THE ASCENT - DER AUFSTIEG - Ronald Malfi - ebook

THE ASCENT - DER AUFSTIEG ebook

Ronald Malfi

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Opis

"Das ist beeindruckend, ergreifend und fesselnd zugleich – eine klare Leseempfehlung" [Phantastic-Couch] "Atmosphärischer Thriller auf hohem Niveau, der Thriller-, Mystery- und Abenteuerelemente verbaut. Absolut empfehlenswert." [Filmbesprechungen] "THE ASCENT ist ein aufregender, beinahe unerträglich spannender Ritt, den man nicht verpassen sollte. Lassen Sie sich von dem Titel nicht in die Irre führen – der Roman hat weniger mit einem Berg und viel mehr mit dem Leben an sich zu tun. Wenn Sie Thriller lieben, die Sie bis zum Ende im Ungewissen lassen, ist dieser ein Muss." [Kendall Gutierrez, Suspense Magazine] Inhalt: Die Geister, die wir in uns tragen … Es ist ein gefährliches Unterfangen – denn es könnte sein Ende bedeuten. Doch für Tim Overleigh, einen ehemals berühmten Bildhauer, der nach dem Tod seiner Frau langsam dem Alkoholismus verfällt, ist die Flucht in Extremsportarten das Einzige, dass ihn vor der Abwärtsspirale aus Selbstvorwürfen und Schmerz rettet. Er schließt sich einer Gruppe von Bergsteigern an, die von dem ebenso reichen wie exzentrischen Abenteurer Trumbauer für einen selbstmörderischen Trip durch die Bergwelt Nepals zusammengestellt wurde. Jeder Teilnehmer scheint aus einem ganz besonderen Grund ausgewählt worden zu sein. Je weiter sich Overleigh in die unerforschten Regionen des Himalaja vorwagt, um so mehr vermischen sich reale Strapazen mit den Schatten seiner Vergangenheit, und auch Trumbauer scheint einen ganz eigenen Plan zu verfolgen. Aus dem Kampf mit dem Berg und der Kälte wird ein Kampf gegen die eigenen Dämonen.

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THE ASCENT - DER AUFSTIEG

Ronald Malfi

übersetzt von Sedar Sener

Copyright © 2010 by Ronald Malfi

 

Die Originalausgabe erschien 2010 bei Medallion Press, Inc., USA, unter dem Titel THE ASCENT. Dieses Buch wurde vermittelt von der Literaturagentur erzähl:perspektive, München (www.erzaehlperspektive.de), in Zusammenarbeit mit Gloria Goodman.

 

The original edition was published in 2010 at Medallion Press, Inc., USA, under the title THE ASCENT. This book was arranged by erzähl:perspektive Literary Agency, Munch (www.erzaehlperspektive.de), in cooperation with Gloria Goodman.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: THE ASCENT Copyright Gesamtausgabe © 2017 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Sedar Sener

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2017) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-194-3

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

THE ASCENT - DER AUFSTIEG
Impressum
Erstes Buch
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Zweites Buch
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Drittes Buch
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Viertes Buch
Kapitel 18
Kapitel 19
Über den Autor

Für meine Eltern und Großeltern, die mich gelehrt haben, niemals aufzugeben.

Erstes Buch

Die Geister, die wir in uns tragen

Kapitel 1

– 1 –

Ich war nicht dort, als es passierte, kann es aber deutlich vor mir sehen: Eine italienische Landschaft, kühl in der Brise eines frühen Sommers, der verspricht, nicht unerträglich heiß zu werden. Wolken hängen bewegungslos an einem klaren, blauen Himmel und wirken träge wie Ölbohrinseln im Meer. Ich kann mir die saftigen, abfallenden Hänge vorstellen, wie sie sich langsam zum Talboden hin verjüngen. Das Gras ist aquamarinfarben und bevölkert von farbenfrohen Blumen, die der Form nach wie Fingerhüte aussehen. Es gibt eine unbefestigte Schotterpiste, gerade breit genug, damit ein Wagen darauf fahren kann, die sich um den Hügel schlängelt wie ein Band aus Satin. Das Fahrzeug erscheint zunächst als hell schimmernder Leuchtstreifen auf dem entfernten Hügel. In die anfängliche Stille mischen sich nun das Dröhnen des Motors und das Holpern der Reifen über dem Boden. Ich erkenne jetzt, dass es sich bei dem Fahrzeug um einen alten Klassiker aus dem Jahr 1920 handelt. Das Verdeck ist zurückgezogen und an der Seite gibt es mit Gummiunterlagen versehene Laufbretter. Die Scheinwerfer sind so groß wie kleine Trommeln. Davis sitzt hinter dem Steuer. In meiner Vorstellung trägt er eine absurd große Fahrerbrille auf der Nase, Lederhandschuhe, und schützt sich mit einer Bomberjacke vor dem Fahrtwind. Das Einzige, das jetzt noch fehlt, ist ein seidener Schal, der um seinen Hals flattert. Hannah ist auf dem Beifahrersitz. Sie lacht, und ich kann das Funkeln der Sonne auf ihren Zähnen sehen, und die schwachen Linien, die sich um ihre Mundwinkel abzeichnen. Ihr Haar ist kurz geschnitten, kräuselt sich auf Höhe der Kiefer und glänzt wie frisch poliertes Kupfer unter einer Nachmittagssonne. Als der Wagen gegen etwas auf der Piste aufschlägt – einen in die Straße hineinragenden Ast, oder einen großen Stein – reist David das Lenkrad herum, und Hannahs Lachen erstirbt. Ich sehe, wie der Wagen auf dem engen Weg ins Schlittern gerät und auf eine kleine, grasige Anhöhe zurast. Das Fahrzeug erreicht den Gipfel und in dem Moment erscheint es nur vernünftig, dass es am Scheitelpunkt zur Ruhe kommt, schaukelnd zwar auf dem Unterboden, aber trotzdem sicher. Stattdessen stürzt es unvermittelt weiter und rollt auf der anderen Seite wieder hinab. Der Wagen kippt nach vorn und kracht in das gebirgige Terrain weiter unten, wo er dann in einem explodierenden Kelch aus Feuer in Flammen aufgeht. Diese Vorstellung geistert beständig durch meinen Kopf, während ich im Sterben liege.

– 2 –

Zumindest dachte ich, dass ich mich im Sterben befände …

Meine Augen blinzelten, sehen konnte ich aber dennoch nicht. Pure Finsternis umgab mich. Meine Hand tauchte durch das kalte Wasser, bis sie die zylindrische Form der Taschenlampe ertastet hatte. Ich schlug sie ein paarmal in meine Handfläche, bis der Lichtstrahl anging. Im Schein der Lampe konnte ich eine Wand aus Kalkstein sehen, weniger als zwei Meter von meinem Gesicht entfernt. Ich befand mich in einer Art Höhlenkammer, lag ausgebreitet in knöcheltiefem Wasser, 1.100 Fuß unter der Erdoberfläche, und verlor langsam die Orientierung.

Beim Versuch, mich aufzusetzen, schoss ein sägender Schmerz durch mein linkes Bein, raste an den Nervenbahnen hoch ins Gehirn und detonierte in einem Farbenrausch hinter meinen Augen. Ich richtete den Strahl auf eine der Höhlenwände und schloss die Augen, bis sich meine Atmung halbwegs beruhigt hatte. Die Dummheit, allein aufgebrochen und hergekommen zu sein, traf mich wieder mit aller gebührenden Wucht. Es verstieß einfach gegen die allgemeingültigen Regeln. Mindestens zu zweit eine Expedition begehen; Bekannten davon berichten, wohin man unterwegs ist, sodass sie deine Rückkehr abschätzen können. Dämlich, wie ich war, hatte ich mich an keinen der aufgestellten Leitfäden gehalten.

»Scheiße«, stieß ich zwischen zusammengepressten Lippen heraus. Ich streckte den Arm aus und konnte die Stelle an meinem Bein spüren, wo ein schartiges Stück meines Schienbeins die Haut und den Stoff der Hose durchstoßen hatte. Um nicht den Verstand und das Bewusstsein zu verlieren, weigerte ich mich, die Taschenlampe auf die Wunde mit dem offenen Bruch zu richten, sondern führte den Strahl der Lampe an den Wänden der Höhle entlang. Das Licht wurde von den wie zu Wurfspeeren gefrorenen Formationen reflektiert und gebrochen. An einer Stelle brach sich der Schein in einem Regenbogen und ich versuchte, ihn in dieser Position zu halten, regungslos und den Atem anhaltend.

Trotz der Kälte schwitzte ich in meinem Anorak. An meiner Hüfte hingen Metallhaken, die sich langsam in mein Fleisch bohrten. Ich korrigierte meine Haltung und wischte mir mit einer stark zitternden Hand den Schweiß von den Augenbrauen. Ich sah nach oben. Die Decke der Höhle schien sich direkt auf mein Gesicht zu legen. Darin eingebettet waren die Kalziumablagerungen und der zu verschieden glänzenden Mustern angeordnete Glimmer zu sehen. Ich entdeckte auch wieder das schmale Loch; das Loch, durch welches ich so fahrlässig hinuntergestürzt war, und in diesem Moment ging der Strahl der Taschenlampe ein weiteres Mal aus.

Absolute Schwärze …

»Mach schon, du verdammtes Scheißding …«

Wieder schlug ich einige Male gegen die Lampe, aber diesmal blieb sie aus. Sekunden waren inzwischen vergangen, aber sie kamen mir wie Stunden vor. Der Schmerz schien in der Dunkelheit zuzunehmen und pochte synchron mit dem Blut aufgerissener Kapillaren in meinen Augen. Ich konnte meinen eigenen, abgestandenen Atem riechen, der wie ein Hall in der engen Höhle auf mich zurückgeworfen wurde. Wie viel Luft verblieb mir hier unten? Wie lange mochte es dauern, bis ich schließlich ausbluten würde.

Nach einer Weile stellte ich fest, dass ich trotz der Dunkelheit meine blassen Hände sehen konnte – offenbar war die Finsternis doch nicht so absolut, wie ich es zunächst befürchtet hatte. Aus zusammengekniffenen Augen konnte ich einen äußerst schwachen Lichtstreif erkennen, eine etwa münzgroße Öffnung weit über meinem Kopf. Ich wusste nicht, ob es sich hierbei um Tageslicht oder um die Reflexion von einer mit Eis überzogenen Oberfläche handeln mochte. Es war, als ob ich inmitten eines Spiegelkabinetts nach der echten Welt suchen würde. Plötzlich ging die Taschenlampe in meiner Hand wieder an und ließ mich erschrocken zusammenfahren. Ich richtete den Strahl hinauf zu der unscheinbaren kleinen Öffnung über mir, wo er in der Entfernung zunächst abgedämpft und dann von einer milchigen Dunkelheit verschluckt wurde. Ich musste an die 20 bis 30 Fuß tief gefallen sein, war mir aber nicht sicher über die tatsächliche Höhe.

Im Licht der Lampe konnte ich an den Wänden der Kammer vage Strukturen ausmachen, die mir womöglich als Kerben für meine Hände dienen könnten, aber der Schacht an sich wirkte erschreckend schmal. Wie um alles in der Welt war es mir nur gelungen, so einen engen Schacht hinunterzustürzen?

Du bist auf diesem Weg runtergekommen, sagte ich mir. Und du kannst auch auf demselben Weg wieder nach oben.

Ich tat einen tiefen Atemzug und versuchte mich auf meinem unverletzten Bein aufzurichten. Die Hose um meine Schenkel, die praktisch die ganze Zeit in dem Wasser gelegen hatten, waren vollgesogen und taub. Der Schaft war schmal genug, um mich gegen die Wand zu lehnen und die Belastung von meinem gebrochenen Bein zu nehmen, obwohl die geringste Veränderung meiner Körperhaltung unsägliche Schmerzen mit der Wucht eines Wirbelsturms durch meinen Körper fegte. Ich biss die Zähne so fest aufeinander, dass ich sie beinahe zu Pulver zermahlen konnte. Aber es gelang mir trotz der Widrigkeiten, mich auf ein Bein aufzustützen, und meinen Kopf und die Schultern den schmalen Schacht aufwärts zu schieben. Ich hörte meinen Anorak reißen und die Metallhaken entlang der Eiswände reiben. Jedes Mal, wenn ich ausatmete, wurde mir die verbrauchte Luft im Schacht zurückgeworfen. Die Öffnung war so schmal, dass ich meine Arme nicht anheben konnte. Für eine panikerfüllte Sekunde war ich davon überzeugt, hier drinnen festzustecken. Irgendwie schaffte ich es aber, freizukommen und mich durchzuschieben. Ich musste die Muskeln anspannen, wodurch sich der ohnehin knappe Raum noch weiter um mich schloss und ich mit einer an meine Brust gehobenen Hand in meiner Bewegung erstarrte. Die Hand mit der Taschenlampe hing immer noch an meiner Seite, zu klobig, um sie im Schacht anzuheben, und so orientierte ich mich an dem kleinen, verschwindend geringen Lichtpunkt weit über mir. Mein verletztes Bein ließ sich nicht strecken, doch ohne die Beine auszustrecken, würde es unmöglich werden, aus dem Schaft zu klettern. Sogleich verwarf ich diesen Gedanken und versuchte, die freie Hand nach unten zu bringen, schaffte es aber nicht – ich klemmte fest.

Jesus …

Ich dachte über meinen SUV nach und das war kein gutes Zeichen. Mein metallisch-grüner Jeep war abseits der Hauptstraße geparkt und nur sichtbar, wenn man auch wirklich danach Ausschau halten würde. Nicht, dass jemand auf diesen Gedanken kommen würde. Aus meinen zahlreichen Unterhaltungen mit Höhlenforschern wusste ich, dass man ganz schön in der Scheiße saß, wenn man sich Gedanken darüber machte, ob das eigene Fahrzeug vom Highway aus zu sehen war oder nicht; hing man erst mal dieser Überlegung nach, hatte man bereits die berühmt-berüchtigte Arschkarte gezogen.

Fünf Jahre alt, ging es mir plötzlich durch den Kopf. Schwimmunterricht. Dad sagt dir, dass du deinen Kopf unter Wasser halten sollst, halt den Kopf unter Wasser, halt den Kopf unter Wasser. Ein tiefer Atemzug, und dann halte den Kopf …

»Unter Wasser«, flüsterte ich.

Ich sprach es nicht aus, um es zu hören, vielmehr, um die Luft aus meiner Lunge zu atmen und den Brustkorb so weit wie möglich einzuziehen. Der Fels lockerte seinen eisernen Griff um mich und nun gelang es mir wieder, die festgeklemmte Hand zu bewegen. Ich zog meinen Arm den engen Spalt zwischen meinem Körper und der Wand hoch und tastete mit der gefühllosen Handfläche nach einer der Kerben, die ich vorher im Schein der Taschenlampe gesehen hatte, und die mir möglicherweise einen sicheren Halt bieten würde, glitt mit den Fingern hinein, und griff zu. Irgendwas legte sich an meinen Hals und das Bild eines in Spinnweben eingewickelten Skeletts erschien vor meinem geistigen Auge. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und es gelang mir, im Licht der Taschenlampe die andere Hand ebenfalls aufwärts zu bringen. Der Geruch von Schwefel war allgegenwärtig.

Das ist nicht Sulfur, sondern Chlor, versuchte mich eine hartnäckige Stimme in meinem Kopf zu überzeugen. Das ist nicht viel anders als Schwimmen. Und du schwimmst. Du schwimmst in einem Pool, siehst du das nicht?

Alles klar. Ich konnte es sehen, ich konnte es spüren. In Ordnung.

Die Taschenlampe fiel aus meiner Hand. Ich hörte sie gegen die Wände prallen, während sie runterfiel, und den hellen Strahl mit sich zog. Sie landete mit einem hohlen, gummiartigen Platschen im Wasser. Augenblicklich danach wurde der Schacht wieder in Finsternis getaucht.

Das ist wie Schwimmen. Das ist wie Schwimmen …

Jetzt erst stellte ich fest, dass ich den Atem angehalten und meiner Lunge seit geraumer Zeit keine frische Luft zugeführt hatte. Daher holte ich tief Luft, die Lunge stöhnte unter der Belastung, und meine Brust weitete sich wieder, drückte gegen das mich umgebende Gestein.

Das beklemmende Gefühl, in dieser Enge ersticken zu müssen, war wieder zurückgekehrt. Ich konnte keinen normalen Atemzug tätigen. Die Angst, hier unten allein zu sterben, verlieh mir jedoch die erforderliche Kraft, weiter emporzuklettern.

Meine Finger streckten sich über die Oberfläche der Wand, um sich um günstige Kerben und Vorsprünge zu schließen, während die Muskeln in Armen und Schultern vor Anstrengung brannten und ich mich vom Boden hochzog, ohne dabei die Beine unterstützend einzusetzen. Der Schacht war einfach zu eng, als dass ich ein Knie hätte anwinkeln und hochbringen können. Meine Beine hingen als nutzloser Ballast unter mir. Das gebrochene, linke Bein fühlte sich an, als wäre es mit Glas gefüllt, und über einen Kleiderbügel geworfen.

Ich bekam einen Vorsprung zu fassen und konnte den zurückweichenden Schacht hinter meinen Schultern spüren. Der Tunnel wurde breiter. Das ist wie Schwimmen. Das ist wie Schwimmen. Ich schob mich weiter nach oben.

Meine Hände glitten weg und ich sah den Fall, bevor dieser tatsächlich eintrat. Als ich schließlich unten aufschlug, war der Schmerz so gewaltig, dass mein Geist davongeschleudert wurde …

Ich stand am Ende eines langen Piers und beobachtete ein in der Dämmerung träge kreisendes Riesenrad. In meinem Hals kratzte es unangenehm und ich hustete in meine Hand. Beunruhigt nahm ich zur Kenntnis, dass einige Leute auf der Promenade in meine Richtung schrien und dabei auf mich zeigten. Ich legte die Hände an meinen Mund und hustete wieder. Überrascht stellte ich fest, dass ich diesmal eine Narzisse ausgehustet hatte, feuchtglänzend von meinem an ihr klebenden Speichel.

Und ohne Vorwarnung bin ich wieder dort, stehe in der Ferne, und blicke prüfend auf die saftigen, grünen Hänge des Abhangs, irgendwo in Italien. Sobald ich realisiere, wo ich mich befinde, sehe ich auch schon das Fahrzeug um die Kurve rasen. Ich winke mit den Armen, flehe den Fahrer an, langsamer zu fahren.

Ich fand mich in einem pechfinsteren Raum wieder, als eine Figur aus den Schatten tauchte. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, wie es mir gelungen war, in der Dunkelheit die Umrisse der Gestalt erkannt zu haben, aber als sie sich mir näherte, konnte ich deutlich ihre Präsenz spüren, fast schon wie eine Art Strahlung, die sie abzugeben schien, und eine sonderbare Erwartungshaltung regte sich in mir.

Dann öffneten sich meine Augen in der Schwärze der realen Welt.

Hier, dachte ich. Hier unten werde ich sterben.

Der Schmerz war so intensiv gewesen, dass ich sofort in barmherzige Bewusstlosigkeit gefallen war. Nach dem Aufwachen spürte ich mein linkes Bein nicht mehr – diese entsetzliche Vorstellung, das es nicht mehr da war – aber der Schmerz, der mir vorher das Bewusstsein versengt hatte, der nicht auszuhaltende, wahnsinnige Schmerz, war nicht mehr da.

Ich lag inmitten des eisigen Wassers auf dem Grund. Mir war durchaus bewusst, das ich wieder bei Sinnen und verstandesmäßig klar war, aber ich verweigerte jede Regung. Die Taschenlampe war hinüber, wahrscheinlich kaputtgegangen, nachdem ich draufgefallen war, doch es kümmerte mich nicht. Das war es. Ich sah den Wagen über den Abhang hinausschießen; fort waren die Gedanken um den eigenen Jeep Cherokee.

Ich war nicht allein hier unten.

Die Empfindung war nicht falsch zu deuten. Als ich noch ein kleines Kind war, pflegte meine Mutter mich auf ihren Schoß zu nehmen, und mit ihren Fingernägeln über meinen Rücken zu streichen. Sie zog verschiedene Formen und Figuren über meine Haut und ich musste erraten, um welche es sich dabei handelte – eine Schildkröte, ein Löwe, ein Wolkenkratzer. Sekunden, bevor sie ihre Fingernägel auf meine Haut aufsetzte, konnte ich ihre Anwesenheit spüren, wie ein Stechen entlang meines Rückens, ein Kribbeln am Steißbein. Das war dasselbe Gefühl: das unverrückbare Wissen um die Anwesenheit eines anderen.

»Ich sterbe«, sagte ich. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich das laut ausgesprochen hatte.

–Nein, tust du nicht, widersprach Hannah. Mein Herz tat einen Sprung in meiner Brust. Ich wünschte mir Licht, damit ich sie sehen konnte, aber natürlich gab es hier kein Licht. Dies hier war eine Gruft unter der Erdoberfläche.

–Steh auf, befahl sie mir.

»Ich kann nicht«, schaffte ich zu entgegnen, und diesmal war ich sicher, die Worte ausgesprochen zu haben, denn meine eigene, krächzende Stimme wurde in der kleinen Höhle auf mich zurückgeworfen.

»Kann … mich nicht … bewegen.«

–Du darfst hier unten nicht sterben, warf sie ein.

Sie sprach noch weitere Worte. Worte, die keinen Sinn ergaben, aber darauf abzielten, mich zum Weitermachen anzuheizen, mich aus dem eisigen Wasser aufzurichten, und wieder den Aufstieg ins Auge zu fassen.

Die Hand, die sich aus der Finsternis nach mir streckte, blieb meinem Blick verborgen, aber ich konnte deutlich wahrnehmen. Das Gefühl war ähnlich dem, welches ich als Kind immer hatte, wenn meine Mutter das Spiel mit ihren Fingernägeln auf meinem Rücken trieb; ich bekam eine Gänsehaut, und ein Kribbeln kroch an meiner Wirbelsäule entlang abwärts.

Ich wusste natürlich, dass sich keine echte Hand in der Dunkelheit befand, die mir unterstützend zur Seite gestanden hätte – das mein gemarterter Verstand dieses Hirngespinst von einer Emotion und die Hand erschaffen hatte – aber die Vorstellung war so klar und stark umrissen, das ich begann, wieder neue Kraft zu schöpfen, zu hoffen, und eine Zuversicht in mir zu spüren, die schon an Euphorie grenzte.

Diesmal brachte ich die Arme gleich zu Beginn über meinen Kopf, denn ich hatte aus meinem vorherigen Fehler gelernt. Ich tastete mit den Fingern entlang der Wand, bis ich geeignete Kerben gefunden und diese ergriffen hatte. Mit meiner wiedergefundenen Stärke und Entschlusskraft hievte ich mich vom Boden und aus dem frostigen Wasser, in dem ich seit meiner Landung gelegen hatte, doch bei der Bewegung schoss wieder der übelkeitserregende Schmerz durch mein linkes Bein, von dem ich angenommen hatte, das er nun völlig taub sei. Der Schmerz war nicht auf das Bein beschränkt, sondern pulsierte durch meinen gesamten Körper, nahm jeden Nerv, jede Zelle in Beschlag, und ließ mich die Zähne aufeinanderbeißen. Aber ich schob mich weiter in Richtung des kleinen Lochs über meinem Kopf, wobei mir nur die Hände und das Eine, gesunde Bein zur Verfügung standen.

Aufgrund der klaustrophobischen Maße des Schachtes, konnte ich meine Ellbogen nicht über den vollen Bewegungsradius zurückziehen und anwinkeln. Mir blieb in etwa ein Spielraum von 30 Grad, wodurch ich mit den Armen nur eine kurze Strecke über die Wand ertasten und mich hochziehen konnte, aber daran konnte ich nichts ändern. Die Wände waren so nah aneinandergerückt, dass sie an den Spitzen meiner Ellbogen scheuerten, und der aufgewirbelte Staub in meine Lunge drang. Es bedurfte einiger Anstrengung und Überwindung, eine Hand von der Kerbe zu nehmen, und damit an der Wand nach einer höher gelegenen Nische zu greifen, während ich wie das Pendel einer Uhr über dem Boden schwang. Ich streckte den Arm geradewegs nach oben und der Raum um mich wurde etwas größer. Dann zog ich mich mit der anderen Hand, die ich immer noch um die Kerbe hielt, ein Stück weiter hinauf. Die Sehnen und Bänder in meinem Körper waren gespannt wie die Saiten einer Violine und schienen vor Belastung im Gleichklang zu vibrieren. Aber es gelang mir, mit dem freien Arm noch weiter nach oben zu greifen. Mit tauber Zufriedenheit stieß ich mit der freien Hand auf einen Stein über meinen Kopf und augenblicklich glitten die Finger in eine weitere Kerbe. Schnell und unbedacht kletterte ich weiter und wurde für meinen Übereifer bestraft, als der aus der Haut herausragende Schienbeinknochen gegen die Felswand des Schachtes geschlagen wurde.

Der Schmerz ließ mich blind und einer Ohnmacht nahe an der Wand krampfen und wurde von den funkelnden, bunten Explosionen vielzähliger Feuerwerkskörper verdrängt, die mich annehmen ließen, ich sei bereits gestorben und würde in einem Fass mit geschmolzenem Gestein in der tiefsten Ebene der Hölle gekocht werden.

–Hoch, drängte Hannah. –Hoch.

Der Schmerz hätte mich in seiner bewusstseinstrübenden Intensität verschlingen und zerstören können, aber ich leitete ihn in einen anderen Kanal um, und ließ ihn meine Aggression und meinen Überlebenswillen nähren. Jetzt war es mir egal, ob ich den freiliegenden Schienbeinknochen an der Wand zu gelbem Pulver zermahlen würde. Ich würde hier herausklettern und der Schmerz war mein Treibstoff.

Ich setzte den Aufstieg zu dem schwachen Lichtschein fort. Am Ende wusste ich nicht, wie viel Zeit es mich gekostet hatte, um die darüber liegende Kammer zu erreichen, in der aus einer Öffnung an der Decke schwindendes Tageslicht in die Höhle geworfen wurde. Es hätten Minuten, aber auch Stunden vergangen sein können.

Als ich aus der Höhle einen Weg nach draußen fand und wieder über stabilen, irdenen Boden kroch, brach ich zusammen.

– 3 –

Kurze Momente des Bewusstseins zogen an mir vorbei wie Libellen im Flug. Ich vermochte nicht zu sagen, ob ich mich in einem Traum befand oder nicht, denn als sich meine Augenlider hoben, war ich irgendwie außerhalb der Höhle und befand mich in der Wüste, wo ich Echsen dabei beobachten konnte, wie sie mit ihren schwarzen, zitternden Zungen Wasser aus kleinen Rinnsalen leckten, während ich die vorabendliche Hitze auf meinem Körper spürte. Ich kroch im Wüstensand auf einen großen, aus dem Boden ragenden Stein zu, den ich mir im Geist als den versteinerten Rückenwirbel eines gewaltigen, prähistorischen Tieres vorstellte. Abermals verlor ich das Bewusstsein.

Diesmal war es bereits Nacht, als ich aus der Umnachtung zu mir kam. Der Mond schimmerte als dicke Perle hinter einer lang gezogenen Bank aus ausgefranst und schmutzig aussehenden Wolken. Die Luft war kühl auf meiner Haut. Mehrmals blinzelte ich mit den Augen, versuchte, mich daran zu erinnern, wo ich mich befand und wie in aller Welt ich hierhergekommen sein mochte. Ich wollte aufstehen, doch mein Körper zeigte wenig Kooperationsbereitschaft und ich fiel wieder zurück in den Dreck, wobei ich von Höllenqualen bis ins Mark erschüttert wurde. Ich starrte an mir herab und sah das Gemetzel, das mal mein gesundes linkes Bein gewesen war – die von meinem Blut durchtränkte Hose und den geisterhaften, fahlen Glanz des freiliegenden Knochens – und übergab mich in den Sand. Ob ich wieder in die Bewusstlosigkeit abdriftete oder der Autopilot die Kontrolle an sich riss, konnte ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen.

Das Nächste, woran ich mich klar erinnern konnte, war, dass ich mich gegen eine Steinmauer gelehnt hatte, gestützt auf einen Ast als behelfsmäßiges Provisorium, und meinen Blick in die Ferne schweifen ließ. Samtene Sterne hingen am Himmelsdach. Der Lärm um mich herum – das Zirpen und Summen von Insekten, das Geschnatter der Vögel, das Heulen der Wölfe – die geballte, kumulative Geräuschkulisse der Natur war ohrenbetäubend.

Ich versuchte über Sandbänke hinweg den Highway zu finden. Allerdings konnte ich weder Scheinwerfer von vorbeifahrenden Autos erkennen, noch das schwache Leuchten von Natriumlampen einer Stadt ausmachen. Die Mondoberfläche hätte nicht weniger verheißungsvoll aussehen können.

Hannah stand etwa 20 Meter vor mir. Sie trug ein einfaches Kleid aus Baumwolle, ihr Haar war zu einem Bob kurz geschnitten, wie ich es mir oft vorgestellt hatte, ihre Haut so hell, beinahe an der Grenze zur Transparenz. Im Schein des Mondes wirkte sie wie ein Geist, der über den Boden zu schweben schien. Und das war sie ja auch. Immerhin war sie tot.

»Hannah«, krächzte ich aus einem sich rau und kratzig anfühlenden Hals.

Das Atmen bereitete mir Schmerzen, vom Reden ganz zu schweigen. Gott allein wusste, wie lange ich bisher ohne Wasser ausgekommen war.

Sie wandte sich ab und lief – nein, vielmehr schien sie zu schweben – auf einen kleinen, felsigen Hügel, und verschwand auf der anderen Seite. Sie sagte nichts, und die Entfernung war zu groß, um ihren Gesichtsausdruck sehen zu können, aber, und dessen war ich mir sicher, sie wollte, das ich ihr hinterherging. Auf meine Krücke gestützt, humpelte ich zu der kleinen Anhöhe, einmal kurz innehaltend, um zu Atem zu kommen und wieder etwas Gefühl in mein taubes, linkes Bein fließen zu lassen.

Es gab keinen Schmerz. Ich hatte den Schmerz hinter mich gebracht, was für den Moment gut und vorteilhaft war, obwohl im Kontext des Ganzen eine lang andauernde Taubheit eher als schlechtes Omen zu werten war. Das Bein schien nicht mehr zu retten zu sein.

Nun merkte ich auch die Folgen einer einsetzenden Unterkühlung. Die Zeichen waren allzu offensichtlich und nicht zu verkennen: Kalter Schweiß, Schüttelfrost, verschwommene Sicht, die schwindende Kraft bei jedem mühsamen Schritt, der mir gelang. Ich wollte nur noch die Augen schließen und mich fallen lassen. Wahrscheinlich hätte ich genau dies getan, wenn nicht Hannah so plötzlich aufgetaucht wäre.

Das ist aber nicht Hannah, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Hannah ist tot.

Hannah stand auf der anderen Seite des Hügels und starrte geradewegs in meine Richtung. Als ich mich wieder auf die Krücke stützte und unbeholfen auf sie zustakste, drehte sie sich weg und verschwand hinter einem Wall aus niedrig gewachsenen Bäumen. Ich folgte ihrer Erscheinung durch die Bäume und benutzte dabei Zweige und Äste zur weiteren Unterstützung. Hätte ich in der Dunkelheit den Blick auf ihr weißes Abendkleid verloren, hätte ich mich der Erschöpfung hingegeben, bevor ich durch den Baumbestand hindurch auf eine gewaltige Lichtung hinausgetreten wäre.

Aber es war keine Lichtung. Es war eine Straße. Ich stand mitten auf dem Highway.

– 4 –

Ich habe den Mann nicht kennengelernt, der letztlich angehalten, meine klägliche Gestalt von der Straße geholt, in sein Auto gehievt und in das nächstgelegene Krankenhaus gefahren hat. Aber das mich behandelnde medizinische Personal versicherte mir, dass er schwer in Ordnung gewesen war und mir alles Gute auf dem Weg der Genesung gewünscht hatte.

Kapitel 2

– 1 –

Marta Cortez kam am Ende der Woche vorbei. Sie sah hübsch aus mit ihrem zurückgebundenen Haar und ihrer natürlichen Bräune im Gesicht, frisch und ohne Make-up. Sie summte eine fröhliche Melodie vor sich hin und der Klang war so erheiternd, dass die ganze Wohnung davon erfasst wurde.

»Schau dich nur an«, seufzte sie und hielt inne. »Du bist wohl wieder schlecht gelaunt.«

»Wie bist du reingekommen? Ich dachte, die Tür wäre abgeschlossen.«

»Sei nicht so streitlustig.« Sie fegte praktisch durch die Wohnung direkt in die Küche; in ihren Armen braune Lebensmitteltüten und eine schwingende Handtasche aus Leder um die Schulter.

Ich war auf dem Balkon. Die Türen standen offen und ich blickte in die Ferne auf das Glitzern und Glänzen des kriechenden Verkehrs in der Nähe der Chesapeake Bay. Meinen Rollstuhl wendend, rumpelte ich über die Türschwelle wieder in die Wohnung. Die hereinwehende, frische Sommerbrise vermochte den faden Geruch von abgestandenem Schweiß und alten, moderigen Büchern nicht zu verdrängen – ein Geruch, an dem ich früher Gefallen gefunden hatte, so wie manche Menschen ihr Wohlgefallen in Bibliotheken fanden, der mir aber inzwischen meine isolationistische und zurückgezogene Lebensweise vor Augen führte. Mit Ausnahme von Martas Hausbesuchen, bei der sie mich mit Lebensmitteln versorgte und gelegentlich eine Runde Backgammon oder Schach mit mir spielte, blieb meine kleine Wohnung in Annapolis zumeist ohne Besucher.

»Hier sieht es aus wie in einem Schweinestall«, rief sie mir zu, während sie den Inhalt der Tüten in den Kühlschrank einräumte. »Kannst du nicht ein wenig aufräumen?«

»Ich finde es gemütlich«, entgegnete ich und nahm dabei die Wohnung etwas genauer in Augenschein.

Klamotten lagen lose wie herabgefallenes Blattwerk auf dem Sofa und auf beinahe jeder sich anbietenden Oberfläche türmten sich Stapel von DVD's und Büchern, selbst auf dem Schirm einer Lampe; eine mögliche Brandquelle. Eine halbe Flasche Macallan Scotch zusammen mit einem Arrangement benutzter, nicht gespülter Whisky-Gläser sowie einem einzelnen Champagnerglas zierten die Oberseite eines Lautsprechers. Leere Lebensmittelboxen verschiedener Restaurants mit Lieferservice schienen über Nacht wie kleine Städte aus dem Boden gewachsen zu sein. Besonders eine Kollektion aus Boxen eines chinesischen Restaurants, welche kunstvoll auf einem Stapel DVD's thronte, der wiederum entgegen jeder Logik auf einem Haufen Bücher balancierte, zeugte von meiner Erbärmlichkeit.

»Wie auch immer«, fuhr ich fort, das Chaos und den Zerfall um mich weiter ignorierend, »ich bin noch an diesen Stuhl gefesselt: Das erschwert natürlich das Aufräumen.«

»Ich dachte, du würdest inzwischen die Krücken benutzen?«

Ich warf einen raschen Blick auf die achtlos in eine Ecke gestellten Krücken. Ein Hawaiihemd hing von einer der gepolsterten Armlehnen herab.

»Du kannst ja die Nachbarn fragen, und vielleicht werden sie dir gegenüber sogar bezeugen, jemanden gesehen zu haben, Ende 30, mit teigiger Haut, schlecht sitzender Kleidung, der ab und zu auf Krücken durch die Lobby getorkelt ist. Aber sie werden dir auch den frustrierten und niedergeschlagenen Ausdruck auf seinem Gesicht bestätigen.«

»Du bist ein Arschloch, Tim«, stellte Marta nüchtern fest. »Ich habe eine Überraschung für dich.«

»Tatsächlich? Was ist es, etwa eine neue Haushälterin?«

Sie stand in der Küchentür und sah verführerisch aus in ihrem pinkfarbenen, schulterfreien Sonnentop und ihrer zu kurzen schwarzen Hose, aus der ein Paar gebräunte Beine wie helle Strahlen aus Tageslicht rauszukommen schienen. Wir waren befreundet und bisher war es nie zu einem Date gekommen. Bis auf jene Nacht vor einigen Jahren, als wir einige Stunden zusammen in einer Bar damit zugebracht hatten, uns zu besaufen. Danach kehrten wir in die Wohnung zurück, wo wir uns vor dem Fernseher etwa bei der Hälfte eines Films der Cohen-Brüder küssten. Vom Küssen steigerten wir uns zu unbeholfenem Fummeln, Marta mit nacktem Oberkörper auf der Couch, ich über ihr, mit einer Hand an ihrem Schritt – aus derselben Position war ich am folgenden Morgen aufgewacht. Wir waren beschämt über das, was zwischen uns beinahe vorgefallen wäre, und ich hatte sie seit damals weder geküsst, noch ihre Brüste gesehen. Sie durchschritt den Raum und warf mir eine DVD in den Schoß.

»Das Fenster zum Hof«, las ich. »Witzig. Lass dir ja von niemandem einreden, du hättest keinen Sinn für Humor.«

»Hast du die Boote gesehen?«, fragte sie, als sie wieder in die Küche verschwand.

»Welche Boote?«

»Sie scheinen sich für ein großes Rennen bereit zu machen. Menschen aus dem ganzen Land tummeln sich in der Stadt. Du solltest die großen Schiffe unten am Ego Alley sehen.«

Ego Alley war der von der einheimischen Bevölkerung benutzte Name für den Hafen in der Nähe der Innenstadt, wo die grauhaarigen, inzwischen aus dem Geschäftsleben ausgeschiedenen Mogule mit stolzer Brust in ihren riesigen Jachten im Hafen herum schipperten, während bernsteinfarbene Schönheiten in knapp sitzenden Bikinis die Decks zierten. Wenn man sich diese Männer genauer besah, konnte man Pfauenfedern aus ihren Ärschen sprießen sehen. Ich schob den Rollstuhl wieder auf den Balkon und griff mir die Flasche mit dem Scotch. Ich war mir sicher, in Hafennähe einen ganzen Schwarm weißer Segel sehen zu können.

Nachdem ich die Flasche geöffnet hatte, führte ich sie an meine Lippen und genehmigte mir einen kurzen, aber kräftigen Schluck. Marta hatte während meiner Medikation mit Schmerzmitteln aufgegeben, mich wegen des Trinkens zu ermahnen, wissend, dass ich eher auf die Medikamente, denn auf meinen geliebten Whisky verzichtet hätte. Würde sie mich jetzt beim Trinken erwischte, würde sie nur den Kopf schütteln wie jemand, der im Radio einen Bericht über einen schlimmen Autounfall gehört hatte.

Der Unfall in der Höhle lag nun sechs Monate zurück, die letzte Operation vier Monate. Das Ergebnis waren eine Stahlplatte und ein Dutzend rostfreier Stahlschrauben, die in den Knochen meines linken Beins hineingetrieben worden waren. So etwas ließ sich nicht einfach mit herkömmlichen Schmerzmitteln lindern; so etwas befand sich weitab von jedweder, erfolgreichen Schmerzmedikation.

»Ist der neu?«

Ihre Stimme kam aus der Wohnung. Ich sah über meine Schulter nach hinten. Sie stand in der Diele mit einem Umschlag in den Händen.

»Wieder aus New York?«

»Sie sind immer aus New York«, erinnerte ich sie.

»Du hast sie ja nicht mal geöffnet.«

Ich nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche und beobachtete, wie ein Jet-Ski unten im Hafen schaumige Wellen auf der Wasseroberfläche hinter sich herzog. Marta war an mich herangetreten und fächerte sich mit dem ungeöffneten Brief Luft in ihr Gesicht.

»Darf ich ihn öffnen?«

»Von mir aus.«

Sie riss den Umschlag auf, legte mir einen Streifen weißes Papier in den Schoß und begann, laut aus dem Schreiben vorzulesen. Allerdings kam sie nicht weit, da sie schon bald aufhörte, und humorlos fragte, was mit mir nicht stimmen würde. »Diese Leute unterbreiten dir ein tolles Angebot. Sie möchten dir den Flug bezahlen und mit dir die Details besprechen. Scheiße, was für einen Tag haben wir heute?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Scheiße. Die Deadline war bereits letzte Woche. Du hast den Deal verpatzt.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ist nicht wichtig.«

»Natürlich. Nichts ist wichtig. Weder dieser Brief hier, noch all die anderen davor. Ein Schuhkarton voller Briefe liegt unter deinem Bett, weißt du das?«

»Ich dachte, du hättest sie entsorgt.«

»Warum sollte ich? Du hast mich nie danach gefragt, was ich mit den Briefen gemacht habe, und ich selbst habe dir gegenüber nichts davon erwähnt.«

»Warum interessiert dich das so plötzlich?«

Marta zerknüllte den Brief und ließ ihn in meinen Schoß fallen. Auch ohne die Papierkugel wieder zu glätten, konnte ich die hohe Qualität des Papiers erkennen, auf dem der Brief verfasst worden war. Wahrscheinlich mit einem Wasserzeichen versehen und einem Wappen – oder dem Firmenaufdruck kurz unterhalb der Überschrift.

»Weil es zu lange her ist«, antwortete sie, während sie wieder in die Wohnung trat. »Es ist genug Zeit vergangen und du hast nichts unternommen, um wieder in die Spur zu kommen.«

Ich wendete den Rollstuhl auf dem Balkon und folgte ihr. »Es ist aber nicht meine Absicht gewesen, wieder in die Spur zu kommen.«

»Dann ist es höchste Zeit, dass du es tust. Du brauchst eine Aufgabe. Diese Wohnung hier gleicht einer Mülldeponie und dein Erspartes neigt sich dem Ende zu.«

Das allerdings entsprach den Tatsachen. Seit dem Unfall war ich nicht in der Lage gewesen, meine Arbeitsstätte am College aufzusuchen. Der Versuch, die Studenten über das Semester hindurch per E-Learning durch den Kurs zu führen, scheiterte an meinen bescheidenen Fertigkeiten als Dozent. Abgesehen davon war es nicht möglich, Kunst über das Internet zu lehren.

Glücklicherweise konnte ich mir einen langen Genesungsurlaub nehmen und so verbrachte ich die letzten Monate damit, DVD's zu schauen und mit meinem verkrüppelten Bein sämtliche Spelunken in Annapolis abzuklappern.

»Ich hatte es dir bereits gesagt«, obwohl ich mir dessen selbst nicht sicher war, »dass ich es nicht mehr drauf habe. Mein Talent hat mich verlassen.«

»Bist du sicher? Wann hast du das letzte Mal versucht, eine Skulptur zu erstellen?«

»Vor dem Unfall habe ich jeden Tag im Unterricht Skulpturen …«

»Nicht für das College. Für dich, nur für dich. Nicht irgendein Ding, das du innerhalb von 50 Minuten aus dem Ton zum Vorschein bringst. Ich meinte eigentlich die Art von Skulpturen, die du angefertigt hast, bevor ich dich kennenlernte. Die Arbeit, bei der du glücklich warst, und die dir auf das Cover des eingerahmten Magazins verholfen hat …« Marta starrte auf ein leeres Rechteck an der Wand neben der Tür – die Stelle, an der ein Nagel aus der Wand ragte, so offensichtlich, dass ich mich leicht verwundert fragte, warum der kahle Fleck mir nicht schon eher aufgefallen war. »Warum hast du es abgenommen?«

»Es ist zufällig runtergefallen und ging kaputt.« Das entsprach nur teilweise der Wahrheit.

Sichtlich niedergeschlagen ließ sie sich auf das Sofa fallen. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien sie mir am liebsten eine schmieren zu wollen. Sie legte die Hände ineinander und stützte ihr Kinn darauf ab. Sprenkel von Sommersprossen bedeckten ihre Arme.

»Lass uns spielen«, sagte ich und stellte die Flasche mit dem Scotch auf den Boden. Dann begann ich das Schachbrett herzurichten, welches sich zwischen uns auf dem Kaffeetisch befand.

»Nein.« Marta war schon wieder auf den Füßen.

»Was?«

»Ich habe ein Date.«

»Tatsächlich?«

»Du klingst immer überrascht.«

»Weil ich es immer bin. Wer ist es?«

»Niemand, den du kennst.«

»So habe ich das nicht gemeint. Was macht er denn so?«

»Er ist Barkeeper.«

»Dann kenne ich ihn ja womöglich doch.«

»Sehr lustig. Aber im Ernst … er mag nicht das Blaue vom Himmel sein, aber er ist nett. Und ich werde nicht jünger.«

»Also bist du der Überzeugung, mit einem Barkeeper auf das richtige Pferd gesetzt zu haben?«

»Komm runter. Ich sehe, wie mein Leben an mir vorüberzieht.« Aus irgendeinem Grund zehrte diese Aussage an ihrem Inneren – das war deutlich an ihrer veränderten Mimik zu erkennen – und sie verlagerte ihr Gewicht auf den Hüften und sah mich an: »Welcher Teufel hat dich damals geritten, dich allein in diese Höhle zu begeben?«

Während all der Zeit davor hatte sie mir diese Frage nicht gestellt.

Ich zögerte die Antwort eine Weile hinaus, bevor ich sagte: »Ich schätze, das ich etwas gesucht habe«, während ich fortfuhr, das Schachbrett zu bestücken. Notfalls konnte ich gegen mich selbst spielen, wenn Marta sich nicht zu einer Partie mit mir herablassen wollte.

»Und um was soll es sich bei diesem Etwas gehandelt haben?«

Ich zuckte kurz mit den Schultern. »Das kann ich dir nicht beantworten.«

»Warum nicht? Hat dir jemand eine Knarre an den Schädel gehalten? Oder ist es eine geheime Regierungsgeschichte?«

»Das Letzte klingt ziemlich cool. Belassen wir es doch dabei.«

»Himmel, Tim. Manchmal bist du zum Kotzen.«

Beinahe hätte ich ihr von Hannah erzählt – wie ihr Geist mir aus der Höhle geholfen und mich in Richtung Highway geleitet hatte. Ohne ihre Hilfe wäre ich nicht lebend aus dem Schlamassel rausgekommen.

Doch stattdessen hielt ich dicht, da ich nicht erpicht darauf war, solche Dinge auszudiskutieren, auch und vor allem, weil diese Geschichte mit einer anderen verknüpft war, einem aktuellen Geschehen, über das ich mit niemandem reden wollte. Unter Berücksichtigung des physischen sowie psychologischen Stresses, dem ich während der Zeitspanne des Unfalls ausgesetzt gewesen war, schien es ein Leichtes, die Sache mit Hannahs Geist zu erklären. Ihre Erscheinung war eine Einbildung meines gemarterten Geistes gewesen, hervorgeholt an die Oberfläche meines Bewusstseins aus den Untiefen meiner Erinnerung, während ich Gefangener von wahnsinnigem Schmerz und einsetzender Unterkühlung war. Ebenso gut hätte ich behaupten mögen, Elvis hätte mir den Weg aus der Höhle gedeutet, und man hätte diese Aussage mit einem Grinsen und einer wedelnden Handbewegung quittiert. Das war nicht das Problem. Die Geschichte ging nämlich weiter und – das war der eigentliche Haken an der Sache – zog einen durchgehenden Strich ins Hier und Jetzt; daher war es alles andere als einfach, die Geschichte als lächerlich abzutun. Denn seit dem Unfall war mir Hannah auch in meiner Wohnung erschienen. Erst vor drei Tagen hatte ich sie draußen auf dem Balkon stehen sehen.

»Was ist mit dir?«, fragte Marta mit hochgezogenen Augenbrauen. »Du siehst verängstigt aus.«

Meine Handflächen schwitzten. Ich musste schlucken und mein Speichel fühlte sich wie granulierter Sand an. Als ich sprach, klang meine Stimme, als ob ich mich wieder in der Pubertät befinden würde. »Ich glaube, dass ich wieder an den ganzen Vorfall zurückgedacht habe.« Ich räusperte mich, um den Hals freizubekommen. »Bleib. Nur ein Spiel.«

»Hör auf.« Sie küsste mich auf die Stirn. In dieser Geste lag so viel Mütterliches und ein aus Nostalgie geborener Schmerz ließ mich voller Sehnsucht meine Kindheit herbeiwünschen. »Ich habe ein Date und muss mich langsam auf den Weg machen. Ich werde morgen wieder reinschauen, okay?«

»Es sei denn, du hast heute Nacht Glück. Du weißt ja, wie charmant Barkeeper sein können. Übrigens kannst du ihm mitteilen, dass ich bereits Hallo gesagt habe, wer immer er auch sein mag.«

»Du bist ja ein echter Witzbold. Im Kühlschrank findest du übrigens was zu essen. Und versuche, keinen Ärger zu machen.«

Ich winkte ihr zu, während sie mich der Einsamkeit der Wohnung zurückließ.

– 2 –

Als der Stundenzeiger der Uhr die 9 in seinem Kielwasser hinter sich gelassen hatte, drehten sich meine Gedanken immer noch um Hannah. Die Wohnung lag kalt in der Dunkelheit und die zur offenen Balkontür hereinströmende Luft trug den unverkennbaren Duft des Chesapeake-Flusses mit sich.

Ich saß im Rollstuhl und hatte gerade die erste Stunde »Das Fenster zum Hof« hinter mich gebracht, als mein Hirn anfing, mir einen Streich zu spielen. Ich war davon überzeugt, an der Peripherie meines Sichtfeldes Hannah zu sehen, während Jimmy Stewart durch ein Teleobjektiv über den Innenhof in das Zimmer hinter dem gegenüberliegenden Fenster hinein starrte. Das Gesicht des Beobachteten schien die Züge von Hannah anzunehmen, was natürlich Quatsch war, aber ich spulte den Film wieder an die entsprechende Szene zurück und stoppte das Bild. Kurz darauf rollte ich mit dem Scotch raus auf den Balkon. Es war ein guter Scotch. Ich saß da und trank und stierte auf die Natriumlampen entlang des Wegs zur Innenstadt.

Dicht oberhalb des Wassers, welches wie eine aus Finsternis ausgebreitete Decke aussah, führte die Hafenbrücke entlang, die im Scheinwerferlicht der darüberfahrenden Fahrzeuge glänzte.

Meine heute am früheren Tag geäußerte Vermutung gegenüber Marta, dass ich davon ausgegangen wäre, sie hätte die Briefe entsorgt, war gelogen gewesen. Ich wusste, das sie die Schreiben in dem Schuhkarton unterhalb meines Bettes gesammelt und aufbewahrt hatte. Mehrere Male bereits war ich sie durchgegangen, ohne den geringsten Hauch von Reue oder Bedauern wegen etwaiger, vertaner Chancen zu empfinden. Tatsächlich hatte ich nichts gefühlt, als ich sie las, vielleicht mit Ausnahme von einem verwachsenen, stabilisierenden Gefühl, wie ein Schiff, das vor Anker liegt und dessen Motorenlärm ins Hafenbecken einrollt. In den Briefen wollte man mich meiner künstlerischen Begabung wegen für verschieden Projekte engagieren. Für gewöhnlich stammten sie von multinationalen Einrichtungen und gesichtslosen Unternehmen, die sich über die großen Städte der Nation verteilt hatten und unterschiedliche aus Titanium gefertigte Statuen und Skulpturen der Kategorie »Moderne Kunst« in ihren marmorierten Innenhöfen und Vorhallen stehen sehen wollten. Oder die Anfragen stammten von irgendwelchen Vorstandsmitgliedern, deren Namen mir völlig unbekannt waren, beschäftigt in Unternehmen mit derselben Anonymität, die mir in ihren Schreiben darlegten, sie hätten diesen und jenen Artikel gelesen und wären begeistert, wenn ich ihnen eine Büste ihres Chefs aus Granit meißeln würde, etwas, das sich auf einem Sockel in der Empfangshalle gut machen würde. In den vergangenen Jahren waren solche Anfragen drastisch gesunken, aber nicht komplett ausgeblieben.

Die neuste Anfrage, jene, welche Marta heute Nachmittag auf dem Balkon gelesen hatte, stammte aus einer Textilfabrik in Manhattan. Der Vizepräsident war besessen von der Zahl 3, wie man zwischen den Zeilen herauslesen konnte, und es war sein Wunsch, Timothy Overleigh anzuheuern, damit dieser für sein Büro eine schmiedeeiserne 3 fabrizieren solle. Die Gründe, warum er mich für diese Aufgabe auserkoren hatte, waren 3erlei: Das Magazin, welches mein Gesicht auf das Cover gebannt hatte, hieß »3 Level«, die Washington Post hatte mich den drittbesten Skulpteur des Landes genannt, und natürlich wegen der Quersumme der Buchstaben meines abgekürzten Vornamens – Tim.

Ich trank den letzten Schluck Scotch, den die Flasche noch hergab, und fühlte mich ziemlich gut. Als ich blinzelte, zerliefen die Lichter entlang der Küste zu einer schmierigen fetten Schliere. Die Kälte der vom Meer auf das Festland wehenden Brise ließ mein Bein schmerzhaft pochen. Ich wendete den Rollstuhl und fuhr über die Schwelle der Balkontür ins Innere der Wohnung. Hannah stand im Zimmer, zum Großteil in den Schatten verborgen.

Ich hielt den Atem an. Die leere Flasche entglitt meiner Hand und landete mit einem hohlen Thud auf dem Boden. Plötzlich war der Schmerz in meinem geschundenen Bein nicht mehr wichtig. Unfähig, mich zu bewegen, saß ich wie festgefroren im Rollstuhl und spähte in den Raum, darum bemüht, die Schatten zu durchdringen, um einen klareren Blick auf meine verstorbene Frau werfen zu können.

»Hannah.«

Ihr Name kam als ein gehauchtes Flüstern über meine Lippen, und der Ton – die alberne Handlung dahinter – zwang mich wieder, rational zu denken und die aufkommende Panik zu unterdrücken.

Natürlich stand sie nicht dort. Sie war tot.

Dennoch lief sie an der mir gegenüberliegenden Wand entlang, ein sich in der Tiefe ändernder, nicht näher zu bestimmender Schatten, bis sie auf die Stelle trat, an der sich das Mondlicht durch die offene Balkontür auf den Boden ergoss. Ich nahm an, dass sie aus den Schatten heraustreten und komplett in den hell erleuchteten Bereich treten würde, aber dazu kam es nicht. Sie verschwand, bevor sie vollständig von der Säule aus Licht erfasst werden konnte, und löste sich in der Dunkelheit zu Staub auf.

»Jesus«, entfuhr es mir mit einer krächzenden und nervösen Stimme. Ich zwang mich, zu lachen, allerdings hörte es sich mehr wie das Bellen eines Hundes an.

Ich entschied, zumindest diese Nacht nicht in der Wohnung zu verbringen. Meine Augen blieben an dem Paar Krücken in der Ecke des Zimmers hängen. Es war nicht schwer, auf den Krücken gestützt runter auf die Straße zu gelangen, obwohl sie in Sachen Komfort deutlich hinter dem Rollstuhl zurückstecken mussten.

Ich manövrierte den Stuhl in die Ecke und stemmte mich hoch, wobei ich den Fernseher als zusätzliche Hilfe benutzte. Der Schmerz ließ mich zusammenzucken, als ich beinahe schon fahrlässig das verletzte Bein gegen eine niedrige Anrichte stieß. Eine Supernova explodierte vor meinen Augen, bevor ich einige, tiefe Atemzüge nahm und die Krücken unbeholfen unter meine Achseln bugsierte. Nun aufgerichtet, musste ich für einen kurzen Augenblick um meine Balance kämpfen, bevor ich mich anschließend auf den Weg zum Ausgang machte.

Meine Wohnung lag in relativer Nähe zur Innenstadt, aber auf Krücken war die Strecke nicht zu bewältigen, und so ließ ich mir über den Pförtner ein Taxi herbeiwinken.

Ins Taxi einzusteigen, selbst mit der gemeinsamen Hilfe vom Pförtner und Fahrer – beide schienen aus demselben, südamerikanischen Land zu stammen – erwies sich als ziemlich schwierig, doch letztlich befand ich mich wohlbehalten auf dem Rücksitz und wurde bald darauf in der Nähe des Hafens rausgelassen.

Es war eine herrliche Nacht und die Straßen pulsierten vor Leben. Musik aus den nächsten Bars und Kneipen drang an meine Ohren, sowie das Fauchen von Schiffsmotoren aus der Ferne. Die Kneipen entlang der Hauptstraßen würden um diese Zeit sicher zum Bersten voll sein und ich hatte nicht die Absicht, in einem überfüllten Lokal von angeheiterten und Betrunkenen Zechbrüdern gegen mein Bein gestoßen zu werden. Also entschied ich mich für die Suche nach einem unauffälligen, vor den Touristen gut versteckten Ort.

Der Filibuster lag so unscheinbar, wie man es sich nur wünschen konnte. Eine schmale, aus roten Ziegelsteinen bestehende Front mit massiven Wandleuchten aus Eisen, und bar jeglichen Klischees, die so typisch für die Auslagen der heimischen Kneipen waren – glupschäugige Krabben aus Keramik oder Ruderer in einem Boot mit gekreuzten Paddeln. Brom Holsworth, ein ehemaliger Staatsanwalt, war Eigentümer der Kneipe, so lange ich zurückdenken konnte.

Im Inneren war es dunkel und es roch leicht muffig. Die Wände waren übersät mit bereits vergilbten Fotos von in Ungnade gefallenen Politikern aus Washington, von denen die meisten ihr Karriereende Brom zu verdanken hatten. Wie erwartet, wurde die Bar heute nur von wenigen Gästen besucht. Ich wäre beinahe vor dem nächsten Barstuhl umgekippt, fing mich aber wieder, und lehnte die Krücken gegen die Wand. Der Barkeeper war ein netter junger Mann namens Ricky Carolton. Sein Gesicht schien sich aufzuhellen, als er mich sah. »Ist schon eine ganze Weile her. Ich hatte schon angenommen, dass du dich von der Brücke gestürzt hast.« Irgendetwas an seiner Aussage ging mir ins Mark. »In der Stadt ist mehr los als gewöhnlich«, erwiderte ich rasch, um mein Unbehagen zu kaschieren.

»Das Wettsegeln findet morgen statt. Hast du heute keine Zeitung gelesen?«

»Ich bekomme nur die Sonntagsausgabe geliefert.«

»Es waren sogar einige Nachzügler hier bei uns.« Während er über die Neuigkeiten berichtete, mixte er mir einen Whisky-Drink.

»Die meisten kommen von außerhalb. Alle Hotels platzen aus sämtlichen Nähten. Na ja, ich schätze, fürs Geschäft ist es sicherlich in Ordnung.«

»Wie geht es Brom?«

Ricky stellte den Drink vor mir auf den Tresen. »Kämpft mit der Gicht.« Er nickte mit dem Kopf in Richtung der Krücken. »Wie lange wirst du die Dinger noch brauchen? Du scheinst dich inzwischen besser bewegen zu können.«

»Ich warte noch, bis ich wirklich keine Zweifel mehr habe.«

»Und der Arzt verschreibt dir weiterhin Schmerzmittel, solange du ein Krüppel bleibst, was?«, sagte Ricky lachend.

»Das kann ich verstehen.« Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Ich wandte mich um, in Erwartung eines bekannten Gesichts, aber der Mann war ein Fremder. Vielleicht einer von den Auswärtigen.

»Sind Sie Timothy Overleigh?«, wollte er wissen.

Der Kerl war ziemlich groß und hatte ein Brustkorb wie ein Fass. Büschel grauen Haares ragten unter dem Rand seiner Mütze hervor und dicke Bartstoppeln sprießten aus den Fleischhügeln seines dicken Halses.

»Wer möchte das wissen?«, fragte ich zurück.

Der Unbekannte deutete mit dem Daumen über seine Schulter nach hinten, in eine mäßig beleuchtete Ecke der Kneipe. »Der Kerl da hinten«, sagte er, während seine Augen die hinter der Bar auf den Regalen aufgestellten Flaschen voller, alkoholischer Köstlichkeiten fixierten.

Ich spähte durch den Raum in die gewiesene Richtung und konnte im Schatten die Umrisse eines Mannes ausmachen, der allein an einem Tisch saß. Allerdings blieb sein Gesicht aufgrund der schwachen Ausleuchtung weiterhin im Dunkeln.

»Tatsächlich? Hat er zufällig auch einen Namen? Für jemanden auf Krücken ist die Überquerung dieses Raums beinahe so anstrengend wie eine Wanderung. Außerdem kann ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, meinen Drink hier am Tresen zurücklassen zu müssen.«

»Hat keinen Namen genannt«, grummelte der Fremde, der seinen mächtigen Körper auf zwei nebeneinandergestellte Barhocker hievte und sich eine Zigarette anzündete.

Während der vergangenen Wochen war es mir gelungen, nur eine Krücke zu benutzen, falls die Situation dies erforderlich machte. Das tat ich jetzt, während ich in der anderen Hand das Glas mit meinem Drink hielt und in die im Zwielicht liegende Ecke humpelte. Je näher ich kam, umso mehr schälte sich die Gestalt aus der Dunkelheit heraus. Der Mann sah gut aus, mit hohen, fast feminin wirkenden Wangenknochen, und einem schmalen Schlitz als Mund. Die Augen waren groß, tiefliegend und dunkel wie die eines Vogels. Die langen, schwarzen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er zündete sich ebenfalls eine Zigarette an und verzog einen Mundwinkel zu einem Grinsen.

Dann erkannte ich ihn – nicht derart, um mich in allen Details an ihn erinnern zu können, aber doch so weit, dass ich mich an dieses spezielle Grinsen erinnern konnte.

»Du bist es«, sagte er in einem Ton, der sich wie ein leises Hauchen anhörte. »Ich sah auf und dachte mir: Scheiße, Mann, das ist doch Tim Overleigh, der da drüben sitzt, mit einem kaputten Bein. Und ich hatte recht.«

»Scheiße«, murmelte ich, als mir dämmerte, wer da vor mir saß.

»Du sagst es«, stimmte Andrew Trumbauer zu, während sein Grinsen breiter wurde.

Immer noch erstaunt, sagte ich: »Als ich dich das letzte Mal sah …«

»Wären wir beide fast gestorben.«

– 3 –

Andrew war ich das erste Mal in einem gänzlich anderen Leben begegnet. In meiner Erinnerung sehe ich ihn genau vor mir, wie er dem Meer entsteigt und auf Hannah und mich zu stolziert, diese seltsame Kreatur, deren Haut so blass ist, dass man fast hindurchsehen kann. Wasserperlen glänzen auf seinem Körper, der so dürr wie der einer Vogelscheuche ist. Sand klebt an seinen nackten Sohlen.

Dieses spezielle Grinsen breitet sich in einem Winkel seines Mundes aus, zieht nach oben und verleiht ihm eine beinahe cartoonartige Entrücktheit. Er hält eine Tüte mit Hundekeksen hoch. Eine Brille hängt an einem festgezurrten Band um seinen Hals und scheint ihm die Luft abzuschnüren, und er ist so unnatürlich, krankhaft blass, dass in meiner Vorstellung seine Haut unter der Sonne zu brutzeln anfängt und ihre Blässe allmählich einen leichten Violettanstrich bekommt, um dann ins Knallrote überzugehen, während er auf der anderen Seite des Strandes auftaucht.

– 4 –

Ich saß Andrew in der Nische gegenüber, noch immer überrascht von unserem zufälligen Aufeinandertreffen.

»Du erinnerst dich doch, oder, Overleigh?«, fragte er wieder in jenem, leise gehauchten Ton.

Die Schatten, die im Zwielicht über sein Gesicht strichen, ließen es aussehen wie ein verwobenes Muster aus tiefen Furchen und geschnittenem Fleisch. Mein Name klang vertraut in seiner Stimme, so als ob wir immer in Kontakt geblieben wären.

»Wir wären fast gestorben?«

»Natürlich.« Die Wörter sprudelten automatisch aus seinem Mund.

Ich hatte keine Ahnung, worüber er da eigentlich sprach. Ich erinnerte mich daran, dass ich Andrew das letzte Mal auf Hannahs Beerdigung vor drei Jahren gesehen hatte.

»Das war ein Ding«, murmelte Andrew, während er einen Ring aus geschlossenem Zigarettenrauch in die Luft ausstieß.

»Jetzt warte mal«, forderte ich ihn auf. »Worüber sprechen wir hier eigentlich?«

Andrew runzelte die Stirn. Es war eine grotesk aussehende Mimik. Sein Gesicht war einfach zu dünn, um diesen fragenden, skeptischen Ausdruck glaubhaft vermitteln zu können. Stattdessen schienen seine Mundwinkel simultan nach unten zu sacken und das Kinn wirkte zerfurcht wie eine Walnuss. »Du erinnerst dich nicht?«

»Nein, ich habe …« Dann brach die Erinnerung wie eine Riesenwelle über mir herein: Andrew hinter dem Steuer, und ich auf dem Beifahrersitz, nachdem wir die Beerdigung verlassen hatten, und wie er im letzten Moment das Lenkrad herumriss, um einem umstürzenden Hochspannungsmast auszuweichen, dessen abgerissene Kabel zuckend über den Asphalt peitschten und tödliche Funken sprühten.

»Der Hochspannungsmast«, hörte ich mich sagen und meine Stimme klang wie aus weiter Ferne. Dieser Vorfall war für mich aufgrund der Beerdigung unbedeutend gewesen.

Andrew hatte sich in den Stuhl gelehnt und ich bemerkte den Ausdruck von erkennender Befriedigung auf seinem Gesicht. Etwas in seinem Blick, ein kurzes Aufblitzen, ich vermochte nicht genau zu sagen was, und ich wendete meine Augen von ihm und starrte hinab auf mein Glas.

Er entschuldigte sich, als sich eine unangenehme Stille zwischen uns gesenkt hatte. »Das war nicht das passende Thema, um nach so langer Zeit ein Gespräch zu starten.«

»Ist schon in Ordnung.«

»Du siehst gut aus.«

Jetzt war es an mir, zu grinsen. »Dummschwätzer. Ich weiß, dass ich aussehe, wie breit getretene Scheiße.«

»Was ist mit deinem Bein passiert?«

Ich erzählte ihm vom Unfall und dass es schlichtweg wahnsinnig gewesen war, so eine Unternehmung allein anzupacken, geschweige denn, niemanden im Vorfeld über meine kleine Expedition aufgeklärt zu haben. Der Knochen war glatt durch die Haut gedrungen. Ich war nur noch ein Bündel Elend gewesen und hatte riesiges Glück gehabt, das gerade ein Auto auf dem Highway entlangfuhr, als ich mich aus der Höhle hinaus auf die Straße schleppen konnte. Womöglich das einzige Auto weit und breit.

»Glück muss man haben«, meinte er, wobei er offenkundig wenig beeindruckt zu sein schien.

»Sechs Monate später«, fuhr ich fort, »hatte ich meine Lektion gelernt. Zumindest bis auf Weiteres.«

»Die Sache mit Lektionen ist die, dass immer neue hinzu kommen.«

Ich fummelte mir eine Zigarette aus seiner Packung und fragte: »Was zur Hölle machst du hier eigentlich?«

»Das Regatten-Rennen.«

»Machst du etwa mit? Verarsche mich nicht. Du hast doch nicht etwa ein Boot?«

»Es ist nicht meins. Ich gehöre lediglich zur Crew.«

»Kannst du denn segeln?«

Natürlich war es eine äußerst dämliche Frage. Andrew Trumbauer war einer jener Vertreter der Spezies Mensch, die einfach alles ausprobierten – den Grand Canyon durchwandern oder in einem verdammten Kajak die Wasser des Nils entlang paddeln.

»Jetzt sag nicht, du hättest nie an dem Rennen teilgenommen?«, fragte er ungläubig, und ignorierte dankenswerterweise meine vorhergehende Frage. »Du lebst doch hier, oder nicht? Du bist doch in deinem Herzen ein Abenteurer. Um das zu erkennen, brauche ich keine Krücken und ein gebrochenes Bein. Immerhin kenne ich dich. Und du hast allen Ernstes bisher nicht an der Regatta teilgenommen?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Hatte viel Geschäft in den letzten Jahren.«

»Das ist doch nichts als eine billige Ausrede. Was ist das Verrückteste, dass du jemals getan hast?«

Auch ich hatte mir diese Frage oft selbst gestellt. Nach Hannahs Tod und der zunehmenden Verkümmerung meiner künstlerischen Fähigkeiten hatte ich mein Heil in der Welt des Extremsports gesucht. Sky-Diving, Höhlenwandern, Rafting. Aber ich wusste, dass ich trotz allem nicht mit Andy konkurrieren konnte. Also sagte ich: »Ich bin mal im strömenden Regen raus, um nach der Post zu sehen. Ohne Regenmantel. Äußerst riskant, ich weiß. Aber so bin ich eben.«

Andrew musste lachen und diesmal war sein Gesichtsausdruck authentischer, menschlicher.

»Stellst du immer noch Statuen und Büsten her?«

»Nicht mehr. Ich habe es aufgegeben.«

»So wie du das sagst, klingt es nach nichts Besonderem. Als ob du mit dem Rauchen aufgehört hättest.«

»Nein, das gönne ich mir von Zeit zu Zeit.«

Andrews Grinsen erstarb. »Du meinst es ernst, oder?«

»So ernst wie ein Herzanfall.«

»Himmel, wieso? Du warst großartig?«

»Es gab viele Gründe. Eine Menge komplizierter Scheiße.«

»Das Leben glänzt vor komplizierter Scheiße. Deines unterscheidet sich da nicht von denen anderer.«

Ich fühlte, wie mein Herz von einem kräftigen Windstoß davongetragen wurde. Aus einem dummen, für mich nicht nachvollziehbaren Grund, sagte ich: »Ich sehe Hannah.«

Andrew starrte mich mit einer in den Augen lodernden Intensität an, bei der ich mich unwohl fühlte. »Was sagst du da?«

»Vergiss es einfach.« Ich winkte mit der Hand ab.

»Erzähl es mir.«

Seufzend beobachtete ich eine Gruppe älterer Männer beim Dartspielen. Nach einer gefühlten Ewigkeit begann ich mit meiner Schilderung der Ereignisse.

»Du wirst mich wahrscheinlich für verrückt halten, aber ich glaube, dass ich von ihrem Geist heimgesucht werde.«

»Wie kommst du darauf?«

»Das erste Mal war sie mir in der Nacht des Unfalls erschienen, in der Höhle.«

Ich erzählte ihm im Detail, wie mir letztlich der Ausstieg aus der Höhle geglückt war und von dem anschließenden Marsch, der mich in Richtung Highway führen sollte; Hannahs Geist hinterher trottend. Ich wusste nicht, ob Andrew lachen oder aber mir auf die Schulter klopfen würde, mit dem gut gemeinten Ratschlag, einen Seelenklempner aufzusuchen, doch auf beides wartete ich vergeblich. Er lauschte der Geschichte, ohne mich zu unterbrechen.

»Danach sah ich sie immer mal wieder in meiner Wohnung. Immer aus den Augenwinkeln. Aber jedes Mal, wenn ich mich in die vermeintliche Richtung drehe, sehe ich entweder die Kleiderablage oder einen Berg Wäsche. Wenn ich das Licht anmache, ist sie ebenfalls verschwunden.« Wieder tat ich das Gesagte mit einem Wink meiner Hand ab. Es schien eine rational hinterlegte Geste zu sein, eine, mit der ich die Echtheit einer dennoch lachhaft anmutenden Story glaubhaft rüberzubringen vermochte. »Klingt dämlich, ich weiß, aber es beschäftigt mich.«

»Warum?«, fragte Andrew.

Ich wusste nicht genau, worauf er mit der Frage abzielte. »Weil es zur Hölle noch mal nicht natürlich ist.«

»Nein.« Er bewegte einige Finger vor seinem Gesicht. »Ich meine, warum gerade jetzt? Sie ist bereits seit drei Jahren tot.«

»Daran habe ich nicht gedacht«, entgegnete ich. »Es spielt sich sowieso nur in meinem Kopf ab! Ich musste mich seit ihrem Tod mit einer Menge Scheiße rumärgern.«

»Vielleicht ist es eine Warnung. Vielleicht versucht sie, dir vom Jenseits eine Warnung zukommen zu lassen.«

»Oder ich habe zu viel Zeit allein mit meinen Gedanken verbracht.«

»Und in der Höhle?«, fragte er mit einer hochgezogenen Augenbraue.

»In der Höhle hatte ich Höllenqualen auszustehen. Stand am Rande einer Unterkühlung, war beinahe schon dehydriert und litt auch sonst an sämtlichen, gesundheitlichen Supergaus, die du dir vorstellen kannst. Ich hätte Big Foot zu meiner Rettung herbeieilen sehen können, und zum damaligen Zeitpunkt wäre es mir als das Natürlichste der Welt vorgekommen.«

Andrew entrang sich einen tiefen Seufzer und strich sich mit dem Zeigefinger über die obere Lippe. Seine Augen ruhten auf mir. »Du bist ja ein ziemlicher Realist. Kannst du dich eigentlich noch an all den irren Scheiß erinnern, den wir zusammen unternommen haben?«

Ich nickte zustimmend, konnte mich gut daran erinnern.

»Dein Rationalismus wird dich noch in die Knie zwingen.«

Verärgert über diese Aussage sagte ich schnaubend: »Das ergibt doch keinen Sinn.«

»Alles ergibt einen Sinn. Hör mal«, forderte er mich auf, und diesmal klang seine Stimme nicht wie ein leise gehauchtes Atmen. »Ich glaube an das Schicksal. Und ich glaube, dass uns das Schicksal heute Abend hier zusammengeführt hat.«

»Wieso sollte das Schicksal so viel Ärger auf sich nehmen wollen?«

»Damit ich mich entschuldigen kann.«

Seine Antwort kam völlig unerwartet und überraschte mich.

»Wofür denn entschuldigen?«