John Sinclair 2167 - Horror-Serie - Ian Rolf Hill - ebook

John Sinclair 2167 - Horror-Serie ebook

Ian Rolf Hill

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Opis

Der Fall begann mit einem Telefonanruf. Das war an und für sich nichts Besonderes. Auch der Anrufer weckte zunächst einmal kein Misstrauen in mir. Obwohl jemand wie Abe Douglas nicht zum Spaß anrief. Erst recht nicht, morgens um neun, schließlich lag New York fünf Stunden zurück. Dort herrschte gewissermaßen noch tiefste Nacht. Allein dieser Umstand sorgte bei mir für ein leichtes Stechen in der Magengegend. Die wahre Bombe platzte jedoch erst nach Abes knapper Begrüßung. "Lass alles und stehen und liegen und nimm den nächsten Flieger nach Portland. Suko muss auch mitkommen. Und bringt alles mit, was ihr an Waffen habt."

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MOBI

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Inhalt

Cover

Impressum

Himmelfahrtskommando zur Höllenbrut

Briefe aus der Gruft

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: DomCritelli; NextMarsMedia/shutterstock

Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-9284-5

„Geisterjäger“, „John Sinclair“ und „Geisterjäger John Sinclair“ sind eingetragene Marken der Bastei Lübbe AG. Die dazugehörigen Logos unterliegen urheberrechtlichem Schutz. Die Figur John Sinclair ist eine Schöpfung von Jason Dark.

www.john-sinclair.de

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Himmelfahrtskommando zur Höllenbrut

von Ian Rolf Hill

Der Fall begann mit einem Telefonanruf. Das war an und für sich nichts Besonderes. Auch der Anrufer weckte zunächst einmal kein Misstrauen in mir. Obwohl jemand wie Abe Douglas nicht zum Spaß anrief. Erst recht nicht morgens um neun, schließlich lag New York fünf Stunden zurück. Dort herrschte gewissermaßen noch tiefste Nacht.

Allein dieser Umstand sorgte bei mir für ein leichtes Stechen in der Magengegend.

Die wahre Bombe platzte jedoch erst nach Abes knapper Begrüßung.

»Lass alles stehen und liegen, und nimm den nächsten Flieger nach Portland. Suko muss auch mitkommen. Und bringt alles mit, was ihr an Waffen habt.«

»Verrätst du mir vielleicht erst einmal, was los ist?«, fragte ich. Eine solche Hektik war für meinen Freund vom FBI eher untypisch.

»Wir haben ihn, John!«

»Wen?«

»Lykaon! Wir haben sein verdammtes Versteck gefunden.«

Auf einer Insel im Pazifik, fünfzig Seemeilen vor der Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika

Sie versuchte, sich ihren Schmerz nicht anmerken zu lassen.

Leichter gesagt als getan, denn Denise Curtis zitterte am ganzen Leib. Sie bebte vor Wut, Enttäuschung und Furcht. Ja, sie hatte Angst, denn ihr Vater, Egeas Demeter, alias Lykaon, hatte ihren Verrat weit weniger gelassen aufgenommen, als ihre Freundin Carnegra prophezeit hatte.

Doch was hatte sie auch erwartet? Dass er sie liebevoll in den Arm nahm und fragte, warum sie seine Söhne einem ihrer ärgsten Feinde gewissermaßen auf dem Silbertablett serviert hatte?1)

Eine Metapher, der es nicht an Ironie mangelte, bedachte Denise den Umstand, dass es sich bei ihren Brüdern (Halbbrüder, um genau zu sein) um Werwölfe gehandelt hatte. So wie sie auch einer war. Zwei Dinge machten jedoch den Unterschied, eigentlich drei, wenn man berücksichtigte, dass Denise ein Einzelkind war und ihre Halbrüder Zwillinge.

Aber diese Unterschiede waren für ihren Daddy Lykaon entscheidend. Obwohl es doch eigentlich Kinkerlitzchen waren.

Sicher, Denises Mutter war ein Mensch und keine Dämonin aus der Urzeit gewesen, ja und? Sie hatte auch keine Tarnung als erfolgreiche Anwältin gehabt, sondern hatte ihr Lebtag am Existenzminimum gekratzt. Untere Mittelschicht nannte man das wohl. Egal, Geld hatte Dad schließlich im Überfluss.

Der zweite Unterschied war da schon deutlich erheblicher, denn im Gegensatz zu ihren Brüdern war Denise ein Mädchen, das naturgemäß nun mal weniger Nachkommen zeugen konnte als ein Mann. Und darum ging es Lykaon schließlich: Nachkommen zeugen, die Blutlinie aufrechterhalten. Blöderweise waren seine Kinder nicht in der Lage, sich durch einen Biss zu vermehren. So wie die Werwölfe von Fenris, seinem ärgsten Rivalen.

Daher ja auch die Idee, Werwölfe zu klonen.

Zu Hunderten wuchsen sie im Herzen der Anlage heran, die unterhalb des altmodischen Herrenhauses im Zentrum der Insel lag, inmitten eines dichten, fast dschungelartigen Waldes.

Trotzdem legte ihr Vater Wert auf eigene Nachkommen, denn die Klone waren nicht mehr als Fußsoldaten. Sie wurden aus dem Erbgut eines früheren Abkömmlings der Blutlinie gezüchtet. Lykaons DNS war dafür dummerweise nicht zu gebrauchen. Die Stränge zerfielen nach kurzer Zeit, sodass die Klone starben.

Er erklärte es natürlich damit, dass man einen Gott nicht kopieren könne, größenwahnsinnig wie er nun einmal war. Vielleicht stimmte diese ganze Sache sogar, dass ihr Vater von Fenris verraten und besiegt worden war. Der hatte ihn gebannt und mit magischen Fesseln gebunden, die Luzifer, der gefallene Engel, löste, indem er Lykaon menschliche Gestalt verlieh und zum König von Arkadien machte.

Doch die Katze lässt das Mausen nicht, und so servierte Lykaon Zeus während eines Gelages Menschenfleisch, woraufhin ihm dieser die Maske vom Gesicht riss und das Ungeheuer, das er in Wirklichkeit war, enttarnte. Wieder forderte Lykaon seinen Bruder zum Kampf heraus und wieder unterlag er. Durch einen Trick gelang es ihm, dem Götterwolf eine Chimäre unterzuschieben, die anstelle seiner in das Grab auf der Halbinsel Peloponnes gebannt wurde.

Lykaon aber floh in die Neue Welt, wo sich seine Spur im Laufe der Jahrhunderte verlor.

Vermutlich hatte er versucht, weitere Kinder zu zeugen. Ein Unterfangen, das nur von mäßigem Erfolg gekrönt gewesen war. Vielleicht hatte Zeus in seiner Wut mehr kaputt gemacht, als sich Lykaon eingestehen wollte. Immerhin war er ein Gott, sein Samen hätte Hunderte, wenn nicht Tausende Frauen schwängern müssen!

Denise konnte diese Leier nicht mehr hören. Aber er war nun mal ihr Vater und obwohl sie es nicht gerne zugab und er sie ohne mit der Wimper zu zucken geopfert hätte, so sehnte sie sich doch nach seiner Anerkennung. Tatsache war nämlich, dass sich Denise auf der Insel tierisch langweilte. Und aus Langeweile war schließlich Einsamkeit geworden. Es mangelte ja nicht nur an gleichaltrigen Freunden, sondern generell an menschlicher Gesellschaft.

Die Klone zählten in ihren Augen nicht, die waren lediglich zum Kämpfen gezüchtet worden.

Erst als Carnegra eingetroffen war, verletzt und gedemütigt, hatte sie jemanden gehabt, mit dem sie reden konnte wie mit einer echten Freundin. Was schon ziemlich verrückt war, immerhin war Carnegra eine uralte Dämonin aus den Anfängen der Menschheit, mit der Lykaon in grauer Vorzeit die Mantikore gezeugt hatte. Dass sie beide ein und denselben Vater hatten, machte diese ganze Angelegenheit noch schräger.

Denise kümmerte das nicht. Sie war froh gewesen, dass Carnegra ihr Gesellschaft leistete. Zumal diese nicht gut auf Denises Vater zu sprechen war, der versucht hatte, sie zu töten, nachdem er erfahren hatte, dass sie keine Mantikore mehr gebären konnte. Letztendlich hatte sie es Phorkys, dem Vater der Ungeheuer, zu verdanken, dass sie noch lebte. Der war wiederum der Erzeuger von Carnegra und Lykaon, was den Alten des Meeres, wie Phorkys auch genannt wurde, zu Denises Großvater machte.

Jedenfalls hatte Carni ihr geholfen, Terry und Mason aus dem Weg zu räumen. Dass sie dabei kurzzeitig einen Pakt mit John Sinclair hatten eingehen müssen, war nicht mehr als eine Randnotiz. Der Zweck heiligt die Mittel, so sagte man doch, oder?

Carnegra war der Ansicht gewesen, dass Lykaon es sich nicht leisten konnte, deshalb den zornigen Gott zu spielen, indem er Denise tötete. So viele direkte Nachkommen schien er nicht mehr zu haben, und Denise hatte keineswegs vor, sich den Platz an seiner Seite streitig machen zu lassen. Trotzdem war die Enttäuschung groß gewesen, als sie nach Wochen auf die Insel zurückgekehrt waren und Denise festgestellt hatte, dass ihr Zimmer ausgeräumt worden war.

Alles, was sie besessen hatte, war zu einem Haufen schwarzer Schlacke verbrannt!

Auch damals hatte sie versucht, ihren Kummer unter Kontrolle zu bekommen, indem sie das getan hatte, was sie am besten konnte, sie war ausgerastet. Als reißende Bestie war sie tobend durch das Haus gestürmt. Ein dummer Fehler, den sie kurz darauf bitter bereut hatte.

Ihr Vater hatte sie so derbe verdroschen, dass kein Knochen heile geblieben war.

Für sie als Werwölfin und Tochter eines – angeblichen – Gottes keine große Sache, doch es hatte wehgetan und gedauert, bis sie sich erholt hatte und sich sämtliche Knochen wieder zusammengefügt hatten.

Erwacht war sie in einem Verlies, in dem es weder Fenster noch Türen gab. Nur feuchtes, aus Bruchsteinen gefertigtes Mauerwerk. So viel hatte sie wenigstens ertasten können, ansonsten war die Finsternis dermaßen dicht, dass sie nicht mal die Hand vor Augen erkennen konnte.

Denise war allein!

Ohne Gesellschaft, ohne Laptop, ohne Handy!

Was aus Carnegra geworden war, wusste sie nicht, und allein die Ungewissheit das Schicksal ihrer besten, weil einzigen Freundin betreffend, trieb sie in den Wahnsinn. Doch niemand hörte ihr Schreien, Heulen und Flehen. Niemand interessierte sich für sie.

In unregelmäßigen Abständen rutschten Plastikflaschen mit Wasser und Beutel gefüllt mit rohem Fleisch über einen schmalen Schacht, der das Verlies mit Frischluft versorgte, in den Kerker. Ihre Notdurft musste sie in einer der Ecken verrichten, wie das Tier, das sie nun mal war.

Und es kam der Moment, in dem sich Denise wieder nach Boston sehnte. In ihr altes, langweiliges Leben zurück. In die Arme ihrer Mutter, die sie getötet hatte.

Mit diesen Gedanken kamen die Tränen.

Plötzlich war Denise beinahe froh gewesen, dass sie hier unten niemand sah und hörte.

Denise Curtis, Lykaons Tochter, weinte nicht!

Sie war stark und unbeugsam!

Sie wusste doch genau, was ihr Dad mit dieser Aktion bezweckte. Er wollte sie bestrafen, sie brechen. Ihr zeigen, wie schwach sie war. Seiner Gunst nicht würdig. Aber das stimmte nicht. Es war eine Lüge! Und sie würde es ihm beweisen. Ihnen allen würde sie es beweisen!

Wenn es nur nicht so schwer gewesen wäre. Diese endlose Warterei. Allein mit sich und ihren Gefühlen.

Aber sie würde es schaffen, denn sie war Lykaons Tochter!

Und dann waren die beiden Lichter in der undurchdringlichen Schwärze aufgeflammt. Blutrot und so intensiv leuchtend, dass ihr Schein sogar die verbrannte, ledrige Fratze, die das wahre Antlitz Lykaons darstellte, aus der Dunkelheit riss.

Ja, die Schönheit hatte Denise eindeutig von ihrer Mutter geerbt, so viel stand fest. Die innere Stärke aber, die Wut und der alles verzehrende Hass, all das stammte von ihrem Vater!

Vermutlich brach sie deshalb nicht umgehend unter seinem Blick zusammen, der sich wie Feuer in ihre Seele brannte. Er sprach von einer unstillbaren Gier, einem nicht zu sättigenden Hunger. Unwillkürlich schlug Denises Herz schneller, fing an zu rasen, während sich ihr Magen verkrampfte.

Das Mädchen Denise verging fast vor Angst, und so übernahm die Bestie die Kontrolle.

Die Verwandlung nahm nur einen Lidschlag in Anspruch. Aus Furcht wurde Wut, die in ihr hochschoss wie die Lava im Schlot eines Vulkans, kurz vor dem Ausbruch. Denise hatte das Gefühl, ihr Körper müsse bersten. Eine Kribbeln rann über ihre Wirbelsäule, Gänsehaut bildete sich auf jedem Quadratzoll ihres nackten Leibes.

Und wo eben noch ein hübsches, blondes Mädchen gekauert hatte, erhob sich eine kraftvolle Bestie mit schwarzgrauem Pelz und mächtigen Pranken. Denise zog die Lefzen hoch und fletschte die Zähne. Ein in die Enge getriebenes Tier, auf das Lykaon auf seinen baumstammdicken Beinen zu stapfte. Ledrige Schwingen entfalteten sich, während Feuer und Schwefel aus Maul und Nüstern stoben.

Es war das erste Mal, dass ihr Vater sie hier unten besuchte. Dass überhaupt jemand kam, um zu sehen, wie es ihr ging und ein winziger Teil ihres Verstandes, der klägliche Rest, der noch zu menschlichen Empfindungen fähig war, spürte Erleichterung und Freude!

Das machte die Bestie indes nur noch zorniger.

Mit einem Satz sprang Denise ihren Vater an, schlug mit den Krallen nach der Fratze, die noch immer die Spuren des silbernen Kreuzes aufwies, das ihm der FBI-Agent Abe Douglas in die Schnauze gerammt hatte. Ihre Zähne schnappten nach Lykaons Kehle, aus der ein raues, höhnisches Gelächter drang, nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie der mörderische Hieb traf, der sie zurück schleuderte.

Heftiger Schmerz zuckte durch ihren Brustkorb, als mehrere Rippen brachen. Eine warme Flüssigkeit füllte ihre Lunge. Dass ihr linker Arm aus der Gelenkpfanne sprang, spürte Denise kaum. Sie würgte und spuckte Blut, derweil sich die Knochen zusammenfügten und ihre Lunge regenerierte.

Ein Ruck, und der ausgekugelte Vorderlauf war wieder dort, wo er hingehörte.

Schon traf sie der nächste Schlag seitlich am Schädel und fällte Denise, die mit gebrochenem Genick auf den Boden schlug, zu Füßen ihres Vaters. Und obwohl er ihr diese grässlichen Schmerzen zufügte, genoss sie beinahe jeden einzelnen Schlag.

Liebe konnte sie von einem Geschöpf wie ihm nicht erwarten. Doch der pure Hass, mit dem er sie zusammenschlug, war so viel besser als die Gleichgültigkeit, mit der er sie die letzten Tage, Wochen und Monate gestraft hatte. Selbst als sie noch nicht eingesperrt gewesen war, hatte er sie kaum beachtet, sie wie Luft behandelt und sich nur um seine Geschäfte und seine größenwahnsinnigen Eroberungspläne gekümmert.

Doch jetzt … jetzt hatte sie seine Aufmerksamkeit.

Und Denise Curtis lachte. Sie bellte und geiferte, während die Schmerzen durch ihren Leib pulsierten. Selbst als sie wieder menschliche Gestalt annahm und sich vor Qualen auf dem Boden krümmte, weinte und lachte sie.

»Du hast mich verraten«, grollte Lykaon. »Dafür müsste ich dich töten, aber ich brauche dich. Du bist meine Tochter! Und du hast bewiesen, dass du bereit bist, zu kämpfen. Doch das genügt mir nicht. Wir brauchen Nachkommen. Die Blutlinie darf nicht enden, und es ist an der Zeit, dass du deinen Teil dazu beiträgst. Du bist alt genug!«

Denise Curtis hörte seine Worte, doch sie weigerte sich, sie zu akzeptieren. Ihre Augen weiteten sich vor Grauen, als sich ihr Vater zu ihr hinunter beugte. Seine roten Augen wurden größer und größer.

»N…nein!«, wimmerte sie. »B…bi…!« Sie biss sich auf die Unterlippe. Alles Flehen und Betteln hatte keinen Zweck, würde seine Verachtung nur steigern und die Wut anstacheln.

Seine Pranke umklammerte ihren Knöchel, zerrte sie über den kalten Steinboden.

Denise spreizte die Arme und bohrte die Finger in die Fugen des Gesteins, um sich festzuhalten. Sie presste die Zähne so fest aufeinander, bis sie knirschten. Wenn sie nur eine Sekunde nachließ, würde der Druck in ihrer Brust bersten und sich schluchzend Bahn brechen. Sie wagte nicht, sich auszumalen, was dann geschah.

Das konnte er doch nicht tun. Das nicht! Das war … unmenschlich?

Ja, das war es. Aber es passierte jeden Tag. Hunderte, Tausende Male auf der Welt verging sich der Mensch an seinem eigen Fleisch und Blut. Warum sollte Lykaon, der Kannibale, der Wolfsdämon, es nicht machen?

Das Einzige, was Denise Curtis tun konnte, war es stumm über sich ergehen zu lassen. Einmal mehr hieß sie die Finsternis willkommen, denn sie verbarg die Tränen, die heiß aus ihren Augen kullerten.

Wir landeten nach zehnstündigem Flug auf dem Portland International Airport. Da der Bundesstaat Oregon acht Stunden hinter London zurücklag, hatten wir im Prinzip nur zwei verloren.

Es war kurz nach halb vier, als uns ein Angehöriger der Air National Guard in Empfang nahm. Abe Douglas hatte nicht auf uns warten können, er befand sich längst an Bord der USS Abraham Lincoln, die sich von Süden her der Insel näherte.

Es gab mehrere Kriegsschiffe, die schneller vor Ort gewesen wären, doch erstens wollte man Lykaon nicht unnötig warnen und zweitens gab es wohl keine Crew innerhalb der U.S. Navy, die besser geeignet war, gegen einen solchen Feind vorzugehen. Die Besatzung der Lincoln hatte nämlich vor gar nicht allzu langer Zeit eine unschöne Begegnung mit Dämonen gehabt. Mehr noch, der gesamte Flugzeugträger war in eine fremde Dimension versetzt worden und ausgerechnet auf Toghan gestrandet, dem entrückten Land.

Toghan selbst existierte nicht mehr, zumindest gingen wir davon aus, doch der Abraham Lincoln war die Rückkehr gelungen. Nicht zuletzt dank des Eingreifens von unserem Feind Matthias, der dies natürlich nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit getan hatte.

Im Kampf gegen Dämonen kam es nicht allein auf die passenden Waffen an, sondern in erster Linie darauf, Dinge akzeptieren zu können, die nicht mit unserer Schulweisheit konform gingen. In dieser Hinsicht hatten Captain Lewis Aldridge und seine Mannschaft Einiges hinzugelernt.

Und wer sich in einer fremden Dimension gegen mutierte Leichenfresser und altatlantische Dämonen behauptet hatte, den konnten ein paar Werwölfe wohl kaum noch schocken.

So ähnlich hatte sich Abe jedenfalls am Telefon ausgedrückt. Ich hatte verzichtet, ihn darauf hinzuweisen, dass es in Lykaons Nähe alles Mögliche geben mochte, aber gewiss keine normalen Werwölfe, zumindest nicht ausschließlich.

Uns war zwar bekannt, dass er seine Soldaten gewissermaßen am Fließband produzierte, aber er verfügte auch über unzählige Kreaturen der Finsternis, die ihm bedingungslos zur Seite standen. Selbst wenn das Kapitel der Mantikore abgeschlossen war, so durften wir nicht den Fehler begehen, den Feind zu unterschätzen.

Und dann war da ja noch Lykaon höchstpersönlich, mit dem wir alle schon grauenhafte Begegnungen hinter uns hatten. Suko in der Mongolei, ich in Bulgarien und Abe Douglas in Boston sowie in Riverside, wo es meinem Freund gelungen war, der Bestie das geweihte Silberkreuz in die Visage zu drücken.

Vernichtet hatte es Lykaon nicht, und das bewies uns, wie mächtig diese Kreatur geworden war, der es gelang, tapfere Männer mit einem einzigen Blick aus seinen tückischen Raubtieraugen in die Knie zu zwingen.

Aus diesem Grund hatte uns Abe gebeten, sämtliche Waffen mitzunehmen. Daher befanden sich nicht nur die mit geweihten Silberkugeln geladenen Berettas im Diplomatengepäck, sondern auch das Schwert Kusanagi-no-tsurugi, die Krone der Ninja, der silberne Nagel, der magische Bumerang sowie das Bowiemesser, das ich von Michail Chirianow geerbt hatte. Zu diesem Zweck hatte ich sogar den alten Einsatzkoffer aus der Mottenkiste geholt, in dem sich auch die magische Kreide befand. Nur das Schwert und die Krone mussten wir separat aufgeben.

Den Rest trugen wir ohnehin stets am Mann.

Über Portland, Oregon, hingen bleigraue Regenwolken und ich hoffte inständig, dass es kein böses Omen war. Noch regnete es nicht, und vom Pazifik wehte nur schwacher Wind zu uns herüber.

Der Chef der Basis war ein Mann Ende vierzig mit dichtem Schnauzbart und dunklem Haar, in das sich graue Strähnen mischten. Er trug eine zweckmäßige Uniform und salutierte sogar vor uns.

»Mason Samuels, Sirs!«, schnarrte er. »Kommandant der Oregon ANG-Base.«

Fehlte nur noch, dass er die Hacken zusammenschlug.

Ich winkte ab und stellte Suko und mich vor. Samuels ergriff meine ausgestreckte Hand. »Herzlich Willkommen. Admiral Forbes hat mich instruiert, und angewiesen Sie umgehend auf die USS Abraham Lincoln zu bringen.«

Daher weht also der Wind, dachte ich und lächelte schmallippig. Admiral Forbes war ebenfalls in die Ereignisse um das vorerst letzte Auftauchen Toghans involviert gewesen. Er hatte die Blockade kommandiert und war zugleich der Vater von Lieutenant Vivien Forbes, die damals großen Mut bewiesen hatte.

»Vielen Dank, Chief Samuels«, sagte Suko, nachdem ihm der Kommandant ebenfalls die Hand geschüttelt hatte. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würden wir gerne ohne Verzögerung weiterfliegen.«

»Deshalb bin ich hier!«, erwiderte der Mann. »Bitte folgen Sie mir!«

Das taten wir und staunten nicht schlecht, als wir vor dem Flughafengebäude einen schweren Hummer stehen sahen, dessen Fahrer hinter dem Steuer auf uns wartete.

Wir wuchteten das Gepäck in den Kofferraum und hangelten uns in den Fond. Dann brachten uns die beiden Gardisten zum Südende des Areals, wo die ANG, die Air National Guard, ihre Basis hatte. Dort erwartete uns ein Sikorsky UH-60, ein sogenannter Black Hawk.