Eine Feder für den Lord - Kate Breslin - ebook

Eine Feder für den Lord ebook

Kate Breslin

0,0

Opis

England im 1. Weltkrieg: Auf einem glamourösen Maskenball begegnen sich der Earl Jack Benningham und die reiche Frauenrechtlerin Grace Mabry. Der Anlass: Grace will Kriegsdienstverweigerer öffentlich an den Pranger stellen, indem sie ihnen eine weiße Feder überreicht - das Symbol der Feigheit. Und Jack ist einer der Unglücklichen. Gegen jede Vernunft fühlen sie sich zueinander hingezogen. Doch noch ahnen beide nicht, dass ihre Wege sich noch einmal kreuzen werden und ihre zarte Zuneigung auf eine harte Probe gestellt wird. Denn Jack ist nicht nur der gutaussehende Lebemann, für den er sich ausgibt. Er arbeitet verdeckt für den militärischen Geheimdienst. Und eine heiße Spur führt direkt in Graces unmittelbares Umfeld. Jane Eyre trifft Downton Abbey! Ein Muss für alle Romantik-Fans.

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Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7330-8 (E-Book)ISBN 978-3-7751-5704-9 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:Satz & Medien Wieser, Stolberg

© der deutschen Ausgabe 2016SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 HolzgerlingenInternet: www.scmedien.de · E-Mail: [email protected]

Originally published in English under the title: Not by SightCopyright © 2015 by Kathryn BreslinPublished in English by Bethany House, a division of Baker Publishing Group,Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A.Cover art used by permission of Bethany House Publishers.

All rights reserved.Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.Übersetzung: SuNSiDe, ReutlingenUmschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im SchönbuchTitelbild: Frau: © Susan Fox / Trevillion ImagesSatz: Satz & Medien Wieser, Stolberg

Inhalt

1

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5

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Nachwort der Autorin

Dank

Über die Autorin

Anmerkungen

Leseempfehlungen

Für MarjorieEine Frau, die im Glauben lebt,eine Mutter, die ihre Tochter lehrte zu werden,was immer sie sich erträumte.

Denn wir leben im Glauben, nicht im Schauen.2. Korinther 5,7

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

1

Chetfield House, MayfairLondon, April 1917

Ihr Vater würde ihr nie verzeihen.

Grace Elizabeth Mabry stand in ihrem fließenden grünen Gewand auf den Stufen des prachtvollen Londoner Stadthauses von Lady Eleanor Bassett, der verwitweten Gräfin von Avonshire, und presste ein winziges goldenes Kästchen an ihre Brust. Sie wusste, dass die »Geschenke«, die sie den arglosen Feiglingen da drinnen überreichen würde, Patrick Mabrys Hoffnung endgültig zunichtemachen würde, dass seine Tochter jemals von der vornehmen Gesellschaft Londons akzeptiert würde.

Die langen Monate im Mädchenpensionat, vertan in einem einzigen Moment.

»Haben Sie Ihre Federn, Miss? Keine Bedenken?«

Grace umklammerte das goldene Kästchen noch ein wenig fester und schaute die junge Frau im Elfenkostüm neben ihr mit ernster Miene an. »Mein Entschluss steht fest, Agnes. ›Für den König, für unser Land, für die Freiheit.‹ Hat Mrs Pankhurst das nicht erst gestern auf der Wahlrechtsversammlung gesagt?«

Agnes nickte. »Und für Colin?«

Grace lächelte. Agnes Pierpont war ihr mehr Freundin als Zofe. »Und vor allem für meinen Bruder«, sagte sie. »Je rascher wir hineingehen und unser Vorhaben ausführen, desto früher tragen wir dazu bei, diesen Krieg zu gewinnen. Und dann kann Colin endlich nach Hause kommen.«

Und ihre Mutter wäre so stolz, wenn sie noch leben würde. Grace blinzelte die Tränen fort, die ihr bei diesem Gedanken in die Augen stiegen. Das letzte Jahr war schwierig gewesen. Nach Colins Einberufung hatte sich der Gesundheitszustand von Lily Mabry, die an Tuberkulose litt, sehr verschlechtert und bald darauf war sie gestorben. Doch Grace war stolz auf ihren Bruder. Er tat seine Pflicht für England und genauso musste sie die ihre tun, auf jede nur mögliche Weise – einschließlich des skandalösen Verhaltens, das sie heute plante.

Drei Rolls-Royce rollten die Straße vor der Prachtvilla herauf. Eine behandschuhte Hand an ihr Mieder gepresst, beobachtete Grace, wie den Autos eine ausgelassene Gruppe kostümierter Männer und Frauen entstieg.

»Fertig?« Agnes sah genauso angespannt aus wie sie. Plötzlich lachte sie laut auf – es klang wie das Lachen einer Hyäne – schlug jedoch gleich die Hand vor den Mund. »Tut mir leid, Miss«, sagte sie errötend, »aber wenn ich nervös bin …«

»Ist schon gut.« Grace holte tief Luft. »Ich bin bereit.«

Für Colin, rief sie sich ins Gedächtnis. Der Gedanke an ihren Zwillingsbruder, der in den Schützengräben in Frankreich kämpfte, gab ihr Kraft.

Sicher war auch Gott auf ihrer Seite. Grace sah sich selbst als eine moderne Jeanne d'Arc, die ihre Landsleute zum Kampf rief. Sie plante, einen Zeitungsartikel über ihre Erfahrung am heutigen Abend zu schreiben, und hoffte, dass sie ihn würde veröffentlichen können – zumal nachdem ihr letzter Text von der Zeitschrift Women's Weekly abgelehnt worden war.

Die Partygäste schritten die Stufen zur Vordertür herauf. Grace und Agnes fassten sich an den Händen, mischten sich unter die kleine Gruppe und schlüpften im Gewühl mit ins Haus. Sie durchquerten rasch das Foyer und eine weitere, mit einem dicken, weichen Teppich ausgelegte Halle und betraten den Ballsaal.

Der Rest der Gruppe verteilte sich. Grace und Agnes blieben stehen und bestaunten die luxuriöse Ausstattung des Raums. Grace' Vater, Teehändler und Eigentümer des renommierten Swan's Tea Room, gehörte zu den wohlhabendsten Geschäftsleuten der Stadt, doch solche Opulenz hatte sie noch nie gesehen.

An der hohen Decke hingen vier Kronleuchter, groß wie Tischplatten, deren Kristalltropfen groß wie Teeeier waren und im Lampenlicht glitzerten wie kostbare Juwelen. An den mahagonigetäfelten Wänden rahmten üppige rote Samtvorhänge riesige Fenster, deren einzelne Scheiben so groß wie die gesamte Fensterfront des Swan's waren.

Grace achtete kaum auf die heiteren Klänge eines Musikstücks von Mozart, die über der Menge schwebten; sie starrte mit offenem Mund auf die Ströme von Champagner, dessen zarte Perlen in kostbaren Glasflöten aufstiegen, von schwarz-weiß livrierten Lakaien auf Silbertabletts serviert. Von Männern, die ihrem Aussehen nach ganz sicher tauglich wären …

Sie rief sich ihr Vorhaben in Erinnerung und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Lady Bassett veranstaltete den Ball, einen Kostümball, zugunsten des Britischen Roten Kreuzes. Agnes hatte sich als geflügelte Waldelfe verkleidet; die Erdtöne ihres Kostüms harmonierten wunderbar mit ihrem hellbraunen Haar. Grace hatte sich für eine Verkleidung als legendäre Pandora entschieden.

Welch eine Verschwendung, dachte sie. Hatte die Gräfinwitwe nicht die Plakate gesehen, die extravagante Kleidung verurteilten? Solcher Luxus war ganz eindeutig unpatriotisch.

Grace blickte an ihrem eigenen hübschen Kostüm hinunter und spürte, dass sich ihr Gewissen regte. Doch ihre Verkleidung war nötig, um überhaupt eingelassen zu werden. Sie und Agnes verfolgten wenigstens einen guten Zweck.

Die Zeitungen hatten berichtet, dass der Gewinn dieser Benefizveranstaltung verwundeten Soldaten zugutekäme. Mehrere »Drückeberger« – Männer, die aus Gewissensgründen gegen den Krieg waren – würden heute Abend anwesend sein und ihren Beitrag für die Gemeinschaft leisten, indem sie das Fest großzügig unterstützten.

Das war auch der Grund, warum Grace und Agnes sich gerade für diese Veranstaltung entschieden hatten.

Vorsichtig, nur wenige Zentimeter, öffnete Grace das kleine Goldkästchen, das ihr Kostüm als mythische Unruhestifterin vervollständigte, holte ihre Schmuggelware heraus und verbarg sie in ihrer behandschuhten Hand. »Für König, Vaterland und Freiheit«, flüsterte sie dabei.

»Miss?«

Sie wandte sich zu Agnes um. »Wir treffen uns hier, wenn wir fertig sind, ja?«

Agnes schürzte die Lippen und nickte. Grace blickte ihr nach, wie sie sich durch die Menge zur entgegengesetzten Seite des Raums schlängelte, dann sah sie sich unter den Gästen in ihrer Nähe um, auf der Suche nach ihrem ersten Opfer.

Jack Benningham, Viscount von Walenford und künftiger Graf von Stonebrooke, stand direkt vor ihr. Grace ignorierte ihr klopfendes Herz – sie hatte nur Angst! – und musterte verstohlen den großen, breitschultrigen Mann, den sie nur von Fotos auf den Gesellschaftsseiten der Times und von den Skandalen kannte, in die er ständig verwickelt war und über die der Tatler zu berichten pflegte.

Seine Einwände gegen den Krieg waren wohlbekannt; dabei wirkte er durchaus kriegsdiensttauglich. Mit seinen achtundzwanzig Jahren war der gut aussehende Viscount Walenford nur acht Jahre älter als Colin und sie. Er hielt eine langstielige Rose in der Hand und war von Kopf bis Fuß in schwarzen Samt gekleidet. Dieses Kostüm zusammen mit seinem kurzen blonden Haar, das er im Nacken mit einem falschen Zopf trug, machte ihn zum Inbegriff des venezianischen Schurken des 18. Jahrhunderts, Casanova.

Sie verzog den Mund, als ihr Blick auf die zwei Damen in höchst gewagten Kostümen fiel, die ihn rechts und links flankierten – Kleopatra und Lady Godiva. Grace beobachtete, wie er Kleopatra besitzergreifend einen Arm um die Schultern legte, während er den Kopf zu Lady Godiva neigte und ihr lächelnd etwas ins Ohr flüsterte.

»Jack Benningham ist ein Playboy und ein Spieler und amüsiert sich jede Nacht bis zum Morgengrauen.« Sie hörte den Tratsch, den sich junge Damen in der Teestube ihres Vaters in einer Mischung aus Missbilligung und Faszination zuflüsterten. Und nach Lady Godivas Erröten und Kichern zu urteilen, schien alles zu stimmen.

Doch im Moment kümmerte es Grace nicht, dass er der größte Schürzenjäger von London war; ihr ging es lediglich um die Tatsache, dass er hier war, während ihr Bruder in Frankreich gegen die »Boches« kämpfte.

Sie ging auf ihn zu und beobachtete dabei die Gäste, die bei ihm standen.

Ein korpulenter Mann in weißer Toga, mit Lorbeerkranz auf dem Kopf, verkörperte den Inbegriff des Tyrannen, Julius Cäsar. Die groß gewachsene ältere Frau neben Cäsar war Lady Bassett selbst; sie trug den unverkennbaren Kopfschmuck, die Halskrause und das Damastgewand von Königin Elizabeth I.

Plötzlich vernahm Grace inmitten der lauten Gespräche um sie herum ein schrilles Lachen. Sie blieb stehen und schaute zur anderen Seite des Raums hinüber. Agnes war offenbar bereits dabei, ihre Federn zu verteilen.

Sie drehte sich wieder zu dem, was vor ihr lag, und sah im selben Moment in die Augen von Casanova. Sein unvermitteltes, provozierendes Lächeln ließ ihr Herz jagen und das Tempo der lebhaften Musik aufnehmen.

Jack Benningham war ein Feigling, rief sie sich in Erinnerung. Doch er war auch Viscount und sein Vater ein englischer Graf. Einen Moment lang dachte sie an die volle Bedeutung dessen, was sie zu tun im Begriff war. Wenn es erst einmal getan war, gab es kein Zurück mehr. Lady Bassett, die wichtigste Kundin in der Teestube ihres Vaters, würde sie bestimmt erkennen und hinauswerfen.

Sie dachte daran, wie ihr Vater reagieren würde. Papa würde seine Drohung, sie zu verheiraten oder zu Tante Florence zu schicken, wahr machen. Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Noch konnte sie fliehen. Sie konnte sich umdrehen und einfach gehen …

Jack Benningham unterdrückte ein Gähnen und widerstand dem Drang, auf seine Taschenuhr zu sehen. Stattdessen lächelte er und heuchelte Interesse, während der Freund seines Vaters, Lord Chumley – Julius Cäsar, ihn mit einer weiteren ausgedehnten Anekdote langweilte.

Geduld, ermahnte er sich. Er musste unter allen Umständen seine Täuschung aufrechterhalten, auch wenn es ihn heute Abend aus irgendeinem Grund besonders störte, anwesend sein zu müssen. Er nahm ein weiteres Glas Champagner von einem der Tabletts, die die Lakaien durch den Raum trugen, und nippte daran. Dabei blickte er über den Rand des Glases auf sein Zielobjekt. Der Mann im Charlie-Chaplin-Kostüm, der auf der anderen Seite des Raumes stand, hatte sich noch nicht ein einziges Mal bewegt.

Observation war ermüdend. Seine Gedanken begannen zu wandern. Er dachte zum x-ten Mal an die letzte Predigt seines Vaters, wenige Stunden vor dem Ball. Es war immer das Gleiche: Wie konnte Jack es wagen, seinen Vater mit seinen pazifistischen Anschauungen in Verlegenheit zu bringen? Warum war er nicht wie sein Bruder Hugh – er ruhe in Frieden –, der bei der Kriegserklärung sofort dem Ruf zu den Waffen gefolgt war?

Welche Ironie, dass nach Hughs Tod ausgerechnet sein einflussreicher Vater erwirkt hatte, dass Jack von der Teilnahme an den Kampfhandlungen freigestellt wurde – wenn auch zweifellos nur, damit er den Fortbestand der Benninghams sichern konnte. Diese Pflicht besaß die höchste Priorität für den äußerst konservativ denkenden Grafen, der sich den ganzen Nachmittag lang über Jacks Affären, seinen liederlichen Lebenswandel und seine hartnäckige Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, ausgelassen hatte und ihn damit genervt hatte, dass er endlich seine Pflicht gegenüber seiner Familie erfüllen solle, statt immer nur an sich selbst zu denken.

Währenddessen hatte Jack im Hintergrund die ganze Zeit das leise Schluchzen seiner Mutter gehört.

»Sagen Sie mal, Walenford, Sie sind heute Abend offenbar ein bisschen geistesabwesend. Ich nehme an, es ist eine höchst unerträgliche Zumutung, dem Geschwätz eines alten Mannes so lange lauschen zu müssen, wenn man gleichzeitig zwei so wunderhübsche Täubchen am Arm hat?«

»Ganz und gar nicht, Lord Chumley. Mein Kostüm sitzt nur recht unbequem.« Jack lächelte den Mann in der Toga gewinnend an, dann wandte er sich an die Gastgeberin. »Sie haben heute Abend eine recht beeindruckende Gesellschaft auf die Beine gestellt, Lady Bassett.«

»Da haben Sie recht.« Die würdevolle Matrone rückte ihre Halskrause zurecht, dann schaute sie Cäsar mit zusammengekniffenen Augen an. »Und Sie, Lord Chumley, sollten wissen, dass diese ›hübschen Täubchen‹, die Sie gerade erwähnt haben, meine Enkelinnen sind.«

Damit warf sie Kleopatra und Lady Godiva einen milden Blick zu. »Ich habe die beiden auf Bitte von Miss Violet Arnold, Lord Walenfords zukünftiger Braut, eingeladen. Sie sind hier, um ein Auge auf ihn zu haben, während Miss Violet sich mit ihrem Vater in Edinburgh aufhält.«

»Nun ja, irgendjemand muss ja auf mich aufpassen«, sagte Jack gedehnt. Violets Bitte entsprang zweifellos weniger der Eifersucht als ihrem Bestreben, einen möglichen Skandal zu vermeiden.

»Ich fühle mit der jungen Dame«, fuhr Lady Bassett fort. »Miss Arnold hat Schweres durchgemacht.« Sie schnalzte mit der Zunge. »Aber ich finde, ein Jahr ist mehr als genug Zeit zum Trauern.« Sie nickte Jack zu. »Und Sie haben sich wirklich bewundernswert geschlagen, Walenford. Ich bin sicher, Ihr guter Vater, der Graf, ist mehr als zufrieden mit Ihnen. Stonebrooke wird also endlich eine junge Gräfin bekommen. Eine August-Hochzeit ist immer eine ganz wunderbare Sache.«

»Sehr richtig«, meinte Jack mit einem gezwungenen Lächeln und nippte erneut an seinem Champagner. Egal, was sein Vater über ihn dachte, Jack tat tatsächlich seine Pflicht, ja er ging darin sogar so weit, den Platz seines Bruders vor dem Altar einzunehmen. Als die amerikanische Erbin Violet Arnold sich mit Hugh verlobt hatte, war eine Menge Geld geflossen von den Arnolds zu den Benninghams. Die Heirat mit Hugh hätte der Amerikanerin den Titel einer Gräfin als Gegenleistung für das Auffüllen des gefährlich dahinschwindenden Stonebrooke'schen Vermögens verschafft.

Doch dann war sein Bruder gestorben und Violet war allein zurückgeblieben. Die Benninghams konnten den versprochenen Titel nicht liefern und schuldeten den Arnolds folglich eine große Summe.

Es war für alle Beteiligten noch immer schwer zu fassen, dass Hugh unverletzt von der Front zurückgekehrt war, nur um wenige Wochen später bei einem Bootsunfall zu sterben – ein Verlust, der nicht nur Hughs Familie, sondern auch Violet tief getroffen hatte. Doch der Schock änderte nichts an der finanziellen Abmachung. Jack, der nie hatte heiraten wollen, wusste genau, was von ihm erwartet wurde: Der Familienbesitz musste unter allen Umständen gerettet werden.

Er würde natürlich seinen Lebenswandel ändern müssen, wenn auch nur eine Zeit lang. Der Graf hatte ihm versprochen, dass er machen könne, was er wolle, wenn er erst einmal verheiratet war und einen Erben gezeugt hatte.

Die Vorstellung gefiel ihm, da er keinerlei Verwendung für eine Frau hatte. Und doch … in seinem Hinterkopf regten sich hin und wieder beunruhigende Gedanken – Gedanken an Sesshaftigkeit, an die Gründung einer Familie. Immer öfter ertappte sich Jack dabei, dass er nicht mehr im Augenblick lebte, sondern an seine Zukunft dachte.

Er schob diese Gedanken beiseite und konzentrierte sich stattdessen auf die schönen jungen Frauen an seiner Seite – die für ihn selbstverständlich tabu waren, da er sich unter keinen Umständen mit ihrer Löwin von Großmutter anlegen wollte.

Doch auch so war die Situation äußerst angenehm. Er legte einen Arm um Kleopatras Schultern und zwinkerte dabei seiner Gastgeberin zu, deren Blick heftige Missbilligung ausdrückte. Lady Bassetts entzückende Enkelinnen waren ausgezeichnete Requisiten für seine heutige Tarnung als Casanova mit dem besonderen Bonus, dass es zu keiner emotionalen Verstrickung kommen würde.

Plötzlich erregte eine Bewegung auf der anderen Seite des Raums seine Aufmerksamkeit. Chaplin hatte seinen Platz am Fenster verlassen. Jack straffte sich und rief sich in Erinnerung, dass er eine Aufgabe hatte; seine Vorgesetzten würden es gar nicht schätzen, wenn er versagte. Jack Benningham trat zwar nach außen als Kriegsdienstverweigerer auf, doch in Wirklichkeit zog er es lediglich vor, den Feind auf seine eigene Weise zu bekämpfen.

Sein Vater, der Graf, wusste nichts von seinem Tun – ja es wusste überhaupt niemand, abgesehen von Sir Marcus Weatherford, seinem Freund, einem Leutnant beim Marineministerium. Er tat seine Pflicht für sein Land, ohne dazu den Fuß auf fremden Boden setzen zu müssen.

Jack war Agentenjäger für Seine Majestät, den König.

Die Zahl der feindlichen Spione, die es selbstverständlich bereits vor dem Krieg gegeben hatte, hatte in den vergangenen drei Jahren schier unvorstellbare Dimensionen angenommen. In den letzten Jahren waren Hunderte mutmaßlicher feindlicher Agenten verhaftet und vor Gericht gestellt worden. Und tatsächlich waren viele überführte Verräter im Tower hingerichtet worden. Jacks gesellschaftliche Stellung erlaubte es ihm, sich in allen Kreisen zu bewegen, von den Bordellen im Hafen bis zu den vornehmsten Salons, und überall Verhaftungen vorzunehmen.

Marcus hatte einmal halb im Scherz gesagt, dass Jacks Ruf als berüchtigter Playboy dem Kriegsministerium in den Boudoirs von London sehr viel besser diene als in den Schützengräben Frankreichs.

Er sah zu, wie Chaplin auf einen anderen freien Platz an der gegenüberliegenden Wand wechselte. Bis jetzt hatte ihn niemand angesprochen.

Jack hatte diesen Auftrag erhalten, weil seine Abteilung des Britischen Geheimdienstes, der MI5, einen Tipp bekommen hatte. Ein unbekannter deutscher Agent sollte den Ball heute Abend besuchen und sich mit einem Mann treffen, den das Marineministerium bereits überwachte – dem Mann, der als Charles Chaplin verkleidet war. Wenn der Austausch stattgefunden hatte, würde Jack dem Deutschen in sein Versteck folgen, wo New Scotland Yard dann die Verhaftung vornehmen würde.

Er hob sein Glas und nippte erneut am Champagner. Wo blieb der Typ nur?

Plötzlich erregte ein Schimmer von Grün in der Nähe der Tür seine Aufmerksamkeit. Jack drehte sich um … und vergaß alles andere.

Es war ein traumhafter Anblick. Jack schluckte trocken, während er die exotische Schönheit anstarrte, die nur ein paar Meter von ihm entfernt stand. Eine Wolke leuchtend rotbrauner Locken, kaum gebändigt von einem grünen Band, eine hinreißende Robe aus duftigem, smaragdgrünem Stoff, die sich eng um ihre verführerische Gestalt schmiegte und sanft mitschwang, als sie sich in wahrhaft königlicher Haltung umdrehte und den Blick durch den Raum schweifen ließ.

»Ist das nicht Pandora?«

Es dauerte einen Moment, bis Lord Chumleys Frage zu ihm durchdrang. Doch ja, er hatte bereits das kleine goldene Kästchen gesehen, das sie an ihren lieblichen Busen drückte.

Kleopatra sagte: »In der Mythologie heißt es, die Götter hätten sie als die schönste Frau der Welt geschaffen …«

»Um Epimetheus, den Bruder von Zeus' Feind, zur Ehe zu verführen«, schloss Lady Godiva. »Sie sollte Epimetheus' Liebe gewinnen und schließlich Verderben über ihn bringen, indem sie ihre Büchse öffnete und aus ihr alles Üble in die Welt entließ.«

»Ich hätte nichts gegen ein wenig Übles«, murmelte Chumley.

Jack hörte das und der Zorn, der in ihm aufwallte, überraschte ihn selbst. Doch er schwieg, unfähig, den Blick von der rothaarigen Schönheit an der Tür abzuwenden.

»Wer ist das?«, wollte Lady Bassett wissen. »Ich kann sie aus der Entfernung nicht erkennen.«

Jacks Puls beschleunigte sich, als sie plötzlich auf ihn zukam. »Entschuldigen Sie mich«, sagte er und ließ die Frauen an seiner Seite stehen. Lady Bassetts Stirnrunzeln ignorierend, trat er ein paar Schritte vor und versuchte, Pandoras Blick auf sich zu lenken.

Doch auf halbem Weg blieb sie stehen. Halb unbewusst blieb Jack ebenfalls stehen und hielt den Atem an, während sie den Kopf hob, um sich erneut im Raum umzusehen. Dabei trafen sich ihre Blicke und er setzte augenblicklich sein umwerfendstes Lächeln auf.

Sie straffte sich und errötete. Dann runzelte sie die Stirn. Jack hätte am liebsten laut gelacht. Doch die Luft entwich aus seinen Lungen, als sie ihn weiterhin entschlossen musterte und auf ihn zuging.

Direkt vor ihm blieb sie stehen. Die Gespräche um sie herum verstummten. Jack erhaschte einen berauschenden, exotischen Blumenduft – vielleicht Jasmin? Sie blickten einander unverwandt in die Augen. Er betrachtete ihre vollkommene Gestalt, die porzellanweiße Haut und das zierliche Näschen unter den großen Smaragdaugen. Ihre volle Unterlippe flehte ihn förmlich an, sie zu küssen …

Dann streckte die grünäugige Schönheit ganz, ganz langsam eine behandschuhte Hand aus. Er lächelte erfreut, nahm ihre Hand und zog sie an seine Lippen.

Erst als sie ihm ihre Hand entzog, sah er das Geschenk, das sie ihm gegeben hatte.

Grace sah atemlos zu, wie er die weiße Feder betrachtete, das Symbol für Feigheit. Sie war überwältigt von seiner Gegenwart und spürte doch eine große Anspannung. Wie würde er reagieren? Aus der Nähe war er noch viel beeindruckender. In diesen dunkelblauen Augen konnte man ertrinken, und sein Lächeln … gütiger Himmel, es machte sie beinahe schwindelig.

Sie musste sich daran erinnern, dass er ein Feigling war. Als er sie anschaute, sah sie befriedigt, dass sich sein selbstgefälliges Lächeln in den Ausdruck größten Erstaunens verwandelt hatte …

… und dann grinste er und steckte sich die Feder hinters Ohr.

Sie starrte ihn an; ihre Selbstsicherheit verpuffte. Jetzt überreichte er ihr schweigend seine rote Rose. Sie presste die Lippen zusammen. Hielt er das Ganze etwa für ein Spiel? Sie setzte ihren Ruf aufs Spiel, um ihrem Bruder und ihrem Land zu helfen, und er glaubte, aus ihrer Heldentat einen Scherz machen zu können? Welche unfassbare Arroganz! Jack Benningham war nicht nur ein Feigling, er war ein eingebildeter, anmaßender Schürzenheld und … Verräter.

Urplötzlich richtete er seine Aufmerksamkeit auf etwas hinter ihrem Rücken und knurrte wütend. Grace schnappte nach Luft, als sie den Zorn in seinem Gesicht sah. Hatte er endlich begriffen, was ihre weiße Feder bedeutete? Sie hatte sich gar nicht klargemacht, dass ihr Tun möglicherweise eine gewalttätige Reaktion hervorrufen könnte.

Sie schrie auf, als er sie an der Hüfte packte und mit einem gemurmelten Fluch mühelos hochhob. Wollte er sie etwa ins Zimmer werfen?

Doch er stellte sie einfach seitlich ab und lief zum nächsten Ausgang.

Grace blickte ihm verwirrt nach. »Sie!«, stieß eine wütende Königin Elizabeth hervor und Grace begegnete schockierten Augen, die sie erkannt hatten. »Ich werde Ihren Vater davon in Kenntnis setzen, junge Frau!«, versprach Lady Bassett. Dann hob sie die Hand und gab einem Diener ein Zeichen.

Grace brach der Schweiß aus vor Angst. Einen Moment lang dachte sie an Flucht, doch sie wusste, dass es keinen Ausweg gab – Lady Bassett würde den Zwischenfall ganz bestimmt nicht vergessen.

Doch dann erschien Colins Bild vor ihrem inneren Auge und ihre Entschlossenheit kehrte zurück. Ihr Bruder zählte auf sie! Rasch trat sie an ihrer Gastgeberin vorbei und drückte zwei weitere Federn in überraschte Hände, bevor der Butler sie am Arm packte.

Fünf Minuten später warf man sie und Agnes aus dem Haus.

»Das war knapp«, sagte Agnes atemlos. »Ich bin gerade noch meine letzte Feder losgeworden, bevor der Butler mich erwischt hat.« Wieder brach ihr schrilles Lachen aus ihr heraus.

Grace musste lächeln; ihr Herz raste noch immer. »Ich habe nur ein paar verteilen können, doch eine davon wird ziemliches Aufsehen erregen.« Sie nickte zu Jack Benningham hinüber, der gerade in ein Taxi stieg, ohne sich auch nur einmal umzusehen. »Er ist der Sohn eines Grafen und sehr bekannt. Wenn er in die Armee eintritt, werden ihm viele seiner Drückeberger-Freunde folgen.«

Niemals würde sie seinen Blick vergessen, bevor er aus dem Ballsaal gestürmt war. Doch sie hatte ihren Plan in die Tat umgesetzt und wenn sich nun das Gewissen des arroganten Feiglings rührte und er ihrem Bruder half, den Krieg zu gewinnen, konnte sie zufrieden sein.

Nur ungern hingegen dachte sie an Lady Bassetts Drohung. Grace wusste, dass Papa von der Sache erfahren würde, noch bevor am nächsten Morgen bei Swan's der Kessel auf dem Herd stand.

Jack hieß den Taxifahrer losfahren und bellte Wegbeschreibungen, während er im Geiste seinen eigenen Fehler verfluchte. Er hatte nicht nur den deutschen Agenten entkommen lassen, sondern auch noch riskiert, Chaplin zu verlieren. Jetzt konnte er ihm nur noch in sein Versteck folgen und versuchen, ihn dort zu befragen und die Situation vielleicht doch noch zu retten.

Er lehnte sich zurück und betrachtete stirnrunzelnd die weiße Feder, die sie ihm gegeben hatte – der geheimnisvolle rothaarige Frechdachs, der ihn abgelenkt hatte.

Jack blickte in das schwindende Zwielicht am Hafen, der vor ihm auftauchte. Heute Abend hatte er alles vermasselt. Jetzt konnte er den Schaden nur noch begrenzen, indem er sich ganz auf die Aufgabe konzentrierte, die vor ihm lag.

Dennoch gestattete er sich, noch einmal zu lächeln. Er hob die weiße Feder an seine Lippen. Wer immer sie war, er würde sie finden, seine Pandora – und sich diesen Kuss abholen.

[Zum Inhaltsverzeichnis]

2

Drei Monate späterGrafschaft Kent – Juli 1917

Verbannung hat sich noch nie so gut angefühlt …

Mit leisem Schuldgefühl schrieb Grace diese Worte in ihr Tagebuch. Dann hob sie das Gesicht in die frische Sommerbrise, die durch das offene Fenster des Taxis hereindrang. Sie bewunderte die idyllische Schönheit der Landschaft Kents, die im Gegensatz zur Stadt makellos und friedlich wirkte. Strohgedeckte Dächer und schlichte Scheunen lagen verstreut zwischen Platanen und Erlenhainen. Die welkenden weißen Blüten der Vogelbeeren bildeten einen scharfen Kontrast zu den leuchtend roten Beeren des Kreuzdorns.

Sie war erleichtert, den wachsamen Augen ihres Vaters und Lady Bassetts Vorwürfen entronnen zu sein, und hätte sich kein angenehmeres Exil vorstellen können. Es war die perfekte Umgebung für ihre nächste Geschichte.

»Wir sind schon bald in Roxwood, Miss.«

Grace wandte sich vom Fenster ab und lächelte über die Aufregung ihrer Zofe. »Hast du das Reisen schon satt?«

»Überhaupt nicht«, sagte Agnes. »Seit ich in England lebe, habe ich London noch nie verlassen, aber in den letzten beiden Wochen waren wir in Norfolk und an sämtlichen Orten zwischen Norfolk und London.« Sie sah Grace mit großen braunen Augen an. »Ich wusste nicht, dass England so groß ist.«

»Ja, es war ein ganz schöner Trubel«, sagte Grace. »Ich kann kaum glauben, dass wir erst heute Morgen in London aufgebrochen sind.« Jetzt waren es nur noch wenige Meilen bis nach Roxwood. Das Anwesen in Kent umfasste offenbar ein riesiges Gebiet zwischen Canterbury und der Stadt Margate und würde in den nächsten Wochen ihr Zuhause sein, während sie und Agnes ihren Dienst im Women's Forage Corps aufnahmen, einem Frauenhilfsdienst der britischen Armee. Sie würden Heu für die Armeepferde im Ausland einbringen.

»Es war nett von Ihrem Vater, uns ein Taxi zu spendieren.«

»Es gab keine große Auswahl, die Züge fahren sonntags nicht. Und wir können ja schließlich nicht gleich an unserem ersten Arbeitstag zu spät kommen.« Dann fügte sie flüsternd hinzu: »Und wahrscheinlich hat Papa den Fahrer bezahlt, damit er ihm über mein Verhalten berichtet.«

Agnes warf ihr einen mitleidigen Blick zu. »Ja, er war sehr … sehr fürsorglich seit dem Kostümball.«

»›Fürsorglich‹ ist sehr hübsch ausgedrückt«, sagte Grace trocken. Lady Bassett hatte ihre Drohung wahr gemacht und Papa war furchtbar wütend über Grace' Stunt mit der weißen Feder gewesen. Er hatte tagelang geschimpft und ihr abwechselnd gedroht, sie zu Tante Florence nach Oxford zu schicken oder mit seinem amerikanischen Protegé Clarence Fowler zu verheiraten. Dann hatte er ihr verboten, weitere Suffragetten-Versammlungen mit diesen »schamlosen Pankhurst-Weibern« zu besuchen. Und schließlich hatte er den Rat seiner wichtigsten Gönnerin befolgt, er müsse unbedingt »ein Auge auf sie haben«, und hatte Grace in die oberen Stockwerke von verbannt, wo sie Teepäckchen für die Soldaten packte, während er sich klar darüber wurde, was er tun sollte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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