Lebens-Abschnitte - Rainer Grebe - ebook

Lebens-Abschnitte ebook

Rainer Grebe

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Opis

Max lebt in Berlin. In seiner Geschichte erfahren wir, dass Streben nach Erfolg und die Sehnsucht nach Liebe, immer mit Verlust oder der Möglichkeit zu scheitern verbunden sind. Aber - es ist niemals zu Ende - es gibt stets einen neuen Anfang. So wie er in seiner geteilten Stadt die politischen Spannungen des Kalten Krieges erfährt, so erlebt er auch 1989 den Fall der Mauer. Wir begleiten ihn auf seinem privaten wie beruflichen Weg, der ihn durch Europa und Afrika, nach Werder in Brandenburg und zu sich selbst führt.

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Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Dateien sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Impressum:

© Verlag Kern GmbH, Ilmenau

© Inhaltliche Rechte beim Autor

1. Auflage, Oktober 2017

Autor: Reiner Grebe

Bildquelle Cover: www.fotolia.com | © peshkov

Umschlag/Layout/Satz: B.Winkler, www.winkler-layout.de

Lektorat: Dorothea von der Höh, Kevelaer

Sprache: deutsch, broschiert

ISBN: 978-3-95716-253-3

ISBN E-Book: 978-3-95716-247-2

www.verlag-kern.de

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Übersetzung, Entnahme von Abbildungen, Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege, Speicherung in DV-Systemen oder auf elektronischen Datenträgern sowie die Bereitstellung der Inhalte im Internet oder anderen Kommunikationsträgern ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags auch bei nur auszugsweiser Verwendung strafbar.

Reiner Grebe

LEBENS-ABSCHNITTE

Nichts ist zu Ende

Roman

Über das Buch

Die nachfolgende Geschichte sowie die dort handelnden Personen sind frei erfunden. Entstehende Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen und Personen sind rein zufällig.

Der Autor blickt mit feinem Humor, aber auch ernsthaft und gesellschaftskritisch auf sich, sein Land und die Weltpolitik.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort: Entstehende Ähnlichkeiten … sind rein zufällig

Max

Das Ende einer Ehe

Begegnungen

Liv

Die neue Wohnung

London

Mallorca

Fall der Mauer

Tante Anna

Das Grundstück in Werder

Ein Sommerhaus in Werder

Die Reise zu den Pyramiden

Karnak und das Tal der Könige

Auf dem Nil nach Assuan

Weihnachten in Nordfriesland

Die erste Krise

Wasser und Strom in Werder

Das Segelboot

Die Gegenwart und Weihnachten

Die Töchter

Eine wichtige Entscheidung

Vorwort: Entstehende Ähnlichkeiten … sind rein zufällig

Der Zufall und sein kleiner Bruder zufällig: Zwei Wörter unserer Sprache, die wir natürlich auch im Duden finden. Dort wird dieser Begriff als etwas beschrieben, das man nicht vorausgesehen hat, was unerwartet geschieht.

Sieht man sich in den Sprachen dieser Welt um, stellt man überrascht fest, dass es dort die Wörter für Zufall oder zufällig nicht gibt. Waren die Anderen zu nachlässig, zu schlampig, dass sie diese Wörter nicht in ihren Sprachschatz aufgenommen haben? Oder ist vielleicht eher so, dass unsere Sprache weniger klar und eindeutig ist, dass wir uns mit solchen Wörtern an der einen oder anderen Stelle behelfen müssen?

Wissenschaftler kennen den Zufall nicht, da in ihren Systemen alles sinnvoll ineinander greift, keine Wirkung ohne Ursache ist und umgekehrt. Sie waren es also nicht, die uns dieses Wort beschert haben. Und die Ökonomen, die Finanzfachleute, die nicht nur unsere, sondern die gesamte Weltwirtschaft am Laufen halten? Bei denen ist der Zufall so häufig wie deren Geldanlagen auf einem Postsparbuch. Sie waren es also auch nicht. Wenn wir uns der Ethik, der Moral, dem Glauben nähern, dann wird klar, dass jeder gläubige Mensch, sei er nun Christ, Moslem, Jude, Buddhist oder Hinduist, so er denn fest zu seinem Glauben steht, alle Dinge, die geschehen, Rückschläge, die er erleidet, dem eigenen Schicksal entsprechen, das allein in Gottes, Allahs oder Buddhas Hand liegt. Auch hier geschieht nichts zufällig.

Wer, in aller Welt, hat uns diese beiden Wörter Zufall und zufällig beschert? Geht man nach dem Ausschlußverfahren, ist das Ergebnis eher unbefriedigend: War es ein Atheist, der – nicht unbedingt von strebsamer Natur – als Grund für sein wiederholtes Scheitern den Zufall erfand?

Vielleicht ist aber die folgende Vorstellung charmanter.

Es waren die Autoren und Schriftsteller, die ihre fantasievoll gewobenen Erzählungen mit selbst Erlebten, selbst Erfahrenem verknüpften, weil nur das überzeugt, glaubhaft und nachvollziehbar ist, was man selbst erfahren, selbst durchlebt hat. Für sie ist nur wichtig, dass ihre Geschichten den Leser berühren, emotional auf eine Reise mitnehmen. Ein möglicher Streit, ob diese oder jene Situation tatsächlich so gelaufen ist oder ob die eine oder andere reale Person sich in der Geschichte wiederzufinden glaubt, ist für sie nicht bedeutsam.

An dieser Stelle sollte es der Zufall nicht wollen, dass Sie sich jetzt zufällig einer anderen Aufgabe im Haus zuwenden müssen. Bleiben Sie einfach konsequent, lesen Sie entspannt weiter. Freuen sie sich unvoreingenommen auf die Menschen, die ihnen begegnen werden und auf das, was sie auf unterschiedliche Weise erleben.

Max

Max leerte mit einem letzten Zug die Kaffeetasse. Sein Blick glitt noch einmal über die vor ihm liegende Tageszeitung – am Datum blieb er für einen kurzen Moment hängen: 22. Dezember. In zwei Tagen war Heiliger Abend. Der Tannenbaum stand noch im Wassereimer auf der Terrasse. Seine Geschenke hatte er bereits so rechtzeitig wie in keinem der Jahre zuvor gekauft, sie mit etwas weniger Geschick als seine Freundin liebevoll in Weihnachtspapier verpackt und wieder versteckt. Das war nicht der Grund, warum das Datum ihn plötzlich in die Erinnerung abgleiten ließ.

Advent, Vorweihnachtszeit. Eine Zeit des Besinnens, der Freude auf den Heiligen Abend. Wo war das alles geblieben? Seit Oktober zogen die Marketingstrategen des Einzelhandels alle Register. In den Regalen wetteiferten Tüten mit Spekulatius, Lebkuchen und Dominosteinen gemeinsam mit Senfgurken, Wurst und Käse um die Gunst der Kunden. In den Büros, im „normalen Alltag“ erhöhte sich in dieser Phase fast stündlich die Schlagzahl, das Tempo, der Jahresendstress. Jedes Mal der sich immer wiederholende Vorsatz: „Im nächsten Jahr geh‘n wir es aber ruhiger an. Diesen Konsumwahnsinn machen wir nicht mehr mit!“ Max erinnerte das an den Film Und ewig grüßt das Murmeltier. Er fühlte sich nicht wie das putzige Tierchen, sondern in dieser belastenden Endlosschleife gefangen. Der Höhepunkt dieser Rallye war ohne Zweifel der Heilige Abend.

Aber der Reihe nach. Seine Gedanken trugen ihn mehr als vierzig Jahre zurück. Max hatte vor einigen Jahren Monika geheiratet. Als das zweite Kind unterwegs war, zogen sie vom verschlafenen Stadtrand wieder zurück nach Berlin. Dort draußen sagte man immer, wenn man etwas einkaufen, ins Kino oder Theater wollte: „Wir fahren nach Berlin.“ Sie hatten eine schöne Dreizimmerwohnung in der Nähe des Rüdesheimer Platzes gefunden. Nicht nur die Wohnung war perfekt, vielmehr war es ihre Lage, die sie sofort begeistert hatte. In nur wenigen Minuten war man in der Steglitzer Schloßstraße und nur ein wenig länger dauerte es, wenn man in den Grunewald wollte. Auch an ihre beiden Töchter, Miri – eigentlich Miriam – und Lisa, hatten sie gedacht. Kita und Vorschulklasse lagen gleich um die Ecke, Grundschule und Gymnasium in Schlagweite. Da sie erst im letzten Jahr diese größere Wohnung bezogen hatten, würde der Heilige Abend diesmal mit der ganzen Familie bei ihnen gefeiert werden.

Die Größe der Wohnung an sich war in Ordnung. Max fand, dass es dennoch einiges gab, was dem neuen Heim etwas mehr Glanz, eine individuelle Note geben könnte. Sie hatten kaum Kisten und Umzugkartons ausgepackt, alle Sachen an ihren Platz geräumt, begann er zu planen und zu zeichnen.

Nach dem Abitur wäre er gern Architekt geworden. Da niemand aus der Familie dieses Berufziel für realistisch hielt, gab es auch keine moralische Unterstützung. Motivation – genau das hätte er damals gebraucht. Seine Eltern waren hingegen Pragmatiker: „Du solltest bei der Post anfangen. Die bietet dir sogar die Möglichkeit für ein Fachhochschulstudium.“ Für Kinder seiner Generation waren die Wünsche der Eltern, auch die Berufswünsche, verbindlich. Sie hatten eine andere Bedeutung als für folgende Generationen.

In der Diele wurde ein Teil der Decke abgehängt. Dank der mit einer Fototapete – Motiv Forum Romanum – dekorierten Wand und eines riesigen, die ganze gegenüberliegende Fläche bedeckenden Spiegels, entstand zwar kein Tanzsaal, aber mit der indirekten Beleuchtung ein völlig neues Raumgefühl. Diese beabsichtigte Wirkung sollte sich am ersten Heiligen Abend in den neuen vier Wänden vorübergehend verabschieden.

Sie alle kennen den Schnitt von Badezimmern: schmal, rechts die Badewanne, am Ende vor dem Fenster die Toilette, davor das Waschbecken. Alles nicht sehr heimelig. Wenn dann noch eine kleine Waschmaschine eingefügt wird, ist beim Toilettengang ein erhebliches Maß an körperlicher Fitness und Geschmeidigkeit nicht unvorteilhaft. Auch hier brachte Max einige kreative Elemente aus der Dielenveredelung ins Spiel. Decke abhängen, die gesamte linke Wandseite mit deckenhohen Spiegeln versehen. Die andere Wand erhielt eine Korkauflage, die Badewanne eine Holzverkleidung. Die sanfte indirekte Beleuchtung weckte bei den Badezimmerbesuchern jetzt den Eindruck, sie würden den Wellnessbereich eines Spitzenhotels betreten. Wenn es noch in der Badewanne geblubbert und gesprudelt hätte, wären sie vielleicht von ihren ursprünglichen Absichten abgewichen und auf einen Jacuzzi-Besuch umgestiegen.

Das Schlafzimmer wurde zum zweiten Wohnbereich mit Esstisch, im Wohnzimmer stand dort, wo einst der Esstisch seinen Platz hatte, ein edler großer Ledersessel in Reichweite zu der kleinen, aber sehr fein bestückten Hausbar. Wenn Max hier auf seinem Lieblingsplatz saß, konnte er leicht nach hinten wippen, sich sanft drehen. Auch dieser Ort sollte am Heiligen Abend eine ganz neue Definition erhalten.

Wenn man Gäste einlädt, stellt sich nur in ganz seltenen Fällen die Frage: Kommen sie alle zur gleichen Zeit oder sollten kleine Intervalle eingebaut werden? Es kann sein – gerade bei Familienfesten ist das nicht ausgeschlossen –, dass es interne Spannungen gibt. Die Geschwister haben eine schon länger anhaltende Kommunikationspause, bei den Großeltern und Enkeln herrscht eine für Außenstehende nicht nachvollziehbare belastende Eiszeit. Da gilt dann das „Ampel-Prinzip“: Die einen bleiben, solange die anderen noch nicht da sind. Rückt die erste Besetzung ab, kommt Phase Grün für die andere Fraktion. Alle diese möglichen Störfaktoren gab es in Max‘ kleiner Familienidylle nicht. Dennoch hatte die Ankunft der Gäste am Heiligen Abend fast surreale Züge. Als es gegen 18 Uhr an der Haustür klingelte und Max öffnete, standen Eltern, Schwiegereltern, Schwager mit Freundin in geschlossener Formation vor ihm, als hätten sie sich verabredet. Das Betreten der Wohnung, das Abnehmen der Garderobe und deren angemessene Unterbringung – fast die Quadratur des Kreises. Während die Ersten die Diele musterten, zu viert vor dem Spiegel standen, diesen und die hinter ihnen klebende Fototapete komplett ausfüllten, war von dem neuen Raumgefühl nichts mehr zu spüren. Zur gleichen Zeit begannen die letzten Gäste bereits auf der Straße und im Schutz des Treppenhauses, sich ihrer Garderobe zu entledigen. Nach einigen Minuten, das Dielenchaos hatte sich inzwischen aufgelöst, hörte Max schon erste anerkennende Bemerkungen jener, die unmittelbar nach der Dielenpassage das Bad aufgesucht hatten. Auch beim übrigen Teil der Wohnung wurde nicht mit Lob gespart.

Langsam fanden Max und Monika wieder in den lockeren Gastgebermodus zurück. Für ihre beiden Töchter war dieser Gästeansturm eher geschmeidig abgelaufen, sie hatten die Wohnungsbesetzung aus der sicheren Entfernung ihres Kinderzimmers verfolgt. Der Grund ihrer Aufregung: das schier endlose Warten auf die Bescherung.

Bei Max‘ Eltern gab es am Heiligen Abend stets den Klassiker: Würstchen mit Kartoffelsalat. Diese Variante hatte den Charme, dass es für Max‘ Mutter, die Hausfrau, keinen Küchenstress gab und für ihn sich das Warten auf die Bescherung nach den Längen der Würstchen berechnen ließ.

Heute sah das etwas anders aus. Monika bat zu Kassler in Blätterteig, Nudel- und Kartoffelsalat sowie einer kleinen Eiskreation als Dessert an den Tisch. Die Sicht der Töchter: Das kann dauern.

Zeit – ein ohne Zweifel objektiver, weil messbarer Wert – wird von jedem Einzelnen völlig anders empfunden. Das fängt aus der Wahrnehmung eines Kindes zuerst beim Warten auf die frische Windel, spätestens jedoch am Heiligen Abend an und wird sich mit dem Älterwerden noch einige Male im Leben in die eine oder andere Richtung drehen.

Der Jugendliche möchte ganz schnell Altersmarken erreichen, weil sich ihm dann neue Freiheiten eröffnen: nicht mehr so früh ins Bett müssen, bestimmte Sendungen im Fernsehen anschauen dürfen, länger abends mit Freunden abhängen können und nur wenig später das erste Mal wählen zu können.

Dann erreicht man jedoch einen Punkt, an dem man auch mal zurück- und nicht nur nach vorn schaut. In der Disco stellt man fest, dass coole Klamotten und Outfit nicht darüber hinwegtäuschen können, dass man nicht zu jener Generation gehört, die hier deutlich die Mehrheit stellt. Und wenn man später eine Familie und eigene Kinder hat, bekommt Zeit eine ganz neue Geschwindigkeit.

Nur zur Erinnerung: Die Uhren ticken noch immer im gleichen Rhythmus.

Wenn Stress und Abeitsalltag irgendwann ihre deutlichen Spuren innerlich und äußerlich hinterlassen haben, wächst die Sehnsucht nach Freizeit und Ruhe. An seinem vierzigsten Geburtstag wird klar, spätestens jetzt beginnt die zweite Halbzeit. Der Faktor Zeit bekommt eine ganz neue Bedeutung im Leben. Mit jedem Jahr, das verstreicht, wächst das Gefühl, Wochen, Monate, die Jahreszeiten gewinnen immer mehr an Tempo. Man plant seine Zeit, schaut auf den Kalender und stellt mit Erschrecken fest, dass die weißen, die noch nicht verplanten Abschnitte immer kleiner werden. Das schlechte Gewissen meldet sich auch, weil die gemeinsame Zeit mit der Familie, den Freunden – Menschen, für die man wichtig ist – wie feiner Sand durch die Finger rinnt. Diesen Fluss der Zeit hat Dalí in seinem Bild Die Beständigkeit der Erinnerung am Beispiel der zerfließenden Uhren bedrückend und doch ganz wunderbar eingefangen.

Das Abendessen war geschafft, die letzten Teller abgeräumt, die Geduld der Kinder kurz vorm Anschlag. Alle Familienmitglieder hatten ihre Geschenke sorgfältig unter dem Weihnachtsbaum im Wohnzimmer arrangiert. Schon anhand der Verpackung war zweifelsfrei abzulesen: Die Kinder waren sehr reichlich bedacht worden.

Als Max ins Weihnachtszimmer ging, um mit einem zarten Glockenschlag die Familie, vor allem aber seine beiden Töchter, zur Bescherung zu rufen, traf ihn ein anderer, völlig unerwarteter Schlag: Schwager Kalle – eigentlich Karlheinz – hatte in Max‘ Lieblingssessel Platz genommen, eine Colaflasche schon zuvor aus dem Kühlschrank gefischt und war soeben im Begriff, aus Max‘ sorgsam gehüteten 15 Jahre alten Whisky – großzügig eingeschenkt – und jener Brause eine Whisky-Cola zu mixen. Max, noch unter Schock, schwang die Glocke mit einer Wucht, als würde der Baum in Flammen stehen. Kalle goss unbeeindruckt zügig weiter, die Wohnzimmertür wurde mit Schwung geöffnet.

Da Monika und Max es versäumt hatten, Eltern und Schwiegereltern pädagogisch wirksam auf das Beschenken der Kinder einzustimmen, gingen das Aufsagen von Weihnachtsgedichten sowie das gemeinsame Absingen einiger stimmungsvoller Weihnachtslieder in einer nicht enden wollenden Kaskade aus weihnachtlichem Verpackungsmaterial unter. Die verzweifelten, aber in dieser Situation absolut erfolglosen Versuche der Eltern, dieser Bescherungsorgie etwas Struktur zu geben, konnten das Chaos nicht aufhalten. Die Großeltern wetteiferten um die Aufmerksamkeit der Enkel, wollten Bedeutung und Sinnhaftigkeit ihrer Geschenke erklären und überboten sich, den Kleinen deren Funktion und Anwendung zu vermitteln. Das war so erfolgreich wie der bereits gescheiterte Versuch der Eltern, die Beschaulichkeit des Weihnachtsabends zu retten.

Max, schon durch Kalle aus dem Takt gekommen – vom Whisky war nur noch ein winziger Schluck in der Flasche –, hatte jedes Zeitgefühl verloren. Er sah nur auf seine beiden Töchter, die völlig verstört mit verschwitzten Haaren und hochroten Ohren in einem Berg aus Weihnachtspapier und irgendwelchen Geschenken hockten. Die Kinder waren total überfordert und mehr oder minder durch den Wind. Seine Frau saß zusammengesunken in der Couchecke und schaute nicht minder ratlos als die beiden Mädchen.

„Ich denke, Miri und Lisa sollten jetzt erst einmal ihre Geschenke rüber ins Kinderzimmer tragen und wir sammeln das Geschenkpapier ein, damit wir hier wieder ein wenig Platz bekommen.“

Alle Beteiligten fanden Max‘ Vorschlag klasse. Miri und Lisa verschwanden im Kinderzimmer, der Papierberg in einem großen Plastiksack, den Max vorausschauend in der Küche geparkt hatte.

In den folgenden Jahren gab es viele Heilige Abende, die jedoch mit der Erfahrung, die Monika und Max aus der ersten Veranstaltung dieser Art gewonnen hatten, deutlich entspannter verliefen. Der Whisky in der Hausbar wurde an diesen Abenden durch ein Produkt aus einem Discounter ersetzt. Kalle schien den Unterschied nicht zu bemerken.

Das Ende einer Ehe

Viel Zeit war inzwischen vergangen. Miri und Lisa besuchten das Gymnasium, Max hatte eine neue Aufgabe im Bereich Marketing, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gefunden. Der neue Job bot viel Aufregendes, Interessantes. Er lernte Menschen aus Politik, Wirtschaft und Kunst kennen, sah seine Stadt aus ganz neuen Perspektiven.

Aber auch in diesem Fall hatte alles seinen Preis und der hieß: ZEIT! Von einer geregelten Arbeitszeit konnte keine Rede sein. Viele Veranstaltungen fanden erst abends statt, mussten jedoch bereits Stunden zuvor aufwendig und sorgfältig geplant und vorbereitet werden. Je mehr Max in dieser Rolle aufblühte, umso mehr blieb sein Privatleben auf der Strecke. Wenn er nachts, manchmal erst im Morgengrauen, nach Hause kam, schliefen Frau und Kinder. Morgens beim Frühstück, saß er mit Monika allein am Tisch, die Töchter waren bereits in der Schule. Ob ihre Beziehung damals schon angeschlagen war oder ob alles nur ein Symptom für eine ohnehin schon nicht mehr intakte Verbindung war, schwer zu sagen. Jahre später erst hat seine älteste Tochter ihm erzählt, dass sie ihrer besten Freundin damals gestand: „Ich glaube, meine Eltern werden sich trennen.“

Nur kurze Zeit später ist Max dann tatsächlich ausgezogen. Das Ende einer Ehe ist niemals eine Erfolgsgeschichte. Keiner trägt an dieser Entwicklung allein die Schuld. Alle gehen mit Verletzungen an Geist und Seele daraus hervor. Die Kinder, frei von jeder Schuld, tragen hierbei die größte Last.

Eine kleine, dafür umso teurere Altbauwohnung war jetzt Max‘ neuer Lebensmittelpunkt. Der Flur war so großzügig bemessen, dass man dort locker eine Kegelbahn hätte verlegen können. Nur logisch, dass dies zu Lasten der angrenzenden Räume ging. Als Max den Mietvertrag unterzeichnete, hatte der Besitzer, abweichend von den Angaben in der Zeitungsannonce, Miete und Kaution noch einmal nach oben korrigiert. Wäre seine Lage nicht so dramatisch gewesen, Max hätte dem schmierigen Typ den Vertrag um die Ohren gehauen. Der einzige Vorteil seiner neuen Bleibe war, dass sie nicht weit entfernt von seiner alten Wohnung lag, sodass seine Töchter ihren Vater jederzeit ohne großen Aufwand besuchen konnten, wenn sie wollten.

Er hatte in vielen Gesprächen mit Miri und Lisa immer wieder versucht zu erklären, dass die Trennung der Eltern nichts an seiner Liebe zu ihnen ändern würde. Doch ihm selbst war nur schemenhaft klar, wo und wann sich die Liebe zwischen ihm und Monika erst allmählich und unbemerkt, dann aber sehr spürbar aufgelöst hatte. Und jetzt sollte er bei seinen Kindern, zehn und fünfzehn Jahre alt, Verständnis für diese Entwicklung wecken?

Ein nicht enden wollender Albtraum überfiel ihn jeden Tag von Neuem, wenn er abends sein neues Zuhause betrat. Die gewohnte Geräuschkulisse des Kinderzimmers fehlte, das Lachen, das Streiten der Mädchen, ihre Berührungen, der Blick auf die schlafenden Töchter, bevor er selbst zu Bett ging. Jetzt lag eine bleierne Stille über seinem Altbauasyl. Max bewegte sich wie ferngesteuert durch seine Räume. Wenn er abends vor seinem kleinen Fernseher saß, hätte er in den ersten beiden Monaten nach der Trennung keinem erklären können, was er gesehen hatte.

Als er Wochen später seinen beiden engsten Mitarbeitern eröffnete, dass sich seine neue Adresse mit seinem Auszug von zu Hause erklären ließ, machte sich bei den beiden zu Max‘ Überraschung eher Erleichterung breit. „Das tut mir echt leid für euch, Max. Aber so, wie du in der letzten Zeit aussiehst, haben wir uns wirklich Sorgen gemacht. Wir dachten schon, du bist ernsthaft erkrankt.“

Die Arbeit half Max über die bis dahin schwierigste Phase seines Lebens hinweg. Eines Abends, als er nach einer sehr erfolgreichen Marketingveranstaltung die Tür zu seinem kleinen Altbau aufschloss und die Wohnung betrat, geschah ein kleines Wunder, trat eine schlagartige unerwartete Veränderung ein. Während er sich sonst planlos, fast apathisch durch die Räume bewegt hatte, wusste er in dem Moment, als er die Tür von innen schloss: „Das ist mein Zuhause. Hier werde ich, hier kann ich allein leben. Und sollte ich keine neue Partnerin finden, ich schaff‘ das alles ganz allein.“

Von diesem Abend an, verlief sein Alltag wieder in geordneten Bahnen. Er wurde gegenüber seiner Umwelt wieder aufmerksamer, offener. Er empfand Freude an kleinen banalen Dingen. Wenn er abends nach Hause kam, ging er unverzüglich in die Küche und begann zu kochen, was angesichts seiner finanziellen Situation nicht unbedingt einfach war. Max hatte beruflich einiges erreicht, er verdiente als Leiter einer Marketing- und Presseabteilung nicht schlecht. Aber nach Abzug des Unterhalts für Monika und die Töchter blieb ein Tagessatz von ungefähr 12 DM. Nichts, um abends auf die Piste zu gehen. Theater- und Konzertbesuche, Urlaub lagen in unerreichbarer Ferne. Er durfte darüber nicht nachdenken, wenn er seiner alten, grauen, traurigen Welt keine neue Chance geben wollte. Was seine Gedanken zusätzlich belastete, war der Umstand, dass Monika inzwischen mit einem neuen Mann zusammenlebte. Mit dessen Einkünften und seinen Unterhaltszahlungen lagen die beiden im Vergleich zu ihm wirtschaftlich betrachtet ganz weit vorn.

Die einzige Möglichkeit, mal herauszukommen, andere Menschen zu treffen, sich nicht so eingeschränkt zu fühlen, waren jetzt Fachtagungen oder Seminare für Führungskräfte im Bundesgebiet. Früher standen diese Veranstaltungen nicht unbedingt oben auf seiner Wunschliste. Die Verkaufsleiterakademie, die abgedrehten Rollenspiele bei Schulungen zur Mitarbeiterführung – er hatte vieles gelernt, aber nicht weniges auch als künstlich und belastend empfunden.

Jetzt waren die Seminare für ihn eine willkommene Abwechslung. In der kommenden Woche sollte er zu einer Tagung nach Hamburg. Fast eine Woche Hamburg, ein ansprechendes Hotel, es hätte nicht besser laufen können.

Begegnungen

Das Tagungshotel lag in Hamburg-Bergedorf. Von 9 bis 18 Uhr einschließlich Mittags- und Kaffeepause saß man zusammen. Diese Gesprächsrunden, auch kleine Referate von geladenen Experten, zwingen in einen anderen Arbeitsmodus. Der Mangel an Bewegung, das konzentrierte Zuhören – es ist anstrengend und ermüdend.

Der heutige Tag, fand Max, war besonders zäh verlaufen. Nach dem Abendessen hatte er sich sofort seinen Mantel gegriffen, war hinaus vor das Hotel gegangen. Für eine Fahrt nach Hamburg war es viel zu spät, denn morgen ging es ja um 9 Uhr wieder weiter. Er fühlte sich auch völlig hohl, wollte einfach nur ein wenig laufen, die frische Abendluft einsaugen. Nach einer guten halben Stunde – er war einfach nur vor sich hingetrottet – fand er sich vorm Hoteleingang wieder. Als er die Lobby betrat, hörte er Gelächter aus der angrenzenden Hotelbar. Noch immer müde und wenig motiviert, warf er dennoch aus Neugier einen Blick in die Bar. Eine kleine Gruppe von Tagungsteilnehmern hatte es sich dort am Tresen gemütlich gemacht: fünf Männer und mittendrin eine Frau. Mit ihrem Lachen, ihrer ansteckenden Fröhlichkeit hatte sie die Männerriege voll im Griff. Max war sie gleich am ersten Tagungstag aufgefallen: blond, Typ Schwedenmädel, halblanges Haar, gute Figur und kluge, witzige Diskussionsbeiträge. So weit er sich erinnerte, kam sie aus Kiel. Während er noch etwas unschlüssig am Eingang zur Bar stand und die Szene beobachtete, hatte ihn Karl aus München entdeckt. „Hallo Max, leg‘ mal deinen Mantel weg und komm‘ zu uns. Du brauchst sicher auch noch einen kleinen Schlummertrunk, oder?“ Max, noch immer etwas zögerlich, hängte seinen Mantel an der Garderobe auf und schlenderte Richtung Tresen. Karl hatte schon Kontakt zum Barkeeper aufgenommen. „Der junge Mann hier hat deutlich Rückstand, der bekommt erst mal eine schöne ‚Linie‘.“ – Für Nichteingeweihte: Aquavit der gehobenen Sorte. Max griff nach dem Glas und Karl begann seine Vorstellrunde. „Das ist Liv aus Kiel“, eröffnete er.

„Moment, Karl, das ist nicht ganz richtig. Ich arbeite jetzt in Kiel. Eigentlich komme ich aber aus einem kleinen Dorf kurz vor der deutsch-dänischen Grenze.“

Sie hatte ein klares, offenes Gesicht, lustige Augen und ein umwerfendes Lächeln. In diesem Moment bedauerte es Max nicht, dass er aus Neugier in die Bar geschaut hatte. Nein, er fühlte sich auf einmal gar nicht mehr müde, war sofort fasziniert von dieser ansteckend fröhlichen jungen Frau. Aus der Nähe sah sie noch hübscher, noch attraktiver aus, als er es im Tagungsraum wahrgenommen hatte.

Es war schon kurz nach Mitternacht, als sich die Gruppe auflöste und Max auf sein Zimmer ging. Obwohl er hoffte, dass keinem aus der Runde etwas aufgefallen war, hatte er doch Liv den ganzen Abend nicht aus den Augen gelassen. Als er jetzt in seinem Zimmer stand, lächelte er: Mann, du hast dich ja wie ein Pennäler bei seiner ersten Tanzstunde aufgeführt.

In den folgenden beiden Tagen nutzte Max die Pausen, um irgendwie in die Nähe von Liv zu kommen. In der Teilnehmerliste fand er ihren vollständigen Namen und den des Unternehmens, bei dem sie in Kiel beschäftigt war. Beides hatte er sofort in seinem Notizbuch auf einer besonderen Seite vermerkt.

Seit einer Woche war Max nun wieder in Berlin und es verging kein Tag, an dem er nicht immer wieder mal auf der „besonderen Seite“ seines Notizbuches landete. Die Telefonnummer des Unternehmens war inzwischen auch dort notiert. Er könnte sie anrufen, aber welchen Grund könnte er vorschieben, ohne sich wie ein Depp vorzukommen?

Als er am Abend in seiner Küche stand und gerade mit den Bratkartoffeln in der Pfanne beschäftigt war, klingelte das Telefon – Miri, seine älteste Tochter.

„Na, Papa, wie war‘s in Hamburg, alles gut gelaufen?“

Max berichtete ausführlich, die Pfanne mit den Bratkartoffeln hatte er sicherheitshalber vom Gas genommen.

„Hast du denn keine netten Leute getroffen?“, hakte Miri nach.

Max druckste ein wenig herum, Miri ließ nicht locker.

„Naja, an dem einen Abend haben wir noch ein bisschen in der Hotelbar gesessen. War ‚ne Frau Petersen aus Kiel dabei. Eigentlich eine ganz nette, sieht auch gar nicht schlecht aus.“ „Na und, Papa, hast du sie mal angerufen?“

„Miri, ich komm‘ mir irgendwie blöd vor, wenn ich da ohne Grund in Kiel anrufe. Was soll ich denn sagen, warum ich mich melde?“

„Mensch, Papa, meinst du, die ruft bei dir an? Wenn du sie nett findest, musst du schon ein bisschen Risiko eingehen, oder?“

Miri hatte recht. Was sollte schon passieren? Er hatte doch auch in den beiden letzten Tagen in Hamburg den Eindruck gewonnen, dass Liv ihn ganz sympathisch fand. Als er am nächsten Vormittag in seinem Büro saß, die morgendliche Besprechung mit seinen Mitarbeitern war vorbei, griff er zum Telefon und wählte die Kieler Nummer. Die Zentrale meldete sich.

„Hallo, Max Weber aus Berlin. Würden Sie mich bitte mit Frau Petersen verbinden?“

„Herr Weber, das würde ich gern, wenn Sie mir sagen, mit welcher. Wir haben hier Anita, Karla und Liv Petersen.“

„Ich würde gern mit Liv Petersen sprechen“, warf Max hastig ein.

„Ja, das tut mir leid, Herr Weber. Frau Petersen hat heute einige Termine außer Haus. Wenn Sie wollen, kann ich ihr eine Nachricht zukommen lassen.“

„Sagen Sie einfach nur, Max Weber aus Berlin hat angerufen. Dann weiß sie schon Bescheid“.

Das lief ja super. Max blickte traurig und ein wenig frustriert auf das Telefon: Jetzt reiß ich mich schon mal zusammen und dann das. Wahrscheinlich kommt die Info gar nicht bei ihr an. Und wenn doch – die ruft bestimmt nicht zurück.

Max hatte den Hörer auf den Apparat geknallt und starrte enttäuscht aus dem Fenster.

Viel Zeit blieb ihm nicht, seinen trüben Gedanken nachzuhängen, denn nach einem kurzem Höflichkeitsklopfer an der Tür stürmte sein Mitarbeiter Dieter ins Büro. „Max, wir haben ein Problem!“

Max fand, er hätte sowieso schon eins, und nun kam auch noch Dieter mit einem weiteren um die Ecke. Die Woche fing ja spitzenmäßig an. „Was ist denn los, Dieter?“

Dieter ließ sich in den Stuhl vor Max‘ Schreibtisch fallen. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. „Die Zentrale hat gerade angerufen und eine Riesenwelle gemacht. Wir bekommen morgen einen internationalen Gast aus Peking. Wenn du denkst, wir erhalten aus der Presseabteilung Unterstützung – das kannst du vergessen. Die haben noch nicht einmal einen Dolmetscher für den Chinesen.“