Lebensbruch - Kai Romhardt - ebook

Lebensbruch ebook

Kai Romhardt

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Opis

Kai Romhardt war lange auf dem klassischen Karriereweg unserer Hochleistungsgesellschaft unterwegs, u.a. an der Universität St. Gallen und bei McKinsey, bis ihn eine tiefe persönliche Krise, die ihn an den Rand des Zusammenbruchs führte, eine neue Richtung einschlagen ließ. Er entdeckte die Achtsamkeitspraxis und Meditation in der Tradition von Thich Nhat Hanh und lebte zwei Jahre im buddhistischen Kloster im französischen Plum Village. Heute steht für ihn fest: Es braucht andere Geschichten von Glück und Erfolg als jene, die uns heute meist erzählt werden im Job, im Alltag, überall. Dieses Buch liefert diese Alternativen, es liefert diese Geschichten und es zeigt: auch mit kleinen Lebensbrüchen, mit kleinen Entscheidungen, können wir unserem Leben jederzeit Sinn verleihen. Wir können jederzeit neu anfangen, ein erfülltes Leben zu führen.

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Kai Romhardt

Lebensbruch

Nimm ihn an. Und verändere dein Leben

 

 

 

 

 

 

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

 

 

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © Alvin Teo – Dreamstime.com

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern

 

ISBN (E-Book) 978-3-451-80996-5

ISBN (Buch) 978-3-451-31459-9

 

 

Nur ein Schritt

von Kai Romhardt

 

Am Anfang war es nur ein Schritt,

der durch mein altes Leben hallte,

und alle Zellen wollten mit,

»Dies ist der Weg, weich nicht zurück!«

ins Alte.

 

Und nun,

nach hunderttausend Schritten

auf stillen Pfaden und inmitten der Zeit, die rast und uns verspeist,

die maßlos strebend Herzen eist

und trennt

und trennend einsam macht,

da braucht es meine ganze Kraft,

ich halte

inne

und das Alte

weicht,

es senkt sich in die Weite,

deren Wellen ich begleite.

 

Am Ende ist es nur ein Schritt,

der uns so mühelos verbindet,

auf diesem Weg zum stillen Glück,

der unser Leiden überwindet,

der nicht mehr sucht

und lächelnd findet.

Inhalt

Einführung – wer wollen wir sein?
Zusammenstürzende Gewissheiten
Von Krisen, Lebens(um)brüchen, Rissen – und dem Licht, das hindurchstrahlt
Eine unerwartete Reise
Kapitel 1: Lebensbruch oder unfreiwillige Klarheit
Wie es McKinsey in meinen Kopf schaffte
Hineinwachsen in die Hochleistungswelt
Ein unerwarteter Krieg • Gebt mir Ziele! Mein Einstieg • Gipfelerlebnisse
»Geile Krise!«
Im zarten, brüchigen Kreis • Zwei Welten
Ein neues Leben zeigt sich
Begegnung mit Thich Nhat Hanh • Abschied und Aufbruch ins Ungewisse • Sitzkissenschock • Ein Gehirn entspannt sich • Den Affengeist zähmen • Flitterwochen und entscheidungslose Entscheidung
Kapitel 2: Kontinuierlich weiter Wachwerden – zwanzig Monate im Kloster
Zurück in die Gegenwart
Das Wunder der Achtsamkeit • Die Freude des Aufwachens
Das Jetzt ist kostbar
Wo fließt unsere Energie hin? • Der unsichtbare Countdown • Was füllt meine Tage?
Von der Wiederentdeckung des Körpers
Die vier Würden • Der Tanz der Vier Würden
Frei denken statt gedacht werden
Das eigene Denken • Dauerdenker • Das Wunder des Nicht-(mehr-ganz-so-viel-)Denkens
Gemütszustände wahrnehmen
Die fliegende Kamera • Eine geistige Grundgestimmtheit wählen • Zeitsprung – wenn Studenten meditieren lernen
Klärung der eigenen Wahr­nehmung – bin ich mir sicher?
Geisterfahrer • Single-Sensing • Die merkwürdige Frisur • Die Vergangenheit ändert sich – Begegnung mit einem Feind
Meister der Zeit werden
Mußetage • Verpönter Leerlauf • Wahre Pausen erlernen und Zeitinseln erschaffen • Slow down your life • Entschleunigung • Von der Wiederentdeckung der Stille
Jenseits des Wettbewerbs
Der große Karottenschneidewettkampf • Fußballspielen, einmal anders
Einen Kompass wählen
Alles durchdringt sich • Achtsamkeitsübung als Freund • Die Botschaft der Wespe • Eine Ethik, die glücklich macht
Kapitel 3: Wachwerden in der Welt
Rückkehr in die Welt
Neustart • Die irritierten Professoren
Die Rüstung ablegen
Experimentieren • Das Messer im Hals • Türen schließen sich, Türen öffnen sich
Weggefährten finden
Sangha Zehlendorf • Das Netzwerk Achtsame Wirtschaft entsteht
Kapitel 4: Wachwerden für wahres Glück
Unerwartete Freuden – Glücksstrategien revisited
Blumenstrauß • Die vielen Ideen vom Glück • Jeden Tag ein Knaller! • Das Glück liegt nicht in der Zukunft
Vom Umgang mit Vorteilen
Ausgenutzt werden • Andere ausnutzen • Der feine Grat zwischen Plan und Instrumentalisierung • Vorteile aufgeben • Meine Lehrer, die Schnecken
Akzeptanz des Unangenehmen
Die erste Wasserkochermeditation meines Lebens • Ja, das ist mein Leben
Jenseits des Perfektionismus
Die perfekte Terrasse • Beschwerde oder Dankbarkeit • Erwartung und Anspruch • Loslassen
Die Kunst zu lächeln
Eine Glücksformel • Einfach lächeln • Be nice or go away • Meditationen zum Lächeln
Kapitel 5: Feld des Wachwerdens – materieller und geistiger Konsum
Was brauche ich wirklich?
Meditierend über den Kurfürstendamm • Die Armani-Hypnose • Warum stehe ich schon wieder vor dem Kühlschrank? • Ist es nie genug?
Mein Maß finden
Welche Schale passt zu mir? • Der Großer-Teller-Fehler • Ich will mehr Sachen! • Unser Wollen im Auge behalten • Darf es auch etwas weniger sein? – die Freude des Fastens • Ein Zustand des Wohlseins • Im unendlichen Strom des Fernschreibers • Der Umgang mit dem Unendlichen
Die Idee der Exklusivität aufgeben
Teilen schafft Wohlstand • Wider die Ressourcenverschwendung • Unsere Nutzungsgrade analysieren
Von den Freuden der Einfachheit
Eine gut gefüllte Speisekammer • Die wichtigste Liste aller Zeiten
Brauchen wir Schulden? – Das süße Gefängnis
Das kannst du auch! • Das Ende der Freiheit
Impulse
Nicht einsteigen, bitte! • Das Anerkennen der Gewohnheit • Befreiung im Kaufhaus
Die Tränen der Hoteliers
Einfach nur essen • Die Tränen der Hoteliers • Fünfzig Prozent weniger • Yodas Apfelmeditation • Wachwerden im Konsum
Kapitel 6: Feld des Wachwerdens – Arbeit
Unsere Arbeit als Spiegel
Arbeitsmeditation • Frei genug für die Freiheit? • Das störrische Flipchart • Ein Sandhaufen als Lehrmeister
Die Sechs Freunde des Achtsamen Arbeitens
Atmen – Lächeln – Innehalten • Der Weg von ALI in die Welt • Bewusste Übergänge und Pausen – Transition • Ein Lob dem Singletasking • Extralosigkeit • Wie halte ich einen Geisterfahrer an? • Impulsdistanz • Wirkweise von Impulsen verstehen • Die acht Mühlsteine in meinem Kopf • Anfängergeist • Jenseits des inneren Parallelvortrags • Tiefes Zuhören • Achtsame Kommunikation
Mindful Co-Working
Gemeinsam üben • Kontemplationen für Beschäftigte
Jenseits von Lob und Tadel
Alles steht auf dem Spiel! • Dem inneren Richter zulächeln • Das eigene Urteilen mäßigen
Sich vom Dauervergleich befreien
More human? • Jenseits des Wettbewerbsdenkens gelangen • Auf zum Metta Walk
Den eigenen Erfolgsmaßstab klären
Was mache ich mit meinem Talent? • Achtsamkeit in Organisationen bringen • Samen der Achtsamkeit säen
Kapitel 7: Wachbleiben – nicht wieder einschlafen bitte
Dem inneren Stern folgen
Ein Tor öffnet sich • Leuchtende Augen
Einsicht ist nur ein erster Schritt – Übung und Wiederholung
Der Frühling ist da! • Von der Verkörperung der Einsicht • Mit Augen der Vergänglichkeit schauen • Nach dem Gipfelerlebnis • Heute leider keine Zeit für Meditation …
Die Lampe annehmen oder in Unvollkommenheit vorangehen
Das Einsichts-Gatha • Umgang mit Unzulänglichkeit • Don’t fool yourself
Uns dem eigenen Leiden stellen
Die ungegossene Glocke • Die Wiederkehr des Dunklen • Edle Probleme
Wo suchen wir Hilfe?
Wenn es eng wird • Hebe ich den Müll auf?
Retreat als Chance
Raus aus dem Trott • Retreat als Chance
Geduld und Verkörperung
Der ungeduldige CEO • Jenseits von Missionierung und Ungeduld • Der Weg zur Verkörperung von Wachheit
Uns nicht überholen
Auf die Qualität des Inputs vertrauen • Wir sind keine Macher • Die Macht des Kleinen – Schlange, Prinz, Funke, Mönch • Schmetterlingseffekte • Meine Wand der Inspiration
Nachklang
Literaturverzeichnis
Dank
Anhang
Netzwerk Achtsame Wirtschaft e.V. (NAW)
Über den Autor

 

 

Kapitel 1Lebensbruch oder unfreiwillige Klarheit

Wie ich mein altes Leben hinter mir ließ und mich auf die ­Suche nach dem Wesentlichen begab.

Wie es McKinsey in meinen Kopf schaffte

Ein Bruch, wie ich ihn erfahren habe, fällt nicht vom Himmel. Er hat sich langsam und stetig angenähert: Ich bin in meinem Leben lange Zeit auf der berühmten Überholspur unterwegs gewesen. Symbolisch hierfür steht meine Beziehung zu McKinsey&Company, einem Beratungsunternehmen. Der folgende Text entstand fünfzehn Jahre nach meinem Ausscheiden aus dieser Firma. Eines Morgens stand ich auf und schrieb nieder, was mir über diese langjährige und komplexe Beziehung klar geworden war. Ich schrieb es mir von der Seele.

Nach dem vierten Semester meines BWL-Studiums bewarb ich mich für ein Praktikum bei McKinsey&Company und wurde angenommen. Dies sollte der Ausgangspunkt einer unheilvollen und tiefen Identifikation mit einer Organisation werden, die mich faszinierte und mir ein besseres Leben versprach. Ich heuerte in Düsseldorf an. Als Praktikanten wurden wir verwöhnt und gefordert. Mit meinen Co-Praktikanten zog ich im schicken Anzug los, um eine Studie über die Zukunft Bonns zu verfassen. Bonn hatte gerade in einer spektakulären Abstimmung seine Hauptstadtfunktion an Berlin verloren, wir hatten den Auftrag, für den Oberbürgermeister der Stadt ein Konzeptpapier zu erstellen, das Vorschläge für eine strategische Neuausrichtung der Stadt präsentierte. Wir arbeiteten dabei weitgehend selbstständig mit wöchentlichen Feedback-Runden im Kreise eines erfahrenen Beraterteams. Abends feierten wir uns und unser Tun.

Was mir in dieser Zeit entging, war, dass ich anfing, mich tief mit der Kultur der vielleicht erfolgreichsten und mächtigsten Unternehmensberatung der Welt zu identifizieren. Ich erhielt ein exzellentes Abschlusszeugnis mit dem Hinweis, dass man mich sehr gern wiedersehen würde. Nach meinem Wechsel an die Universität St. Gallen hielt ich den Kontakt und wurde regelmäßig eingeladen, ja, eingeflogen: Zum Skifahren ins Tiroler Kühtai oder zum Treffen der Automobilexperten irgendwo in Deutschland. In mir formte sich der Satz: »Ich will McKinsey sein«. Aus dem immer mehr ein »Ich bin McKinsey« wurde. Diese Sätze nutzte ich in Phasen der inneren Orientierungslosigkeit und Angst, um mich meiner selbst zu vergewissern. Mit jedem Schritt auf diesem Weg der schleichenden Fremd-Identifikation verlor ich ein Stück Freiheit und nährte so eine subtile Abhängigkeit von einem äußeren Beurteilungsmaßstab. McKinsey wurde zu einem Teil meiner Identität, ohne dass ich für die Firma arbeitete. Aber all das merkte ich nicht.

Und so schrieb ich schließlich auch meine Diplomarbeit in der Firma und sollte hierbei die stressigste Phase meines Lebens durchmachen. Ich hatte mich völlig überfordert. Mit dem Thema (»zu breit«), dem Professor (»Top oder Flop«), dem McKinsey-­Umfeld (»Angst zu Versagen«, »extrem hohe Erwartungen«), der Logistik (»Wien, Düsseldorf, Frankfurt, St. Gallen«), der Technik (»Wechsel von Windows auf Apple«), dem Zeitrahmen (»sechs Wochen – sehr kurz«), dem betreuenden McKinsey Direktor (»uninteressiert und kalt«) und meiner persönlichen Notenerwartung (»1,0«). Ich verzweifelte an der Aufgabe, verlor deutlich Gewicht, hatte extreme Schlafstörungen, übergab mich in der Früh und kämpfte mich doch unter Aufbietung meiner letzten Kräfte und der Hilfe von Familie und ­eines Freundes über die Ziellinie. Mehrere Wochen brauchte ich, um mich zu erholen.

Heute weiß ich, dass der größte Stressor von allen meine Versagensangst war. Und dass diese durch meine fortgeschrittene Identifikation mit McKinsey wuchs. Ich erinnerte mich an das blasse Gesicht eines Ex-McKinsey-Beraters. Als ich ihm mit funkelnden Augen berichtete, dass ich ein Praktikum bei McKinsey antreten werde, bekam sein Blick etwas Leidendes. Er meinte, dass man genau wissen müsse, wann man gehen solle. Sonst würde es einen zerreißen. Ihn hatte es wohl auch zerrissen und er schien sich noch nicht wieder erholt zu haben.

Trotz dieser Horrorerfahrung war das Thema McKinsey für mich nicht erledigt. Ich begann zu vergessen. Die Diplomarbeit kam zurück: 1,0. Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm? Meine Kommilitonen sahen mich inzwischen als »Mecki«, was mir einiges an Anerkennung brachte. Ich war interessant. Ich war nicht irgendein Student. Nein, ich hatte zwei McKinsey-Erfahrungen erfolgreich gemeistert und schloss mein Studium, dann auch die Promotion mit Bravour ab. Weitere Triumphe für mein leistungsbasiertes Selbstbild. Nun schien mir alles offen zu stehen: Industrie, akademische Karriere, Unternehmensgründung … Doch es zog mich wieder zu McKinsey, diesmal als fest angestellter Berater. Es wurde das schauerliche Finale meiner Identifikation mit dieser Firma und ihrem Leistungsmythos. Diesmal wurde ich nicht geschont. Die Masken fielen und ich schien eine andere Firma zu betreten. Oder hatte ich nie richtig hingeschaut? Der Kollege, mit dem ich während meiner ersten Studie zusammenarbeiten musste, erschien immer um sieben Uhr im Büro und arbeitete in der Regel bis ein Uhr nachts. Wenn das Telefon klingelte, riss er den Hörer noch während des ersten Klingeltons aus der Halterung und schrie seinen Namen in die Leitung. Er dachte erstaunlich schnell, aber richtig reden konnte ich nicht mit ihm. Mich – den Frischling – empfand er als Belastung. Es war eine schwierige Zusammenarbeit mit vielen Missverständnissen und meine neue Arbeitsheimat war ein seelenloser Bürotrakt, der nach abgestandenem Kaffee roch. Die Desillusionierung begann. Ein Projektmanager nahm mich zur Seite und sagte: »Sieh zu, dass du regelmäßig isst und nicht zu spät nach Hause gehst, sonst hast du dich in drei Wochen wund gelaufen.« Mein Mentor gab mir den überraschenden Tipp: »Treibe die Kunden wie Säue vor dir her, beschäftige sie, mach ihnen Angst, sonst jagen sie dich.« Ich konnte nicht fassen, von meinem Mentor solche Ratschläge zu erhalten, und verlor das Vertrauen in ihn. Und ich fing wieder an schlecht zu schlafen.

Nach einem Monat war die erste Studie beendet und ich erhielt mein erstes Zeugnis. Alles super. On track. Meine nächste McKinsey-Studie-Erfahrung sollte dann allerdings auch meine letzte werden.

Wieder musste ich mit einer sehr komplizierten und egozentrischen Person zusammenarbeiten und merkte schnell, dass ich nicht das notwendige Know-how für die Aufgabe hatte. Ich fühlte mich völlig überfordert und alleingelassen. Wo war die Firma geblieben, mit der ich mich vor sechs Jahren verlobt hatte und die ich irgendwann auf dem Weg geheiratet hatte? Und wo war der erfolgreiche Alleskönner geblieben, der bis bisher alle Herausforderungen mit Bravour gemeistert hatte? Umgeben von Harvard-Absolventen und Doktoren der Physik und Mathematik, kroch die Angst und der Zweifel immer tiefer in mich hinein. Ich erkannte meine Grenzen. Jeden Tag schrumpfte ich ein Stück. Jeden Tag sank mein Leistungsvermögen ein wenig. Irgendwann fing ich an, meine eigene Leistung als »schlecht« zu bewerten. Ich verschob unangenehme Telefonate und bemerkte, wie mir der innere Antrieb abhandenkam. Aber den braucht man, um in diesem Umfeld bestehen zu können. Die Schlafstörungen wurden schlimmer, die Morgenübelkeit auch. Nach drei Monaten zog ich die Notbremse und kündigte. Man bot mir verschiedene andere Projekte an. Aber ich konnte nicht mehr. Wieder erhielt ich ein sehr gutes Zeugnis. Es war vorbei. Mein Traum war geplatzt. Es war eine Illusion gewesen, der ich mit meinem ganzen Herzen verfallen war. Nun war ich kein »Mecki« mehr. Hatte ich versagt? Es fühlte sich so an. Oder hatte die Firma versagt? Und was heißt Versagen? Sein und Schein fielen im Innen und Außen hoffnungslos auseinander.

Erst jetzt wurde mir das ganze Ausmaß meiner Identifikation bewusst. Wie konnte es dazu kommen? Wie entsteht Identifikation und Identifizierung? Meines Erachtens identifizieren wir uns umso stärker mit einer Institution, umso weniger wir uns selbst kennen, lieben und verstehen. Je größer unsere innere Leere ist, je größer die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Anerkennung, umso stärker sind wir bereit, alles zu geben, um dazuzugehören und uns umfassend prägen zu lassen. Ich hatte mir eine Krücke gebaut. Eine Krücke, die Schritt für Schritt zum Teil meines eigenen Körpers geworden war. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich sie nicht mehr als etwas Fremdes wahrgenommen habe. Ich war die Krücke. Ich war McKinsey. Und all das, was ich damit verband. Erfolg, Gemeinschaft, intellektuelles Abenteuer, Brüderlichkeit, Elite. Nun war meine Krücke zerbrochen und ich wurde mit mir selbst konfrontiert. Es gab keinen klaren Weg mehr. Was wollte ich wirklich? An vielen Abzweigungen meines Lebens war ich den karrieretechnisch logischen nächsten Schritt gegangen. Ein klarer innerer Kompass, das Gespür für das Wesentliche, fehlte mir und so stand ich ratlos vor meinem bisher so erfolgreichen jungen Leben. Was will ich eigentlich? Was ist mir wirklich wichtig? Die bisherigen Antworten auf diese Fragen hatten sich als falsch erwiesen. Vielleicht hatte ich sie mir auch noch nie richtig gestellt. Das Werte- und Leistungs­system wurde mir von McKinsey vorgegeben. Ein eigenes zu entwickeln war erstens nicht nötig und hätte dem vorgegebenen wohl nur im Wege gestanden.

Im Nachhinein bin ich froh und dankbar, dass mir dies alles mit Anfang dreißig widerfuhr und nicht in meinen Vierziger oder Fünfzigern. So hatte ich die Gelegenheit, meinen Kurs frühzeitig zu korrigieren und mich auf die Suche nach dem wahrhaft Wesentlichen zu begeben.

Hineinwachsen in die Hochleistungswelt

Ende der 1960er-Jahre wachse ich in einer Hochhaussiedlung am Rande Hamburgs als Einzelkind auf. Mein Vater arbeitet als Polizeihauptkommissar, meine Mutter als Angestellte in der Krankenhausverwaltung. Auf alten Bildern sieht man einen wachen Blondschopf, der freudig in die Welt spaziert und sie mit großen, braunen Augen neugierig betrachtet. Mit sieben Jahren bekomme ich eine Brille und werde von meinen Spielkameraden verspottet. Wenn es einen Bruch vor dem »Lebensbruch« gab, dann findet er hier statt. Mit Ankunft der Brille in meinem Leben verändert sich die Erfahrung meiner Lebenswelt umfassend. In meiner Erinnerung an diese Zeit finden sich all die Gefühle wieder, die ich später nie wieder erleben möchte – eine Mischung aus intensiver Enttäuschung, Hilflosigkeit, Einsamkeit und Wut. Ich mauer sie ein und erlerne Strategien, um mit ihnen umzugehen. Lerne zu kämpfen und mich zu behaupten. In mir wächst ein Gefühl, »anders« zu sein. Ich orientiere mich weg von meinem unmittelbaren Umfeld. Mein Blick richtet sich in die Weite, zum Horizont. Es muss eine andere Welt für mich geben! Eine Welt, in der ich auf selbstverständliche Art und Weise dazugehöre und in der ich so sein darf, wie ich bin. Ich beginne nach dieser Welt Ausschau zu halten.

Der Eintritt ins Gymnasium zeigt mir eine neue Welt, ich lasse vieles und viele hinter mir. Ich war schon immer ein guter Schüler, nun werde ich zu einem sehr guten Schüler. Der Erfolg in der Schule gibt mir Selbstvertrauen und Hoffnung. Noch niemand in meiner Familie hat bisher das Gymnasium gemeistert, ich betrete neues Familien-Terrain. Viele meiner Klassenkameraden kommen aus Akademikerfamilien. Meine Eltern fördern und unterstützen mich. Neben dem Taschengeld erhalte ich ein monatliches Büchergeld und bin Stammgast in der Bibliothek. Bücher werden mir zu Freunden, bieten mir Zuflucht und zeigen mir neue Wege und Welten. Die Demütigungen, Ängste und auch die Einsamkeit meiner Kindheit weichen einem intellektuellen Selbstvertrauen. Doch ein Unbehagen bleibt. Hinter meiner kompetenten Oberfläche wirken weiterhin diffuse Ängste. Eine Angst heruntergezogen zu werden, in eine Welt des intellektuellen Desinteresses und der Feindseligkeit.

In dieser Zeit bin ich unheimlich aktiv. Neben dem Gymnasium arbeite ich als Nachhilfelehrer, als Schwimmtrainer und als Küchenhilfe in einem Krankenhaus. Mache meinen Jugendgruppenleiter-Schein und trainiere für den Marathon. Meine sozialen Kreise erweitern sich. Bald kenne ich Gleichaltrige und Ältere aus den verschiedensten Bezirken Hamburgs. Die Schule läuft nebenher und immer besser. Ich suche die intellektuelle Herausforderung, will alles genau wissen und nehme in meinem Ringen um Erkenntnisse wenig Rücksicht auf leistungsschwächere Schüler. Zu meinem achtzehnten Geburtstag organisiere ich eine Party mit Live-Band, DJ und über hundert Gästen. Mir ist wichtig, dass ich das alles selbst finanziere, dass ich mir meine Erfolge aus »eigener Kraft« erarbeite, erarbeiten kann.

Mein Abitur plane ich ökonomisch und strategisch. Zu Beginn der zwölften Klasse erstelle ich einen Punkteplan, in den ich für jeden Kurs eine Zielnote eintrage. Mit relativ geringem Aufwand baue ich das beste Abitur meines Jahrgangs. Ich werde für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen und trage die Abschlussrede in Versform vor. Applaus! Doch nach diesem erfolgreichen Finale setzt Verwirrung ein. Die Schule gab mir ein einfaches Zielsystem vor. Wie ich meine Talente einsetzen will, weiß ich allerdings nicht – doch diese Entscheidung kann ich erst einmal vertagen.

Ein unerwarteter Krieg

Im Juli 1987 trete ich meinen Grundwehrdienst bei der Luftwaffe an. Mit einigem Idealismus und gutem Willen gehe ich an den Start, bereit, mich körperlich und geistig voll einzubringen. Doch bei der Bundeswehr erlebe ich ein System, das mit meiner Einsatzbereitschaft und meinem nachfragenden Geist sehr wenig anzufangen weiß. Bereits in den ersten acht Wochen erlebe ich aus meiner Perspektive so viel Willkür, Übelwollen und Verrohung, dass ich meine konstruktive Mitarbeit einstelle. Ich verliere den Respekt vor meinen Vorgesetzten. Mit einer Mischung aus Dienst nach Vorschrift und subversiver Provokation schleppe ich mich durch den Rest meiner Dienstzeit.

In den letzten Monaten eskaliert mein Widerstand auf Grund meiner Nicht-Beförderung zum Obergefreiten zu einem kleinen Krieg. Es folgt ein offener Schlagabtausch mit meinen Vorgesetzten, der am Ende den Wehrdienstbeauftragten des deutschen Bundestages beschäftigen soll. Schließlich erhalte ich meine neuen Schulterklappen, werde aber für mein destruktives Verhalten gerügt. Noch am letzten Tag meiner Bundeswehrzeit befiehlt man mir das Quartier der Unteroffiziere zu reinigen. Ich verwandele dieses mit Hilfe mehrerer Packungen Harzer Rollkäse in einen unbewohnbaren Ort. Es ist ein Duell ohne Gewinner und ein enormer Kraftakt. Aber zu diesem Zeitpunkt kann ich nicht anders. Für mich geht es um Selbstbehauptung und Respekt. Doch das Duell mit meiner Stammeinheit dauert noch zwei weitere Jahre an. Immer wieder versucht man mich zu Reserveübungen einzuberufen. Doch ich kann mich mit Gutachten und Zeugnissen weiterer Zugriffe entziehen. Die oliv-grüne Zeit ist vorbei. Zwölf Jahre später verweigere ich formal den Kriegsdienst.

Gebt mir Ziele! Mein Einstieg

Die dumpfe und zuletzt kriegerische Bundeswehrzeit hatte mir gezeigt, welche Welt nichts für mich ist. Da ich aber immer noch nicht weiß, was ich stattdessen will, wähle ich wie viele andere das Feld der Wirtschaft. Nach einer kaufmännischen Ausbildung beginne ich ein Studium. Gern hätte ich Psychologie studiert, entscheide mich aber für BWL in Hamburg. Ich weiß nicht, was ich von meinem Wechsel an die Universität erwartet habe, aber das Studium erweist sich rasch als Enttäuschung. Nach dem ersten Semester erwischt mich eine erste Krise. Ich werde antriebslos, freudlos und verliere mich in Grübeleien, komme mit der unstrukturierten Zeit nicht zurecht. Mir fehlen äußere Ziele, mir fehlen meine Projekte, mir fehlen Erfolge. So kann es nicht weitergehen.

Das zweite Semester bringt den Wandel. Ich gebe mir einen Ruck und lenke meine Energien auf Felder jenseits des Studiums. Die eigentliche Initialzündung ist allerdings meine Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes. Ich bin stolz und fühle mich im Kreise der Stipendiaten sehr wohl. Der gegenseitige Respekt, die dynamische Diskussionskultur und die intellektuelle Wachheit dieser Gruppe machen mich glücklich, Freundschaften entstehen. Die Schattenseite dieser neu gefundenen Heimat ist die Leistungsgebundenheit. Wer nach drei Semestern nicht sehr gute Studienergebnisse, Professorengutachten und Einschätzungen der Vertrauensdozenten vorzuweisen hat, muss gehen. Eine schlimme Vorstellung. Und so gebe ich wieder Gas. Ich beginne mich innerhalb der Studienstiftung zu engagieren. Ich trete in die internationale Studentenvereinigung AIESEC ein und werde deren Projektkoordinator in Hamburg. Mein Leben gleicht in dieser Zeit einem wirbelnden Projektportfolio, mein Leben internationalisiert sich und die Mini-Krise scheint ausgestanden, der innere Dämon verstummt.

Derart ermutigt wechsle ich zum Hauptstudium in die Schweiz, an die Hochschule St. Gallen (HSG), die in Wirtschaftskreisen hoch im Kurs steht. Hier komme ich besser zurecht als in Hamburg. Die Unternehmens- und Hochleistungswelt umgarnt mich, wickelt mich immer mehr ein und ich merke kaum, wie ihre Werte tief und tiefer in mich eindringen. Ich fühle mich sicher.

Gipfelerlebnisse

Im Oktober 1994 erhalte ich mein HSG-Diplom mit der Auszeichnung »sehr gut«. Ich habe es in das oberste Prozent meines Studienjahrgangs geschafft. Erstaunlich. Aber über diese Leistung kann ich mich kaum freuen, denn ich habe sie von mir erwartet. Alles andere wäre eine Enttäuschung. Der Doktor­titel, der aus der Perspektive des kleinen Jungen aus Hamburg-­Niendorf Teil einer anderen Welt zu sein schien, ist nun ganz nah. Nun scheine ich ein selbstverständlicher Teil dieser Welt zu sein. Die Promotion fühlt sich fast schon logisch und natürlich an. Fast alle meine Freunde entscheiden sich zu diesem Schritt. Mich zieht es zur Promotion an die Universität Genf. Zusammen mit drei anderen Assistenten gründe ich in meinem ersten Jahr das Forum für Organisationales Lernen und Wissensmanagement, ein Zusammenschluss Schweizer und internationaler Großunternehmen. Meine Doktorarbeit gewinnt den Anerkennungspreis der Schweizerischen Gesellschaft für Organisation. Wieder stehen mir viele Türen offen. Professur? Oder ­Selbstständigkeit? Mit Kollegen habe ich in Genf eine Beratungsfirma gegründet und als GmbH eintragen lassen, soll ich diese aufbauen? Ein Schweizer Großunternehmen bietet mir ein enormes Einstiegsgehalt an. Ich habe einen weiteren Gipfel bezwungen, doch es ist nicht genug. Mit jedem Schritt habe ich selbst die innere und haben andere die äußere Latte weiter nach oben gelegt. Die nächsten Gipfel tauchen schon aus dem Nebel auf. Steil und herausfordernd. Eine alte Angst kehrt zurück.

Ich entscheide mich schließlich für McKinsey&Company.

»Geile Krise!«

Auch nach meinem Ausstieg aus der Firma will ich noch nicht wahrhaben, dass etwas in meiner Sicht auf das Leben grundsätzlich nicht stimmt. Mein altes »Leistungs-Ich« will die Kontrolle zurück und bricht zu neuen Höhenflügen auf. Doch es funktioniert nicht mehr – ich funktioniere nicht mehr. Verwirrt irre ich durch meine große Wohnung. Überall liegen Zettel herum, Projektskizzen, Bewerbungsmappen für Harvard, Notizen mit vielen Ausrufezeichen, Telefonnummern und Entwürfe. Doch nichts fügt sich zusammen. Tag für Tag werde ich kraftloser, jede Nacht ist eine Tortur.

Meine Schlafstörungen, die Albträume, die immer weiter schwindende Konzentrationsfähigkeit, die Gefühle stetig wachsender Verzweiflung und Angst kann ich nicht einordnen. Werde ich verrückt? Ich befinde mich in der Abwärtsspirale einer schweren Depression, weiß es nur noch nicht. Ende der 1990er-Jahre spricht kaum jemand über Depressionen – der deutsche Nationaltorhüter Robert Enke hat sich noch nicht das Leben genommen, Miriam Meckel, die Lebensgefährtin von Anne Will, noch kein Buch über ihre Depression veröffentlicht. Depression ist ein Tabuthema, eine Krankheit im Schatten. Und stigmatisiert.

Irgendwann kann ich den Zustand der Verwirrung und Kraftlosigkeit nicht mehr ertragen und formuliere einen Abschiedsbrief, dann breche ich völlig zusammen. Erst als ich diese finale Hilflosigkeit und Verzweiflung berühre, kann ich um Hilfe bitten und bin erstaunt, wie viel davon mir angeboten wird – von Familie und alten Freunden, später von Ärzten, Therapeuten und Mitpatienten. Und noch später von Mönchen und Nonnen. Mein Leben ist bis dato in vielem ein Kampf gewesen, den ich allein zu meistern hatte, nun lerne ich langsam mich zu öffnen und meine Nöte mit anderen zu teilen.

Das vielleicht wichtigste Gespräch, das ich in dieser Zeit führe, findet wenige Tage nach meinem Tiefpunkt statt. Als ich in den Aufnahmebereich einer mit Depressionen vertrauten Klinik trete, kommt mir ein Arzt entgegen und begrüßt mich herzlich. Er nimmt mich in ein Besprechungszimmer mit und beginnt mit einem: »Na, was ist los?« Und ich beginne zu erzählen, zu erzählen, zu erzählen. Er hört nur zu. Entspannt, präsent, völlig undramatisch. Er behandelt mich nicht wie einen Kranken, sondern begegnet mir auf Augenhöhe und nimmt mich sogar in den Arm. Ich fühle mich sicher und verstanden. Wie lange ich spreche, weiß ich nicht, aber irgendwann wird es ruhiger in mir. Mein Gegenüber schaut mich an, lächelt und sagt nur zwei Worte: »Geile Krise!«. Wie bitte? Er wiederholt seine Worte: »Geile Krise!« Intuitiv spüre ich, dass er recht hat mit seiner ungewöhnlichen Einschätzung und Wortwahl. Und heute weiß ich, wie sehr er recht gehabt hat. Im Zusammenbruch beginnt ein neues, selbstbestimmteres Leben für mich. Vor diesem Gespräch hatte ich mehrere Tage nichts mehr essen können, nach dem Gespräch kehrt mein Appetit zurück und ich esse bis zum Abend fünf komplette Mahlzeiten. Ich bin diesem Arzt ohne Namen bis heute zutiefst dankbar für seine Wärme, für die menschliche Nähe und für seine beiden Worte: »Geile Krise!« Sie bezeichnen für mich den Bruch, durch den das Licht hineinleuchtet.

Später lese ich viel über die Gefahren und Chancen von Depressionen. Unter anderem auch die Aussage von Carl Gustav Jung, der rät: