Sei dein bester Freund - Ulrike Dahm - ebook

Sei dein bester Freund ebook

Ulrike Dahm

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Opis

Ein überraschendes, unterhaltendes und klärendes Buch für alle, die sich – ob allein oder in einer Partnerschaft – von der Daueraufgabe lösen wollen, den Bildern und Erwartungen ihrer Mitmenschen zu entsprechen. Es entfaltet seine Wirkungen nachhaltig, wenn man bewusst damit arbeitet und die zahlreichen darin enthaltenen Übungen tatsächlich durchführt. Die Botschaft der Autoren lautet: Weg von den Schuldzuweisungen, von der Opferrolle und von der Unverantwortlichkeit für das eigene Leben!

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Ulrike Dahm

Erich Keller

Sei dein

bester

Freund

Wegweiser zur Selbstliebe

ULRIKE DAHM, Jahrgang 1954, Sonderpädagogin und Heilpraktikerin (Psychotherapie), betreibt eine Praxis für systemische Therapie, Traumatherapie und hypnosystemische Therapie sowie ein Ausbildungsinstitut für Voice Dialogue.

ERICH KELLER, 1949 geboren, lebte und arbeitete einige Jahre in Zentren der Individual- und Sozialtherapie und in Meditationszentren. Es folgten Ausbildungen in humanistischer Psychotherapie, Aromatologie, Coaching und Bewusstseinsentwicklung. EFT (Certified EFT-Practitioner CC-ADV, Prüfung bei Pat Carrington) und S.E.P. (Spirituelle Energetische Psychologie). Er ist als Dozent an einem Institut für angewandte Psychologie und als Autor tätig. Seit 1990 leitet er Seminare und gibt individuelles Coaching und psychologische Beratung.

Die Botschaft der Autoren lautet: weg von den Schuldzuweisungen, der Opferrolle, der Unverantwortlichkeit für unser Leben. Dieses Buch sollte nicht nur interessanter Zeitvertreib sein; es entfaltet seine nachhaltigen Wirkungen, wenn der Leser bewusst mit ihm arbeitet und die zahlreichen Übungen tatsächlich anwendet.

Dieses Buch enthält Verweise zu Webseiten, auf deren Inhalte der Verlag keinen Einfluss hat. Für diese Inhalte wird seitens des Verlags keine Gewähr übernommen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich.

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-8434-6207-5

© 2010 Schirner Verlag, Darmstadt

1. E-Book-Auflage 2015

Umschlag: Murat Karaçay, Schirner, unter Verwendung von Bild 5965086; www.fotolia.de

E-Book-Erstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolfstadt, Germany

www.schirner.com

Inhalt

Einführung

Teil 1 – Ein ehrlicher Blick auf unsere Selbstliebe

Kapitel 1

Selbsthass und Feindbilder

Entstehung

Ziele

Folgen

Vorteile

Konsequenzen

Zusammenfassung

Kapitel 2

Verhaltensweisen, die dich daran hindern, dein bester Freund zu sein

Hohe Ideale anstreben

Sich mit anderen vergleichen

Urteilen

Recht haben

Es anderen recht machen

Schuldgefühle

Perfekt sein wollen

Besonders sein müssen

Sich ständig sorgen

Entsorgungsvorschläge

Herausforderungen ausweichen

Sich versichern – nichts riskieren

Hoffen und warten

Versuchen

Zusammenfassung zu Teil 1

Teil 2 – Wie du zu deinem besten Freund wirst

Kapitel 3

Mein bester Freund – so soll er sein

Ent-täuschungen

Deine letzte Chance

Kapitel 4

Spieglein, Spieglein an der Wand oder wie ich mich selbst sehe

Die Spiegelübung

Die Collage: Das bin ich

Idealbild und Schatten

Kapitel 5

Frau Königin, Ihr seid die Schönste im ganzen Land … oder wie mich andere sehen

Kapitel 6

Nobody is perfect … oder ich mag mich,wie ich bin

Die »Ja«-Meditation

Das Selbstgespräch

Der Selbstliebetag

Kapitel 7

Wunschlos glücklich?

Wünsche werden wahr

Der Urwunsch … oder der Wunsch hinter dem Wunsch

Zusammenfassung zu Wünsche

Kapitel 8

Alles hat seine Zeit

Teil 3 – Ein Selbstliebeprogramm … oder Freundschaft schließen mit Körper, Geist und Seele

Kapitel 9

Liebe deinen Körper

Aufmerksamkeit für deinen Körper: ein Selbstverwöhntag

Atmen ist Leben. Nicht-Atmen ist Tod

Dein Körper im Spiegel

Gespräch mit deinem Körper

Kapitel 10

Du hast ein Recht auf deine Gefühle

Verursacher von Gefühlen

Gebrauchsanweisungen für Gefühle

Bewertungen der Gefühle

Strategien zur Vermeidung von Gefühlen

Folgen der Unterdrückung

Gefühle sind Energie

Angst

Wut

Trauer

Freude

Die Lachmeditation

Liebe

Akzeptieren

Kapitel 11

Den Verstand zum Freund machen

Funktionsbeschreibung des Verstandes

Die Mängel des Verstandes

Nur der stille Verstand kann lieben

Rückkehr zur »Ein-heit«: Meditation

Teil 4 – Meditation, der Schlüssel zu Harmonie im Innen und Außen

Kapitel 12

Das Wesen der Meditation

Kapitel 13

Die Praxis der Meditation

Meditationstechniken

Kundalini- oder Schüttelmeditation

Vipassana-Meditation

Kerzenmeditation

Musikmeditation

Meditation im Alltag

Ausklang

Anhang

Lese- und Musikempfehlungen

Kontakt

Einführung

Du bist der einzige Mensch, der vierundzwanzig Stunden am Tag mit dir zusammen ist. Kein anderer verbringt so viel Zeit mit dir und ist dir dabei so nah. Niemand hat so viel Einfluss auf dein Leben wie du selbst. Du hast die Wahl, ob du dein bester Freund oder dein ärgster Feind bist. Die Auswirkungen auf dein gesamtes Denken, Fühlen und Handeln sind umfassender, als du vielleicht ahnen magst.

Eine alltägliche Begebenheit zur Verdeutlichung:

Claudia verlässt ihre Wohnung hastig, denn sie hat sich an diesem Morgen verspätet. Sie hat den Wecker überhört, und in ihrer Eile konnte sie nicht einmal ihren Tee trinken.

Im Büro hat sie kurz vor der Mittagspause eine unangenehme Begegnung mit ihrem Abteilungsleiter. Er wirft ihr aufgebracht vor, am Vortag ein wichtiges Angebot mit falschen Preisen geschrieben zu haben. Claudia ist sprachlos und fühlt sich zu Unrecht gemaßregelt. Schließlich hat er ihr die Zahlen genannt. Doch sie schluckt ihre Empörung hinunter und schweigt kleinlaut, denn sie weiß, dass eine Reorganisation der Firma bevorsteht, die Entlassungen in ihrer Abteilung zur Folge haben kann.

Beim Mittagessen in der Kantine ist ihr Magen vor Ärger so verkrampft, dass sie nichts essen kann. Als sie am Abend nach Hause kommt, ist ihr übel. Bald trifft ihr Mann ein. Er entschuldigt sich, dasser vergessen hat, ihre Bluse aus der Reinigung abzuholen. Da platzt Claudia der Kragen. Sie beschimpft ihn der Gedankenlosigkeit und wirft ihm vor, er kümmere sich nicht um ihre Bedürfnisse. Er ist durch die Härte ihres Tones verwirrt und weist die Anschuldigungen mit der beschwichtigenden Bemerkung, sie habe schließlich noch mehr Kleider, zurück. Das verstärkt Claudias Ärger, und innerhalb kürzester Zeit sind beide mitten in einem lautstarken Streit …

Was ist geschehen? Bei genauerem Hinschauen stellen wir fest: Claudia konnte nicht zu ihrer Empörung stehen, nahm ihre Angst nicht wahr, ärgerte sich über sich selbst, weil sie nicht ehrlich war, und richtete ihren Ärger später auf ihren Mann.

Wie schön wäre es doch, wenn wir unsere Gefühle und Bedürfnisse direkter wahrnehmen, akzeptieren und unmittelbar äußern könnten, anstatt sie zu verschieben, zu verdrängen, und wenn überhaupt, dann später verfälscht und deplaziert auszuleben! Wie viel wäre Claudia (und ihrem Mann) erspart geblieben, hätte sie ihre Gefühle ernst genommen und ihrer Empörung angstfrei Raum gegeben!

Dein Entschluss, in dieses Buch zu schauen, mag heißen, dass es mit deiner Selbstliebe nicht zum Besten steht. Vielleicht möchtest du dich einmal mehr um dich kümmern statt um andere. Wundere dich über vieles, was du später in diesem Buch liest. Werde nachdenklich, zweifle, lasse dich überraschen, wenn du dich an vielen Stellen wiederfindest. Auch wir waren erstaunt, was wir in uns entdeckten, als wir uns intensiver mit unserer Selbstliebe beschäftigten.

Wir haben alle die Tendenz, die Verantwortung für unser Befinden an andere Menschen oder äußere Umstände abzugeben. Sie sollen die Ursache für unser Missgeschick und die Freu(n)dlosigkeit auf dieser Welt sein. Es ist bequemer, die Feindbilder im Außen zu suchen, wenn wir uns einsam, unglücklich, unzufrieden, schwach und klein fühlen.

Die anderen sind: dein Mann, deine Frau, dein Freund, deine Partnerin, die Ausländer, die Reichen, die Armen, deine Vorgesetzten, die Polizei, das Finanzamt, die Regierung, der Staat, deine Erbanlagen, die Eltern, Gott und die Welt, das Wetter – der ganze Kosmos ist schuld und gegen dich. Dir mögen jetzt schon Zweifel kommen, dass dem so ist.

Die Augen zudrücken, nicht hinhören, nichts spüren und abwehren ist eine einfache Lösung. Doch tief drinnen wissen wir alle, dass wir uns ein schlechtes Theater vorspielen. Schauen wir uns ehrlich an und um auf dieser Welt, können wir nur zu einem Schluss kommen: So kann es nicht weitergehen.

Alle subtilen, verbalen und tätlichen Feindseligkeiten, Unruhen und Kriege, im Kleinen wie im Großen, sind ein Ausdruck des Selbsthasses, den wir auf andere übertragen. So werden wir niemals Frieden, weder innen noch außen, finden.

Ein Hauptmerkmal der heutigen Zeit ist eine schnelle und drastische Veränderung der Lebensumstände, der Umwelt und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir werden ständig mehr Menschen, die auf einem immer kleiner werdenden freien Raum zusammenleben. Unsere modernen Kommunikationsmittel verbinden uns alle zu jeder beliebigen Zeit miteinander. Die Medien informieren uns über Geschehnisse selbst im entferntesten Winkel dieses Planeten. Konnten wir früher glauben, Menschen in einem anderen Land oder Kontinent seien völlig anders als wir, so wird uns heute klar: Wir sind uns alle in unseren Grundzügen, in unseren Ängsten, Bedürfnissen und Verhaltensweisen sehr ähnlich. Die alten Feindbilder funktionieren nicht mehr. So sehr sind wir bemüht gewesen, in den anderen bei Konflikten die Bösen, die Verursacher oder die Schuldigen zu sehen. Erfolgreich hat man uns lange dazu erzogen, so zu denken und zu fühlen.

Anstatt auf eine Änderung bei den anderen Menschen zu warten und an ihr Verständnis zu appellieren, kannst du bei DIR anfangen, indem du Verantwortung für dein Denken, Fühlen und Handeln übernimmst. Gibst du dir Liebe und behandelst du dich wie deinen besten Freund, wirst du nicht mehr ausschließlich die anderen zur Erfüllung deiner Bedürfnisse brauchen und benutzen. Gibst du dir selbst Liebe, wird der andere dein Freund, der sich dir respektvoll nähert. Nur so kann der Zustand der gegenseitigen Schuldzuweisung beendet werden.

Vergiss zunächst einmal die anderen. Schaue wenigstens für die Zeit, da du dieses Buch liest, einmal nach innen und beschäftige dich mit DIR. Partner kommen und gehen. Parteien, Freundeskreise, Vereine, Kirchen und Staaten geben dir nur eine scheinbare Sicherheit und bedenken dich nur mit so viel Wärme, Freundschaft und Liebe, wie sie selbst haben oder für Ihren Selbstzweck notwendig ist. Zurück bleibst du allein.

Unser Buch soll dich aufrütteln. Es will nicht mit seichtem Positiv-Denken deine Wunden verdecken, sondern sie durch wirkliches Hinschauen und Humor ans Licht bringen, damit sie heilen können. Das mag vielleicht nicht immer angenehm für dich sein. Doch nur die Wahrheit kann uns befreien und Selbstliebe bescheren.

Vielleicht erscheint dir das alles zu komplex, zu schwierig, oder du fühlst dich schon zu alt, um noch einmal umzudenken. Möchtest du nicht wenigstens einmal in deinem Leben hinter deine Fassade der Höflichkeit und Angepasstheit schauen, dich kennen lernen, akzeptieren und lieben, so wie du bist? Kannst du dir vorstellen, wie sehr sich dein Leben dadurch verändern wird?

Ein Teil deiner Entdeckungsreise durch dieses Buch werden einige Listen sein. Wir empfehlen dir, erst weiterzulesen, wenn du sie ausgefüllt hast. Lass uns jetzt mit einem ehrlichen Blick auf deine Selbstliebe beginnen.

Teil 1

Ein ehrlicher Blick auf unsere Selbstliebe

Kapitel 1

Selbsthass und Feindbilder

Wenn du dir dein Leben, deine Gedanken und Handlungen einmal ohne zu beschönigen betrachtest, stellst du fest: Ich bin häufig mein ärgster Feind. Das mag dir auf den ersten Blick als hart und für dich unzutreffend erscheinen. Tatsache ist, dass du häufig (meist unbewusst) Dinge tust, die dir emotional und körperlich schaden. Selbsthass muss nicht heißen, dass du dich tatsächlich masochistisch quälst oder geißelst. Er versteckt sich in vielen kleinen alltäglichen Gewohnheiten, die wir liebgewonnen haben:

der überkritische Blick in den Spiegel (mein Gott, wie sehe ich heute wieder aus, so kann ich nicht unter die Leute gehen …)

die Hetze und Hektik (schnell zur Arbeit, kurz einmal etwas essen oder einkaufen …)

die ständige Jagd nach einem Ideal (mein Busen ist nicht groß genug, ich muss meine Eifersucht loswerden, ich bin nicht gut genug …)

das kleinlaute Schweigen oder das Beleidigtsein, wenn dich jemand verletzt oder erniedrigt hat (warum lasse ich mir das immer wieder gefallen …)

die Unterwürfigkeit bei Behörden, Ämtern und Gesetzeshütern (was soll ich machen, gegen die habe ich doch keine Chance …)

das Stöhnen über Dinge, die du ständig machst, aber eigentlich keine Lust dazu hast (immer bin ich für alles verantwortlich …)

die Höflichkeit, wenn dir nach Schreien ist (ich hasse es, wenn mir jemand den Einkaufswagen von hinten in die Kniekehle drückt, lächle verständnisvoll …)

das Ableugnen, wenn jemand eine Schwäche bei dir entdeckt (was, ich soll ängstlich sein, niemals …)

die Zigarette und andere sanfte Drogen zur »wohlverdienten« Entspannung oder Beruhigung (endlich mal eine ruhige Minute, auf Kosten der Lunge …)

und vieles mehr …

Du siehst: Viele Verhaltensweisen sind dir so selbstverständlich geworden, dass du nur mühsam und selten erkennst, dass sich dahinter Selbstablehnung und -hass verbergen. Aber du wirst wohl bereits jetzt nachvollziehen können, dass du dir damit Schmerzen auf körperlicher und emotionaler Ebene zufügst.

Wir scheinen gelernt zu haben: Liebe deinen Nächsten, nur nicht dich selbst! Liebe Eltern, Kinder, Geschwister, Nachbarn, Verwandte, Vaterland, Freunde, Feinde, Ausländer, Arme, Behinderte, Kranke, dein Haus, Auto, Bankkonto, Tiere, Umwelt, Natur – aber Himmels willen nicht dich selbst! Dann heißt es von dir: Du bist egoistisch, selbstsüchtig, bist nur auf dein Wohlergehen bedacht, kümmerst dich nicht um die anderen.

Wie kommt es nur, dass wir den zweiten Teil der Aufforderung Jesus’ »Liebe deinen Nächsten – WIE DICH SELBST« unterschlagen haben? Was ist denn so Gefährliches oder Negatives an dieser Selbstliebe, dass die christliche Kirche sie so elegant unterschlägt oder gar wie den Teufel in uns betrachtet? Hat sie etwa einen Nutzen davon, hast DU vielleicht auch etwas davon, was dir nicht bewusst ist? (Vorab dies: Beide profitieren, sonst würden sie es nicht tun – so selbstlos ist niemand.) Wenn dir eine Verhaltensweise ausschließlich schaden würde, hättest du doch schon längst eine andere, angemessenere entwickelt.

Vielleicht wendest du jetzt ein, dass du »eigentlich« ganz zufrieden mit dir bist und zu dem stehst, was du tust und wie du es tust. Das Wort »eigentlich« drückt deinen einschränkenden Zweifel aus. Wenn du von dir behauptest, dass du dich ganz gerne magst, heißt das noch lange nicht, dass du dich liebst. Versuche doch einmal zu sagen: »Ich liebe mich!« Sprich es jetzt laut aus. Wie klingt das für dich? So zärtlich oder mit der gleichen Überzeugungskraft wie wenn du es zu einem geliebten Menschen sagst?

Dein schlauer Verstand mag 1000 Einwände finden, dass du nicht zu denen gehörst, die sich nicht lieben. Schließlich hast du dir ein recht konfliktfreies, angenehmes Leben geschaffen:

Du bist immer auf deinen Vorteil bedacht.

Du schaust, dass dir nichts unplanmäßiges passiert.

Du wählst immer den bequemeren und risikoarmen Weg.

Emotional bist du völlig ausgeglichen.

Du versicherst dich rundum, sodass dir keine Gefahr etwas anhaben kann.

Du isst nur das Beste aus dem Feinkostladen.

Deine Urlaube führen dich nur zu den schönsten Plätzen.

Du kleidest dich immer der Situation angemessen und nach der neuesten Mode.

Dein Auto ist eines der schönsten und verfügt über alle Extras.

Dein Hund ist edel und teuer.

Du hast alle Situationen im Griff.

Du bist immer höflich.

Du lässt dich niemals zu einer spontanen Handlung oder Äußerung hinreißen.

Du lächelst immerzu.

Konflikte löst du mit Kompromissen.

Es ist dir wohl klar, dass vorgenannte Dinge mit Selbstliebe aber auch gar nichts zu tun haben müssen. Die Selbstliebe, von der wir reden wollen, ist nicht laut, extrovertiert und braucht keine besonderen Statussymbole, Exklusivität oder Außergewöhnlichkeit. Kann es sein, dass du äußere Dinge brauchst, um deine mangelnde Selbstliebe und dein schwaches Selbstwertgefühl zu überdecken? Selbstliebe muss auch nicht heißen, dass du immer den bequemsten, sichersten Weg gehst, dich anpasst und den Erwartungen anderer entsprichst.

Kann es sein, dass du dich leer fühlst, weil keine Liebe und Zufriedenheit in dir wohnt? Schauen wir uns jetzt an, wie es dazu kommen konnte, dass du verlernt hast, dir selbst die Liebe zu geben, die du brauchst.

Entstehung

Gehen wir dazu zurück in unsere Kindheit. Damals lagen die Dinge etwas anders. Traten wir als Kinder nicht der Welt völlig unbefangen und neugierig entgegen? Wir waren offen, unschuldig, ohne Urteile, Maßstäbe, Regeln. Wir hatten ein intuitives Gefühl für Echtheit und plapperten unbefangen heraus, was uns in den Sinn kam. Höflichkeit war ein Fremdwort für uns. So heuchelten wir nicht Dankbarkeit, wenn uns ein Geschenk nicht gefiel, aßen nicht, was uns nicht schmeckte, weinten, wenn uns etwas oder jemand weh tat, lachten laut, wenn wir uns freuten, rannten, wenn uns nach Rennen zumute war. Wurden wir von unseren Eltern gerügt oder bestraft, wussten wir oft nicht, was wir eigentlich »falsch« gemacht hatten. Noch viel mehr verwirrte uns, wenn die Eltern den Verwandten und Nachbarn schmeichelten und hinter ihrem Rücken schlecht über sie sprachen. Wie konnte es passieren, dass aus lebendigen, spontanen Kindern solch trockene, gefühlsarme Erwachsene wurden?

Als Kinder waren wir völlig abhängig von der Zuwendung und Liebe unserer Eltern, sicherten sie doch unser Überleben. (Eine unangreifbare Machtstellung der Eltern und eine schmerzhafte Abhängigkeit des Kindes.) Sie waren die Menschen, die wir liebten. Schnell lernten wir, dass ihre Meinung mehr als die unsere zählte. Wir übernahmen ihre Werte. Wir hatten keine andere Wahl, auch wenn sie uns als Lüge erschienen. Der Nährboden für erste Zweifel und Selbstverleugnung war gelegt. Wir lernten unsere Intuition und Instinkte zu unterdrücken und befahlen sie in eine dunkle, ferne Ecke unseres Wesens. Dort sitzen sie nun und rufen immer seltener nach Erhörung und Erfüllung.

Unsere Lebendigkeit und (Lebens-)Lust mussten wir verdrängen. Wo dürfen Kinder laut und lebendig sein? Überall treffen sie auf Reglementierungen. (Spielen im Hof verboten. Jetzt werden erst Hausaufgaben gemacht. Betreten des Rasens verboten …)

Eltern wollen nur äußerst selten unbequeme, selbstständig denkende und handelnde oder gar rebellierende Kinder. Sie würden ja ihre eigenen Verhaltens- und Denkweisen infrage stellen müssen (Es kann doch gar nicht sein, dass ein Kind etwas besser weiß! Doch wenn wir genau hinhören, sagen uns Kinder oftmals die tiefsten Weisheiten.) Eltern vergeben ihr Lob für Anpassung, Gehorsam und Kritiklosigkeit. Mit Drohungen und Strafen wurden wir gefügig gemacht, ihrer Welt angepasst. (Sei brav, still usw. … sonst darfst du nicht, heißt: … sonst werde ich dich nicht mehr lieb haben.)

Dasselbe erlebten wir in der Schule. Das natürliche Interesse am Lernen und Entdecken wurde so reglementiert, dass wir meist nach einigen Wochen oder Monaten nur noch widerwillig zur Schule gingen. Unsere Lebendigkeit musste sich auf die Pausen beschränken. Wir lernten nicht für das Leben, sondern für unseren späteren Einsatz in der Gesellschaft.

Alles verlief nach Plan. Aus fröhlichen, lebensbejahenden, spontanen Kindern wurden gut funktionierende Mitglieder der Gesellschaft. Unsere Gesellschaft braucht, um weiterzubestehen wie sie ist, nützliche und angepasste Roboter, voraussagbare Menschen, die nichts infrage stellen. Fleißig, korrekt, ehrgeizig und ängstlich. Schafe, die sich in der Herde wohlfühlen.

Unsere Selbstverleugnung und Wut darüber tragen wir als sogenannte »Erwachsenes immer noch mit uns herum. Wir richten den unausgelebten Zorn nun gegen uns selbst und wissen schließlich nicht mehr, was wir wirklich wollen, wer wir wirklich sind.

Das Resultat sind gehemmte, gefühlsarme Menschen. Sie fühlen nichts und wollen auch andere nichts fühlen lassen. Schlimmer noch, sie bekämpfen jegliches Aufkeimen von natürlicher Lust, Lebendigkeit und Emotionalität in ihrem Umfeld.

Nur ein leiser, nagender Zweifel beschleicht so manchen gelegentlich: Eigentlich will ich ganz anders sein. Aber ich weiß nicht mehr, was mir fehlt und wie ich eine Änderung herbeiführen kann.

Natürlich könntest du deinen Eltern und Lehrern für deine Verkrüppelung die Schuld geben. Doch das wird nichts an deinem Zustand ändern! Schließlich sind sie dem gleichen Anpassungsprozess unterworfen worden, häufig mit noch rigideren Methoden. Es ist also sinnlos, sie zu beschimpfen und ihnen Schuldvorwürfe zu machen. (Wegen euch bin ich zu dem geworden, der ich heute bin!)

Es ist sicherlich wertvoll, die Ohnmacht und Wut gegen sie zu spüren. Aber wenn wir ihnen nicht irgendwann verzeihen können, wird diese Wut unsere Lebensfreude bis zum letzten Atemzug blockieren.

Von unseren Eltern und Lehrern (wer immer uns Leben gelehrt hat …) konnten wir nicht lernen, wie man sich selbst liebt und authentisch bleibt. Vielmehr sind wir mit Drohungen, Liebesentzug, Strafen, Belehrungen und Sprüchen über den Sinn des Lebens eingeschüchtert worden. (»Der Ernst des Lebens wird auch für dich beginnen!« »Das Leben ist kein Zuckerschlecken.« »Du wirst schon sehen, wohin du damit kommst!« »Wenn du das tust, wirst du nicht …« »So kannst du doch nicht leben!«) Kinder fühlen sich ob dieser Drohungen, Ablehnungen, Reglementierungen und subtilen Botschaften abgelehnt und machtlos. Sie können nur noch fragen: »Wenn ich genauso bin wir ihr, werdet ihr mich dann lieben?«

Sei dir also nicht noch zusätzlich böse deswegen, dass du nachgegeben hast. Du hattest keine andere Wahl! Verzeihe dir. Auch das ist Selbstliebe! Die Theorien, die du dir in der Kindheit gebastelt hast, um dich in dem Chaos der Welt zurechtzufinden und Liebe bzw. Zuwendung zu erhalten, kannst du heute als Erwachsener überprüfen und zu deinem Nutzen verändern.

Gesellschaft und Religion schürten zu allen Zeiten kräftig unsere Ängste: Die Angst vor den Ausländern, Asylanten, Nicht-Christen, Gottlosen, Negern, Rockern, die Angst, unsere Arbeit, Hab und Gut zu verlieren, im Abseits zu stehen, die Angst vor Einbruch, Diebstahl, Krankheit, Alter, Haarausfall, Körpergeruch, Zahnfleischschwund, Zinsverlust, Steuernachteilen, Überfall, Katastrophen, dem Tod, dem Leben nach dem Tod, dem Fegefeuer … Wir verhalten uns so, als ob das Leben eine gefährliche Gratwanderung wäre, überall lauern schreckliche Dinge (gegen die es sich zu versichern gilt). Doch Sicherheit lässt sich nicht kaufen. Alles Lebendige ist einem Wandel unterworfen und damit unsicher. Wir sind erst sicher, wenn wir im Grab liegen. (Doch wir tun unser Bestes und stellen uns lieber schon tot, solange wir leben.)

Ziele

Das Schüren von Angst hat nur ein Ziel: dich kontrollierbar und manipulierbar zu machen. Ein gänzlich angstfreier, selbstsicherer und sich selbst liebender Mensch wird nicht Soldat werden, sein Leben sinnlosen Kriegen zur Verfügung stellen oder freiwillig Steuern zahlen, die destruktiven Zwecken wie der Rüstung dienen. Er wird nicht Lebensmittel kaufen, die keine Spur von Leben in sich tragen, nicht Ja sagen, wenn er Nein meint. Er wird nicht unzählige Versicherungen abschließen, sondern die Verantwortung für sein Wohlergehen selbst übernehmen.

Was machst du, wenn du Angst hast? Du machst alles, damit die bedrohliche Situation vorübergeht. Du hast die Wahl: Du kannst dich der Angst stellen, dich verstecken, davonlaufen oder anpassen. Wofür hast du dich entschieden?

Feindbilder, inklusive dem des inneren Feindes, sind ein machtvolles Druckmittel. Sie halten dich klein, schwach, verunsichern dich und drängen dich, Zuflucht in der Masse zu suchen. Erlebst du dich auch lieber als das Schaf in der Herde oder als den allein streunenden Wolf? Das gibt dir ein illusorisches Gefühl der Behaglichkeit, Zugehörigkeit, Sicherheit und Wärme.

Doch der Preis, den du für deine Angst vor dem Alleinsein, für dein kindliches Sicherheitsbedürfnis und die Anerkennung durch andere bezahlst, ist groß. du verleugnest deine Individualität und hasst dich und andere letztlich dafür.

Folgen

Die Folgen deines Selbsthasses bekommst du schmerzhaft täglich zu spüren. Im persönlichen Bereich äußert er sich im Gefühl der Beziehungsunfähigkeit und Vereinsamung (Wie kann ich einen anderen lieben, wenn ich mich selbst nicht lieben kann?), in emotionaler Selbstentfremdung (Ich weiß nicht mehr, was ich fühle.), in Kriminalität, Drogenkonsum, physischen und psychischen Krankheiten. Auch Depressionen, Lebensverweigerung und die Unfähigkeit, alltägliche kleine Dinge in ihrer Schönheit und Vielfalt zu sehen und genießen zu können, sind das Ergebnis unseres Selbsthasses.

Auf globaler Ebene sieht es ganz düster aus: Noch nie gab es so viele Unruhen und Kriege wie heute. Hinter dem äußeren Vorwand der Verteidigung des Vaterlandes, der Weltanschauung, der Religion, der Bekämpfung des Bösen nutzt man den Selbsthass des Einzelnen, die schrecklichsten Dinge zu tun. Er wird praktisch nach außen verlagert und so abreagiert. Der Krieg im Außen ist das Resultat des Krieges, den wir mit uns selbst führen.

Wir sehen uns getrennt von unserer Umwelt statt als Teil von ihr. Wir wollen sie bezwingen und wundern uns, wenn sie sich wehrt. Wir verlagern unseren Selbsthass und unsere Lust an der Selbstzerstörung ins Außen und lassen uns zerstören, damit wir die Verantwortung nicht tragen müssen.

Vorteile

Doch seltsamerweise hat Selbsthass auch Vorteile. Das mag absurd klingen, doch er trägt immer eine verborgene Belohnung in sich. Du kannst davon ausgehen, dass niemand etwas tut, wovon er nicht auch einen Nutzen hätte. Das ist meistens auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen.

Ein Beispiel: Schon als Kind kannst du gelernt haben, dass du durch bestimmte negative Verhaltensweisen den Zorn, also die Aufmerksamkeit der Erwachsenen, auf dich lenken kannst. Triffst du als Erwachsener auf Menschen, welche die Elternrolle (Vorgesetzter, Lehrer, Polizist, Ehemann, Ehefrau …) einnehmen, spielst du dein Spiel wieder. Strafe oder Ablehnung ist auch eine Form der Zuwendung. Sie bestätigen die Richtigkeit deiner kindlichen Erfahrungen – bis du den Mechanismus durchschaust, dir dessen bewusst wirst.

Besonders wichtig kann für dich sein, dass Selbsthass für deine sozialen Kontakte notwendig sein kann, bietet er doch den niemals versiegenden Stoff für unsere Kommunikation. Das Reden über Probleme, Sorgen, Fehler, Unzulänglichkeiten, Notlagen, Katastrophen, über »Könnt-ich-nur« und »Hätt-ich-doch« verbindet uns, verbrüdert uns in unserem gemeinsamen Unglück. Selbsthass hält deinen Verstand beschäftigt. Wenn du einmal beobachtest, was die Inhalte deines Denkens sind, wirst du wahrscheinlich feststellen, dass du dir mehr Gedanken über deine »Probleme«, als über die Freuden des täglichen Lebens machst.

Würden wir es uns alle wirklich gut gehen lassen und würden wir glücklich und zufrieden mit uns selbst sein (stell dir das einmal vor!), worüber sollten wir dann noch reden? Worüber sollten die Zeitungen und Zeitschriften, die Nachrichtensendungen von Fernsehen und Radio berichten? Es gäbe nicht mehr viel zu sagen. Es würde still in uns und auf dieser Welt werden.