Exil der frechen Frauen - Robert Cohen - ebook

Exil der frechen Frauen ebook

Robert Cohen

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Opis

Ein packender Roman über den deutschen Widerstand im Exil anhand dreier verbürgter Frauenbiographien: Im Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre befreit die kaum zwanzigjährige Olga Benario ihren Liebhaber aus dem Gefängnis. Darauf gründen zwei angehende Schriftstellerinnen, Maria Osten und Ruth Rewald, voll Übermut einen Verein frecher Frauen. Keine fünfzehn Jahre später sind die drei Frauen tot. Dazwischen liegen drei Leben, gelebt im Exil in vielen Ländern, in Gesellschaft berühmter Zeitgenossen wie Bertolt Brecht, Anna Seghers, Isaak Babel, Margarete Steffin, Tina Modotti, Claude Lévi-Strauss und Annemarie Schwarzenbach. Robert Cohen schildert die Lebensgeschichten von Frauen, die sich in Zeiten des sogenannten Dritten Reiches das Recht auf Selbstverwirklichung herausnehmen.

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Robert Cohen

Exil der frechen Frauen

Robert Cohen

Exil derfrechen Frauen

Roman

eISBN 978-3-86789-562-0

3. Auflage© 2009, 2013 by Rotbuch Verlag, BerlinUmschlaggestaltung: Rotbuch Verlag, Katharina FuchsUmschlagabbildung: Tina Modotti,»Frau mit Fahne«, Mexiko 1928

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:Bebug mbH / Rotbuch VerlagAlexanderstraße 110178 BerlinTel. 01805 / 30 99 99

(0,14 Euro/Min. aus dem deutschen Festnetz,abweichende Preise für Mobilfunkteilnehmer)

www.rotbuch.de

Wenn die WundeNicht mehr schmerztSchmerzt die Narbe

Bertolt Brecht

1

Angefangen sei mit dem elften April neunzehnhundertachtundzwanzig, einem Mittwoch, in der damaligen Reichshauptstadt Berlin, wenige Jahre später Hauptstadt des sogenannten Dritten Reiches, am Kriegsende zerstört, geteilt, der östliche Teil Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, der westliche Teil Frontstadt, Schaufenster der freien Welt und so weiter, inzwischen längst wieder gesamtdeutsche Hauptstadt. Maria Greßhöner, eine junge Frau von zwanzig Jahren, läuft mit lebhaften Schritten auf der Leipziger Straße in Richtung Potsdamer Platz. Den schmalen Körper vorgeneigt, den Kopf in den Frühlingswind gereckt, das kurze Haar zerzaust, drängt sie ungestüm an der Fassade des Kaufhauses Wertheim entlang, in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts nach Plänen des jüdischen Architekten Alfred Messel errichtet, neunzehnhundertsiebenunddreißig arisiert, im Zweiten Weltkrieg zerbombt, die Ruine in der Deutschen Demokratischen Republik abgerissen, nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten erwirbt Karstadt das Grundstück, einem jüdischen Herrn Wortham in Florida wird eine Abfindungssumme ausbezahlt. Ungeduldig ausschreitend, die Ellbogen vom Körper weggestreckt, wie um sich einen Weg zu bahnen durch die Flanierer, die ihr ausweichen, strebt Maria Greßhöner unaufhaltsam voran. Schon als kleines Mädchen, hergereist in der Vorweihnachtszeit aus der westpreußischen Provinz, hatte sie es eilig, an der endlosen Kaufhausfassade vorbeizukommen, eine Geduldsprobe, die jedes Jahr neu zu bestehen war. Die Mutter hinter sich herziehend durch die Menschentrauben, ließ sie Schaufenster um Schaufenster hinter sich, in denen auf weiß überpuderten Tannenzweigen die köstlichsten Dinge der Welt sich stapelten, umwunden von Girlanden und Lamettabändern, umtanzt von an weißem Zwirn aufgehängten Schneeflocken, die hier über einem Jesuskind in der Krippe, dort über Ochse und Esel und den drei Weisen aus dem Morgenland baumelten. Durch das von Steinbögen überwölbte Portal drang sie ein in den Prunk des Marmorlichthofs. Eingeklemmt zwischen Weihnachtsbesuchern, den verschwitzten Kopf mit den Zöpfen emporgedreht, um einen Blick zu erhaschen auf die Rundgänge, wo die Weihnachtsausstellung wartete, vorbeigeschoben an der steinernen Riesin, die mit herrischer Hand auf sie zeigte. Geblendet hatte sie die Augen geschlossen vor der gleißenden Sonne aus Blech, tausendmal heller als das matte Tageslicht, das durch das Glasdach sickerte. Viel zu langsam gelangte sie die Treppen hoch, benommen von den Ausdünstungen der Kinder und Erwachsenen in ihren Wintermänteln, betäubt vom Gewirr der kleinen scharfen und der beschwichtigenden erwachsenen Stimmen, umflutet von O Tannenbaum, O Tannenbaum. Dann stand sie endlich vor den Puppenstuben, Lebkuchenhäuschen, elektrischen Eisenbahnen und mechanisch zuckelnden Spielsachen, all dem glitzernden Glanz. Damit ist sie fertig. Für den kapitalistischen Plunder hat sie nur noch Verachtung übrig. Die Waren machen die Menschen blöd. Sie lenken ab vom Endkampf gegen die Ausbeuter, der unvermeidlich bevorsteht. Maria Greßhöner hat ihr Leben mit der Arbeiterbewegung verbunden. Ihre Tätigkeit im Verlag ist Teil eines großen Ringens. An dessen Ende steht der Sturz der herrschenden Verhältnisse. Der Malik-Verlag wolle dazu beitragen, dass die Proletarier zum Erkennen ihrer eigenen Interessen geführt würden, hatte Herzfelde geschrieben. Diese Formulierung hat sich ihr eingeprägt. Einverstanden mit der politischen Richtung des Verlags, ist sie begeistert von seinem literarischen Programm. Hier, das steht fest, werden eines Tages auch ihre Bücher erscheinen.

Mit raschen Schritten erreicht sie den Leipziger Platz. Die Blumenfrauen mit ihren Kopftüchern haben trotz der noch frischen Jahreszeit Sonnenschirme aufgespannt. Elegant gekleidete Herren lassen sich Sträuße zusammenstellen, Arbeiterfrauen gehen achtlos vorbei. Maria Greßhöner reiht sich unter die Wartenden ein. Vor ihr ein specknackiger Mann mit Monokel, den Schmiss im rosigen Gesicht. Die Blumenfrau bindet für sie einen Strauß Osterglocken. Die Blumen mit beiden Händen umklammernd, im Rücken die Blicke der vornehmen Herren, eilt Maria Greßhöner unbekümmert davon.

Über den Potsdamer Platz geht ein unendlicher Verkehr. Vorbei an Automobilen, Radfahrern, Straßenbahnen, Pferdefuhrwerken und doppelstöckigen Autobussen drängt Maria Greßhöner, das Girl, der Flapper mit Bubikopf, über die Königgrätzer Straße. Hier ist das Zentrum der Welt, und sie ist aufgeladen mit seiner Hektik und Energie. Aus der ostelbischen Ödnis ist sie hergekommen, nachdem sie mit kaum fünfzehn Jahren ihre Jugend abrupt beendet hat, eine Landpomeranze, eine von Zehntausenden jungen Frauen, angezogen vom protzigen Reichtum und Glitzer der Hauptstadt. Aber dann stand sie fassungslos am Straßenrand. An ihr vorbei zogen schweigend graue Gestalten mit grauen Gesichtern und grauer Haut. Blicke, die nichts mehr hielten, schlurfende Schritte, Proleten, Frauen mit Säuglingen auf dem Arm, Kindern an der Hand, Gören aus Lumpen und Knochen, rachitisch, schmutzig, barfüßig. Später war Polizei da, Berittene teilten Hiebe aus, ritten nieder, nahmen fest, führten ab. Es wurde geschrien und geflucht, aber nicht besonders laut, auch die Kinder schrien nicht laut, oder es schien der fünfzehnjährigen Zuschauerin aus der Provinz so, weil das eigene Herz laut im Hals schlug. Fünf Jahre ist das her. Der Zorn dauert so lange, bis er vergeht. Der Zorn von Maria Greßhöner vergeht nicht. Sie wird Mitglied der kommunistischen Jugend, vor einem Jahr ist sie in die Partei eingetreten, vierzehn Jahre und ein paar Monate von jetzt wird sie in Saratow an der Wolga von den eigenen Genossen erschossen werden. Jetzt aber stürmt sie unaufhaltbar über den Potsdamer Platz, die skandierenden Stimmen der Kolporteure im Ohr. Linker Hand die hundertjährigen Schinkelschen Torhäuser und der Verkehrsturm auf stählernen Beinen. Die Normaluhr zeigt nachmittags zwei Uhr, zwölf Minuten, neununddreißig Sekunden und eine nicht feststellbare Anzahl Zehntelsekunden. Maria Greßhöner ist in Eile, immer ist sie in Eile, getrieben von Neugier auf das, was kommt, sie darf es nicht verpassen. Flott bringt sie die Fassade zwischen Bellevue und Potsdamer Straße hinter sich. HILDEBRAND SCHOKOLADE KAKAO, CHLORODONT WEISSE ZÄHNE, JOSTYS CONDITOREI & CAFÉ, das mehrstöckige Haus mitsamt seinen Werbeaufschriften im Zweiten Weltkrieg zertätscht, wie die angrenzenden Gebäude auch, kein Stein mehr auf dem anderen, der Potsdamer Platz Brachland, zwanzig Jahre später die Mauer querdurch, der beste Aussichtspunkt für einen Blick auf den östlichen Stadtteil, am Ende des Jahrhunderts Großbaustelle, DAIMLER-BENZ, DEBIS IMMOBILIENMANAGEMENT, SONY, A & T. Unter der Markise beim Aufgang zum Café Josty bleibt sie heftig atmend stehen. Die Rufe der Kolporteure sind endlich in ihr Bewusstsein gedrungen. BZ am Mittag – Extraausgabe – Wildwestüberfall auf Kriminalgericht Moabit – Kommunistische Befreiungsaktion – Beispiellose Frechheit einer jugendlichen Terroristin – Die Polizei verfolgt eine Spur. Sie reißt dem Verkäufer die Zeitung aus der Hand.

In dem überfüllten und verrauchten Café sitzt Herzfelde mit Heartfield und Ottwalt an einem Fenstertisch, die Terrasse ist noch geschlossen. Sie küsst Herzfelde und gibt ihm die Blumen. Ist das nicht verkehrt? grinst Ottwalt. Heartfield erklärt, sein kleiner Bruder habe heute Geburtstag. Herzfelde ist zwölf Jahre älter als Maria Greßhöner. Seine Frau und den Jungen hat er verlassen, um mit ihr zusammenzuziehen, in die Dachwohnung am Kurfürstendamm, das ist kein Geheimnis. Aber Privatleben und Geschäft will er sauber getrennt. Dass sie ihm vor aller Augen Blumen schenkt, macht ihn verlegen, sie stellt es belustigt fest. Sie blickt auf sein schönes, jungenhaftes Gesicht, auf den kleinen Mund und die geschwungenen Lippen. Er deutet auf die Zeitung unter ihrem Arm. Was sagst du dazu? Eine junge Genossin hat Otto Braun aus dem Gefängnis befreit. Toll, sagt sie, großartig. Dahinter steckt die Partei, meint Ott-walt, im Mai hätte der Prozess gegen Braun beginnen sollen. Die Komintern hat sich ... Obacht, unterbricht ihn Herzfelde, wir sind hier nicht allein. Das steht doch alles in der Zeitung, sagt Heartfield. Vermutungen, antwortet Herzfelde, da steht ja auch, Otto Braun sei Redakteur und Olga Benario Stenotypistin, die haben keinen blauen Dunst. Wieland hat recht, sagt Ottwalt, stets bereit, Herzfeldes Überlegenheit in Parteisachen anzuerkennen. Dass Herzfelde sein Parteibuch noch von Rosa Luxemburg persönlich empfangen hat, daran erinnert Ottwalt Maria Greßhöner immer aufs neue, in einem Ton, als spreche er von einem nicht ganz irdischen Vorgang. Sie mag Ottwalt, in der Begeisterung ihres westpreußischen Landsmannes erkennt sie sich selbst. So ist das bei den Neuen, sie selbst ist noch kein Jahr bei der Partei. An Ottwalts Namen muss sie sich allerdings erst gewöhnen. Im vergangenen Februar war ein junger Mann namens Ernst Gottwald Nicolas im Verlag erschienen und hatte Herzfelde eine jener Lebensgeschichten erzählt, die in dieser Zeit nicht eben selten sind: Pfarrerssohn, Mitglied einer studentischen Korporation, dann im Freikorps, Hatz auf Kommunisten, die Kommunistenweiber ein besonderer Spaß. Abgebrochenes Jurastudium, häufig die Stelle gewechselt, es habe ihn zum Journalismus gezogen. Allmählich ging ihm auf, was da mit ihm getrieben wurde. Heute werde ihm kotzübel, wenn er an das Pack denke, an das er geraten war, verhetzte Gymnasiasten, völkische Akademiker, monarchistische Offiziere, antisemitische Haufen, die alles Linke und Fremde ausmerzen wollten. Auf den Rat von Genossen hin, zu denen er Verbindung bekam, habe er begonnen, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Ob Herzfelde das veröffentlichen wolle? Der Verleger war freundlich und zurückhaltend. Der Malik-Verlag sei an der jungen Literatur interessiert. In letzter Zeit habe man fast nur Russen gebracht, Gorki, Fedin, Ehrenburg, Figner, Kollontai und eben jetzt die große Tolstoi-Ausgabe. Daneben wolle man aber die deutsche revolutionäre Literatur nicht vernachlässigen. Nicolas solle ihm das Manuskript bringen. Von da an erschien der untersetzte junge Mann mit dem starken Schädel von Zeit zu Zeit im Verlag. Wenn Herzfelde nicht da war, ging er in Maria Greßhöners Büro auf und ab und redete über den politischen Kampf und die neue Literatur. Schließlich, es ist keine zwei Wochen her, brachte er die ersten fünfzig Seiten seines Manuskripts in die Passauer Straße, der Titel sei Ruhe und Ordnung, übrigens habe er seinen Namen geändert, statt Ernst Gottwald Nicolas nenne er sich jetzt Ernst Ottwalt. Einen Augenblick lang hatte Maria Greßhöner die Verknappung des weichen, klangvollen Namens bedauert, dann sagte sie sich, dass ihr eigener Name am allerwenigsten geeignet sei, dereinst auf einem Bucheinband zu erscheinen. Herzfelde hatte sie gebeten, Ottwalts Manuskript zu lesen. Ihrem Urteil, um große Kunst handle es sich nicht, aber bringen solle man das, denn es sei wichtig, stimmte er zu. Dass sie sich für sein Manuskript einsetzte, hat sie Ottwalt nie gesagt, und es hätte wohl nichts daran geändert, dass er sie in einer jetzt noch unvorstellbaren Zukunft denunzieren würde. Vielleicht hatte er nur den eigenen Kopf retten wollen, wer kann das nach all den Jahren noch sagen?

Ottwalt fragt, was sie über Olga Benario wüssten. Herzfelde sagt, sie sei Mitglied der Bezirksleitung des Jugendverbands, verantwortlich für Agitation und Propaganda. Keine zwanzig Jahre alt. Das höre sich nicht nach Pistolenweib an, meint Heartfield, wieso die Partei eine so Junge für diese Aktion ausgewählt habe. Ich habe sie ein paarmal gesehen, sagt Maria Greßhöner. Im vergangenen Jahr war sie noch in der Bezirksleitung Neukölln. Dann wurde sie in den Gesamtberliner Vorstand geholt, sie war neunzehn. Ich erinnere mich an ein Verbandstreffen, da hat sie geflucht, dass ältere Genossen rote Köpfe bekommen haben. Vielleicht doch ein Pistolenweib, meint Heartfield. Sie hat ein Gesicht wie von Modigliani, sagt Maria Greßhöner, lang und melancholisch, mit blauen Augen. Wenn man den Zeitungsberichten glauben könne, sagt Ottwalt, habe Olga Benario den Genossen Braun direkt aus dem Büro des Untersuchungsrichters herausgeholt. Das müssten sie sich einmal vorstellen, in den Gängen bewaffnete Bewacher, Justizbeamte, es wimmelt von Polizisten. Der ganze Betrieb von einer Zwanzigjährigen mit einer ungeladenen Pistole lächerlich gemacht. Sie werden, sagt Herzfelde, alles daransetzen, sie zu erwischen. Es sollten dann aber noch Jahre vergehen, bis sie Olga Benario erwischten und im Konzentrationslager Bernburg vergasten.

Heartfield bespricht mit Ottwalt den Einband von Ruhe und Ordnung. Herzfelde und Maria Greßhöner brechen auf. Eine junge Frau, die allein an einem runden Marmortischchen sitzt, auf dem sie neben der Kaffeetasse und dem Sahnekännchen Papiere ausgebreitet hat, nickt ihnen zu. Bei der Treppe fragt Herzfelde, wer das gewesen sei. Ruth Rewald, sagt Maria Greßhöner, sie ist vor kurzem im Verlag gewesen und hat dir von einem Jugendbuchprojekt erzählt. Herzfelde kann sich nicht erinnern. Ich will ein paar Worte mit ihr sprechen, ich komme gleich nach. Maria Greßhöner geht zurück ins Café. Ruth Rewald lädt sie erfreut ein, sich zu setzen. Maria Greßhöner fragt, ob sie das Extrablatt gesehen habe. Großartig, sagt Ruth Rewald. Phantastisch, sagt Maria Greßhöner. Wahnsinnig, sagt Ruth Rewald. Sie lachen, Ruth Rewald hat ein Grübchen im Kinn. Duzen wir uns? fragt Maria Greßhöner. Klar. Was ich wissen möchte, sagt Ruth Rewald, wo hat Olga Benario ihre Frechheit her? So frech möchte ich auch sein. Ich auch, wo lernen wir das? Ruth Rewald schlägt die Gründung eines Vereins frecher Frauen vor, mit Olga Benario als Trainerin. Die wird sich eine Weile nicht zeigen dürfen, sagt Maria Greßhöner. Was macht dein Buchprojekt? Zu wenig Zeit, Ruth Rewald weist auf die ausgebreiteten Papiere, mein Jurastudium. Daneben ist sie in der Jugendwohlfahrt tätig, das habe sie überhaupt erst auf den Gedanken gebracht, Jugendbücher zu schreiben. Ich arbeite da vor allem mit Jungs. Die haben eine Wut auf alles, auf die Republik, die Plutokraten, die Kommunistenschweine. Sie lesen das Buch von Hitler, oder wenigstens die ersten zehn Seiten, halten sich für eine Rasse, wollen Juden verhauen und Frauen aufs Kreuz legen. Die meisten kommen aus miesen Verhältnissen. Völlig verstockt, mit denen kannst du nicht reden. Ob die dazu gebracht werden konnten, etwas anderes zu lesen als den Nazischund? Im Gymnasium habe sie als zukünftige Schriftstellerin gegolten. Warum nicht ein Jugendbuch schreiben? Ein Gegenbild aufstellen – Jungs, die gemeinsam Abenteuer bestehen, Solidarität lernen und den friedlichen Umgang mit Fremden und Andersartigen. Jetzt, wo sie es beschreibe, scheine ihr das Konzept abstrakt und bieder. Du bist zu streng, sagt Maria Greßhöner, wir dürfen uns nicht selbst entmutigen, noch bevor wir angefangen haben. Du schreibst auch? Maria Greßhöner nickt. Eine ihrer Kurzgeschichten liegt bei Kiepenheuer. Ein Lektor, Hermann Kesten, stellt dort eine Anthologie mit Arbeiten neuer Schriftstellerinnen und Schriftsteller zusammen. Ruth Rewald findet das toll: Wer ist noch dabei? Ernst Toller, Anna Seghers, Joseph Roth, Kästner, Marieluise Fleißer, Horváth. Ich bin die Jüngste, ich habe Frechheitstraining nötig. Ruth Rewald will wissen, was sie geschrieben hat. Maria Greßhöner zögert, holt einen zerknitterten Umschlag hervor, der mehrere eng beschriebene Seiten enthält. Habe ich immer dabei, sagt sie, falls die Wohnung abbrennt. Ruth Rewald beginnt zu lesen. Maria Greßhöner bestellt noch einen Kaffee und zündet sich eine Camel an. Sie betrachtet das ebenmäßige Oval von Ruth Rewalds Gesicht, eingerahmt von braunem Haar, das über die linke Stirnseite fällt, die schmalen Striche der Augenbrauen, darunter große Augen, die Nasenlinie, die Lippen, das Grübchen im Kinn. Ein mädchenhaftes Gesicht, in dem das Leben noch kaum Spuren hinterlassen hat.

Nach zwanzig Minuten blickt Ruth Rewald auf. Wo hast du das her? Was meinst du? Diesen Ton, diese Atmosphäre von Ekel, das Landleben als Hölle. Wie findest du es? Ich weiß nicht, sagt Ruth Rewald, es ist bitter und böse, die Figuren sind grotesk. Sie liest aus dem Manuskript vor: Mehlgast ist wach. Er sieht wie ein Epileptiker aus. Seine Backen sind gedunsen. Nur bis an die Schenkel zugedeckt, den dicken Kopf leicht gehoben, stiert er schon eine Viertelstunde lang auf die gewundene Holzverzierung am Fußende. Seine Augen stehen parallel. Er denkt nach. – Wie eine Zeichnung von Grosz, sagt Ruth Rewald. Maria Greßhöner nickt. Wenn das von einem Mann wäre, sagt Ruth Rewald, wäre ich weniger überrascht. Genau das ist es, sagt Maria Greßhöner heftig, ich will schreiben wie ein Mann, wieso sollen Frauen anders schreiben? Bei der Kunst, fragt Ruth Rewald, hören die Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf? Welche Unterschiede, gut geschrieben ist gut geschrieben. Mag sein, sagt Ruth Rewald, aber wer entscheidet, was gut geschrieben ist, du oder Herzfelde? Heute? fragt Maria Greßhöner, oder in zehn Jahren? Sie lachen. Bei der Jugendliteratur, sagt Ruth Rewald, kann ich schreiben, wie ich will, die Herren Kritiker interessiert das nicht. Maria Greßhöner nickt, Jugendliteratur gilt als Frauenliteratur, sie kann noch so gut geschrieben sein. Auch darüber, sagt Ruth Rewald, sprechen wir in zehn Jahren nochmals. Ich sehe vor uns zwei große literarische Karrieren, sagt Maria Greßhöner, wir schaffen das, wir werden berühmt. Ruth Rewald, deren literarische Karriere in Auschwitz ebenso vorzeitig enden wird wie die von Maria Greßhöner in der Sowjetunion, nickt heiter. Ich muss gehen, sagt Maria Greßhöner, ich wollte eigentlich nur mit dir über das Pistolenweib sprechen, sie tippt auf das Extrablatt. Bis bald, sagt Ruth Rewald, morgen fahre ich zurück nach Heidelberg, zur Uni. Falls du Olga Benario begegnest, erzähl ihr vom Verein frecher Frauen.

2

Hinter Warschau war sie erneut eingeschlafen. Die dünnen Sandalen hatte sie abgestreift, die langen Beine auf der Sitzbank ausgestreckt. Unablässig glitten Masten am Abteilfenster vorüber, hoben und senkten sich elektrische Leitungen und Telefonkabel, hämmerten die Räder gegen die Schienenfugen. Otto Braun rauchte. Er sah mitgenommen aus, seine Augen glänzten in dem gemeißelten Gesicht. Er sprach nur wenig, er sparte seine Kräfte.

Die Stunden in der Eisenbahn hatten die Dinge vereinfacht. Ohnehin war alles gesagt, die Taktik endlos analysiert, die Durchführung kritisiert, das glückliche Zusammenspiel von Plan und Zufall. Der Streich war gelungen. Ihre beiden Gesichter wochenlang auf den Berliner Litfaßsäulen und in den Kinotheatern. Die Zeitungen hatten berichtet, wie die Kinozuschauer ihren Gesichtern auf der Leinwand applaudierten. Darauf ließ der Polizeipräsident die Lichtbilder wieder verschwinden und die Plakate entfernen. Olga Benario war berühmt, die ganze Republik sprach von ihr. Eine junge Frau von gerade zwanzig Jahren. Das war unwichtig. Wichtig war die Aktion. Die Pistole am Hals des Gerichtsschreibers. Die Schiss in seinen Augen. Der Kampf konnte geführt und gewonnen werden, immer schon war sie davon überzeugt gewesen. Während Monaten hatte sie die Partei gedrängt, sie und ihre Kameradinnen und Kameraden aus dem Jugendverband nur machen zu lassen. Nichts leichter, als Braun herauszuholen. Die Genossen hatten ihr bedeutet, dass sie an verwegenen Einzelaktionen nicht interessiert seien. Sie hatte herausgehört, sie solle ihr Liebesleben aus den Plänen der Partei heraushalten. War sie überhaupt in Braun verliebt? Liebst du mich noch? hatte er sie im Fluchtauto als erstes gefragt. Sie war noch keine sechzehn gewesen, als sie zum erstenmal mit ihm geschlafen hatte, er zweiundzwanzig. Er war verdrossen, weil er nicht der erste war, hatte wissen wollen, wann es bei ihr das erste Mal gewesen sei. Er hatte ihr nicht geglaubt, als sie sagte, sie wisse es nicht und verstehe auch nicht, warum das wichtig sei. Den Genossen sagte sie, mit ihrem Liebesleben habe ihr Antrag einen Dreck zu tun. Sie wies darauf hin, dass sie nach ihrer Freilassung – zwei Monate nachdem sie zusammen mit Braun verhaftet worden war – ein Jahr gewartet habe. Die Partei dürfe sich von der bürgerlichen Justiz nicht verarschen lassen. Tausende Genossen im Gefängnis, die Partei ohne Schwung, die Mitgliederzahlen fallend. Wie lange die Genossen noch zuschauen wollten. Beim nächsten Treffen ihrer Jugendgruppe schlug sie vor, die Aktion mit ungeladenen Pistolen durchzuführen, um die Propagandawirkung zu erhöhen.

Als Brauns Gerichtstermin heranrückte und er in den Zeitungen als mutmaßlicher Sowjetspion bezeichnet wurde, hatte die Parteileitung der Aktion schließlich zugestimmt. Einer der Genossen, Kippenberger, gab ihr ein paar Ratschläge. Er kannte die Anlage des Gerichtsgebäudes in allen Einzelheiten, wusste, wie die Gänge, Treppen und Räume angeordnet waren und wo die Diensträume der Wachmannschaft lagen, er zählte alle Ein- und Ausgänge auf, die bewachten und die unbewachten, und beschrieb ihr das Gelände um das Gebäude. Olga Benario wurde stutzig. Hinter Kippenbergers Hinweisen glaubte sie einen Plan zu erkennen. Wurde sie für dumm verkauft? Kippenberger war freundlich, ging auf ihre Einwände ein. Ihr wurde bewusst, wie untergeordnet ihre Arbeit bisher gewesen war. Sie wollte zu den Zentren vordringen, wo die entscheidenden Aktionen ihren Ausgang nahmen.

Im Jugendverband entstand eine heftige Diskussion, als sie im letzten Augenblick anordnete, die Gerichtsbeamten dürften nicht daran gehindert werden, die Alarmanlage auszulösen. Das erwies sich als taktisch klug, im Lärm und Durcheinander waren sie alle entkommen. Uneinig sind sich die Quellen über manche Einzelheiten. Nach Ruth Werner, der ersten Biographin von Olga Benario, hat sich Braun noch im Gerichtsgebäude von der Genossin getrennt. Da er das Fluchtauto nicht vorfand, habe er sich ohne einen Pfennig zum vereinbarten Geheimquartier durchschlagen müssen. In der Monographie des brasilianischen Journalisten Fernando Morais fliehen Olga Benario und Braun, dieser immer noch in Handschellen, gemeinsam über das Gelände des Poststadions zur Lehrter Straße, wo das Fluchtauto wartet, ein kleiner grüner Lieferwagen. Bei William Waack, einem anderen brasilianischen Journalisten, finden sich keine Einzelheiten zum Fluchtweg; ebensowenig in der knappen Passage über die Befreiung Otto Brauns in Alfred Döblins berühmtem Roman Berlin Alexanderplatz. Aber ein Roman ist ja nicht verpflichtet, sich an die Fakten zu halten.

Sie fuhren der Morgenröte entgegen. Die aufgehende Sonne warf keine Schatten, denn da war nichts, was Schatten hätte werfen können. Das Land war flach, ohne Kontur und ohne Ende. Unablässig schlugen die Räder gegen die Schienenfugen, tadägg tadagg, tadägg tadagg. Von Zeit zu Zeit trieben Bauernhütten und kleine Siedlungen in der endlosen Weite Ostpolens vorüber. Allmählich verebbte jede Bewegung. Die Zeit selbst fuhr im Zug mit, Stunde um Stunde in Richtung Sowjetunion. Braun las die neueste Nummer von Der junge Bolschewik. Er hatte es aufgegeben, sie zu dieser Lektüre anzuhalten. Unlesbares Zeug, hatte sie gesagt, aneinandergereihte Formeln. Trocken, langweilig. Dagegen: Die Bourgeoisie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Marx, sagte Braun, hat für das gebildete Bürgertum geschrieben, um ihm den Kommunismus zu erklären. Wir dagegen schreiben für Arbeiter. Aber wenn wir zu ihnen sprechen, auf den Bauerndörfern, sagte Olga Benario, tun wir es nicht in trockenen Formeln, du auch nicht. Schreiben, hatte er geantwortet, sei etwas anderes, die Leser könnten nicht zurückfragen, alles müsse klar sein bis ins Letzte. Sie hatten sich nicht einigen können, und als Olga Benario mit ihren Auftritten in der kommunistischen Jugend zunehmend Erfolg hatte, kam er nicht mehr darauf zurück. Dabei war er keineswegs ein trockener Theoretiker. Als Achtzehnjähriger, im April neunzehnhundertneunzehn, hatte er in München gegen die Noske-Truppen gekämpft. Als die Räterepublik bereits verloren war und die Genossen an die Hauswände gestellt wurden und auf den Gehsteigen ausbluteten, hatte er seine letzten Handgranaten in die Unterkünfte der weißen Truppen geschmissen. Auch die Theorie, mit der er sich in den folgenden Jahren beschäftigte, war auf die Praxis gerichtet, vor allem auf die militärische. Immer wieder hatte er mit Olga Benario Fragen von Strategie und Taktik besprochen, bis ihre Kenntnisse den seinen ebenbürtig waren. In den dreißiger Jahren, nachdem sie sich längst getrennt hatten, würde er von der Komintern als Militärberater nach China geschickt werden. Unter dem Namen Li De würde er einer der führenden Strategen des Langen Marsches sein, an dem er als einziger Europäer von Anfang bis Ende teilnahm. Als Vertreter eines bolschewistischen Kommunismus würde er zunehmend in einen Gegensatz zu Mao Zedong geraten. Mit Mao und Zhou Enlai zerstritten, würde er neunzehnhundertneununddreißig nach Moskau zurückkehren und als Offizier in die Rote Armee eintreten. Nach dem Krieg würde er in der Deutschen Demokratischen Republik am Institut für Gesellschaftswissenschaften lehren, ein würdiger Herr mit schönem weißem Haar und einer schwarzrandigen Professorenbrille, unfassbar der Abstand zu der hageren Gestalt mit dem von Zahnfleischschwund entstellten Lachen, auf einem Foto aus der Zeit des Langen Marsches. In den sechziger Jahren würden die Sowjetunion und China sich verfeinden. Er würde sein langes Schweigen über seine Tätigkeit als Berufsrevolutionär in China brechen. Seine Chinesischen Aufzeichnungen mit ihrer scharfen Kritik an Mao Zedong würden neunzehnhundert-vierundsiebzig erscheinen, wenige Monate vor seinem Tod.

Du warst furchtlos, hatte er nach der Aktion zu ihr gesagt, wild wie eine Löwin. Als sie, die Pistole in der Hand, den Gerichtsbeamten gegenüberstand, spürte sie bei dem Wachtmeister ein Zögern. Mit zwei Schritten hatte sie sich vor Braun gestellt und ihn rückwärts aus der Tür gedrängt. Im nachhinein konnte sie sich diesen Reflex nicht recht erklären. Das einzige, woran sie sich erinnerte, war ein Gefühl der Verachtung für die drei uniformierten Hosenscheißer, die schwankten, ob sie sich ihren Anordnungen fügen sollten. Widerstand machte sie entschlossen, seit jeher. Als sie, fünfzehnjährig, an den Treffen der kommunistischen Jugend teilzunehmen begann, hatte ihr Vater alles unternommen, um sie davon abzubringen. Die Inflation war außer Rand und Band, Unruhen überall im Land, bürgerkriegsähnliche Zustände, wie schon neunzehnhundertneunzehn. Aus seiner Sicht konnte sie die Argumente des Vaters verstehen. Zu den Treffen des Jugendverbands war sie aber weiterhin gegangen, erst recht als die Partei im Herbst neunzehnhundertdreiundzwanzig verboten wurde. Im alten Sägewerk in Schwabing hatten sie die Schriften von Marx, Engels und Lenin studiert, über die Taktik des illegalen Kampfes diskutiert, Plakate und Losungen gemalt. Beim heimlichen Kleben der Plakate hatte sie sich hervorgetan, ebenso beim Körpertraining. Die Kameraden machten sie zur Verantwortlichen für körperliche Ertüchtigung. Wie andere junge Arbeiter zogen sie auf die Wiesen vor der Stadt, trieben Gymnastik und spielten Fußball, bis sie erschöpft ins Gras sanken. Als das Parteiverbot wieder aufgehoben wurde, führte sie neben ihrer offiziellen Tätigkeit im Jugendverband die illegale Arbeit weiter. Sie lebte nun mit Braun zusammen. Auf ihren Wunsch und nachdem der Führungsoffizier seine Zustimmung gegeben hatte, erhielt sie Einblicke in Brauns Arbeit als Agent der Komintern. So begann ihr Leben als Berufsrevolutionärin.

Nach dem Frühstück war sie wieder eingeschlafen. Sie erwachte, weil der Zug stillstand. Es war später Vormittag, die Julisonne heizte das Abteil auf. Sie blickte auf ein rohes einstöckiges Gebäude mit einer Aufschrift in kyrillischen und lateinischen Buchstaben: Negoreloje. Davor Uniformierte, die Gewehre geschultert, den roten Stern an den Mützen. Hinter dem Gebäude Gleisanlagen, Signalmasten, Warenschuppen, Niemandsland. Braun hatte die Gepäckstücke schon aus dem Abteil gebracht. Sie trat in die Sonne und überquerte hinter den wenigen anderen Reisenden den Schotter. Ihr Körper war steif, die Muskeln hatten ihre Geschmeidigkeit verloren. Aus der Ferne Rangierlärm, sich verschleifende Pfeiftöne. Die Zollabfertigung in den von Machorkarauch verschleierten Räumen dauerte lange. Olga Benario war schläfrig, aber nicht müde. Die sowjetischen Zöllner, nachdem sie mit ihren und Brauns Papieren lange Zeit verschwunden waren, verhielten sich herzlich. Endlich doch ungeduldig, ins Land ihrer Wünsche zu kommen, deutete Olga Benario auf ihre Uhr. Der Zöllner schüttelte den Kopf und nickte in Richtung auf die große Wanduhr. Die hatte sie immer wieder ungeduldig angeschaut. Jetzt erst merkte sie, dass die Wanduhr eine Stunde später zeigte. Osteuropäische Zeit. Sie war verwirrt. Waren sie nun zu früh dran oder zu spät? Unter einem von roten Fahnen eingerahmten Spruchband, die kyrillische Schrift von Olga Benario leicht zu entziffern – DIE SOWJETUNION GRÜSST DIE WERKTÄTIGEN DES WESTENS –, betraten sie endlich den Boden der Union. Der sowjetische Zug stand auf der breiteren Spur zur Abfahrt bereit. Die Waggons waren sauber und geräumig. Auch hier hatten sie ein Abteil für sich.

Minsk, wo sie bald darauf eintrafen, hatte für eine Weile ihr Zeitgefühl wieder hergestellt. Auf dem Bahnhof herrschte Betrieb wie in München oder Berlin. Der erste Schluck Kwass, von einer Verkäuferin durch das Waggonfenster gereicht, machte alles wieder fremd.

Das Gefühl der Fremdheit hielt an, als der Zug erneut durch die merkmallose Landschaft rollte. Und es hielt an, als sie die Eisenbahnbrücke über die Beresina überquerten. Jetzt verstehe ich zum erstenmal Kutusows Strategie, sagte sie zu Braun, jetzt, wo ich dieses Land selber sehe. Bisher habe ich nur im Kopf gewusst, dass Land ohne Ende sein kann. Die Kilometerzahlen sagen nichts. Sie hatte eine Landschaft erwartet wie anderswo, nur weiter. Im Ablauf der Stunden hatte sich etwas geändert. Quantität war in Qualität umgeschlagen. Immer hatte sie geglaubt, Zeit wäre eine Sache und Raum eine andere. Jetzt verschwammen ihr die Begriffe. Ihr war, als sei die Endlosigkeit des Raums unmerklich in sie eingeströmt. Gefühle von Mattigkeit und Melancholie. Kein unangenehmer Zustand, ohne Bedürfnis, sich dagegen zu wehren. Und Kutusows Strategie? fragte Braun. Davon spreche ich, sagte sie. Der alte General verstand, dass die Weite dieses Landes allmählich alles Feste auflöst, bis ins Innerste der Menschen hinein. Er hat das in seine Strategie einbezogen. Eine materialistische Haltung, finde ich. Als die Franzosen Moskau brennen sahen, wussten sie nicht nur, dass sie geschlagen waren. Noch schwerer zu ertragen muss der Gedanke gewesen sein, die Endlosigkeit, aus der sie gekommen waren, ein zweites Mal durchqueren zu müssen. Selbst Napoleon scheint den Mut verloren zu haben, sonst hätte er den Rückzug nach Smolensk und über den Strom taktisch besser organisiert. So aber konnte Kutusow an der Beresina die Grande Armée vernichten, die zwar noch im Vollbesitz ihrer Kräfte, von deren Kampfeswillen aber nichts mehr übrig war.

Braun fand Olga Benarios Analyse ausgezeichnet. Das Lob freute und irritierte sie. Er blieb ihr gegenüber der Lehrer, auch wenn er seit einiger Zeit Gesten der Überlegenheit vermied. In der täglichen Arbeit war sie bereit, ihn als Vorgesetzten anzuerkennen. Aber die Hierarchie wirkte auf schwer fassbare Weise in ihre private Beziehung hinein. Sie fand sich nicht damit ab. Dagegen hielt sie es für seine Sache, dass er mit anderen Frauen schlief. Er war ihr keine Rechenschaft schuldig, sie hatte keine Besitzansprüche. Du bist mein, ich bin dein. Humbug. Dahinter der kapitalistische Eigentumsbegriff, der auch vor den Schlafzimmern nicht Halt machte. Kein Zweifel, wer da wem gehörte. In der Sowjetunion hingegen waren die Frauen dabei, ihre Partnerbeziehungen neu zu gestalten. Die revolutionären Veränderungen griffen tief hinein in das Leben der Frauen, Alexandra Kollontai hatte das beschrieben. Der hellgrüne Leinenband mit dem roten Titelschild Wege der Liebe, im Malik-Verlag erschienen, war eines von Olga Benarios wichtigsten Büchern. Die Erzählung Die Liebe der drei Generationen hatte sie mehrmals gelesen und jedesmal anders. Erst identifizierte sie sich mit Marja, der alten Frau, die in ihrer Jugend unter dem Zaren den Ehemann verlässt und, dem Gerede der Umwelt standhaltend, zu ihrem Geliebten zieht. Wie Marja wollte auch Olga Benario nach ihren eigenen Moralbegriffen leben und in ihren Partnerbeziehungen stets ehrlich sein. Dann aber erkannte sie sich, fassungslos die Seiten umblätternd, in allen Einzelheiten und bis hin zum Namen, in Marjas Tochter Olga wieder. Auch die fiktive Olga beginnt schon als Fünfzehnjährige mit der revolutionären Arbeit, auch sie liebt einen mehrere Jahre älteren, mit wichtigen Aufgaben betrauten Parteigenossen. Unter seinem Einfluss wird sie Marxistin und später eine beinharte Bolschewikin, wie es bei Kollontai heißt. Auch die fiktive Olga wird zusammen mit ihrem Lebenspartner verhaftet und geht mit ihm in die Verbannung. Und dieser Olga geschieht es, dass sie einen anderen Mann lieben lernt. Den ersten Partner will sie nicht aufgeben, beiden sagt sie die Wahrheit, sie will ehrlich sein, wie ihre Mutter Marja. Dass die Liebe zu beiden Männern schließlich zu Ende geht, hat weniger mit Olgas Gefühlen zu tun als mit den gewaltigen historischen Umwälzungen, die alles verwandeln. Als sie zur Geschichte Genias kam, der Tochter Olgas und Enkelin Marjas, die nur zwei, drei Jahre älter sein konnte als Olga Benario selbst, fand sie sich bis ins Innerste durchschaut. Auch Genia, Kommunistin wie ihre Mutter, hat gleichzeitig Beziehungen zu zwei Männern, sie aber liebt keinen von beiden. Gefragt, wie sie sich Männern hingeben könne, die sie nicht liebe, antwortet Genia: Ich habe keine Zeit. Wir haben so viel Arbeit, so viele wichtige Fragen sind zu lösen, wann hatten wir denn Zeit, in diesen über uns hinwegrasenden Revolutionsjahren. – So war es. Die Liebe war kein blauer Dunst, der alle Schranken überwindet. Im wirklichen Leben wurden die Pläne und Hoffnungen der Individuen zunichte. Daran allerdings ließ Alexandra Kollontais Erzählung keinen Zweifel: Frauen hatten das gleiche Recht auf geschlechtliche Erfahrungen wie Männer. Es wurde, fand Olga Benario, zuviel Aufhebens gemacht vom Geschlechtlichen.

In Smolensk hatte der Zug zwei Stunden Aufenthalt. Olga Benario zog die Turnschuhe an. Auf dem weiten Platz vor dem Bahnhofsgebäude, zwischen dunkle Abgaswolken ausstoßenden Autobussen, Fahrrädern, Pferdefuhrwerken und Fußgängern, begann sie zu laufen. Nach zwanzig Minuten hatten ihre Muskeln sich gelockert. Sie lief leicht, ihr Atem ging rasch und regelmäßig. Die Sonne, zwei Handbreit über dem Horizont, verlängerte die Schatten ihrer langen Beinen, sie lief auf Stelzen, bei jedem Auftreten berührten die Schattenfüße einen Herzschlag lang ihre Füße. Sie lief eine weitere halbe Stunde, dann hielt sie heftig atmend beim Brunnen unter der Bahnhofsuhr. Schweiß rann ihr in die Augen, das leichte Kleid klebte am Körper. Ein alter Bauer, an sein Fuhrwerk gelehnt, nickte ihr zu und sagte: Bravo, Genossin. Spasibo, antwortete sie. Sie tauchte das Gesicht in den Brunnen und benetzte Arme und Beine. Sie fühlte sich großartig. Im Zug wechselte sie auf dem Abort das Kleid. Braun betrachtete sie, als sie das Abteil wieder betrat. Das Laufen hat dir gutgetan. Und du, wie fühlst du dich? Er zuckte die Achseln. Sie setzte sich zu ihm und bettete seinen Kopf auf ihren Schoß. Nach einer Weile schlief er ein. Sie atmete den Geruch seiner verschwitzten Haare. Anderthalb Jahre war er im Gefängnis gewesen, zeitweise hatten sie ihn in Einzelhaft gesperrt. Immer wieder war er verhört worden. Nach seiner Befreiung hatte er alle paar Tage das Quartier gewechselt, oft mitten in der Nacht. Er war gezeichnet.

Während jener Tage und Wochen in der Illegalität, abgetrennt von den Handlungen, wartend auf den ungewissen Zeitpunkt, zu dem sie aus Deutschland in die Sowjetunion entkommen konnte, hatte sie Stunden damit zugebracht, sich die Richtung ihres Lebens während der vergangenen Jahre bewusstzumachen. Dazu war kaum je Zeit gewesen seit jenem Tag, als Karl Tess und seine junge Frau aus München in Berlin angekommen waren. Sie hatten sich im Arbeiterbezirk Neukölln eingerichtet, die junge Frau Tess erhielt eine Anstellung als Stenotypistin bei der sowjetischen Handelsvertretung, Russisch und Stenographie musste sie erst noch lernen. Wenig später wurde aus dem Ehepaar Tess das Ehepaar Frieda und Arthur Behrendt, hergezogen von Leipzig, es folgten weitere Namen und Identitäten. So kam ihr schon früh jene Selbstverständlichkeit abhanden, mit der in der Bürgerwelt der Name für die Identität bürgt. Unterhalb des Bürgertums verlor die Bürgschaft des Namens an Kraft, für die besseren Leute waren die Proletarier eine namenlose Masse. Indem sie unter ständig wechselnden Namen lebte, empfand Olga Benario, dass sie sich der anonymen Existenz der Arbeiterklasse näherte. Sie war Agitations- und Propagandasekretär ihrer Jugendgruppe in Neukölln, sie schrieb Aufrufe und kurze Artikel für Broschüren und Flugblätter, sie hielt Reden, bald leitete sie Versammlungen, organisierte Solidaritätskundgebungen für Streikende und Gefangene und führte Protestmärsche gegen die Nazis an. Das Gesindel schüchterte sie nicht ein. Immer öfter verrichtete sie für Braun und die Partei geheime Kurierdienste. Das Undurchschaubare und die Gefahr dieser Tätigkeit erregten ihre Nerven. Mitunter kamen Aufträge von Mirow-Abramow, einem sowjetischen Genossen an der Handelsvertretung, über dessen Tätigkeit sie im Unklaren gelassen wurde. Sie hatte den Eindruck, sie werde geprüft, und wartete darauf, verantwortungsvollere Aufgaben zu übernehmen. Am liebsten aber waren ihr die Stunden, die sie auf den Neuköllner Wiesen verbrachte. In einem engen, ärmellosen Turnerleibchen und knappen Turnhosen, an den schmalen Hüften von einem Gürtel gehalten, lief sie barfuß vor den Genossinnen und Genossen der Jugendgruppe her, Runde um Runde, oder sie spielten Fußball im Treptower Park. War Braun abends zu Hause, erledigte sie für ihn noch Sekretärinnenarbeit. Sie bereitete das Essen, wusch Wäsche und führte das Ausgabenbuch. An den Wochenenden fuhr ihre Gruppe auf Pferdewagen in die Dörfer. Auf Rummelplätzen und in Kneipen verwickelten sie die Bauern und Kleinhandwerker und deren Frauen in Gespräche. Die Bauern hörten interessiert oder gelangweilt zu, witzelten über sie oder auch nicht. Olga Benario lernte ein Elend kennen, das sie hilflos machte. Sie sagte zu den Bauern, die Kommunisten würden die Junker zum Teufel jagen, das Land werde für die dasein, die es bebauen. Fragten die Bauern nach, verwirrten sich ihre Erklärungen. Sie sagte, das Land werde dem Kollektiv gehören. Wer war das Kollektiv? Die Bauern? Die Partei? Der Staat? Die Bauern verstanden nur, dass ihnen das Stück Land, um dessen Besitz sie seit jeher kämpften und sich schindeten, weiterhin vorenthalten werden sollte. Wenn Olga Benario von Braun Klarheit erfragen wollte über die Stellung der Partei zur Bauernfrage, wies er darauf hin, dass selbst Lenin geschwankt hatte. Lenins widersprüchliche Taktik zeige, das Problem sei nur in der Praxis zu lösen. Schön und recht, sagte Olga Benario, aber was sage ich den Bauern? Mit noch nicht achtzehn Jahren wurde sie Propagandasekretär der kommunistischen Jugend für ganz Berlin. Sie war eine beinharte Kommunistin, wie jene Olga in der Erzählung von Kollontai. Im Gefängnis war sie noch härter geworden. Aber auch geduldiger. Sie zweifelte nicht, dass sie beides würde brauchen können.

Sie bettete Brauns Kopf auf ihre Tasche und erhob sich. Ihre Glieder waren eingeschlafen. Es war kurz nach drei Uhr früh. Sie trat in den Gang. Abgestandene, rauchige Luft. Das matte Licht der Waggonbeleuchtung fiel auf die Böschung, dahinter Schwärze. Sie öffnete ein Fenster. Kalte Nachtluft schlug ihr ins Gesicht, lärmend hämmerten die Räder gegen die Schienenfugen, tadägg tadagg, tadägg tadagg. Sie massierte sich die Schultern, machte ein paar Streckübungen. Eine verschlafene Frau im Morgenrock drängte sich an ihr vorbei zum Abort. Nach einer Weile trat Olga Benario wieder ins Abteil, legte sich auf die andere Sitzbank und schlief ein.

Als sie am Morgen erwachte, regnete es, aber am Horizont zeigte sich blauer Himmel. Braun fühlte sich besser. Sie aßen das süße Gebäck, das im Kiosk am Ende des Waggons feilgeboten wurde, und tranken heißen Tee. Olga Benario überkam zum erstenmal, seit sie die Reise begonnen hatte, eine ungewisse Spannung. Unmerklich hatte die Zeit sich wieder zu bewegen begonnen. Unter dem immer kräftiger herandrängenden Neuen verlor die Vergangenheit an Gewicht. Eben noch war ihr das bisherige Leben intensiv und reich an Handlungen und Erfahrungen erschienen, jetzt sah sie es nur noch wie eine Vorstufe zum eigentlichen Leben, das in wenigen Stunden beginnen würde. Ihre Kindheit war ein einziger Irrtum gewesen. Die Mutter eine Gesellschaftsdame, deren größter Kummer darin bestand, dass man ihr in den höchsten Kreisen Münchens mit einer Höflichkeit begegnete, die sie als eisig empfand. Die Schuld dafür hatte sie dem Vater zugeschoben. Wie konnte ein glänzender Anwalt mit Büroräumen am Stachus seine Karriere einfach wegwerfen. Die Einsicht, dass sie als Frau eines Sozialdemokraten von den Spitzen der Gesellschaft nie akzeptiert werden würde, hatte sie bitter gemacht. Aber sie ahnte, da war noch etwas anderes. Darüber sprach sie nie, sie verbot sich, es auch nur zu denken. Aus ihren Handlungen aber konnte sie das Verdrängte nicht heraushalten. Als sich in den zwanziger Jahren immer mehr armselige Ostjuden in München niederließen, schickte sie Geld an den Keren Hajessod, der ihnen die Weiterreise nach Palästina finanzierte. Sie tat es im Interesse der Ostjuden selbst, die mit ihrer Sprache, ihren Gebärden, ihren Kaftanen und Peies nun wirklich nicht nach München passten. Einige Monate später stellte sie diese Spenden unvermittelt wieder ein. Wenn in ihrer Gegenwart in leicht angewidertem Ton über die Ostjuden gesprochen wurde, nickte sie. Meist betonte dann irgend jemand, ohne sie anzublicken, dass diese Charakterisierungen natürlich für die assimilierten deutschen Juden nicht gälten. Zu Hause weinte sie vor Erniedrigung. Aber ob sie ihr Judentum verschleierte oder sich dazu bekannte, zuletzt war es alles eins. Im dritten Kriegsjahr würde sie mit einem Judentransport nach Piaski bei Lublin verschickt werden. Sie haben mitzunehmen. Nicht mitgenommen werden dürfen. Der Ehering sowie eine einfache Uhr können. Ebenso dürfen mitgenommen werden. Sie selbst haben sich ein Schild um den Hals zu hängen mit der Aufschrift. In Ruth Werners Buch, neunzehnhunderteinundsechzig in der Deutschen Demokratischen Republik erschienen, finden sich kaum Hinweise auf Olga Benarios jüdische Herkunft. Ruth Werner hat für den sowjetischen Geheimdienst und die OMS gearbeitet, das geheime Verbindungsbüro der Komintern, dem auch Olga Benario für die Brasilien-Aktion zugeteilt werden wird. Zweifellos hat Ruth Werner noch manches andere im Leben von Olga Benario im Ungewissen gelassen. Das erklärt jedoch nicht, warum sie Olga Benarios jüdische Herkunft verschwieg. Auch der Hinweis, dass Ruth Werner selber Jüdin war, hilft nicht weiter.

Als seine Frau ihn und die Tochter verließ, tat der Vater alles, damit Olga nicht der Mutter nachschlug. Soweit Olga Benario sich erinnern konnte, hatte er mit ihr über seine Arbeit gesprochen, über die amtliche Verteidigung von Arbeitern und Proleten, die er meist ohne Bezahlung und oft genug auch ohne Hoffnung auf Erfolg führte. Abends verhandelten Dr. Leo Benario und seine Tochter im Wohnzimmer an der Haydnstraße eine endlose Folge von immer gleichen Gerichtsfällen. Es ging um Tagelöhner und arbeitslose Proleten, die in einem Laden ein Brot oder in eisigen Nächten von einer Droschke eine Pferdedecke gestohlen hatten und deswegen für Monate ins Gefängnis geworfen wurden. Am Beispiel des arbeitslosen Maurers Höcherl ließ sich das immer gleiche Muster aufzeigen, das sich hinter diesen Fällen verbarg. Höcherl hat aus Hunger eine Wurst gestohlen, ein klarer Fall von Rechtsbruch. Der Angeklagte ist geständig. Er wird vom Richter gefragt, ob er denn keine Arbeitslosenunterstützung erhalte. Die werde ihm wegen der Notverordnungen vorenthalten, gibt Höcherl zu Protokoll. Wohlfahrtsunterstützung? Werde zur Zeit geprüft. Der Richter fragt Höcherl, wieso er denn nicht wenigstens bettle? Betteln sei gesetzlich verboten, ob der Herr Richter das nicht wisse? Der Angeklagte habe keine Fragen zu stellen. Höcherl wird zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Eine Spirale aus Absurditäten nannte Leo Benario das, die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Später, als er seine Tochter vom Umgang mit der kommunistischen Jugendgruppe abzuhalten versuchte, warf sie ihm vor, seine Erwartung, mit seiner Arbeit die Weimarer Justiz oder gar die kapitalistische Gesellschaft verändern zu können, sei bernsteinscher Reformismus. Aber die abendlichen Gerichtsverhandlungen im Wohnzimmer an der Haydnstraße blieben ihr im Gedächtnis.

Sie hatte längere Zeit keinen Umgang mehr mit ihrem Vater gehabt, als sie im Herbst neunzehnhundertsechsundzwanzig von ihm hörte. Zwei Wochen zuvor war sie verhaftet und tagelang verhört worden. Der Mitgliedschaft in einer geheimen und staatsfeindlichen Verbindung nach §§ 128, 129 St.G.B. verdächtig, kam sie in Isoliergewahrsam. Sie hatte diese Möglichkeit vorausgesehen und sich in langen Gesprächen mit Otto Braun darauf vorbereitet. Ihr Exemplar der Gefängnisbriefe Rosa Luxemburgs war vom vielen Lesen zerfleddert, jedesmal fiel das Foto von Rosa Luxemburg heraus, wenn sie die Broschüre zur Hand nahm. Sie bewunderte die Gelassenheit, mit der die Genossin das Unabänderliche auf sich nahm, und sie war hingerissen von der Unverfrorenheit, mit der Rosa Luxemburg Lenin vom Gefängnis aus kritisierte. Dagegen erschienen ihr die Briefstellen über Tiere und Pflanzen, über eine Wespe oder ein Pfauenauge, die Rosa Luxemburg aus ihrer Zelle ins Freie gerettet hatte, oder über ihre Solidarität mit geprügelten Büffeln, als sentimentale Marotte. So traf es sie unvorbereitet, als sie, nach Verhören und wiederholter Androhung langjähriger Gefängnisstrafen, in der Zelle vom Weinen geschüttelt wurde. Sie war nahe daran gewesen, auf das Angebot ihres Vaters einzugehen, ihre Verteidigung zu übernehmen. In Gesprächen mit Genossinnen und Genossen, die sie im Gefängnis besuchten, stellte sich ihre innere Festigkeit wieder ein. Zwei Monate nach der Verhaftung wurde sie ohne Erklärung aus dem Gefängnis entlassen. Die Ermittlungen gegen sie liefen weiter, die Polizei wusste inzwischen, dass Frieda Behrendt mit Olga Benario identisch war. Sie hatte das erwartet. Unbekannt blieb ihr dagegen, dass ihr Vater noch ein letztes Mal versuchte, schützend in ihr Leben einzugreifen. Als ihm zugetragen wurde, der Verdacht gegen seine Tochter wegen Hochverrats sei nicht erledigt, schrieb er der Leipziger Oberreichsanwaltschaft einen Brief, worin er auf Olgas Minderjährigkeit hinwies und argumentierte, ihr fehle das Bewusstsein für die juristische Tragweite ihres Tuns. Aus einer Art romantischer Hilfsbereitschaft habe seine Tochter, ein im politischen und wirtschaftlichen Leben unerfahrenes Mädchen, den Armen – und namentlich armen Jugendlichen – helfen wollen. Olga Benario hätte diese Erklärung von sich gewiesen. Trotzdem dürfte sie Wahres enthalten. Warum sollte eine bürgerliche junge Frau sich an die Seite des Proletariats stellen, wenn nicht aus einem Gefühl romantischer Hilfsbereitschaft. Was Leo Benario in seinem Brief verschwieg, obwohl er es geahnt haben musste: Seine Tochter hatte das Stadium romantischer Hilfsbereitschaft längst hinter sich gelassen.

Die Anzeichen, dass der Zug einem gewaltigen städtischen Ballungsgebiet entgegenfuhr, mehrten sich. Unter den Reisenden machte sich eine ausgelassene Stimmung breit, einige brachten bereits ihre Abteile und sich selber in Ordnung. Ländliches ging über in Industriegebiete, Datschen und Dörfer wuchsen hinein in Vororte. Fabriken, Wohnblöcke und Verwaltungsgebäude säumten weite Boulevards, über die der Verkehr flutete. Olga Benario hatte das Abteil aufgeräumt, war im Gang auf und ab gegangen, hatte sich hingesetzt und war wieder aufgestanden. Braun verfolgte ihre Geschäftigkeit mit fieberglänzenden Augen. Das Gefühl von Fremdheit löste sich auf in den Wellen erregter Erwartung. Als der Zug seine Fahrt verlangsamte, erinnerte Braun sie nochmals daran, dass sie von nun an Olga Sinek hieß. Dann fuhren sie in den Belorussischen Bahnhof ein.

3

Unterdessen wurden Trotzki und seine Familie nach Alma Ata verbannt, und die Sozialdemokraten gewannen die deutschen Reichstagswahlen, und in China wurde der VI. Kongress der kommunistischen Partei abgehalten. Der Kellogg-Pakt wurde unterzeichnet, Brasilien produzierte zuviel Kaffee, und in Deutschland tanzten die Tiller Girls. Walter Gropius und László Moholy-Nagy verließen das Bauhaus in Dessau, die Überlebenden von Umberto Nobiles Arktisexpedition wurden vom sowjetischen Eisbrecher Krassin gerettet, im Ruhreisenstreit sperrte die deutsche Schwerindustrie zweihundertdreißigtausend Arbeiter aus. Die Dreigroschenoper wurde uraufgeführt, und der Film Sturm über Asien machte den sowjetischen Regisseur Wsewolod Pudowkin berühmt, und Le Corbusier schrieb ein Buch über Städtebau. In der Sowjetunion breitete sich die Kollektivierung immer schneller und gewalttätiger aus, die Kulaken leisteten Widerstand, verbrannten ihr Getreide und schlachteten Millionen von Pferden, Kühen, Schafen, Ziegen. Eine Hungersnot überzog das Land, in dem Olga Benario umherreiste und vor Komsomolzen über die waghalsige Befreiung Otto Brauns sprach. Sie wurde ins Zentralkomitee des Kommunistischen Deutschen Jugendverbands gewählt, wenig später war sie Mitglied des Präsidiums der Jugendorganisation der Komintern. Beim sowjetischen Sportverband lernte sie Reiten, Schießen und Lastwagenfahren. Im Sommer schwamm sie und lief durch die Parks, im Winter lief sie auf Schlittschuhen, daneben lernte sie Russisch, Französisch und Englisch.

Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann starb, und demonstrierende Arbeiter starben auch (der sozialdemokratische Berliner Polizeipräsident Zörgiebel hatte auf sie schießen lassen). In Paris wurde der Young-Plan unterzeichnet, der von Deutschland Reparationszahlungen bis ins Jahr neunzehnhundertachtundachtzig verlangte. Erich Kästner schrieb Emil und die Detektive, der Geflügelzüchter Heinrich Himmler wurde Reichsführer der SS, und Alexander Fleming entdeckte das Penizillin. Olga Benario verbrachte die Sommerferien am Schwarzen Meer. Anschließend, vielleicht auch erst im folgenden Jahr, besuchte sie die Militärschule in Borissoglebsk an der Eisenbahnlinie Moskau-Stalingrad, vormals Zarizyn, seit neunzehnhunderteinundsechzig Wolgograd, mit dem neuen Namen ist auch die Erinnerung an jene Schlacht getilgt, die sich mit den Namen Stalingrad verbindet.

Wieder in Moskau, erfuhr Olga Benario von Otto Braun, er habe eine Beziehung zu einer anderen Frau, was für sie beide aber ohne Bedeutung sei. Sie trennte sich von ihm. Dieser Schritt kam für Braun unerwartet, konnte er doch annehmen, dass Olga Benario sich ebenso modern verhalten werde wie die Figur der Genia in Alexandra Kollontais Erzählung. Unterdessen lernte Maria Greßhöner, Sekretärin im Berliner Malik-Verlag, den sowjetischen Filmregisseur Jewgenij Stscherbjakow kennen, der eben seinen ersten Film, Das Mädchen vom fernen Fluss, fertiggestellt hatte. Sie trennte sich vom Verlagsleiter Herzfelde und heiratete Stscherbjakow, einen attraktiven Mann mit sinnlich trägem Gesicht, der sie in die Sowjetunion entführte. Die Ehe wurde im folgenden Jahr geschieden, und Maria Greßhöner kehrte nach Berlin zurück, wo sie ihre Arbeit im Malik-Verlag wieder aufnahm, allerdings nicht ihre Liebesbeziehung zum Verlagsleiter. In der Sowjetunion wurden Alexej Rykow und Nikolai Bucharin aus der Partei ausgeschlossen, und am vierundzwanzigsten Oktober neunzehnhundertneunundzwanzig brachen an der New Yorker Wall Street die Börsenkurse zusammen. Eine Wirtschaftskrise überzog den Planeten gleich einem Hurrikan einem Erdbeben einer Heuschreckenplage und so weiter. Deutschland war von der Krise besonders stark betroffen, die amerikanischen Kredite blieben aus, bereits gewährte Anleihen wurden gekündigt, und aus Millionen von Frauen und Männern wurden Empfänger von Arbeitslosenunterstützung, Wohlfahrtserwerbslose und Hauptunterstützungsempfänger der Krisenfürsorge. Albert Einstein veröffentlichte seine Allgemeine Feldtheorie, und Kodak erwarb ein Patent für den Sechzehnmillimeter-Umkehrfarbfilm. In der Sowjetunion wurden immer mehr Menschen wegen Sabotage am Fünfjahresplan erschossen, und in Berlin heiratete die angehende Jugendbuchautorin Ruth Rewald kurz vor Jahresende den Rechtsanwalt Hans Schaul aus Hohensalza. Die beiden ließen sich am Bechstedter Weg sechzehn in Berlin-Wilmersdorf nieder.

Im Februar des neuen Jahres wurde Horst Wessel Die Fahne hoch! / Die Reihen fest geschlossen / SA marschiert / Mit ruhig festem Schritt in Berlin vom Zuhälter Ali Höhler erschossen. In dieser Zeit baute Frankreich die Maginotlinie, in Moskau fand der sechzehnte Parteitag statt, Majakowski brachte sich um, der Planet Pluto wurde entdeckt, Dauerwellen sind die neueste Damenfrisur. Hans Günther, Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes, erhielt die Berufung auf den ersten Lehrstuhl für Rassenkunde, die Aktien verloren allen Wert, und die Spur von Olga Benario verlor sich ebenfalls im Chaos der Zeit. Sie soll zu illegaler Tätigkeit nach London gesandt und dort nach wenigen Monaten ausgewiesen worden sein. Sie soll sich längere Zeit in Frankreich aufgehalten und in Paris als Ehefrau eines gewissen B. P. Nikitin im Sekretariat der Komintern gearbeitet haben. Im Sommer neunzehnhunderteinunddreißig soll die von der deutschen Polizei wegen eines frechen Überfalls auf das Kriminalgericht Moabit seit Jahren gesuchte Kommunistin und Jüdin vom deutschen Konsulat in Moskau einen neuen Pass erhalten haben, wer’s glaubt bezahlt einen Taler. Anderen Quellen zufolge ist sie damals in Frankreich verhaftet und wochenlang festgehalten worden und hat erst im Verlauf des folgenden Jahres Moskau wieder erreicht. Da soll sie an der Twerskaja, die gerade in Gorkistraße umbenannt worden war und inzwischen längst wieder Twerskaja heißt, im Hotel Lux, der Absteige für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Komintern, das Zimmer dreihundertfünfunddreißig bewohnt haben. Unterdessen besetzten japanische Truppen die Mandschurei, und der Young-Plan, Nachfolger des Dawes-Plans, wurde suspendiert, und der schwedische Zündholzkonzern Kreuger brach zusammen. In Spanien wurde die Republik ausgerufen, in Deutschland gab es sechs Millionen Arbeitslose, Wassily Kandinsky reiste nach Ägypten und Fernand Léger in die USA. Auch der brasilianische Offizier Luiz Carlos Prestes begab sich auf Reisen. In Montevideo schiffte er sich auf der Eubée zur Fahrt in die Sowjetunion ein. Das Neuneinhalbtausend-Tonnen-Passagierschiff der Compagnie des Chargeurs Réunies würde wenige Jahre später, unterwegs von Santos nach Montevideo, im Nebel mit dem englischen Dampfer Corinaldo zusammenstoßen und sinken, Fotos des Havaristen auf Bestellung oder gegen Nachnahme. Im deutschen Reich wurden die Renten für Invaliden, Kriegsversehrte, Arbeits- und Erwerbslose gekürzt, und Adolf Hitler erschien zum Empfang bei Hindenburg Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. / Wer Hitler wählt, wählt den Krieg. Olga Benario absolvierte an der Militärflugakademie Schukowski in Moskau einen Kurs für Fallschirmspringer und Piloten. In der Sowjetunion verhungerten Millionen Menschen. In Deutschland kamen die Nazis an die Macht.

4

Nach dem Start vom Berliner Flugfeld Tempelhof, die Welt lag noch im Dunkeln, hatte sie eine Weile geschlafen. Als sie erwachte, war der Himmel hell, das flache Land unter ihr schimmerte rötlich in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Die dreimotorige Maschine der Deutsch-Russischen Luftverkehrs A. G. überflog eben den westpreußischen Landkreis Deutsch Krone, oder hatte ihn vor kurzem überflogen oder würde ihn alsbald überfliegen, Hauptsache, Maria Greßhöner schwebte mindestens dreitausend Meter über diesem Landstrich. Eine Weile versuchte sie zu lesen, aber ihre Konzentration wich allmählich einer angenehmen Teilnahmslosigkeit. Durch das Rechteck des Seitenfensters blickte sie auf das Trapez der Tragfläche mit dem groß aufgemalten Kennzeichen URSS-D309, daran der Kreis des rotierenden Propellers. Jenseits von Rechteck, Trapez und Kreis ein merkmalloser Raum, in dem Zeit und Gegenwart ineinanderflossen. Schläfrig überließ sie sich den Gedanken an ihr zukünftiges und vergangenes Leben in der Stadt Moskau, die sie vor drei Jahren mit Stscherbjakow kennengelernt hatte. Noch nahm sie die Umwelt kaum wahr. Sie war erfüllt von dem gerade Erlebten. Für die Oper hatte sie sich nie besonders interessiert, sie war mitgegangen, weil Stscherbjakow sie darum gebeten hatte und weil sie das Bolschoi-Theater sehen wollte. Der massige Körper der russischen Madame Butterfly hatte keine lyrische Stimmung in ihr aufkommen lassen. Nein, das Neue spielte sich an jenem Abend nicht auf der Bühne ab, sondern im Saal. Während Stscherbjakow aufmerksam der Vorstellung folgte, blickte sie immer wieder verstohlen auf die vom Bühnenlicht schwach erhellte Hand ihres Sitznachbarn zur Rechten, die neben der ihren auf der Armlehne lag. Schwielige, zerklüftete Haut, Schmutzspuren in den Furchen, brüchige Fingernägel, eine Narbe quer über den fleckigen Handrücken. Eine solche Hand in einem der mehr als zweitausend weinroten Plüschsessel, unter einem Kronleuchter, der einst einem sehr anderen Publikum geschmeichelt hatte, erschien ihr viel exotischer als das Japan aus Papiermaché auf der Bühne. Daran dachte sie immer noch, als sie und Stscherbjakow im Strom der Besucher wieder ins Freie traten. Beinahe hätte sie das kleine Feuer übersehen, das auf der anderen Straßenseite im Dunkeln glimmte. Stscherbjakow hinter sich herziehend, überquerte sie die Straße, wo am Tag der Belag ausgebessert worden war. Gedeckte Teerkessel standen herum, die in der kühlen Nachtluft immer noch Wärme abstrahlten. Zwischen den Kesseln das kleine Feuer. Um das Feuer, an die Teerkessel geschmiegt, aneinandergedrängt, ineinander verknäuelt, in verdreckten, zerlumpten Fetzen, durch die magere, von Schmutz verkrustete Arme und Beine und dünne weiße Hinterbacken zu sehen waren, ein Dutzend schlafender Kinder. Sie hielt sich an Stscherbjakow fest. Besprisorniki, sagte er halblaut. Sie nickte. Warum weinte sie? Davon hatte sie doch gewusst. Krieg, Bürgerkrieg, Hungersnot. Kinderbanden, die durch das verwüstete Land ziehen, sich auf Eisenbahnzügen verstecken, stehlen, hungern. Eine Plage. Sie wurden in Waisenhäuser und Gefängnisse gesteckt, aber es waren ihrer viel zu viele. Sie wurden misshandelt. Es soll vorgekommen sein, dass sie aus fahrenden Eisenbahnzügen geworfen wurden und unter die Räder gerieten. Einmal, sagte sie sich, schutzlos dem Anblick der Kinder ausgesetzt, einmal wird es dieses Elend nicht mehr geben. Zwei Polizisten waren zu ihnen getreten. Sie sprachen halblaut ein paar Worte mit Stscherbjakow, dann gingen sie weiter. Er zog sie mit sich fort. Der Anblick der Kinder hatte an den Punkt des größten Schmerzes gerührt.

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