Die Verlängerung - Theo Beck - ebook

Die Verlängerung ebook

Theo Beck

0,0

Opis

Ein ganzes erfülltes Menschenleben passt in eine absichtsvolle Verlängerung. Wer dieses Buch liest, erlebt die aktuelle Geschichte eines Menschen, in der er, gleich den Hoffmannschen Erzählungen, dreimal auftritt und, wie dort auch, viele andere ihm begegnen. Und das, obwohl er nach medizinischer Definition tot ist. Wie das sein kann? »Die Wirklichkeit ist ein zufälliges Gemisch aus Sichtbarem und Unsichtbarem«, sagt Gerhard Roth, weltbekannter Neurologe und Hirnforscher. Vergleichbar mit den spezifischen Mikrobenwolken in und um uns, die sich ohne unser Zutun mit denen der Umgebung austauschen, ist es hier das Bewusstsein des Protagonisten, das den Leser Anteil nehmen lässt, so lange, bis seine Seele zu Licht wird. Hans, der Held dieses Romans, darf nicht aufhören zu sein. Man lässt ihn nicht. Auch wenn ihm im Leben oft das Glück zur Seite stand, ähnelt er letztlich eher dem Hans im Glück, dem in der Verlängerung nur das Füllhorn der Erinnerung bleibt. Es präsentiert dem Leser ein buntes, bewegendes Erlebnis mit den Freuden des Alterns.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 541

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Theo Beck

DIE VERLÄNGERUNG

Ein Leben in der Cloud

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Coverfoto © Theo Beck

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

www.engelsdorfer-verlag.de

Für meine Enkelkinder

und ihre Eltern

Ich danke meiner Lektorin Daniela Lorenz vom Engelsdorfer Verlag

für ihre Mitarbeit und Ratschläge.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung/Dank

Vorwort

Im Blick

1. Es war einmal

2. Schulzeit

3. In der Heide

4. Die Tommys

Im Griff

5. Trümmerkinder

6. Wer glaubt

7. Hand ab

8. Kupfermühle

Im Steig

9. Der Stift

10. Italienische Reise

11. Gesellenstück

12. Der Assi

Im Glück

13. Spätreife

14. An Land

15. Holländische Sahnestücke

16. Immer weiter

Im Ziel

17. Die Entscheidung

18. Die Wende

19. Aufs Neue

20. Volkswerft

Im Sturz

21. Alles auf null

22. Medizinischer Kanon

23. Im Sonnenreich

24. Visionen

Im Bild

25. Der Verzicht

26. Trugbild

27. Zurück in Spanien

28. Im Dom

Im Sinn

29. Was bleibt

30. Was die Seele sagt

31. Rigoletto

Bisher erschienene Bücher

Fußnoten

VORWORT

Wer die nächsten Seiten aufschlägt, erfährt etwas von dem wundersamen Prozess des Alterns. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in drei verschiedenen Rollen auftritt.

Da ist zunächst der Komapatient, der aus seinem Krankenbett erzählt, was er aktuell erlebt und was er vorher im Krankenhaus erlebt hat. Nur ein ganz kleines Zeitfenster fehlt ihm: Das, was kurz davor passierte, wie, wann und warum er in diese Situation kam. Da er komatös ist, hat er viel Zeit. Er nutzt sie für Erinnerungen an sein Leben. Es ist eine Welt prall gefüllter, bunter Bilder, vom kleinen Jungen bis zum Greis. Und wenn er müde wird oder das Geschehen nicht erfassen kann, versinkt er in seine Fantasiewelt und lässt den Autor weitersprechen.

Seine Erzählungen haben den Nachteil, dass ihm seine Identität verloren gegangen ist. Es ist bekannt, dass Demenzkranke manchmal nicht mehr wissen, wer sie sind. Sein zweiter Habitus ist also der einer Person, die er gut kennt und die er mit seinem Vornamen ausstattet. Er spricht in seinen Berichten immer von Hans, den er in seinen Bildern sieht, ohne zu realisieren, dass er es auch selbst sein könnte. Unterbrochen wird er dabei immer wieder von seinem Alter Ego, das sein Selbstbild regelmäßig kritisch in die Realität rückt.

Als er seine Visionen schließlich nicht mehr selbst sehen kann, ist es am Ende sein Bewusstsein, das ihm erzählt, was er sieht.

Wer beim Lesen den Eindruck bekommt, dass sein Bericht manchmal unordentlich oder unverständlich ist, sollte es ihm nicht allzu übel nehmen. Das ist nur die Folge seiner Demenz, die jedem von uns eines Tages über den Weg laufen kann.

IM BLICK

1. Es war einmal

Ganz langsam, schleichend langsam kriecht Licht in das Bild. Nicht vom Rand zur Mitte oder sich von der Mitte aus verteilend, sondern ganzflächig durchdringt es die Dunkelheit im Schneckentempo.

„Es werde Licht“, geht mir durch den Kopf, „es werde Licht!“ Genauso war es wahrscheinlich auch am Weltanfang.

Schon nach wenigen Minuten kommen Strukturen in die milchigweiße Fläche. Grautöne bleiben stehen, erste Farbtöne werden sichtbar. Meine Augen strengen sich immer mehr an in der Hoffnung, ein deutliches Bild zu erkennen. Was ist das? Was bedeutet es? Die verschwommene Fläche verbirgt etwas, das ich nicht verstehen kann.

Natürlich erkenne ich es nicht. Ich kenne meine Augenkrankheit lange genug. Das ist wieder der grüne Star! Das Normaldruckglaukom verschleiert mir das Bild! Wie schon die ganze lange Zeit seit dem verhängnisvollen Besuch bei Dr.Meinhardt.

„Ihr Augendruck ist in Ordnung. Auch die Perimetrie“, hat der Augenarzt damals gesagt, nachdem er den Schlitten seiner Spaltlampe zur Seite geschoben hatte. „Nur …“ Er zögerte und dimmte das Raumlicht wieder hoch. Dr.Meinhardt lehnte sich etwas zurück und sah mich besonders freundlich an. „Nur Ihre Nerven sind schwach. Bei der Blickfeldkontrolle waren Sie rechts etwas unaufmerksam. Macht aber nichts. Es gibt noch keine Nervenleitausfälle. Das ist gut. Es ist noch am Anfang. Beginnendes Glaukom. Obwohl Ihr Augendruck normal ist, was üblicherweise gegen diese Diagnose spricht.“

Er sah noch einmal auf die Karteikarte. „Normaldruck, so wie in den letzten Jahren auch.“

Dr.Meinhardt zögerte wieder. „Verdacht auf Normaldruckglaukom. Das muss weitergehend untersucht werden. Noch sind keine Ausfälle da. Das ist gut. Das wollen wir so erhalten. Aber Ihre Nerven sind schwach.“

Ich erinnere mich sehr gut. Danach ist es ständig bergab gegangen. Ich wurde Dauergast bei den Augenärzten. Und dennoch ist das Bild, das mir meine Augen gaben, ganz, ganz langsam immer undeutlicher geworden.

Aber – wieso jetzt nicht? Im Gegenteil! Es wird mit der Zeit immer deutlicher! Was ist nun?

Vorsichtig, fast ängstlich sehe ich wieder hoch und erkenne freudig erregt einen ungewohnt deutlichen Raum. Kahl, hell und steril sieht er aus. Mit einem einzelnen Bett neben dem Nachttisch. In der hinteren Ecke steht ein kleiner quadratischer Tisch mit einem Blumenstrauß. Rote und weiße Rosen gemischt. Gerade so wie aus meinem Garten. Hamburger Farben hatte ich auf dem kreisrunden Beet an der südwestlichen Ecke des Bungalowgrundstücks gesetzt. Gleich nachdem mein Schatz gestorben war, meine geliebte Hamburger Deern, habe ich die Rosen gesetzt.

Erwartungsvoll wandert mein Blick wieder durch den Raum. Wieso ist das jetzt kein Glaukom-Bild? Alles ist scharf und deutlich zu erkennen. Und – was ist das? Da liegt einer im Bett! Wer liegt da? Das bin ja ich! Igitt, wie eklig.

Ich sehe mich in dem weiß lackierten Stahlbett liegen, mit den chromglänzenden Geländern am Fuß- und Kopfende, mit dem rohrförmigen Galgen darüber, an dem die lebensverlängernden Gaben hängen und der nun, obwohl eigentlich unnötig, immer noch nicht zur Seite gedreht ist.

Nein, es ist kein schöner Anblick, sich so liegen zu sehen. Der Schlauch, der aus dem Mund kommt und dafür sorgen soll, dass man nicht an seinem eigenen Speichel erstickt, vibriert immer noch leicht auf der rechten Unterlippe. Warum? Wohl weil die Pumpe noch läuft. Warum diese Energieverschwendung? Als Nachweis der ärztlichen Bemühungen? Wahrscheinlich nur die übliche Nachlässigkeit.

Der Mund ist schief und weit offen. Wenigstens die Lider hat Schwester Angela zugedrückt. So kann ich mir wenigstens nicht mehr in die Augen sehen. Der Kopf hängt zur rechten Bettseite rüber, die Kabel, die von den Sensoren an der Brust, dem Bauch und den Armen kommen, sind immer noch zusammengebunden und gehen lose liegend zu dem Überlebenscomputer. Die Arme und Hände sind mit den Flachbändern ans Bett gefesselt. Die Beine auch. Wenigstens die Decke haben sie mir wieder übergelegt, unter der ein Urinschlauch hervorkriecht. Er kommt aus dem Penis. Daran kann ich mich gut erinnern. Etwas hat dort sehr lange Zeit gescheuert. Der Schlauch geht in das Sammelgefäß am Bettrand.

Am schlimmsten aber sind die Schmerzen in den Füßen. Erst war es nur der rechte große Zeh, der nicht mehr richtig durchblutet wurde. Er war von der Spitze her erst rot, dann blau geworden. Mit den beißenden Schmerzen hatte es dort angefangen. Dann war der Fuß dick geworden und die Färbung war mit den Schmerzen nach oben gewandert. Schließlich hatte das Gleiche auch in den Zehen des anderen Fußes angefangen. Natürlich werden sie die Färbung auch erkannt haben, aber ich konnte ihnen nicht mitteilen, wo die Schmerzen auftraten und wann. Und wozu sollten sie einen Bewusstlosen noch mit Analgetika belasten oder gar eine Rückenmarkstimulation vornehmen?

Aber sonst haben sie alles getan, was sie konnten, sagten sie. Nur weggeschafft haben sie mich nicht. Immer noch nicht. Obwohl ich doch offensichtlich tot bin, sonst könnte ich mich doch nicht sehen, oder?

Dabei habe ich ihnen immer wieder gesagt, sie sollten mich gehen lassen, aus diesem exzellenten Haus, qualitätsgesichert und überhaupt vorbildlich. Vielleicht haben sie nicht richtig zugehört. Oder sie haben mich nicht verstanden, obwohl ich immer sehr darum bemüht war, sie zu überzeugen. Wirklich, ich habe alles versucht! Und doch ließen sie mich nicht, sondern tun für mich alles, was möglich ist, wie sie immer sagen.

Und überhaupt! Wieso liege ich da eigentlich? Gerade das wollte ich doch vermieden haben. Genau! Deshalb hatte ich mich doch verabschiedet. Ich wollte nicht mehr! Vor allem aber wollte ich nicht abhängig werden, nicht betütert, mildtätig versorgt oder geschäftsmäßig gestreichelt werden. Ich wollte nur, dass es zu Ende ist. Deswegen mein ganzer, sorgfältiger Aufwand der Vorsorge. Also, noch einmal, wie bin ich bloß hierhergekommen? Wieso bin ich … Jetzt stört der mich beim Nachdenken.

„Hallo!“

Das ist der Mohr. Habe ich schon oft gesehen. Kommt gerade vorbei, der Stationsarzt. Ihn könnte ich fragen.

„Hallo!“

Aber das geht ja gar nicht. Der sieht und hört mich nicht. Für den bin ich gar nicht da. Außerdem würde er sowieso nicht die Wahrheit sagen. Herr Doktor Mohr hat die Wahrheit nie bei anderen gesucht, eher bei sich oder im Himmel. Und natürlich ist Schwester Angela hinter ihm. Sie folgt immer seinem Kittel. Früher, fällt mir ein, früher, in der ersten Zeit meines Aufenthaltes hier, hing aus dem Kittel immer sein Stethoskop heraus. Inzwischen trägt Angela es für ihn, als Statussymbol der Oberschwester.

Was machen sie denn nun? Jetzt schließen sie doch wieder das mobile EEG an! Jetzt noch eine Hirnstrommessung? Das Verkabeln macht Angela, ordnet noch die Strippen, will sie mit Leukoplast befestigen.

„Schon gut“, sagt er ungeduldig. Er hat es immer besonders eilig, das unterstreicht seine Wichtigkeit. „Kaum messbar.“

„Eigentlich gar nichts“, sagt sie.

„Schon richtig“, sagt er, „aber die Messtoleranzen! Es ist nicht auszuschließen, dass er noch da ist. Wir wissen ja von der Forschung, dass nicht messbare Restströme immer noch einer Reanimation dienen könnten.“

„Ja, aber wann sonst?“

„Es sind auch Fälle von Nahtoderscheinungen bekannt. Wenn auch selten, aber immerhin.“

Er lässt sich auch durch Widerspruch nicht beirren. Seine Selbstsicherheit ist mir schon oft aufgefallen.

„Er liegt doch gut da, und im Moment haben wir für den Platz keinen anderen Bedarf. Wie lange ist das jetzt her, die letzte Messung?“

„Gestern Abend um 18.00 Uhr, Ewald.“

Sie duzt ihn wieder, wie gestern Abend. Sonst, wenn andere dabei waren, hat sie ihn immer mit „Herr Doktor“ angeredet.

„Es hat noch Zeit, denke ich. Es ist nicht unüblich, eine längere Reanimationsphase einzurichten. Lässt sich schon vertreten.“

„Aber wir machen doch gar nichts mehr mit ihm. Und wenn wir noch lange warten, stirbt er zu früh.“

Mohr sieht sie mit gerunzelter Stirn an. Er schüttelt den Kopf. „Zu früh? Wofür zu früh?“

„Für die Anstaltsleitung. Ich meine zur Nutzung.“

Mohr schüttelt wieder unwillig den Kopf. „Ich möchte dem Schöpfer noch Zeit geben“, sagt er. Dr.Ewald Mohr ist schon lange Mitglied im Kirchenvorstand.

Jetzt lassen die mich doch tatsächlich da liegen! Sie tun wirklich alles für mich. Wie lange schon? Und wie bin ich hierhergekommen? Genau! Das ist die Frage! Noch mal: Ich lag doch vorher noch in meinem Bett! In meinem Bett im Heim oder dem im Haus? Da bin ich mir nicht sicher. Aber das muss ja wohl in meinem Haus gewesen sein, wo ich immer oder wenigstens meistens geschlafen habe. Aber, das hier ist nicht mein Haus! Oder ist das vielleicht schon so lange her, dass ich es doch vergessen habe? Ist mir ja in letzter Zeit öfter passiert. Die vielen Bilder von dieser Klinik kenne ich, von den Menschen, die hier zu mir kamen und wieder gingen, die wenigen, die mich besuchten, und die vielen, die mich besichtigen wollten, Bekannte und Unbekannte, und die vielen Bilder von den Behandlungen, alles muss in meine hiesige Zeit passen. In diesen unendlich kleinen Augenblick zwischen diesem Bett und dem in meinem Haus. Los, denk nach, wo war noch der Anfang? Richtig, mein Haus. Oder?

Genau weiß ich das im Moment wieder nicht.

Aber jetzt, da ich mich sehr, sehr anstrenge, nähern sich doch viele Bilder. Ganz so wie Räume mit geöffneten Türen, die mit Szenen gefüllt sind, nebeneinander, unordentlich angeordnet, richtig, wie auf meinem Desktop. Auch versetzt, teilweise übereinander, ich sag ja, wie bei Windows. Vielleicht kann ich sie zoomen, wenn ich sie anklicke? Da sind ja auch welche, die ich gar nicht kenne. Was soll das? Da war ich gar nicht! Oder habe ich das auch schon wieder vergessen? Also, mal langsam, immer der Reihe nach. Keiner drängelt sich hier vor! Eine Ausstellung von Bildern meiner verschwundenen Zeit? Alles hat seine Zeit. Wichtige Zeit. Viel Zeit? Jahre vielleicht?

Ich weiß es nicht. Nur dass es nicht solche Stunden waren, die mit Leichtigkeit dahinplätschern wie viele andere, kaum erwähnenswerte. Nein, diese hier waren mit Gewicht und Charakter versehen, prägend und abschließend. Nein, falsch, eben nicht abschließend, ich liege hier ja noch! Ja, dieses Haus hat immer alles im Griff. Auch mich. Bestimmt auch meine Vorfahren.

Ist hier nicht auch Großvater unter schrecklichen Schmerzen am Brand gestorben, wie man damals noch die Durchblutungsstörungen nannte? Linkes Bein. Ja, ich weiß, als ganz kleiner Junge habe ich ihn einmal im Krankenhaus besucht, zusammen mit meiner Mutter und meiner Oma. Das war doch auch hier! Er jammerte vor Schmerzen. Es war Krieg. Schmerzmittel gab es, wenn überhaupt, nur an der Front.

„Weine nicht so viel“, hat seine harte Ehefrau zu ihm gesagt. Sie hatte im Laufe ihres Lebens gelernt, mit Schmerzen umzugehen. Sechzehn Kinder hatte sie ihm geboren, wovon immerhin neun diesen Vorgang überlebt hatten. Ihr Fritz war ein großer, gut aussehender Mann gewesen.

Meine Mutter redete ihrem Vater gut zu, er solle sich das Bein abnehmen lassen. Sie würde ihn dann zu sich nehmen, aufs Land, nach Holm-Seppensen, wo wir während der Kriegszeit wohnten. Da wäre er dann bei den Kindern in einem Rollstuhl.

Eine Woche später ist er von seinen Schmerzen erlöst worden. An die Beerdigung erinnere ich mich nicht mehr.

Aber meine Mutter, hat man die nicht in der gleichen Klinik behandelt? Vor vielen Jahrzehnten. Damals waren es zunächst noch ihre Nieren, also andere Abteilung. Aber ich weiß noch sehr genau, wo die lag. Ich habe sie oft dort besucht, als ich noch ein Junge war, damals.

Mit meiner Mutter verband mich viel. Sie liebte ihren Sohn mehr als alle anderen Kinder. „Mein Jung!“ war ein stehender Ausdruck von ihr und sie gab sich dabei keine besondere Mühe, ihre Regung mütterlichen Stolzes zu verbergen: Ihr blonder, frischer und unternehmungslustiger Sohn, der mit seinem jungenhaften Selbstbewusstsein die Liebe seiner Mutter als etwas ganz Normales empfand und diese auch gelegentlich ungekünstelt erwiderte.

Und nun erkenne ich einen mageren Elfjährigen mit hellblauen, wachen Augen und den damals noch üblichen sehr kurzen Lederhosen, wie er, wo immer es geht, laufend die ansteigende Martinistraße besiegt. Dabei überholt und umkurvt er alle Leute, die häufig genug erschreckt, aber unnötig stehen bleiben.

Ja, das ist Hans, an den erinnere ich mich sofort. Er nimmt sich immer solche kleinen Herausforderungen vor. Immer spornt ihn sein Ehrgeiz an. In der Schule auch. Allerdings nur in der Sportstunde. Die Grundfächer sind ihm zu langweilig. Und immer spricht er mit sich selbst, wenn er alleine unterwegs ist, und das ist gar nicht so selten. Seine Fantasie und sein Tatendrang sind unerschöpflich.

An einem Wochenende zum Beispiel fuhr er alleine, ohne dass die Eltern davon wussten, von Harburg mit der Straßenbahn zur Hamburger Kirmes, dem „Dom“, der damals noch klein und poplig auf dem Stintfang abgehalten wurde. Er hatte eine Mark Taschengeld bekommen, wie jeden Sonntag. Fünfzehn Pfennige kostete die Bahn, mit der er eine Stunde fuhr, um an sein Ziel zu kommen. Von Harburg bis zu den Hamburger Landungsbrücken. Als es Abend wurde und höchste Zeit zur Rückfahrt, stellte er mit Schrecken fest, dass er nur noch fünf Pfennige hatte und eine gerade angeschleckte Zuckerstange, die die Barreserven zu weit erschöpft hatte, um für die Straßenbahn genügend Fahrgeld zu behalten. Er schlich sorgenvoll hinter den Wagen der Fahrsteller herum und überlegte, wie er nun nach Hause kommen sollte. Etwa betteln? Der einzige Wertgegenstand, den er besaß, war die Zuckerstange. Und siehe da, schon der erste Junge, den er ansprach, war bereit, das gute Geschäft einzugehen. Für zehn Pfennige wechselte der nur wenig benutzte süße Gegenstand den Besitzer.

Aber jetzt geht der Junge durch die verstreut liegenden Gebäude der Krankenhausanlage, mit Armen und Händen führt er eine offensichtlich angeregte Diskussion, er nimmt den Eingang zur Abteilung INTERN 2 und, da er drei Stockwerke hochmuss, sogleich wieder einen Wettkampf mit der Treppe an und gewinnt natürlich. Dann ist er etwas außer Atem wieder bei seiner Mami, drückt sie und darf auf ihrem Bett sitzen. Er erzählt ihr, wie schnell er hergekommen ist. Und als er wieder geht, hat er Geld für die Heimfahrt bekommen und eine Mutter im Krankenbett gelassen, die trotz aller Krankheitssorgen mit ihrer nicht heilen wollenden Nierenbeckenentzündung ein ganzes Stück glücklicher ist als vor seinem Besuch. Natürlich nimmt er nicht die Bahn. Das Geld geht für ein Eis drauf, das er an einem Kiosk noch auf dem Gelände der Uniklinik kauft.

Seine Mutter hat ihm gerade von ihrer Kindheit erzählt, von den vielen Geburten und den vielen Geschwistern. Sehr einfache, fast ärmliche Verhältnisse waren das, aber rechtschaffen. Der Opa war Zigarrendreher gewesen. Ein großer, schlanker Mann mit gedrehtem Schnurrbart. Seine Frau hieß Henriette Auguste, genannte Brauer. War also nicht ganz geklärter Herkunft. Auf einem Familienbild, das Hans kennt, war nicht zu erkennen, dass sie ziemlich klein geblieben war. Man hatte sie auf einen Schemel gestellt, den die Kinderschar davor verdeckte. Und seine Mutter war das jüngste Kind. Als sie heiratete, einen sehr jungen Beamten der Reichsbank in höherer Laufbahn, waren alle überrascht gewesen. Die Nachbarin hatte neidisch bemerkt: „Watt, n Piepenmoker Deern n Richsbankkasseer?“ Auf dem gebleichten, gerahmten Familienbild war sie noch ganz klein gewesen und fix beleidigt, weil man ihr gerade vorher dafür die Haare abgeschnitten hatte.

Hans ist froh, dass er kurze Haare und einen Scheitel hat. Eine gute halbe Stunde hat er wieder bis nach Hause zu laufen. So lange müssen die verhassten Schularbeiten noch warten. Kaum ist er aus dem Krankenhaustor raus, da rennt er wieder los. Schon bald ist er nicht mehr zu sehen.

2. Schulzeit

Den Raum, in dem ich hier liege, sehe ich genau. Alles in Weiß. Der Fußboden ist mit hellbraunem Linoleum bekleidet, nur ein Fenster gibt es und einen kleinen quadratischen Tisch an der Wand, auf dem nichts als die Vase steht. Wie ein Sanitärraum oder etwas Ähnliches, wenn die Blumen nicht wären. Oder wie beim Toilettenwärter. Er könnte auch Teil einer Küche sein. Ja, genau, das sieht aus wie eine Küche.

Dort an dem Küchentisch sitzt ein blonder Junge, der ganz langsam schreibt. Nicht, dass er es nicht schneller könnte, aber er hat eine „Sauklaue“, wie seine Lehrerin in der Schule Benningsenstraße immer sagt. Und deshalb muss er die Arbeit noch einmal machen. Die ist sowieso sehr streng. Alle Jungs haben Angst vor ihr. Groß und kräftig gebaut, mit einer tiefen, schnarrenden Stimme. Und einen Knust hat Frau Zimken. So nannte man es früher, wenn die Haare streng nach hinten gezogen und am Hinterkopf zu einem Haarball gedreht wurden.

Als Hans das erste Mal in die fünfte Klasse der Jungenschule kam, hat sie, nachdem sie ihm seinen Platz zugewiesen hatte, gesagt, er solle sein Butterbrot wegpacken. Wer in der Stunde esse, bekomme hier was mit dem Stock. Er hat das gar nicht richtig verstanden. Es war Nachkriegszeit und Hunger hatte man immer.

Aber der Schreck ist ihm schon einen Tag später in die Glieder gefahren. Das war in der erste Stunde, sie hatten Musik. Frau Zimken fragte die Jungen, ob schon mal jemand in einem Konzert gewesen sei, und Hans hat sich gleich gemeldet und gesagt, hin und wieder sei er mit seinem Vater im Phönixsaal gewesen. Was er denn gehört habe, hat sie gefragt und er sagte, dass dort Detlev Kraus auf dem Flügel gespielt habe.

„Sieh mal einer an“, sagte sie, „das ist richtig. Wir gehen dort regelmäßig hin und morgen ist wieder Konzert. Da mein Mann nicht kann, kannst du mitkommen. Das möchtest du doch sicherlich, oder?“

Er hat nicht gewagt, das Angebot abzulehnen, auch wenn er ein ungutes Gefühl hatte.

Wie sie am nächsten Tag in der Schule während des Unterrichts zwischen den Reihen auf und ab ging, blieb sie neben dem dicken Kirchner stehen. „Mach mal den Mund auf!“, befahl sie ihm.

Er tat es und war ertappt.

„Komm nach vorn“, schnarrte sie ihn an und dem Jungen, der vorn an der Tür saß, befahl sie, ins Lehrerzimmer zu gehen und den Stock zu holen.

Der Kirchner, blass, mit weit aufgerissenen Augen und verkniffenem Mund, stand vor der Klasse. Es waren Zweierreihen, drei nebeneinander. Jedes Gestühl bestand aus einer Holzbank für zwei Sitze, die fest mit der Schreibbank verbunden waren und die man zur Hälfte umklappen konnte, wenn man aufstehen wollte, ähnlich wie in der Kirche. Aber besonders christlich war der Klasse nicht zumute. Alle stierten auf den Kirchner, der immer noch auf den Stock warten musste.

Als der dann endlich da war, sagte Frau Zimken zu den beiden Jungen in der mittleren Bank der ersten Reihe: „Setzt ihr euch mal mit auf die Seitenbänke.“ Damit hatte sie für ihr Handwerk den nötigen Platz in der Mittelreihe geschaffen. Die Tischplatte klappte sie zurück. „Leg dich da rüber“, wies sie Kirchner scharf an. „Kannst dich an der Sitzbank festhalten“, womit seine Hände unter den Tisch verbannt waren.

Sie stand rechts seitlich neben der Doppelbank. Die linke Hand packte den Nacken des Jungen und drückte diesen so weit wie möglich nach unten. Seine Achselhöhlen wurden gegen die Tischplatte gequetscht. Dann holte sie mit dem Rohrstock aus und schlug zu.

Jeder hatte einen Aufschrei des Jungen erwartet. Aber er schwieg. Man hörte nur das Singen des Rohrstocks, bevor er wieder das Gesäß des Jungen traf. Wieder und wieder sang der Stock sein Lied. Und Kirchner schwieg.

Als sie ihn schließlich freiließ und zu seinem Platz schickte, sahen die Schüler, dass er vor Schmerz und Anstrengung, diesen zu unterdrücken, ein krebsrotes Gesicht hatte.

Frau Zimken legte den Stock auf den Schrank an der Tür. Dann ging sie zum Kirchner und sagte: „So, und nun leg dein Brot weg oder willst noch mal welche haben?“

Kirchner konnte nicht sprechen, aber er schüttelte heftig seinen Kopf.

Hans sah ihn noch in der Pause ganz hinten alleine am Rand des Schulhofes von ein paar Tannen versteckt am Zaun stehen, wo er heftig weinte. Aber Hans hatte nicht den Mut, den Jungen anzusprechen. Alle ließen ihn allein, nicht nur mit der brennenden Haut, sondern auch mit der ihm von der Pädagogin eingebläuten Überzeugung, ein Übeltäter zu sein.

Abends, als sie im Phönixsaal waren, der gleich gegenüber dem Bahnhof Hamburg-Harburg lag, mochte Hans nicht gerne neben Frau Zimken sitzen, sich auch nicht mit ihr unterhalten. Auf ihre Fragen antwortete er nur kurz und knapp. Die Angst vor der Frau saß ihm im Hals, machte ihn einsilbig. Schon vor der Pause stand er auf und ging nach Hause.

Ich weiß, dass sie ihn am nächsten Tag in der Schule fragte, warum er gegangen sei. Ihm sei übel geworden, hat er gesagt, und so ganz verkehrt war das auch nicht. Dieses Erlebnis ist ihm fest im Gedächtnis verankert, es macht ihm überhaupt keine Mühe, sich zu erinnern. Es genügt schon, sich die Backsteinfront eines Schulgebäudes vorzustellen.

Es blieb auch nicht das einzige Mal dort in der Schule Benningsenstraße, dass der Rohrstock geholt wurde. Bei einer anderen Bestrafung verzichtete Frau Zimken auf die Bank. Eigentlich hatte sie verlangt, dass der Delinquent die Hose runterlasse. Seine war aus so etwas wie Sackleinen genäht, also einem sehr derben, dicken Stoff. Es war Nachkriegszeit. Als der sagte, er möge das nicht, überprüfte sie mit einem festen, entschlossenen Griff in den Bund der Hose und einem Blick in sie hinein, was unter dem Kleidungsstück verborgen war, und stellte fest, dass er keine Unterhose trug. Er durfte die Hose anbehalten. Das war dann wie auf dem Dom, erinnere ich mich. Das Karussell hatte auch eine Kutscherfigur, die die Peitsche schwingend ein Pferd antrieb, das Hans bei jeder Karusselldrehung bedauerte. Der Junge, der sich zu bücken hatte, schrie laut und wollte vor den Schlägen immer weglaufen, konnte aber nicht, weil die Lehrerin ihn im Nacken gepackt hatte und nach unten drückte. Und so fuhren er und Frau Zimken vor der Klasse Karussell. Hans hat das noch gut vor Augen. Aber das sind die einzigen Erinnerungen an seine Zeit in der Schule Benningsenstraße, die sich ihm dauerhaft eingeprägt haben.

Außer – war da nicht die Sache mit der Vertretung? Ja, einmal fehlte eine Lehrerin, vielleicht erkrankt oder so. Deshalb stand der Biologielehrer vor der Klasse, als Vertreter. Herr Meiners war ein magerer, kleiner Mann, nicht sehr eindrucksvoll. Seine strähnigen Haare hatte er durch einen Mittelscheitel geordnet und straff nach hinten gekämmt. Und seine Stimme war so dünn wie er selbst. Die Klasse war unruhig. Es wurde geschwatzt. Herrn Meiners gefiel das wohl nicht.

„Hört bitte mal zu. Ich mag es nicht so gerne, wenn ihr schwatzt, während ich euch was erzähle. Ruhe jetzt! Der Nächste, den ich beim Schwatzen erwische, kommt mit mir nach nebenan in den Biologieraum.“

In das Gesicht von Herrn Meiners schlich sich ein Lächeln, so als würde ihm gerade eine süße Nachspeise serviert. Die Jungs sahen ihn interessiert an.

„Da steht ein kleiner, schmaler Tisch in der Mitte. Vielleicht erinnert ihr euch. Und einen kleinen, dünnen Stock habe ich auch, mit dem ich immer auf etwas hinweise.“

Jetzt wurde seine Stimme etwas lauter, wohl weil einige wieder zu tuscheln anfingen: „Dann wird sich auf den Tisch gelegt! Aber nicht einfach so. Vorher werden die Hosen runtergezogen.“

Jetzt tuschelte keiner mehr. Herr Meiners grinste wieder.

„Ganz! Alle Hosen! Und dann zeigt der Stock, wie gut er es meint.“

Herr Meiners machte eine Pause und lächelte. Die Jungen sahen ihn mit großen Augen an. Es war mucksmäuschenstill.

„Während der Stock spricht, schreien die meisten nach ihrer Mutter. Selbst die Stärksten.“

Er machte wieder eine Pause, so lange, als müsste er sich erst noch einmal einer Vision hingeben. Dann fragte er leise, fast vorsichtig in die Klasse hinein: „Möchte das vielleicht einmal jemand probieren?“

Ein eisiges Schweigen begegnete seinem Angebot und das Lächeln auf dem Gesicht von Herrn Meiners gefror. Danach hatte er keine Schwierigkeiten mehr mit Schwätzern während der Vertretungsstunde in der Benningsenstraße.

Und in den anderen Schulen? Ja, ich weiß, auch in der Schule, in der er vorher gewesen ist, in Neugraben, gab es den Rohrstock. Aber Hans erinnerte sich später nur noch an einen einzigen Fall. Eigentlich hat er seine Zeit dort in guter Erinnerung behalten. Besonders die mit Monika.

Das war in der dritten oder vierten Klasse und rückblickend bin ich mir gar nicht ganz sicher, in welchem Jahr Herr Ebeling damals nach der Pause mit dem Stock in die Klasse kam. Herrn Ebeling mochten sie eigentlich alle. Er war ernst, aber freundlich, schrie nie rum und alle hatten Respekt vor ihm.

Es war direkt nach Kriegsende. Die Tommys, die englischen Besatzer, hatten in der Nähe der Schule die Fischbeker Kaserne besetzt. Die Militärlaster fuhren immer die Buxtehuder Straße rauf und runter und der Schulhof lag direkt zwischen dem Schulgebäude und der Straße. Laut waren sie, die Laster. Und der Schulweg war lang, gute zwei Kilometer immer an der Straße entlang von Fischbek nach Neugraben.

Gut zu erkennen sind die Baracken, in denen Hans damals wohnte, direkt am Bahnhof, vier Stück, außen grün angestrichen, in zwei Reihen hintereinander an der Bahnhofstraße. Eigenartig, jetzt, da man sie sieht, kommt es mir so vor, als wenn genau dort, an der Straße zum Bahnhof, das Mädchen mit den Schwefelhölzern kauert und friert und versucht diese zu verkaufen. Gefroren haben alle damals, auch dort in der Baracke, in der sein Vater sie einquartiert hatte, weil es nichts anderes an Wohnungen gab, und er als Bankbeamter zwei Haltestellen davor, nahe der Station Unterelbe, in der Landeszentralbank seinen Arbeitsplatz hatte. Zum Heizen gab es wenig und noch weniger zu essen. Dem Mädchen mit den Schwefelhölzern ist Hans dort, glaube ich, nie begegnet. Aber ich weiß, dass seine Mutter häufig mit dem Zug in das Alte Land fahren musste, zum Hamstern, und er dann an der Bahnstation stand und wartete, dass sie wiederkam. Manchmal fuhren dort dann auch die Waggons mit der Kohle für die Kaserne durch. Die verloren bei dem Wechseln der Gleise immer mal ein paar Stücke. Manchmal mussten sie auch halten und warten. Dann kletterten die größeren Jungen rauf und warfen schnell welche runter. Wenn Hans dann ein Stück ergriff, musste er die Beine in die Hand nehmen und wegrennen. Vielleicht hatte er da das Laufen gelernt. Wenn die Größeren ihn zu fassen gekriegt hätten, hätten sie ihn verdroschen.

Warum drängelt sich denn nun wieder das Bild mit dem Polizisten dazwischen? Eben war ich noch bei Herrn Ebeling und dem Rohrstock. Jetzt sehe ich den eklig dicken Dorfgendarm mit den ausgestellten Hosenbeinen, den hochschäftigen Stiefeln und der Revolvertasche am Koppel den Bahnhof entlanggehen. Aber das ist nicht in Neugraben! Hier sind nur Wiesen ringsherum zu sehen. Die Männer und Frauen, die auf dem Land das Glück hatten, etwas Gehamstertes in der Tasche zu haben, etwas, das eine Bauersfrau ihnen auf ihr Bitten hin gegeben hatte, oder etwas, das sie gegen einen Wertgegenstand, den sie notgedrungen opfern mussten, eingetauscht hatten, stehen noch auf dem offenen Bahnsteig. Der Zug ist noch nicht eingefahren, mit dem sie ihre Ration gegen den Hunger ihrer Familie nach Hause bringen wollen.

Aber der Zug steht schon vor dem Bahnhof vor einem Haltesignal. Alle hoffen, dass er gleich einlaufen wird. Und dann kommt der dicke Polizist. Er geht von oben her den Bahnsteig entlang und lässt die Leute das bisschen Essen, die Kartoffeln, die Äpfel oder was sie sonst ergattert haben, auf einen Haufen auf den Bahnsteig kippen. Wenn etwas Gutes dabei ist, tut er es in seinen Rucksack, den er lässig mit einem Riemen über der Schulter trägt. Alle hoffen, dass der Zug kommt, bevor sie an der Reihe sind. Aber der läuft immer noch nicht ein. So geht der vollgefressene Kerl von einem zum anderen. Einige nehmen ihre Taschen und rennen über die Gleise davon, ohne Rücksicht darauf, dass nun der Zug einläuft. Die Letzte, die der Dicke zu fassen bekommt, ist Hans’ Mutter, gerade noch bevor der Zug hält. Auch sie muss ihre Kartoffeln auf den Haufen kippen.

„So, das reicht heute für die Schweine“, sagt der Polizist.

Ich erinnere mich, Hans hatte später oft eine Abneigung gegen dicke Menschen. Aber das kann kaum von diesem einzelnen Erlebnis kommen.

Einmal ging er mit seiner Schwester und seinem kleineren Bruder alleine auf Hamstertour. Nicht weil sie es sollten. Sie fanden es spannend. Da erfuhren sie, wie schwer es war, von den Bauern ein paar Kartoffeln zu bekommen. Als sie dann vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof waren, setzten sie sich an die Böschung des Bahndammes, um lieber dort auf die Zugeinfahrt zu warten. Wegen des Polizisten, denke ich. Ein gewichtiger Bauer kam mit seinem Pferdefuhrwerk, einem Einspänner, vorbei, neben ihm auf der Sitzbank sein pausbäckiger Sohn, der die Pferdepeitsche in der Hand hatte. Als sie auf gleicher Höhe waren, schlug der vom Kutschbock aus auf Hans’ nackten Oberschenkel. Ohne ein Wort. Nur so. Er drehte sich nicht einmal mehr um, während er lachte. Und dann kam der Zug.

Wie hieß nur noch der Schulkamerad, der damals den Stock von Herrn Ebeling zu spüren bekam? Die Klassenfenster gingen nach hinten raus, nicht zur Straße. Stimmt, es war gleich nach der Pause. Hans hatte von dem Vorfall gar nichts mitbekommen.

Ebeling kam rein, mit dem Rohrstock in der Hand, und legte ihn auf seinen Tisch, der auf der Fensterseite stand. Es war damals eine Selbstverständlichkeit, dass sie aufstanden, wenn der Lehrer hereinkam.

Als sie sich wieder gesetzt hatten, sagte Ebeling: „Ewald“, ja, ich glaube, er hieß Ewald, „Ewald, komm her.“

Ewald ging nach vorn zum Ebeling.

„Was hast du gemacht?“, fragte der.

„Der Gernot hat gesagt, dass Meier da in dem Klo war. Deshalb hab ich es zugeschlossen. Aber da war Frau Bellrau drin.“ Ewald redete also gar nicht lange an seiner Sünde vorbei. Das war auch sicherlich gut so. Ebeling war ein großer, kräftiger Mann, der Typ eines an harte Arbeit gewohnten Bauern.

„Bück dich!“

Hans hat das Bild noch genau vor sich. Ewald hat wohl Erfahrung, bückt sich zunächst nur vorsichtig, seine rechte Seite zur Klasse gewandt, den Kopf zur Tür.

Ebeling nimmt den Rohrstock vom Tisch und hebt die Hand weit nach hinten. „Richtig bücken!“, herrscht er den Jungen an. „Hände an die Fußspitzen!“

Und dann, als die Hose richtig gespannt ist, saust der Stock los. Hans kann es ganz deutlich hören, wie er vibriert, durch die Luft pfeift. Ein gellender Aufschrei des Jungen folgt. Wie ein Flitzbogen schnellt er hoch, biegt den Körper weit nach hinten durch. Fast auf den Zehenspitzen steht er da und krallte die Fingerspitzen in sein Sitzfleisch.

Schon will er jammernd wieder zu seinem Platz gehen. Aber da kommt die Stimme von Herrn Ebeling dazwischen: „Nein, nein, einen gibt’s noch.“

Er lässt dem Jungen noch einen Augenblick Zeit. Ewald wimmert. Dann wieder: „Bück dich!“

Ewald mag sich nicht bücken. Es ist kein Ungehorsam. Seine Erfahrung hindert ihn. Er schafft es einfach nicht, sich nach vorne zu beugen, auch wenn er es will, die Notwendigkeit einsieht. Seine Willenskraft reicht nicht gegen das Widerstreben, gegen die Angst vor dem Stock.

„Bück dich!“

Ewald wimmert.

„Bück dich! Oder willst du dich lieber über die Bank legen?“

Ewald schüttelt den Kopf und jammert.

„Willst du dich lieber über die Bank legen?“ Ebelings Stimme wird lauter.

Ewald schüttelt wieder den Kopf. Ganz langsam und vorsichtig beugt er den Rücken.

„Tiefer!“

Ein kleines Stück schafft Ewald. Die Hose spannt sich schon etwas.

„Tiefer!“ Mit dem Stock schlägt Ebeling leicht in Ewalds Nacken. „Tiefer! Hände an die Fußspitzen!“

Ebeling hat schon weit ausgeholt. Genau in dem Augenblick, als die Fingerspitzen die Stiefelspitzen berühren, hörte man wieder das Pfeifen. Noch bevor Ewald darauf mit einer Ausgleichbewegung reagieren kann, prallt der Rohrstock erneut auf sein Gesäß. Ewald schreit auf, so laut er kann. Aber das ändert nichts an dem widerlichen, beißenden Schmerz, der sich hineinbohrt und seine Bewegungen bestimmt, das unbestimmte, ungewollte Hin und Her, von einem Bein auf das andere. Aber nun darf er an seinen Platz gehen.

Am Tag darauf gingen Ewald und Hans gemeinsam den Weg von der Schule zurück. Hans fragte ihn, wie es denn sei.

„Schlimm“, sagte der, „ganz schlimm, auch noch zu Hause.“

„Wieso? Hast du es erzählt?“

„Natürlich nicht. Aber meine Mutter hat es gesehen, beim Baden. Da hat sie mich meinem Vater gezeigt. Und dann hab ich noch mal was gekriegt.“

Ich weiß, Hans hat das damals ganz schön gemein gefunden.

Viel deutlicher aber bleibt ihm das Bild von Monika im Gedächtnis, seiner ersten Erfahrung mit dem anderen Geschlecht und dem tragischen Ende dieser Freundschaft.

Monika war etwa gleichaltrig, neun Jahre. Sie lebte als einziges Kind mit ihren Eltern in einer der anderen Baracken und besuchte auch die Schule in Fischbek. Mädchenklasse natürlich. Und nach der Schule spielte sie mit Hans und den anderen Kindern dort. Zur direkten Umgebung gehörte ein ehemaliger Luftschutzbunker, den man gesprengt hatte, aber nicht kleinteilig. Er war so stabil, dass er als schiefwinkliger Klumpen liegen gelassen worden war. Hans hat das Bild noch vor sich, von dem grauschwarzen Ungetüm, das zusammengebrochen in großen Platten dalag. Zu nichts mehr zu gebrauchen als für die Kinder, zum Spielen und zum Klettern. Besonders die Jungen turnten darauf herum, sprangen von Platte zu Platte, bis sie ganz oben waren. Es war ihr Berg, den zu bezwingen sie sich auf immer wieder anderem Weg vornahmen, an dem sie ihre Kraft auslassen und den sie besiegen konnten.

Wie war es aber zu der entscheidenden Szene gekommen? Das Bild, das ich jetzt wieder vor Augen habe, der Anblick, den zu erleben in mir jetzt, kaum möglich, aber es ist so, ein Gefühl wie Freude auslöst. Ich sehe den Jungen, wie er flink immer höher klettert, und Monika, die es nachzumachen versucht. Als sie es geschafft hat, auch da oben ankommt, muss er sie natürlich besiegen. Er mag das niedliche Mädchen mit den langen braunen Haaren und rangelt oben auf der Dachplatte mit ihr. Schließlich bringt er sie in seine Gewalt. Sie liegt auf dem Rücken, die Arme angewinkelt, die Hände nach oben, und er kniet über ihr. Mit seinen Händen hält er ihre gefangen. Sie kann sich nicht mehr wehren, vielleicht will sie es auch gar nicht. Es ist nicht seine Absicht, aber sein Siegergefühl zwingt ihn dazu. Spontan gibt er ihr einen Kuss auf den Mund. Und weil er das lustig findet, oder weil es die richtige Strafe der Unterwerfung ist, wer weiß das schon so genau, kriegt sie noch einen und noch einen und noch einen und so weiter.

Seitdem waren sie dicke Freunde. So lange, bis der Tommy-Laster sie überfahren hat, auf der Straße vor der Schule. Nein, eigentlich noch länger. Auch bei der Beerdigung auf dem kleinen Friedhof in Fischbek war sie für ihn noch seine Freundin. Noch viele Monate. Er hat sie noch an ihrem Grab besucht, als er schon in Harburg und nicht mehr in Neugraben wohnte. Und ein Stück seines Brotes hat er dann stets aufbewahrt und in ihr Grab gebuddelt.

„Da siehst du es. Der Hans hat sich schon im zarten Alter eines Viertklässlers nicht im Griff. Ein Träumer, dessen Dominanz bereits jetzt nicht zu übersehen ist.“

Wieso redet hier jemand dazwischen? Wer sind Sie denn überhaupt? Und wo sind Sie? Und von wegen dominant! Das sind Übertreibungen. Das sind Kinderspiele. Welches Kind will schon gern besiegt werden? Der ist vielleicht frühreif!

„Kein bisschen. Im Gegenteil. Das wird man noch sehen. Der ist neugierig. Und vor allem ist er zu spontan. Der überlegt nicht lange genug.“

Noch! Das ändert sich. Ich weiß, wie sorgfältig, ja geradezu pingelig er später ist.

„Im Alter vielleicht.“

Und woher wollen Sie das wissen? Vor allem ist er verantwortungsvoll.

„Woran siehst du das denn nun? Jetzt jedenfalls noch nicht, im Alter wird er das vielleicht.“

Na, pass mal auf, gleich kommt die Szene. Sagen Sie, eh, seit wann duzen wir uns eigentlich? Und wo sind Sie denn? Ich sehe Sie nicht.

„Da siehst du es mal wieder. Auf deine Imagination ist kein Verlass. Ich bin da, ohne dass du mich siehst. Deine Bilder täuschen. Du siehst, was du sehen willst. Ich bin der Geist, der stets …“

Hör auf, das ist nicht von dir! Du plagiierst! Außerdem störst du mich beim Nachdenken. Gerade suchte ich den Anfang. Ich klick mal das erste Fenster an. Ja, das kenne ich, das war gleich nach der Einlieferung hier. Aber was war davor? Zurück! Geht nicht. Warum gibt es keinen Zurückbutton? Was war davor? Das habe ich vergessen. Na ja, passiert mir in letzter Zeit ja oft. Aber meistens fällt es mir dann später doch wieder ein. Ich mach erst einmal weiter. Der kommt dann später wieder hoch, der Anfang, wird mir schon noch wieder einfallen.

3. In der Heide

Zugegeben, die Begrüßung in diesem sorgfältigen Haus ist professionell gewesen, da konnte man nicht meckern. Man hatte mich auf der Trage in die Notaufnahme geschoben und zunächst auf dem Flur abgestellt. Die Mitarbeiter dort hatten viel zu tun, wie immer am Samstag, nachts, wenn die Penner kommen. Aber schon bald kam eine Pflegerin zu mir, um die Ersteinschätzung vorzunehmen. Schließlich musste man zunächst feststellen, ob ich ein dringender oder ein unwichtiger Fall war. Und das war schwierig. Ich war ein Problemfall, da man nicht mit mir reden konnte. Ich hörte zwar die mehrfach wiederholten Fragen, aber leider war ich nicht in der Verfassung, sie zu beantworten. Der junge Mann von der Administration, der normalerweise den Empfang tätigt, fand das auch problematisch. Wichtige Fragen zur Person, wie etwa die nach dem Kostenträger oder Adressen von Kontaktpersonen, blieben unbeantwortet. Aber immerhin konnten die Rettungsassistenten ihm meinen Namen und meine Anschrift mitteilen. Damit musste er nun weitersuchen. Der Pflegerin hatten sie auch keine Hilfestellung geben können. Nur, dass ich nicht mehr ansprechbar gewesen sei, hatten sie ihr gesagt. Als sie der Rettungsleitstelle mein baldiges Eintreffen in der Notaufnahme anmeldeten, konnten sie nur „unklare Bewusstseinslage“ angeben. Dabei hatte ich für solchen Fall doch vorher schriftlich das Wichtigste festgehalten. Dass man im Ernstfall die Mappe vom Nachttisch mitnehmen soll zum Beispiel. Und meinen Haustürschlüssel? Den hatten sie wohl vom Pflegedienst, denke ich.

Wie schon gesagt, in dem Krankenhaus gingen sie professionell vor. Die Pflegerin maß Blutdruck, Temperatur und Puls, Sauerstoffsättigung auch, obwohl ich ruhig atmete. Auch den Blutzuckerspiegel wollte sie wissen. Von daher hätte meine Ohnmacht rühren können, meinte sie. Und einen Port oder eine Braunüle legten sie an, aus der auch gleich Blut für Untersuchungen im Labor abgezapft wurde. Wenn sie mir da wenigstens ein Schmerzmittel reingetropft hätten.

Da keine auffälligen äußeren Verletzungen erkennbar waren, entschieden sie sich für den internistischen Bereich. Ich wurde in ein Behandlungszimmer geschoben und durfte warten. Ihre Messungen hatten keinen Anlass für eine akute Lebensgefahr ergeben. Die kleine Beule an meinem Hinterkopf wurde verständlicherweise übersehen. Meine füllige Künstlerfrisur verdeckt eben nicht nur innere, sondern auch äußere Unebenheiten. Die Behandlungspause tat gut. Die Bilder und Geräusche in meiner Umgebung hatten mich in der letzten Stunde geängstigt, die drängenden Fragen waren mir unangenehm gewesen. Mit aller Kraft wollte ich sie beantworten, aber es kam kein Ton heraus. Immer wieder fragten sie. Immer wieder sollte ich mich anstrengen. Umsonst. Nun war endlich Ruhe, da hätte ich abschalten können, wenn die Schmerzen im Kopf nicht gewesen wären.

Die sehr tüchtigen Angestellten in der Notaufnahme vermuteten schon bald, dass mir ein Gehirnschlag zu schaffen machen könnte, die Folge eines Schlaganfalles oder so. Obwohl sie gar nicht dabei gewesen waren, erkannten sie es an meinem ungewollten Schweigen. Und daran, dass ich ihre Anweisungen nicht befolgte, ihnen nicht behilflich war bei meiner Rettung. Natürlich hätte ich die Wünsche des Arztes gern erfüllt, der immer wollte, dass ich seinen Übungen folge, Hand heben, Bein heben und so weiter, und dass ich ihm erzähle, was passiert sei. Ich hätte ihm gern berichtet. Davon, dass ich sehr oft nachts zur Toilette gehe, wegen des Blasendrangs, schon lange, aber zuletzt immer öfter, dass es mir deshalb unangenehm sei, außer Haus zu schlafen. Auf meine Augentrübung sei nachts auch Verlass. Und mein rechtes Bein schmerze bei Belastung fast immer. Aber ich schaffte es nicht, ihnen behilflich zu sein. Sie waren mir auch nicht böse deswegen. Sie ließen mir Zeit. Hier im Krankenhaus hatte ich viel Zeit. Zu viel Zeit.

In dem Zimmer, das kleine Bild oben rechts meine ich, ging es mir ganz gut. Moment, ich zoom das mal raus, sieht aus wie Intensivstation. War ich dort nicht erst später? Ist ja egal. Viele Erinnerungen habe ich dazu nicht. Ziemlich hell war es da. Die Deckenlampe blendete und ich konnte leider den Kopf nicht zur Seite drehen. Ich konnte überhaupt nichts drehen. Für meine Augen mit Milchglasblick war das nicht gut. Und dann die Geräusche! Da nervte mich anfangs ein penetrantes, regelmäßiges Knacken. Ein immer wiederkehrendes Geräusch, das mir vorkam, als würde es immer lauter. Später, nachdem die weißen Damen mich besichtigt hatten, zur Kontrolle, wie sie sagten, als hätten sie befürchtet, ich könnte weggelaufen sein, und meine Kurven mitgenommen hatten, später hatte ich es als einigermaßen akzeptabel empfunden, das Knacken. Da wusste ich, dass es von dem nervösen Datenschreiber mit der penetrant schleichenden Papierrolle kam. Der mickrige kleine Stift, der die Linien zeichnen sollte, flitzte dauernd hektisch rauf und runter. Aber in meine tiefe innere Ruhe passte das Geräusch nicht. Es wurde auch immer lauter. Ich empfand es als lästig, schließlich störend, immer lauter, selbstverstärkend, ja, beängstigend. Tack, tack, tack, tack, tack, tack!

Ach, da kommt wieder der Junge ins Bild. Da war er noch kleiner, gerade sechsjährig, denke ich, wie er in das Haus rennt. Ein kleines, einfaches Haus aus roten Ziegeln mit Spitzdach. Das Maschinengewehr eines Tieffliegers knattert mit kurzen Unterbrechungen, immer lauter knallt es, wirbelt Dreck auf. Da steht der Hans, zitternd vor Angst, in der Haustür. Was ist es damals gewesen, das mit dem Jungen geschah?

Und wo war das noch, das neue Bild da mit den krummen Birken, die vor dem Jungen buckeln? Das muss die Landstraße sein. Na klar, der wäre da schon gern mal mit einem Auto gefahren. Aber wie das? Nein, Hans kann sich noch nicht einmal erinnern, dass ihn dort auf seinem Rückweg von der Schule jemals ein Auto auch nur überholt hätte. Wer hatte schon ein Auto? Die waren alle im Krieg. Aber ein Pferdefuhrwerk schon. Lange bevor es bei ihm wäre oder er sehen könnte, ob es vielleicht ein Bekannter ist, der ihm den Fußweg abkürzen könnte, würde er es hören. Das Geratter der stahlbereiften Holzräder auf dem Kopfsteinpflaster ist viel lauter als die Hufe der Pferde. Auch wenn das Gespann in dem Fahrstreifen mit dem losen Sand neben der Straße fährt, ist es noch laut. Irgendetwas quietscht oder klappert immer an den Leiterwagen.

Sein Weg von der zwei Kilometer entfernten Schule in Seppensen ist endlos und langweilig. So langweilig wie die Schule. Er hat seinen Platz dort in der ersten Reihe, wie alle Erstklässler. In der Reihe dahinter sitzt die zweite Klasse. Acht Reihen gibt es in dem Klassenraum der Dorfschule. Sein Platz ist ganz links, direkt vor dem Katheder. Der Lehrer ist hoch über ihm und sieht immer über ihn hinweg. Die Tafel kann er nur halb sehen. Und wenn es dann endlich vorbei ist, kommt wieder dieser lange Weg zurück. Es ist langweilig, stinklangweilig. Meistens jedenfalls. Immer auf dem Sandweg neben der Straße. Es sei denn, es gibt Fliegeralarm. Dann muss er den Umweg durch den Wald nehmen. Die Tiefflieger haben es immer auf die Munitionszüge abgesehen, die auf der Bahnstrecke nach Norden fahren, parallel zur Straße, nur eine schmale Tannenwaldfläche an der Seite seines Weges liegt dazwischen.

Da vorne, wo der Wald endet, steht das bescheidene Bauernhaus, in das sein Vater ihn mit seiner Mutter und seinen Geschwistern wegen der Luftangriffe in der Stadt einquartiert hat. Aber es liegt etwas zurück, nicht gleich an der Straße. Für einen Erstklässler ist sogar die Hofauffahrt bis zum Haus ein langes Stück Weg. Und auch auf diesem letzten Teil des Schulweges passiert nie etwas. Hier gibt es keinen Hund, der ihn hätte begrüßen können, keine Kuh, kein Pferd, nur stumme, unverrückbare Birken und trostloses Grün entlang der ungepflasterten, weichsandigen Einfahrt zum Haus.

Von Tante Beuße, der das Haus gehört und deren Mann im Krieg ist, ist auch nichts zu sehen. Die ist vormittags meist auf dem Feld. Oder sie arbeitet in dem großen Garten, der hinter dem Haus liegt. Aber da ist sie auch nicht.

Das Einzige, das ihn an diesem heißen, späten Frühlingsmorgen noch interessieren kann, ist die Pumpe. Direkt gegenüber dem Hauseingang, aber abseits, an der Grundstücksgrenze, steht die Schwengelpumpe, betagt, etwas schief, wackelig und rostig. Sie schreit beim Pumpen immer nach Farbe, die es in der Zeit nicht gibt. Trotzdem liefert sie das ganze Wasser für das Essen, die Wäsche und das Plumpsklosett. Und für das Schwein, dessen Stall direkt am Haus ist.

Aber bevor Hans zur Pumpe geht, sieht er erst zum Himmel. Das macht er jetzt immer, seit letzter Woche, als, während er Wasser pumpte, der Tiefflieger, dieses hässliche, dunkelgrüne Ungeheuer, auf ihn zuraste und sein Maschinengewehr abfeuerte. Ganz plötzlich ist er da gewesen, lautlos, und dann hat er die Lokomotive beschossen und seine Munitionsspur nur wenige Meter neben der Pumpe entlanggezogen. Hans hatte ihn vorher nicht gehört. Es ist schon schwer genug, den Schwengel mehrmals hoch- und runterzuziehen, bevor dann endlich der ungleichmäßige Schwall kommt, etwas bräunliches, nach Eisen schmeckendes Wasser, kalt und frisch, das er mit der Hand in den Mund schöpft.

Auch das Quietschen der Pumpe hat keine Bewegung in das Haus gebracht. Also ist seine Mutter auch nicht da, obwohl die Tür geöffnet ist. Aber die war eigentlich immer offen. Noch nicht einmal der Hahn nimmt Notiz von ihm, sondern kratzt am Rand des Misthaufens weiter. Hans kann also nur das Schwein begrüßen und reißt dazu einen Büschel Löwenzahn neben der Pumpe als Begrüßungsgeschenk raus. Das stinkt hier, denkt er. Die Johannisbeerbüsche haben eine Gießrinne bekommen, die frisch mit Jauche gefüllt worden ist. Aus dem Schuppen hinter dem Haus meldet eine Henne ihren Erfolg. Wenigstens einer sagt hier was, stellt Hans fest.

Fast das ganze Bein hatte der dem Heizer abgeschossen. Die Lok hatte noch versucht den Zug in das Waldstück zu ziehen. Aber der Tiefflieger war schneller gewesen. Mit ungeheuerlichem Lärm war er über den Kopf des Jungen hinweggedonnert, hatte schon lange vorher sein MG spucken lassen, die Munition erst in die Erde gerammt und dann in der Lok versenkt, war hochgezogen und hatte, um ganz sicher zu sein, nach einem scharfen, kurzen Kreis das Ganze noch einmal gemacht. Aber da war Hans schon ins Haus gelaufen. Zitternd hatte er gesehen, wie der Flieger wieder angerast kam, aufheulend vor Hass und Wut. Mit aufgerissenem Mund hatte er in der Haustür gestanden, geglaubt, dass der Angriff des Fliegers ihm galt, noch einmal kam, weil er ihn eben nicht getroffen hatte. Erst später haben die Leute von dem Zug erzählt. Aber es war ein Personenzug gewesen, ohne Güterwagen dran. Sonst hätte der Flieger sicher auf die Güterwagen geschossen, wegen der Munition, die damit transportiert wurde, und nicht auf die Lok, meinten die Leute. Dann hätte der Heizer noch gelebt und wäre nicht verblutet. Aber vielleicht wäre dann das ganze Haus mit Hans in die Luft geflogen und der ganze Zug.

Hans legt sein Ränzel auf den Tisch und geht wieder raus. Hinten im Garten ist auch keiner. Er geht bis ganz an das Ende, wo eigentlich ein Zaun sein sollte, aber, weil es keinen Draht gibt, keiner ist. Er schlendert über die Brache dahinter, bis weit hinaus zu den Weiden, wo der Bach seinen Weg zum Moor sucht. Er folgt ihm, sucht immer mal wieder, ob irgendetwas Lebendes zu sehen ist, was man fangen könnte oder wenigstens beobachten. Hier sind keine Gleise, keine Straße, kein Weg. Hier gibt es keine Gefahr. Nur vor den halbhohen Pflanzen muss er sich in Acht nehmen. Er hat die übliche kurze Hose an, eine Lederhose mit der praktischen Klappe vorn, und seine nackten Beine sind empfindlich ungeschützt.

Hans folgt dem Bach in den Laubwald. Ganz hinten sieht er es heller werden. Irgendwo dort müsste das Sumpfgebiet mit der Pfefferminze liegen. Da könnte er einen Arm voll pflücken und mit nach Hause bringen. Aber als er ins Freie tritt, ist er an eine endlos weite Wiese gekommen, die abschüssig irgendwohin geht. Aber wohin? Er geht am Waldrand entlang, sieht dabei dem kreisenden Bussard nach, pflückt im Gehen eine dünne Gerte und versucht mit ihr die Löwenzahnblüten zu köpfen.

Warum hat der den Heizer erschossen? Der hat ihm doch gar nichts getan. Fuhr da nur die Leute nach Norden, nach Buchholz. Alle sagten, dass der Krieg bald zu Ende sei. Die Tommys seien nicht mehr weit weg.

Da, plötzlich, stürmen zwei Jungen hinter zwei Büschen raus, sind mit zwei, drei Sprüngen bei ihm, drehen ihm die Hände auf den Rücken und schieben ihn auf eine kleine, geschützte Lichtung im Wald. Er will sich noch wehren, aber da drehen sie ihm die Arme so weit um, dass er nur noch gebückt gehen kann. Einer schwingt einen Stock vor seiner Nase.

„Schön friedlich, mein Lieber, oder willst du den mal schmecken? Und wehe du schreist! Dann brennt dir der Arsch!“

Am Rand der Lichtung steht ein kleines Zweimannzelt, zu dem sie ihn hindrängen.

„Rein da!“, herrschen sie ihn an. Er kriecht in sein Gefängnis. Seine Wärter bleiben draußen. Er wartet, ihm scheint es, als wäre schon lange Zeit vergangen, als sich der Zelteingang etwas bewegt.

„Bleib schön ruhig da liegen“, sagt einer der beiden, „du bist unser Gefangener. Wenn du nicht friedlich bist, fesseln wir dich mit Brennnesseln.“

Hans sagt nichts. Er lauscht und wartet. Er hat ihnen nichts getan. Er kennt sie auch nicht. Sie müssen von einem anderen Dorf sein. Ist er in ihr Revier gegangen? Immer wieder lauscht er, ob sich etwas bewegt. Holen die vielleicht noch ihre Freunde? Ganz weit in der Ferne hört er ein Rummeln und Motorbrummen. Das muss das Militär sein. Schließlich traut er sich, vorsichtig durch den Eingangsschlitz des Zeltes zu spähen. Von seinen Häschern ist nichts zu sehen. Immer mehr biegt er die Zeltwand auseinander, steckt den Kopf raus, schiebt den Oberkörper raus. Nichts passiert. Und dann spannt er sich. Mit einem Satz springt er ins Freie und rennt wie wild davon. Als ihm die Luft ausgeht, bleibt er stehen und dreht sich um. Keiner folgt ihm. Er ist allein. Jetzt hat er Zeit und beruhigt sich. Auch sein Atem wird ruhiger. Schade, jetzt geht der Junge aus dem Bild. Aber immer noch nicht in Richtung Heimweg. Wohin will er denn nun noch? Hat er noch nicht genug erlebt?

Also, bei mir blieb es immer, dieses Gefühl von Atemnot, es blieb alle Jahre mein Begleiter. Immer war sie der Bremser. Die Leistungsgrenze als Marathonläufer zum Beispiel. Und später habe ich dieses Gefühl eines Sauerstoffmangels schwächer, aber viel öfter bemerkt. Immer häufiger waren die Anfälle mit der Zeit geworden. Schon lange weiß ich, dass das die Extrasystolen sind, Herzrhythmusstörungen. Kenne ich nun wirklich lange genug. Habe mich schon daran gewöhnt. Dr.Freitag, mein Internist, hat mir bei den regelmäßigen Untersuchungen immer gesagt, man müsse nichts unternehmen. Mein Befinden sei maßgebend. Das ging so lange, bis er eine Verengung in der Halsschlagader entdeckte. Aber auch dann war nur eine tägliche Pille zur Blutverdünnung erforderlich, ein Aggregationshemmer, sagte er. Er war Herzspezialist und hatte natürlich recht, dass mein Befinden mein Maßstab sein müsse. Das kann ich auch heute noch bestätigen. Jetzt, wo ich mich da immer noch liegen sehe. Ich empfinde jetzt eigentlich nichts mehr, außer dieser herrlich wohltuenden Ruhe, dem angenehmen hellen Licht um mich herum, dem klaren, kein bisschen diffusen Bild. Nur die Freiheit fehlt mir, das Glück, unabhängig vom Willen der Menschen zu sein.

Na klar. Bei dem Wort Freiheit drängt sich sofort der Hans wieder auf meinen Bildschirm. Er ist ein Synonym für Freiheit. Natürlich kenne ich auch den Grund dafür. Er war nicht besonders ängstlich, im Gegenteil, meistens auf Abenteuer und Wettkampf aus. Nehmen wir zum Beispiel seine Zeit in den Trümmern. Sein Häuserblock war der erste, der wieder aufgebaut worden war. Das war nach dem Umzug nach Hamburg. Warum waren sie denn schon wieder umgezogen?

Ach ja, der Chef seines Vaters. Der Zweigstellenleiter der Reichsbank. Ein richtiger Widerling. Er ärgerte und schikanierte seinen Vater, so oft es ging. Heute würde man das Mobbing nennen. Es ärgerte ihn wohl, dass sein Vater einen guten Ruf in der Zentrale hatte. Er war nach bestandener Prüfung der damals jüngste Angestellte im gehobenen Dienst der ganzen Deutschen Reichsbank. Aber er war sensibel und nicht besonders ehrgeizig, hatte schon früh ein Herzleiden bekommen und versäumte deshalb, den nächsthöheren beruflichen Abschluss zu machen, der Grund dafür, dass ihm nun ein Vorgesetzter aus dem Rheinland das Leben schwer machen konnte. Seine Frau sorgte sich um ihn. Er war zu defensiv, um zu kämpfen. Schließlich fuhr sie, ohne ihn zu informieren, in die Zentrale nach Hamburg und bat den damaligen Direktor, Dr.Clasen hieß der, um ein Gespräch. Sie liebte ihren Mann und ihre Kinder, und sie war mutig. Vielleicht hatte Hans einiges davon geerbt. Dr.Clasen hörte sich ihre Sorgen an und versprach ihr, ihren Mann nach Hamburg zu versetzen. So kam der Umzug.

Aber woher kam mein Umzug? Der aus meinem Bett in dieses hier? Das ist mir immer noch nicht eingefallen. Bis in die Kriegszeit kann ich sehen, aber nicht die wenigen Minuten vor dem Krankenhaus. Ärgerlich ist das! Vielleicht muss ich mich noch mehr anstrengen, mehr suchen, mehr nachdenken!

Da ist der Junge wieder, kommt aus der anderen Seite des Waldes raus und geht quer über die Wiese. Dort muss der Bach sein. Ist ja gut zu erkennen an den Pappeln, Erlen und anderen durstigen Seelen. Hans geht an ihm entlang und steigt in ein niedriges Gehölz aus Büschen und Laubhölzern. Ganz schön schwierig mit den kurzen Hosen. Aber irgendetwas treibt ihn. Immer weiter stapft er, dem Bach folgend, manchmal wie ein Storch im Salat, um den Brennnesseln zu entgehen, bis er sein Ziel, den kleinen Tümpel mit der Pfefferminze, erreicht hat. Er braucht sich die Pflanzen gar nicht näher anzusehen. Schon der Geruch dort macht ihn sicher. Na klar, das riecht sogar bis zu mir hier her! Von da aus kennt er den Weg genau. Da war er schon einmal. Ein paar Büschel reißt er aus, nimmt sie unter dem Arm mit, dann geht er in Richtung seines Hauses. Es wird auch Zeit. Man wird ihn schon vermissen. Er lässt das Bummeln, seine Schritte werden schneller. Er versucht zu laufen. Die Pfefferminze unter dem Arm stört ihn, muss aber mit. Sie ist ja die Begründung für sein Ausbleiben.

Eine Viertelstunde später hat er die drängende Zeit schon wieder vergessen. Ein Seitenweg lockt ihn vom Weg ab. Wo mag der hingehen? Erst ein paar Kurven, dann sieht er ein kleines, weiß gestrichenes Haus. Sieht aus wie ein Hexenhaus. Aber das schreckt ihn nicht. Leise geht er darauf zu, schaut nach rechts, erkennt eine kleine, grün angestrichene Holzhütte und als er auf die zugeht, bleibt er plötzlich stehen. Was stört ihn? Er müsste doch an die Zeit denken, die verrinnt, während er dort rumspökert!

Jetzt geht er zögerlich einige Schritte auf etwas zu, das ihn magisch anzieht. Da liegt vor ihm ein Bombentrichter. Aber nicht leer wie die meisten! Hans kennt die Bombentrichter. Er weiß, die sind dort gar nicht so selten. Im weiteren Umkreis der Stadt werfen die Tommys immer mal wieder ihre gefährliche Fracht vorzeitig ab, wenn sie merken, dass sie nicht zu ihrem Ziel kommen. Vielleicht weil die Flak zu gefährlich wird oder weil das Wetter schlecht oder der Treibstoff knapp wird. Hans weiß auch, dass man an den Bomben nicht spielen darf, einen weiten Bogen um sie machen muss. Sie könnten noch scharf sein. Und jetzt geht er doch in den Trichter! Steigt hinab in die Gefahr!

Was ist das? Ein Bombentrichter aus Papier? Hans setzt sich mitten hinein in diese bedruckte und unbedruckte Welt. Er bestaunt einen gewaltigen Papierhaufen, mit dem er als Erstklässler noch nicht viel anfangen kann. Aber spannend ist es, sich die Blätter anzusehen, sie hochzuwerfen in den Wind, sich von ihnen beregnen zu lassen. Natürlich denkt er nicht daran, dass unter ihnen vielleicht noch eine Bombe liegen könnte. Er springt vom Kraterrand hinein in die Papierwelt, mal im Schlusssprung, dann mit Anlauf und lässt sich von den Blättern, den Druckwerken und sogar von jungfräulichem Papier auffangen.

Hans, denk an die Zeit! Die warten doch schon auf dich! Das könnte Backpfeifen geben!

Da liegt er in den papiergewordenen Gedanken, wühlt sich hinein, bedeckt sich mit ihnen und träumt in die Sonne. Ein unbeschriebenes Blatt! Jetzt versinkt er ganz in dem Papier. Sein Gesicht ist von einem großen, aufgefalteten Bogen DIN A3 verdeckt.

Ich kann mich noch so sehr anstrengen, aber zu lesen, was da drauf steht, gelingt mir nicht. Doch, jetzt, in diesem Augenblick, in dem die Sonne darauf scheint, erkenne ich es – das ist ja meine Patientenverfügung! Die Freiheit! Die Urkunde zur Loslösung aus der Macht der weißen Götter hier, auf die ich sehnsüchtig gewartet habe. Meine Dokumentation vom Nachtschrank, in der die Patientenverfügung lag, deckt den Kopf des Jungen zu.

Eigentlich kann das gar nicht sein. Das bilde ich mir bestimmt nur ein. Die Papiere können nicht zugleich hier und da sein. Das wäre ja wie in der Quantentheorie. Aber warum sehe ich das dann?

„Habe ich dir schon einmal erklärt. Weil du das willst.“

Ist mir früher doch nicht passiert! Da habe ich auch nur das gesehen, was tatsächlich war!

„Glaubst du. Und früher! Früher hast du gelebt.“

Und jetzt? Sag mal, bin ich tot?

„Vielleicht. Das kommt drauf an. Herr Dr.Mohr zum Beispiel war eben der Meinung, dass du noch lebst. Angela aber glaubt, du seiest tot. Es gibt keine einheitliche Definition dafür. Es gibt viele Tode. Hirntod, Herztod, den Zelltod, den Tod durch die Desorganisation der Organe oder des Nervensystems. Das Sterben ist ein Prozess.“

Aha. Das dauert also. Und obwohl ich da in dem Bett wie tot aussehe, bin ich hier und sehe. Vielleicht bin ich da im Bett nur teiltot. Aber das müssten doch die Ärzte wissen.