G. F. Unger Western-Bestseller 2447 - Western - G. F. Unger - ebook

G. F. Unger Western-Bestseller 2447 - Western ebook

G. F. Unger

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Opis

Der Einzige, der den Kampf mit den Pecos-Banditen aufnehmen konnte, war Jim Buckmaster. Doch er führte das Aufgebot nur schweren Herzens, denn sein Bruder ritt mit der wilden Meute ... Bei allen Western aus der Feder unseres Spitzen-Autors G.F. Unger ist eine hundertprozentige Spannungsgarantie stets mit inbegriffen!

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Inhalt

Cover

Impressum

Die Schattenhaften

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Manuel Prieto/Norma

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-9380-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Die Schattenhaften

Nachdem er seine Arbeit verrichtet hat und es auf ihrer einsamen Pferderanch nichts mehr zu tun gibt, was nicht bis morgen früh warten könnte, macht Jim Buckmaster Feierabend. Er zieht sein Hemd aus und wäscht sich am großen Wassertrog.

Jim Buckmaster ist ein dunkelhaariger, großer und sehniger Mann. Seine langen Beine sind leicht gekrümmt, und seine Taille ist so schlank, wie die Taille eines Reiters nur sein kann.

Doch seine Schultern sind breit und muskulös, ganz so wie die eines Mannes, der schon eine Million Mal das Lasso warf und der mehr als hunderttausend Mal ein Wildpferd oder einen Stier an diesem Lasso hängen hatte.

Jim und sein Bruder haben ihre Pferderanch auf einer Terrasse erbaut, von deren Rand aus sie über die Ebene schauen können – fünfzig und mehr Meilen weit bis zum Pecos River hinüber.

Der Himmel ist nun blutrot gefärbt. Es ist, als schleuderte die untertauchende Sonne die Flammen der Hölle gen Himmel …

Jim Buckmaster zieht sich das Hemd über und stopft es in die Hose. Tief an seiner linken Seite hängt ein Revolver im Holster.

An der linken Seite! Und es ist ein steifes und geöltes Holster, angepasst von einem erstklassigen Meister, ganz ein Maßanzug für die Waffe. Ein Kenner sieht es sofort. Und ein Kenner lässt sich auch nicht davon täuschen, dass der Kolben dieses Revolvers nur einfach aus Walnussholz ist.

Nein! Dieser Peacemaker Colt sieht nur so schlicht und einfach aus. Der Kolben aber hat eine besondere Form, eine Form, die von einem Mann für seine Hand ausgesucht wurde, irgendwo bei einem Waffenmeister.

Jim Buckmaster wendet sich dem Blockhaus zu. Es ist dreiräumig, mit einem gemauerten Kamin in der Mitte.

Auch die Scheune, der Stall und die Corrals sind gut und solide gebaut. Diese kleine Pferderanch ist wie ein Musterstück. Wie ein Paradestück.

Immer, wenn Jim Buckmaster dieses Blockhaus betrachtet, verspürt er eine tiefe Zufriedenheit darüber, dass er nach all den bewegten Jahren des Umherziehens und der Suche nun mit seinem um acht Jahre jüngeren Bruder hier sesshaft wurde.

Jim Buckmaster tritt zu dem Brennholzstapel und nimmt einige Scheite auf die Arme, um sie ins Haus mitzunehmen. Doch er verharrt dann bewegungslos.

Denn nun hört er Hufschlag im Canyon.

Es ist kein gewöhnlicher und normaler Hufschlag. Sein Bruder Virg kann es nicht sein. Denn der hat ein Packpferd bei sich, beladen mit Vorräten. Wenn Virg käme, dann müsste der Hufschlag zweier Pferde hörbar sein. Auch wäre es nicht der trommelnde Hufschlag eines Pferdes, welches wild und rau angetrieben wird.

Jim Buckmaster tritt vom Brennholzstapel fort und an die Ecke des Hauses. Er blickt nach Süden zum Maul des Canyons hinüber, der von der Ebene herauf in dieses Land hier führt.

Jetzt kommt ein Reiter aus dem Canyon gesaust, so als hätte ihn eine starke Kraft aus einer Röhre gepustet.

Es ist schon zu dunkel, als dass Jim den Reiter erkennen könnte. Er sieht nur die Silhouette, diesen sich wild bewegenden Schatten.

Doch dann hört er etwas. Es ist ein schriller und scharfer Schrei, mit dem er und sein Bruder sich verständigen, wenn sie auf Pferdejagd sind oder es sonst etwas gibt, was es notwendig macht, dass sie sich ihr Kommen oder ihren Standort mitteilen.

Jim Buckmaster atmet langsam aus. Denn es sieht für ihn so aus, als wäre sein Bruder Virg auf der Flucht.

Jim wartet, bis sein Bruder heran ist und sein Pferd zu Stehen bringt.

Virg ist völlig außer Atem, und erst ein paar Sekunden später gelingt es ihm, seine Worte keuchend hervorzustoßen.

»Sie sind hinter mir her! Noel Marrs und die ganze Cumberland-Mannschaft! Ich hatte mit Kirby Cumberland eine Schießerei. Ich glaube, ich habe ihn getötet. Er griff zuerst zur Waffe, doch die Schufte im Lonestar Saloon, dieser Louis Kettle, sein Barmann und auch Hogan Earp – sie sagten, dass ich zuerst gezogen hätte. Aber sie lügen! Ich möchte wissen, warum sie so lügen! Als ich aus der Stadt ritt, begegnete ich eine halbe Meile weiter der Cumberland-Mannschaft. Sie drängte mich vom Weg, wie sie es immer tut, wenn sie Reitern begegnet. Sie wussten noch nicht, dass ich den jüngsten Sohn ihres Ranchers erschossen hatte, sonst hätten sie mir gleich die Haut abgezogen. Doch sie ritten schnell auf die Stadt zu. Und ich wette, sie sind jetzt keine zwei Meilen hinter mir, obwohl ich scharf geritten bin und die Abkürzung nahm. Ich muss weiter flüchten, Bruder! Gib mir unser bestes Pferd! Gib mir Geromino! Dann entkomme ich ihnen! Ich reite nach Westen über den Pecos! Was bleibt mir anders übrig? Big Boss Cumberland lässt mich aufknüpfen, das ist doch wohl klar, oder nicht?«

Jim Buckmaster hat inzwischen nachgedacht, und seine Gedanken eilten hundert Meilen in der Sekunde. Und er weiß, dass jetzt wahrhaftig keine Zeit ist. Bevor man die Dinge zu klären versucht, muss Virg erst einmal in Sicherheit sein. Wenn Noel Marrs mit einem Rudel Cumberland-Reiter hinter ihm her ist, geht es wahrhaftig um Virgs Leben. Es muss Zeit gewonnen werden.

Jim Buckmasters Stimme klingt ganz ruhig, als er sagt: »In Ordnung, Virg! Sattle dir Geromino. Ich packe indes ein Bündel für dich. Reite über den Pecos! Das ist wohl gut so! Denn jenseits des Pecos hat die Cumberland-Mannschaft zu viele Feinde. Sie werden dich nicht sehr weit verfolgen können. Also los!«

Er eilt ins Haus. Virg aber seufzt keuchend, und dieses Seufzen klingt erleichtert. Er tritt an das zuschanden gerittene Pferd heran und nimmt dem Tier den Sattel ab.

Dabei stößt er hervor: »Verzeih mir, Buck! Verzeih mir! Ich muss meine Haut retten. Ich konnte dich nicht schonen. Jim wird für dich sorgen! Jim wird dich wieder in Ordnung bringen! Jim wird alles in Ordnung bringen. Jim ist nicht einfach nur mein großer Bruder! Jim ist der große Jim Buckmaster! Black Jim Buckmaster ist er!«

Er eilt mit dem Sattel davon, hinüber zu einem Corral, in dem sich ein riesiger Hengst katzenhaft geschmeidig bewegt.

»Ich werde nach Langtry kommen«, sagt Jim Buckmaster, »sobald ich kann. Ich werde auf jeden Fall nach Langtry kommen, Virg! Du reitest über den Pecos! Dort ist Banditenland. Dort leben all die Schattenhaften. Werde kein Bandit! Bleibe gut! Warte auf mich! Ich bin dein Bruder. Vergiss nicht, dass du einen Bruder hast. Sei gut, Cowboy!«

Dieses »Sei gut, Cowboy!« ist der alte Cowboygruß und zugleich der beste Wunsch, den man einem Reiter, der ins Ungewisse reitet, mit auf den Weg geben kann.

»Sei gut, Cowboy!«, dies bedeutet so sehr viel: Behalte dein Selbst und reite stets gerade Wege! Behalte deine Ehre und werde deinen Grundsätzen nicht untreu.

Virgil Buckmaster ist groß, sehr geschmeidig, blond und auf eine verwegene und sieghaft anmutende Art hübsch. Er wirkt ganz so, als könnte er sich alle Dinge im Sturm erobern und als hätte er großen Spaß an allen Wagnissen und verwegenen Dingen.

Jim Buckmaster steht einige Sekunden lang unbeweglich da, und er atmet dabei aus. Seine hohe Gestalt wirkt erschlafft, müde, wie innerlich ausgebrannt. Er hält den Kopf gesenkt.

Als er dann aufblickt und seinen Blick gen Himmel richtet, sind dort die ersten Sterne zu erkennen.

Doch die fernen Lichter sind kein Trost für Jim Buckmaster.

Er denkt kurz nach, dann löst er die Schnalle seines Waffengurtes. Er trägt Gurt und Waffe hinüber zu einem Nussbaum, der beim Wassertrog steht und während der Hitze kühlen Schatten spendet. Jim legt Gurt und Waffe in eine Astgabel.

Die Cumberland Ranch beschäftigt mehr als hundert Menschen, darunter auch einige Mexikaner-Familien, doch die Raureitermannschaft zählt kaum mehr als ein Dutzend Männer. Aber jeder dieser Männer wiegt eine gewöhnliche Durchschnittsmannschaft auf.

Jim Buckmaster weiß, dass diese Reiter dreifachen Cowboylohn bekommen, in erstklassigen Quartieren wohnen und sogar jedes Jahr eine bestimmte Anzahl von Kälbern mit ihrem eigenen Brandzeichen versehen dürfen. Sie stehen in der Rangordnung der Cumberland Ranch ganz oben, jawohl, wie Ritter, die nach dem Fürsten kommen und bei ihm ganz oben an der Tafel sitzen.

Diese Mannschaft wird von Noel Marrs geführt.

Und das ist auch jetzt so, als sie aus dem Canyon gesaust kommen. Noel Marrs’ riesiges Pferd und auch Marrs’ mächtige Gestalt sind an der Spitze des Rudels gut zu erkennen, denn die Sterne wurden klarer und leuchtender.

Jim Buckmaster tritt langsam aus dem Schatten des Nussbaumes hervor. Er bleibt genau an der Grenze des Schattens stehen, und er steht dort recht gut. Denn die Zweige sind hinter ihm tief genug, sodass kein Reiter ihn bedrängen kann. Zugleich aber zeigt er seine Furchtlosigkeit dadurch, dass er sich nicht im Haus verkroch oder irgendwo in der Umgebung versteckte.

Die Reiter verteilen sich auf der ganzen Ranch, und sie erfüllen die Nacht mit dem Schnauben ihrer Pferde, ihrem Stampfen und Keuchen. Sättel knarren, Metallteile klimpern.

Dann wird es still.

Jim Buckmaster beobachtet Noel Marrs, der sein riesiges Pferd beim Wassertrog verhielt, sich umsieht und wartet.

Eine heisere Stimme tönt vom Corral herüber: »Geromino ist fort – er ist fort!«

Noel Marrs zieht sein großes Tier herum. Es ist löwengelb und wiegt sicherlich nicht weniger als dreizehn Zentner. Es ist ein starkes, zähes und sehr schnelles Pferd, welches die zweihundertzwanzig Pfund des Vormannes und den siebzig Pfund schweren Sattel tragen kann, ohne nach wenigen Meilen zu versagen.

Noel Marrs bleibt im Sattel, obwohl sein Pferd keucht und stöhnt und sich jeder andere Mann erbarmen würde. Doch Noel Marrs kennt kein Erbarmen. Dieses Gefühl ist ihm fremd.

Um aber gerecht zu sein, muss gesagt werden, dass er auch gegen sich selbst kein Erbarmen kennt. Er treibt sich auch selbst auf diese raue und unnachgiebige Art an, und alles, was er sich dienstbar machen kann, ist für ihn nur ein Mittel, um besondere Leistungen zu erzielen, um ein Riese zu sein, der Berge versetzen oder andere unmögliche Dinge machen kann, dies aber nicht zu seinem eigenen Wohle, sondern zum Wohle der Cumberland Ranch, die sein Gott ist.

Solch ein Mann ist Noel Marrs.

Er bleibt also im Sattel seines erbarmungswürdigen Pferdes. Und er blickt auf Jim Buckmaster nieder und fragt mit einer Stimme, die kehlig und merkwürdig ruhig und sanft klingt: »Du hast ihm Geromino gegeben, nicht wahr? Er ist auf Geromino nach Westen geflüchtet und glaubt, uns entkommen zu können?«

»So ist es«, erwidert Jim Buckmaster schlicht. »Er ist mein Bruder. Und er hat mir gesagt, dass Kirby zuerst den Revolver zog. Er hat mir gesagt, dass die Zeugen im Saloon gelogen haben. Und weil er mein Bruder ist, musste ich ihm glauben.«

Noel Marrs nimmt den alten Hut ab, dessen Krempe vom Reitwind vorn hoch gebogen ist. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sein Gesicht ist kantig, hohlwangig. Er hat zwei etwas schräg gestellte Augen, hohe Wangenknochen. Und er trägt einen sichelförmigen, über die Mundwinkel hängenden Schnurrbart, der ein typischer Chinesenbart wäre, wenn er nicht so gelbblond wäre.

Nachdem er seinen Hut wieder aufgesetzt hat, nickt er nochmals. Und dann sagt er noch kehliger als zuvor: »Sicher, einem Bruder muss man glauben können. Auf wessen Wort sollte man sich sonst verlassen können, wenn nicht auf das Wort eines Vaters, eines Sohnes, eines Freundes und ganz besonders eines Bruders.«

Er nickt wieder nach dieser merkwürdigen Rede.

Dann wird seine bisher kehlig-sanfte Stimme härter, schneidender und kälter.

»Aber du hast dich damit auf die Seite deines Bruders und gegen die Cumberland Ranch gestellt, Mister. Du hast die Partei eines Mannes ergriffen, der einen Cumberland erschoss. Die Cumberland Ranch würde auseinanderbrechen wie ein Stück trockenes Brot, wenn sie die Helfer ihrer Feinde nicht ebenfalls zu treffen wüsste. Siehst du das ein, Jim Buckmaster?«

Dann sagt er ernst: »Natürlich ist nichts falsch daran, wenn ein Mann sich wehrt und sein Leben schützt, doch dies ist sehr allgemein. Die Sache sieht völlig anders aus, wenn dieser Mann einen Cumberland von den Beinen schießt. Das geht nicht! Das kann man nicht tun. Wo kämen wir da hin, wenn man die Cumberlands ungestraft abschießen könnte! Vielleicht hat Kirby Cumberland nicht viel getaugt. Es ist sogar ziemlich sicher, dass er niemals etwas getaugt haben würde, selbst wenn er hundert Jahre alt geworden wäre. Doch er war ein Cumberland, verstehst du? Er gehört zur Cumberland Ranch, wie dein Ohr zu deinem Kopf gehört. Und nun kommen wir zur Sache!«

Er macht eine kleine Pause und sagt dann: »Du bist hier erledigt, Jim Buckmaster. Ich sehe, du trägst keinen Revolver. Doch wenn du jetzt gerne einen hättest, will ich warten, bis du ihn dir geholt hast. Ich will sogar vom Pferd steigen und dir eine Chance geben. Du kannst mit mir einen Revolverkampf bekommen, wenn du ihn haben möchtest. Doch es würde dir nichts nützen – gar nichts! Denn du hättest – wenn du mich besiegen könntest – wieder ein Stück der Cumberland Ranch vernichtet. Die Cumberland Ranch würde dich mit deinem Bruder zusammen von dieser Welt jagen. Hast du verstanden?«

Er fragt es etwas unbeholfen, und er wirkt jetzt irgendwie besorgt, so als läge ihm viel daran, dass Jim Buckmaster dieses Denken verstünde.

Jim versteht es. Er hat vorher schon gewusst – und das weiß man im ganzen Land -, dass die Cumberland Ranch für Noel Marrs eine Religion ist.

»Dein Denken ist verzerrt, Noel Marrs«, sagt er. »Du gleichst einem Götzendiener. Es gibt Heiden, die beten einen Götzen an so wie du die Cumberland Ranch, und sie tun alles, um diesem Götzen zu dienen. Sie wissen genau, dass jeder Götze auf tönernen Füßen steht, und sie fürchten seinen Sturz. Der Gedanke daran macht sie verrückt. Und so tun sie alles, um die Gefahr abzuwenden, von der sie meinen, dass sie den Götzen stürzen könnte. Ihr Denken und all ihre Maßstäbe verzerren sich. Sie begehen sehr oft Unrecht, ohne dies erkennen zu können. Auch das, was du jetzt tun willst, ist Unrecht. Nein, ich kämpfe nicht! Ich habe meinen Revolver mit Absicht abgelegt. Ich weiß, dass es keinen Sinn hat, dich zu töten. Ich würde einem mächtigen Riesen, nämlich der Cumberland Ranch, nur eine Faust abschlagen. Das Problem ist nicht damit zu lösen, dass ich dich töte.«

»Wir nehmen die besten Pferde, Jungs! Und wir nehmen noch jeder ein Ersatzpferd mit. Wenn wir unterwegs die Tiere immer wieder wechseln, können wir sicherlich sogar Geromino einholen! Also nehmt die besten Tiere! Sattelt auch für mich! Ich habe noch zu tun!«

Er schenkt Jim Buckmaster keinen Blick mehr. Nun, auf der Erde, erweist er sich nicht ganz so groß, wie es den Anschein hat, wenn er im Sattel sitzt. Das liegt an seinen Beinen. Sie sind ziemlich stark gekrümmt. Er läuft auf den Außenkanten seiner Sohlen wie ein Indianer. Es geht ein Gerücht im Land um, nachdem er zu einem Viertel ein Apache sein soll.

Dann wendet er sich zum Blockhaus, und nun, da er vom Flammenschein schon beleuchtet wird, der ihm folgt, da wird man sich auch darüber klar, dass er sehr lange Arme hat.

Jim Buckmaster steht unter den Zweigen des Nussbaumes und bewegt sich nicht.

Doch er kämpft einen schlimmen Kampf in sich, tief in seinem Kern mit sich selbst. All das Wilde und Heißblütige in ihm droht nun die Oberhand zu gewinnen, ihn zu beherrschen. Er verspürt einen starken innerlichen Zwang, unter den Baum zu treten und den Revolver aus der Astgabel zu nehmen.

Er zittert wie unter einem Fieberschauer und er weiß gut über sich Bescheid. Wehe, wenn dieses Wilde und Heißblütige in ihm siegt! Damals, als er ein junger Bursche war, der von daheim fortritt, da hat es ihn beherrscht, und er hat ein wildes Leben geführt und ist ein Revolverheld gewesen.

Doch sein Verstand gewinnt die Oberhand. Denn er denkt daran, dass es seinem Bruder wenig nützen würde, wenn man ihn hier zusammenschießt. Gewiss, er könnte vielleicht Noel Marrs und noch zwei oder drei Männer mit sich von dieser Erde nehmen. Er traut sich dies zu und weiß, dass er, selbst wenn er tödlich getroffen sein würde, noch einige Atemzüge lang kämpfen könnte. Er würde seine sechs Kugeln verfeuern.

Aber dann würden sie ihn in Stücke schießen.

Und er könnte nichts mehr für Virg tun. Virg wäre allein – ein wilder Junge, der ins Banditenland flüchtete und der unter Banditen leben würde.

Im Blockhaus aber leuchtet es nun ebenfalls rötlich durch die beiden Vorderfenster.

Noel Marrs hat Feuer angelegt. Jim sieht ihn nun herauskommen. Und wieder kämpft er gegen den Drang an, den Revolver zu nehmen und zu schießen.

Noel Marrs ruft über den Hof: »Jagt alle anderen Pferde fort! Jagt sie den Canyon hinunter!«

Er findet, indes er dies ruft, das Pferd, welches seinen Sattel trägt. Es ist ein großes Tier, ein mausgrauer Wallach, groß, stark, zäh und schnell, ein Pferd für einen schweren Mann.

Noel Marrs sitzt auf und kommt wieder zu Jim geritten. Er hält an und fragt dann seltsam gedehnt: »Du möchtest mich gern tot am Boden sehen, nicht wahr? Du möchtest gerne etwas tun, um dich zu rächen? Aber das wäre falsch. Freund, du musst es nicht persönlich sehen. Die Cumberlands müssen ihr Prestige erhalten. Ich bin dafür da, um die Ranch zu schützen. Es ist nichts Persönliches gegen dich, Jim.«

»Doch«, sagt dieser jetzt langsam. »Ich denke, dass da eine persönliche Sache mit eine Rolle spielt.«

Noel Marrs grollt seltsam. Dann schüttelt er heftig den Kopf.

»Wenn du dieses Land verlässt«, sagt er heiser, »so kannst du von mir aus Ann Uvalde mitnehmen. Ich werde euch nicht nachreiten, um dir das Mädel wieder abzunehmen. Nein, es ist nichts Persönliches, Jim Buckmaster. Ich kann nur nicht zulassen, dass die Cumberlands aussterben. Denn dann gibt es keine Cumberland Ranch mehr. Ich schütze die Cumberlands, weil die Ranch bis in alle Ewigkeit bestehen soll!«

☆☆☆

Jim Buckmaster muss drei oder vier Meilen zu Fuß laufen, bis er auf einige Pferde trifft. Doch es sind einige Stuten von ihm, und sie werden bald Fohlen bekommen.

Er findet aber dann eines der müden Tiere der Cumberland-Mannschaft, die mit seinen Pferden den Canyon hinuntergejagt wurden. Er reitet auf dem sattellosen Tier zwei Meilen und trifft dann auf eine weitere Gruppe seiner Pferde.

Es sind einige Tiere dabei, die nicht tragend sind, und so sitzt er bald auf einem schnellen Tier. Es macht ihm nichts aus, ohne Sattel zu reiten. Zaumzeug hat er sich mitgenommen, als er die brennende Ranch verließ.

Jim fragt sich, was aus den Tieren werden wird. Sie sind ein Vermögen wert. Und die Cumberland-Mannschaft reitet auf ihnen auf der Fährte des Bruders und muss damit gewiss weit ins Pecos-Land hinein.

Und wer wird all die Tiere zusammentreiben, für die Fohlen sorgen und all die vielen notwendigen Dinge für die Tiere tun, die jetzt im Land herumwandern werden?

Dies ist die Frage! Er wird viele Stuten und Fohlen an Pferdediebe verlieren.

In ihm ist nun wieder jene heiße und gefährliche Wut. Es ist ein böser Zorn, der zerstören möchte, zurückschlagen, rächen, vernichten.

Er treibt das Pferd schärfer an. Bald reitet er in die Stadt ein.

Er hält vor dem Lonestar Saloon.

Drinnen ist noch Licht. Der Barmann, der die Stühle mit den Sitzen auf die Tische stellt, wendet sich müde zu ihm um.

»Es ist geschlo…«, beginnt er mürrisch. Doch dann erkennt er Jim Buckmaster und verstummt. Er deutet mit dem Daumen über die Schulter hinweg auf eine Tür und sagt: »Ich soll Ihnen sagen, dass Mister Kettle noch auf und geneigt ist, Sie zu empfangen.«

Jim nähert sich dem Barmann. »Steve, wie war die Sache?«, fragt er ruhig. »Sag mir, wie war es, Steve Hill?«