Torschrei - Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen - Jürgen Bertram - ebook

Torschrei - Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen ebook

Jürgen Bertram

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Opis

Kriegslast und Verdrängung, Aufbruch und Neubeginn prägen das Deutschland der Nachkriegszeit. In einem kleinbürgerlichen Elternhaus wächst ein Fußballfan heran, allein zwischen seinem autoritären Vater und seiner unglücklichen Mutter. Die Leere, die das Familienleben hinterlässt, füllt der Heranwachsende mit seiner Leidenschaft für das runde Leder. Die Geschichte beginnt mit den Bolzplätzen der niedersächsischen Provinz, führt weiter über Tramptouren zu internationalen Arenen und erreicht am Ende das Paradies: die Begegnung des längst Erwachsenen mit seine Idolen. AUTORENPORTRÄT Jürgen Bertram, Jahrgang 1940, begann seine journalistische Laufbahn bei einer niedersächsischen Heimatzeitung und kam 1972 nach Redakteursjahren bei der Deutschen Presseagentur und beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel zum NDR-Fernsehen, für das er 13 Jahre als Fernsehkorrespondent aus China und Südostasien berichtete. Er ist Autor zahlreicher zeitkritischer Bücher.

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Jürgen Bertram

Torschrei

Bekenntnisse eines Fußballsüchtigen

Mit einem Nachwort von Günther Koch

Saga

Für Kurt (»Todos«) Brandt, SV Viktoria Bad Grund,mein Vorbild als Torwart

Vorwort

Vergangenen Herbst, als der Wind im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel die Straßenbäume schüttelte, überkam es mich wieder. Die Kastanie, die beim Sonntagsspaziergang unmittelbar vor mir aufprallte, kickte ich mit dem rechten Spann zielgenau zwischen die eisernen Streben einer U-Bahn-Überführung. Ich riss die Arme hoch und schrie: Tooor! Mein Gott, so sagten die Blicke der anderen Passanten, der ist längst ergraut und immer noch ein Kindskopf!

Meinem fußballerischen Reflex folgte die Reflexion. Sie gipfelte in der Erkenntnis, dass meine Besessenheit, gegen alles zu treten, was sich vor meinen Füßen bewegt, und an jedem Sportplatz innezuhalten, auf dem zwei Mannschaften einem Ball hinterherlaufen, in einer Zeit wurzelt, in der ich tatsächlich noch ein Kind war. Als Adenauer-Ära ging sie in die Geschichtsbücher ein – und dass der Fußball damals mein Ein und mein Alles war, hat auch mit der Gefühlskälte zu tun, die ich in meinem kleinbürgerlichen Elternhaus erlebte und die charakteristisch ist für diese von Kriegslast und Aufbruch gleichermaßen geprägte Epoche.

Als ich mich noch an diesem denkwürdigen Herbsttag zu einem Buch über meine Fußballsucht und ihre familiären wie gesellschaftlichen Hintergründe entschloss, ahnte ich noch nicht, in welche Wechselbäder der Emotionen ich mich beim Schreiben stürzen würde. Ich staunte über die kriminelle Energie, mit der ich mich dem von meinem autoritären Vater verhängten Fußballverbot entzog. Und ich erschrak, als mir bewusst wurde, dass sich mein Suchtverhalten keineswegs auf den Fußball beschränkte und ich nur mit großem Glück dem Absturz in die Verwahrlosung entging.

Ich wunderte mich, wie langfristig vor Jahrzehnten erlittene Beschädigungen nachwirken, aber ich schwamm auch in Glückseligkeit, als ich noch einmal die Höhepunkte meiner Laufbahn als Fan und als Spieler Revue passieren ließ: die Tramptouren zu den internationalen Arenen, die Begegnungen mit meinen Idolen, die Schlammschlachten auf den Plätzen der niedersächsischen Provinz, meine eigenen Heldentaten als Torwart.

Was mich am meisten verblüffte, war die Detailgenauigkeit, mit der ich mich, unterstützt durch intensive Recherchen in Zeitungsarchiven und Reisen zu wichtigen Schauplätzen, an meine ersten Fußballerlebnisse in den Harzer Bergbauzentren Bad Grund und Goslar und an andere Schlüsselszenen meiner Kindheit und Jugend erinnern konnte. Das erleichterte mir die Entscheidung, diese Erlebnisse aus der Sicht des staunenden, hin und her gerissenen Knaben nachzuerzählen. So romanhaft und dramatisch einige Szenen auch wirken mögen: Alles, was ich beschreibe, hat sich so oder zumindest so ähnlich zugetragen. Verändert habe ich lediglich einige Namen.

So entstand ein Text, der von Flanken und Fallrückziehern, Stars und Stadien, Ecken und Elfmetern handelt und sich als Hymne auf den Fußball versteht, aber eben auch eine in einer bleiernen Zeit angesiedelte Familiengeschichte erzählt. Natürlich habe ich mich vor allem bei den sehr persönlichen Passagen gefragt: Wie weit kann ich gehen? Ich entschied mich, da Halbherzigkeit und Schönfärberei miserable inhaltliche und dramaturgische Fundamente sind, für die Offensive. Und dies hatte, um einen anderen Begriff aus der Fußballsprache zu verwenden, am Ende die Wirkung eines Befreiungsschlages.

Die Bürger der alten Kaiserstadt Goslar möchte ich bitten zu bedenken, dass ich die Atmosphäre in den fünfziger Jahren beschreibe. Ich bin mir sicher, dass am Fuße des Harzgebirges heute – wie in der gesamten Bundesrepublik – ein offeneres und toleranteres Klima herrscht.

I

Anstoss

1 Teufelstal

Schweigen. Auch am Sonntag beim Frühstück: dieses grauenhafte Schweigen. Meine Mutter schweigt, weil sie ständig an ihre Eltern, meine Oma und meinen Opa, denkt. In Berlin, im Stadtteil Wedding, kamen sie, kurz vor Toresschluss, bei einem Bombenangriff ums Leben.

Mein Vater schweigt, weil er in Gedanken bestimmt schon wieder bei seiner Arbeit im Wald ist: Die Axt anlegen. Den Stamm spitzen. In Deckung gehen. Die Äste entfernen. Aufpassen, dass kein Vogelnest beschädigt wird. Den Stamm in Stücke sägen.

Ein Jahr lang muss mein Vater, der vor dem Krieg als Buchhalter der Erzgrube »Hilfe Gottes« in Bad Grund im Oberharz hinter einem Schreibtisch saß, im Wald arbeiten. Das ist die Strafe dafür, dass er einem Mann folgte, der auf den Briefmarken in der Schublade einen Schnurrbart trägt und den die Erwachsenen »Adolf« nennen. NSDAP, SA, Oberscharführer … mit den Begriffen in dem Fragebogen, mit dem sich mein Vater wochenlang beschäftigt hat, kann ich nichts anfangen. Aber sie bedeuten wohl etwas Böses.

Der ältere Bruder meines Vaters, mein Onkel Ernst, ist im Krieg gefallen. In der Eifel. Am 13. Februar fünfundvierzig. Auch kurz vor Toresschluss. Gefallen? Kann man nicht wieder aufstehen, wenn man gefallen ist? Nebenan schimpft der alte Bartels mit seiner Frau. Wenn sie zurückschimpft, jault Molli auf, der schwarze Spitz der beiden. Der Himmel ist grau, dunkelgrau – wie gestern und vorgestern und vorige Woche und die Woche davor. Die Uhr an der Wand tickt, tickt, tickt. Bitte, sagt was; irgendwas. Meine Eltern sagen nichts.

Ich renne vom Roland, dem Hügel, auf dem wir wohnen, in Richtung Kurpark, streife die Sträucher der Schrebergärten, in denen Mokri haust, der Italiener, der, wie die Leute erzählen, unsere Katzen wegfängt und brät oder kocht oder dünstet oder gleich roh verzehrt und der mit seiner Flinte auf die Vögel schießt, die im Liederbuch meiner Volksschulklasse 1a vorkommen. Amsel, Drossel, Fink und Star. Alle Vögel sind schon da. Alle Vögel, alle.

Der »schöne Erich«, ein Kriegskamerad meines Vaters, sagt: Wenn die Italiener nicht so feige gewesen wären, dann hätten wir den Krieg noch gewonnen. Anschließend erzählt er immer einen Witz. »Fragt der eine: Kennst du Italiener? – Antwortet der andere: Ja, aber nur flüchtig.« Auch der schöne Erich war irgendwo Mitglied. Nur aus einem doppelten Buchstaben besteht der Name: SS.

Auf dem Iberg, wo die Sage vom Zwergenkönig Hübich spielt, der einer armen Bergmannsfrau silberne Tannenzapfen schenkte, knarzen die Buchen im Novemberwind. Seltsame Laute weht er aus dem Teufelstal zu mir herauf: Uuiiii. Pfuuiiii. Aaaaah. Als eine Lichtung den Blick freigibt, erkenne ich ein rechteckiges, von Pfützen übersätes Feld, auf dem Pulks junger Männer, deren Konturen immer wieder hinter einem Schleier aus Schneeregen verschwimmen, einen Ball vor sich hertreiben.

Ich stolpere, rutsche, springe den Hang hinunter. Kaum bin ich am Rande des Platzes zum Stehen gekommen, fliegt der klitschnasse Lederball wie ein Geschoss auf mich zu. Aus Angst, er könne unmittelbar vor mir aufprallen und mir mitten ins Gesicht klatschen, stoppe ich ihn mit dem linken Fuß und halte ihn wie ein waidwundes, aber keineswegs erledigtes Wild für fünf, sechs Sekunden unter der Sohle fest. Dann hebe ich ihn auf und werfe ihn einem der keuchenden Männer in den kurzen Hosen zu. Der leitet ihn, ein knappes »Danke!« knurrend, an einen Mitspieler weiter. Er läuft, dreht sich, zielt, trifft. Toooor!, rufen die Zuschauer und umarmen sich.

Ich – jawohl: Ich – habe die Aktion eingeleitet, die mit Triumph und Jubel endete. Ein Schauer des Glücks erfasst mich. Ich speichere mein Erlebnis in allen Einzelheiten im Kopf, bewahre es dort auf wie einen Schatz.

Mir ist klar, dass ich mich heute Vormittag unerlaubt von zu Hause entfernt habe. Also erwartet mich nach meiner Rückkehr eine Strafe. Um die Begegnung mit meinem Vater hinauszuzögern, erfinde ich Spiele. Ich spiele Fußball mit mir selbst.

Aus einer Böschung löse ich drei Steine. Zwei Steine lege ich in einem Abstand von zwei, drei Metern parallel zueinander auf den Bürgersteig. Das sind die beiden Pfosten. Der dritte Stein soll, nachdem ich aus etwa 15 Metern Entfernung gegen ihn getreten habe, möglichst über die Linie dazwischen schurren. Zehn Versuche gebe ich mir. Bin ich mehr als fünfmal erfolgreich, habe ich gewonnen. Daneben … drin. Drin … daneben. Drin. Drin. Daneben. Drin. Pfosten … drin. 6 : 4 für mich.

An einer Reihe von Büschen hängen erbsengroße weiße Beeren, Schneebeeren. Sie halten dem heißesten Sommer und dem kältesten Winter stand, und selbst die hässlichen Krähen, die über jedes tote Getier herfallen, wagen sich wegen ihres bitteren Geschmacks nicht an sie heran. Ich pflücke die Beeren, sammele sie in der hohlen Hand, werfe sie in die Luft, katapultiere sie mit dem Fuß, ohne dass sie den Boden berühren, wieder in die Höhe. Einmal, zweimal … siebenmal, dreizehn Mal. Dann versuche ich das Kunststück mit dem Knie. Zum Schluss gelingt es mir sogar, eine Beere mit der Hacke so gefühlvoll weiterzuleiten, dass ich sie mit dem Kopf auffangen und balancieren kann.

Als mich mein Vater gleich im Flur bestraft, spule ich die Bilder von meinem Erlebnis im Teufelstal ab. Die Backpfeife rechts – klick: der Schuss. Die Backpfeife links – klick: das Tor. Die Kopfnuss – klick: der Jubel. Im Wohnzimmer haben sich, wie so oft am Sonntag, die Kriegskameraden meines Vaters versammelt – der »schöne Erich«, der »dicke Otto«, der »schlaue Willi«. Auf dem Tisch stehen Bierflaschen und Teller voller hoch mit Zwiebeln beschichteter Mettbrötchen. »Na, das gibt vielleicht ein Konzert heute Nacht im Schlafzimmer«, sagt mein Vater. Der schöne Erich sagt: »Zwiebeln sind doch noch gar nichts. Was meinst du, wie du nach Bohnen trompeten kannst! Jedes Böhnchen ein Tönchen.« Der schlaue Willi sagt: »Wenn’s Arschl brummt, ist’s Herz gesund.« Der dicke Otto sagt: »Darauf kannst du einen lassen.«

Der schöne Erich reicht meiner Mutter einen Zehnmarkschein. Er fragt: »Kannst du den wechseln?« »Nein, kann ich nicht.« – »Ach, ich dachte, du bist in den Wechseljahren.« Mein Vater holt die Packung mit den Kyriazi-Zigaretten aus dem Schrank. Kyriazi gibt es nur am Sonntag. Und auch nur, wenn die Kriegskameraden zu Besuch sind. Gold Dollar oder Ernte 23, die alltags geraucht werden, sind rund und stehen senkrecht in der Schachtel. Kyriazi sind oval und ruhen waagerecht in einem Bett aus Silberpapier. Aus Ägypten kommt der Tabak. Auch König Faruk soll ihn schätzen.

Westfront. Ostfront. Smolensk. Iwan. Dünkirchen. Perpignan. Polacken. Panzerfaust. Zum hundertsten Mal höre ich diese Namen, diese Begriffe. Aber nur mit Perpignan kann ich etwas anfangen. In Perpignan, in Südfrankreich liegt das wohl, ist den Soldaten ein Hund zugelaufen, ein Mischling. Und Major Jenner, der alte Jenner, hat es ihnen erlaubt, den Hund zu behalten und mit ihm von Etappe zu Etappe zu ziehen. Zum Obergefreiten haben sie Lumpi Heiligabend zweiundvierzig befördert.

Mein Vater nimmt seine Gitarre von der Wand und setzt sie sich vorsichtig auf sein Knie. Die Gitarre hat es besser als ich. Die Männer singen.

Alle Tage ist kein Sonntag,

Alle Tag gibt’s keinen Wein,

Aber du sollst alle Tage

Recht lieb zu mir sein.

Und wenn ich einst tot bin,

Sollst du denken an mich,

Auch am Abend, eh’ du einschläfst

Aber weinen darfst du nicht.

Der dicke Otto sagt: »Im Osten hatten die Flüchtlinge nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln. Und hier werden sie plötzlich alle zu Großgrundbesitzern.« Bei uns zu Hause hat man den pensionierten Volksschullehrer Josef Mainka einquartiert. Aus Hirschberg stammt er. In Oberschlesien liegt das. In »Schläsien-Obber«, wie mein Vater sich ausdrückt.

Das Bilderbuch, das mir Herr Mainka geschenkt hat, handelt von Rübezahl, einem Berggeist, der, einen knorrigen Stab umklammernd, durch die schwarzen Wälder des Riesengebirges stapft. Mit seiner in Lumpen gehüllten, gewaltigen Gestalt flößt er mir Angst ein. Nachts träume ich manchmal von Rübezahl. In der Nacht nach dem Fußballspiel im Teufelstal träume ich von dem Schuss, dem Tor, dem Jubel.

2 Glückauf-Kampfbahn

1947. Durch das Teufelstal röhren, als hätten sich dort tausend brünftige Hirsche versammelt, schwere Maschinen. Ihre Räder gleiten auf Ketten, und sie machen selbst die sperrigsten Erdhügel platt. Planierraupen heißen sie. Der »Tommy«, wie man in Bad Grund die englischen Besatzer nennt, hilft dem SV Viktoria mit dem Gerät aus. Ein richtiger Fußballplatz soll aus dem Acker werden, auf dem der Ball so wild hin und her springt, dass er mir voriges Jahr fast ins Gesicht geklatscht wäre. Von einem Schulkameraden, dessen Vater beim SV Viktoria spielt, weiß ich, dass der Tommy dem Verein auch Fußbälle geschenkt hat, Bälle mit Blase und Schnüren. Einfetten muss man die nach jedem Spiel.

Der Tommy hat den »Ami« abgelöst, der am 9. Mai fünfundvierzig vom Kelchtal her in Bad Grund einmarschierte. Zwei Männer vom Volkssturm, erzählt der schöne Erich, haben aus einem Fenster des Rathauses noch ihre Gewehre leergeballert. »Aber gebracht hat das nichts mehr.«

Mein Vater hasst den Ami. In Remagen am Rhein hat er ihn fünfundvierzig für ein paar Wochen in einem Lager festgehalten. Hinter Stacheldraht. Bei Maisbrot und einer so dünnen Suppe, »dass du bis auf den Grund gucken konntest«. Wenn der Ami in Bad Grund Sport trieb, behaupten die Leute, zog er die Grenzlinien auf dem Platz mit Mehl. Und wir, schimpfen die Leute noch immer, hatten nichts zu beißen.

Wenn wir zu Hause nichts mehr zu beißen hatten, lief ich mit meiner Mutter die sechs Kilometer zum Bauern nach Münchehof. Sie nahm mich an die Hand, manchmal auch auf die Schulter. Sie bot dem Bauern den Schnaps an, den mein Vater zusammen mit dem Polizeibeamten Jorzik in unserem Schlafzimmer aus Kartoffeln brannte, und der Bauer gab meiner Mutter ein paar Eier, hin und wieder auch eine Mettwurst dafür. Es kam aber auch vor, dass er uns ohne Eier und Wurst nach Bad Grund zurückschickte.

Unterwegs pflückten wir uns Äpfel von den Straßenbäumen. Mondrunde, gelbgrüne, saftige Augustäpfel, in deren Gehäuse sich, wenn man hineinbiss, manchmal ein Wurm wand. Der Polizeibeamte Jorzik ist später mit seinem Auto verunglückt. An einem Bahnübergang zwischen Bad Grund und Wildemann. Er war sofort tot. Selbst schuld, sagt der schöne Erich.

Ich hasse den Ami nicht. Obwohl er den Ort längst dem Tommy übergeben hat, versorgt er uns Volksschüler noch immer mit Milchsuppe, in der dicke Rosinen schwimmen. Auf dem Schulhof wird sie jeden Morgen aus einem großen Kessel ausgeschenkt. Quäkerspeise heißt sie. Als mir ein Klassenkamerad, den wir wegen seiner Stoppelhaare »Igel« nennen, in der großen Pause beim Fußballspielen immer wieder das Bein stellt, nehme ich vor Wut mein Kochgeschirr und schütte ihm den Rest der Rosinensuppe ins Gesicht.

Mein Vater muss daraufhin zum Rektor. Zu Hause löst er sofort den Lederriemen aus dem Hosenbund und befiehlt mir, meinen Hintern frei zu machen und mich über die Sofalehne zu legen. Nicht mit der Schnalle, bete ich. Bitte, nicht mit der Schnalle!

Die Schnalle trifft mich. Einmal, zweimal, dreimal … Ich denke an den Schuss, das Tor, den Jubel. Diesmal hilft es mir nicht. Die Schläge mit der Schnalle tun zu weh. Mein Vater, überlege ich abends im Bett, hasst den Ami. Aber wenn ich seine Rosinensuppe verschütte, hasst er mich.

Mai 1950. In Bad Grund spricht man nur noch über einen Fußballverein: Schalke 04. Vom dicken Otto erfahre ich, dass er in einer Stadt namens Gelsenkirchen zu Hause ist und dass er schon sechsmal die Deutsche Meisterschaft gewann. Seine Stürmer Ernst Kuzorra und Fritz Szepan seien die Erfinder des Schalker Kreisels, des blitzschnellen, den Gegner lähmenden Kurzpassspiels. Und dieser in ganz Deutschland bekannte Klub hat sich bereiterklärt, zur Einweihung des neuen Platzes im Teufelstal nach Bad Grund zu kommen! Als Gegner wurde der SC Peine 48 verpflichtet, eine Spitzenelf aus der Amateuroberliga Niedersachsen.

Am 18. Mai, dem Himmelfahrtstag, ist es endlich so weit. Ich bin einer von 8000 begeistert klatschenden Zuschauern, als die Mannschaften kurz vor 16 Uhr den Platz betreten – Peine in blauen Hosen und roten Hemden, Schalke in weißen Hosen und Hemden, die so blau sind wie der Himmel über dem Iberg. Cornelissen … Beverungen … Karla … Abramczik … Groß … Ernst Kuzorra und Fritz Szepan sind nicht dabei. Eine Reisemannschaft ist das, beklagt sich einer der Zuschauer in meiner Reihe. Kuzorra und Szepan, klärt ihn ein anderer Zuschauer auf, haben ihre Laufbahn doch gerade beendet.

Mir ist es egal, ob Kuzorra und Szepan spielen oder nicht. Hauptsache, Schalke 04 spielt im Teufelstal. Schalke ist spitze. Peine ist spitze. Bad Grund ist spitze. Ich bin spitze. Schade, dass sich an diesem Nachmittag mein Vater nicht an meiner Seite befindet. Ob er mich beim ersten Schalker Tor wohl genauso in den Arm genommen hätte wie der alte Herr neben mir?

Schalke 04 gewinnt 2 :1 – und hinterlässt dem SV Viktoria Bad Grund ein Geschenk. »Glück-auf-Kampfbahn« darf der Verein seinen neuen Platz nennen. Genauso heißt das Stadion, in dem die Gelsenkirchener Meistermannschaft spielt. Glück auf! Das ist der Gruß der Kumpel im Ruhrgebiet und auch der Bergleute im Harz.

Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt.

Und er hat sein helles Licht bei der Nacht,

und er hat sein helles Licht bei der Nacht,

schon angezünd’t …

Der eine gräbt das Silber,

der andre gräbt das Gold;

doch dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht;

dem sein sie hold, dem sein sie hold.

Beim Abschlussball im Iberger Kaffeehaus, erzählt man sich in Bad Grund noch Tage später, war der Gelsenkirchener Spieler Groß nicht von der Tanzfläche wegzukriegen. Bis in den frühen Morgen ist er auf dem Parkett gewesen, und besonders beim Foxtrott hat er sich so schnell und elegant bewegt wie beim Schalker Kreisel.

3 Totemannsteich

Mein Vater arbeitet nun wieder im Büro – in der Berginspektion, wie man das Verwaltungsgebäude der Grube »Hilfe Gottes« nennt. Im Gegensatz zum Bergwerk, das sich am Rande des Städtchens hinter einem Wald versteckt, liegt es mitten im Ort, ganz in der Nähe des Kurparks mit seinen Beeten und Bänken, seinem Pavillon, seinen Moorbädern. Die Angestellten, die ausrechnen, wie viel Lohn den Arbeitern zusteht, trinken ihr Bier abends im »Römer«, einem Hotel, in dem, wie mein Vater sich ausdrückt, die »Haute wo Laute« absteigt. Hautevolee meint er damit. Das ist französisch und bedeutet: »die feine, bessere Gesellschaft«. Im Duden habe ich das nachgesehen.

Einmal in der Woche probt im »Römer« auch der Gesangverein, dem die Angestellten angehören. Der Chor für die Bergleute trifft sich im »Oberharzer«. In diesem Lokal gibt es eine Bühne, auf der manchmal Theaterstücke aufgeführt werden. Das Stück, das ich sehe, heißt: »Die Letzte Fris(s)t«. Am Ende des Stückes läuft eine Reihe von Mädchen über die Bühne. Das Mädchen am Ende der Reihe – es ist die Lehrerstochter Ute – beißt kräftig in ein dick mit Wurst belegtes Brot. Die Letzte frisst … Mein Vater singt im »Römer«.

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre,

Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort.

Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere

Vernimm, O Mensch, ihr göttlich Wort …

Herr Zucker, unser Musiklehrer, leitet den Chor. Neulich beim Sommerfest im Iberger Kaffeehaus war er so besoffen, dass er auf dem Weg zur Toilette ausrutschte und den Abhang hinuntertrudelte. Von oben bis unten, sagen die Leute, sei sein Anzug mit Lehm beschmiert gewesen. Und an dem Lehm hätten die Blätter der Buchen geklebt. Wie ein Pfingstochse habe er ausgesehen. Bei Herrn Zucker, das wissen wir Schüler, sitzt die Hand locker. Manchmal wirft er auch mit der Stimmgabel nach uns. Wer nicht hört, meint auch mein Vater, muss fühlen. Mein Sohn, hat er mal zu dem alten Bartels gesagt, pariert noch nicht so, wie ich es mir vorstelle.

Wer trägt der Himmel unzählige Sterne

Wer führt die Sonn’ aus ihrem Zelt

Sie kommt und leuchtet und lacht uns von ferne

Und läuft den Weg gleich wie ein Held …

Mein Held heißt Kurt Brandt, genannt »Todos«. Er arbeitet als Schlosser in der Grube »Hilfe Gottes«, trinkt sein Bier im »Oberharzer« und steht beim SV Viktoria im Tor. Lautenthal greift an – Todos fängt. Ecke für Wildemann – Todos faustet. Elfmeter für Zellerfeld – Todos hechtet. Ich bin in unserer Klassenmannschaft der Torhüter. Darum nenne auch ich mich Todos. Irgendwann kennt mich jeder in Bad Grund unter diesem Namen.

Der Film, den ich seit meinem ersten Fußballerlebnis im Teufelstal im Kopf speichere, wird länger und länger. Als ich mal am Totemannsteich Blaubeeren pflücke, spule ich ihn, um mich abzulenken von einer schrecklichen Begegnung, vom Anfang bis zum Ende ab. »Toter Mann« sagen die Bergleute zu einem verlassenen Stollen. Und das Gewässer darüber nennen sie Totemannsteich.

Ich lege beim Sammeln der Blaubeeren eine Pause ein und entdecke am Ufer einen jungen Mann, der in der rechten Hand einen Sack trägt. In dem Sack bewegt sich ein Körper. Aus der Öffnung ragt eine schwarzweiß gezeichnete Pfote. Als wolle sie an die Wälder, die Wiesen, die Bäche, die Seen einen letzten Gruß richten, löst sie sich hin und wieder aus der Starre. Der junge Mann sieht sich nach allen Seiten um, beschwert den Sack mit einem großen Stein, schwingt ihn ein paarmal hin und her – und lässt ihn los. Einmal noch bewegt sich, einen Kreis dünner Wellen malend, die Pfote. Während sich die Oberfläche wieder beruhigt, versinkt der Sack mit dem Stein und der Katze glucksend in der Tiefe.

Ich verstecke mich, um nicht entdeckt zu werden, hinter einem Wall aus Büschen. Es ist windstill. Als mein Fuß abrutscht, berührt er den Eimer mit den Blaubeeren. Der junge Mann blickt in meine Richtung, hastet den Abhang hinauf. Ist es Mokri, der Italiener, der in den Schrebergärten zwischen unserer Wohnung am Roland und dem Kurpark haust? Nein: Mokri kann es nicht sein. Mokri brät oder kocht oder dünstet unsere Katzen, nachdem er sie gefangen hat. Warum sollte er sie im Totemannsteich versenken?

Der junge Mann brüllt mich an: »Ich weiß genau, wer du bist, und ich weiß auch, wo du wohnst, Todos! Wenn du nur einen Mucks sagst, dann schlage ich dich windelweich!« Auf dem Weg nach Hause nehme ich zehn Blaubeeren aus meinem Eimer und werfe sie in die Luft, so hoch es geht. Für jede Beere, die ich fange, gebe ich mir einen Punkt. Bleibt die Beere heil, kommt ein Punkt hinzu. 2 : 0 … 4 : 0 … 6 : 0 … 8 : 0 …

Hurra, ich bin so gut wie Todos!

4 Schlägermütze

Mach auf! Bitte, mach auf! Bitte, bitte: Mach auf! Meine Mutter macht nicht auf. Im Schlafzimmer hat sie sich eingeschlossen. Immer öfter tut sie das.

Mein Vater sagt: Mensch, wir wohnen jetzt nicht mehr in Bad Grund, diesem Kaff, sondern in Goslar, der alten Kaiserstadt. Weißt du, wie viel Einwohner Bad Grund hat? Viertausend. Und weißt du, wie viel Einwohner Goslar hat? Vierzigtausend. Du wolltest doch immer nach Goslar! Zum Bürovorsteher hat man mich befördert. Das gibt hundertsechsunddreißig Mark mehr im Monat. Hundertsechsunddreißig. Und die Knappschaft zahlt mir später eine Pension, von der andere nur träumen. Und seit der Koreakrieg ausgebrochen ist, geht’s dem Bergbau wieder richtig gut. Mensch, unser Sohn besucht jetzt das Gymnasium. Du wolltest doch immer, dass er das Gymnasium besucht! Ich weiß nicht, was du hast. Ich weiß es wirklich nicht.

Ich knie mich vor die Tür und beuge mich zum Schlüsselloch vor. Meine Mutter hat den Schlüssel abgezogen, so dass ich durch einen Lichtschacht ins Schlafzimmer blicken kann. Hinter der Gardine erhebt sich der Förderturm des Erzbergwerks Rammelsberg. Viele Hundert Meter tief fahren die Kumpel in den Berg hinein. Hundertsechzig Gramm Silber und ein Gramm Gold enthält jede Tonne des Erzes, das sie in den Stollen aus den Wänden sprengen und auf Loren laden. Das Silber, das wir prägen zum Taler blank und wert – bedenke, dass drum der Knappe in Berges Tiefe fährt.

Mein Fußballverein heißt nun Goslar 08. In der Amateuroberliga Niedersachsen-Ost, der zweithöchsten deutschen Klasse, spielt er – wie der SC Peine 48, der vor drei Jahren in Bad Grund nur mit 1: 2 gegen Schalke 04 verlor. Blauweiß – die Farben von Schalke 04 sind auch die Farben von Goslar 08. Und wie bei Peine 48 und Schalke 04 hat bei Goslar 08 jeder Spieler eine Nummer auf dem Rücken: Torwart Macha die Nummer 1, Mittelläufer Thielemann die Nummer 5, der Halblinke Schröder die Nummer 10, Linksaußen Juppe die Nummer 11. Rückennummern! Nur Spitzenmannschaften haben Nummern auf dem Rücken.

Ich presse das Auge ganz dicht an das Schlüsselloch, um den Ausschnitt, der sich bisher auf den schmalen Streifen bis zum Fenster beschränkte, zu erweitern. Mein Blick erfasst jetzt auch die Bettkante und das Bild von der Spree, die durch eine Wiesenlandschaft mit einem einsamen Baum in der Mitte fließt. Ein Sonnenstrahl wandert durch das Zimmer. Ich folge ihm in der Hoffnung, dass ich in seinem Kegel meine Mutter erkenne. Das Licht löst sich in Dunkelheit auf.

Würde meine Mutter, was häufig der Fall ist, im Zimmer auf und ab gehen, von Ecke zu Ecke, von Wand zu Wand, dann würde sie, für einige Sekunden wenigstens, den von mir einsehbaren Winkel kreuzen. Dann könnte ich von ihrem Gesicht, ihrem Gang ablesen, wie sie sich gerade fühlt. Wie traurig sie ist, wie lange es dauern könnte, bis sie die Schlafzimmertür öffnet. Meine Mutter geht nicht auf und ab. Auf dem Bett, das sich meinem Blick entzieht, wird sie liegen. Ich wende das Auge vom Schloss ab und presse stattdessen das Ohr dagegen. Schläft sie? Schluchzt sie? Atmet sie noch? Ist sie tot? Oder stellt sie sich tot?

Ich hämmere mit den Fäusten gegen die Tür, schreie: Mach auf! Bitte, bitte: Mach auf! Ich forme die Hände zu einem Trichter und flüstere durch das Schlüsselloch: Dann sag doch wenigstens was. Irgendwas. Meine Mutter sagt nichts.

Meine Lieblingsspieler bei Goslar 08 sind Torwart Macha und Mittelläufer Thielemann. Torwart Machas Stärke, schreibt die »Goslarsche Zeitung«, ist seine Reaktionsschnelligkeit auf der Linie. Das zeichnet auch »Todos« Brandt aus, mein Vorbild vom SV Viktoria Bad Grund. Verrate ich Todos, wenn ich nun Torwart Macha bewundere? Ich erkläre beide zu meinen Vorbildern. Und von meinen Mitspielern in der Straßenmannschaft lasse ich mich – wie damals in Bad Grund – Todos rufen.

Torwart Macha, der als Schlosser in der Kleiderfabrik Odermark arbeitet, trägt während des Spiels eine Mütze, eine Schlägermütze. Sie besteht aus einem Schirm und einer Wölbung, die aussieht wie eine aufgeblasene Kröte. Ein Druckknopf hält die beiden Teile zusammen. Auch ich besorge mir eine Schlägermütze – eine dunkelgraue, wie sie Torwart Macha auf dem Platz benutzt. Ich bezahle sie von meinem Taschengeld, das fünfzig Pfennig in der Woche beträgt. Als mein Vater die Mütze auf meinem Kopf entdeckt, schimpft er: »Du siehst ja aus wie ein Prolet! Schlägermützen sind Proletenmützen. Ich verbiete dir, mit dieser Mütze rumzulaufen!«

Das Auge und das Ohr beginnen von dem ständigen Druck zu schmerzen. Ich verlasse meinen Posten am Schlüsselloch und knülle eine Seite aus meinem Schreibheft zu einer Kugel zusammen. Nachdem ich sie in die Luft geworfen habe, befördere ich sie mit dem Fuß in Richtung Schlafzimmertür – mal mit dem Spann, mal mit dem Innenrist, mal mit dem Außenrist, mal mit der Pieke. Der Rahmen der Tür, hinter der meine Mutter auf dem Bett liegt und grübelt, ist das Tor. Habe ich nicht eben ein Räuspern gehört? Ist das ein Zeichen, dass die Tür sich gleich öffnet? Die Tür bleibt zu.

Während meiner Übungen mit der Papierkugel führe ich mir das schönste Erlebnis vor Augen, das ich seit unserem Umzug nach Goslar hatte. Im Stadion am Osterfeld wird das Punktspiel gegen Tuspo Holzminden abgepfiffen. Um den Spielern ganz nahe zu sein, renne ich zu dem Steg, der vom Platz in die Kabinen führt. Als Torwart Macha auf mich zukommt, stelle ich mich ihm in den Weg und blicke zu ihm auf. Ich möchte ihm sagen, wie gut er wieder gehalten hat. Aber ich bringe kein Wort über meine Lippen.

Torwart Macha legt seine Hand auf meine Schulter und sagt: »Na, mein Junge?« Auf dem 45 Minuten, also eine Fußballhalbzeit, langen Weg zu unserer Wohnung im Bergtal Nummer 8 fasse ich mir immer wieder auf die Schulter, die Torwart Macha berührt hat, und ich stelle mir vor, wie er hechtet, faustet, fängt. Als ich mit dieser Schulter eine Kiefer streife, bin ich traurig, weil ich glaube, dass ihr Zweig auch Torwart Machas Berührung wegwischt.

Meine Mutter sagt: Wie kann man sich über einen Krieg freuen? Auch wenn der Koreakrieg dem Erzbergwerk Rammelsberg Vorteile bringt – es bleibt ein Krieg. Und Kriege sind furchtbar. Das weißt du als ehemaliger Soldat doch selbst. Ich weiß es jedenfalls. Ja: Ich wollte immer nach Goslar. Aber glücklich bin ich hier nicht. Hast du gesehen, wie komisch der alte Müller mich neulich angeschaut hat? Der alte Müller mag mich nicht. Seine Frau mag mich auch nicht. Die grüßt mich nicht mal. Niemand mag mich in Goslar. Und ich mag mich auch nicht. Mein Bruder mag mich. Aber der lebt in Berlin, an der Spree.

Mittelläufer Thielemann, den ich genauso bewundere wie Torwart Macha, arbeitet als Schriftsetzer in einer Buchdruckerei in der Bäckerstraße. Auch Fritze Flügge, ein anderer Kriegskamerad meines Vaters, arbeitet dort. Mein Vater ist nicht gut zu sprechen auf ihn. Fritze Flügge, sagt er, verkehrt nachts in Bars und trinkt dort Sekt. Fritze Flügge sei ein Lebemann. Nur die Haute wo Laute trinke Sekt. Fritze Flügge gehöre aber gar nicht zur Haute wo Laute. Mein Vater trinkt Weinbrand, aber nie Sekt und nur ganz selten Korn. »Korn«, sagt er, »trinken die Proleten.«

Ich mag Fritze Flügge gern. Ich glaube, er mich auch. Weil er weiß, wie sehr ich Mittelläufer Thielemann bewundere, nimmt er mich irgendwann mit zu seiner Arbeitsstelle. Ich gehe durch ein Spalier vibrierender, ratternder Maschinen, die Blöcke aus Blei von sich stoßen. An einer der Maschinen sitzt der Mittelläufer Thielemann, der einzige Spieler von Goslar 08, der sich auch im bitterkalten Winter die Ärmel hochkrempelt. Sogar in die Niedersachsen-Auswahl hat man ihn schon berufen. Als er mich entdeckt, hält er kurz mit seiner Arbeit inne und lächelt mir zu. Mir. Nur mir. Wenn ich in Mathe mal wieder eine Fünf geschrieben habe oder wenn sich meine Mutter, wie heute, im Schlafzimmer einschließt, denke ich auch an dieses Lächeln.

Der Arzt sagt: Es liegt an den Wechseljahren. In den Wechseljahren kommt es bei Frauen oft vor, dass sie tagelang traurig sind. Mit Tabletten kriegen wir das schon wieder hin. Auch halb ausgebrütete Hühnereier sind gut für die Nerven. Der Schnabel des Kükens muss schon zu sehen sein. Augen zu – und runter damit! Aber wenn das alles nichts hilft, dann kommen wir um ein paar Wochen Woltorf nicht herum.

Woltorf? Wenn man irgendwas Dummes anstellt, dann sagen die Leute: Du kommst nach Woltorf, in die Klapsmühle. Meine Mutter soll nicht nach Woltorf. – Mach auf! Bitte, bitte: Mach auf!

Abends. Mein Vater deckt den Tisch. Es gibt – wie gestern und vorgestern und vergangene Woche und vorigen Monat und letztes Jahr und vorletztes Jahr – Schweinehack mit Zwiebeln, Hausmacher Leberwurst, gute Butter, Griebenschmalz und Harzkäse, in dem es, wenn Brummer über ihn hergefallen sind, vor Würmern wimmelt. Mein Vater untersucht ihn deshalb jedes Mal vor dem Verzehr mit einer Lupe.

Als Zutaten gibt es Rettiche und Radieschen aus unserem eigenen Garten. Die schmalen Wege zwischen den Beeten habe ich, stundenlang einen Fuß vor den anderen setzend, getreten. Mit einer Schnur hat mein Vater nachgeprüft, ob sie auch schnurgerade waren. Verliefen sie nicht »auf Kante«, musste ich zur Strafe Unkraut jäten. In Bad Grund habe ich mal beobachtet, wie ein wütender Vater seinen Sohn mit einer Zaunlatte verfolgte. Der Sohn lief in seiner Not einfach quer über die Gartenbeete. Der Vater benutzte die schnurgeraden Wege zwischen den Beeten. Und so entkam der Sohn seinem Vater.

Die Tür öffnet sich. Meine Mutter kommt herein. Sie setzt sich, als sei nichts gewesen, an den Tisch. Das Blaupunkt-Radio spielt Schlagermusik. Rudi Schuricke singt.

Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt,

Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,

Ziehn die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus,

Und sie legen in weitem Bogen die Netze aus.

Nur die Sterne, sie zeigen ihnen am Firmament

Ihren Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt.

Und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt,

Hör von fern, wie es singt:

Bella, bella, bella Marie,

Bleib mir treu, ich komm zurück morgen früh,

Bella, bella, bella Marie,

Vergiss mich nie.

Meine Mutter singt mit. Laut. Sehr laut. Zu laut.

5 Ostwind

»Jawoll, gnädige Frau!« – »Selbstverständlich, gnädige Frau!« – »Das kommt nie wieder vor, gnädige Frau!« – »Darauf können Sie sich verlassen, gnädige Frau!«

Mein Vater steht kerzengerade am Schreibtisch, als er mit der gnädigen Frau telefoniert. Sie ist mit dem kaufmännischen Direktor des Bergwerks verheiratet und wohnt mit ihm in dem Stockwerk über uns. Niemand in unserer Straße zweifelt daran, dass sie – im Gegensatz zu dem Lebemann Fritze Flügge – zur Haute wo Laute gehört. Sie besitzt ein Auto mit Schiebedach, fährt manchmal nach Braunschweig zum Theater, und kaum kündigt sich der Winter mit den ersten Flocken an, hüllt sie sich in einen flauschigen Pelzmantel, den der schlanke Kopf eines Fuchses abschließt.

Ein lebendiger Fuchs torkelte mal, mit hellem Schaum vor dem Maul, bis zu unserer Veranda. Tollwut! Revierförster Kolle hat ihn mit zwei Schüssen erledigt, mit einem Schuss ins Herz und einem Schuss in den Kopf. So rot wie das Blut, das nach den Schüssen in den frischen Schnee rann, ist das Haar der gnädigen Frau. Gefärbt, sagt mein Vater. Natur, sagt meine Mutter.

Revierförster Kolle sieht man nie ohne seinen Kurzhaardackel. Der ist schneller, sagen die Leute, als das schnellste Karnickel. Selbst vor dem tiefsten Bau hat der keine Angst. Astreine Zucht ist das. Aber der Hund der gnädigen Frau, sagen die Leute, der ist so edel, dass er den Dackel von Revierförster Kolle nicht mal mit dem Arsch anguckt. Genauso arrogant wie die gnädige Frau ist der. Arrogant … »Anmaßend-dünkelhaft«, heißt es im Duden.

Der Hund der gnädigen Frau ist ein Chow-Chow. Er hat ein rotbraunes Fell, einen Kopf wie ein Löwe und eine lila Zunge. Aus China, lerne ich aus unserem Lexikon, stammt diese Rasse. Schon seit zweitausend Jahren wird sie gezüchtet. Im Wohnzimmer der gnädigen Frau, erzählt ihr Fahrer, hängt ein Bild, das ihren Chow-Chow zeigt. Die gnädige Frau hat es selbst gemalt. Aber man erkennt den Hund kaum, sagt der Fahrer. Die Pfoten sitzen da, wo normalerweise der Kopf sitzt, und die Zunge schwebt irgendwo in der Ecke. Auch bei den nackten Weibern, die die gnädige Frau malt, weiß man nicht, was oben und was unten ist. Auf einem der Bilder liegen die Titties auf dem Hals. Und die Beine sind kürzer als die Arme.

Die größten Titties, sagt der schöne Erich, hat Silvana Mangano. »Freiwild« heißt der Film, der gerade mit ihr in der Hauptrolle im Odeon läuft. In der Anzeige in der »Goslarschen Zeitung« steht: »Verwirrende Schönheit. Brennende Leidenschaft. Unbeirrbare Frau.« Meine Mutter sagt: »Frauen wie Silvana Mangano blicken die Männer nach. Mir nicht. Ich bin viel zu dünn, und ich werde von Tag zu Tag dünner.« Der dicke Otto sagt: »Du bist so dünn, dass man dir das Vaterunser durch die Rippen blasen kann.«

Ich habe meine Mutter mal dabei beobachtet, wie sie sich mehrere Lagen Frottierhandtücher um den Oberkörper band und an die Stelle, an der die Brustwarzen sitzen, zwei Korken klebte. Ich glaube, die Leute sollten denken, dass sie so große Titties hat wie Silvana Mangano. Jeden Morgen nach dem Frühstück schlürft sie nun das Eigelb mit dem Kükenschnabel.

Mein Vater lässt den Hörer auf die Gabel fallen. Bei seinem Gespräch mit der gnädigen Frau war er noch blass. Als er auf mich zukommt, läuft sein Gesicht rot an. »Keine Widerrede!«, befiehlt er. »Du antwortest auf meine Fragen mit ›Ja‹ oder ›Nein‹!«

»Hast du gestern Nachmittag auf unserem Grundstück Fußball gespielt?«

»Ja.«

»War das nachmittags zwischen zwei und drei Uhr?«

»Ja.«