Im Labyrinth der Buchstaben - Karin Moering - ebook

Im Labyrinth der Buchstaben ebook

Karin Moering

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Opis

Kati (damaliger Spitzname von Karin Moering) merkt schnell, dass sie nicht so lernen kann wie die anderen Kinder. Die Buchstaben verwirren sich vor ihren Augen, fügen sich nicht zu Wörtern. Das wissbegierige Mädchen wird als lernbehindert abgestempelt und in eine Sonderschule gesteckt. Keiner fördert hier die Kinder. Dafür hagelt es Schläge und Demütigungen. Legasthenie ist im Bildungssystem der 60er Jahre unbekannt. Kati verlässt die Schule, beinahe ohne lesen und schreiben zu können. Allgegenwärtig ist die Scham, dies zu verbergen. Sie zieht nach Berlin und schlägt sich als Hilfsarbeiterin durch. Aber tief in ihrem Inneren weiß sie, dass mehr in ihr steckt.

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Im Labyrinth der Buchstaben

Ein Leben mit Legasthenie

Karin Moering

Zur Autorin:

Karin Moering wurde 1954 in Ostdeutschland geboren. Kurz vor dem Bau der Berliner Mauer flüchtete die Familie in den Westen, wo sie in der Lüneburger Heide aufwuchs. Aufgrund ihrer Lese- und-Rechtschreibschwäche landete Karin Moering auf einer Sonderschule, die sie als sogenannte funktionale Analphabetin verließ. Das Lesen und Schreiben hat sie sich später selbst beigebracht, und sie verfolgt einen beeindruckenden Bildungsweg.

Die Autorin lebt heute in Hamburg und ist Mutter zweier erwachsener Kinder.

Karin Moering, „Im Labyrinth der Buchstaben - Ein Leben mit Legasthenie“© 2015 der vorliegenden Ausgabe: underDog Verlagshaus underDogwww.underdog-verlag.de© 2015 Karin Ahmad

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Gregor MiddendorfLektorat: Dr. Lotte Husung, Lektorat Buchstäblichwww.buchstaeblich-lektorat.de ISBN: 978-3-9814257-4-1

Inhalt

Hier war meine Heimat

Die Reise begann

Es roch nach Angst

Wir fühlten uns verlassen

Ich verstand gar nichts mehr

Das Leben wurde erst mal wieder schön

Der schreckliche Besuch

Lebenserhaltende Träumereien

Die Gelegenheit

Die namenlosen Frauen

Ich weiß nicht, wie es geschah

Abenteuer Schreiben

Arbeit und Lernen sind Gold wert

Das Unmögliche wird möglich

Ich erahnte meine Chance

Ich wollte doch nur …

Unglaublich

Hier war meine Heimat

Sicher war sie schon vorprogrammiert, diese endlose Reise, und als Schicksalsweg für mich reserviert. Es war an einem ersten Sonntag im Oktober. In den Kirchen feierten die Menschen das Erntedankfest, und meine Mutter fiel zur Mittagsstunde die Treppe hinunter. Kurz darauf erblickte ich das Licht der Welt, zwei meiner Brüder waren schon vor mir da gewesen, und erst nach einigen Jahren tauchte noch mein kleiner Bruder Kurti auf. Damit war die Familie komplett. Zu jener Zeit lebten wir in einer Kleinstadt, die ich meine Heimat nenne, sie befindet sich in der ehemaligen DDR. Das Land befand sich im Umbruch. Vater, der einen offenen und freien Geist besaß, konnte und wollte sich nicht einengen lassen. Es war ihm unmöglich, die Politik und die Ansichten des Landes zu teilen. Weil er nicht der Partei angehörte und ein loses Mundwerk hatte, kam es am Arbeitsplatz immer wieder zu Konflikten. Ungewissheit und Zweifel bestimmten die Gedankengänge der Menschen. Der Drang nach freiem Denken und offener Meinungsäußerung war groß. Die Bevölkerung fühlte sich ausgeliefert und von den Regierungsherren bevormundet.

Um diese Geschichte verständlich zu erzählen, muss ich weiter in die Vergangenheit abschweifen. Alles hat damit zu tun, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hatte und von den Siegermächten besetzt und aufgeteilt worden war. Die Amerikaner, Engländer und Franzosen besetzten Westdeutschland, Ostdeutschland wurde von den Russen vereinnahmt und sonderte sich vom übrigen Deutschland ab. Diese sogenannte Ostzone wurde zur Deutschen Demokratischen Republik, kurz und knapp zur DDR. Der Kalte Krieg begann. Berlin, noch bis 1945 die Hauptstadt des Deutschen Reiches, wurde in vier Teile gerissen. Die Entwicklungen der westlichen und der sowjetischen Besatzungszone drifteten himmelweit auseinander. Im verwöhnten Westen gab es seit 1948 die Deutsche Mark, die sehr viel mehr wert war als unsere Ostmark. Zehn Jahre vor meiner Geburt, am 7. Oktober 1945, ließ die Sowjetunion die ersten Grenzanlagen in den Waldgebieten von Ost-Berlin durch Holzpfeiler und Schlagbäume mit weiß-gelber Markierung errichten. Diese Zeit war für die Bevölkerung und auch für meine Eltern ruhelos und zermürbend. Keiner wusste so genau, wie es weitergehen sollte. Gerüchte, dass Menschen einfach so verschwanden, durchzogen das Land. Hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, dass sie über die grüne Grenze getürmt seien.

Wir Kinder gingen völlig unberührt von den Sorgen der Erwachsenen durch diese Zeit und merkten von alledem nichts. Teddy Brummi war damals mein ständiger Begleiter. Ich war wissbegierig und dauernd mit meiner Freundin Elke unterwegs. Immer wenn Elke eine ihrer blonden Haarsträhnen zwischen Daumen und Zeigefinger rollte, wusste ich, sie hatte eine Idee, die interessant werden könnte. Manchmal plagte uns doch die Langeweile, dann fragten wir Mutter um Rat. Bei solchen Gelegenheiten strahlte ihr rundes, fröhliches Gesicht. Sie lächelte verschmitzt und sagte, dass wir die weißen Blumen, die unten am Wegesrand wuchsen, pflücken könnten. Anschließend halfen wir ihr, die Köpfe der Blumen abzuzupfen, legten Zeitungspapier auf die sonnige Fensterbank in der Küche und verteilten darauf die Blüten zum Trocknen. Erst nachdem die kleinen Blüten trocken waren, konnte Mutter für uns daraus Kamillentee kochen. Wenn Pferde an unserem Haus vorübertrappten, schickte sie uns mit Eimer und Schaufel los. Wir beobachteten genau, wo die Pferde ihren Schweif hoben und die Pferdeäpfel aufs Straßenpflaster plumpsten, die wir dann schnell auffegten. Abends freute sich Vater, denn er brauchte die Riesenknödel als Dünger für unseren kleinen Garten.

Bevor er das Land bepflanzte, hatte er es wochenlang von Unrat, Schutt und Asche befreit. So manchen Sack gut riechender Walderde schleppte er mit seinem dreirädrigen Karren nach Feierabend dorthin und entwickelte sich zu einem begeisterten Pflanzensammler. Auch am Wegesrand stöberte er Wildblumen, Gräser und sogenannte Unkräuter auf. Er gab uns zu verstehen, dass auf Schutt und Asche nichts gedeihen konnte. Man musste die Sache an der Wurzel anpacken, um etwas zu verändern. Paps sagte oft: „Die Blumen sollen noch kräftiger blühen und ihre Düfte in alle Himmelsrichtungen verströmen.“ Er hatte Freude daran, aus scheinbar nichts etwas Wunderschönes zu machen. Und er erschuf mit seinen Händen unser winziges Paradies, das zwischen zwei alten Hausmauern auf dem Weg zur stillgelegten Zuckerfabrik lag.

Nachdem es tagelang geregnet hatte, beschlossen die Jungs, zur Ruine der alten Zuckerfabrik am Schlammteich zu gehen. Immer wenn sie das vorhatten, trafen sie sich nach dem Mittagessen auf der Kuhwiese hinter dem Haus. Das war am unauffälligsten, Mutter würde sie bis zum Abendbrot nicht vermissen. Klaus und meine Brüder Hans und Paul waren aufgekratzt, denn es war der letzte Tag vor den Sommerferien. Klaus war mit dem Rucksack und der Taschenlampe seines Vaters unterwegs. Ständig fuchtelte er mit der schwarzen Stableuchte vor den Gesichtern herum, und plötzlich brüllte er unerwartet: „Jetzt aber vorwärts!“ Die Jungs flitzten so schnell sie konnten los. Elke, Teddy Brummi und ich huschten hinterher. Sie warteten hinter der roten, moosbewachsenen Mauer, die ungefähr zehn Minuten von unserem Garten entfernt war. Anschließend rannten wir zur alten Steinwand, die teilweise hinter Dornenbüschen versteckt war und das Gebiet der Zuckerfabrik abgrenzte. Klaus führte wie immer das Kommando, er zog jeden durch seine herausfordernde Art mit. Und er war der beste Schulkamerad von meinen Bruder Hans. Die Ermahnungen von Mutter und Vater blendeten wir aus. Sie waren der Meinung, dass wir auf dem Gelände der alten Zuckerfabrik nichts zu suchen hatten. Paps nahm, wenn er uns zurechtwies, immer seine blaue Mütze ab, strich sich mit der linken Hand durch das dicke, dunkelbraune Haar und erklärte kurz und knapp mit beunruhigender Stimme, dass es dort zu gefährlich für uns sei. Dann kniff er seine braunen Augen zusammen und presste seine Lippen fest aufeinander, so als ob er noch ein paar Worte hinunterschluckte.

Es war unmöglich, wir konnten uns nicht an das Verbot halten. Das Gelände zog uns magisch an. Auf der Fläche gab es glitzernde Pfützen und einen Graben, der sich wie eine Regenbogenschlange quer durch das Gelände wand. Obwohl das Gebiet bewacht wurde und alles verödet war, übte es doch einen geheimnisvollen Reiz auf uns aus. Hans und Klaus hatten bei einem Erkundungsgang etwas Spannendes in der alten grauen Mauer entdeckt. Elke, Teddy Brummi und ich waren skeptisch. Wir wussten, man konnte den Jungs nicht alles glauben, aber sie wollten es uns beweisen. Als wir ungefähr zwanzig Minuten an der Steinwand entlanggeschlichen waren, kamen wir zu einer türgroßen Öffnung in der Mauer, die hinter Brennnesseln und Büschen versteckt war. Klaus schob mit dem Ellbogen die dornigen Zweige zur Seite und stieg als Erster durch das Loch und eine Holztreppe hinunter. Elke, Teddy Brummi und ich zögerten, in die dunkle Tiefe zu steigen. Aber Feiglinge wollten wir auch nicht sein. Vorsichtig setzten wir einen Fuß vor den andern. Bevor die Dunkelheit das letzte Licht schluckte, zerrte Klaus die Stablampe aus seinem Rucksack und richtete sie direkt auf sein Gesicht. Er lachte und zwinkerte uns mit leuchtenden Augen zu. „Endlich, jetzt sind wir drinnen!“ Mein ältester Bruder Paul kratzte sich mit beiden Händen nachdenklich am Kopf. Dadurch stand sein kräftiges rotbraunes Haar seltsam in alle Richtungen ab und sein sommersprossiges Gesicht verdunkelte sich. Das ließ seinen Mund ernst und schmal erscheinen. „Ich habe so ein komisches Bauchgefühl“, sagte er. „Wir wissen nicht, was uns in den langen, finsteren Gängen erwartet.“ Hans schaute Klaus an, lächelte, schüttelte den Kopf und wiederholte ironisch: „Das wissen wir nicht, Blödmann.“

Unten auf dem Steinabsatz lagen in Wachspapier eingewickelte Kerzen. Klaus gab uns eine und zündete sie an. Die flackernden gelben Flammen weckten die Schatten, die an der feuchten Mauer tanzten. Es war unheimlich, Ablagerungen von Kalk ragten wie Fingerknochen von der Decke. Der Weg war wie ein Spinnennetz, die Kerzenflammen wurden immer kleiner und erloschen. Nur die Taschenlampe spendete noch mageres Licht, und dann schrie Klaus auf: „Verdammt noch mal! Au, au!“ Zum Glück kannte auch Hans den Weg zum Treppenaufgang und führte uns dorthin. Wir Mädels stiegen vorsichtig die glitschigen Stufen nach oben. Klaus hinkte hinter uns her, Paul und Hans öffneten oberhalb beim Treppenabsatz die halb geschlossene Holzklappe. Nachdem alle durchgeklettert waren, standen wir in der Mitte eines Steinhauses. Es war voller Spinnweben und die Fensterscheiben waren zersprungen. Ein merkwürdiger süßlicher Geruch erfüllte den Raum. Neben der Bodenklappe, durch die wir gekrochen waren, stand ein Schreibtisch, worauf sich Apparate und durchwühlte Unterlagen befanden. Brummi flüsterte mir zu: „Schau, Klaus hat noch Schmerzen am Fuß.“ Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte er zu lächeln, um die Verletzung zu überspielen. Daraufhin machten wir uns auf den Weg durchs Trümmerfeld. Dort schmatzte der Boden unter unseren Füßen. Es war so, als ob das glitschige Erdreich an unseren Beinen zerrte. Die Sonne hatte unheimlich viel Kraft und sog die Feuchtigkeit aus der verbrannten Erde.

Mit Daumen und Zeigefinger hielten wir unsere Nasen zu, aber der scheußliche Gestank stieg trotzdem hinein. Als wir an der dicken alten Eiche, die wie ein verbrannter menschlicher Körper aussah, vorbei waren, lauerte zähnefletschend ein riesiges Vieh auf uns. Jeder unserer Bewegungen folgte es mit seinen listigen schwarzen Augen.

Es nahm uns dadurch jede Möglichkeit, wegzurennen. Plötzlich erzitterten wir innerlich. Die lauten, dunklen Schreie, die wir hörten, klangen fast unmenschlich. Im nächsten Augenblick lief eine hinkende Gestalt hastig auf uns zu. Als der alte Kerl nur noch zehn Nasenspitzen von uns entfernt war, drohte er mit seiner Krücke und schrie, sodass seine Lippen sich wölbten. Sein gräuliches Gesicht verfärbte sich in tiefes Rot. Er schrie: „Felix, fass die Kröten!“ Wir rannten um unser Leben, konnten aber den Weg, auf dem wir gekommen waren, nicht mehr zurück nehmen. Die kellerähnlichen Gewölbe waren schon zu weit weg. Uns blieb nichts anderes übrig, wir mussten den gefährlichen Weg am Schlammteich vorbei einschlagen. Ich stolperte und trampelte auf einen Haufen rostiger Kabel, die aus dem Boden ragten. Vor Schreck sprang Brummi von meinem Arm, direkt ins Kabelgewusel hinein. Die Jungs brüllten: „Kommt endlich, der Alte ist hinter uns her!“ Elke und ich gerieten in Panik, hektisch befreiten wir Brummi und rissen ihm dabei ein Auge aus. Irgendwann hörten wir den boshaften Köter mit seiner langen Schnauze und den hochstehenden Ohren nicht mehr bellen. Völlig erledigt erreichten wir die Kuhwiese. Für die Jungs war es ein Triumph, sie waren dem Kerl und seinem Kläffer davongerannt. Elke und ich heulten und mussten ertragen, dass sich die Jungs auch noch über uns lustig machten. Dann sagten sie: „Was heute geschehen ist, darf niemand erfahren. Denkt euch was aus, aber sagt nicht, dass der blöde Teddy mit euch auf dem Trümmerfeld war.“ Was sollte ich Mutter erzählen? Sie sah doch immer in meinem Gesicht, ob ich die Wahrheit sprach. Ich musste ihr davon berichten, sie schimpfte fürchterlich, aber dann tröstete sie mich und versorgte Brummis Auge. „Jetzt hat er Lebenserfahrung“, sagte sie, „und bekommt dafür ein neues Knopfauge.“ Aus dem Nähkasten nahm sie einen schwarzen Knopf und nähte ihn an. Papa knöpfte sich die Jungs vor, es gab einen Riesenkrach und für alle Hausarrest. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass wir das Trümmerfeld und die Zuckerfabrik betreten hatten.

Die Reise begann

Aber am nächsten Tag gab es eine Überraschung. Als wir aufstanden, war der Frühstückstisch gedeckt. Mutter schmierte in der Küche Reiseproviant. Vater sagte heiter: „Wir fahren heute nach Meißen, Oma besuchen. Jeder darf sich ein Spielzeug mitnehmen, um sich die Zeit zu vertreiben. Wir werden lange unterwegs sein, darum nehmt auch eure Jacken mit, vielleicht ändert sich das Wetter, man weiß ja nie.“ Ich nahm Brummi und meinen Glücksstein zum Malen mit. Mein kleiner Bruder Kurt zog in diesem Alter tagelang seine klappernde Holzlokomotive hinter sich her. Paul holte seine grüne Schirmmütze. Er fand, dass sie gut zu seinen Haaren passte, und steckte sich noch einen gelben Gummiball, den er vor Kurzem im Rinnstein gefunden hatte, in die Hosentasche. Hans schnappte sich ein paar Spielzeugautos. Er verstaute sie in Jacken- und Hosentaschen. Nachdem Vater alles gesagt hatte, wandte er sich den neuesten Meldungen zu, die durch den Volksempfänger kamen. Ich aß aufgeregt meine Marmeladenstulle und beobachtete die Sonne, die müde durch das Küchenfenster blinzelte. Die schwarz-weiße Elster saß wie jeden Tag auf ihrer Birke, die nahe an der Hausmauer stand und bei Wind mit ihren Ästen gegen die Fensterscheiben peitschte. Mutter räumte bald den Frühstückstisch ab und goss die Blumen. Ich ging wie so oft mit ihr durch alle Zimmer und half dabei, unsere Fenster auf Kipp zu stellen. Sie hatte es gern, wenn ein bisschen frische Luft durch die Zimmer ziehen konnte, während wir nicht da waren.

Aber Mutter war heute angespannt und hob den Hausarrest auf, darum rannte ich mit Hans und Paul nach draußen. Elke war schon unten, sie spielte mit dem kleinen Fritz, der nur wenig Worte kannte, Hinkepinke. Weil Fritz schielte, trat er oft auf die Linien, die Elke mit einem Stock auf den Sandweg gemalt hatte. Bei diesem Spiel war Fritz immer der Verlierer. Als Elke mich sah, bewunderte sie meine Lackschuhe und das rosa karierte Kleid mit dem weißen Kragen. Wir nahmen uns an den Händen, drehten uns im Kreis und sangen unser Lied: „Sonne, liebe Sonne, bleibe …“ Dann fragte Elke verwundert: „Darfst du dein neues Kleid heute schon anziehen?“ Ich erzählte aufgeregt von dem Ausflug zu Oma und sagte, diese Reise sei eine Ausnahme und etwas Besonderes. Mutter und Vater kamen bald und warteten unten an der Zauberbuche, die an heißen Sommertagen die Sonnenstrahlen in ihrer Nähe zu wundervoller warmer Luft verwandelte. Die Leute sagten, dass einmal ein Blitz in den Baum eingeschlagen sei und ihn verzaubert hätte. Elke sah Mutter mit blitzenden blauen Augen an. Mama sah an diesem Tag so schön in ihrem kornblumenblauen Kostüm aus. Ihr schwarzes Haar hatte sie mit einem goldenen Haarreif zurückgenommen. Sie trug ihren leichten hellbraunen Sommermantel über dem Arm. Papa sah wie immer aus in seinem karierten Hemd und der Windjacke. Er hielt den kleinen Kurt an der Hand und wir schlenderten los. Elke begleitete uns noch die Straße bis zur Bahnschranke hinunter und ging dann zurück. „Bis heute Abend“, rief ich ihr nach. Unsere Reise begann.

Wir freuten uns sehr, mal rauszukommen von Zuhause, um danach froh und vergnügt wieder zurückzukehren. Der Bummelzug kam bald, wir fuhren über Umwege nach Meißen, um auch die kleinen Ortschaften anzusehen. Oft mussten wir umsteigen und einige Male auch längere Zeit auf die Bahn warten. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als der Zug in einen Bahnhof mit vielen Gleisen einfuhr. Als ich nach Oma Ausschau hielt, sagte Mutter, dass wir uns noch etwas gedulden müssten. In diesem Augenblick gingen zwei Männer in Uniform mit Hunden durch den Zug. Sie schauten in jedes Abteil. Vater wurde von einem Dicken mit Vollbart angesprochen. Paul antwortete vorlaut und sagte, dass wir Urlaub bei Oma machen wollten. Dann übernahm Vater das Gespräch und meinte, dass wir nur einen Tagesausflug machen würden. Kurz nachdem Papa mit dem uniformierten Mann gesprochen hatte, stiegen wir auf einem riesigen Bahnhof aus. Hans und Paul sagten, dass da oben auf dem Schild „Berlin“ stehe. Mutter meinte: „Na klar, wir machen jetzt erst mal eine Stadtrundfahrt.“ Wir fuhren mit der Straßenbahn, ich und Brummi durften auf Mamas Schoß, der kleine Kurt saß bei Papa. Hans und Paul teilten sich einen Sitz und zankten sich natürlich um den Fensterplatz. Viele Leute fuhren mit der Straßenbahn. Sie guckten aneinander vorbei, nur wenige Menschen sprachen miteinander. Diese Stille störte mich, darum wollte ich mit Brummi unser fröhliches Lied singen. Mutter merkte es natürlich, sie schüttelte den Kopf und sagte leise: „Jetzt nicht.“ Nach einigen Haltestellen stiegen wir aus und gingen eine Weile durch kleine, grüne Straßen zu Fuß. Bei einer alten Parkbank machten wir Rast, im Hintergrund war immer noch das Sausen und Brausen der Autos zu hören. Vater holte aus seiner viel zu vollen Aktentasche die Wurststullen, die wir vergnügt im Sonnenschein aßen. Dann spannte sich die Stimmung an, Mutter war unruhig und meinte: „Kinder, lasst uns jetzt um die Ecke gehen, wir wollen uns doch noch das Brandenburger Tor ansehen.“ Wir sprangen auf, mit der Leberwurststulle in der Hand, und liefen voran.

Meine Brüder schauten sich interessiert die vielen verschiedenen Polizeiautos an, die rechts und links von der breiten Straße parkten. Viele Männer in Uniform waren an diesem Tag unterwegs. Manche schauten streng oder gar zornig, andere schmunzelten entspannt. Wir liefen auf dem Gehweg vergnügt umher, und obwohl wir lärmten und lachten, wurden wir kaum beachtet. Mein kleiner Bruder Kurt saß quiekend auf dem Arm von Mutter. Er trommelte mit den kleinen, dicken Fäusten auf seinen Lockenkopf. Kurti wollte etwas zu trinken, und plötzlich hatten auch wir Durst. In Vaters Aktentasche war kein Platz mehr für eine Brauseflasche gewesen. Mutter mit ihrem sonnigen Gemüt sagte lachend: „Kinder, dort hinten am Berliner Tor machen wir Rast, in der kleinen Bude kaufen wir uns eine weiße Brause.“ „Oh ja!“ Wir wollten schon vorlaufen, doch wir wurden von Vater gezügelt. Er sagte mit ernster Stimme: „Lasst uns jetzt zusammenbleiben, lauft nicht so weit voraus, wartet kurz hinter dem Tor.“ Als wir den Kiosk betraten, erklang kurz ein schriller Klingelton und danach tauchte eine Frau auf. Die Stimmung war merkwürdig, die Eltern flüsterten eine ganze Weile mit der dürren älteren Verkäuferin in dem blaugrauen Kostüm. Vater bestellte uns dann eine weiße Brause. Kurz darauf betrat ein Mann in Uniform die kleine Verkaufsbude. Meine Eltern zuckten zusammen, so als ob sie sich fürchteten. „Alles in Ordnung“, sagte der Mann, „nur keine Angst.“ Mutter kramte aufgewühlt in ihrer randvollen Handtasche und holte Papiere heraus, die sie dem Mann zeigte. Sie war wirklich sehr erregt, ihr Gesicht war gerötet, sie zog uns an sich heran, so als wären wir fest zusammengeschweißt, als ob niemals etwas uns trennen könnte. Vater suchte in seiner Hosentasche nach etwas Geld für die Brause, aber die Verkäuferin winkte ab und sagte lächelnd: „Das brauchen Sie hier nicht mehr. Sie sind fast am Ziel angekommen und bekommen bald die Westmark.“ Beim Weggehen sagte sie: „Wir sagen Bescheid, ich wünsche Ihnen viel Glück. Warten Sie an der Bushaltestelle, es ist alles in Ordnung.“ Sie winkte mir und Brummi zu und gab uns Kindern zum Abschied noch einen Lutscher.