Verlorenend - Fantasy-Epos (Gesamtausgabe) - S. G. Felix - ebook

Verlorenend - Fantasy-Epos (Gesamtausgabe) ebook

S. G. Felix

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Opis

»Deswegen bin ich nach Verlorenend gekommen, wäre fast im See des Leviathans ertrunken, hätte mir beinahe das Herz von einer Banshee ausreißen lassen und habe den Einsamen Turm zu Fall gebracht. Weil ich in Wahrheit immer auf der Suche nach dir gewesen bin.« Jenseits der Wirklichkeit, tief hinter dem Schleier der gewohnten Realität existiert eine Macht, die Welten ebenso erschaffen wie auch zerstören kann. Wer diese Macht besitzt, ist Herrscher über Leben und Tod. Verraten und vergessen für Jahrhunderte, plant der Dunkelträumer die Vernichtung Thalantias - einer kleinen und friedvollen Welt, die jedoch ein düsteres Geheimnis birgt. Niemand ahnt dort etwas von der drohenden Gefahr. Nur Antilius, der von seltsamen Albträumen geplagt wird, beginnt das Mysterium über Thalantias Vergangenheit zu enträtseln. Auf seiner langen Reise schließt er neue Freundschaften, erweckt mächtige Wesen alter Tage, begegnet einer vergessen geglaubten alten Liebe und gelangt an den sagenumwobenen Ort Verlorenend, in welchem er die schreckliche Wahrheit über sich und über Thalantias Schicksal erfährt. Es ist eine Reise, die ihn an Orte führen wird, die kein Traum wundersamer und kein Alptraum schauerlicher hätte zeichnen können. Vollständig in einem Band erzählt 'Verlorenend' eine unvergleichliche Geschichte für jeden, der bereit ist, ausgetretene Pfade zu verlassen und ein außergewöhnliches Fantasy-Abenteuer zu erleben, dessen magischer Anziehungskraft man sich nicht entziehen kann. -neobooks Monatsfavorit September 2017- Lesermeinungen: »Hier steckt wirklich eine Menge Fantasie drin. Die Fülle an Ideen, Schauplätzen und Zeitabläufen ist großartig.« »Eine wunderschöne Geschichte mit echten Helden und deren Stärken und Schwächen. « »Der Schreibstil des Autors lässt die Geschichte keine Minute langweilig werden...« »Ein unglaublich tolles Buch / Bücher, das in so vielen Dimensionen und Zeiten spielt.« »Ich habe noch nie etwas gelesen was für mich, so perfekt geschrieben wurde.« »Ich habe mich in diesem Buch fest gelesen, konnte oft nur durch Disziplin und inneren Zwang die Geschichte weglegen...« »... die Geschichte entfaltet sich in einer Form, die ich noch nicht kannte.« »Absolut fesselnd geschrieben, von der ersten bis zur letzten Seite. Hervorragend!« Die Gesamtausgabe enthält die Romane: 'Das Erwachen des Dunkelträumers', 'Das Herz von Xali', 'Das Mysterium der Titanen' und 'Das, was du zurücklässt'

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S. G. Felix

VERLORENEND

Gesamtausgabe

 Band I - IV:

Das Erwachen des Dunkelträumers

Das Herz von Xali

Das Mysterium der Titanen

Das, was du zurücklässt

Inhaltsverzeichnis
Teil I: Das Erwachen des Dunkelträumers - Prolog
Ankunft mit dem Althan
Truchten
Die fremde Stimme
Der alte Mann und die Station
Die Nacht im Wald und das, was sich im Wald verbarg
Fara-Tindu
Auf dem Wurmhügel
Vergangenheit und Zukunft
Die Splitternden
Streitigkeiten auf dem geheimen Weg
Lügen
Der Mythos vom Transzendenten
Das Flüsternde Buch
Die andere Seite der Schlucht
Sie kommen nachts
Die Späher
Die Strafe der Zeit
Einer fehlt
Stille
Das alte Wesen aus Sand
Die Zugbrücke
Der einsame Mann und die Sterne
Das Rätsel und der Dunkle Tunnel
Das Grauen der Dunkelheit
Das Zeittor
Die Largonen
Pais Ismendahl und die Gorgens
Spiegelbilder
Das Versteck außerhalb der Zeit
Von den Finsteren Ebenen
Vergeltung
Verlorenend
Regeneration und Wiedervereinigung
Kein Plan, keine Armee und kein Mut
Sie antwortet nicht
Der Alte Pfad
Früher Herbst
Das letzte Gespräch
Die Barriere von Valheel
So soll es nicht enden
Die Zeit läuft ab
Die Brücke und die Schlucht
Die Wächter von Valheel
Wer ist Ilbétha?
Der Gegenschlag
Geduld
Das Unvorhersehbare
Das Portal des Transzendenten
Das Portal wird geöffnet
Der Bruchteil
Antilius trifft eine Entscheidung
Das Nichts
Im Licht des Dunkels
Teil I - Epilog
Teil II: Das Herz von Xali - Prolog
Das Buch des Vaters
Die Zusammenkunft
Arcanum
Aufbruch ins Unbekannte
Xali, die Entflammte
Der geschenkte Blick
Als die Mauern fielen
Das versprochene Herz
Eventum, die versunkene Stadt
Stimmen aus der Tiefe
Das Volk der Vergessenen
Das Schicksal von Verlorenend
Die Stunde des Leviathan
Der Klang ihrer Stimme
Große Taten
Die Gefährtin des Todes
In der Falle von Argusa Gigantula
Der Woodrof
Der blinde Fleck
Das letzte Abenteuer
Das verdorbene Herz
Am Ende des Schreckens
Die Ruinen von Eleusis
Die Vereinbarung
Xalis Neugier
Der Abschied
Die letzte Chance
Der Verrat der Totengräber
Kampf am Abgrund
Gorgus, der Weise
Das Schicksal von Gorgonia
Das sterbende Herz
Der Vater
Teil II - Epilog
Teil III: Das Mysterium der Titanen – Prolog: Das Leuchten aus dem Moor
Der Kataklyst
Calessias Schicksal
Der Kontakt
Der Rat von Arcanum
Telandir
Der Friedhof des Kayen
Der Blick hinter den Schleier
Die Siobsistin
Das Reich des Totenbeschwörers
Die Tiefe des Schleiers
Reise in die Vergangenheit
Der Abschied
Das Vierte Königreich
Die Auserwählten
Stimmen
Die Schlacht um Thalantia
Kein Zurück
Das Geheimnis des Wassers
Die Trümmer des Mandra
Eine verpasste Gelegenheit
Alte Wunden
Das Ende vom Ende
Entfremdungen
Milas Geheimnis
Die Ausgestoßenen von Il Antil
Der Schwur
Der Verrat
Der Aufstieg des Totenbeschwörers
Tag der Abrechnung
Zeit der Erkenntnis
Der Herr aller Spiegel
Bodenschüttler, Bodenschüttler...
Die letzte Schlacht des Kayen
Die verfinsterte Seele
Nachwirkungen
Die Grotte des Rätselmachers
Das Foyer
Der Uhrenraum
Das Theater
Die Werkstatt
Die Krypta
Das Geschenk
Hunger
Die Ende von Nomad
Am Ende des Tages
Eine Entscheidung des Schicksals
Wenn die Hoffnung verstummt
Entscheidungen
Erkenntnisse
Freund und Feind
Entscheidung auf Arcanum
Die Befreiung der Titanen
Die Rückkehr
Aufbruch
Teil III – Epilog: Das, was noch vor dir liegt
Teil IV: Das, was du zurücklässt - Prolog
Das Ende und der Anfang
Der Teleport
Der Weg der Titanen
Bronthu-Geuze
Die zerstörte Welt
Amantha
Das Refugium
Realitätsverlust
Ein Lächeln aus Scherben und Blut
Glas
Zurück durch den Spiegel
Illusionen
Eine gute Lüge
Der Kern
Scherbendämmerung
Der geteilte Berg
Nemesis
Das Schicksal der zwei Brüder
Rückkehr nach Elend-Uhn
Düstere Vorahnungen
Tiefer Schlaf
Das Konzerthaus
Eine fast perfekte Tarnung
Gestern, Heute, Morgen
Der Dirigent
Divergenz
Der Todestanz
Der weiße Strand der Wiederkehr
Die Stimme aus dem Dunkel
Der Abstieg
Der Abgesandte
Die Sache mit der Zeit
Der Stein der Prophezeiung
Die Kathedrale der Finsternis
Die Reisende
Der Mann, der nicht herauskommen wollte
Der sehende Stein und das blinde Auge
Der Schatten, der keiner war
Die Tür des Abgesandten
Die Verfolgung
Versunkene Geschichte
Der Dämon aus dem Meer
Angriff auf die Titanen
Der Thron
Der Zirkel der einhundert Hexen
Der Aufstieg
Die Tiefe der Finsternis
Das Mädchen aus Verlorenend
Vom Schicksal auserwählt
Die zweite Dimension
Das Vinculum
Die Flucht
Das Zeitalter des Abgesandten
Schwerelos
Die Reise der Gedanken
Die weiten Ebenen der Suchenden
Das, was du zurücklässt
Die letzte Schlacht
Die Siebte Inselwelt
Die erste Flotte
Das letzte Wiedersehen
Im Morgengrauen
Die Singularität
Die zweite Flotte
Das Beste beider Welten
Assandrias Visionen
Zwei Brüder
Ilbétha
Das Ende
Die Wahrheit über Verlorenend
Ihre letzte Reise
Epilog
Abbildung 1: Thalantia
Abbildung 2: Thalantia vor tausend Jahren
Abbildung 3: Truchten
Abbildung 4: Abrit
Abbildung 5: Brigg
Abbildung 6: Fahros
Abbildung 7: Bétha
Abbildung 8: Panthea
Abbildung 9: Zuflucht des Imperators
Abbildung 10: Grotte des Rätselmachers
Abbildung 11: Arcanum
Abbildung 12: Weg der Titanen

Teil I: Das Erwachen des Dunkelträumers - Prolog

Antilius stand am Rande des Abgrundes einer Schlucht.

Es war der Inbegriff eines Abgrunds. Die zerklüfteten Steilwände fielen fast senkrecht Hunderte Meter in die Tiefe und verloren sich in einem quecksilberartig wabernden Nebel. In diesen Nebelschwaden, so war Antilius sich sicher, stoben die Dämonen des Alten Zeitalters umher. Dort unten warteten sie geduldig darauf, dass er sich zu ihnen gesellte. Würde er nur einen Schritt nach vorne wagen, würde er in die Tiefe stürzen.

Ein kalter, feuchter Sturm bahnte sich seinen Weg durch die Schlucht.

Antilius’ Augen ruhten auf einer Gestalt in einem langen schwarzen Mantel, die regungslos auf der anderen Seite der Schlucht stand und ihn anstarrte.

Antilius konnte kein Gesicht nicht erkennen. Dort, wo dieses hätte sein müssen, war nur eine graue Masse, ein Dunstschleier, fast genauso wie der Nebel in der Schlucht.

Mann ohne Gesicht. Er ist der Mann ohne Gesicht, der mich verfolgt, dachte Antilius. Er spürte, wie er von ihm angestarrt wurde, auch wenn der Blick des Fremden ihm verborgen blieb.

»Was willst du von mir?«, fragte ihn der Mann ohne Gesicht auf der anderen Seite. Sein Mantel flatterte wild im Sturm.

Antilius wusste es nicht. Er wollte antworten, doch er konnte seine Lippen nicht bewegen. Er bemühte sich, das Gesicht des Fremden zu erkennen. Doch es schwebte nach wie vor nur ein trüber Schleier auf dessen Schultern.

Antilius hatte keine Ahnung, warum er hier war. Er fühlte sich unwirklich. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Körper und Geist waren wie gelähmt. Träumte er?

Der Sturm, der an ihm zerrte, nahm an Intensität zu.

»Wer bist du?«, fragte Antilius. Endlich gelang es ihm nach mehreren erfolglosen Versuchen zu sprechen, auch wenn es ihm schwerfiel.

»Das weißt du doch. Du weißt, wer ich bin. Das Schicksal hat uns zusammengeführt. Es ist immer das Schicksal.«

Das Jaulen des Sturms wurde lauter, und trotzdem konnte Antilius den Fremden problemlos verstehen. Er hatte Mühe, das Gleichgewicht zu wahren, denn der Sturm zog ihn langsam aber energisch gen Abgrund.

»Hast du keinen Namen?«, rief er hinüber.

»Für dich bin ich der Mann ohne Gesicht«, sagte der Mann ohne Gesicht ruhig und ohne besonders laut zu sprechen.

Antilius versuchte, sich vom Abhang wegzubewegen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht.

»Warum bist du hier?«, wollte der Fremde wissen. »Antworte endlich!«

»Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin. Ich weiß nicht einmal genau, wer ich bin«, sagte Antilius unsicher.

»Aber ich weiß es. Ich kenne den Grund. Ich weiß, wer du bist. Und ich weiß, was du vergessen hast. Soll ich es dir verraten, Antilius? Soll ich es tun? Möchtest du es wissen? Es könnte dir aber nicht gefallen. Du musst mich schon darum bitten, wenn du es wissen willst!«

Antilius war verwirrt und schwieg. Seine Gedanken waren vernebelt. So wie dieser Ort hier.

Der Mann ohne Gesicht wartete einen Moment, ehe er sprach: »Wenn du nicht weißt, was du eigentlich willst, dann kehre um!«

Antilius war aber entschlossen, nicht zu gehen. Es war ein unerklärbarer und fester Wille. Nicht umkehren!

»Nein«, sagte er automatisch.

»Kehre um, Antilius! Verfolge nicht meinen Weg! Erspare dir Leid und Kummer. Vergiss alles, was dir einmal etwas bedeutet hat, und vergiss diejenigen, die du geliebt hast. Ich bitte dich, GEH!«

»Ich werde nicht gehen!«

Der Sturm wurde immer heftiger. Wie aus dem Nichts bildete sich plötzlich eine schwere Nebelwolke auf der Seite der Schlucht, auf welcher der Mann ohne Gesicht stand. Die Silhouette des Fremden verlor nun an Kontrast. »Du kannst nicht ermessen, was geschehen wird, wenn du nicht umkehrst. Höre auf mich, Antilius!«, rief er mit einer fast flehenden Stimme.

»Ich werde nicht gehen. Ich kann nicht anders«, rief Antilius zurück, ohne zu überlegen, was er sagte.

Der Mann ohne Gesicht schien noch einen Augenblick nachzudenken. Dann fällte er sein Urteil. »Du Narr! Wenn es soweit ist, dann werde ich dein Schicksal sein«, brüllte er. Seine Konturen verschwanden nun vollends in den Nebelschwaden.

Antilius versuchte, den Fremden wieder aufzuspüren, als er plötzlich einen harten Stoß in den Rücken versetzt bekam.

Panisch ruderte er mit den Armen, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Doch der Stoß war zu stark gewesen. Er sank langsam wie in Zeitlupe vornüber und blickte in den Abgrund. Der Nebel darin war fort. An seine Stelle war ein tiefes Schwarz getreten.

Schwarz wie die Unendlichkeit.

Antilius’ Kopf fuhr herum: Es war der Mann ohne Gesicht.

Er war plötzlich hinter ihm und hatte ihn in den Abgrund gestoßen. Er wollte Antilius loswerden und floh.

Er hat Angst vor dir! Er fürchtet sich vor dem, was in dir verborgen ist.

Antilius konnte ihn nicht mehr verfolgen. Der Abgrund zog ihn in seinen Schlund.

Und während er zwei leuchtende Punkte, die wie Augen aussahen, in dem Schwarz der Tiefe zu erkennen glaubte, überfiel ihn eine bittere Kälte.

Er fiel.

Ankunft mit dem Althan

»Ich wollte Sie nicht beleidigen«, versicherte Antilius.

»Ach, nein? Denken Sie, ich bin taub?«

»Weswegen regen Sie sich so auf?«

»Sie haben gesagt, ich hätte da wohl ein kleines Problem. Wobei Sie ‚kleines’ besonders betont haben.«

»Das habe ich nicht.«

»Haben Sie wohl!«

»Nein!«

»Doch!«

»Also gut, vielleicht habe ich es ein wenig betont, aber ich habe damit auf keinen Fall auf Ihre Körpergröße angespielt.«

»Aha! Sie geben es also zu!«, rief der aufgebrachte Sortaner. Sein beigefarbenes Fell, das seinen leicht ovalen und sehr stämmigen Körper bedeckte, sträubte sich.

»Ich denke, es hat keinen Sinn, mit Ihnen weiter zu diskutieren«, sagte Antilius genervt.

»Ach! Vorhin hat es Ihnen ja auch nicht an Wortgewandtheit gemangelt, als Sie sich über mich lustig gemacht haben.« Der Sortaner wandte sich mit einem verächtlichen Gesichtsausdruck ab und widmete sich seinem Fernrohr, das er die ganze Zeit über in seinen kleinen plumpen Händen hielt. Er schaute übertrieben konzentriert hindurch. Doch irgendetwas schien nicht in Ordnung zu sein. »Verdammt, dieses Ding ist schon wieder kaputt! Dabei habe ich es gerade erst reparieren lassen«, fluchte das etwa einen Meter große Wesen.

Antilius war aber sofort aufgefallen, dass das Fernrohr nicht beschädigt war. Das Problem bestand schlicht darin, dass der Sortaner vergessen hatte, die Schutzkappe, die aus feinem Leder gefertigt war, abzunehmen. Antilius seufzte leise, überlegte einen Augenblick und fasste einen Entschluss. Beherzt griff er nach der Abdeckung und entfernte sie. Jetzt hatte der Sortaner einen fantastischen Blick von der Aussichtsplattform des alten, aber majestätischen Schiffes, auf dem sie sich beide gestritten hatten.

Eigentlich war es kein richtiges Schiff. Zumindest nicht für Antilius. Vielmehr war es ein gewaltiger, fast neunzig Meter hoher Baum, der stehend über das weite Meer zu schweben schien. Diese Art von Schiff nannte man auch Althan. Der Stamm hatte knapp über dem Wurzelwerk einen Durchmesser von fast neun Metern. In seiner ausladenden Krone trug er Dutzende Baumhäuschen, die als Quartiere für die Passagiere dienten. Sie waren durch unzählige Trassen über mehrere Ebenen miteinander verbunden. Diese schmalen Brücken wirkten wie ein unübersichtliches, dreidimensionales Spinnennetz, das die gesamte Krone des schwimmenden Baumes durchzog. Es waren besondere Bäume, Immerfestholzbäume, die nur auf der ersten Inselwelt Arbrit gediehen, und nur sehr wenige von diesen waren geeignet zu schwimmen und damit zu einem Althan zu werden.

Ein riesiger und äußerst robuster Wurzelballen diente als Schwimmkörper. Er bot ein optimales Gegengewicht zum Rest des Baums, der aus dem Wasser ragte. Der Stamm war innen hohl, sodass der gesamte Baum genügend Auftrieb bekam. An seinem gewaltigen Stamm waren auf zwei sich gegenüberliegenden Seiten je ein halbes Dutzend gigantische Segel gespannt. Jedes einzelne Tuch hatte eine bestimmte Funktion in der Art, den Wind einzufangen, und jedes hatte einen speziellen Namen, von denen Antilius jedoch keinen einzigen kannte. Er hatte sich nie für die Seeschifffahrt interessiert, sondern für das, wonach die Kapitäne zur See navigierten, nämlich die Sterne.

Althane waren nicht nur einfach Passagierschiffe. Nein, es waren Kunstwerke. Jedes Althan war ein Unikat und wurde deshalb von der Besatzung mit Hingabe gepflegt.

Das riesige Althan passierte langsamer werdend und praktisch geräuschlos den Leuchtturm der Bogenbucht. Hier befand sich der einzige Ankerplatz, der nahe genug zum Land der Fünften Inselwelt Truchten war, das Antilius zum ersten Mal in seinem Leben betreten würde.

»Ich glaube, so geht es besser«, sagte Antilius lächelnd, als er die Schutzkappe des Fernrohrs des kleinen behaarten Wesens entfernt hatte.

Der leicht erschrockene Sortaner nahm sein Teleskop herunter und schaute Antilius konsterniert mit seinen dunkelblauen Augen an. »Was erlauben Sie sich?«, schrie er unbeherrscht.

Antilius blieb ganz ruhig. »Nun, ich habe bemerkt, dass Sie Schwierigkeiten hatten, durch Ihr Fernrohr zu sehen. Das kleine Problem. Sie wissen schon.«

»Wollen Sie damit sagen, ich sei zu dumm, mein eigenes Fernrohr zu bedienen?«

»Ich ... ach, vergessen Sie es.« Antilius rollte mit den Augen und wandte sich von dem fremdartigen Geschöpf ab. Er konnte sich nicht erinnern, dass diese Spezies für ihr aufbrausendes Temperament bekannt war.

»Was?«, keifte der Sortaner weiter.

»Vergessen Sie es, und lassen Sie mich jetzt in Ruhe!«, rief Antilius zurück. Das war eigentlich nicht seine Art. Er war müde. Die Seereise war anstrengend gewesen, und letzte Nacht hatte er nach seinem Albtraum kaum schlafen können. Es war merkwürdig. Er konnte sich nur noch daran erinnern, wie er im Traum einen Schlag in den Rücken bekommen hatte und danach in ein tiefes Loch stürzte. Oder war es ein Abgrund? Als er aufwachte, schmerzte ihm der Rücken tatsächlich richtig. Auch jetzt fühlte er noch ein leichtes Drücken in der oberen Wirbelsäule. Es war fast so, als wäre der Traum beinahe real gewesen.

Der Sortaner schien überrascht über den Wutausbruch. Das kleine Wesen begann ihn ausführlich zu mustern.

»Sie müssen mein Verhalten entschuldigen. Ich bin heute nur ein wenig gereizt. Die Reise war sehr anstrengend. Wenn ich mich vorstellen darf: Mein Name ist Haif Haven, ich bin Händler. Sie können Haif zu mir sagen.«

Antilius war über den plötzlichen Sinneswandel überrascht. Er zögerte einen Moment, doch dann gab auch er sich versöhnlich. »Ich heiße Antilius. Womit handeln Sie, wenn ich fragen darf?«

»Vorwiegend mit wertvollen Informationen. Glauben Sie mir, damit kann man mehr verdienen, als wenn man mit materiellen Gütern handelt.«

»Verstehe.« Das war das Einzige, was Antilius als Konversation einfiel. Er verspürte trotz des versöhnlichen Tons seines kleinen, pelzigen und beleibten Gegenübers nicht das Bedürfnis nach weiteren Gesprächen, denn irgendetwas an diesem Sortaner war falsch, gleichwohl er keinen verschlagenen Eindruck bei ihm erweckte.

Truchten

Truchten war die größte der sieben Inselwelten Thalantias. Man sprach hier nicht von Kontinenten, sondern von Inselwelten. Das hatte vielleicht damit zu tun, dass Thalantia als eine verhältnismäßig kleine Welt zu über neunzig Prozent von Wasser bedeckt war und dass die sieben bekannten Landflächen nicht groß genug waren, um als Kontinente bezeichnet zu werden.

Truchten war zum Großteil von Wäldern und weiten Graslandschaften geprägt. Es gab vereinzelt kleinere Siedlungen. Nur die Hauptstadt Fara-Tindu, im Zentrum dieser Inselwelt stellte eine Ausnahme dar. Es war sozusagen das Handelszentrum von Thalantia. Hier lebten fast alle Völker dieser Welt miteinander, seien es nun Menschen, Sortaner oder zahlreiche andere Spezies, denen Antilius im Laufe seiner Reise noch begegnen würde.

Dieses Miteinander von verschiedenen Völkern und Kulturen stellte eine erfreuliche Ausnahme zum Rest Thalantias dar. Denn aus irgendeinem Grund war es üblich, dass jedes Volk und jede Glaubensgemeinschaft eher unter sich blieb und den Kontakt nach außen vermied.

Früher, vor sehr langer Zeit, da soll es einmal Königreiche auf Thalantia gegeben haben. Fünf an der Zahl sollen es gewesen sein. Wohlstand, technischer Fortschritt und ein gleichberechtigtes Miteinander, so erzählt man sich, waren die Grundpfeiler jener friedvollen Zeit. Aber das war schon sehr lange her, und niemand weiß heute genau, warum die Zeit der Könige mit einem Mal ein jähes Ende gefunden hatte. Von einem schrecklichen Krieg vor tausend Jahren war die Rede. Mit jenem Krieg verschwanden praktisch alle Spuren in die Vergangenheit. Spuren, die etwas darüber erzählen könnten, wie es damals gewesen war.

Dennoch verbarg die unscheinbare Welt Thalantia noch viele Geheimnisse und Mysterien aus jener Zeit, über die der eine oder andere zwangsläufig zufällig stolpern konnte. Es waren winzige Teile eines schier unendlich großen Puzzles, dessen Tragweite sich niemand auch nur im Entferntesten vorstellen konnte.

Das galt auch für Antilius. Eigentlich war er nach Truchten gereist, um etwas über sich selbst zu erfahren. Denn er wusste nicht, wer er war. Ja, er wusste nicht einmal, ob Antilius sein richtiger Name war. Er war vor nicht allzu langer Zeit unter mysteriösen Umständen aus einer Art Ohnmacht erwacht und hatte alles vergessen, das ihm etwas darüber verraten könnte, wer er war und wo er herkam. Und es gab bis heute niemanden, der ihn wiedererkannt hatte. Es war ihm manchmal so vorgekommen, als hätte er vor seinem Gedächtnisverlust nie existiert.

Hier auf Truchten schien es aber jemanden zu geben, der ihm etwas über sich erzählen konnte. Aber Antilius ahnte nicht, dass seine Ankunft auf der Fünften Inselwelt Ereignisse in Gang setzen würde, die über das Schicksal von Thalantia entscheiden sollten.

Nachdem das Gepäck ausgeladen worden war, verließen die ersten Passagiere über drei Lifte die Baumkrone des Althans und betraten den weit ins Wasser ragenden Kai des Fischerdorfes Itap-West.

»Ah! Endlich können wir an Land«, rief Haif erleichtert.

Er wirkte jetzt wesentlich entspannter. Und auch Antilius war froh, das für ihn fremde Land endlich betreten zu können.

Schließlich balancierten er und Haif Haven nach kurzer Fahrstuhlfahrt über den schmalen Steg. Das Gepäck war bereits unten. Alles musste sehr schnell gehen, denn das Althan hatte einen strikten Fahrplan einzuhalten und würde in weniger als einer Mondstunde die Bogenbucht im Westen von Truchten wieder verlassen.

»Sagen Sie, wissen Sie zufällig von einem Sternenbeobachter, der hier auf dieser Inselwelt leben soll?«, fragte Antilius Haif zögerlich.

Der wirkte überrascht: »Sternenbeobachter? Nein, tut mir leid. Keine Ahnung«, sagte er schnell. Sehr schnell.

Antilius wollte noch einmal nachhaken, bekam dazu jedoch keine Gelegenheit mehr, denn Haif schien sofort aufbrechen zu wollen.

»Auf Wiedersehen, Herr Antilius. Vielleicht kommen Sie mich ja mal besuchen. Ich wohne nur einige Hundert Meter entfernt, südöstlich von hier an der Küste. Und vielen Dank noch einmal für Ihre Hilfe.«

»Ja, auf Wiedersehen!« Antilius schaute dem kleinen Fellbündel hinterher, das rasch davon watschelte. Haif schien es wirklich ziemlich eilig zu haben. Vielleicht wollte er ein lukratives Geschäft abwickeln, überlegte Antilius.

Er freute sich jetzt erst richtig auf seinen Aufenthalt auf der Fünften Inselwelt, obwohl er wusste, dass er nicht hier war, um Urlaub zu machen. Es würde schwierig werden, den Sternenbeobachter aufzuspüren, diesen Brelius Vandanten, dem er zuvor noch nie persönlich begegnet war. Um ihn zu finden, hatte Antilius vor, sich zunächst in der Stadt Fara-Tindu umzuhören, die weiter im Landesinneren lag. Dort in der Nähe sollte Brelius leben. Jedenfalls hatte er dies in seinem Brief geschrieben, den Antilius vor fünfundzwanzig Tagen erhalten hatte. Die genaue Adresse, so Brelius, wollte er geheim halten. Weil er Angst vor etwas hatte, über das er nichts Näheres schreiben wollte. 

Entschlossen schnallte sich Antilius seinen schweren Rucksack auf den Rücken, legte sich noch eine Brusttasche um und hängte sich eine weitere randvoll mit Ausrüstungsgegenständen, von denen er keine Ahnung hatte, ob er sie überhaupt brauchen würde, vollgestopfte Tasche über die rechte Schulter. Die Bahn konnte nicht weit vom Dock entfernt sein. Vom Bahnhof aus könnte er dann mit einer der Gondeln weiter reisen. Diese Gondeln, so hatte Antilius es gelesen, waren auf Truchten ein uraltes Fortbewegungsmittel, das noch aus der Zeit stammte, als es noch Königreiche gegeben hatte. Eine Zeit, in der man neue Technologien auf Truchten erforschte.

Das tat man heute bekanntlich nicht mehr.

Merkwürdigerweise schlugen die übrigen Passagiere, die zusammen mit ihm und Haif hier angekommen waren, andere Wege ein als den, den Antilius anvisierte. Doch darüber dachte er nicht weiter nach. Er war zu aufgeregt.

Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus seiner Feldflasche, die er sich extra für diese Reise gekauft hatte, und setzte sich dann in Bewegung, vorbei an einem verwitterten Schild, das in Form eines Pfeils gesägt war. Auf diesem las er einen merkwürdigen Begriff: Amedium-Transporter.

Die fremde Stimme

Nach einer halben Mondstunde wurde Antilius’ anfänglicher Enthusiasmus jäh gedämpft. Das Gepäck, das er sich zuvor schwungvoll aufgeladen hatte, fühlte sich an, als hätte es sein Gewicht in der kurzen Zeit verdreifacht. Es zog immer stärker an seinen Armen. Sein Rücken schmerzte mehr als zuvor, und seine Fußsohlen brannten ebenfalls heftig. Er stöhnte auf. Schließlich unterbrach er seinen Marsch, schaute kurz prüfend zu Boden und ließ sich dann einfach auf den sandigen Untergrund plumpsen, wo er erst einmal eine Weile sitzen bleiben wollte, um zu verschnaufen. Antilius hatte nicht gedacht, dass der Weg so beschwerlich sein würde. Es ging fast die ganze Zeit bergauf. Der Weg, dem er folgte, bestand aus grobkörnigem Sand, der das Seinige dazu beitrug, dass sich ein paar kleine spitze Steine in seine Schuhe geschlichen hatten und dadurch den Fußmarsch zusätzlich erschwerten.

Er fluchte leise, zog seine Schuhe aus und schüttelte den Sand heraus. Als er gerade einen weiteren Fluch gen Himmel schicken wollte, fiel ihm dabei ein schwarzer Metallmast auf, der wie ein auf dem Kopf stehendes Y geformt war und dessen oberes Ende eine quer verlaufende Schiene trug.

Er atmete auf. Das musste die Schienenbahn sein. Er rappelte sich wieder hoch und lief die letzten hundert Meter zum Bahnhof, wobei er sein Gepäck achtlos hinter sich her schleifte.

Durch eine Schneise, die in den Wald geschlagen war, führte eine kupferfarbene Schiene, die etwa drei Meter über dem Boden an weiteren Trägern montiert war. Sie lief direkt auf eine Lichtung zu, auf der sich die Schiene gabelte. Die abzweigende Schiene selbst war verbunden mit mehreren Abstellgleisen, unter denen jeweils eine Transportgondel an einer Haltevorrichtung hing. Rechts neben den Gondeln erspähte er eine kleine Holzhütte, deren Fenster so stark verschmutzt waren, dass Antilius nicht in das Innere sehen konnte. Über dem Dach der Hütte war ein großes verwittertes Schild befestigt, auf dem Immerfestbaum Station geschrieben stand. Antilius wunderte sich über den Namen, denn soweit er wusste, gab es hier auf Truchten keine Immerfestbäume, aber vielleicht hat es sie früher gegeben.

Sollte das etwa der ganze Bahnhof sein? Eine lumpige Hütte?

Und noch viel wichtiger: Wo waren die Reisenden? Er war ganz allein.

Plötzlich bemerkte Antilius ein seltsames rotes Leuchten am Boden. Er näherte sich ihm verwundert. Das rötliche Leuchten entpuppte sich als eine kleine Blume, deren kreisrunde Blätter strahlend rot schienen. So ein wunderschönes Gewächs hatte er noch nie zuvor gesehen. Er vergaß plötzlich die Hütte, den Transporter und seine Mission; da war nur noch diese Blume.

Er kniete sich langsam vor ihr nieder, ohne sie aus den Augen zu lassen.

Eine Stimme tauchte plötzlich auf. Sie schien tief aus ihm selbst herauszukommen. Aber sie war fremd. Verzerrt. Und vorwurfsvoll.

»Wie konntest du nur?«

Antilius wurde ein wenig blass. Er hatte bisher noch nie eine derartig vergleichbare Halluzination gehabt - wenn es denn eine war - mit Ausnahme des merkwürdigen Traums von letzter Nacht mit dem Mann ohne Gesicht. Aber dies war kein Traum, es war anders. Und er war sich ziemlich sicher, dass diese Stimme nicht dem Mann ohne Gesicht gehörte. Und damit sollte er recht haben. Antilius wusste nicht, wem diese anklagende Stimme gehörte. Es würde noch eine sehr lange Zeit vergehen, bis er es herausfinden würde. Er würde auf viele weitere Mysterien stoßen, ehe sich alles zu einem Bild zusammenfügen würde. Dieses Erlebnis war nur ein Teil davon.

Der alte Mann und die Station

»Faszinierend, nicht wahr?«

Antilius erschrak. Die Stimme war genau hinter ihm, sie kam diesmal nicht aus ihm selbst. Es war eine echte Stimme und das beruhigte ihn im gleichen Augenblick des Erschreckens. Ruckartig drehte er sich um und erblickte einen alten weißhaarigen Mann, der sich auf einen gekrümmten, dicken Stock stützte und ihn dabei breit angrinste.

»Es heißt, wenn man sie zu lange betrachtet, kommt man nie wieder von ihr los«, sagte der alte Mann, zeigte dabei auf die Blume und lachte dabei herzlich.

»Das glaube ich gern. Sie ist wunderschön. Und wer sind Sie?«

»Mir gehört diese Station hier, mein Junge, und ich achte darauf, dass alles seine Ordnung hat.« Der Alte beendete seinen Satz wieder mit einem Lachen, das in ein leichtes Husten überging.

»Ich habe dich schon von Weitem gerochen!«

»Gerochen?«, fragte Antilius verwirrt.

»Ja. Ich bin in deinen Augen vielleicht ein Greis mit schlechten Augen und miserablem Gehör - was eigentlich auch zutrifft - aber mein Geruchssinn funktioniert immer noch tadellos.«

»Verstehe. Aber ich habe nichts dergleichen über Sie gedacht.«

»Wie heißt du, mein Junge?«

»Ich heiße Antilius.«

»Antilius«, wiederholte der Alte nachdenklich. »Hmm. Merkwürdiger Name. Habe ich noch nie gehört. Wie dem auch sei. Du schaust nicht so aus, als ob du von hier wärst, oder? Was willst du hier auf Truchten?«

»Ich komme von der Vierten Inselwelt, Bétha. Ich möchte unbedingt nach Fara-Tindu reisen, und zwar mit einer Ihrer Gondeln hier. Was muss ich Ihnen dafür bezahlen?«

Der alte Mann brach in schallendes Gelächter aus. Antilius ging dieses Lachen langsam auf die Nerven.

»Nein, nein, mein Jungchen. Behalte dein Geld! Der Schienentransporter hier ist jedem zugänglich, völlig umsonst. Komm mit! Ich zeige dir, wie du die Gondel bedienen musst.«

Der Alte drehte sich um und lief hinüber zum Gondelstellplatz, wobei er sich auf seinen Stock stützte und das rechte Bein bei jedem Schritt nachzog. Antilius warf noch einmal einen Blick auf die rote Blume, die ihn tatsächlich faszinierte. Diese Blume hatte wahrhaftig etwas Magisches an sich, was es ihm schwer machte, sich von ihrem Anblick loszureißen.

»He! Willst du da Wurzeln schlagen?«, rief der Alte.

Antilius wandte sich mit einem Seufzer ab und lief zu den Gondeln, wo der alte Mann schon leicht verärgert wartete.

»So, und jetzt erkläre ich dir, wie dieses Ding funktioniert.«

Antilius hörte den Ausführungen des Alten aufmerksam zu. Er ließ sich erklären, wie die Gondel, die genügend Platz für zwei Personen bot, beschleunigte, abbremste und wie man sich an Abzweigungen zu verhalten hatte. Es war sehr faszinierend, da er noch nie etwas Vergleichbares gesehen hatte. Aber alles wirkte auch unglaublich alt und verwittert.

»Sagen Sie, wie wird dieses Gefährt denn eigentlich angetrieben?«

Der Alte schaute ihn verdutzt an. »Woher soll ich das wissen?«

»Ich dachte, Sie kennen sich mit diesem Ding aus.«

»Na, da hast du dich aber gründlich geirrt. Ich weiß nur, wie man damit umgeht, mehr nicht. Ich habe es von meinem Vater gelernt. Und der von seinem Vater. Viele Generationen lang hat meine Familie die Gondelbahn am Leben gehalten, obwohl keiner jemals ihr Geheimnis entschlüsseln konnte. Die Gondeln sind uralt. Es ist ein Wunder, dass sie noch funktionieren.« Der alte Mann wirkte ein wenig gekränkt.

Antilius schaute sich nachdenklich um. »Nicht viel los hier«, sagte er und richtete dann einen prüfenden Blick auf den Alten.

»Du bist ein guter Beobachter, mein Junge.«

»Wieso habe ich das Gefühl, dass seit langer Zeit keiner mehr mit diesen Gondeln hier gefahren ist?«

Der Alte wich Antilius’ Blick aus. »Nun, das könnte daran liegen, dass es mit den Gondeln vor einiger Zeit ein paar sehr unglückliche Unfälle gegeben hat.«

»Unfälle?«, wiederholte Antilius vorwurfsvoll.

»Ganz recht, mein Junge«, antwortete der Alte nüchtern.

»Und das sagen Sie mir erst jetzt?«

»Mach dir keine Sorgen! Ich selbst bin mit dieser Gondel hier schon so oft gefahren. Dir wird schon nichts passieren.«

Antilius wusste, dass er mit dem schweren Gepäck unmöglich die Strecke zu Fuß bewältigen konnte.

»Also, mein Junge, ich würde vorschlagen, du beeilst dich jetzt mal ein bisschen. Die Sonne geht bald unter, und bis zur Stadt ist es ein langer Weg. Da du es heute nicht mehr schaffen wirst, dort anzukommen, empfehle ich dir, beim Großen Denkmal zu übernachten. Dort ist es sicher. Von einer Rast mitten im Alten Wald rate ich dir nämlich dringend ab.«

»Wieso das?«

»Hast du noch nie etwas von Piktins gehört, mein Junge?«

»Nein. Piktins? Was soll das sein?«

»Wer sind die, solltest du fragen.« Die Miene des Alten verfinsterte sich. »Es sind kleine hässliche Kreaturen, die hier in den Wäldern leben. Ihr kräftiges Gebiss ist im Verhältnis zu ihrem Körper riesig, und mindestens genauso groß ist auch ihr Hunger. Sie jagen am liebsten in der Abenddämmerung oder nachts. Sie zerfetzen alles, was ihnen vor ihre schleimige Nase kommt. Vor vielen Jahren bin ich einem dieser Biester nur knapp entkommen. Auf meiner Flucht habe ich mir das Bein gebrochen. Es ist nie wieder richtig verheilt«, sagte er und klopfte sich mit dem Gehstock leicht gegen das rechte Bein.

Sind Sie sicher, dass Sie sich das Bein nicht in einer ihrer Knochenbrecher-Gondeln verletzt haben?, wollte Antilius sagen, zwang sich aber dazu, es zu lassen.

Er wusste zunächst nicht, ob er dem Alten Glauben schenken sollte. Als er sich jedoch bewusst machte, dass er sich an einem ihm völlig fremden Ort befand, entschied er sich, die Warnung ernst zu nehmen.

»Na dann, Jungchen. Gute Reise. Und lass dich nicht auffressen!«

Daraufhin lachte der Alte wieder. Antilius jedoch konnte wieder einmal nicht mitlachen. Er verabschiedete sich höflich, belud die Gondel mit seinen Sachen und stieg anschließend selbst hinein. Dann betätigte er den Beschleunigungshebel, woraufhin der Antrieb ein dumpfes Geräusch von sich gab und das Gefährt langsam in Fahrt brachte.

Die Nacht im Wald und das, was sich im Wald verbarg

Die Abenddämmerung hatte eingesetzt. Der dichte Laubwald schien kein Ende nehmen zu wollen. An vielen Stellen waren die Äste so weit in den Schienenbereich hineingewachsen, dass sie die vorbeifahrende Gondel streiften.

Er wurde langsam nervös. Die Sonne war schon fast untergegangen, und jeden Augenblick würde die Dunkelheit hereinbrechen. Dann plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchte etwas Ungeheuerliches vor ihm auf: Ein paar Hundert Meter voraus erblickte er einen riesigen Statuenkopf, der sogar die höchsten Baumwipfel überragte. Er stellte das Haupt eines Mannes dar. Antilius war überwältigt. Diese Statue musste unfassbar riesig sein. Kurz nach seiner Entdeckung näherte er sich auch schon der von ihm sehnlichst erwarteten Abzweigung. Ein Zug am entsprechenden Hebel an der Schalttafel der Gondel genügte, um auf die abzweigende Schiene zu gelangen. Kurz darauf hielt die Gondel in einer der zahlreichen Parkbuchten, die genauso ausschauten wie die am Bahnhof. Als Antilius dann aus der Gondel ausstieg, stutzte er, weil keine andere Parkschiene besetzt war. Er war wieder ganz allein. Dieses aufkeimende Gefühl von Einsamkeit gefiel ihm überhaupt nicht.

Die monströse Statue war durch den dichten Wald von hier aus nicht zu sehen. Er holte seine Tasche mit dem Zelt darin aus dem Laderaum der Gondel heraus und lief den kurzen, sehr dicht mit Sträuchern bewachsenen Weg zum Platz des Alten Denkmals. Als er es endlich erreichte, eröffnete sich ihm eine surrealistische Kulisse. Die Statue, deren Kopf er bisher als Einziges gesehen hatte, war wirklich unglaublich riesig. Er schätzte, dass sie etwa vierzig Meter oder mehr in die Höhe ragte. Die steinerne Gestalt lagerte ihr Gewicht auf das linke durchgedrückte Bein, während das andere leicht angewinkelt war. Einen Arm stützte sie in die Hüfte. Der andere hielt ein riesiges Schwert.

Wer mochte diese Person gewesen sein? Da Antilius die Statue bis dahin nur von der Seite gesehen hatte, lief er soweit um sie herum, bis er sie direkt von vorne betrachten konnte. Unter ihren Füßen auf dem riesigen Sockel erblickte er eine stark oxidierte Kupferplatte, auf der 'Der König Arcadiens' geschrieben stand.

Antilius runzelte die Stirn. Arcadien? Einen Ort oder eine Stadt mit diesem Namen gab es heute nicht mehr. Die Zeit, als es noch Könige gab, war vermutlich weit über 900 Jahre her. Im Königskrieg wurden unfassbarerweise fast sämtliche Aufzeichnungen und Dokumente, die heute Auskunft über das damalige Zeitgeschehen hätten geben können, vernichtet. Es gab auf ganz Thalantia nur noch wenige Gelehrte, die durch mündliche Überlieferungen noch in der Lage waren, die Zeit der Könige annähernd zu rekonstruieren. 

Langsam löste Antilius seinen Blick von der Statue und schaute sich um. Eine wunderschöne runde Brunnenanlage zierte zu Füßen des steinernen Königs den Platz. Sie funktionierte allerdings nicht mehr. Langes lindgrünes Gras wuchs in dem kreisförmigen Becken. Alles war ziemlich verwahrlost. So überwucherten Unkraut und Büsche die Seitenränder des Beckens.

Auf dem runden Platz, der vom Wald eingeschlossen war, standen überall mehrere Bänke und verwitterte Laternen. Genau wie der Brunnen auch hatte die Natur alles übergrünt und ließ einen nur erahnen, wie es hier ausgesehen haben mochte, als es den Wald noch nicht gegeben hatte. Dies war ein sehr belebter Ort gewesen, doch der einstige Kult um diesen König musste irgendwann abgeebbt sein. Niemand kam mehr hierher.

Antilius baute rasch sein kleines Zelt auf. Er wollte sich schon schlafen legen, da hörte er plötzlich hinter sich ein leises Knacken, das von einem kleinen brechenden Ast ausgelöst wurde. Schnell drehte er sich um und schaute angestrengt in den dunklen Wald. Vielleicht näherte sich ja eines dieser gefräßigen Piktins. Er ging etwas dichter auf den Waldrand zu. Mittlerweile war es zwischen den Bäumen schon ziemlich dunkel geworden. Nur noch wenig war zu erkennen. Besorgt holte er seine kleine Petroleumlampe aus dem Zelt, entzündete sie und leuchtete damit sorgfältig die Stelle ab, aus der das Geräusch gekommen war. Er konnte jedoch nichts Ungewöhnliches ausmachen. Vielleicht war es ja irgendein kleines Tier, das hier lebte, oder es war einfach nur ein vertrockneter Ast, der von einem Baum gefallen war.

Vielleicht.

Die Angst, nachts im Schlaf von diesen Tieren verspeist zu werden, kroch eiskalt in ihm hoch. Aber vermutlich hatte der Alte vom Bahnhof ihm mit der Gruselgeschichte über die Piktins nur Angst machen wollen.

Antilius ging zurück zu seiner Gondel und fischte aus dem Gepäckraum ein kleines Messer heraus – nur zur Sicherheit.

Mittlerweile war es nun fast gänzlich dunkel geworden. Sehnsüchtig blickte er auf die Laternen des Platzes. Sie spendeten wohl schon seit Jahrhunderten kein Licht mehr und würden es auch in dieser Nacht nicht tun. Dann hörte er wieder ein 'Knack' aus dem Wald, nur diesmal lauter. Er erstarrte und horchte. Wieder knackte es, und noch einmal. Und dann vernahm er zu seinem Entsetzen sogar zwei Schrittgeräusche, die er wegen des mit trockenem Laub bedeckten Waldbodens unzweideutig hören konnte. Was immer diese Geräusche verursacht hatte, es war groß.

Antilius begriff, dass sich ihm irgendjemand oder irgendetwas näherte. Hastig griff er wieder nach seiner Petroleumlampe und leuchtete den Waldrand ab.

Nichts war zu entdecken. Doch dann konnte er einen Schatten am Rand seines Lichtkegels ausmachen, der hinter einem breiten Baumstamm verschwand. Er sah so aus, als stamme er von einem Menschen. Oder auch nicht. Auf jeden Fall ging es auf zwei Beinen.

»Wer ist da? Kommen Sie raus!«

Nichts geschah. Absolute Stille. Antilius’ Puls raste. Seine Muskeln spannten sich. »Ich kann Sie sehen, also kommen Sie heraus!« Mit diesem Bluff wollte er den Unbekannten austricksen, denn sehen konnte er praktisch gar nichts.

Nichts rührte sich.

»Vorsicht hinter dir!« Die Stimme, die Antilius warnte, kam von der Seite. Er fuhr ruckartig in Richtung dieser Stimme herum, wobei der Lichtkegel seiner Körperbewegung folgte. Doch bevor er sich vollständig umdrehen konnte, spürte er einen harten Schlag im Genick. Antilius ließ seine Lampe fallen, sackte zusammen und verlor sofort das Bewusstsein. Seinen Angreifer sah er nicht mehr.

Auch sah er nicht wie das schwarze Wesen, das ihn niedergeschlagen hatte, damit begann, sein Zelt zu durchwühlen. Zwei weitere Gestalten traten in den Lichtkegel der auf dem Boden liegenden Lampe. Und noch eine weitere Gestalt tauchte auf. Aber sie kam nicht wie die anderen aus dem Wald, sondern aus der Luft. Die auf dem Rücken des Geschöpfs gewachsenen Flügel waren voll aufgespannt, als es auf dem Boden mit seinen krallenartigen Füßen landete. Mit abwechselnd zischenden und knackenden Lauten gab es Befehle an die anderen drei. Diese wiederum antworteten in der gleichen Sprache, wobei sie den Befehlsgeber direkt anschauten, um seine Position als Anführer zu respektieren.

Die Wesen intensivierten daraufhin ihre Zeltdurchsuchung, und eines hastete zur Gondel, in der Antilius sein Gepäck hatte liegen lassen. Es stieß den Laderaum der Gondel auf und zerrte wild alle darin befindlichen Sachen heraus. Der Anführer hingegen rührte sich nicht und beobachtete mit seinen großen, gelben Augen, die hervorragend in der Dunkelheit sehen konnten, das Treiben seiner Untergebenen.

»Verschwindet oder ich werde euch grillen!« Diese Drohung stieß die gleiche Stimme aus, die Antilius zuvor vor dem Angriff aus dem Hinterhalt vergeblich gewarnt hatte. Die geflügelten Wesen schreckten auf, schauten sich verängstigt um, konnten aber trotz ihres sehr guten Sehvermögens nichts erkennen.

»Feuer! Feuer! Lauft um Euer Leben!«, schrie die Stimme aus der Dunkelheit.

Daraufhin brach Panik bei den Dieben aus. Der eine, der gerade dabei war, die Gondel leer zu räumen, rannte zurück in den Wald, wobei er alles nur irgend möglich Tragbare, das er gefunden hatte, mitnahm. Der Anführer breitete wieder seine großen, mit einer dunklen Haut bespannten Flügel aus und hob mit kräftigen Schlägen ab. Die beiden, die das Zelt durchwühlt hatten, taten es ihm gleich.

Ein Feuer gab es aber nicht.

»Ha! Feiglinge, elende Feiglinge!«, triumphierte die Stimme.

Danach wurde es eine Weile still. Die Diebe waren verschwunden, und Antilius hatte immer noch nicht das Bewusstsein wiedererlangt.

»He du! Aufwachen! Wach auf, na los!«

Doch Antilius hörte die Stimme nicht. Der Schlag ins Genick hatte ihn in eine lang anhaltende Ohnmacht gestürzt.

Etwa eine Mondstunde später kam Antilius endlich wieder zu sich.

Ihm war furchtbar übel. Sein Nacken schmerzte und sein Kopf fühlte sich an, als ob er jeden Moment platzen würde. Er wollte aufstehen und zu der Gondel laufen, um nachzusehen, ob dort etwas gestohlen worden war. Als er jedoch auf beiden Beinen stand, befiel ihn ein heftiger Schwindelanfall. Er taumelte und schaffte es gerade noch, sich an einer der überwucherten Bänke festzuhalten und sich zu setzen.

Er beschloss, sich in sein Zelt zu verkriechen und sich hinzulegen. Als er sich dann stöhnend vor Schmerzen auf den Rücken legte, horchte er noch einmal, ob sich draußen etwas bewegte.

Irgendwann schlief er ein. Es war aber nur ein leichter und unruhiger Schlaf.

In der frühen Morgendämmerung erwachte er. Er setzte sich in seinem Zelt auf und stellte erleichtert fest, dass er sich schon viel besser fühlte. Er lief hinüber zum Gondelstellplatz. Schon aus einiger Entfernung konnte er sehen, dass die Ladeluke seiner Gondel offen stand. Als er sein Gefährt erreichte, bestätigten sich seine schlimmsten Befürchtungen. Alles war verschwunden. Seine komplette Ausrüstung. Seine Kleidung, sein Proviant, alles.

Er seufzte. Er fühlte sich aber noch zu schwach, um sich aufzuregen oder zu fluchen. Was sollte er jetzt machen? Ohne Ausrüstung wäre seine Reise unter Umständen völlig sinnlos.

»He du! Wo bist du? Komm her zu mir!«

Antilius erschrak und wandte sich in Richtung des Denkmalplatzes, um zu sehen, woher die Stimme kam.

»Na los! Komm her zu mir!«

Antilius hielt es für besser, nicht zu antworten. Vielleicht rief da derjenige, der ihn niedergeschlagen hatte. Geduckt schlich er am Wegesrand zurück zum Platz.

»Hallo! Ich kann dich doch sehen. Na los, komm her!«

Antilius schwieg weiter. Hinter einem Busch versteckt, versuchte er, den Fremden ausfindig zu machen. Er konnte aber wieder niemanden sehen.

»Hier bin ich! Hier gegenüber! In dem Laub. Hierher!«

Jetzt konnte Antilius genau ausfindig machen, dass die Stimme irgendwo von dem Rand des Platzes neben einer der Bänke kam. Er kam vorsichtig aus seinem Versteck hervor und lief hinüber zu der Bank, von der die Stimme zu kommen schien.

»Hierher!«

Antilius kniete neben der Bank nieder und sah aber immer noch niemanden.

»Direkt vor deiner Nase. Hier bin ich!«

Dann bemerkte er etwas. Etwas im Laub. Es war aus Metall. Und aus Glas. Er schob mit seiner Hand die Blätter zur Seite und zum Vorschein kam ... ein Spiegel. Ein kleiner rechteckiger Handspiegel mit einem Griff an der Unterseite, der gegen einen moosbewachsenen Stein gelehnt war.

»Es wäre schön, wenn du den Spiegel mal in die Hand nehmen würdest. Dann kann ich dich sehen und du mich.«

Antilius starrte den Spiegel mit weit geöffnetem Mund an. Zunächst glaubte er an irgendeinen Trick. Eine Illusion. Vielleicht hatte ihn der Schlag von letzter Nacht härter getroffen als geglaubt. Aber dem war nicht so.

»Nun mach schon!«, forderte ihn die Stimme ungeduldig auf.

Vorsichtig streckte Antilius eine Hand nach dem Spiegel aus. Er berührte den schnörkellosen Griff, zögerte noch einmal und umschloss ihn dann fest.

Eigentlich erwartete er, in dem Spiegel sein eigenes Gesicht zu sehen, aber was sich ihm jetzt bot, ließ ihn die Luft anhalten. Antilius konnte durch das Spiegelglas hindurchsehen wie durch ein Fenster. Hinter dem Glas stand ein schmächtiger Mann mit braunen Haaren und abgewetzter Kleidung. Er befand sich in einem kleinen Zimmer mit nur einem einzigen Fenster. An der rechten Seite stand ein kleines Bett. An der gegenüberliegenden Seite ein einfacher alter Holztisch mit einem noch einfacheren Stuhl.

»Was ... Wer ...«, Antilius brachte keinen vollständigen Satz heraus. Er war völlig perplex.

Der Mann hinter dem Spiegelglas nickte verständnisvoll: »Schon gut. Ich verstehe schon. Glaube mir, du bist nicht der Erste, dem die Kinnlade herunterklappt. Stell dir vor, einmal ist jemand sogar schon in Ohnmacht gefallen, weil er dachte, ich wäre so eine Art böser Kobold, aber das mit der Ohnmacht hast du ja schon hinter dir, nicht wahr? Ich hoffe, du bist kein Wiederholungstäter.« Der Mann lächelte augenzwinkernd. »Gilbert.«

»Was?«

»Gilbert. Das ist mein Name. Und du bist ...«

»Antilius. Wie ... wie bist du in den Spiegel geraten?«

Gilberts Miene wurde ernster. »Du glaubst doch wohl nicht, du wärst der Erste, der mich so etwas fragt? Es ist eine lange Geschichte, die dich nur langweilen würde«, sagte Gilbert.

»Wie du willst.« Antilius schaute noch einmal genauer in das Bild, das der Spiegel ihm bot. Gilbert trat sogar ein Stück zur Seite, damit er sein Zimmer genauer betrachten konnte. Hinter dem Fenster von Gilberts Zimmer strahlte ein hellblauer Himmel, der am Horizont auf eine gigantische Wildblumenwiese traf.

»Ich weiß, es ist nicht gerade eine Luxusherberge, aber man kann es sich halt nicht immer aussuchen.«

»Ist dies hier so eine Art Kommunikationsinstrument, über das wir uns sehen und sprechen können?«, wollte er wissen.

»Nein. Das ist es nicht. Ich bin nicht irgendwo anders und spreche mit dir. Nein, ich bin hier in diesem Spiegel gefangen. Dies ist ein Gefängnis für jedwede Art von Lebensform, die es auf Thalantia gibt.«

»Das verstehe ich nicht. Und wie siehst du mich?«

»Ich habe hier auch einen Spiegel. Er hängt an der Wand und ich sehe dich im Wald stehen. Hinter dir erhebt sich diese entsetzlich protzige Statue, deren Bildhauer wohl so wenig Talent gehabt haben muss, sodass er seine Hände mit seinen Füßen verwechselte.«

»Was heißt, du bist im Spiegel gefangen?«

»Ich wurde zur Strafe hierher verbannt, obwohl ich nicht einmal einen Prozess bekommen habe. Du kannst dir das nicht vorstellen, aber das ist die schlimmste Strafe, die es auf der Siebeninselwelt gibt. Ich kann hier nicht einmal etwas essen und verhungere trotzdem nicht. Diese Strafe wird heute gar nicht mehr angewendet, weil es keine Spiegel mehr gibt, soweit ich weiß. Aber niemand, den ich bisher getroffen habe, weiß, wie ich hier wieder rauskommen kann.«

»Dein Zimmer hat keine Tür«, bemerkte Antilius.

»Genau! Praktisch, nicht wahr? So ist es mir unmöglich, jemals zu entkommen«, sagte Gilbert zynisch.

»Warum kannst du nicht einfach durch das Fenster steigen?«

»Ja, das könnte ich machen, aber ich tue es nicht, weil es nämlich dort draußen nichts gibt.«

»Aber ich sehe doch Gras und die Sonne!«

»Das ist nur ein Konstrukt meiner Fantasie. Dort draußen könnte auch genauso gut ein höllischer Schneesturm treiben. Nein, da ist nichts. Und wenn ich versuchen würde, in das Nichts zu gehen, dann werde ich auch zu Nichts. Verstehst du?«

»Na ja, nicht vollkommen. Das ist wirklich alles sehr verwunderlich.« Antilius machte eine Pause. »Man hat dich also aufgrund eines Verbrechens in dieses ... dieses Gefängnis gesperrt?«

Gilbert wurde laut: »Es kommt darauf an, wie man Verbrechen definiert. Ich bin mir sicher, dass du es auch nicht als Verbrechen bezeichnen würdest. Ganz im Gegenteil.«

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, dass ich hier zu Unrecht eingesperrt bin! Bitte, nimm mir das nicht übel, aber ich habe jetzt wirklich keine Lust mehr, darüber zu sprechen.«

»Na schön. Darf ich dann wenigstens fragen, wie dieser Spiegel hierher gekommen ist?«

»Mein alter Meister hat mich hier einfach in den Dreck geschmissen. Mit dem habe ich noch eine Rechnung offen.«

Antilius runzelte die Stirn. »Dein alter Meister?«

Gilbert zog sich den einzigen Stuhl in seinem Zimmer heran und setzte sich. »Zu meiner Bestrafung gehört es ebenfalls, dass ich, oder besser gesagt mein Spiegel, an eine ausgewählte Person geschickt werde. Diese Person ist dann mein Meister, wenn sie es denn sein will. Du glaubst ja gar nicht, wie viele Verrückte es da draußen gibt.

Mein letzter Meister war wohl meiner überdrüssig geworden, was im Übrigen auf Gegenseitigkeit beruhte, sodass er sich meiner Präsenz entledigte. Seit mehr als neunzig Tagen liege ich nun schon hier. Diese Einsamkeit ist einfach schrecklich. Aber jetzt bist du ja da. Du bist mein neuer Meister.«

»Was? Ich bin gar nichts! Soll ich dich etwa die ganze Zeit mit mir herumschleppen?«

Gilbert stand von seinem Stuhl auf und ging näher an den Spiegel heran. »He, denk mal bitte daran, wer diese Gorgens vertrieben hat! Wenn ich sie nicht verscheucht hätte, dann hättest du mehr als nur Kopfschmerzen.«

»Gorgens? Sind das die, die mich ausgeraubt haben?«

Gilbert nickte. »Ich wollte dich ja noch warnen, aber da war es schon zu spät. Die Sachen, die sie dir gestohlen haben, wirst du wohl nie wieder sehen. Tut mir leid.«

»Also du warst die Stimme aus dem Nichts.« Antilius überlegte. »Nun, dann muss ich mich wohl bedanken, dass du versucht hast, mir zu helfen. Wenn du willst, dann nehme ich dich mit in die Stadt und dort könnte ich dich ja an jemanden ...«

»Nein! Nein!«, rief Gilbert. »Bitte! Gib mich nicht wieder her! Kann ich nicht bei dir bleiben? Ich werde dir bestimmt auch keinen Ärger machen. Aber bitte gib den Spiegel nicht jemand anderem und lass ihn und damit auch mich nicht hier im Wald. Bitte tu das nicht.«

In diesem Augenblick sah Antilius etwas sehr Deutliches in Gilberts Augen. Wenn er es in Worte hätte fassen müssen, wäre der wohl passende Ausdruck Verzweiflung gewesen.

Unangenehme Stille folgte.

»Also gut, ich werde dich mit mir nehmen. Mir sind ja ohnehin alle anderen Sachen gestohlen worden.«

Gilberts Gesichtszüge entspannten sich sichtlich. »Wunderbar! Du wirst sehen, ich kann dir eine große Hilfe sein. Und jetzt erzähle mir, was du hier auf Truchten machst. Du bist nicht von hier, stimmt’s?«

»Sieht man mir das denn so deutlich an?«

Gilbert nickte eifrig.

»Ich bin auf der Suche nach einem Sternenbeobachter namens Brelius Vandanten. Er ließ mir vor einigen Tagen einen Brief zukommen, in dem er andeutete, dass etwas Schreckliches passiert sei. Er bräuchte dringend meine Hilfe und ich sollte mich so schnell wie möglich zu ihm begeben.« Antilius hielt es zu diesem Zeitpunkt noch für ratsam, Gilbert nichts über seinen Gedächtnisverlust und das Wissen von Brelius um diesen zu erzählen. »Er kannte meinen Namen und wusste auch, wo ich wohne. Mir kam die Sache zwar ziemlich merkwürdig vor, aber ich entschloss mich, ihn aufzusuchen. Also packte ich meine Ausrüstung zusammen und reiste hierher. Aber nun ist alles weg, und wo dieser Brelius genau wohnt, weiß ich auch noch nicht.«

Gilbert machte ein nachdenkliches Gesicht. »Brelius Vandanten. Diesen Namen kenne ich in der Tat! Eigentlich kennt ihn fast jeder in Fara-Tindu, denn er war ein recht eigenartiger Mann. Ich habe allerdings lange nichts mehr von ihm gehört. Ich war allerdings auch lange nicht mehr in der Stadt. Aber keine Sorge. Ich kenne jemanden, der uns helfen könnte, ihn zu finden. Sein Name ist Pais Ismendahl. Wenn uns jemand helfen kann, dann er.«

»Na, dann wollen wir keine Zeit verlieren. Ich packe noch schnell das Zelt zusammen, und dann brechen wir auf.«

»In Ordnung, Meister.«

»Gilbert, du musst mich nicht Meister nennen. Antilius reicht völlig aus.«

Ob sich Gilbert daran halten würde, war mehr als fraglich.

Fara-Tindu

Die Fahrt nach Fara-Tindu bot Antilius viel Zeit, sich mit Gilbert zu unterhalten.

»Wen, meintest du, Gilbert, können wir nach dem Aufenthaltsort von Brelius befragen?«

Gilberts Spiegel stand auf einer kleinen Ablage in der Gondel, die durch den endlos scheinenden Wald rauschte.

»Wir sollten zunächst Pais Ismendahl aufsuchen. Er ist einer der wenigen Gelehrten hier. Er stammt aus dem Haus Kellron, welches in den Ahnenländern liegt.«

»Die Ahnenländer? Ich habe gehört, dass es unmöglich sei, diese Region zu verlassen oder zu betreten.«

»Das ist richtig. Die Ahnenländer sind eine eigene kleine Insel, die einmal ein Teil von Truchten gewesen sein soll. Heute sind die Ahnenländer vom Rest dieser Inselwelt durch eine gigantische Felsschlucht getrennt, die keiner passieren darf – und kann. Um diese Schlucht ranken sich viele Mythen. Die Erde dort soll vergiftet sein. Ein unheimlicher Ort, um den sogar die Wolken am Himmel einen Bogen machen. Pais aber hat es geschafft. Er floh.«

»Warum?«, wollte Antilius wissen.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte er einfach nur nicht länger auf der Insel eingesperrt sein und rauskommen.«

Gilbert pausierte kurz und Antilius glaubte, durch den Spiegel einen Schatten auf Gilberts Gesicht sehen zu können, der ihm sagte, dass Gilbert gerade an etwas anderes dachte, vielleicht an eine andere Version der Geschichte von Pais Ismendahl.

Kurz darauf erreichten die beiden das alte Stadttor von Fara-Tindu. Früher hatte ein schweres gusseisernes Gitter herabgelassen werden können, sodass die Stadt ungebetene Besucher fernhalten konnte.

Eingerahmt war das Tor von zwei verfallenen Wachtürmen, die je auf einem Steinsockel gebaut waren. Das Holz, aus denen sie bestanden, war allerdings schon ziemlich morsch, obwohl es sich auch um das Jahrhunderte überdauernde Immerfestholz handelte. Antilius folgerte aus seinen Beobachtungen, dass Fara-Tindu in der Vergangenheit eine riesige Festung gewesen sein musste oder ein andersartiger, strategisch wichtiger Ort.

»Hat hier ein Krieg stattgefunden?«, fragte Antilius, während sich die Gondel dem offenen Tor näherte.

»Es war der Ort, an dem der lange und so genannte Fünf-Königs-Krieg beendet wurde. Ein jahrelanger Krieg. Aber das ist schon ziemlich lange her. So genau weiß ich es auch nicht. Aber wer weiß schon wirklich etwas Genaues über den Königskrieg?«

»Also deshalb gleicht die ganze Stadt eher einer Festung.«

»Ja. Die gesamte Stadt ist von einer Steinmauer umgeben, die allerdings schon halb zerfallen ist, weil ihre Architekten damals unter dem extremen Zeitdruck schlampig gearbeitet haben.«

So abstoßend Antilius das äußere Gesicht der Stadt empfand, so überrascht war er, als sich ihm ihr idyllisches Innere präsentierte.

Die Gondel durchquerte langsam eine lange Gasse, deren Seiten spielerisch gebaute Fachwerkhäuser säumten. Zahlreiche Händler boten ihre Waren am Straßenrand an. Gemüse, Obst, Bier, Kleidung, Schmuck - alles Mögliche wurde verkauft. Kaufwillige gab es genug. Es herrschte reger Betrieb.

Antilius konnte in dem Gewimmel Menschen ausmachen, und er erkannte viele Sortaner, die Haif zum Verwechseln ähnlich sahen. Doch es gab noch andere Spezies, die Antilius nicht kannte. Manche sahen aus wie ein wandelndes Stück Holz, andere eher wie entfernte Verwandte von Vögeln, wieder andere so wie er, nur mit kleinen Unterschieden wie zum Beispiel grünlicher Haut.

Die Tatsache, dass hier derart viele unterschiedliche Wesen dicht gedrängt nebeneinander lebten, erschreckte ihn ein wenig. In seiner Heimat gab es nichts Vergleichbares. Andere Wesen kannte man dort vornehmlich aus Büchern oder von Geschichten. Truchten war in dieser Hinsicht einzigartig.

Der anfängliche Schreck wurde aber schnell durch die aufsteigende Faszination verdrängt.

Die Gondel verlangsamte ihre Geschwindigkeit und parkte in einem Gondelstellplatz, der sich in einem kleinen Hof befand, mitten zwischen den Häusern. Obwohl die rostfreie Amedium-Bahn schon Hunderte Jahre alt war und auch sehr lange Zeit wohl nicht mehr verwendet wurde, hatte niemand in dieser Zeit die Schienen, die in die Stadt führten, demontiert.

Antilius sprang aus seinem Gefährt und lugte noch etwas verunsichert um die Ecke, um das Treiben auf der Verkaufsstraße zu beobachten.

»He! Würdest du mich vielleicht mitnehmen? Ich habe keine Lust, hier alleine zu bleiben und auf den Nächsten zu warten, der meinen Spiegel raubt!« Gilbert schrie so laut, dass einige Passanten stehen blieben und verwundert zur Gondel herüberschauten.

»Ja, ja. Ich habe dich nicht vergessen«, grummelte Antilius zurück. »Kein Grund, hier so herumzubrüllen.«

Antilius nahm den Spiegel aus der Gondel und steckte ihn sich kurz entschlossen in die Hosentasche.

»Halt! Stopp! Was machst du denn da?«, protestierte Gilbert.

Antilius hielt in seiner Bewegung inne. »Was ist jetzt schon wieder nicht in Ordnung?«

»Du kannst mich doch nicht so einfach wegstecken. Ich will auch sehen, was du siehst! So kann ich dir doch nicht helfen!«

Antilius zog den Spiegel wieder aus der Tasche und grübelte, wie er Gilberts Wunsch am besten nachkommen konnte. Dann schaute er auf seinen Gürtel herab und hatte eine Idee. Er steckte den Spiegel mit seinem Griff nach unten in seinen Gürtel, sodass Gilbert nun nichts mehr entgehen konnte und er einen komfortablen Ausblick genießen konnte, wenn auch nicht auf Augenhöhe.

»Ja. So ist es schon viel besser«, bestätigte er.

»Also, wo müssen wir jetzt hin?«, fragte Antilius ungeduldig.

»Um diese Uhrzeit speist Pais für gewöhnlich im Wirtshaus Goldtrank. Es ist das einzige Wirtshaus, das seine Leibspeise zubereiten kann: rohen Tintenfisch! Er wird extra für ihn von der Küste hierher geliefert.«

»Köstlich«, murmelte Antilius angeekelt.

Er bemühte sich daraufhin krampfhaft, das Bild eines rohen Tintenfisches mit seinen glibberigen Tentakeln auf einem Teller aus seinem Kopf zu verdrängen, während er zum Wirtshaus schlenderte.

Zufällig, ohne dass er selbst es bemerkte, lief ein Gorgen an ihm vorbei. Es handelte sich nicht um einen derjenigen, die ihn überfallen hatten. Antilius erkannte das Geschöpf nicht als Gorgen, weil er während des Überfalls letzte Nacht keine Gelegenheit bekommen hatte, einen zu betrachten.

Gilbert aber erkannte sofort, um welche Rasse es sich handelte und ließ es sich nicht nehmen, sich einen Spaß daraus zu machen.

»Feuer!«, schrie er aus Leibeskräften.

Alle Passanten in Antilius’ Nähe blieben abrupt stehen und schauten sich verschreckt um, konnten jedoch das vermeintliche Feuer nicht ausmachen. Natürlich gab es keinen Brand, aber Gilbert wollte dem Gorgen einen Schrecken einjagen, wohl wissend über dessen angeborene Urangst vor Flammen. Während der Gorgen in Panik seine Flügel aufriss und so schnell er konnte davonflog, registrierten die anderen Leute schnell, dass es kein Feuer gab und setzten kopfschüttelnd oder auf den verdutzten Antilius schimpfend ihren Weg fort.

»Was sollte das?«, fragte er ebenso schockiert wie böse.

»Ich wollte dem Gorgen nur einen kleinen Schrecken einjagen. Das sind Mistviecher! Die haben es nicht anders verdient. Ist mir doch gelungen, findest du nicht? Wenn diese Gorgens nicht eine derart ausgeprägte Phobie vor Feuer hätten, wäre ich gestern nicht in der Lage gewesen, sie zu verscheuchen.«

»War das etwa einer der Diebe?«, wollte Antilius wissen und schaute dabei dem davonfliegenden Gorgen hinterher.«

»Nein, der ist harmlos. Bedenke, dass, wer sich in Fara-Tindu aufhält, keine Verbrechen begangen hat. Dafür sorgt die Stadtwache. Frage nicht, wie oder warum. Es ist so.«

»Dann hättest du dir diesen Unsinn ja auch sparen können. Sieh doch nur, wie mich alle jetzt anschauen. Die denken doch jetzt, dass ich ein Verrückter bin.«

»Nun sieh das mal nicht so eng. Das war doch nur ein harmloser Spaß«, beschwichtigte Gilbert.

Doch Antilius’ Sorge schien berechtigt gewesen zu sein. Aus dem Getümmel trat plötzlich eine große Gestalt in grauer Uniform mit einem polierten silbernen Brustschild heraus, um ihn abzufangen.

Ein scharfer, angsteinflößender Blick fiel auf ihn herab und fixierte ihn. Es war eine der Stadtwachen.

»Na toll«, murmelte Antilius.

Die Wache blieb ein paar Zentimeter vor ihm stehen und baute sich vor ihm auf, um sich noch ein wenig größer zu machen, obwohl dies völlig unnötig war, denn sie war ohnehin etwa drei Köpfe größer als er.

»Bei der Ehre unserer heiligen Stadt Fara-Tindu! Was sollte dieses Geschrei?« Die Stimme der Wache war äußerst tief und durchdringend, sodass Antilius kurz zusammenzuckte.

»Ich war das nicht! Mein Freund hier dachte, er könne sich einen kleinen Spaß erlauben«, sagte Antilius mit zittriger Stimme und zeigte dabei auf seinen Spiegel, der immer noch in seinen Hosengürtel geklemmt war. Die Augen der Wache folgten ungläubig seinem Fingerzeig. Doch in diesem Moment schien die Sonne so unglücklich auf die Spiegeloberfläche, dass das Licht vom Glas reflektiert wurde und man das Innere nicht sehen konnte. Danach schaute die Wache Antilius wieder ins Gesicht, mit einem noch düstereren Blick als zuvor. Er war überrascht, dass es diesbezüglich noch eine Steigerung gab.

»Aber sicher. Dein kleiner Spiegel hat herumgebrüllt.«

»Ja. Glauben Sie mir etwa nicht?«

»Jetzt hör mir mal ganz genau zu, du armer Irrer. Wenn du noch einmal auf die Idee kommst, Ärger zu machen, dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass du nie wieder einen Ton von dir geben kannst. Hast du mich verstanden?«, knurrte die Wache gefährlich ruhig und durchbohrte Antilius mit ihren Augen. Für einen verrückten Augenblick dachte Antilius, er könne kleine Dampfwölkchen aus den großen Nasenlöchern seines wütenden Gegenübers strömen sehen.

In Anbetracht dieser überzeugenden Drohung hielt er es für angebracht, nicht darauf zu bestehen, dass in Wahrheit Gilbert für den Schlamassel verantwortlich war. Und so nickte er nur brav und piepste: »Es kommt nicht wieder vor. Ich verspreche es. Es tut mir leid.«

»Ja, mir auch«, sprach der Wachmann und riss Antilius den Spiegel aus seinem Gürtel, warf ihn auf den Boden und trat mit zwei kräftigen Fußtritten darauf.

Antilius war entsetzt, traute sich aber nicht, etwas zu sagen. Er stand nur wie gelähmt da, mit weit aufgerissenen Augen.

Die Wache verabschiedete sich dann mit einem höhnischen Grinsen und verschwand ebenso schnell, wie sie aufgetaucht war wieder in der Menge der Passanten.

Als Antilius überzeugt war, dass er unbeobachtet war, bückte er sich hastig, um nach dem Spiegel zu schauen. Er erwartete einen Scherbenhaufen, aber er wurde wieder überrascht. Das Spiegelglas war weder zerbrochen, noch hatte es den kleinsten Kratzer abbekommen. Durch das völlig unversehrte Glas konnte er Gilbert sehen, der in etwas größerem Abstand als sonst zur Spiegelwand stand und einen perfekt reuigen Blick aufgelegt hatte. Antilius’ Schrecken wandelte sich erst langsam aber dann immer schneller in brodelnde Wut um. »Was glaubst du eigentlich, wer du bist?«, zischte er Gilbert an.

»Es tut mir wirklich leid. Ich hatte ja keine Ahnung, dass hier ein Ordnungshüter sein Unwesen treibt. Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals so etwas getan.

Am besten wir vergessen das Ganze und gehen weiter nach Pais suchen. He, ich habe eine Idee: Wenn wir im Wirtshaus angekommen sind, dann solltest du dir dort einen blauen Bergquell bestellen. Ein wunderbares Getränk, das dich nach dem kleinen Schrecken ganz sicher wieder eine wenig beruhigen wird, und dann kannst du diesen dummen Vorfall ganz einfach vergessen.«

»Ich habe eine bessere Idee: Ich werde nach Pais suchen und lasse dich einfach hier liegen. Was hältst du davon?«, fauchte Antilius wütend.

Gilbert sah plötzlich sehr besorgt, ja ängstlich aus. »Also, ehrlich gesagt, halte ich davon nicht besonders viel. Ich entschuldige mich nochmals. Mehr kann ich nicht tun, als dir zu versprechen, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Ich wollte diesem dummen Gorgen einfach eine kleine Lektion erteilen. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen.«

Daraufhin entspannte sich Antilius wieder und atmete ein paar Mal tief durch. »Es ist meine Schuld«, sagte er resigniert. »Ich hätte erst gar nicht hierher kommen dürfen. Ich war auf dieses Land völlig unvorbereitet. Deswegen ist alles schief gelaufen.«

»Ach was! Hier ist alles für dich vielleicht ungewohnt, aber das waren nur ein paar Startschwierigkeiten. Es wird dir schon noch gefallen, warte nur ab«, sagte Gilbert, obwohl er sich nicht ganz sicher war, ob dies auch der Wahrheit entsprechen würde.

Er legte eine Pause ein, die Antilius zum Nachdenken nutzte.

»Komm, gehen wir! Es ist nicht mehr weit bis zum Wirtshaus. Dort kannst du dich ausruhen.«

Antilius atmete noch einmal tief ein. »Also schön«, seufzte er und stand auf, wobei er sich den Spiegel wieder in den Gürtel steckte.

»Ach, eines noch, Meister.«

»Was denn?«