Italien - Gianluca Falanga - ebook

Italien ebook

Gianluca Falanga

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Opis

Spätestens seit Goethes Italienreise blicken die Deutschen sehnsüchtig nach Süden, auf das "Land, in dem die Zitronen blühen". Die Klischees vom Dolce Vita sind so zahlreich wie die von den Schattenseiten Italiens, von allgegenwärtiger Korruption, innerstädtischen Müllbergen und ehrenwerten Mafiosi. Gianluca Falanga führt durch die chaotischen Zustände seines Heimatlandes, erzählt von der Geschichte und politischen Kultur Italiens, vom Alltag und dem Zusammenleben seiner Landsleute. Ein Kompass für alle Italienliebhaber.

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Gianluca Falanga

ItalienEin Länderporträt

Gianluca Falanga

Italien

Ein Länderporträt

An S.

quando l’ora è blugli dei stanno a guardare

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber www.dnb.de abrufbar.

2. Auflage als E-Book, August 2016entspricht der 3., aktualisierten Druckauflage vom Juli 2016© Christoph Links Verlag GmbHSchönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0www.christoph-links-verlag.de; [email protected]: Stephanie Raubach, Berlin, unter Verwendung eines Fotos von iStock, © iStock/deimagineLektorat: Günther Wessel, Berlin

eISBN 978-3-86284-347-3

Inhalt

Italien: halb Garten und halb Kerker

Italienische Zustände

Die Palmengrenze

Zukunftsängste

Altes Land, junge Nation: eine kurze Geschichte Italiens

Das Risorgimento: die Geburtsstunde der italienischen Nation

Ein beschämendes Made in Italy: der Faschismus

Geburtsfehler einer unvollendeten Demokratie

Don Camillo und Peppone: das Italien der zwei »Kirchen«

Aufbruch und Terror: die 70er Jahre

Von der Ersten zur Zweiten Republik: die Stunde des Cavaliere

Mafia heißt Politik: Geschichte eines Krebsgeschwürs

Die Stabilität des Chaos: Demokratie auf Italienisch

Die Italiener und ihre Herrscher

Demokratieabbau?

Im Gleichgewicht: die Gesellschaft der Dauerkrise

Die Familie über alles

Beunruhigende Anzeichen

Der Papst und die Italiener

Als Frau in einer Männergesellschaft

Armut und Reichtum in einer unzivilen Gesellschaft

Die Moral der Ausnahme

Homo italicus: Macken und Leidenschaften des Italieners

Die Italiener und das Fernsehen

Die Italiener und das Gesetz

Die Italiener und die Religion

Die Italiener und die Freundschaft

Ein Land als Weltkulturerbe: Kunst und Kultur in Italien

Historische Verantwortung: italienische Kulturpolitik

Kunst: zwischen Einmischung und politischer Apathie

Eine alltägliche Kunst: die Italiener und das Essen

Anhang

Literaturverzeichnis und Lesetipps

Nützliche Informationen

Basisdaten

Über den Autor

»Schade, dass man hier nicht dauernd leben kann. Von diesen kurzen Besuchen hat man nichts als ungestillte Sehnsucht und die Empfindung der Unzulänglichkeit auf allen Seiten.«

Sigmund Freud

Italien: halb Garten und halb Kerker

Womit soll ich anfangen, will ich deutschen Lesern von Italien berichten? Was weiß man hier von, was versteht man unter Italien? Obwohl das Stiefelland zu den von den Deutschen am meisten besuchten Ländern der Welt gehört, ist es augenscheinlich ziemlich wenig. Gehen wir also auf Nummer sicher und beginnen mit Goethe.

Der größte deutsche Dichter kam dreimal nach Italien. In die Geschichte eingegangen ist die erste Reise, die er Anfang September 1786 unternahm, als er Weimar bei Nacht und in aller Heimlichkeit in Richtung Süden verließ. Es war eine Flucht. Goethe war nicht nur ein anerkannter Dichter, sondern auch Geheimer Legationsrat, sprich: Minister im Kabinett des Herzogs Carl August von Sachsen. Ein Job, der ihn von seiner literarischen Tätigkeit ablenkte und seine Kunst erstickte. Deshalb zog er nach Süden, nach Italien: Wo sollte er sonst neue Inspiration und frischen Antrieb für seinen Geist finden?

Allerdings war Goethe auf der Suche nach einem sehr bestimmten Italien. Genauer gesagt, es ging ihm gar nicht um Italien. Er wollte nur eine Vision bestätigt sehen – einen Traum mit offenen Augen träumen: »Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen …«. Die großen Maler des Mittelalters und der Renaissance interessierten ihn wenig. In Florenz weilte er gerade mal drei Stunden, und in der Sixtinischen Kapelle schlief er sogar ein. Die prunkvolle Barockkunst ließ ihn ziemlich kalt wie auch die zeitgenössische politische Situation des Landes. Nur in Rom, Paestum, Pompeji, Agrigent fand der Dichter das ersehnte Ambiente für seine künstlerische Wiedergeburt: das griechischrömische Altertum.

Weit weniger bekannt als Goethes Italien-Aufenthalt von 1786 bis 1788 sind die gescheiterten Versuche des Dichters, diese Erfahrung zu wiederholen. Eine zweite Reise endete schon in Venedig, beim dritten und letzten Mal schaffte er es nur noch bis zur italienisch-schweizerischen Grenze und machte gleich wieder kehrt. Seine innere Einstellung hatte sich wesentlich verändert, ihn bewegte kein Bedürfnis mehr nach einem Ausbruch aus dem Alltagsleben in Weimar. Italien war nicht mehr das Land, das ihn früher so sehr begeistert hatte. Die Wirklichkeit, für die er bloß keine Augen gehabt hatte, hatte das Ideal abgelöst und war in den Vordergrund gerückt. Aus Mignons »Land der Zitronen« wurde:

»Noch ist Italien, wie ich’s verließ, noch stäuben die Wege,

noch ist der Fremde geprellt, stell er sich, wie er auch will.

Deutsche Rechtlichkeit suchst du in allen Winkeln vergebens,

Leben und Wesen ist hier, aber nicht Ordnung und Zucht;

jeder sorgt für sich, ist eitel, misstrauet dem andern,

und die Meister des Staats sorgen nur wieder für sich.

Schön ist das Land! Doch ach! Faustinen find ich nicht wieder.

Das ist Italien nicht mehr, das ich mit Schmerzen verließ.«

Was lehrt uns Goethe? Schon bei ihm zeigt sich, dass die beinah sprichwörtliche Italien-Liebe der Deutschen traditionell von einem Widerspruch charakterisiert ist: Die Leidenschaft für die jahrhundertealten Kulturschätze, Naturschönheiten und die Leichtigkeit des Lebens ist von einem doch recht deutlichen Desinteresse an der sozialen und politischen Wirklichkeit begleitet. Bei keinem anderen Land auf der Welt klaffen Ideelles und Reales in der Wahrnehmung der Deutschen so weit auseinander wie bei Italien. Daraus resultieren einerseits eine weitgehend ehrlich empfundene, teilweise rührend naive Faszination für Italien, andererseits eine Ignoranz dem gegenüber, was die Italiener gerade beschäftigt oder welche historischen Erfahrungen sie geprägt haben. Diesseits der Alpen scheint man für ein statisches Italien-Bild zu schwärmen. Für eine Ansichtskarte. Und wie schön wäre Italien ohne Italiener!

Wie entsteht diese Wahrnehmung? Zum einen dadurch, dass Italien in Deutschland als Ferienland schlechthin gilt. Zum andern liegt es nicht an den Deutschen, sondern an Italien selbst – an seiner Komplexität. Tatsächlich ist die Halbinsel ein schwieriges, geradezu unfassbares Land. Unter der dünnen, aber festen Oberfläche von heiterer Unbekümmertheit, von verführerischer Unverantwortlichkeit, kurz: dem sogenannten dolce vita, verbirgt sich ein zutiefst unruhiger Kern, eine Wirklichkeit von heftigen, nicht selten gewaltsam ausgetragenen Konflikten. Hier bestehen in einer einmaligen, seltsamen und faszinierenden Harmonie Gegensätze nebeneinander, die sich bekämpfen und gegenseitig durchdringen: Avantgarde und Rückständigkeit, Leidenschaft und Gleichgültigkeit, Anmut und Brutalität, Genie und Stumpfsinn, Macht und Anarchie. Um das Gewirr der italienischen Wirklichkeit zu verstehen, sind Unvoreingenommenheit und Neugier für die widersprüchlichsten Aspekte des Menschlichen und des Zusammenlebens vonnöten. Das kann man natürlich nicht von allen, die sich Italien hauptsächlich auf der Suche nach Erholung und Ablenkung zuwenden, verlangen. Aber was wäre, wenn Sie, lieber Leser aus Berlin, Dortmund oder München, sich dafür entscheiden würden, sich irgendwo in dem Belpaese niederzulassen und mit dem italienischen Alltag wirklich auseinanderzusetzen?

Ein Trost vorweg: Italien ist selbst den Italienern ein Rätsel. Noch mehr: Der Widerspruch, der der deutschen Italien-Sehnsucht innewohnt, ist den Italienern alles andere als fremd. Ganz im Gegenteil. Nichts ist Millionen Italienern vertrauter als der Widerspruch zwischen dem, wie ihr Land ist, und dem, wie es sein könnte. Die soziale und politische Wirklichkeit Italiens, die in Deutschland meistens undurchsichtig, geradezu absurd und unerklärbar erscheint, bietet seiner Bevölkerung genug Gründe für ernste Sorgen, Wut, Fassungslosigkeit und Verzweiflung. Doch die überwältigende Mehrheit der Italiener lebt in einem Zustand permanenter Ablenkung von ihrer eigenen Realität, und das nicht mit Gelassenheit, sondern in Resignation vor der vermeintlichen Unveränderbarkeit des Bestehenden.

Um es mit den Worten eines mutigen Staatsanwaltes auszudrücken, der seit vielen Jahren Mafia, Korruption und Wirtschaftsverbrechen bekämpft: »Italien ist ein Land, das desillusioniert. […] Zu feige und unreif, um in seine Wirklichkeit zu schauen. […] Von Zeit zu Zeit scheint mir, dass es immer weniger ernst wird. Anstatt sich so zu sehen, wie es wirklich ist, erzählt es sich immer neue, mittelmäßige Geschichten und Märchen, an die es am Ende auch glaubt, und verliert so seine Identität.« Das Fernsehen – mindestens ein Gerät läuft in jeder Familie zwölf Stunden lang ununterbrochen – ist der am häufigsten gewählte Fluchtweg aus den unzähligen Ungerechtigkeiten und Miseren, die das angeblich süße Leben in Italien so amara, so bitter machen können. Aber es ist nicht das einzige Betäubungsmittel. Jede Mode erfasst die Italiener mit einer Intensität, die eine Wahrheit verrät: Die meisten wissen nur in der Gegenwart zu leben, ohne ein kollektives Gedächtnis und ausreichende Kenntnisse über die Wurzeln ihrer Probleme zu haben, kurz: ohne sich allzu viele (gemeinschaftsrelevante) Fragen zu stellen.

Dieser Fatalismus löst in Deutschland Lächeln und Kopfschütteln aus, wirkt gleichzeitig aber auch sympathisch. In Italien ist er jedoch mit Bitterkeit erfüllt, einer Bitterkeit, die in dem Gefühl gründet, in einem außergewöhnlichen Land zu leben, das der westlichen Zivilisation so viel gegeben hat. Was hat Italien in den Jahrhunderten alles geleistet, was könnte aus diesem Land werden, wenn nur … – immer wieder hört man solche Seufzer auf den Plätzen von Mailand, Rom, Palermo. Das Gejammer über den Niedergang Italiens vereint den großen Dichter mit dem Mann von der Straße. Doch – und das ist das Kuriose dabei – gab es offensichtlich niemals ein Goldenes Zeitalter, dem nachgetrauert werden könnte, denn über Korruption und Unsitten beklagten sich schon mittelalterliche Dichter, und zwar in einem Tonfall, der sich kaum von demjenigen unterscheidet, mit dem die Presse weltweit über Andreottis oder Berlusconis Italien berichtete bzw. das heutige Italien darstellt.

Die Kluft zwischen den Visionen von Italien und der tatsächlichen Wirklichkeit des Landes findet sich also nicht nur bei den Deutschen. Vielmehr ist sie dem Bild und der Identität Italiens eigen. Ein Halbvers in einem Lied des populären römischen Sängers Francesco De Gregori von 1979 drückt dieses Dilemma treffend aus, das jeder Italiener mit sich durch das Leben trägt. Auch wenn er uns jetzt dunkel vorkommt, lassen Sie uns ihn durch die Seiten dieses Buches mitnehmen, wo er wie ein kleines Leitmotiv im Hintergrund erklingen wird: L’Italia, metà giardino e metà galera – Italien, halb Garten und halb Kerker.

Italienische Zustände

Was ist Italien? Ein Land, eine Nation? Klemens Fürst von Metternich behauptete 1814/15 beim Wiener Kongress, dass Italien nicht mehr als »ein geographischer Ausdruck« sei. Passend für ihn, denn für die Habsburger-Monarchie war die politische Zersplitterung des Landes sehr günstig. Unbeabsichtigt hat er aber mit diesem oft zitierten Ausspruch einen nützlichen Interpretationsschlüssel geliefert: Geographie. Ein Blick auf die Landkarte kann vieles vom Wesen und Schicksal eines Landes verraten. Für das Verständnis Italiens ist dieser Blick sogar unabdingbar.

Der Belpaese, das schöne Land, ist ein Zipfel Europas in dem Meer, an dem die Wiege der europäischen Zivilisation liegt. Am Mittelmeer begegnen sich drei Kontinente, und das macht aus Italien auf sehr eigene Art und Weise ein Grenzland. Allerdings eines mit fester Verankerung am Kontinent Europa. Diese beiden Aspekte prägen nicht nur das Leben und die Kulturen Italiens, daraus resultiert auch die historische Entwicklung der Halbinsel: vom Kreuzungspunkt und Katalysator von alledem, was aus dem Mittelmeerraum kommend über Jahrhunderte die Geschichte und die Identität Europas bestimmt hat, hin zur Peripherie und Frontlinie eines Okzidents, der sich zu Beginn des zweiten Millenniums von Globalisierung und Massenmigration bedroht fühlt.

Ein »geographischer« Standpunkt hilft auch dabei, einen weiteren grundlegenden Aspekt der italienischen Wirklichkeit zu erkennen. Italien gibt es nur im Plural. Damit meine ich die Vielfalt lokaler Identitäten und Kulturen, die in ihrer Gesamtheit Italien erst ausmachen – Kulturen und Identitäten, die teilweise in so starkem Widerspruch zueinander stehen, dass es verwundert, dass Italien noch nicht daran zerbrochen ist. Der traditionelle Nord-Süd-Konflikt kann nicht allein die großen regionalen Unterschiede und unzähligen Lokalpatriotismen erklären. Gleichwohl ist die Analyse dieses Konflikts hilfreich, um die Zerrissenheit des Landes und seine vielfältigen Gegensätze zu verstehen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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