Reife Leistung - Cornelia Schneider - ebook

Reife Leistung ebook

Cornelia Schneider

0,0

Opis

Jede Lebensphase hat ihre ganz besonderen Anforderungen und Chancen, privat sowie beruflich. Die rasante Veränderung in der Arbeitswelt und die steigende Komplexität im Alltag verlangen ein immer wiederkehrendes Ausbalancieren der aktuellen Möglichkeiten und Grenzen - in jedem Alter. Die Autorinnen geben Impulse, um über die ganze Lebensspanne körperlich und seelisch gesund zu bleiben, sich stetig weiter zu entwickeln, Grenzen zu erkennen und zu setzen, berufliche Herausforderungen als Chance zu verstehen und größtmöglichen Gewinn daraus zu ziehen.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 268

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Cornelia Schneider Lisa Juliane Schneider
Wir widmen dieses Buch unserer Mutter und Großmutter. Sie war alleinerziehende Mutter von vier Kindern und hat als Krankenschwester bis ins Rentenalter immer Vollzeit im Schichtsystem gearbeitet. Bis zu ihrem Tod im Alter von 88 Jahren war sie gesund, vielseitig interessiert und lernfreudig.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Was erwartet Sie?
Teil 1 - Analysieren und aktivieren
Entwicklung über die Lebensspanne: Wo stehe ich?
Altern ist unabhängig vom Alter
Lebensphase und Alter – kein unzertrennliches Paar mehr
Vergangenheit würdigen
Gegenwart spüren
Zukunft gestalten
Was erhoffen Sie sich und was fürchten Sie?
Das Haus der Arbeitsfähigkeit
Gesundheit: Welchen Weg will ich gehen?
Gesundheit und Arbeit
Gesundheit und Älterwerden
So entsteht Gesundheit
Unterschiedliche Menschentypen – unterschiedliche Bedürfnisse und unterschiedliche Bewertung der Anforderungen
Der Spagat zwischen Selbstreflexion und Expertenrat
Warum es so schwer ist, »gesund« zu leben
Die Macht der Rituale nutzen
Denken schafft Wirklichkeiten: Wie sieht mein Altersbild aus?
Altersbilder hinterfragen
Gesellschaftliche Altersbilder
Individuelle Altersbilder
Zu Risiken und Nebenwirkungen: Altersbilder können Sie schnell alt aussehen lassen
Neues Altersbild gewünscht?
Vom Bild zum Leitbild
Die Kluft zwischen Leitbild und Realität
Das eigene Wertesystem als Basis des persönlichen Altersleitbildes
Verantwortung für die eigene Haltung übernehmen
Zwei Beispiele
Vom Alters- zum Entwicklungsleitbild
Das innere Bild entscheidet
Teil 2 – Reflektieren und reagieren
Einfluss- und Interessenbereich: Wirken oder Wollen?
Die Wahlfreiheit nutzen
Den Einflussbereich vergrößern
Gelegenheit verpasst
Mit den Grauzonen experimentieren
Machen statt meckern
Systemische Müllabfuhr: Was brauche ich nicht mehr?
Ballast gefährdet
Fünf Lebensbereiche entmüllen
Systemisch statt systematisch aussortieren
Dinge reduzieren
Informationsflut und digitale Medien bewältigen
Gedanken jäten
Aufgaben- und Tätigkeitsbereiche begrenzen
Menschen »aussortieren«
Ressourcenorientierung:Wie stärke ich meine Kräfte?
Defizitorientiertes Denken war in der Menschheitsgeschichte ein Überlebensvorteil
Ressourcen entwickeln und pflegen
Ressourcen durch häufigen Gebrauch verdichten
Ressourcen bekommen Sie nicht zum 50. Geburtstag geschenkt
Eigenlob stärkt
Älterwerden in der ressourcenorientierten Perspektive
Alternative Muster entwickeln
Ressourcen in vier Lebensbereichen verteilen
Vier Arbeitsqualitäten ausbalancieren
Zeit: Wie viel Aufmerksamkeit schenke ich ihr?
Weder Zeitmanagement noch Entschleunigung bringen die (Er-)Lösung
Stress verstehen und bewältigen
Unterschiedliche Zeitqualitäten nutzen
Die Macht der Zeitwahrnehmung
Zeitvernichtungsprogramme im Arbeitsleben
Lernen beflügelt: Was treibt mich an?
Sie können nicht nicht lernen
»Ich höre zwar schlechter, aber ich verstehe immer besser«
Entwicklung von Leistung und Lernen – was stimmt denn nun?
Lernen mit fortschreitendem Alter – Lernen gut gestalten
Menschen als Architekten des eigenen Gehirns
Lernen und Leben
Kollege Gefühl: Wie gehe ich mit ihm um?
Warum Gefühle im Beruf noch nicht salonfähig sind
Die Rehabilitation von Gefühl und Intuition
Gefühle beeinflussen die seelische und die körperliche Gesundheit sowie die Leistungsfähigkeit
Gefühlsmanagement in drei Schritten
Arbeitslust steigern
Teil 3 – Kooperieren und kommunizieren
Gemeinsam sind wir stark: Wer macht mit?
Achtsame und wertschätzende Führung leben
Arbeitsorganisation und Arbeitszeitmodelle neu erfinden
Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)
Arbeiten im Präferenzbereich – Weiterbilden im Präferenzbereich
Arbeitgeber investieren in die Zukunft: Drei Beispiele
Die Macht der Medien nicht unterschätzen
Politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen ändern
Generationsschubladen
Generation »Gibtsnicht«
Einflussgröße Zeitgeist
Generationslose Gesellschaft?
Alt und jung in einem Team: »Wie bist du denn drauf?!«
Generation Baby Boomer trifft auf Generation Y
Den Generationendialog fördern
Schlusswort: Selbstreflexion statt Selbstoptimierung
Danke
Weiterführende Literatur
Weiterführende Links
Anmerkungen
Verzeichnis der Abbildungen und Übersichten
Wegweiser zu den Reflexionen und Übungen
Die Autorinnen
Einleitung
Wo stehen Sie im Arbeitsleben? Gerade frisch in den Beruf gestartet? Bereits einige Jahre Erfahrung? Halbzeit? Schon gegen Ende der geplanten Lebensarbeitszeit? Oder sind Sie vielleicht in der zweiten Lebenshälfte und starten gerade an einer neuen Arbeitsstelle noch einmal richtig durch?
Wo Sie aktuell in Ihrer Biografie stehen, sagt allerdings nichts darüber aus, wie Sie sich fühlen. So begegnen wir in unserer täglichen Arbeit Menschen in allen Lebensphasen mit den unterschiedlichsten Stimmungen: engagiert, motiviert, frustriert, innerlich gekündigt, verharrend und klagend in Routinen, neugierig auf Neues und veränderungsfreudig… Alle diese Gefühle sind unabhängig vom Alter oder von der aktuellen Lebensphase. Sie sind vielmehr das Resultat komplexer Wechselwirkungen psychischer Prozesse, körperlicher Befindlichkeit und vielfältiger externer Einflussfaktoren. Wenngleich die Zuordnung von Lebensphase und Stimmung oder gar Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz nicht möglich ist, beobachten wir doch einen Trend: Bei vielen Menschen nehmen im Laufe ihrer Berufsbiografie Stimmung, Motivation und Freude bei der Arbeit ab. Woran liegt das? Sind Unlust und Demotivation einfach eine Ermüdungserscheinung? Vielleicht sogar eine natürliche Begleiterscheinung des Älterwerdens? Natürlich nicht.
Wenn wir mit Menschen aus den unterschiedlichsten Berufen über ihre – teils negativen – Gefühle am Arbeitsplatz sprechen, dann fällt auf, dass die meisten nicht über ihre Arbeit klagen. Sie leiden vielmehr unter den Rahmenbedingungen der Arbeit, immer schneller werdenden Zeitzyklen, zunehmenden Flexibilisierungsansprüchen, Arbeitsverdichtung und insbesondere unter belastenden Beziehungen zu Kollegen oder Vorgesetzten. Sie fühlen sich nicht ausreichend anerkannt, gewürdigt, geschätzt und unterstützt. Dabei erleben manche sich als Opfer ohne Gestaltungsmöglichkeiten. Nicht selten kumulieren sich negative Erfahrungen über die Jahre, und nicht wenige glauben dann, dieser Zustand sei das natürliche Resultat des Älterwerdens. Allzu oft sind Mitarbeiter und auch Führungskräfte bereit, nachlassende Leistung mit den Lebensjahren zu erklären oder mangelndes Engagement einer bestimmten Generation zuzuschreiben nach dem Motto: »Die Jungen sind halt nicht mehr so belastbar wie wir früher…« Solche Stereotypien sind ein grandioser Nährboden für Alters- und Jugenddiskriminierung – und die Arbeitswelt ist voll davon.
Wissenschaftler empfehlen daher aus gutem Grund, das Alter am Arbeitsplatz möglichst nicht zum Thema zu machen. Das bedeutet aber nicht, dass es keine altersspezifischen Besonderheiten gibt, die allerdings höchst individuell zu betrachten sind. Dasselbe gilt für die verschiedenen Lebensphasen. Jede hat ihre besonderen Anforderungen und Chancen. Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung, der steigenden Lebensarbeitszeiten und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gibt es schon heute eine viel größere Vielfalt von Lebensphasen, die sich in immer kürzeren Zeitzyklen abwechseln. Jede Lebensphase bietet Einflussmöglichkeiten, die man nutzen kann, um Arbeit und Alltag lustvoll und erfolgreich zu erleben.
Selbstverständlich können Sie diese Bemühungen nicht losgelöst von den vielfältigen Wechselwirkungen betrachten, in denen Sie leben: Paarbeziehung, Familie, Gesellschaft. Wer langfristig souverän und gesund arbeiten will, benötigt über das eigene Engagement hinaus natürlich auch gute Arbeitsbedingungen, unterstützende Arbeitsbeziehungen und eine lebensphasenorientierte Arbeitsorganisation. Damit dies gelingt, sollten Gesellschaft, Politik und auch Arbeitgeber bereit sein, über grundlegende Änderungen der vorhandenen Strukturen nachzudenken sowie neue Formen von Arbeit und Leben zu kreieren. Erste Ansätze dazu sind vorhanden: Viele Betriebe haben bereits erkannt, dass sie sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter kümmern müssen, wenn sie deren Beschäftigungsfähigkeit langfristig erhalten wollen. Wie dies aussehen kann, wie Firmen zu mehr Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter beitragen können und was es dabei zu beachten gilt, habe ich in meinem vorangegangenen Buch (Cornelia Schneider, »Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz – Nebenwirkung Gesundheit«) ausführlich beschrieben. Bei unseren Veranstaltungen rund um das Thema Gesundheit, Arbeit und Beschäftigungsfähigkeit hören wir immer wieder die Forderung einzelner Gruppen, die anderen sollten endlich etwas unternehmen: Die Mitarbeiter fordern die Arbeitgeber auf, die Arbeitsbedingungen zu ändern. Die Arbeitgeber verlangen von der Politik verbesserte Rahmenbedingungen. Die Politik und die Sozialkassen verweisen auf die Eigenverantwortlichkeit des Einzelnen, und so weiter. Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen und bezichtigt ihn der großen Unterlassung. Zweifellos müssen alle gesellschaftlichen Gruppen ihren Beitrag leisten. Dieses Buch konzentriert sich auf die Maßnahmen, die jeder Einzelne für sich umsetzen kann. Wir möchten Sie ermuntern, nicht zu warten bis andere die optimalen Voraussetzungen geschaffen haben. Fangen Sie doch einfach schon mal an. Denn Anforderungen der Arbeitswelt und die persönliche Lebenssituation verlangen immer wieder ein Ausbalancieren der aktuellen Möglichkeiten und Grenzen – in jedem Alter. Wir möchten Ihnen mit diesem Buch Impulse geben, die Sie dabei unterstützen,
⚫körperlich und seelisch gesund zu bleiben – trotz hoher Arbeitsbelastung,
⚫sich stetig weiterzuentwickeln,
⚫Grenzen zu erkennen und zu setzen,
⚫berufliche Herausforderungen als Chance zu verstehen und den größtmöglichen Gewinn daraus zu ziehen,
und das in allen Lebensphasen.
Was erwartet Sie?
Im ersten Teil des Buches –Analysieren und aktivieren –laden wir Sie zu einer Bestandsaufnahme ein: Wie alt sind Sie, und in welcher Lebensphase befinden Sie sich? Werfen Sie einen Blick zurück in Ihre berufliche Vergangenheit. Wie wurden Sie zu dem, der Sie heute sind, und wie bewerten Sie die Gegenwart? Wir möchten Sie ermuntern, Visionen zu Ihrer beruflichen Zukunft zu entwickeln. Stellen Sie sich aber auch der Frage, wovor Sie sich eventuell fürchten, und formulieren Sie ebenso Ihre Hoffnungen: Welche positiven Aspekte könnte das Älterwerden im Beruf für Sie mit sich bringen?
Beschäftigen Sie sich danach mit den Zeichen der Zeit in Ihrem Körper. Hier erhalten Sie Anregungen, wie Sie Ihre individuelle Gesundheitsförderung effizient und typengerecht gestalten können. Am Ende des ersten Teils erfahren Sie, warum es hilfreich sein kann, ein eigenes Altersleitbild zu formulieren, und wie es aussehen könnte.
In Teil 2– Reflektieren und reagieren –können Sie verschiedene Möglichkeiten des Selbstmanagements kennenlernen und damit experimentieren. Reflektieren Sie, welche der vorgestellten Methoden zu Ihrer aktuellen Arbeits- und Lebenssituation passen. Wir stellen Ihnen Erkenntnisse aus der Arbeitspsychologie vor, die Sie einsetzen können, um Arbeitsmethodik und Gesundheitsförderung so zu verknüpfen, dass Ihre Arbeitseffizienz sowie Ihr persönliches Wohlbefinden davon profitieren.
Im persönlichen Entwicklungsprozess gilt es aber nicht nur nach neuen Strategien zu suchen, sondern auch zu überlegen, was man alles nicht mehr braucht: an Dingen, Tätigkeiten, Gedanken, Gewohnheiten und auch Menschen. Deshalb erhalten Sie Impulse, wie Sie sich von Ballast in verschiedenen Bereichen befreien können. Danach lesen Sie, wie Sie zu einem entspannten Umgang mit Ihrer Zeit finden und dabei Ihr persönliches Wertesystem auf den Prüfstand stellen können. Im Folgenden zeigen wir, wie lebenslanges Lernen genussvoll und produktiv sein kann, und räumen mit den gängigen Vorurteilen zum Lernen im (Erwachsenen-)Alter auf.
Menschen sind gefühlsgesteuerte Wesen, und daran ändert auch der Alterungsprozess nichts. Deswegen beleuchten wir anschließend das Thema Gefühle am Arbeitsplatz. Wir diskutieren, welche Rolle Gefühle und Gewohnheiten im Arbeitsleben spielen müssen und dürfen. Gleichzeitig erfahren Sie, ob und inwieweit Sie Ihre Gefühle verändern können. Wir berichten hier weiterhin, welchen Beitrag die positive Psychologie leisten kann, und skizzieren Wege, um Ihre Lust am Arbeiten zu vertiefen oder neu zu entdecken.
In Teil 3– Kooperieren und kommunizieren –
Entwicklung über die Lebensspanne: Wo stehe ich?
»Jede Lebensphase hat ihre eigene körperliche und seelische Verfassung, ihre eigenen Aufgaben, Wünsche und Hoffnungen, die man (oft) erst im Nachhinein richtig begreift.«
Karl Talnop
Sie sind gerade dabei … Sie altern. Unaufhörlich. Unausweichlich – in jedem Lebensalter. Die einzige Möglichkeit, dem Altern zu entgehen, ist der Tod. Wenn Sie diese letzte Option einmal außer Acht lassen, dann haben Sie noch immer zwei Wahlmöglichkeiten. Die erste ist, Sie ignorieren den Prozess des Alterns und nehmen eine schicksalhafte Grundhaltung ein: »Es kommt wie’s kommt. Ich kann daran nichts ändern.« Sie können sich wie ein kleines Kind die Augen zuhalten in der Vorstellung, wenn ich nicht hinsehe, dann kann mich der andere auch nicht sehen. Oder aber Sie entschließen sich, Ihre Entwicklung so weit wie möglich zu gestalten, zu nutzen und auch zu genießen. Selbstverständlich werden Sie nicht so naiv sein zu glauben, dass dies leicht und ohne Anstrengung möglich sei. Aber was bedeutet es, die persönliche Entwicklung im Beruf zu gestalten? Wie definieren Sie für sich gelingendes Älterwerden, auch wenn Sie noch jung sind?
Möglichst jung aussehen? Die körperliche Leistungsfähigkeit dauernd maximieren? Sich möglichst jugendlich kleiden? Den Arbeits- und Lebensrhythmus der jungen Erwachsenenjahre beibehalten oder vielleicht sogar noch ein wenig beschleunigen und verdichten, um möglichst viel Erleben in die verbleibende Zeit zu packen? Um den Weg zu bestimmen, den Sie gehen wollen, sollten Sie zunächst Ihren aktuellen Standort bestimmen.
Altern ist unabhängig vom Alter
Stimmt Ihr biologisches mit Ihrem gefühlten Alter überein? Wahrscheinlich nicht. Wir lassen in unseren Seminaren die Teilnehmer zwei Alter angeben, einmal dasjenige, das in ihrem Pass steht, und zum zweiten dasjenige, das sie fühlen. Im Durchschnitt stellen wir bei Teilnehmern über 40 hier eine Differenz von zirka sieben Jahren zwischen diesen beiden Altern fest; nahezu 80 Prozent der Befragten fühlen sich also sieben Jahre jünger, als sie es tatsächlich sind. Die Teilnehmer, die sich tatsächlich so alt fühlen, wie sie sind, oder gar älter, berichten häufig von gesundheitlichen Problemen, psychischen Belastungen und Müdigkeitserscheinungen. Müssen wir es also als Warnsignal bewerten, wenn sich ein Mensch so alt fühlt, wie er laut Geburtsurkunde tatsächlich ist? Braucht der Mensch jeweils sieben Jahre Zeit, um sich an sein Alter zu gewöhnen?
Je älter Menschen werden, desto mehr diversifizieren sie sich hinsichtlich des gefühlten und dem von anderen wahrgenommenen Alter. Die Gefahr, sich mit dem Alter eines Menschen zu verschätzen, ist bei den 20-Jährigen deutlich kleiner als bei den 50-Jährigen. Bei den Menschen in der zweiten Lebenshälfte hat die Vielfalt ihrer Erfahrungen und ihrer Lebensumstände den Alterungs- und Entwicklungsprozess so unterschiedlich geprägt, dass eine eindeutige Zuordnung zu einer Altersklasse schwierig werden kann.
Lebensphase und Alter – kein unzertrennliches Paar mehr
Wenn wir berufliche Biografien betrachteten, teilten wir sie bis vor Kurzem in folgende (Ideal-)Phasen ein:
1. Lehr- oder Studienjahre
2. Erste Berufserfahrungen
3. Junge Berufstätigenzeit und Phase des Suchens: Wo wird langfristig der richtige Platz für mich sein? Wie könnte meine Karriereplanung aussehen?
4. Berufliche Konsolidierungsphase: Hier professionalisiert man sich immer mehr und übernimmt zunehmend Verantwortung
5. Phase des Vorbereitens auf den Berufsaustritt: In dieser Zeit verfügt der Mitarbeiter über die maximale Erfahrung in seinem Arbeitsfeld und hat im Idealfall auch den Höhepunkt in seinen Fertigkeiten und Sozialkompetenzen erreicht
Abbildung 1: Konventionelles Modell der Arbeitsphasen
Ist dieses klassische Modell der Arbeitsphasen für Sie überhaupt noch zeitgemäß? Sollten wir berufliche und private Lebensphasen nicht vielmehr vernetzen und neu planen lernen?
An wen denken Sie beispielsweise, wenn Sie hören, dass jemand ein Jahr im Erziehungsurlaub ist? Mann oder Frau? 30 oder 50 Jahre? Führungskraft oder nicht? Wahrscheinlich an eine Frau, wahrscheinlich an eine Frau zwischen 20 und 40 Jahren, wahrscheinlich eher nicht an eine Führungskraft. Statistisch haben Sie natürlich richtig getippt. Noch immer sind die Männer deutlich unterrepräsentiert, wenn es um die Inanspruchnahme von Erziehungszeiten geht, bei den männlichen Führungskräften wird die Luft dann ganz besonders dünn. Dass es auch anders geht, zeigt die Geschichte von Martin S. Er ist 53 Jahre alt, seit 20 Jahren Meister in einem metallverarbeitenden Betrieb, seit zehn Jahren hat er Personalverantwortung für 65 Mitarbeiter. Er hat mit 51 Jahren in zweiter Ehe eine 35-jährige Krankenschwester geheiratet. Sie hat gerade eine Weiterqualifizierung zur Pflegedienstleitung abgeschlossen, als sie schwanger wird. Das Paar entscheidet, dass Martin zwölf Monate Erziehungsurlaub nimmt und seine Frau lediglich zwei Monate. Sie steigt als Führungskraft gerade in ihre neue Rolle ein; er hat bereits Führungserfahrung und einen sicheren Job, außerdem Lust auf eine »Auszeit« aus der langjährigen beruflichen Routine. Trotz Witzeleien und Widerständen setzt sich Martin S. durch. Nach Ablauf des Jahres kommt er mit großer Motivation an seine alte Arbeitsstelle zurück. Der Sturm der Entrüstung über seine Entscheidung hat sich gelegt und Fragen wie »Na, wann kommt das zweite Kind?« begegnet er gelassen und humorvoll. Noch ist Martin S. ein großer Ausnahmefall, aber die Abweichungen von den konventionellen Berufsphasen nehmen zu.
Wir lernen zunehmend mehr Menschen kennen, die sich mitten in Phase vier einem neuen Arbeitsfeld zuwenden oder gar eine zweite Ausbildung planen. Ebenso erleben wir, dass die Phase fünf nicht zur Vorbereitung auf den Berufsaustritt, sondern mehr für eine Umorientierung und Neugestaltung von beruflichen und privaten Aktivitäten genutzt wird. So berichtete derStern1 von dem 76-jährigen Chirurgen Alfred Jahn, der in Ruanda täglich noch operiert. Auf die Frage, warum er das in seinem Alter noch mache, antwortete er: »Ich bin 76 Jahre alt und traue mir das noch zu.« So wie Jahn befreien sich immer mehr Menschen in den unterschiedlichsten Berufen und Altersgruppen von dem starren Korsett der Kopplung zwischen Lebensalter und Lebensphase. Sie machen sich zunehmend unabhängiger von gesellschaftlich vorgeprägten Normen. Das gilt auch für Menschen mittleren Alters, die sich entscheiden, auf Geld zu verzichten und dafür mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Sie lieben ihre Tätigkeit, wollen ihre Leistungsfähigkeit aber nicht in der Lebensmitte komprimieren, sondern planen eine längere Lebensarbeitszeit.
Fast jeder kennt Beispiele dafür, dass Menschen nicht immer auf den ausgetretenen Wegen der Vorgänger-Generation laufen:
⚫Selbstständigkeit direkt nach Ausbildung und Studium oder sogar parallel dazu
⚫Eine zweite Berufsausbildung oder ein zweites Studium in der Lebensmitte
⚫Berufliche Neuorientierungen in allen Lebensaltern
⚫Berufsabschluss und Einstieg ins Berufsleben erst nach ausgedehnter Familienzeit
⚫Promotionen mit 60
⚫Geplante Unterbrechungen der Berufsbiografien aus den unterschiedlichsten Gründen
⚫Erziehungszeiten nach dem 45. Lebensjahr
⚫Rentner, die Teilzeit arbeiten (manche müssen, immer mehr wollen)
⚫Rentner, die studieren oder Jobs im Ausland annehmen
⚫AuPair-»Omas und Opas« (die Anzahl der seriöser Vermittlungsstellen dafür steigt kontinuierlich)
Die Variabilität der Berufsbiografien hat sich in den letzten Jahren schon deutlich vergrößert und wird sich künftig wohl noch mehr diversifizieren.
Abbildung 2: Variablere Lebens- und Berufsphasen
Vergangenheit würdigen
Wichtiger als die Lebensjahre zu dokumentieren könnte es sein, immer wieder einmal einen Blick zurückzuwerfen auf das Erlebte, Geleistete und bisher Erreichte.
Zeichnen Sie einen Zeitstrahl von Ihrem Geburtsjahr bis heute. Markieren Sie dort alle Ihre wichtigen beruflichen Stationen: Schule, Ausbildung, Studium, Berufseintritt, Erziehungszeiten, Arbeitgeberwechsel, Weiterbildungen, berufliche Veränderungen. Welche privaten Ereignisse waren für Sie besonders wichtig? Bewerten und würdigen Sie Ihre Skizze, als ob sie von einer anderen Person gezeichnet worden wäre. Was ist dieser Person in ihrem Leben gut gelungen?
Abbildung 3: Meine berufliche Entwicklung
In Abb. 3 sehen Sie die berufliche Entwicklung einer 49-jährigen Sozialpädagogin, die zur Beratung kam, weil sie sich beruflich in einer Sackgasse fühlte. Sie berichtete, dass ihr im Leben bisher wenig gelungen sei. Nach der schriftlichen Dokumentation ihrer verschiedenen beruflichen Stationen und ihrer privaten Lebensleistungen kam sie zu einer neuen und deutlich positiveren Bilanz. Nach dieser Würdigung ihrer bisherigen Arbeitsleistung sowie der bisher überwundenen Hürden fiel es ihr leichter, positive Zukunftsszenarien zu entwickeln.
Gegenwart spüren
Wo stehen Sie und wie erleben Sie Ihre berufliche Gegenwart? Denken Sie nun nicht an verpasste Chancen der Vergangenheit und potenzielle Gefahren oder Möglichkeiten in der Zukunft. Werfen Sie Ihren Blick auf all das, was Ihnen aktuell gefällt, was Sie genießen und was Ihnen bei der Arbeit Freude macht. Ebenso gilt es festzuhalten, welche Aspekte Ihrer momentanen Arbeitssituation für Sie veränderungswürdig und auch veränderungsfähig sind. Bilanzieren Sie Ihren aktuellen Kontostand in Sachen Arbeitszufriedenheit. Was verbuchen Sie auf der Habenseite und was auf der Sollseite? Wie fällt diese Bilanz für Ihr Privatleben und für Ihre ganz private Situation aus? Wie geht es Ihnen körperlich, wie leistungsfähig fühlen Sie sich im Moment? Was tun Sie jeden Tag so richtig gerne?
Manchmal begegnen wir (vor allem jüngeren) Menschen, die am Anfang ihrer Karriere ihre Energien hauptsächlich in die Zukunft investieren: »Wenn ich die neue Stelle bekomme …, wenn ich die Weiterqualifikation abgeschlossen habe …, wenn ich befördert werde …« Sie leben im »Wenn-dann«-Modus. Die Zukunftsorientierung ist für die frühen Berufsjahre bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehbar und auch sinnvoll. Bedürfnisse aufschieben zu können sowie eine gewisse Frustrationstoleranz gehören sicher zu den Kompetenzen, die alle langfristig erfolgreichen Menschen auszeichnen. Das sollte aber nicht so weit führen, dass das Leben im Hier und Jetzt auf der Strecke bleibt. Es ist aus unserer Sicht wenig sinnvoll, dem (voraussichtlichen) Erfolg in der Zukunft alle Freuden des Alltags zu opfern. Deswegen lohnt sich die Selbstbeobachtung und Bewertung der gegenwärtigen Balance zwischen Genuss und Disziplin. Passt deren Verhältnis für den Moment?
Zukunft gestalten
Ob Sie sich am Anfang, in der Mitte oder auch schon eher im letzten Teil Ihrer beruflichen Entwicklung befinden: Gönnen Sie sich Träume und Visionen. Was entspricht Ihrer Idealvorstellung von Arbeit in einem Jahr, in fünf oder auch in zehn Jahren? Umsetzen kann der Mensch nur das, was er auch denken kann. Vor dem Handlungsplan steht immer erst die Idee, häufig eine ganz bildhafte Vorstellung von dem Zustand, den man erreichen möchte. Nein, aus Gedanken alleine entstehen natürlich keine neuen Arbeitsbedingungen und -umgebungen, aber ohne Gedanken und Visionen überlassen Sie alles dem Zufall. Entwickeln Sie Ergebnisziele (Wohin will ich?) und übertragen Sie diese in konkrete Handlungsziele (Was sind die einzelnen Handlungen, die mich dorthin bringen?).
Beispiel: Sie möchten vielleicht in Zukunft eine Führungsposition einnehmen? Dann könnten Sie Ihre Handlungsziele in kleine Einheiten unterteilen, beispielsweise:
1. Mit dem Partner die Konsequenzen dieser Entscheidung für das Privatleben diskutieren.
2. Die Absicht dem Vorgesetzten im Jahresgespräch mitteilen.
3. Eine Weiterbildung zur Entwicklung von Führungskompetenzen beginnen.
4. Einen Mentor suchen.
5. Netzwerke suchen und pflegen.
Eine andere Zielformulierung kann in die Reduzierung der Arbeitszeit münden. Hier könnten Sie ebenso Zwischenschritte planen, zum Beispiel das Ansparen eines Geldbetrages, den Umzug in eine kleinere Wohnung, den Verkauf des eigenen Hauses, die neue Vertragsgestaltung mit dem Arbeitgeber oder erst einmal die Recherche nach realisierbaren Arbeitszeitmodellen.
Trauen Sie sich, Ihre Zukunftsplanung einmal vom Ende her zu denken. Stellen Sie sich vor, Sie werden aus dem Berufsleben entlassen und jemand hält eine Laudatio auf Sie. Welche Aspekte sollten idealerweise in dieser Rede genannt werden? Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz und was ist Ihnen richtig gut gelungen? Aber auch: Welchen Preis haben Sie für diesen Erfolg (gerne) gezahlt?
Kurzreflexion zu fünf Lebensdekaden
Das Überdenken des eigenen Entwicklungsprozesses als Grundlage für die weitere Gestaltung der Biografie ist in vielen Facetten möglich und hilfreich. Ein weiteres Beispiel dafür finden Sie in Reflexion 1. Hier können Sie zu vier unterschiedlichen Bereichen ein kurzes Resumé2 für die verschiedenen Lebensdekaden ziehen.
Bewerten Sie in Spalte 1: Welches waren Ihre besonders guten Erlebnisse, Ihre »Highlights« (Abschlüsse von Aus- und Weiterbildungen, Ortswechsel, besondere Leistungen, Arbeitgeberwechsel, Beförderung etc.), besten Entscheidungen, Erfolge in diesem Lebensjahrzehnt? Welche »Highlights« könnten Sie für die künftigen Dekaden planen?
In Spalte 2 können Sie notieren: Was haben Sie in den einzelnen Lebensabschnitten körperlich für sich getan? Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Wie wichtig war und ist Ihnen Ihr Körper? Was möchten Sie in der aktuellen beziehungsweise nächsten Dekade für Ihren Körper tun?
In Spalte 3: Beurteilen Sie Ihre psychosoziale Kompetenz (Umgang mit eigenen Gefühlen und denen anderer, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Menschenführung etc.) auf einer Skala zwischen null (völlig inkompetent) und zehn (völlig kompetent).
In Spalte 4: Beurteilen Sie a) Ihre Fachkompetenz auf einer Skala zwischen null und zehn, b) Ihre intellektuelle Kompetenz (Auffassungsgabe, sich in neue Sachlagen hineinzudenken, komplexe Zusammenhänge zu verstehen).
Reflexion 1: Fünf Lebensdekaden
»Highlights«KörperlichkeitPsychosoziale KompetenzIntellektuelle Kompetenz/ Fachkompetenz20–30 Jahre30–40 Jahre40–50 Jahre50–60 Jahre60–70 Jahre
Was erhoffen Sie sich und was fürchten Sie?
»Prognosen sind schwierig. Vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.«
Karl Valentin
Zukunft ist nicht nur mit Hoffnungen, sondern häufig auch mit Ängsten verbunden. Solche Gefühle können lähmen und handlungsunfähig machen. Wenn Sie allerdings den positiven Anteil der Angst – das ist die Vorsicht – nutzen, dann kann dies helfen, bestimmte Risiken durch sorgfältige Vorbereitung und Planung zu reduzieren. Absolute Sicherheit und Planbarkeit bleiben jedoch eine Illusion. Sie existieren nur in Hochglanzprospekten von Versicherungen und Finanzdienstleistern. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, unsere Hoffnungen in Handlungen zu verwandeln, um damit die Chancen auf eine gelingende Entwicklung zu erhöhen.
Materielle Sicherheit
Es ist nur allzu verständlich, wenn sich Menschen mit kleinem oder durchschnittlichem Einkommen um ihr finanzielles Auskommen nach der Berufstätigkeit sorgen. Aber auch sogenannte Besserverdiener mussten in den letzten Jahren erhebliche Einbußen in ihrer Altersvorsorge hinnehmen. So spielt Geld sicherlich eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, zu entscheiden, wie viel und wie lange man arbeiten möchte. Immer mehr Menschen werden sich auch nach dem regulären Berufsaustritt etwas hinzuverdienen müssen, um über die Runden zu kommen. Und viele, deren Rente ausreichen wird, wünschen sich dennoch zusätzliche Einnahmen, um ihren Lebensstandard abzusichern oder auch, um sich den einen oder anderen Luxus weiterhin erlauben zu können. Die Angst vor ungenügender finanzieller Absicherung ist für viele Menschen ein zentrales Motiv, länger zu arbeiten, als sie dies ursprünglich geplant hatten. Die Arbeitsfähigkeit möglichst lange zu erhalten und vielleicht sogar noch auf neue Bereiche hin zu erweitern kann für viele die finanzielle Situation besser absichern als jede zusätzliche Lebensversicherungspolice.
Die Investition in die eigene Arbeitsfähigkeit gehört zu den Anlagen mit den höchsten und sichersten Renditen.
Körperliche und geistige Leistungsfähigkeit
Ergänzen Sie bitte ganz spontan folgenden Satz: »Alt bin ich, wenn …« Wenn was?
Die meisten unserer Seminarteilnehmer ergänzen diesen Satz, indem sie über körperliche oder geistige Einbußen schreiben. »Alt bin ich, wenn ich mir körperlich nicht mehr selbst helfen kann, wenn ich wach werde und ich Schmerzen habe, wenn ich keinen Sport mehr treiben kann, wenn ich mir nichts mehr merken kann, nichts Neues mehr lerne (lernen will) …« Leider viel zu selten assoziieren Menschen Alter auch mit positiven Erwartungshaltungen und schon gar nicht mit gesteigerter Leistungsfähigkeit. Die Bundesanstalt für Arbeit belegt aber eben diesen positiven Effekt: Mit zunehmendem Alter nimmt die Arbeitsleistung tendenziell zu – und nicht ab, wie oft vermutet.3
Selbstverständlich gibt es Einbußen: Ab etwa dem 30. Lebensjahr beginnt ein sehr langsamer, aber kontinuierlicher Abbau verschiedener Körperfunktionen: Die Leistungen von Herz, Lunge, Nieren, Gefäß- und Immunsystem lassen nach. Der Organismus wird schlechter mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Die Muskelmasse beginnt sich zu verringern und das Körpergewebe verliert an Elastizität. Auch im Bereich der Sinnesleistungen (Hören, Sehen, Tasten, Reaktionsgeschwindigkeit, Informationsverarbeitung) müssen wir eine schleichende Reduzierung akzeptieren.
Diese geringfügigen biologischen Funktionseinbußen sind im mittleren und höheren Erwachsenenalter für die berufliche Leistung eher irrelevant.
Sieht man sich die Werte dieser Funktionseinbußen einmal genauer an, so wird man feststellen, dass diese im mittleren und höheren Erwachsenenalter sehr gering ausfallen und sich kaum auf Lebens- und Arbeitsqualität auswirken müssen. Einen Teil der Einbußen können Sie kompensieren: Ausdauer, Atemvolumen, Koordination und Muskelkraft können Sie trainieren. Sportwissenschaftler können belegen4, dass es möglich ist, den biologischen Altersprozess um rund zehn Jahre zu verzögern. Verminderung der Sinnesleistungen wie beim Sehen und Hören können heute technisch nahezu perfekt ausgeglichen werden. Andere nachlassende Funktionen wie beispielsweise Reaktionszeiten spielen für die meisten Menschen in ihrem Berufsleben überhaupt keine Rolle. Oder haben Sie Arbeitsprozesse zu bewältigen, bei denen eine Verringerung der Reaktionszeit um 200 Millisekunden bedeutsam ist? Ja, falls Sie Astronaut, Jetpilot oder Formel-1-Fahrer sind, dann lohnt es sich, diese Minderfunktion in die Berufsplanung mit einzubeziehen. Sollten Sie jedoch in einem weniger exotischen Beruf arbeiten, werden diese minimal verzögerten Reaktionszeiten kaum relevant sein.
Geistige Leistungsfähigkeit – da geht noch was
Wie Sie im Kapitel zum Lernen noch lesen werden, bleibt Ihr Gehirn lern- und veränderungsfähig, bis Sie sterben. Längst ist gesichert, dass Lernen und geistige Prozesse viel weniger abhängig sind vom jeweiligen Lebensalter als von Forderung und Förderung.5 Es kommt hinzu, dass diese Veränderungsprozesse sowohl intra- (innerhalb einer Person) als auch interindividuell (zwischen verschiedenen Personen) sehr unterschiedlich ausfallen; und diese Unterschiedlichkeit vergrößert sich mit den Jahren zunehmend, je nachdem wie Sie sich selbst fordern. So sagen statistische Mittelwerte über Abbauprozesse also für den Einzelfall wenig aus.
Nein, es gibt keinen wirklich guten Grund, die biologischen Veränderungsprozesse im mittleren und höheren Erwachsenenalter zu fürchten. Sie sind viel weniger bedrohlich als unsere eigenen Vorurteile, die im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wirken: Je mehr Sie über die potenziellen Einbußen nachdenken und sprechen, desto mehr werden Sie sie auch an sich oder anderen beobachten.
Das kalendarische Alter eines Menschen hängt nicht systematisch mit der beruflichen Leistungsfähigkeit zusammen.6
Emotionale Belastbarkeit
»Ich bin dünnhäutiger geworden im Laufe der Jahre. Ich habe Bedenken, ob ich das noch lange aushalten kann.« Diese und ähnliche Aussagen hören wir manchmal von Mitarbeitern, die in ihrem Fach als Experten gelten und häufig schon viele Jahre Erfahrung vorweisen können. Sie beklagen, wie kollegiale Konflikte oder mangelnde Würdigung durch Vorgesetzte ihnen im Laufe der Jahre immer mehr zu schaffen machen. Richtig ist, dass ältere Mitarbeiter sensibler in menschlichen Interaktionen werden. So ist älteren Mitarbeitern in der Regel die Wertschätzung durch ihre Vorgesetzten tatsächlich wichtiger als eine höhere Entlohnung.7