Die Schlächterin - J.S. Ranket - ebook

Die Schlächterin ebook

J.S. Ranket

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Opis

„Jetzt entspann dich doch mal“, hauchte die Killerin honigsüß, „oder bist du etwa noch nie in den Arsch gefickt worden?“ Das unwillkürliche Kopfschütteln des geknebelten Mädchens zauberte ein erregtes Lächeln auf ihr Gesicht. „Dann wird das jetzt eine besondere Erfahrung für dich!“, schnurrte sie. „Und zwinge mich nicht, das Messer für deine Rosette zu benutzen!“ Noch vor wenigen Tagen war das Leben der Medizinstudentin Kat Stark perfekt. Denn Jahre nach einer Entführung hat sie endlich das letzte Staatsexamen in der Tasche, die Aussicht auf einen tollen Job und eine prickelnde Affäre. Bis sie an einem Partywochenende Grausiges erfährt. Ihre beiden Freundinnen, Anna und Mary, filmten während eines Amerika-Trips zufällig den Mord an einem Drogenboss. Als Kat das verstörende Video sieht, gerät sie in das Visier einer sadistischen Auftragsmörderin und für die drei Frauen beginnt ein Alptraum aus Gewalt, bizarren Exzessen und einer mörderischen Jagd um die Welt.

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J.S. Ranket

Die Schlächterin

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Für Karina

Prolog

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Epilog

Anmerkung des Autors und Danksagung

Impressum neobooks

Für Karina

Prolog

Kat hatte Angst, schreckliche Angst und ihr ganzer Körper schmerzte. Am Anfang versuchte sie noch, die Stöße auf der rumpligen Straße abzufangen, doch dazu reichten ihre Kräfte jetzt nicht mehr aus. In unregelmäßigem Rhythmus schlug ihr Kopf auf die feuchte Pappe im Laderaum des Transporters. Die ekelerregenden Düfte, die ihr entgegen schlugen, verursachten einen kaum zu unterdrückenden Würgereiz. Ihre Arme und Beine waren mit Kabelbindern gefesselt und hinter ihrem Rücken zusammengeschnürt, so dass sie sich wie die Beute einer bizarren Menschenjagd fühlte. Die beiden dunklen Gestalten, die neben ihr im Laderaum hockten, trugen Skimasken und blickten mit kalten Augen auf sie herab. Kat fröstelte, Gänsehaut überzog ihren gesamten Körper und die Zähne klapperten wie nach einem Bad in Eiswasser. Sicher würden sie sie, an einer Stange hängend, stolz ihrer Sippe präsentieren.

„Hier ist das Abendessen!“

Unfähig zu sprechen, starrte sie ihre Entführer an. Und die beiden starrten zurück. Jetzt allerdings auf ihre harten Nippel, die sich unter dem engen Shirt deutlich abzeichneten. Scham stieg in ihr auf und sie fühlte sich nackt. So nackt, als läge sie unter einem riesigen Mikroskop. Das Gefühl ihrer eigenen Ohnmacht gegen die Kräfte, die sie nicht kontrollieren konnte, wurde übermächtig. Wie ein hilfloses Opfer, das unter den Schneemassen einer Lawine gefangen war, vermochte sie kaum noch zu atmen.

Dann kamen die Tränen.

Eigentlich war es eine gute Idee gewesen, zusammen mit Sarah diesen Trip zu unternehmen, denn für Kat würde im Herbst das Medizinstudium beginnen. Doch so konnte sie noch ein paar Abenteuer mit ihrer Freundin erleben, bevor für sie der stressige Alltag an der Uni seinen Anfang nahm. Sie hatten ein Interrail-Ticket in der Tasche und konnten sich so mit der Bahn innerhalb Europas frei bewegen. Ein nicht zu unterschätzender finanzieller Faktor bei der Urlaubsplanung der angehenden Studentin. Und hier in Kroatien gab es alles, was sie brauchten. Das Meer, die Berge und natürlich Jungs.

Mit einem Prickeln im Bauch dachte sie an Miloš und Serge und ihre kleine Bucht auf der Insel Krk. Sie sprangen nackt von den Klippen in das kristallklare Wasser und ließen sich dann von den beiden jeden Wassertropfen einzeln vom Körper lecken. Natürlich war den zwei Frauen klar, dass sie in der darauffolgenden Woche mit Sicherheit gegen andere ausgetauscht würden. Aber ihren Spaß hatten sie trotzdem. Die zwei jungen Kroaten schütteten sich auch förmlich aus vor Lachen, als sie erfuhren, dass Kat eigentlich Kathrin hieß. Und ihr Spitzname nicht von Katze stammte, sondern von den KitKat-Riegeln, die sie früher in rauen Mengen in sich hineingestopft hatte. Aber das war Schnee von gestern. Denn jetzt waren sie auf einer Trekkingtour zu den Plitwitzer Seen.

Bis vor Kurzem jedenfalls.

Nur warum hatte sie nicht auf Sarah gehört? Zumindest ein bisschen. Ihre übervorsichtige Freundin sah hinter jedem Baum Gespenster, jeder Straßenhändler war ein Betrüger und in fast jeder Bar verzichtete sie auf Cocktails, aus Angst der Kellner könnte ihr Drogen in den Drink mixen. Lieber trank sie Bier, obwohl sie das gar nicht richtig mochte. Und auch das ließ sie sich erst am Tisch öffnen.

Sarah war der Transporter, der in der letzten kleinen Ortschaft unter einer alten Akazie parkte, auf den ersten Blick nicht koscher vorgekommen. Und die Typen, die daneben tief im Schatten standen, passten irgendwie nicht hierher. Als ob Sarah wüsste, wie ein Typ aussieht, der hierher passt. Es war auch völlig logisch, dass die Männer, die neben dem Wagen herumlungerten, glotzten. Auch wenn sie deren Gesichter nicht erkennen konnten, so spürten sie doch die Blicke. Denn alle glotzten!

Doch da gab es einen gewaltigen Unterschied. Zum einen den Alten-geilen-Sack-Glotzer, meist älter und mit teigigem Gesicht, der sich sabbernd hinter einer Zeitung versteckte und ihnen ewig hinterherstarrte. Und zum anderen den Normalglotzer, vom Jugendlichen bis hinauf ins Rentenalter.

Ist doch völlig normal. Jemand ohne Führerschein kann doch auch bewundernd einem schnittigen Ferrari hinterherschauen. Und Kat und Sarah mussten sich keinesfalls verstecken. Im Gegenteil. Sie zogen die Blicke auf sich. Nicht wie unnahbare Modelschönheiten, sondern wie das hübsche Mädchen von nebenan, dass man auf einen Kaffee einlud. Und dann für den Abend in eine Bar. Es war zwar nicht so, dass es die beiden ständig darauf angelegt hätten, aber zumindest spielte Kat oft mit ihren Reizen. Der Blick über den Rand ihrer schwarzen Brille – die perfekte Mischung aus Unschuld und Sex. Besonders dann, wenn sie dabei ihre schwarzen Haare zu einem straffen Zopf gebunden hatte.

Als sie das Schlagen der Türen hörten, bekam Sarah fast einen Herzinfarkt. Erst nachdem der Transporter in die Gegenrichtung davon fuhr, beruhigte sie sich soweit, dass die beiden ihre Tour fortsetzen konnten. Kat dachte auch nicht im Geringsten an eine nahende Gefahr, als der Lieferwagen hinter ihnen langsam die Bergstraße hinaufkroch. Das Fahrzeug war eindeutig untermotorisiert und dem Fahrer gelang es nur mit Mühe einen Gang tiefer zu schalten. Was sollte in so einem Gefährt schon auf sie lauern? Entführer auf Krücken? Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung, das musste Kat jetzt einsehen.

Unwillkürlich war Sarah einen Schritt zurückgewichen, als die beiden Männer aus dem Transporter sprangen und Kat packten. Ihr linker Fuß trat ins Leere und sie kippte nach hinten, bevor auch sie in den Laderaum gezerrt werden konnte. In einer Wolke aus Staub und Geröll schlitterte sie den Abhang neben der Bergstraße hinab. Verzweifelt versuchte sie den Fall zu bremsen und riss sich an Dornenbüschen die Hände blutig. Sie verlor ihren Rucksack und rollte, wilde Saltos schlagend, ins Tal. Plötzlich fühlte sie sich schwerelos wie ein Vogel und spürte den tiefen Fall. Dann hüllte die Dunkelheit sie ein.

Nach einiger Zeit, die Kat wie eine Ewigkeit vorkam, hielt der Wagen und die zwei Kerle stiegen aus. Nachdem sie eine alte Decke über sie geworfen hatten, setzte der Transporter seine holperige Fahrt fort.

„Wenigstens übertüncht der leichte Benzingeruch aus der Decke die ekelerregenden Ausdünstungen der alten Pappe. Los komm schon, lass dir was einfallen!“

Kurz vor dem Moment der völligen Selbstaufgabe glomm in einem weit entfernten Winkel ihres Gehirns doch noch ein Funken Überlebenswille auf. Ein letztes Stückchen Glut, das in einem erlöschenden Feuer nach einem Rest Zunder tastet, bevor es in einer hellen Flamme erneut erstrahlt. Und schließlich gewann der stärkste aller menschlichen Instinkte die Oberhand, der Instinkt nach Überleben.

„Im Rucksack ist ein Messer, wenn du da rankommst sind die Fesseln kein Problem. Dann springst du einfach aus dem Wagen. Scheiß auf einen verstauchten Knöchel. Und Sarah war ja davongekommen, sie hatte bestimmt schon die Polizei informiert und die suchten jetzt nach ihr. Schließlich wollten die Kroaten in die EU und da war es besser, man fand eine verschwundene Touristin unversehrt. Wo war bloß dieser beschissene Rucksack?“

Bei dem Versuch ihn zu finden, wälzte sich Kat unter der Decke auf der Ladefläche hin und her. Die Kabelbinder schnitten in ihr Fleisch und sie spürte das warme Blut auf der Haut.

„Mist verdammt noch mal, jetzt wird die Karre auch noch langsamer!“

Der Wagen stoppte, während die Geräusche von schweren Riegeln und das Knarzen eines großen Tores an ihr Ohr drangen. Dann rollte er langsam weiter, bis er endgültig anhielt.

„Bloß keine Panik, denn sie tragen Masken! Das bedeutet, sie wollten nicht erkannt werden und mich demzufolge nicht ermorden. Sondern …“

Kat wagte nicht, ihren Gedanken weiter zu folgen. Und wieder kamen die Tränen. Doch diesmal waren es nicht die der Verzweiflung und Resignation, sondern die der Wut. Wut auf sich selbst, weil sie es nicht geschafft hatte, sich selbst zu befreien.

Im selben Moment als der Motor verstummte, öffnete sich die Tür des Transporters, die Decke wurde weggezogen und jemand schnitt ihr die Fesseln von den Füßen. Kat hob mühsam den Kopf. Mit einer Handbewegung forderte der maskierte Mann sie auf, auszusteigen. Nur gelang es ihr nicht. Ihre Beine waren so straff verschnürt worden, dass es ihr jetzt unmöglich war, sie zu bewegen. Als es ihm nicht schnell genug ging, packte er einfach Kats Fuß und zog sie aus dem Wagen. Ihr Körper knallte, ohne dass sie die Möglichkeit hatte den Sturz abzufangen, auf den gepflasterten Hof eines großen Anwesens. Ihr Ellenbogen und die Schulter schmerzten höllisch, bestimmt war etwas gebrochen. Der Mann zerrte sie auf die Füße und sie sah die kalten Augen unter der grob gestrickten Skimaske. Sie durchlief ein eisiger Schauer, denn jemand mit solchen Augen kannte bestimmt keine Gnade.

Sie versuchte es trotzdem:

„Bitte, … hören Sie, … meine Eltern haben Geld …“

Weiter kam sie nicht. Der Maskenmann schlug ihr mit voller Wucht seinen Handrücken in das Gesicht.

Es war als würde ihr der Kopf abgerissen. Sie taumelte, stürzte wieder auf den Boden und schürfte sich schmerzhaft die Ellenbogen auf. Der Kerl kniete sich über sie und deutete drohend mit dem Finger auf ihr Gesicht.

„Halts Maul, du Nutte!“, zischte er in fast akzentfreiem Deutsch.

Plötzlich packte er ihr Kinn, drückte ihren Kopf in den Nacken und fuhr dann langsam mit seiner Pranke über den Hals bis zur Schulter. Dann packte er ihre Brüste mit beiden Händen und drückte sie so kräftig, dass ihr wieder die Tränen in die Augen schossen.

„Wenn du noch einmal ungefragt die Fresse aufmachst, hole ich ein paar ausgehungerte, verschwitzte Naturburschen aus dem Dorf“, kündigte er an. „Die werden dich dann die ganze Nacht mit ihren Riesenschwänzen in alle Löcher ficken“, fuhr er bedrohlich leise fort.

Bei der Vorstellung stundenlang vergewaltigt zu werden, spürte Kat sauren Mageninhalt in sich aufsteigen. Sie presste ihre Lippen aufeinander, um nicht losschreien zu müssen. Von dem Feuer der Wut, dass soeben noch in ihr loderte, war nur ein kümmerliches Flämmchen geblieben.

Der Maskierte zog Kat wieder hoch und schob sie vor sich her zu einer Art Stall. Der Putz bröckelte von den Wänden, dass heißt wenn überhaupt jemals richtiger Putz an dem Gebäude gewesen war. Sie sah die Rechtecke der Fenster, die mit massiven Brettern beschlagen waren und das rote Schindeldach. Das große Tor schwang geräuschlos auf und Kat wurde unsanft hineingeschoben. Sie stolperte einen kurzen Gang entlang, von dem mehrere Türen abzweigten. Vor der letzten blieben sie stehen. Der Maskenmann schloss sie auf und schnitt ihr die Kabelbinder von den Armen. Dann folgte ein Stoß in den Rücken und sie landete auf einer alten fleckigen Matratze. Der Kerl warf noch eine Flasche Wasser in ihr Gefängnis, bevor mit einem lauten Knall die Tür wieder zuflog. Nachdem sich der Schlüssel mehrmals klirrend im Schloss gedreht hatte, lauschte Kat noch eine Weile den langsam verhallenden Schritten.

Sie rieb sich die schmerzenden Handgelenke und schaute sich prüfend um. Die Sommerhitze war fast unerträglich. Das Wasser würde also nicht allzu lange reichen und dem alten Eimer in der Ecke entströmte ein entsetzlicher Fäkaliengeruch. Offensichtlich war das ihre Toilette. Sie schauderte bei dem Gedanken, ihre Notdurft auf dem verbeulten Ding verrichten zu müssen. Der Eimer und die Matratze waren auch die einzige Einrichtung ihres Gefängnisses. Der Boden bestand aus rotem Backstein und die Wände aus zerbröselnden Ziegeln.

Jetzt, nachdem die unmittelbare Bedrohung durch den Maskenmann verschwunden war, beruhigte sich ihr Puls langsam und ihr Gehirn war wieder zu strukturierten Denkprozessen fähig. Sie musste die Zeit nutzen, soviel war klar. Sich einfach in ihr Schicksal zu fügen, widersprach ihrem Naturell und sie fluchte über sich selbst, wegen ihrer Schwäche. Und wegen der Angst, die der Kerl ihr eingejagt hatte.

Sicher, sie konnte es natürlich nicht mit einem körperlich überlegenen Gegner aufnehmen, doch so einfach würde sie sich nicht geschlagen geben. Sollten diese Wichser nur kommen und sie vergewaltigen! Dem Ersten, der sie ohne Gummi vögelte, würde sie danach mit einem grimmigen Lächeln eröffnen, dass sie HIV positiv sei, was natürlich nicht stimmte. Und dann zusehen, wie der sich vor Angst in die Hosen pisste. Und derjenige, der es wagte ihr seinen Schwanz in den Mund zu stecken, konnte sich auf eine tolle Überraschung gefasst machen. Selbst auf die Gefahr hin, dass der ihr hinterher die Zähne ausschlug. Sofern er mit einem abgebissenen Pimmel dazu überhaupt in der Lage wäre.

Diese Drecksäcke würden das noch bereuen! Sie hatten sich eindeutig die Falsche ausgesucht. Genau wie das Straßenmädchen in Sao Paulo, die über ihr Schicksal ein Buch geschrieben hatte. Auch sie wurde entführt und zur Prostitution gezwungen. Der Zuhälter, der sie für die Kunden einritt bestand darauf, dass sie am ganzen Körper blitzblank ist. Das Mädchen entfernte eine Klinge aus dem Rasierer und fand schließlich eine Möglichkeit, sie in ihrer Vagina zu platzieren, ohne sich selbst zu verletzen. Bei dem Versuch sie zu verfolgen, verblutete das Schwein auf dem Bürgersteig.

Aber tief im Inneren hoffte Kat eindringlich, nicht zu solchen Mitteln greifen zu müssen. Gedankenspiele sind das eine, die Realität jedoch das andere und so suchte sie nach einer Möglichkeit zur Flucht. Doch die Dachbalken waren für sie unerreichbar und die Tür machte einen sehr massiven Eindruck. Kat ließ ihre Finger über das glatte Holz gleiten und klopfte leicht dagegen. Dem dumpfen Klang nach zu urteilen, mussten es starke Bretter sein. Auch sah sie kein Schlüsselloch oder eine Klinke, nur fugenlos aneinander gereihtes Holz. Scharniere waren genauso wenig zu sehen, sie befanden sich offenbar auf der Seite des Ganges, also genauso unerreichbar wie das Dach. Die Fenster erwiesen sich ebenfalls als eine Enttäuschung. Zwar waren sie grob zusammengezimmert, so dass sie durch einen kleinen Spalt in den Hof sehen konnte. Doch ihr fehlte natürlich das Werkzeug, um sie aufzustemmen.

Kat tastete in dem Halbdunkel Schritt für Schritt die Wände ab. Ihre Zelle mochte vielleicht fünf mal vier Meter groß sein, und in einer Ecke entdeckte sie plötzlich etwas Interessantes. Eine kleine Eisenklammer, leicht von Rost überzogen, klemmte zwischen den Ziegeln. Bei der Berührung des Metalls schlug ihr Herz höher. Vielleicht hatte sie ja ein Werkzeug gefunden, mit dem sie die Bretter am Fenster aufhebeln konnte.

Sie wackelte daran, doch das verdammte Ding steckte fest. Vorsichtig bohrte sie ihren Fingernagel in den bröckeligen Putz und puhlte Brocken für Brocken heraus. Bereits nach wenigen Versuchen brach ihr Nagel ab und sie musste notgedrungen mit den anderen weitermachen. Kat arbeitete sich soweit vor, bis der Spalt zwischen den Ziegeln zu schmal für ihre Finger wurde. Prüfend wackelte sie an der Klammer und musste ihren freudigen Aufschrei unterdrücken. Sie bewegte sich!

„Euch werd ich es zeigen!“

Kat zwängte ihre Hand zwischen die Klammer und die raue Wand. Sie achtete nicht darauf, dass sie sich dabei ihre Knöchel aufschürfte. Mit aller Kraft zog sie daran, aber die Klammer wackelte nur und ließ sich nicht herausziehen. Doch der anfängliche Erfolg verlieh ihr ungeahnte Kräfte. Sie stemmte sich mit den Füßen gegen die Wand und versuchte es erneut. Der kleine Ruck in dem Eisen hätte ihr eigentlich Warnung genug seien müssen, denn plötzlich löste sich die Klammer und Kat fiel unsanft auf den Rücken. Zum Glück landete ihr Kopf auf der alten Matratze.

„Ha …!“

Wie König Artus sein Schwert Excalibur, so hielt Kat die Klammer triumphierend in die Höhe. Angespannt lauschte sie in den Gang ob vielleicht doch jemand die Geräusche gehört hatte, doch alles blieb still. Dann spähte sie durch den Spalt im Fenster und erstarrte.

Aus dem ansehnlichen zweigeschossigen Haupthaus trat soeben ein kräftiger Mann. Und auch wenn er keine Skimaske trug, vermochte Kat nicht zu sagen, ob es sich um einen ihrer Entführer handelte. Mit federnden Schritten, die seine körperliche Fitness erahnen ließen, ging er zu dem großen Hoftor und schob die schweren Riegel zurück. Mit dem gleichen knarzenden Geräusch schwangen die großen Flügel auf und eine schwarze Limousine rollte langsam auf den Hof. Knirschend bohrten sich kleine Kiesel unter dem Druck der Reifen in das Pflaster. Dann stieg der Fahrer aus und öffnete seinem elegant gekleideten Fahrgast den Fond des Wagens.

Das ganze Auftreten der kühlen Dame, die dem Fahrzeug entstieg, ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sie es gewohnt war Anweisungen zu erteilen. Mit ihrem offensichtlich maßgeschneiderten Kostüm, passte sie durchaus in die Vorstandsetage eines börsennotierten Unternehmens. Allerdings sähe sie mit einer Reitpeitsche in der Hand völlig anders aus.

Nach einer kurzen förmlichen Begrüßung folgte sie dem Mann in das Haupthaus. Offensichtlich war er nur das Empfangskomitee, denn er kam sofort wieder heraus und ging zu einem kleinen Nebengebäude, das sich an das Haupthaus schmiegte.

Kat beobachtete angestrengt die Szene in der hereinbrechenden Dämmerung. Sie presste ihr Gesicht so fest an die groben Holzbretter des Fensters, dass sie feinen Holzsplitter nicht bemerkte, die sich in ihre Wange bohrten. Jetzt trat die aparte Frau wieder aus dem Haupthaus und setzte sich in die Limousine. Die scharf geschnittenen Kanten ihres Haares schwangen dabei wie die Klinge eines Fallbeils. Durch die offene Tür des Wagens erkannte Kat ihren suchenden Blick. Sie wartete sicherlich auf den Kerl, der sie begrüßt hatte.

Wie auf ein Kommando öffnete sich die Tür des kleinen Nebengebäudes. Der Mann erschien und schob eine junge Frau vor sich her. Er tat dies sehr vorsichtig, denn ihr waren die Augen verbunden. Unsicher tastete sie sich über den Hof, während der Kerl sie fast fürsorglich stützte. Es war das genaue Gegenteil der groben Behandlung, die Kat zuteil geworden war. Trotzdem wollte sie unter keinen Umständen mit ihr tauschen. Soweit sie das durch den Fensterspalt beurteilen konnte, trug die junge Frau ungewöhnlich schicke Kleidung. Eine helle Bluse, einen engen dunklen Rock – nicht zu sexy – und flache Schuhe. Der blonde Pferdeschwanz wippte über der schwarzen Augenbinde und es wirkte schon fast ein bisschen erotisch, wie ihre Finger suchend über den Lack der Limousine glitten.

Die junge Frau zuckte kurz, als die elegante Dame auf dem Rücksitz ihre Hand erfasste, um ihr beim Einsteigen zu helfen. Dann schloss sich mit einem satten Klacken die Tür und die Limousine rollte langsam vom Hof.

Nachdem das Tor wieder geschlossen wurde, kam Kat diese Szene so unwirklich vor wie ein Traum. Was hatte sie da gerade beobachtet? Eine junge Frau mit verbundenen Augen, die schwarze Limousine und die attraktive Dame? Bildete sie sich das nur ein oder war auf deren Gesicht wirklich eine Mischung aus Begehren und Taxieren zu sehen gewesen?

„Nein, das konnte eigentlich nicht sein! Die Kerle wollten überhaupt kein Lösegeld!“

Sie war in die Hände von Menschenhändlern geraten, mit der eleganten Lady als Puffmutter – auch wenn sie für sich selbst eine unverfänglichere Bezeichnung gewählt hätte. Wenn das stimmte, dann teilten sicher noch andere Mädchen ihr Schicksal. Vielleicht vier oder fünf, den Türen auf dem Gang nach zu urteilen.

Fest presste Kat ihr Ohr an die massive Tür, doch kein Laut drang von außen zu ihr. Zaghaft klopfte sie an das starke Holz und lauschte wieder. Nichts! Sie versuchte es etwas lauter. Durch das Rasen ihres eigenen Pulses hindurch, vernahm sie plötzlich ein entferntes Klirren. Rhythmisch und metallisch, nicht zufällig. Ihr Herz schlug bis zum Hals und ein warmer Schauer durchlief ihren Körper. Sie war offensichtlich nicht allein und obwohl die andere Gefangene genauso gut auf dem Mond seien könnte, war das Gefühl doch irgendwie tröstlich.

„Hey!“, rief Kat, „wer bist du?“

Sie hatte ihre Hände wie einen Trichter gegen das schwere Holz gedrückt, in der Hoffnung, dass die andere sie so besser hören konnte. Nun lauschte sie wieder angestrengt auf Antwort, doch die Stimme war zu leise. Aber es war die, einer Frau. Und sie klang jung, viel zu jung. An eine vernünftige Kommunikation war auf diesem Weg nicht zu denken, von einem gemeinsamen Fluchtversuch ganz zu schweigen.

Nein, Kat musste es allein schaffen und durfte jetzt keine Zeit mehr verlieren. Die Aussicht, in einem zweifelhaften Etablissement von alten, geilen Säcken begrabscht zu werden, entsprach nicht gerade ihren Vorstellungen von einem Abenteuerurlaub. Sie malte sich aus, wie die jungen Frauen unter Drogen gesetzt werden, um sie willig für alle Arten von Perversitäten zu machen. Manchmal sehr subtil, indem den Mädchen einfach etwas in den Drink gemixt wird.

„Hier Kleine, trink erst einmal ein Glas Champagner nach der ganzen Aufregung!“

Oder sie werden einfach brutal festgehalten, während man ihnen die Drogen injiziert und sie sich dabei die Seele aus dem Leib schreien.

Der Gedanke daran lähmte sie jedoch keineswegs. Im Gegenteil, er spornte sie an. Wild entschlossen fuhr sie mit ihren Vorbereitungen fort, denn jetzt fühlte sie sich auch für das andere Mädchen verantwortlich.

Vorsichtig schob sie die Klammer zwischen die Bretter am Fenster und bewegte sie hin und her.

Nichts!

Sie versuchte es näher an der Mauer. Hier gab plötzlich eines der Bretter einen knarrenden Laut von sich und der Spalt wurde größer. Verbissen arbeitete Kat weiter bis das Brett deutlich wackelte. Den Rest würde sie im Schutz der Dunkelheit erledigen. Immer wieder sah sie durch den Spalt. Hoffentlich bemerkte niemand ihre Fluchtvorbereitungen.

Der erste Teil war geschafft und Kat sank erschöpft auf die Matratze. Jetzt brauchte sie unbedingt noch einen Alternativplan, falls sich das Fenster doch als Sackgasse erweisen sollte. So leicht ließ sie sich nicht unterkriegen. Keinesfalls würde sie wie die junge Frau in den Wagen steigen. Und in den dämlichen Eimer pinkeln, das ging gar nicht. Grimmig sah sie wieder zum Dach, von innen machte es nicht gerade den vertrauenerweckendsten Eindruck. Vielleicht könnte sie auch dort entkommen. Plötzlich kam ihr ein Gedanke.

Kat steckte die Klammer an ihren Platz zurück und zog die Matratze zur Wand. Dann stellte sie das fleckige Ding hochkant, stützte sich darauf und rüttelte kräftig. Dadurch wurde die Matratze fest in die Ecke gedrückt und die Oberkante befand sich ungefähr in knapp einem Meter Höhe. Die Klammer steckte kurz darüber zwischen den Ziegeln. Mit einer geschickten Schrittkombination könnte sie sich nach oben katapultieren und vielleicht einen Dachbalken erreichen. Sie sprang kurz auf der Stelle und probte den Anlauf. Einmal. Zweimal. Dann …

„Erster Versuch Kathrin Stark, Germany. Die Latte liegt auf zwei Meter …!“

Der Sprung war einfach zu niedrig. Ihre Hände bekamen zwar das raue Holz zu fassen, doch ihre Finger rutschten ab. Kat hatte alle Mühe eine halbwegs ordentliche Landung hinzulegen. Wenn sie sich jetzt ernsthaft verletzte, dann konnte sie ihre Flucht vergessen.

„Zweiter Versuch Kathrin Stark, sie sollte an ihrer Technik arbeiten …!“

Kat veränderte nur etwas den Absprungwinkel, dann hatte sie es geschafft. Ihre Hände umfassten das Holz, krallten sich an der Oberkante fest und sie nutzte den Schwung, um sich auf den Balken zu schieben. Sie balancierte zum Rand des Daches und drückte prüfend dagegen. Knirschend löste sich eine Schindel und Putz rieselte in ihre Augen. Sie ruderte hilflos mit den Armen, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Gleichzeitig vollführten die Hüften einen lautlosen Mambo, dann stürzte sie in die Tiefe.

Kaum spürte sie den Boden unter den Füßen, rollte sie sich zur Seite weg, um die Wucht des Sturzes abzufangen. Doch sie prallte mit dem Kopf gegen die Wand und blieb benommen liegen. Das Muster der Ziegel verschwamm vor ihren Augen und an ihrer Schläfe pochte eine kleine Wunde.

Langsam rappelte sich Kat auf und lehnte sich schwer atmend mit den Rücken gegen die Tür. Sie wischte sich mit dem Handrücken das Blut von der Stirn und sah nach oben. Im Dach war deutlich das helle Rechteck des fehlenden Ziegels zu erkennen.

Plötzlich wurde sie sich des Hakens in ihrem Plan bewusst. Wie sollte sie in der Dunkelheit den Dachbalken finden? Sicher, das Fenster war eine Option, aber wenn sie es nicht schaffte eines der Bretter ganz wegzustemmen, sah es schlecht aus.

Kat überlegte kurz. Sie würde einfach in dem schwinden Licht einen erneuten Versuch wagen und dann auf dem Dachbalken ausharren bis es stockdunkel war. Durch den fehlenden Ziegel konnte sie den Hof gut überblicken und wenn einer von den Scheißkerlen auf dem Weg zu ihrem Gefängnis war, würde sie einfach schnell herunterspringen. Sie trank fast die halbe Wasserflasche aus und zwei Minuten später saß Kat erneut auf dem Balken und beobachtete angestrengt den Hof.

Alles war dunkel, doch Sarah konnte die Sterne sehen. Wie silberne Nadelstiche glänzten sie in tiefblauer Schwärze. Die fahle Scheibe des Mondes versteckte sich hinter dem Schattenriss eines Baumes. Ihr Kopf dröhnte, als steckte er im Triebwerk eines startenden Düsenjets und ihr ganzer Körper fühlte sich an, wie nach einem Ringkampf mit einem Grizzlybären. Als die Erinnerung langsam zurückkehrte, begann ihr Herz zu rasen.

„Kat! Ich muss Hilfe holen. Sie haben Kat entführt!“

Vorsichtig tastete sie unter sich und bewegte ihre Hände hin und her. Sie fühlte loses Geröll, trockene Zweige und Baumrinde. Ganz langsam atmete sie tief ein. Ihr Brustkorb schmerzte, doch sie spürte kein verdächtiges Knacken. Sie streckte die Beine. Der stechende Schmerz in ihrem rechten Knöchel ließ sie sofort innehalten und trieb ihr die Tränen in die Augen.

Doch das war gut, sehr gut! Was wäre wenn sie sich ernsthaft verletzt hätte? An der Wirbelsäule zum Beispiel. Nur kurz durchzuckte sie der Gedanke, wie sie selbst, unfähig ihre Beine zu bewegen, durch das dichte Gestrüpp kroch, um dann unter der heißen Sonne zu verdursten. Aber der schmerzende Knöchel war das beste Anzeichen für eine intakte Nervenleitung. Denn selbst wenn sie nur ein Bein voll belasten konnte, standen die Chancen gut, von hier wegzukommen. Und für Kat Hilfe zu holen. Sie wusste ja auch nicht einmal genau wo sie war. Sicher, vor dem Überfall mussten sie in unmittelbarer Nähe des Zeltplatzes gewesen sein, aber der Sturz hatte sie völlig der Orientierung beraubt.

Sarahs Hände schossen suchend über den Boden und fanden schließlich einen stabilen Ast, den sie als Krücke benutzen konnte. Sie stemmte sich hoch und rechnete jederzeit mit dem plötzlich einschießenden Schmerz in ihrem Knöchel. Doch der starke Ast leistete gute Dienste.

Vorsichtig bewegte sie sich auf dem losen Untergrund bergab und prüfte jeden Schritt, bevor sie ihren Fuß belastete. Sarah suchte angestrengt zwischen den Bäumen nach einem Orientierungspunkt, was immer es auch seien mochte. Und nach einer Weile sah sie tatsächlich ein Blitzen zwischen den Bäumen. Es war zwar noch weit entfernt, doch sie war sich sicher, dass es eine Lampe oder etwas Ähnliches seien musste. Mühsam humpelte Sarah darauf zu.

Ian O´Brian beobachtete erwartungsvoll die Fleischstücke, die vor ihm auf dem Grill bereits eine appetitliche Färbung angenommen hatten. Noch einen Augenblick, und der Saft des Rindersteaks würde seinen Teller rosa färben.

Jedes Mal, wenn sie in ihrem kleinen Ferienhaus in den kroatischen Bergen ihren Urlaub verbrachten, klopfte er sich selbst auf die Schulter. Sie hatten es völlig richtig gemacht, vor einigen Jahren. Das Haus war zwar stark renovierungsbedürftig, als er und seine Frau Gwen es erwarben, doch die Substanz machte einen soliden Eindruck. In mühevoller Arbeit errichtete sich das irische Ehepaar hier im mediterranen Klima ein schmuckes Feriendomizil. Und jetzt wartete er auf der Terrasse seiner kleinen Finka auf seine Frau, die noch letzte Hand an das Abendessen legte.

Ein Knacken aus dem verwilderten Olivenhain übertönte plötzlich das Knistern der Holzkohle und das Brutzeln des Fleisches. Angestrengt beobachte Ian die nahen Bäume. Schon des Öfteren musste er allzu aufdringliche Schwarzkittel mit einer Schreckschusspistole vertreiben.

Doch das, was da aus dem Schatten der Bäume wankte und auf die frisch gemähte Wiese taumelte, sah einem Wildschwein nicht einmal im Entferntesten ähnlich. Die Gestalt stützte sich auf einen Ast und schien verletzt zu sein. Und als sie näher kam, sah der Ire deutlich, dass es eine junge Frau war. Sie befand sich in einem erbärmlichen Zustand.

Ian achtete nicht mehr auf seine Steaks, als er über die Wiese auf sie zu stürmte.

Blaue Blitze suchten sich einen Weg durch Sarahs geschlossene Lider. Kurz darauf breitete sich an ihrem rechten Oberarm ein unangenehmer Druck aus, der aber sofort wieder nachließ. In ihrer linken Ellenbeuge hatte sich wahrscheinlich ein kleines Tier verbissen und zerrte heftig an der empfindlichen Haut. Dann sah sie das Licht. Es kam auf sie zu und drang langsam in ihr Gehirn.

„Das ist es also, das Licht. Es ist schön und warm. Es kommt immer näher.“

„Koliko prstiju vide?“, eine leise Stimme, wie durch einen dicken Wattebausch.

Sarah musste lächeln, denn es war eine schöne Stimme. Wie eine leise murmelnde Quelle in einem verzauberten Märchenwald.

„How many Fingers do you see?“, wollte jetzt das Licht in einem lichtuntypischen Akzent wissen.

“Spricht Gott Englisch?”

„Do you remember what`s happened? “, fragte das Licht wieder.

Plötzlich wurde das kleine Tier an ihrem linken Arm ganz warm und breitete sich wie eine Welle in ihrem ganzen Körper aus. Tiefe Ruhe überkam sie, als sich die Tür zum Traumland öffnete.

Durch den fehlenden Dachziegel konnte Kat im fahlen Mondlicht das Haupthaus sehen. Die Fenster waren erleuchtet und bereits zweimal kam eine Gestalt heraus, um neben das verschlossene Tor an die Mauer zu pinkeln. Gab es dort nicht einmal eine vernünftige Toilette? Vielleicht sollte sie denen ihren Eimer anbieten, dachte sie in einem Anflug von Galgenhumor.

Nachdem der Kerl wieder im Haus verschwunden war, begann sie so lautlos wie möglich ihr Werk. Dabei bemerkte sie nicht, dass sich von einem der Ziegel ein kleines Stück löste. Mit einem scharrenden Geräusch rutschte der Brocken das Dach hinab und sprang klackend über das Pflaster des Hofes. Urplötzlich flammte der Lichtkegel einer starken Lampe auf und tastete suchend über den Stall.

„Scheiße!“

Wie hatte sie nur so blöd seien können? Es war doch völlig logisch, dass die Entführer ihre Beute bewachten. Krampfhaft klammerte sich Kat an den Dachbalken, so dass ihre Hände schmerzten, und hielt die Luft an. Da sah sie aus den Augenwinkeln den Schatten. Das heißt sie spürte ihn mehr, als dass sie ihn sah.

Eine riesige Eule, offenbar von den Geräuschen und dem Licht aufgeschreckt, glitt lautlos vom Dach aus über sie hinweg. Der Lichtstrahl folgte dem Raubvogel eine Weile, huschte dann noch einige Male über die Mauern und erlosch schließlich. Für Kat dauerte es eine Ewigkeit, bis der Wachposten vom Hof verschwand und sich zu seinen Kumpanen gesellte. Eine weitere Ewigkeit dauerte es, bis sie es schaffte, ihren bebenden Körper von dem Balken zu lösen und die Flucht fortzusetzen.

Noch behutsamer löste sie Ziegel um Ziegel, denn sie durfte den gleichen Fehler nicht noch einmal begehen. Endlich war das Loch groß genug für ihren schlanken Körper. Sie steckte den Kopf hindurch und sog tief die klare Nachtluft ein, die den Duft von Eukalyptus und Zitronen mit sich trug. In der Ferne bellte ein Hund und aus den Bergen schallte leise das klatschende Geräusch von Rotorblättern. Vielleicht gab es dort irgendwo einen Flugplatz oder einen Militärstützpunkt.

Nachdem das leise Klatschen ganz in der Nähe verstummt war, lauschte Kat noch eine ganze Weile angestrengt in die Dunkelheit. Sie durfte kein Risiko eingehen. Doch bis auf das Zirpen der Grillen und dem Schrei eines Käuzchens blieb alles ruhig. Sie schob sich langsam auf das Dach, sorgsam darauf bedacht keinen Lärm zu verursachen. Vorsichtig kroch sie bis zum Rand, um eine Möglichkeit für den Abstieg zu finden. Der Hof schied automatisch aus, denn einerseits war es dort viel zu hoch und andererseits musste sie sonst auch noch die hohe Mauer überwinden. Und außerdem konnte jederzeit einer ihrer Entführer auftauchen.

Leise kroch Kat weiter bis sie an die Rückseite des Stalles kam. Hier stieg das Gelände etwas an und das dichte Gras würde ihren Aufprall sicher dämpfen. Wieder lauschte sie angestrengt in die Dunkelheit und vernahm ein leises zaghaftes Rascheln. Sicher ein Wildschwein oder ein Reh, das vorsichtig um das Gehöft streifte. Mit dem Gedanken, unmittelbar neben einem kapitalen Keiler zu landen, konnte sie sich nur schwerlich anfreunden. Die Hauer der großen Tiere waren gefährliche Waffen und es nützte ihr wenig, wenn ihre gelungene Flucht durch ein Wildschwein zunichte gemacht würde. Sie malte sich bereits in Gedanken aus, wie sie sich mit einem aufgerissenen, blutenden Bein durch das Unterholz schleppte.

Und wieder wartete sie angestrengt lauschend, bis das leise Rascheln im Gras verstummt war. Kat spähte nach unten in die Dunkelheit. Doch die Wiese lag im Schatten des fahlen Mondlichtes und der Waldrand wirkte mit einem Mal so bedrohlich, wie das Maul eines riesigen Raubtieres. Reißzähnen gleich, bohrten sich die Silhouetten der Pinien in den Nachthimmel.

Nur schemenhaft erahnte Kat den Boden und konnte so die Höhe nicht genau abschätzen. Ein gebrochener Knöchel war mit Sicherheit in der Nacht nicht minder gefährlich, als auf einem Wildschwein zu landen. Sie kroch lautlos am Rande des Daches weiter, bis ihre Hände an etwas Metallisches stießen. Kurz fühlte Kat die Konturen des Etwas, bis sie sich sicher war, auf die Reste einer Dachrinne gestoßen zu sein. Das, was von dem Regenabfluss übrig war, erwies sich als stabil genug, um ihr Gewicht so lange zu tragen, bis sie sich in das hohe Gras schwingen konnte. Sie schätzte, dass es von ihren Fußspitzen bis zum Boden nicht mehr als zwei Meter seien würde.

„Scheiß drauf!“

Kat glitt über die Dachkante, pendelte einmal hin und her, und landete mit einem leisen Plumpsen im Gras.

„Geschafft!“

Gerade als sie sich aufrichten wollte, wurde sie von hinten brutal umgestoßen. Mit einem erstickten Schrei fiel sie vornüber und noch bevor ihr Kopf auf dem feuchten Boden aufschlug, erstickte eine kräftige Hand auf ihrem Mund jeden Laut. Ihr rechter Arm wurde schmerzhaft auf den Rücken gedreht und unbeschreibliche Panik ergriff Besitz von ihr. Der Puls raste, während sich in ihrem Nacken ein unangenehmes Kribbeln breitmachte.

„Das konnte es doch nicht gewesen sein!“

Sie spürte heißen Atem im Nacken. Unfähig sich zu bewegen, wurde sie von starken Armen empor gerissen. Der Kerl musste über Bärenkräfte verfügen. Sie fühlte den warmen Hauch direkt hinter ihrem Ohr und hörte die dunkle Stimme.

„Pssst …!“

Plötzlich tauchte aus dem Dunkel noch eine zweite Gestalt auf. Kats Puls hämmerte wie wild, als sie die seltsamen fühlerhaften Auswüchse an deren Kopf bemerkte. Und je näher die Gestalt kam, umso unheimlicher wurde sie von einem gespenstischen roten Licht beschienen. Erst jetzt konnte sie die blasse Schrift auf dem dunklen Tarnanzug lesen.

„Policija“, hauchte sie lautlos.

Während die Gestalt das Nachtsichtgerät abnahm, brach Kat heftig schluchzend zusammen.

„Na Süße, wie geht es dir?“, begrüßte Kat ihre Freundin im Krankenhaus.

Sarah lag jetzt auf der Normalstation der kroatischen Klinik und wartete auf ihre Entlassung. Sie hatte von dem Sturz bis auf eine Gehirnerschütterung keine weiteren ernsthaften Verletzungen davongetragen. Ihr rechter Knöchel war lediglich verstaucht und bedurfte, bis auf Schonung, keiner weiteren Therapie.

Natürlich hatte Sarah bereits von den nächtlichen Ereignissen nach der Entführung gehört. Nur dem puren Zufall hatte Kat es zu verdanken, dass ihr Verschleppung, Missbrauch und vielleicht Schlimmeres erspart blieb. Wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt noch von Schlimmerem sprechen konnte.

Die kroatische Polizei bekam offenbar kurz vor dem Zugriff einen Hinweis und schlug noch in der gleichen Nacht zu. Vier Männer wurden auf dem abgelegenen Anwesen verhaftet und warteten in Untersuchungshaft auf ihren Prozess.

„Geht so“, antwortete Sarah und griff Kats Hand, „du hattest so ein Glück, weißt du das eigentlich?“

Kat nickte nur zur Antwort und ihre Augen wurden feucht.

„Ich bin dann aber doch der größere Dickkopf von uns beiden“, stellte Sarah mit einem schiefen Grinsen fest, weil sich die Kopfschmerzen zurückmeldeten. „Aber wir leben ja Gott sei Dank noch und diesen Urlaub werde ich mein Lebtag nicht vergessen.“

Sie stupste wie zur Bestätigung ihre Freundin an die Brust und beide brachen in Tränen aus.

Der Prozess war eine Farce. Die Polizei hatte vier Entführer verhaftet und fünf junge Frauen befreit, von denen zwei noch minderjährig waren. Obwohl die Kerle vor den Augen der anderen Gefangenen ein Mädchen zur Abschreckung fast eine halbe Stunde brutal vergewaltigten, konnte keinem die Tat richtig nachgewiesen werden, weil sie dabei wieder diese widerwärtigen Masken trugen.

Selbst Kat war dem Staatsanwalt keine große Hilfe. Zwar war sie sich sicher, zumindest einen der Männer im Dämmerlicht erkannt zu haben, doch die Winkeladvokaten der Angeklagten zerpflückten ihre Aussage wie trockenes Laub. Jedem im Gerichtssaal war klar, dass die vier nur die Ausführenden waren und die eigentlich Schuldigen irgendwo im Dunkeln blieben. Und so kamen die Typen mit derart milden Strafen davon, dass selbst jedem Verkehrssünder die Zornesröte ins Gesicht steigen musste. Nach der Urteilsverkündung grinsten sie ihre Opfer auch noch höhnisch an und verließen daraufhin mit ihren Anwälten das Gebäude.

Kat war sich zu hundert Prozent sicher, dass es zu einem Blutbad gekommen wäre, hätte sie eine Schusswaffe besessen.

Kurz nach dem Beginn ihres ersten Semesters, Kat saß gerade in einer Vorlesung über Klinische Chemie, drängelte sich noch ein Mitkommilitone auf den Platz neben ihr. Es war ein kleiner sympathischer Koreaner, der ihr wegen seines energiegeladenen Ganges schon öfter aufgefallen war. Er zog eine große Sporttasche neben sich. Beim Versuch, sie unter seinem Stuhl zu verstauen, kippte sie um und ein weißes bademantelähnliches Kleidungsstück, das mit einem schwarzen Gürtel umwickelt war, fiel heraus.

„Entschuldigung …“, flüsterte er vorsichtig, um die Ausführungen des Dozenten nicht zu stören.

„Taekwondo …“, gab er auf Kats fragenden Blick leise zurück.

„Kannst du mir das beibringen?“

„Klar!“

-1-

José Manuel Garcia lehnte sich zufrieden zurück und strich sich mit den Händen über seinen Bauch, der von mexikanischem Essen und zu wenig Bewegung gekennzeichnet war. Die Fajitas, warme Tortillas mit Fleisch und Salsa, hier in der Rancho Vijeo an der Avenida Revolucion waren auch wirklich ausgezeichnet. Keinesfalls so amerikanisiert wie in anderen Restaurants von Tijuana, der Stadt im Norden der Baja, die regelmäßig von Touristen überschwemmt wurde.

Er hatte absolut nichts gegen Touristen. Oder die Amerikaner. Ohne sie wäre sein Geschäft sehr unprofitabel. Denn sein Geschäft hieß Drogen, Prostitution und Menschenhandel. Wo wären seine Absatzmärkte für das eine, sowie das andere, wenn nicht nördlich der Grenze.

Gerade jetzt war wieder ein Transport unterwegs zu den schmierigen Hinterhof-Etablissements in Kaliforniens Süden. Dass die Reise seiner lebendigen Ware meist in Containern, unglaublicher Enge und drückender Hitze stattfand, störte ihn wenig. Einzig der Profit zählte. Eine Ausnahme bildeten allerdings die Auftragsbestellungen. Sie erfolgten von finanzkräftigen Männern oder auch Frauen diesseits und jenseits der Grenze. Sie bevorzugten meist einen bestimmten Typ als Ware und Garcia lieferte immer zu hundertprozentiger Zufriedenheit seiner Kundschaft. Natürlich konnten diese Bestellungen nicht den Bedingungen des heißen südkalifornischen Wetters ausgesetzt werden und so reisten sie, mit echten Papieren ausgestattet, in klimatisierten Kabinen zu Wasser oder in der Luft. Dass sie mit falschen Versprechungen geködert wurden, merkten die meist noch Minderjährigen erst, als es schon zu spät war.

Es war Nachmittag, doch die Sonne stand noch hoch. Der Himmel war von einem unwirklichen Blau. Einem Blau, das man nur hier an der Baja sehen konnte. So, als ginge die Natur allzu verschwenderisch mit ihren Azurtönen um.

Bald würden seine Töchter aus der katholischen Escuela Maria Fernanda nach Hause kommen. Er musste sich beeilen, denn bevor er sich am Abend wieder seinen Geschäften widmen musste, wollte er noch ein wenig Zeit mit ihnen verbringen. Juanita und Celia sollten es einmal leichter haben als er.

Garcia hatte sich mit Entschlossenheit und Brutalität ein Imperium aufgebaut, das er ständig erweiterte. Natürlich durfte man da nicht zimperlich sein. Er war gütig zu denen, die ihn als Patron betrachteten und unmenschlich grausam zu jenen, die seine Feinde waren. In den Zeiten, in denen er noch selbst Hand anlegen musste, knieten viele dieser Würmer vor ihm und flehten um Gnade. Doch Gnade bedeutete Schwäche. Und Schwäche war der erste Schritt zum Untergang.

Um keinen noch so geringen Zweifel aufkommen zu lassen, wählte er meist eine große, schwere Machete zur Demonstration seiner Macht. Die abgetrennten Gliedmaßen schickte man an die Familien der Opfer, während die verstümmelten Rümpfe immer sehr publikumswirksam aufgefunden wurden.

Aber mit jedem Haar, das an seinen ehemals schwarzen Schläfen mehr ergraute, hasste er diese Art von Broterwerb. Die beiden Mädchen waren blitzgescheit und würden studieren – soviel stand fest. An einer Eliteuniversität an der Ostküste der USA oder in Europa. Vielleicht entdeckte ja Celia ein neues Medikament oder eine Krankheit, die nach ihr benannt werden würde, während Juanita als Pilotin der Aero Mexico einen A380 über den Atlantik steuerte.

Er lächelte still in sich hinein, als er aufstand und das Restaurant verließ. Natürlich ohne zu bezahlen, denn die Rancho gehörte ohnehin zu den Restaurants, die Schutzgeld an den Patron zahlen mussten.

Draußen in der Nachmittagssonne stand der gepanzerte Chevrolet Suburban und Fernando, sein Leibwächter, öffnete die Tür des schweren Wagens. Garcia blieb kurz stehen und genoss das bunte Treiben auf der Avenida mit den Tacarias und den Getränkeständen, die von Touristen dicht umlagert wurden.

Menschentrauben schoben sich auf den Bürgersteigen entlang. Ein mit bunten Bändern geschmückter weißer Esel, der mit einem kleinen Jungen auf seinem Rücken als Erinnerungsfoto herhalten sollte, war offenbar gar nicht damit einverstanden. Er vollführte wilde Sprünge, so dass sich der Kleine nur mit Mühe auf dem Tier halten konnte. Ein alternder Hippie in ausgeblichenen Jeans und einem zu großen Hemd versuchte vergeblich, ein Geländemotorrad zu starten, und konnte nur mit Mühe den Tritten des Esels ausweichen. Im Restaurant nebenan fand offenbar eine Geburtstagsparty statt. Eine Gruppe herumtollender Kinder zerschlug lachend mit Süßigkeiten gefüllte Piñatas. Mit lautem Gejohle stürzten sie sich dann auf die herabregnenden Leckereien.

Auf den Stufen zum Eingang der Rancho saß eine junge Frau in zerschlissener Kleidung und war froh über ein paar Pesos, die ihr einige Passanten zusteckten. Sie mochte früher vielleicht einmal hübsch gewesen sein, doch eine Krankheit hatte ihr Gesicht mit Narben völlig entstellt. Eine ältere Señora, gänzlich in schwarze Kleider gehüllt und mit einem goldenen Kreuz vor der Brust, das aussah, als wäre es für ihre gekrümmte Haltung verantwortlich, reichte der Bettlerin einen frischen Burrito von einem der Verkaufsstände. Dankbar nahm die junge Frau ihn entgegen und verschlang mit gierigen Bissen die warme Teigtasche. Auch Garcia bekam einen plötzlichen Anfall von Barmherzigkeit und legte ihr einen fünfhundert Peso Schein vor die Füße. Sie konnte ihr Glück kaum fassen und sah mit glänzenden Augen zu ihm auf.

„Gracías, muchos Gracías Patron“, murmelte sie, bevor sie die Reste des Burritos vertilgte.

Das bunte Treiben wurde von zwei jungen Frauen mit einem Smartphone gefilmt. Offensichtlich waren sie Touristinnen, aus Amerika oder vielleicht Europa. Für Garcia persönlich wären die dürren Dinger natürlich nichts, aber die Gringos waren auf diesen Typ Frau ganz verrückt und so schlecht sahen sie ja nun wirklich nicht aus. Die Blonde und die Schwarzhaarige würden sicher ein gutes Doppel abgeben. Beide waren knapp eins siebzig groß und hatten schulterlange Haare. Die gebräunte weiche Haut, die unter den knappen Jeans und den recht eng geschnittenen Shirts hervorschimmerte, ließen bestimmt so manches Männerherz höher schlagen. Er überlegte, was die beiden ihm wohl einbringen würden, verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder. Touristen, das bedeutete zu viel Aufsehen und mit der Policia Federal war in einem solchen Fall auch nicht zu spaßen. Auch wenn einige von ihnen auf seiner Gehaltsliste standen.

Als Garcia nur noch wenige Schritte vom Wagen entfernt war, hatte es der Hippie irgendwie geschafft dem völlig verdreckten Motorrad Leben einzuhauchen und es brummte leise vor sich hin. Er nahm gerade noch wahr, wie sein Leibwächter seine Glock aus dem Schulterhalfter reißen wollte und dann … explodierte sein Kopf.

Eine Wolke aus Blut, Knochensplittern und Gehirnmasse verteilten sich auf Fernando und zeichnete, wie von der Hand eines todbringenden Künstlers gelenkt, dessen Umrisse auf den Suburban. Dann brach auch er, von Kugeln durchsiebt, zusammen.

Es war, als hätte die Hölle ihre Tore geöffnet. Autos krachten ineinander und die Menschen stoben schreiend in alle Richtungen. Manche warfen sich zu Boden und ein Getränkestand kippte um, so dass sich die Flaschen und Eiswürfel klirrend auf der Straße verteilten.

Im dem Chaos bemerkte niemand, dass die junge Bettlerin, wie von einem unsichtbaren Katapult geschossen, lossprintete und hinter dem Hippie auf das Motorrad sprang. Der Motor heulte auf und die wendige Maschine verschwand zwischen den auseinanderstiebenden Menschen. Auf den Stufen, auf denen sie noch vor wenigen Augenblicken den Burrito verspeist hatte, ließ sie eine kleine automatische Waffe zurück.

Nur die beiden Touristinnen filmten immer noch wie gelähmt das Chaos, bevor sie es endlich schafften, sich auf den Boden zu werfen.

-2-

„So so, aus Deutschland sind Sie also“, stellte Capitan Rodriguez nach einem Blick in die Pässe fest.

Die beiden jungen Frauen zitterten immer noch am ganzen Körper. Und das lag keinesfalls an der Klimaanlage, die vergeblich versuchte, die Hitze aus dem Vernehmungszimmer zu vertreiben. In dem Blick unter den buschigen Augenbrauen des Capitans spiegelte sich eine Mischung aus Sorge und Skepsis. Alle Augenzeugen des Attentates waren auf das Polizeipräsidium gebracht worden, aber aus den Berichten ließ sich nichts Vernünftiges herausfiltern. Entweder hatten die Zeugen wirklich nichts gesehen oder sie schwiegen aus Angst. Einzig bei den beiden deutschen Frauen bestand etwas Hoffnung. Sie waren aus San Diego zu einem Tagesausflug nach Mexiko gekommen und würden in wenigen Tagen wieder in Deutschland sein. Zu weit weg für den Zugriff der Drogenkartelle.

„Ich habe die Aussage eines Zeugen“, fuhr Capitan Rodriguez fort, „und der hat zu Protokoll gegeben, dass Sie während der Schießerei mit ihrem Handy gefilmt haben.“

„Ja, … äh … irgendwie habe ich dieses Schlagen mit den Süßigkeiten gefilmt, wissen Sie“, antwortete Anna, die ältere der beiden Touristinnen, in einem entschuldigenden Tonfall. „Da war eine Party oder so. Aber dann ist mir mein Smartphone aus der Hand gefallen und irgendwie ist jetzt nichts mehr drauf.“ Mit fahrigen Bewegungen strich sie sich ihr schulterlanges schwarzes Haar in den Nacken und lächelte verlegen.

„Dürfte ich ihr Telefon vielleicht einmal sehen“, fragte Rodriguez, während er fordernd seine Hand ausstreckte.

„Natürlich, bitte sehr“, sagte sie und reichte es zitternd dem Capitan.

Der gab es an seinen Assistenten weiter, der mit dem Gerät sofort aus dem Zimmer verschwand.

Im Stillen dankte Mary ihrer Freundin Anna. Sie hatte geistesgegenwärtig die Speicherkarte in dem Telefon gegen eine leere Ersatzkarte getauscht, nachdem der Schock nachgelassen hatte und sie neben den anderen Passanten auf der Straße kauerten.

„Scheiße, Scheiße, verfickte Scheiße!“, fluchte sie dabei. „In was für einen Mist sind wir hier hineingeraten. Wenn die Bullen mitkriegen, dass wir das gefilmt haben, dann sind wir Zeugen. Und weißt du was mit Zeugen hier in Mexiko passiert?“

Mary schüttelte immer noch wie in Trance den Kopf.

„Wir tauchen nie wieder auf! Wir werden vergewaltigt und nachdem sie uns bei lebendigem Leib die Haut abgezogen haben, lösen sie uns in Säure auf!“

Mary übergab sich und kippte auf den Bürgersteig.