Geister - Thomas von Steinaecker - ebook

Geister ebook

Thomas von Steinaecker

0,0

Opis

Einmal hatte Jürgen gelesen, "dass die Gefühle der Eltern im Moment der Zeugung bestimmend für den Verlauf des Lebens ihres Kindes sein können". Doch an was haben seine Eltern im Moment seiner Zeugung gedacht? Ein schlimmes Ereignis überschattet das Leben der Familie. Ulrike, Jürgens Schwester, war vor seiner Geburt spurlos verschwunden. Als sechsjähriges Mädchen ist sie eines Tages nicht mehr von der Schule zurückgekehrt. In einem Dokumentarfilm, den man über den Fall dreht, spielt er zum ersten Mal eine öffentliche Rolle. Und auch in seinem Erwachsenenleben bleibt die Schwester der blinde Fleck seiner Biografie. Bis ihn eines Tages eine rätselhafte Postsendung mit Comic-Heften erreicht, einer Serie, die sich "UTE COMICS" nennt, und daraufhin die Comic-Zeichnerin Cordula in Jürgens Leben tritt. Eine Frau, die sich zu seiner Überraschung auf Ulrike beruft. Von da an mündet Jürgens Leben mehr und mehr in einen Comic. Schemen, Phantome, Schatten; nicht nur die dauernde Gegenwart der spurlos verschwundenen Schwester überschattet geisterhaft sein Leben, auch die Menschen um Jürgen herum erscheinen wie Geister. Er ist auf einer Suche, die in immer neuen Abzweigungen vom indischen Auroville über München zum Chiemsee und hinein in bunte Fantasiewelten führt.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 225

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Inhalt

Titelseite

Impressum

Was Du Nicht Siehst

Mutabor

Spuk

Türen, Fenster

Thomas von Steinaecker

GEISTER

Roman

Mit Comics von Daniela Kohl

Die Arbeit an diesem Text wurde unterstützt durch ein Aufenthaltsstipendium des

Literarischen Colloquiums Berlin

Besonderer Dank an Stefanie Geiger, Korbinian Schneeberger und Julian Doepp

www.ute-comic.de

© Frankfurter Verlagsanstalt GmbH,

Frankfurt am Main 2008

Alle Rechte vorbehalten

Comics: Zeichnungen von Daniela Kohl

Szenario und Text von Thomas von Steinaecker

Herstellung und Schutzumschlaggestaltung: Laura J Gerlach

unter Verwendung einer Zeichnung von Daniela Kohl

eISBN: 978-3-6270-2150-4

WAS DU NICHT SIEHST

JÜRGEN SIEHT seiner Geburt zu. Das Gesicht seiner Mutter ist schmerzverzerrt. Sie presst. Sein Vater steht hinter ihr, hat ihr die Hände auf die Schultern gelegt. Dann hält seine Mutter erschöpft, aber glücklich lächelnd, ein Baby in den Armen, ihn, Jürgen, ein winziges rotes Knäuel, die Augen fest zusammengekniffen. Schnitt. Die Eltern betreten mit ihm zum ersten Mal das Haus, sie flüstern. Schon länger wurden die Bilder nicht mehr mit Musik unterlegt, mit dieser langsam-verträumten Klaviermelodie, die bereits mehrmals erklungen ist. Einzig die Geräusche im Haus sind zu hören, die hallenden Schritte, die leise Stimme seiner Mutter. Sie hält ihn an sich gedrückt; wie vorsichtig sie ihn trägt. Schnitt. Das Zimmer. Die braunen zugezogenen Vorhänge. Die Mutter legt ihn in die Wiege, der Vater steht daneben, streckt hilfsbereit die Arme aus, sagt zärtlich: „Na, du Kleiner?“ Jürgen fällt auf, dass er ja in der Wiege seiner Schwester liegt, auf jeden Fall befindet sich die Wiege in ihrem ehemaligen Zimmer, vielleicht macht das alles deshalb einen so unheimlichen Eindruck auf ihn, die halbdunklen Möbel, seine Eltern wie Schatten dazwischen, die angelehnte Tür.

Und dann hat Ulrike tatsächlich da gestanden. Für den Bruchteil einer Sekunde hat Jürgen sie für eine Sinnestäuschung gehalten, seine Schwester, in der rechten Hand den Teddybären, in der linken die Gießkanne, rote Gummistiefel, Zahnlückengrinsen, genau wie auf dem Foto, dem Lieblingsfoto der Eltern, nein, es ist das Foto, das leicht verschwommen eingeblendet wurde und über das nun der Abspann läuft, Regie, Produktion, Wir danken der Familie Kämmerer.

Das Licht geht an. Jürgen sieht aus dem Augenwinkel, wie seine Mutter neben ihm noch schnell in den Taschenspiegel schaut und eine Haarsträhne zurückstreicht. Vorne im Saal stehen zwei Männer mit Kameras, wo kommen die denn plötzlich her? Bischoff, den Jürgen nur den Regiefuzzi nennt, steigt in seinem hellbraunen Kordanzug auf die Bühne.

„Einen guten Abend zusammen. Ich begrüße Sie. Werner Bischoff mein Name. Der Regisseur des Films, den Sie eben sahen. Erst einmal herzlichen Dank für die Einladung, und ich würde jetzt den Fragenteil eröffnen, die Podiumsdiskussion, ja?“

Er schaut, wie Jürgen meint, hilfesuchend zum Ende des Saals, wo wohl der Kinobesitzer steht.

„Ja – noch ein Wort zu den Kameras, bitte nicht erschrecken. Das hat nämlich folgende Bewandtnis: Ich drehe gerade einen neuen Film über die Familie Kämmerer, das Sequel sozusagen“, er lacht kurz auf. „Ich bitte jetzt also Frau und Herrn Kämmerer auf die Bühne.“

Für einen Moment kann Jürgen kaum atmen. Es war zwar abgesprochen, dass er nicht mit auf die Bühne zu kommen braucht. Aber falls der Fuzzi es sich anders überlegt und ihn ankündigt, könnte er ja wohl kaum so tun, als säße er nicht hier und hätte nichts gehört.

Im Publikum fangen ein paar Leute an verhalten zu applaudieren, man ist sich spürbar unschlüssig, ob ein Applaus dem Film und vor allem der Situation angemessen ist. Jürgens Eltern setzen sich an den Tisch, der inzwischen auf der Bühne steht.

„Bitte, Fragen, ja?“ Der Fuzzi schaut nervös in den Saal. Tatsächlich schnellen sofort mehrere Hände in die Höhe.

„Meine Frage wäre: Hat sich denn seit diesem Film irgendetwas in dem Fall ergeben? Gibt es eine Spur von dem Mädchen, also Ihrer Tochter? Und dann würde mich außerdem noch interessieren, ob sich der Verdacht gegen diesen Oliver Hoffmann, den Mörder . . . also den, von dem man jetzt im Film gehört hat, dass der das war . . . ob sich der Verdacht bestätigt hat.“ Die ältere Frau spricht in einem seltsam gestelzten Tonfall, sie brüllt fast, vielleicht, weil eine Kamera auf sie gerichtet ist.

Jürgens Mutter antwortet mit „Nein“ und fährt mit leiser, aber gefasster Stimme fort: „Was ich dazu sagen kann, ist: Es gibt keine Spur. Damals nicht und heute nicht. Jedenfalls ist es das, was uns die Polizei sagt. Dazu möchte ich noch hinzufügen: Herr Hoffmann steht nächste Woche wieder vor Gericht.“ – Flüstern im Saal – „Der Fall wird noch einmal aufgerollt, da es neue Indizien gibt. Ein ehemaliger Mithäftling hat von einem Geständnis Hoffmanns erzählt.“ Als lese sie das gerade ab, denkt Jürgen, als habe sie das vorher eingeübt, jedes Wort, das ausdruckslose Gesicht. Er hat dieses ganze Theater so satt, die endlosen Gespräche zu Hause, die vermeintlichen neuen Verdachtsmomente, Ulrike lebt, Ulrike ist tot, Hoffmann ist es, Hoffmann ist es nicht, und jetzt auch noch diese Filmvorführung. Warum kann man nach all den Jahren nicht endlich einen Schlussstrich ziehen? Ulrike ist tot, Punkt.

„War es denn schwer für Sie“, erkundigt sich ein Herr mit weißem Haar in der ersten Reihe, „direkt nach dem Verschwinden der Tochter so tiefe Einblicke in die eigene Seele“ – er sagt Seele – „zu gewähren?“

Das wird jetzt sein Vater beantworten, Jürgen ist sich da sicher, seine Mutter, das sieht er an ihrem starren Blick, packt das alles gerade nicht. „In der Tat ist dies ein Problem gewesen“, erklärt sein Vater – voilà –, jedes Wort betont er, ganz Studienrat. „Aber ich verrate Ihnen jetzt einmal etwas: Erstens hat es im Nachhinein gutgetan. Ein gewisser therapeutischer Effekt. So möchte ich das nennen, auch wenn ich das nicht überbewerten möchte. Zweitens: Es gilt hier etwas zu demonstrieren. Etwas ganz Wichtiges. Nämlich: Das Leben geht weiter. Das ist nicht das Ende. Der Film endet ja deshalb im Grunde – positiv.“

„Apropos: Die Geburt des Sohnes“, eine junge blonde Frau mit Brille in Jürgens Reihe ist aufgestanden. „Wie geht denn der mit der ganzen Geschichte um? Wie steht der zu seiner, na ja, Schwester. Ich stelle mir das unglaublich schwierig vor. Die hat er doch nie kennengelernt. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist er ja erst geboren worden, nachdem sie verschwunden ist. Oder wie ist das?“

Jürgen merkt, dass er errötet, und schaut auf den Boden. Der Schnee von den Stiefeln ist zu kleinen Pfützen geschmolzen, darum verstreut: Steinchen. Was, wenn der Fuzzi ihn jetzt bittet, auf die Bühne zu kommen? Jürgen macht einen auf Schnellvorlauf. So nennt er es, wenn die Zeit nicht vergehen will und er sich sich selbst in der nahen Zukunft vorstellt: Einfach Augen zu, die nächsten Minuten, manchmal Stunden zeitrafferschnell vorspulen, und schon ist er genau da, wo er gern wäre, zum Beispiel im Auto draußen auf dem Parkplatz; aus dem auf die Höchststufe gestellten Gebläse kommt warme Luft.

„Natürlich ist das ein schwieriger Punkt, den Sie da ansprechen“, antwortet sein Vater, Jürgen macht die Augen wieder auf. „Aber wir“ – sein Vater berührt Jürgens Mutter am Arm – „halten es für falsch, vor unserem Sohn so zu tun, als habe es Ulrike nie gegeben. Ulrike ist nun mal seine Schwester. Und sie ist ermordet worden – wahrscheinlich. Natürlich ist das schwierig. Für alle Beteiligten.“

Sein Vater schaut die ganze Zeit die junge blonde Frau an. Als ob Jürgen nicht existierte. Als ob er nicht auch hier sitzen würde, im Kino.

AUS DEM GEBLÄSE kommt ein warmer Luftstrom, die Klappen im Inneren des Armaturenbretts quietschen in einem unregelmäßigen Rhythmus. Weil es noch dauerte, hatte Jürgen seinen Vater um den Autoschlüssel gebeten und war über den Parkplatz gespurtet. Das Einatmen schmerzte in den Lungen, eiskalt war es. Selbst als Jürgen auf dem Fahrersitz Platz genommen und die Tür hinter sich zugeknallt hat, kommen noch immer kleine Wölkchen aus seinem Mund. Die Scheiben sind völlig beschlagen, und Jürgen muss daran denken, wie er vor ein paar Minuten an genau diese Szene gedacht hat: Er im Auto, Lüftung auf voll.

Eigentlich könnte er schnell eine Runde drehen, drinnen brauchen sie sicher noch ein Weilchen. Andererseits: Würde ihn sein Dad fahren sehen, würde der extrem sauer werden. Nur seine Mutter weiß, dass Jürgen ab und zu mit dem Auto freitagnachmittags, wenn der Vater in der Schule ist, die leeren Straßen an den noch unbewohnten Rohbauten im Neubaugebiet entlang fährt, in dem aber bereits nachts die Straßenlaternen brennen. Sie sagt immer nur, er solle um Gottes willen vorsichtig sein, und macht dabei diese Miene von wegen: Er wisse schon. Noch einen Verlust könnte sie nicht und so weiter . . . Das ist alles ein Witz. Jürgen hat für teures Geld den Führerschein gemacht, darf aber nur fahren, wenn Mutti oder Papi dabei sind, allein sei es viel zu gefährlich, so sein Vater. Wenn ihn nicht Manfred oder die anderen mitnehmen, sitzt er am Wochenende zu Hause fest und unter der Woche im Internat. Es gab schon so viele Abende, wo er in der Disco oder auf einer Party hätte sein können; aber sein Dad blieb eisern. Also hatte Jürgen stattdessen im Bett gelegen oder vor dem Fernseher gesessen und hatte sich vorgestellt, was er tun würde, über was er reden würde, wäre er in diesen Momenten mit Manfred und den anderen unterwegs.

Plötzlich klopft es an die beschlagene Scheibe. Erschrocken wischt Jürgen ein Guckloch frei. Seine Eltern stehen draußen, daneben der Regiefuzzi und einer der beiden Kameramänner.

Auf der Rückfahrt nach Hause sind sie mit dabei und drehen, der Kameramann hinten zwischen dem Regiefuzzi und Jürgen, für den kaum noch Platz ist. Auf der Autobahn schaut er gelangweilt aus dem Fenster, auf die Autos, die hin und wieder an ihnen vorbeiziehen, die Opels, Fords, die VWs, die Schemen darin, ein Auto ist innen beleuchtet, eine blonde Frau mit Pferdeschwanz sitzt am Steuer und bewegt ihre Lippen, obwohl sie allein ist, vielleicht singt sie ein Lied aus dem Radio mit. Jürgen fällt die Szene aus dem Film ein, in der eine von Hoffmanns Fahrten durch Augsburg nachgestellt war. Der Zuschauer sieht alles in Zeitlupe und mit Oliver Hoffmanns Augen: von den Erwachsenen immer nur die Beine, die Kinder, in den Gärten, auf den Spielplätzen, auf dem Gehsteig, dann Ulrike von schräg oben, wie Hoffmann sie auf einer Wiese hinter sich herzerrt. Genauer: Man sieht das kleine Mädchen, das damals die Ulrike spielte und das tatsächlich ziemliche Ähnlichkeit mit der wirklichen Ulrike besaß, also jener vom Foto, das beim Abspann gezeigt wurde, ihre Stimme klang verhallt, ihre Lippen bewegten sich stumm, dann erst die Sätze: „Nein, nicht! Bitte tu mir nicht weh!“

Jürgen hat sich früher oft ausgemalt, wie das wohl gewesen sein musste, als die Ulrike entführt und umgebracht wurde. Der Film hat dann tatsächlich nahezu exakt seiner Vorstellung entsprochen: Ulrike und Hoffmann auf dieser Wiese hinter dem Haus in Augsburg, nur dass Jürgen nie wirklich Ulrikes Gesicht vor sich sehen konnte. Aber jetzt war es da. Ganz deutlich. Ulrike hat Sommersprossen.

Der Regiefuzzi unterhält sich mit Jürgens Eltern, fragt, was sie fühlen, nun, da sie den Film nach so langer Zeit wieder gesehen haben. Sie müssen sehr laut sprechen, beinahe brüllen, weil Dad es sich natürlich nicht nehmen hat lassen, das Fenster einen Spalt herunterzukurbeln, damit der Rauch von seiner Zigarette abzieht. Seltsamerweise ist Jürgen für einen Moment froh, dass der Kameramann und der Fuzzi mitfahren, weil seine Eltern sich in ihrer Gegenwart zusammenreißen. Kein einziges Mal haben sie heute gestritten oder über die Scheidung geredet, das muss der Fuzzi nicht mitkriegen, so hatten sie es vereinbart. Nach außen soll der Eindruck entstehen: „Wir sind eine Familie“, „Wir schaffen das.“ Jürgen soll es recht sein, solange sich seine Eltern nicht wieder anfetzen.

Als sich der Regiefuzzi zurücklehnt und vorbei am weit vorgebeugten Kameramann, von dem jetzt ein strenger Schweißgeruch kommt, Jürgen einen Blick zuwirft, geht der ins Hohlkreuz, tut so, als filme er, indem er ein Auge zukneift, die Nase rümpft, die Zunge rausstreckt, schaut dann ganz schnell wieder zum Regisseur, der nickt und jetzt seinerseits den Kameramann nachmacht. Bischoff findet Jürgens Nummer richtig witzig.

Auf der Strecke von der Ausfahrt bis nach Traunstein sagt dann keiner mehr etwas. Der Kameramann hat seine Kamera auf den Schoß gelegt, sich zurückgelehnt, die Augen geschlossen und laut durch den Mund geatmet. Beim Gasthof am Marktplatz halten sie. Jürgen steigt nicht wie die anderen zum Verabschieden aus. Man sieht sich ja sowieso am Mittwoch wieder, wenn er sein Interview hat. Als Bischoff sich noch einmal ins Auto beugt und „Ciao, Jürgen“ ruft, könnte Jürgen nicht sagen, ob Bischoff nur bemüht höflich oder aufrichtig freundlich ist. Jürgen möchte jetzt bloß nicht zeigen, dass es ihm etwas wert wäre, wenn Bischoff ihn tatsächlich cool fände, und sagt zur Sitzlehne vor sich: „Man sieht sich.“

JÜRGEN WEISS NICHT, warum; aber erst nachdem er diesen Film gesehen hat, fiel ihm, zum ersten Mal seit sie in Traunstein wohnen, auf, wie viele Bilder von Ulrike sich überall im Haus befinden. Klar: Die silbernen und hölzernen Rahmen haben immer schon auf der Kommode, auf den Regalen und auf dem Fensterbrett versteckt zwischen den Topfpflanzen gestanden. Aber die Rahmen hätten auch genauso gut leer sein können, Jürgen hatte nie richtig auf die Fotos darin geachtet. Am Sonntagnachmittag – die Eltern sind nicht da – hat er sie sich näher angeschaut. Im Film waren dieselben Bilder gezeigt worden, aber viel zu schnell. Ulrike hat seinen Mund. Er kann nicht sagen, ob das der Mund seiner Mutter oder seines Vaters ist. Wenn er sich ihre Gesichter genau vorzustellen versucht, gelingt es ihm nicht. Dabei sieht er sie doch fast jeden Tag. Ulrike hat seinen Mund, das ist ihm heute zum ersten Mal bewusst geworden.

Er ist ins eiskalte Schlafzimmer seiner Eltern gegangen, die Fenster sind gekippt. Eigentlich ist er hier nie. Es gilt für ihn als ausgemacht, dass er diesen Bereich, wie sein Vater manchmal sagt – „Wir ziehen uns jetzt in unseren Bereich zurück“ –, nicht betreten soll. Vor dem riesigen Doppelbett mit der glatten weißen Tagesdecke – sie würde sich ganz flauschig anfühlen, ließe er sich hineinplumpsen –, dem Spiegel daneben, in den er sich zu schauen scheut, hat er einen kurzen Blick auf das Foto Ulrikes auf dem Nachttisch seiner Mutter geworfen, dasselbe wie auf der Kommode im Wohnzimmer, Ulrike mit Gießkanne und Teddybär.

Doch da ist noch etwas anderes. Schon beim Betreten hat ihn etwas Rechteckiges, Buntes in einem silbernen Rahmen über dem Nachttisch angezogen, aber er wollte es sich aufsparen. Eine Kinderzeichnung, Vater, Mutter, Tochter, Unterschrift im rechten Eck: UK.

Es kommt ihm vor, als nähmen ihm die Fotos und besonders dieses Kritzelkratzel Platz in den Zimmern weg, sie engen ihn ein, er spürt es deutlich an seinen Armen, an seinem Bauch: Die Bilder drücken dagegen.

Im Wohnzimmer öffnet er den silbernen Rahmen auf dem Fensterbrett, steckt das Foto in seine Hosentasche und stellt den leeren Rahmen wieder zurück.

EIN PAAR STUNDEN SPÄTER, im Internat in Ising, checkt Jürgen als Erstes das Fernsehzimmer, ob Manfred und die anderen Internen schon eingetrudelt sind. Der Fernseher läuft zwar, ein Auto jagt mit quietschenden Reifen einem anderen hinterher, über die steilen Straßen von San Francisco, „Is’ was Doc?“, Jürgen kennt die Szene – aber das Zimmer ist leer. Auch im Treppenhaus niemand, keine Spur von Bogner, dem Heimleiter, der die unangenehme Angewohnheit hat, unangemeldet und ohne zu klopfen in den Schlafzimmern und den Duschräumen, sogar jenen der Mädchen, aufzutauchen. Hinter manchen Türen hört Jürgen, als er mit der Tasche auf der Schulter durch den Gang trottet, Flüstern, einmal ein Lachen.

Er sperrt das Zimmer auf und ist enttäuscht: auch hier keine Spur von Manfred – was aber vielleicht letztlich ganz gut ist, weil Jürgen ihm sonst womöglich noch von der Podiumsdiskussion und überhaupt von der Dokumentation erzählen würde. Dann wäre es raus. In der Vergangenheit gab es schon öfter Situationen wie diese, wo er über etwas reden möchte und es nur diese eine Sache gibt und er sich auf nichts anderes konzentrieren kann, wo er plötzlich zu plaudern begonnen und sich noch im selben Augenblick gewünscht hatte, das nicht gesagt zu haben; zum Beispiel, dass er übrigens Tagebuch führe, dass er bei diesem Film neulich im Kino am Schluss plötzlich flennen musste, wie oft er onaniert. Er darf Manfred und den anderen auf keinen Fall etwas von der Podiumsdiskussion erzählen.

Jürgen war froh, als er vor drei Jahren nach Ising kam, endlich weg aus Augsburg-Hochzoll, weg vom Diesel alias Rudolf-Diesel-Gymnasium, wo jeder über die Sache mit der Ulrike Bescheid wusste und ihn manche in der Schule mit diesen Augen anschauten – als sähen sie gerade einen Geist. Seine Kollegstufenbetreuerin Frau Bräuer, die ihm in Französisch nur zwei Punkte gab und dafür sorgte, dass er eine Ehrenrunde drehen musste – seit dem Herbst kommt es ihm so vor, als sei er in einer Zeitschleife gefangen, wie in einem dieser Science-Fiction-Filme –, die Bräuer ist die Einzige hier gewesen, die ihn im Unterricht, als sie diese Geschichte über eine Entführung lasen, plötzlich für eine Sekunde mit genau denselben Augen angeschaut hat. Von da an war ihm klar, dass sie es weiß; dass seine Eltern es ihr gesagt haben mussten. Nach der Ausstrahlung des Films im Januar werden ihn alle so anglotzen; wenn er daran denkt, muss er immer nervös mit den Beinen wippen und mit dem Zeige- und Mittelfinger hutschen, schnell, ventilatorenmäßig.

Als er in der Sechsten so eine Phase hatte, wo er kaum noch sprach und nur noch im Bett lag, nichts anderes mehr tun konnte – versuchte er aufzustehen, war das, wie wenn er einen schweren Fels einen Berg hochrollte –, hatten seine Eltern sofort gesagt, dass das mit der Ulrike zusammenhängen müsse, genau wie dann der Psychologe, der, das merkte Jürgen bald, immer etwas aufschrieb, sobald er von seiner Schwester zu sprechen begann. Irgendwann laberte Jürgen nur noch von seiner Schwester, log, wie sehr er sie vermisse, weil er wollte, dass der Psychologe nach seinem Kuli griff. Sehen ihn die Leute jetzt hier, im Internat, denkt Jürgen und zieht seine Hose aus, sehen sie in ihm nicht den mit dieser Schwester, sondern einen Metaller, einer, der zur Clique von Manfred und den anderen gehört.

Er legt sich mit seinem Walkman aufs Bett, der AC/DC-Song läuft genau an jener Stelle weiter, an der er ihn Donnerstagabend ausgeschaltet hatte, Jürgen erinnert sich jetzt wieder. Er müsste eigentlich noch Mathe vorbereiten für morgen, aber er ist so platt, dabei hat die Woche noch gar nicht angefangen, was zu der alten Frage führt, ob denn nun Sonntag der erste Tag der Woche ist oder doch Montag. Im Waschraum schraubt er den Verschluss der Tube ab, quetscht die Zahnpasta auf die Bürste, weiß, rot, blau, und putzt sich die Zähne; der Kachelboden ist eiskalt an den nackten Füßen, hat er das geträumt? Ja, er war gerade eben definitiv nicht im Waschraum, er hat ja noch seine Socken an und liegt auf dem Bett.

Für einen Moment muss er eingenickt sein.

Während er sich zudeckt, beschließt er, erstens, nicht mehr Zähne zu putzen, und zweitens, heute im Schlaf bloß nicht wieder zu jammern, das ist ihm doch sonst nie passiert, auch nicht die Jahre davor, als er noch mit Patrick das Zimmer teilte, das muss sich doch irgendwie steuern lassen. Innerhalb der letzten vier Wochen hat ihn Manfred mindestens zweimal wachgerüttelt. An seinem Gesichtsausdruck hatte Jürgen gesehen, dass Manfred ihn nicht verarschte. Richtig erschrocken hatte der geschaut, konnte oder wollte dann jedoch nicht wiedergeben, was denn genau Jürgen gesagt hatte. Manfred hatte nur gemeint, Jürgen habe wohl einen Alptraum gehabt und er solle in Zukunft weniger Stephen-King-Filme angucken.

Früher, noch in der Grundschule, hatte er öfter von Ulrikes Teddybär geträumt, Ted. Im Traum hatte Jürgen in seinem Bett in Augsburg gelegen und Ted im Arm gehalten. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl erfüllte ihn dabei. Er blickte in Teds Gesicht, das ihn anlächelte, ja, Ted, zum Leben erwacht, zwinkerte Jürgen zu. Dann streckte Ted seinen kleinen Arm nach Jürgens Nase aus. Der flauschige Stoff kitzelte Jürgen an der Nase; das Kitzeln wurde zum Kratzen; Jürgen lachte, versuchte, Ted abzuwehren, „Lass mal“. Aber Ted hatte sich in Jürgens Nase verhakt, zog an ihr, nein, zog sich zu Jürgen, der, gelähmt vor Angst, in eine hässliche Fratze, ein aufgerissenes Maul starrte, auf Fänge, die sich in seine Nase bohrten, seine Wangen. Wenn seine Eltern wegen seines Wimmerns und Schreiens in sein Zimmer stürmten, hatte er gesagt, er sei vor „großen bösen Hunden“ davongelaufen, ein Traum, von dem er wusste, dass sein Vater ihn ab und zu hatte – und es funktionierte: Sein Vater strich ihm liebevoll über den Kopf und küsste ihn auf die Stirn.

Aber schon lange, vielleicht seit ihrem Umzug nach Traunstein, träumte er nun nicht mehr von Ted. Ja, auch wenn sich Jürgen sehr konzentriert, kann er sich nicht daran erinnern, was er da in Ising seit neuestem träumt. Manchmal hat er das Gefühl, er käme gleich darauf. Er weiß zum Beispiel wieder, dass alles im Traum in ein grünliches Licht getaucht war und er die Stiege eines schmucken alten Hauses hochstieg, er wirft dabei einen Schatten auf die Stufen vor sich. Es bräuchte nur einen Auslöser, eine Art Zauberwort, Simsalabim, und Jürgen wüsste wieder, warum er sich auf dieser Treppe befindet. Peinlich ist das auf alle Fälle, im Schlaf zu wimmern wie ein kleiner Junge oder ein Mädchen.

Manfred kommt, seine Mutter lässt ihn vor dem Eingang des Internats aus dem roten Volvo oder Mercedes aussteigen, er geht durch die Gänge, öffnet die Zimmertür, Jürgen sitzt noch über der Mathehausaufgabe, sie unterhalten sich über das Wochenende, die Podiumsdiskussion, Ulrike, Jürgen schreckt auf.

Wieder eingenickt.

Das Zimmer ist leer. Jürgen stellt den Walkman aus und schließt die Augen. Morgen Abend. Ja. Morgen Abend wird er genau an dieser Stelle einschalten, das Gitarrensolo, Angus Young wird es zu Ende spielen, als hätte es den Tag dazwischen nicht gegeben.

JÜRGEN MACHT einen auf Schnellvorlauf: Abi-Durchschnitt zwei Komma drei, der Vater will, dass Jürgen VWL studiert, Jürgen will nicht, Jürgen bricht mit seinen Eltern, Jürgen macht eine Weltreise, Jürgen übernachtet in einer Jugendherberge in Lhasa, einer ehemaligen Kaserne mit Blick auf den Palast des Dalai Lama, es ist sehr kalt, Jürgen kehrt nach München zurück, von dem Geld, das er als Verkäufer hinter der Wursttheke beim Tengelmann verdient, nimmt er sich ein Zimmer, Jürgen studiert Psychologie, Jürgen heiratet, seine Frau ist blond und Künstlerin, sie macht Installationen, Jürgen hat mit ihr eine Tochter, die Tochter heißt Sonja, Jürgens Dad stirbt, irgendwann in der Nacht kommt der Anruf von Jürgens Mutter, dass sein Vater tot sei, wenn Jürgen sich entscheiden müsste, auf wen von seinen Eltern er am ehesten verzichten würde, die Wahl würde auf seinen Vater fallen, Jürgen wird älter, er hat eine gutgehende Praxis in Germering, er hat Haarausfall, zuerst bekommt er Geheimratsecken, dann eine Stirnglatze, er geht in Rente, mit seiner Frau fährt er an all die Orte, die er schon immer sehen wollte, Indien, Mexiko, Japan, Sonja studiert Veterinärmedizin in Hamburg, weil dort ihr Freund wohnt, Jürgen bekommt Lungenkrebs, Jürgen stirbt.

ER SCHAUT wieder von dem Blatt in seinem Ordner auf, auf dem er, ja, wie lange eigentlich?, sicher schon seit über ein, zwei Monaten herumschmiert, immer wenn ihm langweilig ist, und tatsächlich ist es gerade unsäglich langweilig. Denn der Mandl erklärt auf dem Tafelbild das Schema einer Kläranlage. Auch wenn der Mandl in seinem Bio-Leistungskurs die Themen in einer anderen Reihenfolge durchnimmt und manchmal einen Punkt auslässt, auf den der Neumayer letztes Jahr Wert legte, braucht Jürgen nur ein bisschen in seinen Aufzeichnungen am Ende seines Ordners zu blättern, um zu wissen, was der Mandl in den nächsten Minuten sagen wird. Manchmal stimmen die Sätze vom Mandl sogar bis in die Wortwahl überein mit dem, was Jürgen letztes Jahr aufgeschrieben hat; es steht alles in blauer Tinte in seinem Ordner. Während alle anderen um ihn Mandls Zeichnung kopieren und auch Jürgen so tut, als vergleiche er das Schema auf der Tafel mit dem Schmierblatt vor ihm, ist er in Gedanken ganz woanders. Schnellvorlaufmäßig hat er sich zum Mittwoch vorgespult. Der Ort: das Zimmer bei seinen Eltern in Traunstein. Obwohl er da gar nicht sein will; aber schon den ganzen Tag kommt ihm der Termin für das Interview mit Bischoff in den Sinn, und weil sich dann so ein gar nicht cooles Gefühl einstellt, versucht er, es weit von sich wegzuschieben und stattdessen an die Party nächsten Freitag zu denken. Am Freitag wird Billy das Target sein, auch wenn Jürgen noch keine Ahnung hat, wie er überhaupt mit ihr ins Gespräch kommen soll. Löst er sich von seiner Clique, Manfred, Gerhard und den anderen, und wartet, bis Billy an die Bar kommt, dann weiß sowieso jeder und vor allem Billy – die über diese Freundin von Manfred wahrscheinlich ohnehin schon alles gesteckt bekommen hat –, dass Jürgen was von ihr will. Außerdem kann er sich dann in seiner Clique nicht mehr blicken lassen. Wenn er jetzt was mit einem Mädchen anfängt, ist er kein Metaller mehr, sondern eine Memme, die Clique wird ihn so behandeln, als wäre er einer dieser externen Superschnösel. Schon seit Tagen freut er sich auf heute Abend, die wöchentliche Session mit Manfred, Gerhard und den anderen, auf dem Speicher, im Lagerraum für die Schulbücher, dieser Blick von der Dachluke aus, obwohl „freuen“ eigentlich der falsche Ausdruck ist für dieses Gefühl der Sicherheit, dass es da einen Raum gibt, von dem man weiß: Du brauchst nur zu einem bestimmten Zeitpunkt die Tür öffnen, und all deine Kumpels sitzen da und begrüßen dich, „looking forward“ trifft es eher, aber wie sagt man das auf Deutsch?

Als er dann um neun mit der Clique wie jedes Mal auf dem staubigen Boden vor den Regalen sitzt, in denen sich die Bücher stapeln, und er kurz durch die Dachluke in der Dunkelheit draußen die Lichter der Dörfer am Alpenrand funkeln sieht, ganz klein, weit entfernt, muss er für eine Sekunde daran denken, dass er ja genau diese Szene heute Morgen im Bio-Leistungskurs vor Augen hatte: Gerhard auf dem Boden, Manfred stehend mit Kippe, Simon auf einem Schemel, Marco auf der Kiste, im Metal-Hammer blätternd. Schon während des Mathe-Grundkurses hat Jürgen das Schmierblatt mit dem schwarzen Marker zu übermalen begonnen, jetzt ist er fertig und betrachtet sein Werk. Die Notizen, Fratzen, Neumayer am Galgen, der Stundenplan, die Bandlogos darauf, SODOM, sind hinter den dicken schwarzen Strichen verschwunden, das Papier ist ganz durchtränkt von dieser Flüssigkeit im Stift.