich leicht ins Schleudern.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich bin schreckhaft.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich mag keine Feste, auf denen ich niemanden kenne.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich werde schnell überwältigt von grellem Licht, starken Gerüchen oder lauten Geräuschen.

Stimmt    Stimmt nicht

Wenn viel los war, muss ich mich an einen ruhigen Platz zurückziehen, um wieder zu mir zu kommen.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich habe eine lebhafte Fantasie und mir fällt immer etwas ein.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich bemerke, wenn Bilder an der Wand schief hängen oder Kerzen nicht ganz gerade stehen.

Stimmt    Stimmt nicht

Druckfehler finde ich schnell.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich war als Kind schüchtern.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich bemerke, wenn die Teppichfransen durcheinandersind.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich hasse es, wenn ich angeglotzt werde.

Stimmt    Stimmt nicht

Es gibt viele Nahrungsmittel, die ich nicht mag.

Stimmt    Stimmt nicht

Hunger halte ich nur schwer aus.

Stimmt    Stimmt nicht

Große Veränderungen in meinem Leben erschüttern mich tief.

Stimmt    Stimmt nicht

Auf der Straße finde ich häufig kleine Dinge (Münzen, Knöpfe o. ä.).

Stimmt    Stimmt nicht

Ich ziehe Kleidungsstücke mit kratzigen Nähten oder scheuernden Etiketten nicht oder sehr ungern an.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich achte darauf, dass meine Kleidung farblich gut zusammenpasst.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich kann gut zuhören.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich mag in jeder Hinsicht die zarten Töne.

Stimmt    Stimmt nicht

Ich weiß bei Menschen und Tieren, die sich unwohl fühlen, oft, was sie brauchen.

Stimmt    Stimmt nicht

Mir ist es lieber, wenige gute Freunde zu haben als viele lockere und eher oberflächliche Bekanntschaften.

Stimmt    Stimmt nicht

Auswertung

Wenn Sie von diesen 30 Fragen mindestens 17 mit ja beantwortet haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie hochsensibel sind, ziemlich groß. Willkommen im Club!

Wenn manche Punkte ganz stark auf Sie zutreffen, sind Sie möglicherweise ebenfalls hochsensibel. Die hohe Sensibilität muss sich nicht auf alle Bereiche gleichmäßig beziehen. Sie können das Buch in jedem Fall mit Gewinn lesen.

Woran erkennt man einen Hochsensiblen?

Zuerst fragte ich einen fast 70-jährigen und weit gereisten ehemaligen britischen Soldaten, den ich, ehrlich gesagt, nicht für besonders sensibel hielt: »Woran erkennst du einen hochsensiblen Menschen?«

»Ich schaue in den Spiegel, ha ha ha!«

Als er sich wieder beruhigt hatte, fügte er noch hinzu: »Die haben kein Vertrauen.«

Das leuchtete mir nicht ein. So bohrte ich weiter. »Das habe ich einfach beobachtet. Warum das so ist, weiß ich auch nicht«.

Ich behielt diese Aussage im Hinterkopf und fragte in meinem Fragebogen danach. Und ich erlebte eine riesige Überraschung: 16 von 17 Befragten bekannten sich dazu, oft misstrauisch zu sein. Misstrauisch sein heißt, vorsichtig sein, Dinge überprüfen und hinterfragen. Dies ist eine Interpretation von Misstrauen, die durchaus einleuchtet.

Es gibt jedoch noch eine andere Interpretation des Misstrauens, die mir erst beim Auswerten des Fragebogens klar wurde. Dieses andere Misstrauen hat mit schlechten Erfahrungen zu tun: mit den Erfahrungen, in seiner Sensibilität als Kind nicht gewürdigt worden zu sein, mit erfahrenen Hänseleien und dem Ausschluss aus der Gemeinschaft. Dieses andere Misstrauen hat also seinen guten Grund in schlechten Erfahrungen.

Nun fragte ich Frauen, die selber hochsensibel sind, woran sie denn ein hochsensibles Gegenüber erkennen.

»Mir genügt ein Augenkontakt, der zeigt, dass der andere ähnlich empfindet. Es ist eher jemand, der schweigt und wahrnimmt.«

»Eine eher introvertierte Person, die gut beobachtet, wenig sagt, aber mehr mitkriegt, als man ihr zutraut. Das merkt man daran, dass sie eher nebensächliche Dinge geschickt miteinander kombinieren kann.«

»Der Hochsensible macht sich viele Gedanken, hinterfragt und ist tiefgründig. Er hat hohe ethische Normen und ein eher niedriges Selbstwertgefühl.«

»Er ist verletzbar und sehr hilfsbereit. Er kann Bitten schlecht ablehnen.«

»Er ist jemand, der die Signale seiner Umwelt deutlicher empfängt.«

»Durch sein Einfühlungsvermögen erkenne ich ihn, daran, dass er gut zuhören kann. Die Dinge sind ihm nicht egal, weil er nicht oberflächlich ist.«

»Er ist einfühlsam und weiß sofort, in welcher Gefühlslage man sich befindet.«

Eine der hochsensiblen Frauen hat Hochsensible besonders eindrucksvoll beschrieben:

»Ich denke, ich erkenne Hochsensible daran, dass sie sehr einfühlsam, offen und warmherzig sind. Bei solchen Menschen fühle ich mich verstanden und gemocht. Sie erkennen ohne Worte, wie es dem Gegenüber geht, und spüren, was los ist. Sie strahlen eine ruhige, warme Aura aus und reden nicht zu viel. Sie hören zu, wenn man reden will, oder geben einem ein Geborgenheitsgefühl, auch wenn man schweigen will. Sie sind herzlich und achten und respektieren den anderen, so wie er ist. Wenn sie einem in die Augen sehen, ist es, als würden sie in der Seele des anderen lesen, und trotzdem ist ihr Blick nicht unangenehm oder bedrohlich, sondern zart, warm und verstehend. Sensible können einfach genial auf Menschen eingehen und sich in sie einfühlen.«

So wie Elsie.

Elsie O., 38, hochsensibel

Als ich mein »Versuchskaninchen« Elsie O. einmal fragte, wie sie ihre Sensibilität empfinde, gab sie mir diese Antwort:

»Sehr zwiespältig. Als Kind galt ich als Heulsuse und als sehr empfindlich. Dieses Etikett ›empfindlich‹ hat mich lange Zeit begleitet und meine Umwelt sah es immer als extrem negativ an. Weil ich als Kind sehr scheu war, schnell weinte, vor vielem Angst hatte, nicht alles anziehen und nicht alles essen wollte, galt ich immer als ›schwierig‹. Und ich wurde nicht ganz für voll genommen. Ich galt als ›begriffsstutzig‹, weil ich nicht immer gleich wusste, was die anderen meinten, und weil mir die Pointen vieler Witze nicht einleuchteten. Da ich irgendwann selbst glaubte, dass ich ›komisch‹ bin, war mein Selbstbewusstsein immer sehr schlecht ausgeprägt.«

Alles an Elsie wirkt bescheiden. Die aschblonden, kinnlangen Locken, das ungeschminkte Gesicht, die Kleidung in Blautönen, der dezente Silberschmuck. Nichts Schrilles, das schreit: Hier bin ich! Schau mich an! Lediglich Elsies babyblaue Augen setzen einen lebhaften Akzent. Ihr hellwacher Blick hat etwas Hypnotisches. Elsie weiß das. Und so muss sie immer wieder den Blick abwenden, um sich nicht zu verlieren.

»Erst in der letzten Zeit habe ich angefangen, meine so genannte Empfindlichkeit als Empfindsamkeit und Feinfühligkeit zu sehen. Grund dafür ist meine vierjährige Tochter, die ebenfalls sehr sensibel ist und die in der Außenwelt zunehmend mit den gleichen Schwierigkeiten konfrontiert wird wie ich damals. Nur kann ich zum Glück anders darauf reagieren als meine Eltern damals …

Als ich vor einem Jahr mit meiner Tochter den Antrittsbesuch im Kindergarten gemacht habe, gab sie sich sehr scheu. Sie wollte auf meinen Arm, während die anderen Neulinge schon munter überall herumrannten. Ich habe Kathrin dann fast die ganze Zeit herumgetragen. Die Kindergärtnerinnen und die anderen Mütter machten mir Druck, das Kind endlich ›herunterzulassen‹. So als ob ich Kathrin festhalten würde. Ich spürte aber ganz genau, dass sie noch kein Vertrauen hatte, und gab ihr Zeit, selber zu bestimmen, wann sie vom Arm herunter wollte. Ich habe gleich gemerkt, dass auch die Erzieherinnen weder Kathrin noch mich verstehen konnten. Und das machte mich traurig und ich ahnte nichts Gutes.«

Elsie wird in diesem Buch viele hochsensible Details aus ihrem Leben mit uns teilen. Elsie ist Ergotherapeutin und seit sechs Jahren mit Werner, einem Techniker, verheiratet. Werner ist nicht besonders sensibel, was Elsie gut findet, da er »oft ein Fels in der Brandung« für sie ist. Andererseits nervt er sie auch manchmal ganz schön mit seiner Nüchternheit und seinem Optimismus. Nachdem Tochter Kathrin dann tatsächlich ganz von alleine vom Arm heruntergekommen war und nun selbstständig in den Kindergarten geht, ist Elsie halbtags in einer Klinik tätig. Sie muss also täglich mit Kind, Mann, Haushalt und Beruf zurechtkommen. Manchmal hintereinander, manchmal mit allem gleichzeitig. Und das schafft sie mal mehr und mal weniger gut.

Aber immer auf typisch hochsensible Art und Weise.

II Niedrige Reizschwellen – oder was Hochsensible auszeichnet

Ein eingebauter Verstärker

»Der Mann zuckt heftig zusammen, als der Schaffner in die Trillerpfeife bläst. Die anderen Passagiere scheinen den schrillen Pfiff gar nicht zu hören. Er lächelt, verharrt aber noch eine Sekunde, ehe er die Hand ausstreckt. Dann eine herzliche Begrüßung mit leichtem amerikanischem Akzent: ›Ich bin Appletree‹, sagt der grau melierte Texaner aus Tübingen.

›Brrr, hier ist es aber kalt! Jetzt trinken wir erstmal eine Tasse Kaffee, das macht mich munter nach der langen Fahrt.‹«

So beginnt ein Artikel über Hochsensible in einer psychologischen Zeitschrift. Und diese Einleitung enthält bereits wichtige Merkmale der Hochsensibilität.

Zuerst fällt die Lärmempfindlichkeit auf. Wer sozusagen stets seinen eingebauten Verstärker mit sich herumschleppt, ist naturgemäß auch schreckhaft. Etwa so, wie wenn man ein altes Radio einschaltet, dessen Lautstärkeregler man zuvor auf die lauteste Stufe gedreht hatte. Erst Ruhe – und plötzlich plärrt es mit voller Lautstärke los. Zum Zusammenfahren!

Interessant ist auch, dass die anderen Passagiere vom lauten Pfiff des Schaffners keine besondere Notiz genommen haben. Mir fällt es immer auf, wenn ein Martinshorn in meiner unmittelbaren Nähe aufjault. Ich halte mir meist als Einzige die Ohren zu.

Leider spricht unsere Sprache von »lärmempfindlich« und nicht von »lärmempfindsam«. Das Wort »empfindlich« hat einen abwertenden Beiklang. Empfindlich heißt immer gleich »viel zu empfindlich«.

Wegen unserer niedrigen Reizschwellen gelten viele von uns als zickig, kompliziert, leicht störbar und wenig belastbar. Davon konnte auch der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) ein Lied singen. »Der sensible Geistesarbeiter fühlte sich leicht gestört: Hatte ihm in der früheren Mietwohnung ein frecher Hahn zwischen die Gedanken gekräht, so klagte Kant nun dem Bürgermeister Hippel über Häftlinge, die im nahegelegenen Gefängnis allzu gern und vernehmlich fromme Lieder schmetterten. Dann wieder miaute ihm die Katze seiner Köchin zu laut.«

Empfindsam zu sein heißt zartfühlend sein. Zwischen »empfindlich« und »empfindsam« liegt vor allem die Bewertung.

Dass Lärm nicht nur Sensible krank macht, wissen wir schon. Wer sensibler ist, merkt dies einfach schon, bevor Schäden auftreten. Dass Lärm auch dumm macht, hat Kant vielleicht schon geahnt. Die Wissenschaft kam allerdings erst vor kurzem darauf. An der University of California wurde im Labor eine Gruppe neugeborener Ratten einem so genannten »weißen Rauschen« ausgesetzt. Dies entspricht circa 70 Dezibel, also normalem Umgebungslärm. Obwohl direkte Schäden am Gehör nicht zu erkennen waren, hatte die Lärmbelastung doch einen wichtigen Reifungsprozess in der Hörrinde der Jungratten verlangsamt. Die noch ungeordneten Nervenzellen, die sich im ersten Lebensmonat zu Neuronenverbänden zusammenschließen und selektiv auf bestimmte Frequenzen und Lautmuster reagieren, taten dies bei den Versuchsrattenbabys nicht. Die Forscher schlossen daraus, dass das Gehirn – bei Ratten und bei Menschen – auf »klar strukturierte Geräusche warte, um sich daran zu entwickeln«.