Hilfe, ich habe Teenitus! - Clemens Hagen - ebook

Hilfe, ich habe Teenitus! ebook

Clemens Hagen

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Opis

Wie vermutlich alle Eltern dieser Erde dachte auch Clemens Hagen, er hätte das süßeste, schönste, schlaueste – und pflegeleichteste – Kind überhaupt. Seine Tochter Valerie schlief schon als Baby die Nächte durch, war später gut in der Schule und verkraftete sogar die Scheidung ihrer Eltern relativ problemlos. Sie wohnt zwar bei ihrer Mutter, verbringt aber jedes Wochenende mit ihrem 'Dad' und seiner Verlobten Alexa. Als Valerie jedoch mit 14 in die Pubertät kommt, ist Schluss mit der Patchwork-Idylle. Von einem Tag auf den anderen geht es nur noch um Partys und Push-ups, Jungs und Jägermeister, Facebook und Fummeln. In 'Hilfe, ich habe Teenitus!' hat Clemens Hagen 50 besonders verrückte Episoden aus dem Leben mit seiner Teenietochter Valerie humor- und liebevoll aufgeschrieben. Sie reichen von dramatisch über durchgeknallt bis urkomisch. Dazu gibt es die frechen Kommentare von Valerie, die natürlich alles ganz anders sieht.

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Clemens Hagen & Valerie Hagen

HILFE, ICH HABE TEENITUS!

Be- und Erkenntnisse eines gnadenlos überforderten Vaters

Für Valerie, die beste Tochter der Welt,

und für Alexa, die beste Verlobte der Welt

PLÖTZLICH PLANLOS!

Wie geht ein Vater mit seiner Teenie-Tochter um?

Und sie mit ihm?

Zugegeben, ich selbst hab’s als Teenager zum Leidwesen meiner Eltern ordentlich krachen lassen. Aber richtig aus den Fugen gerät mein Leben erst jetzt, mit Ende 40. Meine Tochter Valerie steckt in der Pubertät! Und wie! Seit bald drei Jahren leide ich unter einem besonders schweren Fall von Teenitus. Mir kann kein Arzt helfen und in der Apotheke zucken sie auch nur mit den Schultern. Verglichen mit meinen jetzigen Problemen war Windelwechseln ein Kinderspiel. Ich weiß: Es ist normal, dass Töchter ihre Väter irgendwann vom Thron stoßen. Das gehört zum Abnabelungsprozess, ist Teil des Erwachsenwerdens. Aber dass der Fall so tief und die Landung so schmerzhaft sein würde, hätte ich mir nie träumen lassen.

Gespräche mit Valerie scheitern regelmäßig, weil sie, statt zu reden, lieber auf Facebook chattet oder sich die Fingernägel lackiert. Und wenn sie spricht, dann lauten ihre Antworten »Ja, Papa«, »Nein, Papa«, »Gut, Papa«. Redselig wird Valerie nur, wenn’s um die Erlaubnis für die nächste Party geht: »Papa, da dürfen wirklich alle hin, das wird die coolste Party des Jahrhunderts. Maxi und Alex legen auf, das sind die allerallerbesten DJs. Ich habe heute schon sooo viel gelernt, bitte lass mich hingehen.« Lässt man sie dann feiern, kommt sie natürlich nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause, sondern mindestens eine Stunde später. Verbietet man Valerie die Party, weil am übernächsten Tag vielleicht eine Physik-Schulaufgabe ansteht, schickt sie eine Hass-SMS, die in der Regel so beginnt: »Du bist echt die größte Spaßbremse!«

Wenn’s um die Geburt eines Kindes geht, gibt es tausend schlaue Tipps: Schwangerschafts- und Wickel-Kurse, stramplerstrickende Omas, Yoga-Kurse für werdende Eltern, Kochschulen für den perfekten Bio-Babybrei. Aber auf die Pubertät bereitet einen niemand vor. Oder kennen Sie etwa »Flunkyball«, ein unter Teenies sehr beliebtes (Bier-)Trinkspiel unter freiem Himmel? Hätten Sie sich jemals träumen lassen, als Mann eine Frauenärztin aufzusuchen, weil die Anti-Baby-Pille Ihre Tochter hyperaggressiv macht? Wären Sie jemals auf die Idee gekommen, dass Sie in einem Museum Hausverbot kriegen, weil Ihr Kind Kunst klaut? Würden Sie sich nicht auch wundern, wenn der Schuldirektor Ihrer Tochter Sie auf eine Runde Skat einlädt? Ich kenne das alles – und leider noch viel mehr.

Zu unserer persönlichen Situation: Von Valeries Mutter bin ich seit mehreren Jahren geschieden. Inzwischen bin ich wieder verlobt (sie heißt Alexa) und versuche, der beste Vater für Valerie zu sein. Aber es kommt im Leben meiner Tochter und dem meinen trotzdem immer wieder zu kleineren und größeren Teenie-Dramen. 50 besonders durchgeknallt-verrückt-lustige Episoden habe ich aufgeschrieben. Also schnappen Sie sich – ganz teeniemäßig – ein kühles Desperados-Bier aus dem Kühlschrank – und dann ab auf die Lese-Couch! Sie werden sehen: Mit Ihren Teenie-Problemen sind Sie keinesfalls allein auf der Welt.

Clemens Hagen (kurz vor dem Hörsturz)

VALERIES VORWORT

Teenitus? Ha! Von wegen: Hilfe, ich habe Papatus! Also, du denkst echt, ich bin kompliziert? So ein Quatsch, Papa! Wenn du Ohrenprobleme hast, geh zum Onkel Doktor. Ich hab damit null zu tun. Ich bin ein hart normales Mädchen. Nenn mich Teenie, aber dafür kann ich ja gerade nix. Wieso drehst du durch, bloß, weil ich aufgehört habe, mit Barbies zu spielen? Habe ich lange genug getan – und einen Ken wolltest du mir nie schenken. Dann kümmer ich mich halt um die echten Jungs. Selber schuld. Als du in der Pubertät warst, gab’s wahrscheinlich noch Dinosaurier auf der Erde. Nur, weil du anscheinend unter Gedächtnisschwund leidest – Oder hast du vergessen, dass du mit 15 einen »Verschärften Verweis« wegen Biertrinkens im Unterricht bekommen hast? –, hast du es offenbar komplett ausgeblendet, dass du auch mal jung warst.

Sorry, jetzt bin ich im Gegensatz zu dir jung. Ich trinke keinen Alkohol im Unterricht – sei froh. Aber abends! Und wenn ich’s dann beim Weggehen krachen lasse, bin ich gleich die schlimmste Tochter. Dabei ist das völlig normal. Das machen doch alle so. Allerdings trinken wir lieber Jägermeister als Bier. Zugegeben: Mir sind in den letzten Jahren viele verrückte Dinge passiert. Aber weißt du was – Gott sei Dank!! Ich will kein langweiliges Spießer-Leben, ich will ich sein.

Dass du ein Buch über unser, mein Leben geschrieben hast, finde ich by the way ganz praktisch. Sonst müsste ich am Ende noch selber Tagebuch führen. Und mein Dasein auf Facebook ist schon zeitintensiv genug. Das verstehst du jetzt zwar nicht, weil du nicht auf Facebook bist – und bitte fang damit auch nie, nie an! Es ist schrecklich peinlich, wenn Eltern sich mit ihren Kindern auf Facebook befreunden wollen! Übrigens: Als du mir zum ersten Mal erzählt hast, dass du dieses Buch schreibst, habe ich nur gekreischt und gefragt, ob du einen Dachschaden hast. Mittlerweile finde ich, dass es richtig witzig und cool geworden ist. Besonders meine eigenen Kommentare zu deinen Kapiteln sind der Burner – denn da steht die wahre Wahrheit drinnen.

Valerie Hagen (kurz vor der nächsten Party)

1. KAPITEL

PEINLICH-PAPA

Es ist das Konzertereignis für Teenager in München. Seit Wochen liegt mir Valerie in den Ohren, dass sie unbedingt hin muss. »Sonst ist mein Leben ruiniert«, erklärt sie kategorisch. Also versuche ich, über meinen Kontakt zum Veranstalter, einem Lokalradiosender, Tickets für das Open-Air-Konzert mit Culcha Candela, James Blunt und Fettes Brot auf der Galopprennbahn München-Riem zu ergattern. Als die fünf Eintrittskarten endlich in meinem Briefkasten liegen, rufe ich sofort Valerie an und informiere sie über das freudige Ereignis. »Du bist der Größte, Papa! Die schwarzhaarige Sophie, die blonde Steffi und die rothaarige Melli freuen sich auch schon total darauf.«

Leider gibt es nur ein Problem: Meine Tochter und ihre Mädels sind fast alle erst 14. Das Konzert geht aber bis Mitternacht. Nach einem Anruf bei Sophies strenger Mutter steht fest: Eine Aufsicht muss her! Ich muss mitgehen als Teenie-Cop! Komischerweise bin ich der Einzige meiner Generation, der die Bands überhaupt kennt. Sophies Mutter denkt bei Fettes Brot an einen Back-Workshop und wundert sich, warum der ausgerechnet spätabends stattfindet. Also rufe ich noch mal Valerie an: »Dass die Tickets da sind, ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass ich euch wohl oder übel begleiten muss. Sonst darf Sophie nicht mit.« Ich höre übers Telefon, wie Valerie einen tiefen Seufzer macht. »Aber ich kann’s nicht ändern«, versuche ich ihr die Lage zu erklären. »Es gibt doch wohl schlimmere Begleitungen als mich!« Valerie will dies nicht kommentieren, was mich kurzzeitig irritiert.

Das Konzert naht. Stunden vorher fühle ich mich plötzlich wie eine Frau. Ich stehe vorm Kleiderschrank und habe wirklich gar nichts anzuziehen. Also nichts Teeniehaftes. Was würde ich tragen, wenn ich heute 14 wäre? Weiße College-Schuhe, eine senfgelbe Lederjacke und Worker-Jeans, die ich damals so irre toll fand, sind mehr als out. Ich ziehe nach langem Beraten mit meiner Verlobten Alexa ein pinkes Poloshirt an, dazu hochgekrempelte Jeans und gelbe Adidas-Sneaker. »Selten sahst du so jugendlich aus«, scherzt Alexa – und ich bin irgendwie ein bisschen stolz. Um lässig auszuschauen, trage ich dazu noch einen Fünftagebart. Als schlaues i-Tüpfelchen sprühe ich mich mit dem angesagten Parfum von Abercrombie & Fitch ein, das ich vor einem Jahr mit Valerie in London gekauft hatte. So müssen doch alle Teenies zumindest riechen, dass ich einer von ihnen bin.

Minuten später klingelt Valerie an der Haustür und schaut mich entsetzt an: »Wie siehst du denn aus, bitte?!« – »Na, wie 14«, ist meine logische Erklärung für das bunte Outfit. »Oh Gott!«, kreischt Valerie. Da wir aber eh schon spät dran sind, bleibt keine Zeit für weitere Debatten über meinen Stil. Nach und nach sammeln wir Valeries Girlies auf und fahren Richtung Riem. Diese drei Mädels sind Valeries beste Freundinnen, sie kennt sie seit der fünften Klasse. Sophie ist die Ruhigere, Steffi die Selbstbewusste und Melli die Stimmungskanone. Dass die vier Mädels miteinander befreundet sind, sieht man auf den ersten Blick. Sie kaufen die gleichen Klamotten, Taschen, Schuhe, hören die gleiche Musik und stylen sich auch fast identisch. Als wir alle im Auto sitzen, schauen sie aus wie geklont. Ich muss grinsen. Natürlich würde ich ihnen das niemals sagen.

Auf der Rennbahn warten Tausende aufgedrehter Teenies auf ihre Idole. Selten habe ich mich so uralt gefühlt. Ich bin wirklich mit Abstand der Älteste. Das bemerkt auch meine Tochter, die sofort auf Abstand geht. »Hol dir doch was zu trinken«, befiehlt sie mir. »Wir probieren mal, so dicht wie möglich an die Bühne zu kommen, Papa!« Zu Befehl, denke ich und suche die nächste Bar auf. Während Mika auftritt, gönne ich mir ein alkoholfreies Bier, das aus dem Plastikbecher ziemlich widerlich schmeckt. Um mich herum eine einzige Teenie-Masse, die sicher kein alkoholfreies Bier bestellt hat. Die meisten wirken angetrunken und aufgeregt.

Um meine Aufpasserpflichten nicht zu verletzen, suche ich pflichtbewusst nach Valerie und den Mädels. Ich kämpfe mich durch etliche Reihen und finde endlich meine Tochter, die fröhlich zur Musik tanzt. Da auch alle anderen tanzen, wippe ich vorsichtig im Takt mit. Ich will ja nicht unangenehm auffallen und als alt und verknöchert wahrgenommen werden. Je schneller der Rhythmus wird, desto enthusiastischer bewege auch ich mich. Gar nicht so schlecht, diese Teenie-Musik von heute. Müssen ja nicht immer die Beatles oder Stones sein. Immer mehr tauche ich in die 14-plus-Welt ein, schaue mir ein paar Tanzbewegungen von anderen Jungs um mich herum ab.

»Clemens!«, ruft plötzlich eine mir bekannte Stimme im Oberlehrerinnen-Tonfall. Es ist meine Tochter, die mich offenbar nicht als ihren Vater outen will. Sie sieht mich vorwurfsvoll an, ist schockiert von meiner Tanzeinlage: »Papa, du bist wirklich so peinlich! Peinlicher geht’s nicht! Hör auf damit, was auch immer du da tust! Ich will dich in unserer Nähe nicht mehr sehen! Wir treffen uns nach dem Konzert beim Auto – und jetzt hau hier ab!«

Geknickt schleiche ich in die hinterste Ecke des Konzertgeländes. Ich fühle mich offiziell alt und peinlich. So als wäre ich der kleine, dicke Junge, der früher im Sportunterricht immer als Letzter in die Völkerball-Mannschaft gewählt wurde. Dabei habe ich es doch nur gut gemeint. Ratlos schaue ich der Menge beim Amüsieren zu. Gerade überlege ich, wie undankbar meine Tochter und wie groß offenbar der Generationskonflikt ist, da fragt mich ein etwa 17-jähriger, ganz lässiger Typ: »Alter, haste mal Feuer?!« Ich zünde ihm seine Zigarette an und zum Abschied sagt er anerkennend: »Geile Schuhe! Die sind von Adidas, richtig? Wollt ich mir morgen auch kaufen!«

In dem Moment kommen Valerie und ihre Freundinnen und sehen mich schon wieder entgeistert an. Was hab ich denn nun falsch gemacht? Valerie: »Papa, was wollte denn der Paul von dir? Du weißt doch, das ist der supercoole Typ, von dem ich dir erzählt hab. Der aus unserer Nachbarschule!« Plötzlich fühle ich mich gar nicht mehr so hinterwäldlerisch-alt, sondern wie der Schönheitskönig auf dem Abschlussball. »Ach der«, sage ich betont unaufgeregt, »der wollte Klamotten-Tipps von mir haben.«

VALERIES WAHRHEIT

Ja, ja, ich weiß: Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen – diese Erkenntnis ist besonders hart, wenn man 14 ist, keinen Führerschein besitzt und nirgendwo ohne Anstandswauwau reindarf. Aber Papa, ein paar Dinge musst du bitte endlich mal checken: Seine Jeans krempelt man sich nicht hoch, das ist verdammt uncool und deshalb bist du auch der Einzige auf dem Planeten, der das noch tut. Das machen nicht mal die schlimmsten Mathe-Nerds. Allein das sollte dir doch zu denken geben. In Mathe warst du eh immer schlecht (danke übrigens für diese Gene!). Und by the way: Es ist ja echt toll, dass du Bands wie Mika und Fettes Brot kennst – wow, hurra, Glückwunsch! Die kennt aber jeder Vollidiot. Außerdem gibt dir das noch lange nicht die Erlaubnis, zu der Musik von denen rumzuzappeln. Wieso geht das nicht in deinen Schädel rein, dass du einfach nicht, äh, wie nennst du das, was du da genau machst, ach ja: »tanzen« sollst?! Nie!! Und erst recht nicht, wenn ich mich mit meinen Mädels auch nur im Abstand von fünf Kilometern in deiner Nähe befinde. Dafür bist du zu alt, sorry. Wenn du mit deinen Freunden abends weggehst, trinkt ihr doch auch viel lieber Bier oder spielt Backgammon. Da tanzt niemand zu Fettes Brot, weil es nur fett zum Fremdschämen wäre.

2. KAPITEL

WAKE-UP CALL

Freitagabend, endlich Feierabend. Gegen 21 Uhr sitzen meine Verlobte Alexa und ich gemütlich bei einem Glas Wein in unserer Küche und diskutieren, welche DVD wir gleich anschauen. Ich bin wie immer für alles ohne Hugh Grant, dafür mit viel Peng-Peng – Alexa sieht das deutlich anders. Plötzlich klingelt das Telefon. Eine tiefe Männerstimme fragt: »Kennen Sie eine Valerie Hagen?« Ich komme mir vor wie im falschen Film und sage verdutzt: »Ja klar, das ist meine Tochter! Warum?« Der Anrufer: »Wo wohnt die denn? Und vor allem: Wie alt ist sie?« In meinem Kopf rattert es. Wer ist der Typ? Warum stellt er mir diese seltsamen Fragen?

Im Hintergrund sind wahnsinnig laute Musik und aufgeregtes Stimmengewirr zu hören. Ich erinnere mich, dass mir meine Tochter vorgestern erzählt hat, dass sie heute zum allerersten Mal in ihrem Leben in eine Disco gehen will. Genauer: In einen Teenie-Club, in den man angeblich schon mit 14 Jahren reinkommt und von dem ich noch nie etwas gehört habe. Doch wer ist der Typ? Ich denke gleich an das Schlimmste: K.-o.-Tropfen. Polizeikontrolle. Drogenrazzia. Oder will der Kerl, was noch grauenhafter wäre, meine Tochter abschleppen? Total nervös steigt mir das Blut in den Kopf, vor Sorge werfe ich mein Weinglas um. »Hallo?«, fragt die Männerstimme ungeduldig. Ich hüstele, bin aufgeregter als bei meiner mündlichen Abiturprüfung und antworte wahrheitsgemäß, dass meine Tochter bei ihrer Mutter in Neuhausen wohnt. Bei ihrem Alter flunkere ich allerdings sicherheitshalber: »Sie ist 1993 geboren.« Damit mache ich Valerie glatte zwei Jahre älter, als sie wirklich ist – und mich wahrscheinlich strafbar.

Der Mann am anderen Ende des Handys sagt: »Alles klar, ich bin Hakan, der Türsteher vom Kandela-Club. Sie müssen verstehen, dass ich nachfragen muss. Denn Ihre Tochter hat erzählt, dass sie ihren Ausweis nicht dabeihat – aber schon 16 ist. Wir haben aber sehr viele 14-Jährige, die sich hier auch reinschmuggeln wollen. Deshalb wollte ich auf Nummer sicher gehen. Schönen Abend noch!« Als er aufgelegt hat, pocht mein Herz ganz wild und ich wische mir ein paar Schweißperlen von der Stirn. Habe ich richtig gehandelt? Bin ich ein guter Vater oder ein schlechter? Was ist, wenn ausgerechnet heute Nacht die Polizei dort wirklich noch eine Razzia durchführt? Werden im Kandela Drogen verkauft? Und wie sind die Jungs dort drauf?

Valerie schickt mir Minuten später eine SMS: »Dankeee, Papa! :)« Ich selbst kann jetzt aber nicht so smilen, weil ich mir schlagartig schlimme Sorgen und Vorwürfe mache. Keine gute Kombi für einen entspannten Feierabend. Da ich mich schon mit einem Bein im Gefängnis wähne, berate ich mich mit Alexa, ob wir Valerie nicht besser sofort abholen sollen. »Wenn du das machst, Clemens«, sagt sie, »wird Valerie drei Jahre lang nicht mehr mit dir reden. Es ist das erste Mal, dass sie weggeht. Gewöhn dich besser schon mal dran. Sie ist doch ein toughes Mädel!«

Klar ist sie tough. Aber das kann man auch vom Münchner Nachtleben sagen. Ich bin überfordert. Was tut man, wenn man nicht weiterweiß? Erst mal googeln. Ich checke im Internet, wie lange heutzutage eigentlich Teenies mit 14 weggehen dürfen. Ich selber kann mich an diese Zeit nur noch rudimentär erinnern. Ich weiß lediglich noch, dass es in den Siebzigern im Nachtleben sehr viel entspannter zuging. Mir ist nichts Schlimmes passiert, ich bin überall reingekommen und ein Türsteher hat meine Eltern nie anrufen müssen. Gut, es gab noch keine Handys, aber auch keine Probleme. Google liefert mir die Antwort auf die wichtigste Frage – Valerie darf bis um 22 Uhr draußen unterwegs sein. Genau in dieser Sekunde ploppt die nächste SMS von meiner Tochter auf: »Ist es okay, wenn ich bei euch übernachte? Nehme die U-Bahn um 0.15 Uhr! Bussi!«

Vor meinem inneren Auge läuft nun der ganz persönliche Teenie-Horror-Film ab. Titel: »Valerie allein – und nicht daheim«. Schon bei der Vorstellung, was meinem kleinen Töchterchen alles passieren könnte, bekomme ich Gänsehaut. Ich schreibe ihr per SMS: »Du bist um 22 Uhr bei uns. Punkt!« Dann geschieht erst mal nichts. Jede Minute, in der mir meine Tochter nicht antwortet, kommt mir wie eine Stunde vor. Dann endlich die Antwort: »Mensch, Papa, alle dürfen bis Mitternacht weg!!! Bitte!« Valerie ist in ihrem Freundinnen-Kreis die Jüngste, weil sie damals unbedingt mit fünf Jahren eingeschult werden wollte. Jetzt will sie mit 14 bis Mitternacht feiern. Toll, denke ich. Da ich aber auch in Zukunft noch eine Tochter haben möchte, die mich liebt, erlaube ich ihr nach langem Hadern das lange Weggehen. Allerdings bestehe ich per SMS darauf, sie um Punkt Mitternacht vor dem Club abzuholen. Valerie freut sich, betont jedoch, dass ich auf keinen Fall direkt vor dem Eingang warten soll.

Knapp drei Stunden und viel Beruhigungstee später setzen Alexa und ich uns ins Auto und düsen Richtung Kandela. Vor dem Club stehen massenweise Teenies, die alle seltsam-bunte Alcopop-Flaschen in der Hand halten und keinen ganz nüchternen Eindruck mehr machen. Als wir aussteigen, wird uns zur Begrüßung von einem sehr pickligen Jungen mit Baseball-Kappe vor die Füße gekotzt. Überraschenderweise müssen wir nur eine Viertelstunde auf Valerie warten. Zwei Jungs begleiten sie aus dem Laden, die sie aber recht schnell wegschickt. Valerie begrüßt uns und ich bin überrascht – meine Tochter muss über Nacht einen Wachstumsschub gehabt haben. Sie trägt irre hohe Stöckelschuhe und einen sehr kurzen Minirock. Ihr Gesicht habe ich noch nie so stark geschminkt gesehen. Ansonsten macht sie zum Glück einen relativ nüchternen Eindruck. Auf dem Weg zum Auto frage ich sie, was sie getrunken hat. Valerie: »Och, nur zwei Desperados. Ach, und später hat uns der reiche Flo noch auf Rosé-Champagner eingeladen. Zum Schluss noch einen Long Island Ice Tea, der schmeckt echt ganz lecker.«

»Long Island Ice Tea?«, frage ich überrascht. »Das ist doch einer der stärksten Cocktails der Welt!« Valerie grinst mich an, ist sich keiner Schuld bewusst und sagt keck: »Keine Sorge, Papa, mir geht’s glänzend.« In dem Moment wird wild gehupt und eine Teenie-Menge saust an uns vorbei. An der Straße hat ein Bus gehalten. Ein alter amerikanischer Schulbus, der jetzt mit Bildung nicht mehr viel zu tun hat, aber stattdessen knallbunt beleuchtet ist. »Das ist der Wodka-Bus«, erklärt Valerie. Der Wodka-Bus? »Die verteilen da an uns immer Wodka. So als Werbung.« Tatsächlich: Zwei Männer werfen den hüpfenden Teenies kleine Wodka-Flaschen zu. Sogar Valerie fängt eine Flasche. »Die trinke ich beim nächsten Mal beim Weggehen«, so Valerie fröhlich. Okay, denke ich, die Limonaden-Zeit ist wohl endgültig vorbei.

VALERIES WAHRHEIT

Ein einziger Cocktail – oooh Gott, wie schrecklich. Breaking News: Eine Jugendliche trinkt beim Weggehen ein alkoholisches Getränk. Was für eine Sensation. Ich mein: Geht’s noch?! Papa, ich bin kein Baby mehr. Willst du mir erzählen, dass ich bei meinem ersten Mal in einem Club (toll, dass ich auch endlich mal ins Kandela durfte, während alle schon mit 13 dort waren) Pfefferminztee statt Long Island Ice Tea trinken soll? Das machst du doch auch nie. Wann hast du denn das letzte Mal Apfelschorle am Abend getrunken? Siehste. Außerdem warst du, als du vor einer Ewigkeit jung warst, viel schlimmer als ich (was du seltsamerweise bei meiner Erziehung dauernd ausblendest). Du hast dein erstes Bier mit zwölf getrunken, wie du mir mal stolz erzählt hast. Mit zwölf habe ich Cola getrunken – danke übrigens, dass du mir das damals zumindest erlaubt hast, obwohl da ja so wahnsinnig viel Koffein drin ist. Ich bin die Flatrate-Generation, da kannste froh sein, wenn ich mal ein paar Gläser trinke und nicht gleich den Wodka-Bus weg-exe.

3. KAPITEL

SCHWANGER-SCHOCK

Die Sonne brennt auf unseren Balkon, Alexa und ich tun etwas für unseren Teint und sind guter Dinge. Für den Abend hat sich Valerie angekündigt. Da meine Tochter das Grillen liebt, haben wir bereits den Metzger unseres Vertrauens aufgesucht. In der Küche warten Lammkoteletts, scharf marinierte Hühnerbrüste, Würschtel und saftige Entrecotes auf uns.

Als es bei uns an der Tür klingelt und Valerie in den wohl kürzesten Jeans-Hotpants die Wohnung betritt, habe ich den Grill schon in Gang gesetzt. Wir begrüßen einander, Bussi links, Bussi rechts. Danach stelle ich meine tägliche Standardfrage: »Na, Kleine, wie läuft’s denn so in der Schule?« Valeries Standardantwort: »Och, Papa, nichts Besonderes los.« Ihre Worte lassen mich immer wieder mittlere und größere Katastrophen befürchten. Ich hake nach: »Flunkere mich nicht an, du musst doch längst die Physik-Kurzarbeit zurückbekommen haben, oder?« Valerie druckst herum, gibt schließlich zu: »Ich habe eine Fünf. Aber nicht böse sein, Papa, die Arbeit war wirklich sauschwer. Alle haben Fünfer – nur Steffi hat ’ne Zwei, aber die darf ja auch nie weggehen.« Ich antworte: »Uff! Also bringt der neue Nachhilfelehrer, den wir für dich organisiert haben, auch nichts.«

Valerie ist geknickt. Sie wäre, so hoffe ich zumindest, gerne besser in der Schule. Dummerweise hat sie, was Naturwissenschaften betrifft, die Gene ihres Vaters geerbt. Um sie wieder ein bisschen aufzuheitern, beschließe ich, das Thema zu wechseln. »Sag mal, wie geht’s denn deinen Mädels? Was treiben die Sophie, die Steffi und die Melli immer so?« Valerie schluckt: »Ich muss euch eine krasse Geschichte von der Melli erzählen. Die ist doch jetzt mit dem Max zusammen.« – »Wie schön«, sagt Alexa. »Hat das endlich mit denen geklappt – dank deiner Kuppelversuche?« Valerie entgegnet: »Na ja, schon, aber nicht so, wie ich das wollte …« Nervös druckst sie herum. Melli, die rothaarig ist und für ihre 15 Jahre schon mehr als selbstbewusst, ist zwar ein aufgewecktes Mädel. Doch zu meiner Besorgnis auch Vorbild für viele der anderen Freundinnen. Sie hat schon mal geraucht, soweit ich weiß, sogar einen Joint, und lässt es auch sonst auf Partys gerne krachen.

Alexa fragt: »Die beiden hatten Sex, oder?« Valerie nickt verschämt. Es scheint ihr peinlich zu sein, darüber zu reden. Also gehe ich mal lieber zum Grill und widme mich den Lammkoteletts. Als Mann denken Frauen und Töchter ja sowieso oft und gerne von einem, dass man nicht multitaskingfähig ist. Sprich: Wenn ich am Grill brutzele, kann ich gleichzeitig gar nicht zuhören. Von wegen! »Haben sie ein Kondom benutzt?«, fragt Alexa. Valerie bejaht. »Na, das ist doch schon mal super«, meint Alexa. »Die Pille auch?« Kopfschütteln. Ich bin entsetzt und muss mich in den Sex-Talk einschalten: »Die hatten das erste Mal Sex – und haben dabei nicht richtig verhütet? Gab’s bei euch denn keinen Aufklärungsunterricht in der Schule? In was für einer Welt lebt ihr? Ein Kondom kann auch mal platzen!« Valerie kleinlaut: »Genau das ist ja auch passiert.«

»So eine Scheiße!«, sagen Alexa und ich unisono. »Genau«, meint Valerie. »Melli wollte halt spontan auf der einen Homeparty mit ihm schlafen, damit sie zusammenkommen. Klar war das doof. Sie hätte sich vorher die Pille verschreiben lassen, aber das hat sie irgendwie verplant.« Da fällt mir ein, dass in der Clique meiner Tochter Max den Spitznamen »der Knutscher« hat und eigentlich dafür bekannt ist, seine Freundinnen sehr häufig zu wechseln. Valerie erzählte mal ganz stolz, dass sie die Einzige sei, die noch nicht mit ihm rumgemacht hat.

»Und wie ist die Geschichte ausgegangen?«, möchte Alexa wissen. »Die Melli ist doch nicht etwa schwanger?« Valerie: »Na ja, zuerst war sie es schon. Sie hat ihre Tage nicht bekommen und dann so einen Schwangerschaftstest aus der Apotheke gemacht. Der war positiv. Wir haben alle mitgefiebert – und waren echt geschockt vom Ergebnis. Als sie es dann ihrer Mutter gebeichtet hat, ist die mit Melli zum Arzt gerannt. Da war der Test dann zum Glück negativ. Aber Melli hat jetzt ganze sechs Wochen Hausarrest. Hart bescheuert!« Ich spüre, wie meiner Tochter – selbst ja eigentlich nur passiv betroffen – der Sex-Schock von Melli in die Glieder gefahren ist. »Und«, frage ich, »wie hat sich Max in der Situation verhalten?« Valerie: »Der Max ist so sehr in die Melli verknallt, der wollte sie sogar heiraten und mit ihr eine Familie gründen, wenn sie wirklich schwanger gewesen wäre.«

Max ist zwar schon 17 und hat einen recht ordentlich bezahlten Job bei einer großen Münchner Autofirma, aber mit 17 zu heiraten, halte ich für eine ausgemachte Schnapsidee. Ich frage Valerie, wie sie das sieht. »Papa, ich hab noch nicht mal einen Freund! Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich jetzt schon Kinder haben will. Außerdem würde ich immer verhüten. Wirklich.«

Einigermaßen beruhigt, hole ich mir ein Lammkotelett vom Grill, muss aber feststellen, dass es völlig verbrannt ist. »Valerie«, sage ich, »wenn du deinen ersten echten Freund hast, musst du mir versprechen, dass wir über das Thema Verhütung reden. Du kannst das auch gerne mit Alexa tun, wenn’s dir mit mir zu unangenehm ist.« – »Ja, versprochen«, antwortet Valerie genervt, »mach dir da keinen Kopf. Bis ich einen Freund habe, ist das eh noch eine Ewigkeit hin.« Valerie seufzt traurig.

Alexa versucht, sie aufzumuntern: »Aber du kennst doch jetzt viele coole Jungs, ist da kein toller dabei?« – »Nö …«, meint Valerie und überlegt sehr lange. »Obwohl, den T., diesen Skater, den mag ich schon besonders gern. Der hat sogar mehr Muskeln als du, Papa.« Ich spanne meine Oberarme zur Belustigung meiner Tochter an: »Ich war früher auch Skater! Also bitte. Die Muskeln muss er mir erst mal zeigen. Aber wer ist denn dieser T. überhaupt – hat der keinen richtigen Namen?« Wir erfahren, dass T. im echten Leben Tyron heißt, dunkle Locken trägt und schon drei Sponsoren-Verträge hat. »Aber da läuft nichts«, versichert Valerie beinahe ein bisschen traurig.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon meine Tochter, wie sie mit 15 einen Zwillings-Kinderwagen durch die Stadt schiebt.

VALERIES WAHRHEIT

»Wir müssen darüber reden« – Mann, Papa, du bist ja schlimmer als jede Frau. Das böse, böse V-Thema. Wie schrecklich: Plötzlich wollen alle mit mir nur noch über Verhütung reden. Als gäbe es nichts Spannenderes auf der Welt. Falls du es nicht mehr weißt: Ich wurde schon in der zweiten Klasse aufgeklärt – mit so Puzzle-Stücken. Als ich dir danach davon erzählte, war es dir voll unangenehm und peinlich. Und jetzt komm mir nicht wieder mit deiner idiotischen Bienen-Story. Ich hab’s schon kapiert, wie das läuft. Deswegen brauchst du mich nicht die ganze Zeit damit zu stressen. Du willst doch immer wissen, wie es meinen Mädels so geht. Und kaum erzähle ich dann mal eine etwas krassere Geschichte, glaubst du, dass mir das auch sofort passieren muss. Oh, die Melli hat mal an einem Joint gezogen, schon siehst du mich als Drogen-Dealerin. Oh, die Melli war fast schwanger – da bin ich in deinen Augen gleich zehnfache Mutter. Was für ein Käse. Führ dich nicht schlimmer auf als Dr. Sommer. Zu deiner Info: Ich fand die »Bravo« noch nie so ultraspannend, ich hab früher immer lieber »Wendy« gelesen.

4. KAPITEL

WURSCHTI

Eigentlich mag ich Supermärkte überhaupt nicht. Die Schlangen, die engen Gänge, die vielen immer gleichen Produkte – am liebsten spare ich mir jeden Besuch. Das Problem dabei ist nur, dass ich ja hin und wieder schon ganz gerne was esse. Und Alexa, geschweige denn meine Tochter, kann all den Kram, den wir für ein gemeinsames Wochenende brauchen, nicht alleine tragen. Erschwerend – im wahrsten Sinne – kommt neuerdings hinzu, dass Valerie das Kochen für sich entdeckt hat. »Immer nur Toast und Tiefkühlpizza ist doch langweilig!«, kommentiert sie ihr neues Hobby. »Außerdem habe ich im Fernsehen gesehen, dass eine ausgewogene Ernährung wichtig ist. Schließlich bin ich die Kleinste von meinen Freundinnen und will noch unbedingt wachsen.« Mindestens sieben volle Einkaufstüten sind nun meine ständigen Begleiter.

Valerie isst besonders gern Hühnchen mit Reis, selbst gemachte Burger und Hotdogs, Schweinebraten (an den wir uns aber noch nicht gewagt haben) und Steak mit Bratkartoffeln. Die Fleischeslust muss sie von mir vererbt bekommen haben – anders als die Kochlust. Unsere Küche sieht seitdem wie ein halb professionelles TV-Koch-Studio aus. So viele Gewürze, Zutaten, Schnickschnack hatten wir davor nie daheim. Selbst Alfons Schuhbeck wäre neidisch. Meine Verlobte und ich sind das Publikum, Valerie wirbelt am Herd wie eine kleine Sterneköchin herum und ignoriert alle Tipps, die wir ihr geben. »Ich weiß, was ich hier tue!«

Das klassische Lebensmittel-Shopping schaut bei uns also so aus: Auf den letzten Drücker gehen wir am Freitagabend zum Supermarkt um die Ecke, gerade dann, wenn eigentlich schon fast alles weg ist. Valerie hat genaue Vorstellungen, was die Menüfolge betrifft. Alexa staunt und ich trage.

Als wir dann endlich mit gefühlten 50 Kilo Lebensmitteln an der Kasse stehen, blättert Valerie noch in einem ihrer geliebten Lifestyle-und-Promi-Magazine. Wir sind die letzten Kunden und nun tatsächlich dran, da rufe ich nach meiner Tochter, damit sie beim Einpacken hilft. »Valeriiiieeee!« Keine Reaktion. Hochkonzentriert, wie sie es besser mal in der Schule sein sollte, starrt sie in die Zeitschrift. Wieder rufe ich: »Valerie, komm endlich!« Wieder keine Reaktion. Alexa und ich gucken uns halb belustigt, halb ungläubig in die Augen. Das darf nicht wahr sein! Bevor mein Kind hier noch eingesperrt wird, schreie ich jetzt »Wurschti« durch den Supermarkt. Alle Kunden und Kassierer drehen sich überrascht zu uns um und sogar meine Tochter reagiert endlich. Wütend stapft sie auf mich zu und fragt irritiert: »Papa, wie hast du mich gerade genannt?« Ich lache und sage noch mal: »Wurschti! Auf deinen richtigen Namen hörst du ja nicht mehr!«

Wurschti alias meine Tochter schnaubt vor Wut und betont: »Papa, nenn mich nie, nie wieder so! Das ist megapeinlich. Schau ich etwa wie eine Wurst aus? Danke, sehr freundlich! Ich bin doch gar nicht dick!« Natürlich ist sie das nicht, im Gegenteil: Meine Tochter ist die schönste Tochter der Welt. Und das sage ich jetzt nicht, weil ich ihr Vater bin. Obwohl sie mehr am Tag isst als ich in einer Woche, hat sie kein Gramm zu viel auf den Rippen. »Wurschti«, antworte ich, »das klingt einfach total süß. Und vor allem passt es perfekt zu dir, so verwurschtelt und verplant, wie du dich gerade verhältst.«

Meine Tochter ist die nächsten zwei Stunden sauer, schmollt und beruhigt sich erst, als wir ein ordentliches Stück Steak mit Bacon und Pommes verdrückt haben. Richtig fröhlich ist sie dann wieder, nachdem sie eine komplette Tüte Gummibärchen und eine halbe Packung Salzstangen als Nachspeise gegessen hat. »Okay, Papa, mag ja sein, dass Wurschti doch ganz einmalig ist als Name. Warum hast du mich überhaupt Valerie genannt? Auf meiner Schule gibt es sieben Valeries. Echt kreativ von dir«, sagt sie frech.

Als uns Valerie, Pardon: Wurschti, am nächsten Tag wieder verlässt, hat sie uns noch einen kleinen Brief zum Abschied hinterlegt. Darin steht in ihrer geschwungenen Schrift: »War sooo schön mit euch! Vielen Dank für das leckere Essen. Bis übermorgen, Bussi vom Wurschti«. Als ich den Zettel mit den vielen Herzchen sehe, bin ich so gerührt und stolz auf meine spontane Spitznamen-Eingebung vom Vortag. Warum mir gerade Wurschti im Supermarkt in den Sinn kam und ich mein Kind umgetauft habe, wurde ich bis heute sicher über tausendmal gefragt. Fakt ist, dass sie immer mein Wurschti bleiben wird. Selbst in meinem Handy habe ich alle Freunde und Freundinnen von Valerie unter dem Nachnamen Wurschti eingespeichert. Das macht den Alltag für mich leichter, wenn ich nachts auf der Suche nach meiner Tochter bin und sie mal wieder nicht an ihr Handy geht. Vor diesem Problem werde ich in den nächsten Monaten und Jahren noch sehr oft stehen. Denn Wurschti klingt zwar süß und harmlos, aber der Name ist halt auch Programm – verwurschtelt ist Valerie noch sehr, sehr lange.

VALERIES WAHRHEIT