Montezumas Mann - Jerome Charyn - ebook

Montezumas Mann ebook

Jerome Charyn

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Opis

Joe Barbarossa ist ein Cop der etwas anderen Sorte: Aus dem Hinterzimmer eines Tischtennisclubs operiert er undercover und wickelt nebenher eigene Drogendeals ab. Genau der richtige Mann für Isaac Sidel, Chef der New Yorker Polizei und Spitzenkandidat wider Willen für den Posten des New Yorker Bürgermeisters. Isaac müsste längst auf Wahlkampftour sein, doch er hat noch ein Hühnchen mit der Mafia zu rupfen. Mit der Glock in der Hand und Strumpfmaske über dem Kopf geht Sidel zusammen mit Barbarossa auf nicht ganz legalen Raubzug in den Mafia-Lokalen New Yorks – und stößt dabei immer wieder auf mysteriöse sizilianische Holzpuppen, die nicht nur die Mafia, sondern auch das FBI interessieren. Unterdessen verfällt Joe Isaacs Tochter, Marilyn the Wild, und Isaac jagt immer noch seiner alten Geliebten Margaret Tolstoi nach: von Manhattan über die Bronx bis nach Palermo.

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MOBI

Liczba stron: 363




Jerome Charyn

Montezumas Mann

Inhalt

Teil Eins

Teil Zwei

Teil Drei

Für Laura und Marco

Teil Eins

1

Er stammte ab von den Nez Percé, wörtlich übersetzt Durchstochene Nase, einem Indianerstamm, der niemals Gefangene verstümmelte oder die eigenen Leute im Stich ließ. Ihr berühmtester Krieger, Chief Joseph, beschützte Frauen, Kinder und alte Männer, während die Nez Percé sich 1877 nach der widerrechtlichen Inbesitznahme von Stammesland in Idaho und Oregon durch Goldsucher und Spekulanten zum Aufstand erhoben. Und nach diesem nicht aktiv am Kampf beteiligten Häuptling der Nez Percé war Joe Barbarossa benannt. Er hatte fünf oder sechs Großmütter gehabt, und sein Vater war ein Bigamist, der keine Frau lange halten konnte.

Eine dieser Großmütter war die Tochter eines Indianermädchens, das mit Chief Joseph in die Berge geflohen war. Aber Joe konnte sich nicht an sie erinnern. Wegen der vielen Ehefrauen war er als Kind ständig weitergereicht worden. Joe war zu einem Drittel Ire, zu einem Drittel Italiener und zu einem Drittel Nez Percé mit einem Schuss afrikanischen Bluts.

Aufgewachsen war er in Oregon, Kalifornien und in den Slumvorstädten von Illinois. In keinem Staat war er wirklich zu Hause. Das Licht der Welt erblickt hatte er in Oklahoma, aber sein Papa war nur auf der Durchreise. Er hatte einen kleinen Bruder gehabt, Lem, und einen ganzen Schwung Halbschwestern. Lem ertrank im Alter von neun Jahren. Eine seiner Halbschwestern, Rosalind, hatte Joe großgezogen. Roz selbst hatte nie eine eigene Kindheit gehabt, und sie machte einen Selbstmordversuch nach dem anderen. Die anderen Halbschwestern hatte Joe nie wirklich kennengelernt. Seine leibliche Mutter hatte er kaum zu sehen bekommen. Sie war längst tot. Irgendwann zwischen der sechsten oder siebten Ehe hatte sich Papa aus dem Staub gemacht und Joe verlassen. Roz war alles, was ihm an Familie geblieben war.

Roz brachte ihn durch die Highschool und fand seine Geburtsurkunde, als Joe beschloss, zu den Marines zu gehen. Sie erfand ihm eine Vergangenheit, eine lückenlose Biografie, die er ohne sie nie besessen hätte. Joe ging nach Vietnam. Man schrieb das Jahr 1972. Er wurde zur amerikanischen Botschaft in Saigon abkommandiert. Er begann, mit Drogen zu handeln. Er freundete sich mit den Geheimagenten aus dem ersten Stock der Botschaft an. Er spielte Tischtennis mit ihnen und versorgte sie mit »Pharmazeutika«. Allerdings gab es rivalisierende Dealerbanden, bestehend aus Soldaten wie ihm. Einige musste er töten, sonst wäre er selbst getötet worden. Er war einer der letzten Amerikaner, die Vietnam lebend verließen.

In New York City wurde er Polizist, hatte jedoch kaum etwas gemein mit anderen Cops oder mit den Soldaten, die in Nam gewesen waren. Nie hatte er »Charlie« im Busch gegenübergestanden. Saigon war wie eine Mischung aus dem Times Square und der Innenstadt von El Paso. Die Stadt war für ihn seine Kleinen Vereinigten Staaten gewesen.

Manhattan tolerierte er. Joe verkaufte Drogen. Mehr als einmal wurde er von Dealern angeschossen, den gleichen Drogensoldaten wie in Nam. Doch anders als Joe trugen sie keine goldene Dienstmarke. Er nahm Straßenräuber und Banditen im F Train fest und schlug in der ganzen Stadt Leute zusammen. Doch weil Joe eine Spur zu unvorsichtig wurde und auch Dealer ausnahm, die dem FBI nahestanden, verbannte ihn Police Commissioner Isaac Sidel ins Eichhörnchenland, das Revier im Central Park.

Joe hauste im Hinterzimmer eines Tischtennisclubs an der Columbus Avenue. Abgesehen von der früheren Wohnung seiner Schwester, die er nur als Postanschrift benutzte und wo er nie schlief, war dies seine einzige Adresse. Hier bewahrte er seine gesamte Garderobe auf. Der Tischtennisclub erinnerte ihn an die Spielhöllen Saigons. Der hinterste Tisch des Clubs diente Joe als Schreibtisch. Der Tisch war ausrangiert worden. Genau an diesem Tisch war Isaacs blauäugiger Junge, Manfred Coen, ermordet worden, ausgeknipst von einem chinesisch-kubanischen Banditen. Schiller, dem der Club an der Columbus gehörte, hatte Coen geradezu abgöttisch geliebt. Er hatte Joe erlaubt, seine Geschäfte von diesem Tisch aus zu führen. Er stellte keine Vergleiche an zwischen Blue Eyes und Joe Barbarossa. Joe hegte nicht die gleiche aberwitzige Leidenschaft für Tischtennis.

An seiner Spielhand trug er einen weißen Handschuh. Er hatte sich die Hand drüben in Saigon verbrannt. Bei einem Kampf mit einem Dealer war er auf eine heiße Herdplatte gestürzt. Die Hand war nie richtig verheilt. Die Haut schälte sich ständig und hatte eine permanent gräuliche Farbe. Und Joe zog jeden Tag einen frischen Handschuh an.

Er saß hinter der Tischtennisplatte und war mit seiner Buchführung beschäftigt, als Schiller ihm von der Zuschauergalerie zubrüllte: »Telefon für dich.«

Barbarossa brüllte zurück: »Wenn’s was Dienstliches ist … ich bin nicht zu Hause.«

»Es ist deine Schwester, Joey.«

Er löste das schnurlose Telefon aus der Halterung unter der Tischplatte. »Hallo, Roz.« Seine Hand zitterte. Er hörte das Klackern der Bälle von den anderen Tischen. Doch dann wurde es still im Club. Spieler und Kiebitze respektierten seine Privatsphäre. Dabei wussten sie nicht einmal von seiner Schwester mit ihrem ausgeprägten Hang zu Selbstmordversuchen.

»Ich werde heiraten, Joe.«

»Wo und wann?«

»Das ist kein Witz. Wenn ich einen Mann habe, kann er mich hier rausholen.«

»Er würde nicht lange genug leben«, antwortete Joe.

»Du bist ein bösartiger kleiner Scheißer von einem Dreckskerl … Du sperrst mich hier ein, weil du nicht mal den Gedanken ertragen kannst, ich wäre mit einem Mann zusammen. Ich hasse dich, Joe, ich hasse dich aus tiefstem Herzen.«

»Roz«, sagte er, »ich bin sofort bei dir.«

Er klemmte das Telefon wieder in die Halterung. Ihm klingelten die Ohren. Die Hand unter dem Handschuh zuckte. An den anderen Tischen rührte sich nichts. Seine Augen brannten nahezu unerträglich.

»Joey«, brüllte Schiller, »wann bist du zurück?«

»Bald«, antwortete er. »Vielleicht nie.«

»Was soll ich sagen, wenn jemand anruft?«

»Sag, ich wäre verschwunden, dienstuntauglich. Sag einfach, ich wäre tot.«

»Gott bewahre, Joey. Gott bewahre!«

Vor dem Club stieg er in ein Taxi. Der Fahrer wollte ihn nicht nach Riverdale bringen. »Ich fahr nach Brooklyn, Jungchen.«

»Nein, tust du nicht. Das ist ein Polizeieinsatz.«

»Klar doch«, sagte der Fahrer. »Heutzutage ist jeder ein Bulle.«

Barbarossa knallte dem Fahrer seine goldene Dienstmarke unter die Nase.

»Ich fresse Dienstmarken«, sagte der Fahrer.

Barbarossa musste seine Glock ziehen. Es war eine österreichische Handfeuerwaffe mit einem Plastikkorpus, durch den sie wie ein schickes Spielzeug aussah.

»Scheißerbsenpistole«, sagte der Fahrer und musterte dann Barbarossas Augen. »Riverdale. Alles klar.«

Er fuhr nach Westen auf den Express Highway, überquerte die Henry Hudson Bridge, bog in nördlicher Richtung auf die Kappock Street ab und fing an zu weinen. Barbarossa warf einen Blick auf den Namen auf seiner Taxilizenz: Leonard F. Furie.

»Was ist los, Leonard?«

»Sie werden mich umlegen, stimmt’s? Sie suchen sich eine abgelegene Stelle. Und dann machen Sie mich kalt. Sie sind der Bronx-Bandit.«

»Ich bin Cop. Ich arbeite im Sherwood Forest … das ist das Revier im Central Park.«

»Sherwood Forest«, wiederholte der Fahrer, Leonard Furie, und wäre beinahe gegen einen Baum geknallt. »Ich kann nicht weiterfahren. Ich hab eine Scheißangst.«

»Rutsch rüber, Leonard. Ich fahre.«

Und Barbarossa musste aus dem Wagen springen, vorne einsteigen und Leonard am Steuer ablösen. Er holperte die Palisade Avenue entlang und beobachtete Leonard im Innenspiegel. »Wenn du irgendwelche Dummheiten versuchst, breche ich dir das Genick.«

Sie erreichten eine von Mauern umgebene Villa neben dem Hebrew Home for the Aged, einem jüdischen Altersheim. Die Villa hatte keinen Briefkasten, nicht einmal ein schlichtes Schild. Barbarossa stieg aus und reichte Leonard zwei Zwanzigdollarscheine, die Leonard jedoch nicht annehmen wollte.

»Sie sind der Bronx-Bandit, stimmt’s?«

»Ja, Leonard. Das ist meine große Leidenschaft. Taxifahrer umlegen.«

Und Barbarossa marschierte durch eine winzige Öffnung in der zur Straße gelegenen Mauer der Villa. Er hatte das Gelände eines Sanatoriums betreten, dem Diskretion über alles ging. Es hieß Macabee’s. Aber es stand in keinem Telefonbuch. Macabee’s betrieb keinerlei Werbung. Hier kümmerte man sich um alkoholabhängige Senatoren und Filmstars, manisch-depressive Millionäre und Schwestern mit Selbstmordtendenzen. Barbarossa gehörte nicht zur üblichen Aristokratie, aber er hatte gute Beziehungen zum Justizministerium. Sein Kontaktmann hieß Frederic LeComte. Und LeComte hatte ihm die Türen zu Macabee’s geöffnet.

Als Detective verdiente Barbarossa rund fünfzigtausend Dollar im Jahr. Und für das Sanatorium zahlte er jährlich mehr als hunderttausend. Er verkaufte Drogen. Aber er war fast so arm wie Isaac Sidel. Er musste Kleidung für Roz kaufen und den ganzen Champagner bezahlen, den sie im Macabee’s trank.

Er ging zu ihrem Zimmer hinauf und klopfte zweimal. »Roz, ich bin’s.«

»Moment«, sagte sie. »Ich bin noch nicht so weit, Joe.«

Wieder zuckte seine Hand unter dem Handschuh. »Komm rein«, rief sie.

Und sein Herz machte einen verrückten Sprung, als er sie dort auf dem Bett sitzen sah. Ihr blondes Haar wurde am Ansatz weiß. Roz war einundvierzig und sah aus wie ein kleines, alterndes Mädchen, das hinter den Mauern von Macabee’s eingesperrt war.

»Joey, ich hätte nicht so einen Wirbel machen sollen. Ich heirate niemanden. Wer würde mich denn schon heiraten wollen? Ich lebe in einem Gefängnis ohne Gefängniswärter … Ich hätte gern einen Job, Joe.«

»Was sollte das denn wohl sein?«

»Leute angreifen. Ihnen die Augen auskratzen.«

Er musste mit der Linken seine behandschuhte Rechte festhalten, damit sie nicht zitterte.

Sie lächelte ihn an. »Ich könnte deine Komplizin sein, Joe.«

»Roz«, sagte er. »Wem habe ich in letzter Zeit die Augen ausgekratzt?«

»War nur so eine Idee. Wenn ich den anderen Patienten erzähle, dass mein Bruder Polizist ist, fangen die an zu kreischen: ›Das kann nicht sein, meine Liebe. Das Macabee’s ist viel zu teuer.‹«

»Ich verdiene noch was nebenher«, sagte er.

Sie lachte. »Würdest du für mich töten, Joey?«

»Wenn ich müsste.«

»Ich war keine besonders gute Mutter«, sagte sie.

»Du bist nicht meine Mutter. Du hast dich um mich gekümmert, Schwesterchen. Du hattest keine andere Wahl.«

»Ich hätte deinen Kopf in die Badewanne drücken und meinen kleinen Bruder ersäufen können.«

»Du hast mir ja nicht mal den Hintern versohlt, Schwesterchen.«

»Aber ich hab dran gedacht, dich zu ersäufen. Nur, welche Freiheit hätte mir das gebracht? Ich habe gut ausgesehen. Eine Menge Männer hätten was drum gegeben, wenn ich mich auf sie eingelassen hätte … ich hätte dich ersäufen können, Joey.«

»Ja«, sagte er. »Und ich hätte mit dem Mann im Mond Tischtennis spielen können … oder Kaiser von Saigon werden.«

»Du warst der Kaiser. Du hast der Frau des Botschafters Haschisch verkauft.«

»Hab ich nicht«, sagte er.

»Du dealst doch immer noch, Joe. Eines schönen Tages werden sie dich abknallen wie einen Hund. Abknallen werden sie dich, und ich muss dich dann beerdigen. Ich will meinen Bruder nicht beerdigen.«

»Ich bin ja noch da, Schwesterchen.«

»Wie oft bist du verwundet worden?«

»Das ist nicht dasselbe, wie tot zu sein.«

»Natürlich nicht. Eine Kugel in die Schulter. Eine Kugel unters Herz. Eines kommt zum anderen. Ich will nicht deine Witwe sein, Joey. Dafür hab ich viel zu hart gearbeitet.«

Sie fing an, ihre Handfläche zu kratzen, die von früheren Kratzattacken völlig vernarbt war.

»Schwesterchen, ich hol dich hier raus. Dann leben wir zusammen.«

»Du hast deine kleine Höhle in einem Tischtennis-Hotel. Ich bin nur eine Belastung, Joey. Ich gehöre hierher.«

Er packte ihre Handfläche mit seiner behandschuhten Hand, damit sie sich nicht weiter kratzen konnte. Sie schlief an seiner Schulter ein. Er wiegte sie sanft und streichelte ihre Haarwurzeln. Behutsam legte er ihren Kopf aufs Kissen, blieb bei ihr sitzen und beobachtete die kaum merklichen, feuchten Bewegungen ihrer Lippen.

Er ging nach unten. Er wusste, dass irgendwo Krankenschwestern sein mussten. Sie achteten darauf, dass keine scharfen Gegenstände in Roz’ Reichweite waren, und erlaubten ihr nicht einmal Schnürsenkel. Wenn sich eine Krise anbahnte, schienen sie wie aus dem Nichts aufzutauchen. Doch jetzt konnte er weder einen Arzt noch eine Pflegerin finden. Nie belästigte ihn jemand wegen der Rechnungen. Einmal im Monat klopfte er an die Tür der Finanzverwalterin und beglich seine Schulden in bar. Er fragte nie nach einer Quittung.

Vor der Mauer wartete ein Taxi auf ihn. Das Macabee’s sah all seine Gesten, all seine Schritte voraus. Barbarossa stieg in den Wagen. Herrje. Es war derselbe gottverdammte Fahrer.

»Ich bin hier so durchs Viertel gekurvt«, meinte Leonard Furie. »Dann hab ich über Funk die Bestellung reinbekommen. Es ist ein Pflegeheim. Das Macabee’s. Eine Einrichtung für die Crème de la Crème … Tut mir leid. Ich hätte nicht so ausflippen dürfen. Sie sind nicht der Bronx-Bandit.«

»Und wenn doch?«, fragte Joe und dachte an Roz in ihrem Gefängnis ohne Gefängniswärter.

Und Leonard F. Furie fing an zu lachen.

2

Die Nez Percé wollten ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Chief Joseph war in einem Reservat gestorben, ein Tipi-Indianer, der tagelang herumsitzen konnte und nicht eine Silbe von sich gab. Auch Joe hatte einen Hang zu solchen Schweigephasen. Schiller ließ ihn in Ruhe. Die Kiebitze machten einen Bogen um ihn. Schillers Hinterzimmer war zu seiner Matratze geworden. Er besaß einige wenige Erinnerungsstücke an die mit Roz verbrachten Jahre. Ein altes Luftgewehr. Ein Jagdmesser. Ein Briefmarkenalbum, dessen Seiten großen und kleinen Ländern gewidmet waren. Aber er war ein schlechter Sammler gewesen. Er besaß Briefmarken aus Costa Rica, aber keine aus Portugal, Argentinien oder Polen und Japan. Er hatte keine Vorstellung von der Welt. Seine Welt war immer Roz gewesen.

Er war gerade im Sheraton Centre und wartete mit einer Maske in der Tasche darauf, einen Dealer namens Frannie auszunehmen, der in Saigon bei der Military Police gewesen war, der zweimal auf Barbarossa geschossen hatte, der sich aus Hotels in Midtown Manhattan ein Königreich aufgebaut hatte und mit Kongressen und Messen Geld machte. Frannie hielt sich eine Geliebte im Sheraton Centre, ein Model, das auch für Fremde die Beine breit machte und als Drogenkurier arbeitete. Sie hieß Charlotta. Joe schlief mit ihr, und durch Charlotta kannte er Frannies Terminkalender. Und Frannies Geheimnisse. Frannie kriegte nur einen hoch, wenn Charlotta ihm Geschichten über all die Männer erzählte, die sie in ihrem Leben bereits gehabt hatte. Charlotta war seine persönliche Scheherazade.

Joe konnte es sich im Augenblick noch nicht leisten, Frannie umzulegen. Frannie arbeitete als U-Boot für das FBI, und sein Tod würde auf Joe zurückfallen. Sie bekriegten sich seit Jahren. Joes verbrannte Hand war ein Geschenk von Frannie. Genau wie die zwei Einschusslöcher. Und Frannie hatte ein Stück Ohr verloren.

Charlotta öffnete Joe die Tür zu ihrer Suite. Sie wollte Frannie Angst einjagen, der sich eine weitere Geliebte zugelegt und im Pierre untergebracht hatte.

»Pssst, Joe. Er liegt im Bett.«

»Keine Bodyguards?«

»Das würde er nicht wagen. Ich kann seine Drogenbabys nicht ausstehen. Das weiß er auch. In seiner Jacke stecken ein paar Hunderttausend.«

Frannie benutzte seine Jacke als mobile Registrierkasse. Das Ding war gespickt mit Taschen.

»Die Jacke gehört dir, Charlotta.«

»Du musst sie mitnehmen, sonst riecht er doch sofort, dass irgendwas faul ist. Wo ist deine Maske?«

»In meiner Tasche.«

»Setz sie auf«, raunte sie, aber Charlotta klang, als würde ein Pferd schnauben. Sie war völlig zugekokst. Aber Barbarossa war auf sie angewiesen.

Er setzte die Maske auf. Charlotta schwebte im Negligé über den Teppichboden. Barbarossa machte das nicht an. Er war nicht eifersüchtig auf Frannie, und er war auch nicht scharf auf Scheherazade. Er betrachtete sich im Spiegel. Mit seiner Maske sah er bedrohlich genug aus. Es war ein schwarzer Nylonstrumpf mit Löchern für die Augen. Er schenkte es sich, die Kanone zu wechseln. Die meisten Bandidos liebten die Glock. Sie war zwar ein Leichtgewicht, besaß aber die Power einer eisernen Faust.

Aus dem angrenzenden Zimmer hörte er Charlotta. »Fran«, gurrte sie. Und dann begann sie mit ihrer Geschichte.

»Es war letztes Jahr. Im Mark Hopkins.«

»Du warst in Frisco? Wie kommt denn so was?«

»Du hast mich doch mitgenommen, Dummerchen. Zum Kongress der Betonvertreter. Und da habe ich dann diesen alten Mann mit der Augenklappe kennengelernt.«

»Wie alt?«

»Mindestens fünfzig. Untenrum hatte er nichts zu bieten, nur ein kleines Würstchen. Das Ding hat mich irgendwie an einen Bauchnabel mit einem Knoten am Ende erinnert.«

»Und was hast du dann gemacht?«

»Ich habe ihn gebadet, hab ihm sein Ding geschrubbt, und dann fing’s an zu wachsen.«

»Was denn? Du hast ihn einfach so abgeschrubbt, ohne vorher einen Preis auszumachen?«

»Ich bitte dich. Ich hatte es noch nie mit einem Mann getrieben, der eine Augenklappe trug. Das hat mich angetörnt.«

»Ich nehme dich mit nach Frisco, und du betrügst mich mit dem erstbesten Augenklappen-Kerl, der dir über den Weg läuft?«

Es folgte kurzes Schweigen. »Es war nicht der erste«, sagte Charlotta. »Ich hab gelogen.« Barbarossa hörte das unverkennbare Geräusch einer Ohrfeige. Er stürmte ins Schlafzimmer. Frannie lag auf dem Bett und trug einen seidenen Morgenmantel. Als er die Maske sah, bedeckte er seine Genitalien. Wut schoss ihm in die Augen. Vor Vietnam war er ein Bauernjunge gewesen. Jetzt gehörte ihm als ziviler Drogensoldat die halbe Bronx.

Er fing an, sich auf dem Bett zu wiegen.

Barbarossa entdeckte eine riesige Träne auf Frannies Gesicht. Das gefiel ihm nicht.

»Nicht schießen«, bettelte Frannie. »Gehörst du zur Purple Gang?«

Die Purples waren in Harlem, Detroit und den kaputten Quartieren der Bronx zu Hause. Es gab nicht einen einzigen weißen Soldaten unter ihnen.

Barbarossa gefiel das ganz und gar nicht. Charlotta hatte ihn manipuliert. Er hatte sich die ganze Zeit Sorgen um Roz gemacht, und Frannies Nutte hatte ihm unterdessen Stahlwolle in die Augen gerieben. Aus welchem Grund sollte sich Frannie Joe ungeschützt ausliefern, Scheherazade mit ausgepacktem Schwanz lauschen und Barbarossa einfach ins Zimmer tanzen lassen? Barbarossa hatte keine Wahl. Er musste das Spielchen mitspielen, sonst riskierte er, dass seine Tarnung aufflog.

Er sperrte Frannie und Charlotta in den Kleiderschrank und schnappte sich die Jacke mit dem Geld. Er untersuchte die Taschen nicht weiter. Er verließ die Suite und lief sofort zwei verschissenen Mormonen in die Arme, FBI-Männern. Es war LeComtes Show.

Die Mormonen nahmen ihm die Geldjacke ab. Sie führten Barbarossa in ein Zimmer am anderen Ende des Flures. Auf einer Couch saß, wie immer ganz in Blau gekleidet, Frederic LeComte, Kulturkommissar und Greifer des Justizministeriums, der sich die besten FBI-Männer aussuchen konnte. LeComte würde sich niemals in D.C. niederlassen. Er hatte sich Manhattan auserkoren. Er befand sich auf einem Kreuzzug gegen die Mafia. Er hatte sich in den Krieg zwischen Sal Rubino und Jerry DiAngelis um die Macht im Rubino-Klan eingeschaltet. Er hatte sich auf Sals Seite geschlagen. Aber Sal saß heute im Rollstuhl, und Jerry DiAngelis spazierte frei auf der Straße herum.

»Du bist ein ungezogener Junge, Joe.«

»Klar. Ihr hättet mich aber auch nicht auf die krumme Tour in dieses Hotel locken müssen.«

»Wie hätte ich dich sonst finden können? Du hältst keinen einzigen deiner Termine ein.«

»Hinterlassen Sie einfach in Schiller’s Club eine Nachricht für mich.«

»Ich habe sechzehn Nachrichten hinterlassen. Keine einzige davon hast du beantwortet … du gehörst zu uns, Joe.«

»Ich habe nie auch nur einen Dime vom Bureau angenommen. Ich bin kein bezahlter Scheißspitzel.«

»Dimes sind nicht alles.«

Barbarossa hatte bei einem dummen Duell einen Undercover-Agenten getötet. LeComte hatte Joe die Feds vom Hals gehalten, und dafür musste Joe ihm jetzt von Zeit zu Zeit kleine Gefälligkeiten erweisen.

»Isaac steckt in Schwierigkeiten.«

»Frederic, warum zum Henker kümmert Sie das?«

»Weil er der nächste Bürgermeister dieser Stadt wird. Ein toter Bürgermeister nützt mir nichts.«

»Sie könnten sich irren. Durchaus möglich, dass er nicht für das Bürgermeisteramt kandidiert.«

»Er wird kandidieren«, versicherte ihm der Greifer des Justizministeriums. »Aber Jerry DiAngelis will ihm den Hahn abdrehen.«

»Er liebt Jerry. Isaac ist ein Mann der Mafia, ein Stammesmitglied.«

»Nicht mehr.«

»Frederic, was kann ich schon tun?«

»Bleib immer in seiner Nähe, werde sein Schatten.«

»Er wird mich doch auf eine Meile riechen. Er weiß, dass ich Ihr Scheißkundschafter bin. Er würde mir nie vertrauen.«

»Versuch’s.«

»Es ginge auch einfacher. Erheben Sie doch Anklage gegen Jerry.«

»Ich arbeite dran, Joe, ich arbeite dran. Aber selbst wenn ich ihn für eine Weile im Knast schmoren lasse, hat er immer noch seine Killer auf den Straßen.«

»Dann geben Sie Isaac doch Margaret Tolstoi als Babysitter.«

»Geht nicht«, sagte LeComte. »Die kümmert sich schon um Sal Rubinos Rollstuhl.«

Margaret war eines von LeComtes Undercover-Girls. Mit Sidel verband sie eine lange Vorgeschichte. Kennengelernt hatten sie sich auf der Junior High, als sie ein Flüchtling aus Rumänien war. Seitdem war der Commish verrückt nach ihr. LeComte setzte sie als Krankenschwester bei Sal Rubino ein.

»Margaret ist Ihre Antwort. Margaret kann mit sämtlichen Killern von Jerry schlafen. Die werden Isaac völlig vergessen.«

»Margaret ist anderweitig beschäftigt. Ich verlasse mich voll auf dich, Joe. Du hast einen Drogenfahnder getötet.«

»Der Kerl war der größte Dealer der Stadt.«

»Aber er war ein Dealer, der zur DEA gehörte. Das sind sehr eigene Leute. Ich musste ein ziemliches Tänzchen veranstalten und eine Menge Fäden ziehen. Ich hab mich für dich lang gemacht, Joe. Jetzt will ich was dafür sehen. Häng dich an Isaac. Es ist mir egal, wie du das machst, aber halt dich immer in seiner Nähe auf.«

»Ich könnte sein Tischtennislehrer werden«, sagte Joe.

»Isaac spielt kein Tischtennis. Es erinnert ihn viel zu sehr an Manfred Coen. Wie ich höre, hast du seinen Tisch geerbt.«

»Ich bin nicht Coen.«

Dieselben beiden Mormonen begleiteten Joe aus dem Zimmer. LeComte rief ihm nach: »Joe, solltest du dir in den Kopf gesetzt haben, Frannie einzumachen … vergiss es gleich wieder. Ich brauche ihn in der Bronx.«

Frannie hatte den Norden der Bronx für DiAngelis’ Leute dichtgemacht. Er war LeComtes kleiner Soldat. Er verkaufte Crack an Schulkinder. Er befehligte eine Armee von Zwölfjährigen mit Maschinenpistolen und Glocks. Sie waren Frannies Eliteeinheit. Sie konnten nicht vor Gericht gestellt werden. Dafür waren sie ein bisschen zu jung. Aber sie konnten sich gegenseitig zu Krüppeln machen und rivalisierende Kader von Zwölfjährigen ausschalten.

Barbarossa konnte nicht zurück in Charlottas Suite. Die Mormonen klebten ihm an den Fersen. Aber Frannie würde er schon sehr bald drankriegen. Und LeComte konnte sich zum Teufel scheren.

3

Er kehrte ins Schiller’s zurück. Er war nicht Blue Eyes, selbst wenn er an Blue Eyes’ Tisch lebte. Er war Barbarossa, der Urenkel der Nez Percé. Er konnte keine feste Beziehung zu einer Frau eingehen. Er hatte einen kleinen Kreis von Nutten. Er ging so schnell, wie er gekommen war, wie ein wilder Indianer. Er hatte keine festen Dienstzeiten im Sherwood Forest, er hatte nichts zu tun. Isaac ließ ihn in der Luft hängen, ging ihm seit Monaten aus dem Weg. Barbarossa spielte auf dem Revier Tischtennis und schlenderte in seinem weißen Handschuh herum. Er spielte nicht gern im Schiller’s. Er war nicht Manfred Coen. Er hatte seine Ausgaben im Griff, aber sein Konto war bereits überzogen. Wenn ihm keine Flügel wuchsen, würde er nicht an Isaac herankommen.

»Joey«, brüllte Schiller. »Telefon.«

»Schiller, wenn ich meditiere, nehme ich nie einen Anruf an. Das weißt du doch.«

»Ist die Polizei.«

Irgendein Sergeant Secretary zitierte ihn in den vierzehnten Stock von One PP.

Er fuhr downtown bis zur City Hall, ging unter der Arkade des Municipal Building durch und betrat die Police Plaza. Er hatte sich dort noch nie wohlgefühlt. Das Gebäude erinnerte ihn an einen roten Bunker in Saigon. Es war ein gigantischer Ameisenhaufen, wo sämtliche braven Polizisten so taten, als hätten sie die City of New York fest im Griff. Es war, als würde man mit einem Haufen Gespenster Tischtennis spielen. Man schlug den Ball übers Netz, und er landete in einem unerreichbaren Nirgendwo.

Joe erreichte die vierzehnte Etage. Malik, Chef der für Disziplinarverfahren zuständigen internen Gerichtsbarkeit des NYPD, brachte kaum ein Hallo heraus. Nichts hätte Malik lieber getan, als Joe in seinem Gericht fertigzumachen. Aber Internal Affairs kam nicht an Barbarossa heran. Er hatte einen verschissenen Schutzengel, Frederic LeComte.

Er musste nicht auf Isaac warten. Er wurde sofort ins Büro des PC mit den Kletterpflanzen an den Wänden geführt. Isaac stand am Fenster. Er wirkte abgezehrt. Die Koteletten hatten sein halbes Gesicht verschlungen. Vergangenen Winter war er von einem Phantom mit einer Glock niedergeschossen worden, das sich dann als Lucas White herausgestellt hatte, Barbarossas Captain im Sherwood Forest. Der Cap war nicht mehr ganz richtig im Kopf gewesen. Er nahm Geld von der Mafia und knallte dafür Isaac unter der Williamsburg Bridge ab. Isaac lag zwei Monate im Koma, und der Cap beging Selbstmord.

Isaac trauerte um Captain White, er trauerte um Blue Eyes, er trauerte um jedes einzelne gottverdammte Kind in der Stadt, das nicht buchstabieren konnte. Er war der schwierigste PC, den die Stadt je gehabt hatte.

»Mein Chauffeur macht’s nicht mehr.«

»Malone ist tot?«, fragte Barbarossa. »Seit wann?«

»Noch ist er keine Leiche, Joey. Er liegt mit einem offenen Magengeschwür im Krankenhaus. Er kann nicht mehr fahren. Und seine Ärzte reden ihm ein, dass ich derjenige bin, der ihn krank gemacht hat. Aber Malone ist zu hundert Prozent loyal. Er würde gern zurückkommen. Aber ich möchte dem Mann nicht vollends den Rest geben. Ich brauche einen Chauffeur.«

Barbarossas graue Hand begann zu pulsieren. »Ich bin kein Kutscher, Isaac.«

»Nun, dann mache ich dich eben zu einem. Man kriegt Gratismahlzeiten, wenn man den Commish herumkutschiert. Bei mir hat man ausgesorgt.«

»Und wenn ich ablehne? Sie werden mich wieder auf die Polizeiakademie schicken. Sie werden mich mit den Bombensuchhunden in einen Zwinger sperren.«

»Ich könnte noch viel Schlimmeres tun. Deine Arbeitszeit ist meine Arbeitszeit, Joey. Tag und Nacht. Du wirst einen Pieper tragen müssen. Du wirst nicht mal mehr aufs Scheißhaus gehen können, ohne vom Commish zu träumen.«

»Isaac, Sie könnten sich tausend andere Leute aussuchen. Warum ich?«

»Ich vertraue dir, Joe.«

»Soll ich jetzt lachen, Isaac, oder weinen? LeComte lässt mich nach seiner Pfeife tanzen. Der Blaue hat mich in der Tasche.«

»Du kannst unsere Unterhaltungen gern Wort für Wort weitergeben. Ich habe keine Geheimnisse vor LeComte.«

»Er lockt mich in einem Zimmer im Sheraton Centre in die Falle. Er sagt: Mach dich an Isaac ran. Isaac wird unser nächster Bürgermeister.«

»Ich habe nie gesagt, dass ich kandidiere.«

»Genau das habe ich LeComte auch gesagt. Aber er macht sich trotzdem Sorgen. Er glaubt, Jerry DiAngelis will Ihnen den Stöpsel ziehen.«

»Ach, das ist nur eine vorübergehende Krise. Das geht vorbei.«

»Isaac, ich bin nicht auf dem Laufenden bei all Ihren Kriegen. Sie töten Sal Rubino, aber er bleibt nicht tot. Sal heuert den Cap an, der Sie abknallen soll. Der jagt Ihnen daraufhin sechs Kugeln in den Leib.«

»Fünf«, korrigierte Isaac. »Es waren nur fünf.«

»Sie fallen ins Koma. Sal sitzt mit zusammengeflicktem Gesicht im Rollstuhl. Er holt sich seinen Klan von Jerry zurück, schlägt Jerry in die Flucht. Sie wachen aus dem Koma auf, entführen Sal, zerschlagen die Rubinos. Also, warum ist Jerry hinter Ihnen her?«

»Weil ich ihm nicht erlaube, Sal umzubringen.«

»Sie haben ihn doch selbst schon einmal umgebracht.«

»Das war was anderes.«

»Mann«, sagte Barbarossa, »wenn ich Ihnen noch länger zuhöre, kriege ich Malones Magengeschwür … ich mache Ihnen den Chauffeur. Chef, wann fange ich an?«

»Heute, morgen. Ist mir egal.«

Und mit einem Zweihundert-Dollar-Pieper am Gürtel verließ Joe Barbarossa One PP. Das Ding besaß ein Uhrenradio, das ihn in den Schlaf singen konnte, und ein winziges Display, das anzeigte, in welchem Borough sich Isaac gerade befand. Barbarossa fühlte sich gefangen. Wie sollte er seine Drogendeals durchziehen, solange er mit Sidel verheiratet war? Aber LeComte war es, der ihm wirklich Sorgen bereitete, nicht Isaac.

Auf der Suche nach LeComtes kleinen konspirativen Wohnungen streifte er durch Manhattan. Die ersten vier waren unbewohnt. Barbarossa hatte seine üblichen Nachschlüssel und Dietriche dabei. In die fünfte Bude brach er ein und tastete unbeholfen im Dunkeln herum. Er hörte ein merkwürdiges Geräusch, wie das Bellen eines verletzten Tieres. Er knipste das Licht an. Sofort schoss eine wirbelnde Haarmasse auf ihn zu. Er konnte nicht erkennen, ob er von einem orangefarbenen Hund angegriffen wurde oder von was sonst. Der Hund riss Barbarossa von den Beinen. Er landete unsanft auf dem Arsch. Aber er war noch nie einem orangefarbenen Hund begegnet, der in den Pfoten eine Pistole halten konnte. Er war wütend, verwirrt und verängstigt, bis die orangen Haare sich schließlich zu Margaret Tolstoi verdichteten.

»Darf ich aufstehen, Margaret, oder willst du mich umlegen?«

»Barbarossa, was hast du hier zu suchen?«

»Ach, bin ich jetzt wieder Barbarossa, ja?«

Er hatte mit Margaret geschlafen, hatte in einer von LeComtes Wohnungen mit ihr gevögelt, denn er hatte ja keine eigene Bude, und das Gleiche galt für Margaret. Aber ihre Küsse waren professionell gewesen, sie tasteten sich aneinander heran wie Hunde, die ein neues Revier beschnupperten. Damals hatte sie allerdings keine orange Perücke getragen. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Er hatte mit Isaacs Verlobter geschlafen. Aber wie konnte Barbarossa sämtliche Nuancen einer vierzigjährigen Liebesgeschichte respektieren? Und die Schlampe törnte ihn an.

»Du warst immer Barbarossa«, sagte Margaret. »Warum bist du hier?«

»Ich suche diesen kleinen Scheißhaufen LeComte.«

»Um ihm einen Hinterhalt zu stellen oder um ihm in den Arsch zu kriechen?«

»Sowohl als auch«, erwiderte Barbarossa.

Und ihre mandelfarbenen Augen lachten. Sie war zwar Jahrhunderte älter als Barbarossa, in Isaacs Alter, aber er konnte durchaus nachvollziehen, warum sich die Hälfte aller Mafiahäuptlinge Amerikas in Margaret Tolstoi verknallt hatten. Sie verführte Mobster im Auftrag des FBI. Sie hatte mit Sal Rubino zusammengelebt und ihn ausspioniert, bis Sal versuchte, sie in New Orleans abzumurksen, wohin sie gereist war, um mit seinen Cousins, Martin und Emile, zu flirten. Der Pink Commish hatte ihr das Leben gerettet. Er war mit Jerry DiAngelis zum Bayou St. John gekommen und hatte Sal abgeknallt, der gern den Lazarus spielte.

»Ich suche LeComte auch. Aber mit dir habe ich nicht gerechnet, Joe. Du solltest dich nicht im Dunkeln an eine Lady anschleichen.«

»Du bist keine Lady«, sagte Barbarossa. »Du bist ein wandelndes Waffenlager, eine menschliche Fackel.«

»Da hast du mir im Bett aber was anderes zugeflüstert.«

»Ich hab gelogen. Ich dachte, wenn wir uns küssen, würdest du vielleicht eine emotionale Beziehung zu mir aufbauen.«

»Ich habe keine emotionalen Beziehungen.«

»Aber du liebst doch Sidel.«

Die Mandelaugen versprühten eiskalte Funken. »Das geht dich einen feuchten Dreck an, Barbarossa.«

»Ich bin Joey«, sagte er.

Und LeComte kam mit einem schweinsledernen Aktenkoffer durch die Tür hereinspaziert. Er starrte Barbarossa an.

»Ich habe eine Verabredung mit Margaret, Joe. Das hier ist keines deiner sicheren Häuser.«

»Ich musste Verbindung zu Ihnen aufnehmen.«

»Dann gibst du ein Zeichen, du schreibst mir einen Brief.«

»Ich hatte keine Lust, einen unserer Postamttricks abzuziehen.«

»Was ist denn so dringend, dass du herkommen musstest?«

»Es gefällt mir nicht, wenn Sie oder das Büro mich an der Nase herumführen. Sie haben mich im Sheraton reingelegt, Sie haben mich unter Druck gesetzt, haben mir gesagt, ich soll bei Isaac den Babysitter spielen, und ehe ich mich versehe, kriege ich einen Anruf von der vierzehnten Etage, und Isaac, der mich auf den Tod nicht ausstehen kann, bittet mich, sein Chauffeur zu werden.«

»Ist doch perfekt«, sagte LeComte. »Noch viel besser, als ich’s mir vorgestellt habe.«

»Dann haben Sie aber eine beschissene Fantasie. Ich bin kompromittiert. Ich kann jeden Moment den Bach runtergehen.«

»Du bist der höchstdekorierte Polizist von ganz New York. Zwei Medals of Honor.«

»Drei«, sagte Barbarossa. »Aber jeder weiß, dass ich deale.«

»Na und?«

»Entweder hat Isaac Ihr kleines Büro im Sheraton verwanzt, oder aber er spielt eine Art dreidimensionales Schach, bei dem weder ich noch Sie oder Einstein mithalten können.«

»Einstein hat nicht Schach gespielt. Er konnte sich die Züge nicht merken.«

»Frederic, sagen Sie mir, was hier los ist, sonst bin ich raus.«

»Der Mann sehnt sich nach Blue Eyes.«

»Ficken Sie sich doch ins Knie. Ich bin nicht Manfred Coen.«

»Es ist wirklich purer Zufall. Oder Teil irgendeiner Chaostheorie. Isaac glaubt an all diese Scheiße. Er kann mein Büro unmöglich verwanzt haben. Mich kann man nicht abhören. Margaret, hab ich nicht recht?«

In ihren Mandelaugen lag alles an Chaos, was ein Mann sich je wünschen konnte. Sie war zwanzig LeComtes wert.

»Vielleicht hat der Junge ja recht«, sagte sie.

»Was soll denn das nun heißen, Margaret?«

»Wir wollen Isaac beschützen, ohne dass er etwas davon mitbekommt, und er heuert Barbarossa an. Er hat dich durchschaut, Frederic.«

»Er hat uns alle durchschaut«, sagte LeComte. »Aber Fakt ist doch, dass wir Joey jetzt hinter dem Steuer haben.«

»Und dich hat Isaac an den Eiern«, sagte sie. »Er lässt sich von Barbarossa überall dorthin fahren, wo du sowieso mit ihm rechnest. Gleichzeitig kann er noch zehn andere Fahrer haben.«

»Das wird Joey merken.«

»Wie geht’s Sal?«, fragte Barbarossa.

»Benimmt sich«, sagte Margaret. »Er liebt mich, aber damit werde ich fertig.«

»Er liebt dich so sehr, dass er dich umbringen wollte.«

»So sind die Männer. Sie können sich einfach nicht entscheiden.«

»Ich wollte dich nie umbringen«, sagte Barbarossa.

»Aber du liebst mich ja auch nicht, Kleiner.«

Und Barbarossa marschierte zur Tür hinaus.

4

Die Schlüssel von Isaacs schwarzem Dodge erhielt er in den Höhlen unter der Police Plaza. Der Commish hatte eine eigene, winzige Tiefgarage. Und Joey hörte auf, sich Gedanken darüber zu machen, ob Isaac ihn manipulierte und als Propeller eines vorgeschriebenen öffentlichen Lebens missbrauchte. Schon sehr bald wurde ihm klar, dass der PC keine andere Existenz besaß. Mehr war da nicht. Barbarossa kutschierte ihn überall hin. Er hatte Arbeitstage von sechzehn Stunden. Aber er rechnete keine Überstunden ab. Sein eigenes kleines Unternehmen war praktisch geschlossen. Er musste dealen, wenn Isaac im Büro war oder im Bett lag. Und wann der PC schlafen ging, war unmöglich vorherzusagen. Er konnte mitten in der Nacht aufwachen und Joe bitten, ihn über die Brooklyn Bridge zu fahren. Weil ihm ständig kalt war, saß Isaac, eingemummelt in eine Decke, vorne bei Joe und beobachtete den Mondschein auf dem Wasser. Dann fuhren sie zu irgendeinem geheimen Imbiss in einer der schwarzen Gegenden Brooklyns, setzten sich zu einem Haufen Rastafaris und bestellten Mokkaeis. Einige Rastas grüßten Isaac. Sie mussten mit ihm in Untersuchungshaft auf Rikers gesessen haben. Der Commish war im Knast gewesen, unter der Anklage der Verschwörung mit Jerry DiAngelis und dessen Schwiegervater, und jetzt wollte Jerry ihn tot sehen.

Sie kehrten zum Wagen zurück, fuhren hinaus nach Gowanus und kamen in der Nähe des Owls Head Park an einem Vereinslokal vorbei. Der Club gehörte Jerrys Leuten. Er lag an der Senator Street.

»Joey, hast du eine Maske für mich und dich?«

»Eine Maske?«, wiederholte Barbarossa auf seine typische, mechanische Art.

»Komm schon. Die schwarzen Nylonstrümpfe, die du bei deinen Drogeneskapaden überziehst.«

Barbarossa gab Isaac eine der Strumpfmasken. Isaac zog sie verkehrt herum an, und die Augenlöcher enthüllten nur zwei Büschel graumeliertes schwarzes Haar. Joe musste den Strumpf drehen, sonst wäre Isaac blind geblieben.

»Chef, was machen wir denn jetzt mit unseren Masken?«

»Wir überfallen das Vereinslokal da.«

»Das wird Jerry aber gar nicht gefallen. Er wird rotsehen, wenn er von zwei maskierten Männern hört, die einen seiner Zufluchtsorte ausgenommen haben.«

»Darum geht’s ja. Ich will, dass er rotsieht.«

»Das wird nicht gerade zum Ende Ihrer Fehde beitragen.«

»Joe, möchtest du lieber quatschen oder dir ein bisschen Taschengeld verdienen?«

Und dann sprangen beide mit gezogenen Glocks und schwarzen Strumpfmasken auf dem Kopf aus dem Wagen. Es war fünf Uhr morgens. Im grellen Licht der Straßenlaternen sahen sie aus wie zwei Harlekine, ortskundige Übeltäter, die ein paar zu viel getrunken hatten. Die Tür des Vereinslokals war nicht abgeschlossen. Isaac drehte den Knauf und ging mit Joe Barbarossa hinein. Der Club war voller alter Männer, die ihre Nächte mit Kartenspiel verbrachten, weil sie nicht schlafen konnten. Sie reagierten nicht im Geringsten beunruhigt auf die Strumpfmasken. Joe sammelte dreihundertachtzehn Dollar, eine alte Pistole und zwei Totschläger ein. Er betete zu seinen Ahnen, den Nez Percé, dass er eine Schießerei verhindern konnte. Er hätte nicht gewusst, was er mit diesen alten Männern hätte tun sollen.

Isaac zerschnitt die Telefonkabel, zerschlug die Kaffeemaschine und stürmte mit Joe wieder aus dem Club. Er lächelte unter seiner Maske. Barbarossa brachte ihn in dem schwarzen Dodge aus der Senator Street fort. Sie zogen ihre Masken ab.

»Chef, was, wenn wir ein paar von den alten Knaben hätten umlegen müssen?«

»Jammer nicht. Du hast jetzt dein Taschengeld … Joey, ich hätte den alten Käuzen nie was antun können.«

»Krieg ist Krieg. Sie hätten auch in die Mündung einer Schrotflinte starren können.«

»Nicht in der Senator Street. Desperados verirren sich nie nach Gowanus … Ich bin reich. Jetzt kann ich mir zwei sensationelle Schienbeinschützer und einen erstklassigen Catcher-Handschuh leisten.«

Isaac managte für die Police Athletic League ein Baseballteam, die Delancey Giants. Er war ständig knapp bei Kasse. Er schnorrte Nickels und Dimes bei jedem Cop auf der vierzehnten Etage. Barbarossa selbst hatte bereits zweimal einen Obolus geleistet. Isaac war besessen von seinen Giants. Er hatte nur Baseball im Kopf.

Sie raubten noch zwei weitere Vereinslokale aus. Barbarossa brachte Isaac zu seiner Wohnung an der Rivington Street, fuhr mit dem Dodge uptown und parkte ihn vor Schiller’s. Beklommen wegen dem Geld in seiner Tasche, schlief er im Hinterzimmer ein. Von Isaacs Chaostheorien verstand er nichts. Aber er konnte unmöglich weiterhin solche Clubs schröpfen, ohne früher oder später in ein kleines Chaos zu stolpern. Und wenn Joe jemanden umlegen musste, dann hoffte er nur, dass es kein alter Mann sein würde.

Er nahm mit der Maske jede Woche einen Extra-Tausender ein und wurde berühmt als einer der beiden Schwarzstrumpfzwillinge. Die Vereinslokale brachten keinen einzigen Vorfall zur Anzeige. So war das üblich bei der Mafia. Doch um die Zwillinge entstand bereits eine Legende. Und in ihrer fünften gemeinsamen Woche, als Joe gerade aus den Höhlen unter One PP gefahren kam, versperrte ihm ein gottverdammter schwarzer Riese den Weg. Es war Sweets, Isaacs First Deputy Commissioner, der das Department leiten musste, während Isaac gemeinsam mit Joe seine Eskapaden abzog. In den feuchten, dunklen Tunnels der Tiefgarage sah er mit seinen leuchtenden Katzenaugen aus wie ein entflohener Spieler der Harlem Globetrotters. Die besten Anwaltskanzleien versuchten, ihn von der Police Plaza abzuwerben, aber er würde Isaac niemals im Stich lassen.

Er stieg auf den Rücksitz des Dodge. Seine Knie waren beinahe auf einer Höhe mit Isaacs Kinn.

»Ich bringe euch Saftärsche um. Zeigt mir eure Masken.«

»Sweets«, sagte Isaac.

»Du hältst den Mund.« Er wandte sich an Joe. »Mr. Barbarossa, ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie mit einem Irren fahren?«

»Er ist der Chef«, sagte Barbarossa.

»Und Sie sind das große Unschuldslamm, ja? Ich reiße Ihnen den Arsch auf, Barbarossa. Verstehen Sie mich? Es ist Zeit aufzuhören. Schluss mit eurem kleinen Überfallkommando.«

»Wer hat dir von uns erzählt?«, fragte Isaac.

»Die Jungs vom FBI. Die haben sämtliche Mafialokale verwanzt. Ich werde keinen Privatkrieg zwischen Jerry DiAngelis und dem Commish dulden. Ich werde dich verhaften, Isaac. Ich bringe die beiden Schwarzstrumpfzwillinge höchstpersönlich in den Knast.«

»Joe ist unberührbar«, sagte Isaac. »Er ist LeComtes Baby.«

»Wenn’s sein muss, lässt LeComte seine Babys fallen. Ich kann den kleinen Kommissar des Justizministeriums in ziemliche Verlegenheit bringen.«

»Jerry hat den Krieg angefangen. Ich muss ihn beenden.«

»Dann tu das mit einem Durchsuchungsbefehl.«

»LeComte hat bereits viermal Anklage gegen ihn erhoben. Nicht eine hatte Bestand. Im Gerichtssaal ist Jerry wie eine Diva. Er kann jede Geschworenenbank in seinen Bann ziehen. Der Don, der wie ein Filmstar aussieht.«

»Ihr wart doch mal Blutsbrüder.«

»Jetzt nicht mehr.«

»Mach Schluss mit deiner neuen Karriere, sonst mache ich für dich Schluss damit.«

Und Sweets stieg aus dem Wagen.

»Chef«, sagte Barbarossa, »er meint es ernst.«

»Er arbeitet für mich«, sagte Isaac. »Er ist mein First Dep. Ich bin der Commish.«

»Er kann uns trotzdem einbuchten.«

»Ich war schon auf Rikers. Ich habe schon im Knast gesessen. Wir müssen weitermachen und Jerry abkochen. Wir sind die Schwarzstrumpfzwillinge.«

Aber Isaac lotste ihn nicht zu einem weiteren Vereinslokal. Sie fuhren zu Ratner’s, einem koscheren Restaurant an der Delancey, in dem ein eleganter alter Mann mit Seidenschal saß. Es war Izzy Wasser, der Melamed. Jerrys Schwiegervater und das Genie des Klans. Er hatte zwar einen Schlaganfall erlitten, war aber dennoch gewitzter als die Zwillinge.

»Meine Lieblingsüberfallniks«, sagte er. »Isaac, du bist auf unsere Kosten geschäftlich erfolgreich.«

»Nennen Sie’s eine Spende an die Delancey Giants.«

»Ich suche mir die Organisationen selbst aus, denen ich was spende«, sagte der Melamed. Sie saßen an einem Tisch, während Barbarossa Gericht um Gericht entdeckte. Heißes Karottenpüree mit Backpflaumen in der Mitte. Lachskoteletts. Ein kalter Kartoffelauflauf.

»Isaac, dieser Unsinn muss aufhören. Man kann mich nicht für Jerry verantwortlich machen. Du hast eine Tochter, Isaac. Vergiss das nicht.«

Alle Farbe war aus Isaacs Augen gewichen. Er hätte ein Vampir sein können. »Leg ihn um, Joey.«

»Das kann ich nicht. Er ist der Melamed.«

»Leg ihn um.«

»Isaac, es ist Mittagszeit. Sie hätten zweihundert Zeugen. Wir sind in einer Cafeteria.«

»Dann leg ich ihn eben selbst um«, sagte Isaac. »Ich reiße ihm die Fratze vom Kopf.«

»Ach, das meinen Sie doch nicht wirklich«, sagte Barbarossa.

»Er bedroht meine Tochter … er verlässt Ratner’s nicht lebend.«

Der Melamed zupfte an seinem Seidenschal und schluckte einen Bissen Bratapfel hinunter. »Ich habe nicht gedroht. Ich versuche dir nur klarzumachen, dass Jerry unbesonnen handelt.«

»Das weiß ich selbst, Iz. Schließlich hat er versucht, mich und Margaret im Chinaman’s Chance umzulegen.«

»Er wollte Rubino, nicht dich oder Margaret. Margaret war rein zufällig dort.«

Das Chinaman’s war ein Nachtclub in Spanish Harlem, in dem eine gewisse Delia St. John vorzugsweise tanzte. Joe war einmal ihr Beschützer gewesen. Sie war ein ›Kinder‹-Model, das in Sal Rubinos Pornoproduktion gearbeitet hatte. Sie hatte mit allen hohen Tieren Manhattans geschlafen, darunter auch Martin Malik. Delia heiratete den abgewichsten Milliardär Papa Cassidy und zog sich aus dem Club zurück. Trotzdem gab sie für Sal eine bestellte Privatvorstellung, als Jerry mit dem Melamed und seinen Killern eintraf. Jerry war nicht schnell genug. Wie ein Zauberer tauchte Isaac mit seinen Detectives auf, die mit kugelsicheren Westen im Halbdunkel gewartet hatten. Barbarossa war zu diesem Showdown im Chinaman’s Chance nicht eingeladen worden, aber es war bereits Teil der Folklore in One PP.

»Iz, ich werde weder vor Jerry noch vor Ihnen kriechen … Jerry kann sich hinter seinen Killern verstecken, aber ich werde Ihre Organisation zerschlagen. Ich hab’s nicht nötig, Mummenschanz zu treiben.«

»Isaac, du bist ein Heißsporn. Genau wie Jerry. Sal hat sich in unsere Geschäfte eingemischt. Er muss verschwinden.«

»Er lebt doch in einem Rollstuhl. Wie viel könnte er sich da schon einmischen?«

»Dieser Mann besitzt das Monopol auf Beton. Er schmiert unsere besten Subunternehmer und unsere Captains.«

»Er ist eben Sal Rubino. Die Hälfte Ihrer Captains waren früher mal seine Captains.«

»Starrkopf«, sagte der Melamed. »Du willst nicht hören.«

»Ich habe zugehört. Ich habe eure Familie vor der Ausrottung bewahrt. Wir haben zusammen Geld verdient, Iz. Ich gehörte zu Ihrer Familie. Und Sie haben mich rausgeschmissen.«

»Du bist der Police Commissioner. Du bist für das FBI auf Tour gegangen.«

»Ich habe Sie nie verraten, Iz.«

»Das kommt schon noch.«

Isaac verließ das Ratner’s mit Barbarossa und benutzte das Autotelefon, um seine Tochter anzurufen. Marilyn the Wild lebte mit ihrem neunten oder zehnten Ehemann in Seattle. Kein Mensch konnte den Überblick behalten, nicht einmal Marilyn selbst. Isaac sprach mit ihrem derzeitigen Mann, einem Anwalt, der hauptsächlich als Pflichtverteidiger tätig war.

»Mark, was ist passiert?«

Isaac starrte an die Decke und stöhnte. Dann war er still. Am Ende musste Barbarossa das Telefon auflegen und ihn in seine Decke packen. Isaac saß da wie ein Tipi-Indianer: Chief Joseph von der One Police Plaza.

»Sie hat sich schon wieder aus dem Staub gemacht. Sie verliebt sich und heiratet den Mann, aber sie ist wie ihr Vater. Wir sind nicht geschaffen für die Ehe.«

»Wo ist sie jetzt, Chef?«

»Das ist das Problem. Das weiß man bei Marilyn nie. Vielleicht reist sie kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten. Meine Tochter mag lange Busfahrten.«

»Sie wird schon wieder auftauchen, Chef.«

»Da bin ich mir nicht so sicher. Unter dem Namen eines neuen Mannes könnte sie sich für immer und ewig verstecken.«