Die Dunkelmagierchroniken - Carsten Thomas - ebook

Die Dunkelmagierchroniken ebook

Carsten Thomas

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Opis

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, nachdem der Gottkönig der Welt Kyranis ihrer Magie beraubte und sich zum alleinigen Herrscher erkor. Seit jeher führen seine Anhänger, die Dunkelmagier, ein harsches Regiment über die vereiste Welt, in der nur unterirdisches Leben möglich ist. Unter ihrer Tyrannei fristen die überlebenden Rassen ein Dasein als Sklaven, geboren um dem Gottkönig bis in den Tod zu dienen. Im Rausch ihrer Macht verkennen sie jedoch, dass sich Widerstand regt – und das mitten unter ihnen. Band 1: Die Erben der Flamme In den Ruinen der Zwergenstadt Belerock zählt für die letzten Menschen der Welt nur eines: Überleben. Erbarmungslos bestimmen die Dunkelmagier das Leben von jedem von der Wiege bis zur Bahre. Lee ist ihr vorbestimmtes Schicksal als Untergebene zuwider, doch hätte sie nie zu träumen gewagt, dass ihr Protest am Großen Platz in eine gefährliche Reise mit dem jungen Aufwiegler Akio und dem archaischen Feuerwesen Cherome mündet, welche das Schicksal von ganz Kyranis verändern wird.

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Inhalt

Prolog – Das Geheime Lager

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Autorenbiografie

Carsten Thomas
Die Dunkelmagier- chronikenDie Erben der Flamme
© Wölfchen Verlag 2015
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar. ISBN: 978-3-943406-17-7 Print ISBN: 978-3-943406-18-4 EPUB Copyright (2015) Wölfchen Verlag Coverillustration: © 2015 Joachim »Joghurt« Lindner Lektorat: Cornelia Franke Hergestellt in Syke, Germany (EU) Wölfchen Verlag Radebergstraße 22 28857 Syke www.woelfchen-verlag.de

Prolog – Das Geheime Lager

Brega hielt den Atem an.

Eine Feuerwoge rollte über die Decke hinweg und fraß sich in Schichten aus Eis und Zeit. Sie prallte gegen einen mannshohen Eiszapfen, dessen Spitze sich löste und auf dem Boden zerschellte. Splitter bohrten sich in die Leiber von Bregas Feinden.

»Für die Freien Magier!«, rief eine junge Frau triumphierend. Sie ging am Rand der Holzbrücke in Kampfposition und ihre zerstörerische Energie loderte ein weiteres Mal um ihre Hände auf. Von der Gegenseite schwappte eine grüne Rauchwolke über den Abgrund auf die Magierin zu. Ihr letzter Schrei verhallte in den undurchdringlichen Schwaden des Giftnebels. Als der Rauch wich, lag die Novizin reglos am Boden.

Brega wandte seinen Blick ab und rutschte zur anderen Seite des Felsens, der den Eingang ins Geheime Lager flankierte. Seine Finger spannten sich um den Griff seiner Axt, als suche er vergebens Halt in einer Welt aus chaotischen Mächten, denen Stahl nicht gewachsen war. Ein Kind lag in einen Korb aus Wurzelfasern zu seinen Füßen. Eingehüllt in einer Lakami-Decke, war lediglich sein rosa Gesichtchen zu sehen. Sein Plärren verband sich mit dem Missklang aus gemurmelter Magie und rezitierten Gesängen, die von den Eiswänden widerhallten.

»Sch, Oralee, dein Vater und deine Mutter kommen gleich.« Mit der freien Hand strich Brega über den Kopf des Mädchens, doch wollte es sich nicht beruhigen.

Der Boden unter seinen Füßen bebte, als die Magie erneut aufprallte. Oralee machte einen überraschten Gluckser. Brega wagte einen Blick über den Felsen und erspähte Männer und Frauen in ausgeblichenen Roben, die am Rand des Abgrundes ausharrten, und um ihre Heimat kämpften. Magie umspielte ihre gespreizten Finger. Sie zeigte sich in einem Schauspiel der Elemente, deren Wirken an den Eiswänden reflektiert wurde. Unablässig flogen ihre Geschosse auf die Gegenseite der Brücke.

Brega hielt weiterhin Ausschau nach Oralees Eltern. Beim Schallen des Alarms waren sie sofort aufgebrochen, um ihren Brüdern und Schwestern beizustehen. Iltharis und Loranu hatten ihm den Schutz ihres Kindes anvertraut. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Der Schweiß auf seiner Haut vermischte sich mit den herabregnenden Tropfen der Eisdecke, die sich durch die zunehmende Hitze des Magiewirkens auflöste. Jahr um Jahr war die Kälte der Oberfläche tiefer in die Erde eingedrungen und hatte die Zuflucht mehr und mehr zu Eis erstarren lassen. Nun zerging es durch jene arkanen Kräfte, welche sich die Freien Magier selbst verboten hatten, um ihre Spuren zu verwischen. Bis heute. Die Dunkelmagier hatten den Unterschlupf der letzten Freien Magier von Kyranis gefunden und waren gekommen, sie zu vernichten.

Angespannt verfolgte Brega das Geschehen. Die Schlacht tobte weiterhin, die magischen Angriffe seiner Verbündeten konzentrierten sich inzwischen auf den neu entstandenen Schatten auf der gegenüberliegenden Seite der Grotte. Die Dunkelmagier hatten sich mit einem Netz ihrer finsteren Magie umgeben. Brega versuchte, die Gestalten vor dem Höhlenaufgang zu erkennen, das Gegenlicht der Oberwelt konnte das magische Netz der Dunkelmagier jedoch nicht durchdringen. Ebenso verhielt es sich mit den Magieschlägen der Freien, die von dem dunklen Magiekokon einfach verschluckt wurden.

Eine Stimme wie tausend Messerstiche erklang aus dem Inneren des Schutzschildes. Ihr Krächzen übertönte den Lärm des Kampfes: »Ihr Narren! Die Macht des Einen durchfließt uns. Mit eurer kümmerlichen Restmagie könnt ihr nicht bestehen. Zeigt Reue und ergebt euch, so sollt ihr die Gnade des Gottkönigs erfahren.«

»Für die Freien!«, schallte es als Antwort aus allen Kehlen.

Der Aufschrei der letzten freien Magier von Kyranis beantwortete der dunkle Sprecher mit Gelächter. »So denn, sterbt durch die Faust der Eisorks. Angriff!«

Nicht der eindringende Wind ließ Brega frösteln, es war die Präsenz der Kälte selbst, die sich nun zu rühren begann. Hinter der Magiehülle der Dunkelmagier traten saphirblaue Ungetüme hervor, die sogleich auf die Brücke zumarschierten. Ihre Schritte waren träge und schlurfend, sie wirkten wie wandernde Schneehügel, welche die Holzbrücke überrollten.

Vor einem Jahr war Brega im Geheimen Lager erwacht, ohne sich an sein vergangenes Leben erinnern zu können. Stets empfand er es wie eine Wiedergeburt, doch während er die Eisorks jetzt betrachtete, wurde ihm klar, dass diese nicht die ersten waren, denen er begegnet. Tief in seinem Innern wusste er, dass sie einer gut geführten Axt nicht standhalten würden.

»Ich muss ihnen beistehen, Kleines.« Vorsichtig zog Brega die Kapuze tiefer über Oralees Gesicht und schob den Korb in eine Mulde unter dem Felsen hinein. Dies würde vorerst als Versteck genügen. Er musste sich dennoch zwingen, von dem Mädchen abzulassen.

Rasch überwand Brega den Abstand zur Front. Mit der Axt in der Hand stürmte er an der Spitze der Freien Magier über die Brücke. Weiße, pupillenlose Augen der Eisorks blickten stoisch durch ihn hindurch. Ihre Hauer ragten wie Dolche aus den Fratzen hervor und ihre Hornhaut erinnerte Brega an ein zerklüftetes Eisfeld. Darunter befanden sich jedoch dumpfe Wesen, deren Lebenssinn es war, ihren Erschaffern, den Dunkelmagiern, zu gehorchen und für sie zu kämpfen. Bis zu ihrem Ende.

Das Aufstampfen der Eisorks ließ die Brücke erzittern. Ihre breiten Körper behinderten sie selbst, nur drei fanden zugleich auf dem Überweg Platz.

Noch ehe Brega den ersten Eisork erreichte, umschlang diesen ein blitzartiges Netz. Das Ungetüm wurde zu Seite gerissen und stürzte in die Tiefe. Nur noch ein Krachen verkündete seinem Aufprall auf den Eisspitzen, die sich wie Raubtierzähne vom weit entfernten Abgrund abhoben.

»Guter Schuss!«, rief Brega dem Magiernovizen zu, der an seiner Seite erschienen war.

Der Junge erwiderte es mit einem Lächeln, das jedoch einen Moment später in seinem Gesicht erstarb. Brega folgte seinem Blick. Kalte Angst umschlich sein Herz, aber waren es nicht die Eisorks, die sie auslöste. Pechschwarze Tentakel flogen aus dem Kokon der Magier über die Brücke hinweg und griffen nach der Eisorkgruppe. Bald waren die Wächter vollkommen von rauchenden Magiesträngen umschlossen: ein Schutzschild. Brega fluchte über die Hinterlist der Dunkelmagier, doch würde er sich davon nicht beeindrucken lassen.

Er überwand die wenigen Meter zum nächsten Eisork und drosch auf ihn ein. Schwerlich durchschnitt das Axtblatt die magischen Schlingen, die sofort wieder zusammenwuchsen. Der Eisork schwang seinen steinernen Knüppel, doch Brega duckte sich mühelos unter dem Schlag hinweg. Die Axt abwehrend vor dem Körper, setzte er zurück. Wie Salz in einer Wunde brannte in Brega der unüberhörbare Hohn der Dunkelmagier. Er hob die Waffe über den Kopf, machte eine Halbkreisbewegung und ließ sie auf die Brust eines Orks niederfahren. Knirschend durchbrach die Axt die harte Eishaut. Ohne jegliche Regung im Gesicht sackte der Koloss zu Boden, woraufhin sein Nebenmann den Platz einnahm. Sofort ging dessen Knüppelschlag auf Brega nieder, er konnte jedoch zur Seite ausweichen. Ein Blitzstrahl fuhr einen Augenblick später an ihm vorüber und prallte Funken sprühend auf die Brust des Eisorks.

»Brenne!« Erneut erschien der Novize neben Brega.

Das angeschlagene Monster taumelte, wurde aber von zwei dahinter stehenden Waffenbrüdern weiter vorgeschoben. Zu dritt schlurften sie auf Brega und den jungen Blitzmagier zu.

»Kommt doch her!« Der Novize holte provozierend mit seinem Stab aus und wollte den übergroßen Feinden entgegenlaufen.

Brega schnappte sich den kampfwütigen Jüngling und zog ihn zurück. Gerade noch rechtzeitig. Die Wucht des mehrmaligen Aufpralls riss sie beide zu Boden. In Bregas Ohren dröhnte es. Durch tränenverschleierte Augen sah er die drei Eisorks vor ihm wie weiße Fackeln aufleuchten, ehe sie zu Asche zerfielen. Aus der Ferne rauschten Magiekugeln und Blitze an Brega und den Novizen vorüber in den Pulk von Eisorks auf der Brücke hinein. Die Freien Magier hatten ihren Angriff fortgesetzt. Doch schritten die Eisorks weiterhin über die Brücke.

»Rückzug!« Eine befehlsgewohnte Stimme drang zu Brega durch und sofort wandte er sich um. Sein Blick fand einen Mann in sackähnlicher Robe und mit Haaren wie Stroh. Der Anführer der Freien Magier blickte über den Abgrund auf die andere Seite.

Iltharis’ Haltung wirkte entschlossen. »Beeilt euch!«

Brega zerrte den widerspenstigen Novizen mit sich und folgte den anderen Magiern hinterdrein. Einen Herzschlag später lag er erneut auf den Holzbohlen der Brücke. Klauen aus Schwärze umschlossen Bregas Beine, ehe er reagieren konnte, und brachten ihn sofort zu Fall. Neben sich sah er den Novizen liegen, ebenfalls von schwarzer Magie umschlungen. Seine Augen waren geschlossen und eine Platzwunde prangte ihm auf der Stirn. Wie Fesseln schnürte der Tentakelzauber der Dunkelmagier sich enger um Bregas Körper. Er stemmte sich gegen das magische Gefängnis, doch alsbald war er zur Bewegungslosigkeit verdammt.

»Brega!«

Er vernahm Iltharis’ Stimme. Der oberste Magier des Geheimen Lagers streckte in jenem Moment seine Hände aus und ein flimmerndes Grün spross aus ihnen hervor. Eine Frau in dunkelroter Robe gesellte sich an Iltharis’ Seite. Ihr Körper begann orangegelb aufzuleuchten, als Flammen nach ihr leckten. Loranu legte eine Hand auf Iltharis’ Schulter. Ihr Feuerzauber tastete sich vor und vermischte sich mit dem Grün in den Händen ihres Mannes. Die Holzbohlen unter Brega vibrierten. Doch er schaffte es, den Kopf so weit zu drehen, um in ein ausdrucksloses, bleiches Gesicht zu blicken. Ein Eisork näherte sich mit gleichmäßigen Schritten.

»Rührt euch nicht!«, rief Iltharis.

Braune Ranken wuchsen aus den Händen des Naturmagiers und Loranus Feuer umspielte das Geflecht, sodass es aufflammte. Gleich einem Peitschenschlag schnellten die brennenden Ranken auf die Tentakel um Bregas Körper nieder. Kräfte wallten um ihn, als wollten sie die Luft aus ihm herauspressen. Die Pflanzen zerlegten die schwarzen Fangarme, bis schließlich die Tentakel mitsamt Iltharis’ Naturzauber verpufften. Übrig blieb lediglich Staub.

Brega setzte sich auf und atmete durch. Ein klobiger Schatten erschien über ihm – er agierte reflexartig. Der Sprung nach hinten bewahrte ihm das Leben, denn eine Sekunde später zertrümmerte der Steinknüppel des Eisorks das Holz der Brücke, wo er gerade noch gelegen war. Mühevoll kroch Brega zu dem reglosen Jungen, packte ihn an den Unterarmen und zog ihn mit sich. Der von schwarzen Fäden eingehüllte Eisork holte erneut aus. Ebenso taten es die beiden Mitstreiter, die in diesem Moment an seiner Seite erschienen waren.

Brega bemerkte, wie sich etwas über ihm bewegte. Aus dem Nichts war ein glühender Film an der Decke erschienen. Lava prasselte wie Regen auf die drei Eisorks nieder. Sie verschwanden in einem Schwall aus Dampf, fielen um und rührten sich nicht mehr. Brega wandte sich ab, wuchtete sich den Novizen auf die Schulter und rannte zum Ende der Brücke.

Sofort schlossen ihn Dutzende Freie Magier ein und verstärkten den Angriff gegen die nahenden Eisorks. Brega entfernte sich ein gutes Stück vom Kampfgeschehen und suchte Deckung hinter einer Ansammlung von Felsen. Eine greise Heilerin nahm sich sogleich des jungen Blitzmagiers in seinen Armen an.

»Wo ist sie?« Zwei Hände rissen ihn unwirsch herum. Loranus Augen glühten wie Stichflammen. Ein Kranz aus Feuer hatte sich um ihre Handgelenke gebildet. »Sag mir, wo meine Tochter ist!«

Ein mehrfacher Aufschrei lenkte Loranu und Brega ab. Die Eisorks hatten die Brücke soeben hinter sich gelassen und gingen in den Nahkampf über. Dumpf gingen die Keulenschläge auf die Körper der Magier nieder, Brega hörte, wie Loranu die Luft einsog. Er fühlte sich, als ob jeder Hieb ihn selbst treffen würde.

Iltharis erschien an Loranus Seite. »Wo ist Oralee, Brega?«

»In Sicherheit«, erwiderte dieser schnaufend und deutete auf den Felsen am Eingangstunnel. »Sie ist in der Mulde. Dort, wo du deine Sachen für die Jagd bereitlegst.«

Iltharis’ Blick wurde hart. »Nimm sie und geh.«

Brega brauchte einige Sekunden, um zu begreifen. Er wollte etwas erwidern, doch Loranu kam ihm zuvor. »Nein! Nicht so!«

Iltharis umschloss die schlagenden Hände seiner Frau, die sofort unter seinem Griff erlahmten. »Es ist Oralees einzige Chance.«

Brega hörte nicht, was Loranu sagte. Der Druide berührte das Gesicht seiner Frau und auch seine Lippen formten lautlose Worte. Brega erkannte, dass sie sich mittels Gedanken unterhielten. Loranu riss sich von ihrem Mann los und trat Brega entgegen. Die Qual in ihren Augen verwandelte sich in ein Inferno, als sie sich vor ihm aufbaute.

»Beschütz sie.« Es war keine Drohung, die aus Loranus Stimme sprach. Es war die Bitte einer Mutter, die bereit war, ihr einziges Kind wegzugeben.

»Ich werde sie beschützen«, sagte Brega. Er wusste, dass er niemals anders entschieden hätte.

Loranu nickte kaum merklich. Abrupt wandte die Feuermagierin sich ab und eilte zurück zum Kampfgeschehen.

Iltharis senkte eine Hand auf seine Schulter. »Vor einem Jahr habe ich dich im Schneesturm gefunden und dich vor dem Tod bewahrt. Ich habe dich im Geheimen Lager aufgenommen und wie einen Bruder behandelt. Nun begleiche es.«

Bregas Lippen zitterten. Er war unfähig, etwas zu erwidern.

»Nimm den Fluchttunnel, bevor es zu spät ist«, fügte der Naturmagier hinzu. Wie zu Bestätigung von Iltharis’ Worten durchbrachen sechs Eisorks gerade die Verteidigungslinie der Freien Magier. Weitere setzten ihnen nach.

Brega duckte sich instinktiv, als plötzlich eine Wand aus Feuer über die ausfallenden Eisorks hinwegflog und explodierte. Die Höhle bebte. Iltharis und Brega hielten einander fest. Ein Blick genügte und sie beide wussten, dass dies Loranus Werk gewesen war. Unbeeindruckt preschten die Eisorks in den neu entstandenen Einschlagkrater hinein und stiegen über ihre toten Kameraden.

Iltharis schrie gegen den tobenden Kampflärm an. »Fliehe, mein Freund, und schau nicht zurück. Geh nach Süden, zur Zwergenstadt im Berg!«

»Ich soll nach Belerock aufbrechen, zum Herzen des Feindes?« Brega starrte Iltharis mit offenem Mund an.

»Der beste Schutz vor dem Feind ist, unerkannt in seiner Mitte zu sein«, spottete Iltharis mit zerknirschtem Gesicht. »Auf Kyranis gibt es keinen sicheren Ort mehr. Der letzte wird gerade eingenommen. Ich vertraue dir, Brega. Hier, nimm das. Schnell!«

Iltharis ließ einen goldenen Gegenstand in Bregas Hände fallen. Es war ein Ring. Der eingefasste Opal glühte, als würde er aus sich selbst heraus leuchten.

»Bewahre ihn gut.« Iltharis lächelte. »Wir halten sie so lange wie möglich auf. Los jetzt!«

Brega schaute seinem Freund in die Augen, dann wandte er sich ohne Worte der Verabschiedung ab und lief zum Eingang des Lagers. Mit einem Sprung überwand er den Felsen. Er kniete nieder und zog den Korb zu sich heran. Es fuhr ihm wie ein eiskalter Dolch durchs Herz, als Oralee sich nicht rührte. Rasch beugte er sich fingerbreit vor ihrem Gesicht hinab und lauschte. Der Atem war leise, aber er war da. Brega unterdrückte die Tränen, die ihm bereits kommen wollten. Das Mädchen schlief. All der Lärm und das Weinen hatten es wohl erschöpft.

Brega nahm den Korb an sich und eilte ins Innere des Geheimen Lagers. Ein letztes Mal drehte er sich um. Inmitten der Freien Magier machte er ein grüngelbes Licht aus. Loranus Feuer hüllte sie gänzlich ein, während Iltharis von Gewächsen umwuchert war. Einen Augenblick später verlor Brega Oralees Eltern aus den Augen, als die Eisorks sie erreichten.

Die Geräusche der Schlacht echoten durch den Tunnel, als ob auch hier gekämpft wurde. Das Grunzen der Eisorks, die Schreie der Magier, das Dröhnen der arkanen Mächte – alles verklang, je weiter er sich entfernte. Die Fackeln waren wie einzelne Inseln, die Bregas Weg mehr verdunkelten denn beleuchteten. Das zerklüftete Eis warf groteske Schattenspiele an die Wände.

Endlich erreichte er den Raum mit dem Felsvorsprung. Direkt dahinter befand sich unsichtbar für den außenstehenden Betrachter ein Spalt. Mit Oralee in den Armen kroch Brega den Fluchttunnel hinauf. Er erreichte den Aufgang zur Falltür, die zu Kyranis’ Oberwelt führte. Brega keuchte. Er hörte, wie sein Atem rasselte. Fern von der Schlacht wirkte die plötzlich einbrechende Stille trügerisch.

Erneut musste er seine Vergangenheit hinter sich lassen, so wie damals, als er hier im Geheimen Lager ohne Gedächtnis aufgewacht war. Die Erinnerung an das Leben im Lager würde jedoch diesmal nicht aus seinem Kopf verschwinden. Diese kostbaren Bilder und das kleine Bündel in seinen Armen waren alles, was ihm verblieben war. Brega weinte, als er die Falltür öffnete. Er wusste nicht, ob von blendenden Strahlen oder dem Schmerz in seiner Seele. Die Welt empfing ihn mit Licht und Kälte.

Kapitel 1

Brega holte den Rohling mit der Zange aus dem Schmiedefeuer der Esse, legte ihn auf den Amboss und fing an, ihm mit dem Hammer eine neue Gestalt zu verleihen.

Er erinnerte sich an die Worte des Dunkelmagiers, der vor einiger Zeit bei ihm eine Metallverkleidung für seine Edelsteintruhe bestellt hatte. »Du schlägst mit dem Hammer auf ein Stück Metall – sonst nichts. Also stimmt es doch. Ihr Ruinenbewohner seid nur für stupide Arbeit zu gebrauchen!«

Brega hatte so getan, als würde er nichts verstehen, bis der Magier und sein Diener samt Truhe wieder seine Schmiede verlassen hatten. Im Stillen hatte er den hochnäsigen Kerl jedoch verwünscht. Nur Unwissende meinten, dass er einfache Arbeit verrichtete. Dabei war jeder Hammerschlag anders, mal stärker, mal sanfter. Auf den Rhythmus kam es an. Nur so wurde das glühende Eisen flacher und bekam eine Krümmung. Brega hatte es im Blut, wie er schlagen musste, um am Ende die Form zu erhalten, die er bereits vor Augen sah. Schmieden war eine Kunst.

Brega seufzte. Was würde er dafür geben, wenn er aus diesem wunderbaren Stück Metall ein Schwert machen dürfte! Seit dreizehn Jahren war er nun Schmied in Ab’""Nahrim, den Tempelruinen von Belerock, und bis jetzt hatte er nur Messer und Werkzeuge, aber nicht eine einzige Waffe erschaffen. Die Dunkelmagier hatten den Ruinenbewohnern das Herstellen und Tragen von solchen verboten. Brega verspürte dennoch stets Freude an seiner Tätigkeit. Sogar mehr als das. Im Scherbenhaufen seiner verlorenen Erinnerungen hatte er ein Bild bewahrt. Umgeben von Wasserdampf, spritzenden Funken und der Musik von klirrendem Metall, sah er sich selbst vor Esse und Amboss stehen. Er wusste einfach, dass er bereits vor seinem Leben im Geheimen Lager Schmied gewesen war.

Die Schmiede, in der er arbeitete, war vor langer Zeit von seinem Vorgänger in einer Onyxhalle erbaut worden. Brega empfand es nicht allzu gemütlich in den Tempelruinen von Ab’""Nahrim, in welchen er arbeitete und lebte. Doch die Schmiede wärmte bei Nacht und das Zusammensein mit Lee und Vran hatte ihn jegliches Bedürfnis nach Komfort vergessen lassen.

»Das Essen ist fertig.«

Brega schaute auf. Vran stand im Säulentor der Onyxhalle und lächelte. Wie immer fühlte er sich, als würde etwas in ihm in Schwingung geraten. Das Lächeln war all die Jahre unverändert geblieben. Es war genauso wie in seiner Erinnerung, als Vran ihn damals gefunden und gerettet hatte.

Ewigkeiten schien es Brega her zu sein, als er völlig entkräftet mit Lee die Zwergenstadt Belerock erreicht hatte. In den Slums von Ab’""Nahrim suchte er im Unrat nach Essen und bettelte um Unterkunft. Überall jagten sie ihn fort, beschimpften und bespuckten ihn.

»Wie heißt dein Kind?«

Das Lächeln und die Worte waren es, die Brega zurückholten. Vran war ihm in der schäbigen Gasse wie ein Geist vorgekommen, als sie sich zu ihm hinabbeugte und das Kind in die Arme nahm.

»Keine Sorge, ich bin Hebamme. Dann kommt mal beide mit.«

Sie hatte Brega und Lee zu ihrer Tempelbehausung geführt, in der bereits zwei andere Familien lebten.

Während er jetzt das Gesicht seiner Ehefrau betrachtete, das von einem entbehrungsreichen Leben gezeichnet war, aber dennoch Schönheit und Güte bewahrt hatte, wusste Brega, dass er nicht nur vor dreizehn Jahren Glück besessen hatte.

»Ich bin gleich fertig«, sagte er und lächelte.

»Mach nicht zu lange.« Vran entfernte sich aus der Onyxhalle.

Brega trocknete sich das schweißnasse Gesicht ab und begutachtete seine Arbeit. Es fehlten noch einige Schläge, bis er zufrieden sein konnte. Er tauchte das Eisen in den Wasserbottich. Das Zischen des Dampfes ging durch den Raum und das Stück knackte.

Er musste schmunzeln, als er an seinen Meister dachte. Bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren hatte Otras jedem Kunden gerne die Geschichte von seinem sonderbaren Lehrling erzählt: »Der Kerl kam in meine Schmiede, ich wollte ihn testen. Brega nahm den Hammer und legte los. Ich schaute zu. In wenigen Stunden war der Dolch für meinen guten Alchemisten fertig! Eine Arbeit, für die selbst ich einen Tag gebraucht hätte!«

Otras hatte damals in der Goldenen Pyramide um Aufnahme von Brega als seinen Gehilfen gebeten. Nur die wohlwollenden Worte jenes guten Alchemisten, eines angesehenen Dunkelmagiers in Belerock, hatte eine Überprüfung von Brega verhindert und für seine Einstellung bei Otras gesorgt. Dadurch war er der Verpflichtung eines jeden Ruinenbewohners entgangen, in den Minen von Ab’""Nahrim nach Erz und Edelstein schürfen zu müssen. Dies entsprach der allgemeinen Arbeit in den Tempelruinen, falls man scheiterte, die Dunkelmagier von seinen Fähigkeiten zu überzeugen und damit einen besseren Beruf zu erlangen. Bis heute lag Brega manchmal wach in seinem Bett, seine Dummheit verfluchend. Was wäre damals ohne die Befürwortung jenes Alchemisten geschehen?

Sie hätten einen Wahrheitszauber auf mich anwenden können. Sie hätten herausgefunden, wie ich mit Lee in Belerock eingedrungen bin, und sie hätten Lees wahre Herkunft erkannt.

Kurz vor seinem Tod hatte Otras die Schmiede an Brega vermacht. Es erwies sich als günstige Wendung. Denn Vran verlor zur selben Zeit ihre Behausung und auch ihre Arbeit als Hebamme. Ohne Vorwarnung tauchte ein Dunkelmagier vor ihrer Haustür auf und beschlagnahmte den Tempel als sein Eigentum. Die Szene erschien Brega noch heute leibhaftig vor Augen. Vrans Tränen in den Augenwinkeln, als der Magier hämisch grinsend seine neue Behausung bezogen hatte, und seine Gedanken, ihn dafür zu erwürgen. Doch geschahen jene Hausbesetzungen nicht selten in Ab’""Nahrim.

Vran, Brega und Lee waren samt der anderen Familien hinausgeworfen worden. Daraufhin hatten sie sich von den Familien getrennt und waren in das Obergeschoss von Otras Schmiede gezogen.

Brega zog das Eisen aus dem Bottich und legte es weg. Er verschaffte sich einen Überblick, was heute noch zu tun war.

»Brega!«

Der Schmied fuhr herum. Lee eilte am Tisch vorbei auf ihn zu. Wie immer schaute Brega zweimal hin, um sicherzustellen, dass diese junge Frau einmal das Mädchen gewesen war, welches hier vor ihm gesessen und mit Eisenfigürchen gespielt hatte. Wo war das unbezähmbare Haar geblieben, wo die Schnute, die er so geliebt hatte? Lee wirkte inzwischen unglaublich ernst. Bei ihrem Anblick flüsterte manch Zwergenhändler: »Dschungelelf«, da seine Tochter angeblich die Anmut und die Grazie des legendären Volkes von Duskan besitzen sollte. Doch Brega hielt nicht viel vom Gerede der Zwerge – so wie von Zwergen allgemein.

Lee war vierzehn geworden und Brega schmerzte es, da sich der Zeitpunkt näherte, an dem sie ihn verlassen und ihr eigenes Leben mit einem Mann beginnen würde. Ihm graute allein die Vorstellung, dass irgendein Jüngling bei ihm aufkreuzen und um Lees Hand bitten würde. Doch der Tag rückte näher und Brega wusste, dass er sich innerlich darauf vorbereiten musste. Vor einigen Tagen hatte ihm bereits Vran gesagt, dass er akzeptieren müsse, dass Lee erwachsen wurde.

Die Flammen der Esse beschienen Lees Gesicht. Die leicht schräg stehenden Mandelaugen funkelten.

»Oralee, wie siehst du denn wieder aus?«, fragte er. »Dein Gesicht ist so schwarz wie dein Haar.«

»Oh, Brega. Nenn mich doch endlich so wie alle anderen auch«, sagte Lee eingeschnappt.

Brega lachte in sich hinein. Außer ihm nannte sie keiner bei vollem Namen. Er machte es auch nur, wenn er streng sein wollte. So wie jetzt. »Die Kapuzen an den Schutzmänteln sind nicht zur Zierde da.«

Brega betonte »Schutz« mit einer Anspielung auf Lees geöffneten Mantel und den vor Ruß starrenden Gewändern darunter. Lee betastete ihr Gesicht und den Hals. Brega entging nicht, wie sie überaus rasch den Kragen hochzog.

So leicht kriegst du den Schmutz nicht los, dachte er belustigt, doch zugleich fand er es befremdlich, dass ihm seine Tochter dabei nicht in die Augen sehen konnte.

Vran nannte es nutzlos, wenn man seinen Kindern in einer unterirdischen Zwergenstadt, umgeben von Lavaflüssen, rauchenden Maschinen, Fabriken und Werkstätten, beibringen wollte, mehr auf ihr Äußeres zu achten. Brega hatte noch nicht aufgegeben. Es ging ihm auch um etwas anderes. Ab’""Nahrim blieb gefährlich, egal wie sehr Vran oder Lee ihm von Gegenteil überzeugen wollten. Dabei dachte Brega weniger an die Lava, die sich durch Ab’""Nahrim zog, sondern vielmehr an das, was in der Luft lag und aus Belerock zu ihnen in die Tempelruinen herüberwehte. Der Ruß der Schmieden, die Asche auf den Straßen, der Qualm der Öfen: All dies konnte eingeatmet werden und war nicht harmlos. Jeder, der außerhalb von Tempeln verkehrte, war dazu verpflichtet, zu seinem eigenen Schutz ein Gesichtstuch und ein Kapuze als auch einen Stoffmantel aus Lakami-Fasern zu tragen.

Die hellbraunen Lakami-Sträucher wuchsen in der Nähe von Lavaströmen. Ihre Feuer- und Hitzeresistenz suchte ihresgleichen, sodass der Mantel aus Lakami den besten Schutz für ein Leben in den Tempelruinen bildete. Auch Brega hatte sich daran gewöhnt, Lakami wie eine zweite Haut zu tragen. Bei seiner Ankunft in Ab’""Nahrim hatte er nicht an die wundervolle Wirkung glauben wollen, doch hatte er erlebt, was mit Ruinenbewohnern geschah, die sich gegen Lakami sträubten. Sie wurden mit der Zeit krank und gingen langsam zugrunde. Lakami entfaltete seine Wirkung jedoch nur, wenn er dicht am Körper getragen wurde – und nicht lose hinabhing.

Brega senkte die Stimme. »Ich werde dir nicht jeden Tag sagen, wozu der Mantel gut ist und …«

»Ist doch egal, wie ich aussehe!«, warf Lee dazwischen. »Sie haben ihn mitgenommen.«

Brega hielt verdutzt inne. Lee fluchte, wie es ein Zwerg nicht besser gekonnt hätte, und sprach weiter. »Ein Spürhund tauchte mit seinem Eisork im Unterricht auf. Sie haben Nandir einfach mitgenommen.«

Brega versuchte, sich seine Bestürzung nicht anmerken zu lassen, obwohl sein Innerstes bebte. Von Vran wusste er, dass Nandir einer von Lees Mitschülern war. Angst regte sich in ihm. Das Gefühl, verfolgt zu werden, war all die Jahre nicht von ihm gewichen.

Spürhund war die verächtliche Bezeichnung für die Sucher der Dunkelmagier, deren Aufgabe es war, jegliche Magie aufzuspüren, die Bewohner in Ab’""Nahrim in sich trugen. Angeblich sollte es einstmals Wesen auf vier Beinen gegeben haben, von dem der Name abstammte. Vor der Eiszeit. Sie sollten wilde Jäger gewesen sein, die ihre Beute im Rudel verfolgten und erlegten. Manche Leute behaupteten gar, sie würden noch in der Oberwelt existieren. Brega tat diese Schankmärchen der Zwerge gerne mit einem Lächeln ab. Doch Ruinenbewohner liebten solche Geschichten.

»Das ist nicht alles«, fuhr Lee fort. Sie zog ihre Nase kraus, als hätte sie etwas Ekliges gerochen. »Nach der Schule prahlte Kala damit, dass es ihr Vater gewesen war, der Nandirs Familie in der Goldenen Pyramide gemeldet hat: ›Mein Vater, der Vorsitzende der Schattenhand, hat die Verbrecher erwischt, die Nandir seinen Platz als Gesegneten wegnehmen wollten!‹«

Lee ahmte das Mädchen aus ihrer Klasse auf beeindruckende Weise nach, doch Bregas Sorgen nahmen dadurch nicht ab. Er kannte die Schattenhand nur zu gut. Oft kam ein Schattenprediger in seine Schmiede und begann seine Kundschaft einzulullen. Zu gerne wollte er diesen scheinheiligen Spinnern jedes Mal den Hammer über den Kopf ziehen, wenn er sie sah. Aber hielt er sich stets zurück und wartete, bis sie von selbst gegangen waren. Die Gefahr, sich zu verraten, war zu groß. Unter den Bewohnern von Ab’""Nahrim war die Schattenhand ein Kult von Fanatikern, welche die Dunkelmagier anbeteten und sich bei ihnen anbiederten. Ihre Besessenheit ging sogar so weit, dass sie den Irrglauben um den dubiosen Gottkönig von den Dunkelmagiern übernommen hatten und ihn mit Gebetsorgien in versteckten Grotten in Ab’""Nahrim auslebten. Ebenso wie die Spürhunde der Dunkelmagier hatten sie es sich zur Aufgabe gemacht, Magiekundige unter den Bewohnern Ab’""Nahrims aufzudecken. Anhänger der Schattenhand nutzten jedoch List als Waffe gegen ihre Mitmenschen. Sie beschatteten ihre eigenen Nachbarn, suchten nach verräterischen Anzeichen oder setzten gar Gerüchte in die Welt. Brega wusste, was Familien drohte, die magiefähige Kinder, auch Gesegnete genannt, versteckt hielten: eine Gefangenschaft in den Katakomben der Zwergenminen. Dies würde nun den Eltern dieses Nandir bevorstehen.

»Kala sagte, sie hofft, dass Nandirs Eltern verrotten«, sagte Lee. »Da habe ich sie gestoßen und sie ist hingefallen.«

»Du hast was?« Brega trat Lee entgegen. Seine Tochter war groß geworden, sie überragte bereits Vran. In diesem Augenblick wirkte sie jedoch wie ein trotziges, kleines Mädchen.

»Du verstehst es nicht.« Lee hielt seinem Blick stand und machte eine sachte Handbewegung. Sie ahmte wohl den Schlag nach. »Ich habe Kala kaum berührt, sie ist mit Absicht hingefallen.«

»Habe ich dir solch ein Benehmen beigebracht?« Brega konnte seine Wut kaum zügeln. Röte stieg ihm ins Gesicht.

»Irgendjemdand musste etwas tun!«, protestierte Lee. »Das Biest kommandiert alle in der Klasse herum, denkt, sie wäre etwas Besseres wegen ihres großkotzigen Vaters!«

Auf einmal beschlich Brega eine unsagbare Kälte, die vom Nacken her den Rücken hinabwanderte. Wenn Kalas Vater wirklich einen hohen Posten in der Schattenhand besaß – die Folgen waren unabsehbar. Brega riss der Geduldsfaden.

»Wie konntest du nur so dumm sein?« Er ließ seine Faust scheppernd auf den Tisch niedergehen. »Du bist alt genug, um zu wissen, dass man sich nicht mit der Schattenhand anlegt!«

»Du behandelst mich wie ein Kleinkind«, erwiderte Lee. Ihre Stimme färbte sich dunkel. »Von deiner Angst wird mir schlecht.«

»So sprichst du mit mir?«, gab Brega schwach zurück.

Aber Lee lag goldrichtig. Er fürchtete sich um sie. Wie gerne würde er Lee sagen, warum er sich so verhielt, woher seine Vorsicht rührte. Er konnte es nicht – so wie die letzten dreizehn Jahre nicht.

»Ich hab keine Angst.« Lee presste ein flaches Lachen hervor. »Soll Kala zu ihrem Vater gehen und petzen, dann holen sie mich wie Nandir. Aber ist es nicht egal? Alle sind falsch in Ab’""Nahrim: die Lehrer, die Schüler, die Leute. Alle sprechen hinter vorgehaltener Hand und belügen sich. Auch du bist verlogen.«

Brega fuhr es wie ein Hieb in die Magengrube. Ungläubig musterte er seine Tochter. Was hatte er bloß falsch gemacht? Ehe er sich seiner Worte klar werden konnte, war Brega an Lee heran und legte ihr beide Hände auf die Schultern. »Irgendwann werde ich es dir erklären.«

Brega schluckte. Was er auch Weiteres sagen wollte, es blieb ihm im Hals stecken. Erst jetzt erkannte er, dass etwas fehlte – etwas Bestimmtes, für das er vor vielen Jahren sein Wertvollstes opfern musste, um es zu erlangen. Brega wurde sich jetzt bewusst, warum Lee vorhin den Kragen so auffällig hochgezogen hatte.

»Wo ist dein Shako?«, flüsterte er. Sein Griff spannte sich an.

»Ich habe ihn versehentlich abgelegt«, erwiderte sie kleinlaut.

Der gehetzte Blick in Lees Augen ging Brega zu Herzen. Aber was sie getan hatte, war unentschuldbar. Es war ihm, als würden die quälenden Gedanken von Jahren zugleich auf ihn einprügeln.

»Lüg mich nicht an!« Brega schüttelte sie. »Wie konntest du ihn nur abnehmen? Was, wenn die Spürhunde dich bemerkt hätten? Sie hätten dich mitnehmen können!«

Zeit ihres Lebens hatte er Lee beschützt sowie ihre Tarnung aufrechterhalten. Nun konnte alles vergebens sein – wegen eines verdammten Halsrings.

»Brega, lass sie los.«

Schwer atmend blinzelte er, suchte nach der ruhigen Stimme, als ob er sich im Nebel seiner Angst vortasten musste. Vran stand an seiner Seite. Ihr Blick war auf seine Hände gerichtet, die immer noch auf Lees schmalen Schultern lagen.

Als hätte er sich verbrannt, ließ Brega Lee frei. »Es tut mir leid.«

»Ich hasse dich.« Unter Tränen wich seine Tochter zurück.

»Er hat es nicht so gemeint, Lee«, beschwichtigte Vran.

Lee riss ungestüm an ihrem Kragen und holte mit der anderen Hand den glanzlosen Eisenring aus ihrer Manteltasche hervor, deswegen der ganze Ärger entstanden war.

»Da.« Sie legte sich sogleich den Shako an ihren Hals. Es klickte, als das Schloss des Rings einrastete. »Bist du nun zufrieden, ja? Jetzt gehöre ich wieder dazu. Jetzt bin ich wieder ein Sklave, genauso wie du mich haben willst!«

»Lee, bitte.« Brega streckte eine Hand nach seiner Tochter aus.

Sie kam ihm zuvor, indem sie sich an den Tisch vorbeipresste und wegrannte.

Brega lief ihr hinterher. »Wo willst du hin?«

»Dorthin, wo du nicht bist!« Lee verschwand aus der Onyxhalle.

»Warte …«

Eine Hand hielt Brega zurück. »Lass sie«, sagte Vran. »Sie beruhigt sich wieder.«

Widerwillig verharrte er auf der Stelle. »Ich weiß nicht, was sie vorhat.«

»Nein. Das weißt du nicht und du musst dich daran gewöhnen, es nicht zu wissen. Wie oft noch, Brega … Lee ist kein Kind mehr«, sagte Vran.

Er schwieg und senkte den Blick.

Sie legte eine Hand an seine Wange. »Lee hat sehr viel von deinem aufbrausenden Charakter. Und dass, obwohl sie nicht dein Kind ist.«

Bregas Augen weiteten sich. Er wich einen Schritt zurück. »Wie kannst du das wissen?«, keuchte er. »Nie habe ich all die Jahre … Warum?«

Die Erkenntnis, dass seine Frau über all die Jahre Bescheid wusste, überforderte ihn.

»Denkst du, ich bin blind, alter Brummer? Ich habe euch damals in der Gasse nahe der Taverne aufgefunden. Bereits da wusste ich, dass du nicht ihr Vater bist – und dass nicht wegen des Äußeren.« Vran schmunzelte, wurde jedoch gleich wieder ernst. »Ich spürte es. Nenn es die Intuition einer Hebamme.«

Vran gab Brega wieder das Lächeln, das er liebte, das er jetzt so sehr brauchte. Ihm fehlten die Worte.

»Ich wollte nie deine Vergangenheit wissen«, fuhr Vran fort. »Aber Lee verändert sich und ich sehe nun, ich muss alles erfahren, um ihr helfen zu können. Nach der ganzen Zeit könntest du mir endlich verraten, vor was ihr damals geflohen seid.«

Vran wartete. Brega seufzte ergeben und setzte sich zu seiner Frau. Dann fing er an zu erzählen.

Kapitel 2

Lee befestigte ihr Gesichtstuch an der Lasche ihrer Kapuze. Der Rauch hing grauschwarz an der Höhlendecke von Ab’""Nahrim. Trotz der Abgrenzung der Tempelruinen von Belerock durch das Tor der Unsterblichen Namen drang der Qualm der Zwergenwerkstätten unablässig in die Grotte hinein. Der Kristall am Großen Platz von Ab’""Nahrim beleuchtete Geröll und Schutt der eingefallenen Tempelbauten. Das dämmrige Licht warf wirre Schattenfiguren. Es wirkte, als ob lebendige Wesen über Lees Weg huschten. Davon abgelenkt, hatte sie nicht auf den Weg geachtet. Ihr Fuß versank in einem Aschehaufen, dunkler Staub wehte sogleich auf und hüllte sie ein. Brega würde sie erneut tadeln.

Soll er doch, dachte Lee bitter.

Sie hörte Kinderlachen und Lee drehte sich danach um. Schmutzig graue Gesichter eilten an ihr vorbei und grinsten sie keck an.

»Der Schatz ist dort!«, rief ein Junge mit einem fleckigen Tuch über den Kopf. Er deutete auf die Fassade einer Tempelruine. Lee nahm an, dass er der Anführer der Gruppe war, denn die Kinderbande rannte ihm hinterher. Vor wenigen Jahren noch hatte Lee ebenfalls Schatzsuche gespielt, Verstecken, Zwergenkrieger oder all die anderen Sachen, die Kinder in Ab’""Nahrim so machen konnten. Immer jammerten die Eltern, in was für einer schrecklichen Welt ihre Kleinen leben und aufwachsen mussten. Darüber konnte Lee nur lachen. Ab’""Nahrim war für ein Kind jeden Tag Abenteuer, Entdeckungsreise und Spaß. Die Dunkelmagier sprachen von Slums und Ruinen; für Lee war es ihre Heimat.

Sie schritt durch eine Gasse, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Ein durch Zerstörung entstandener Weg, der sich durch brachliegende Häuser schlängelte und eine Abkürzung zur Hauptstraße bildete. Lee schlüpfte durch eine Spalte in der Mauer und drang in einen kegelförmigen Tempel ein. Wie von selbst fuhren ihre Hände zur Fackel, die an einer Schlaufe seitlich an ihrem Lakami-Mantel befestigt war. Mit geübten Schlägen des Feuersteins brachte sie den Stoffballen an deren Ende zum Leuchten. Wie jeder Einwohner von Ab’""Nahrim trug auch Lee eine abgebrochene Spitze der herabhängenden Tropfsteine aus den Höhlen mit sich, die den Ruinenbewohnern als Feuerträger dienten. In Ab’""Nahrim musste man stets für dunkle Gänge und Räume gewappnet sein.

Lee schwenkte die Fackel durch den Korridor. Zerkratzte Inschriften schmückten die Wände und erinnerten an die große Zeit der Zwerge. Sie eilte durch den Tempelbau und beachtete nicht die barttragenden Büsten, die ihren Weg säumten.

Er hat mich geschüttelt.

Lee konnte nicht bestimmen, was an diesem Tag schlimmer für sie gewesen war: in der Tempelschule von einem Dunkelmagier, einer Witzfigur von einem Lehrer, belogen zu werden oder die Tatsache, dass ihr Vater das Gleiche mit ihr tat. Sie schlüpfte durch die Überreste eines Torbogens weiter ins Innere des Tempels. Ein Kreis von behauenen Steinen, oder was davon übrig war, schmückte das Zentrum des Raumes.

Lee seufzte auf. Zaghaft berührte sie ihre Schulter. Es tat nicht weh, doch die Erinnerung an Bregas Griff würde bleiben. In Lees Auffassung blieb ihr Vater stets der riesige Mann mit den großen Schmiedehänden, dessen sanftmütiges Gesicht selbst Narben und eine mehrfach gebrochene Nase nicht schmälern konnten. Oft erschien ihr Brega jedoch mehr als nur Schmied zu sein. Manchmal – so wie heute – offenbarte er eine ganz andere Seite. Bereits seit Jahren wusste Lee, dass ihr Vater etwas vor ihr verbarg. Sie hoffte immer noch, dass er sich ihr irgendwann offenbaren würde. Vielleicht konnte sie ihm dann helfen.

Lee kletterte über die losen Mauerziegel einer eingebrochenen Wand in den nächsten Raum hinein. Das Shako, der Ring, deswegen Brega sich so aufgeregt hatte, lag wieder um ihren Hals. Sie trug ihn, seit sie denken konnte. Er war Teil ihres Lebens, wie ein Kleidungsstück, das man gar nicht mehr wahrnahm. Dabei war das Shako ihr aufgezwungen worden, ohne dass sie je gefragt hätte, ob sie eins tragen wollte!

Lee strich über die Einkerbungen auf dem kalten Metall an ihrem Hals und schluckte. Es waren Runen der Dunkelmagier. So wie der ganze Ring ein Symbol der Unterdrückung der Dunkelmagier war.

Sie erreichte eine umgestürzte Säule und kroch unter ihr hindurch ins Freie. Endlich gelangte Lee zur Hauptstraße. Sie führte direkt zum Versammlungsort von Ab’""Nahrim, der von allen nur Großer Platz genannt wurde. Sie konnte ihn von ihrer erhöhten Position gut erkennen. Ein haushoher Kristall thronte in der Mitte der platt gestampften Aschenebene und warf sein Licht auf Hunderte Menschen, die sich dort bereits eingefunden hatten.

Der Bergkristall war einer der wenigen noch komplett erhaltenen Relikte aus dem damaligen Ab’""Nahrim der Zwerge, dem heiligen Tempelreich von Belerock. Im ausgehöhlten Innern des Kristalls brannte ein einfaches Feuer, das von Oberfläche tausendfach verstärkt wurde. Lee schauderte bei der Vorstellung, dass die Zwerge früher das Feuer auf nichtmagische Weise aufrechterhalten hatten. Tag und Nacht hatten Läufer Holz durch den Tunnel zum Kristall schleppen müssen. Lee vermutete, dass das Licht des gigantischen Quarzsteins zur Ehre irgendeines ihrer Götter gereichen sollte. Davon hatten die Zwerge mehr als genug.

Nun brannte das Feuer immerdar; die Dunkelmagier versetzten es in ungewissen Abständen mit Magie. Ein unverkennbares Zeichen ihrer Macht. Für die Menschen von Ab’""Nahrim war der Kristall jedoch nur für eines von Bedeutung: als riesiger Lichtspender, der die Tempelruinen beleuchtete. Sonst würden sie in Finsternis leben müssen.

Wenn Lee ihren Geburtsort betrachtete, den Ascheplatz, die verwüsteten Tempelanlagen und die zerklüftete Höhlendecke, wurde ihr erneut bewusst, dass Zehntausende Menschen hier unter der Erde hausten. Ab’""Nahrim war einst eine Pilgerstätte gewesen, ein gewaltiger Höhlenkomplex, die am Tor der Unsterblichen Namen von der Zwergenstadt selbst abzweigte und einen separaten Ort bildete. Noch heute zeugten zerbrochene Alabasterstatuen und besser erhaltene Tempel vom vergangenen Ruhm des Bergvolks.

Ihr Lehrmeister Dionadus hatte Lee viel über Ab’""Nahrim als auch Belerock erzählt. Der glatzköpfige Mann mit dem grauen Haarkranz hatte ihr mehr in einem Jahr beigebracht, als sie in ihrer gesamten bisherigen Schulzeit gelernt hatte. Aber Lee saß inzwischen sowieso nur noch ihre Zeit in der Tempelschule der Dunkelmagier ab. Diese war eine Farce. Die Kinder der Ruinenbewohner lernten so zu sein, wie die Magier sie später haben wollten: gehorsame Untergebene. Wäre Lee niemals auf Dionadus getroffen – sie wollte gar nicht daran denken, wie unwissend und naiv sie jetzt sein würde. Sie hatte sich bereits damals geschworen, dass ihr niemand mehr etwas vormachen würde.

Sie entsann sich an ihre erste Begegnung auf einer Straße in den südlichen Tempelruinen. Wie der Mann, der von sich sagte, ein Priester von Zorbath zu sein, einen Stapel Bücher trug und fast gestolpert wäre. Lee hatte Dionadus davor bewahrt und ihm einen Teil seiner Last abgenommen. Anschließend hatte sie ihn zu seinem Tempel begleitet und dort eine Welt aus verbotenen Büchern und Schriftrollen kennengelernt.

»Irgendwann werden die Menschen wieder auf der Erde leben und nicht in ihr.« Mit einem verschmitzten Lächeln hatte der Priester gestern eine ungläubige Lee verabschiedet und sie gebeten, über seine Worte nachzudenken.

Und wie Lee darüber nachgedacht hatte! Stunden um Stunden hatte sie sich im Bett hin und her gewälzt. Ihr Dunkelmagier-Lehrer hatte Lee und den anderen Kindern der Klasse die Oberwelt als toten Ort beschrieben: »Die Menschen wurden vom Gottkönig erschaffen, um seinen Gesandten, den Dunkelmagiern, in der Unterwelt zu Diensten zu sein. Es gab und wird immer nur ein Leben unter der Erde geben.«

Lee legte ihren Kopf in den Nacken und blickte vom Platz auf. Das Licht des gewaltigen Bergkristalls erhellte vertraute Umrisse. Weit über ihr lag die Höhlendecke der Tempelruinen. Myriaden von Quarzkristallen funkelten im Schein des Lichtes.

Wie die Welt dort oben wohl aussieht?

Dionadus hatte ihr von Kyranis erzählt. Ein Ort aus kaltem Wasser, das Weiß geworden war und Leben unmöglich machte. Eine Eiswelt. Ein Land, das sich weiter erstreckte, als man sehen konnte, und das keine Decke aus Stein besaß, sondern einen unendlich weiten Himmel. Wie gerne würde Lee die wunderlichen Dinge wie diesen Himmel sehen, die zu unglaublich klangen, um wahr zu sein. Noch heute wollte sie Dionadus besuchen und mehr über Kyranis erfahren. Ein jeder sollte mehr darüber erfahren …

Lee war am Großen Platz angekommen. Sie drückte sich an den Menschen vorbei und überhörte die Beschimpfungen, die ihr deswegen nachgerufen wurden. Nach einigem Schubsen ergatterte sie sich eine Stelle nahe dem leeren Podium gegenüber dem Bergkristall. Lee schaute über die Köpfe hinweg auf die Goldene Pyramide am Ende des Platzes. Das glänzende Bauwerk bildete das Zentrum von Ab’""Nahrim. Doch die Goldene Pyramide war überhaupt nicht golden. Brega hatte es ihr erklärt. Die Steinmetze der Zwerge hatten einstmals dieses Bauwerk erschaffen. Die Pyramide war stufenweise aus Steinquadern errichtet und anschließend mit spiegelglattem Marmor verkleidet worden, sodass es im Schein des Kristalls erschien, als würde sie golden aufleuchten.

»Dort ist jetzt Nandir«, murmelte Lee vor sich hin.

In der Pyramide lebten die Gesegneten. Ihr Schulkamerad befand sich nun irgendwo innerhalb dieser Gemäuer. Lee hoffte, dass es ihm gut erging.

In Lumpen gekleidete Ruinenbewohner säumten den Platz. Lee warf einen Blick an sich hinunter. Obwohl sie eine ordentliche Lakami-Kleidung besaß, unterschied sie sich dank des Drecks kaum von den anderen. Ein Verkrüppelter stolperte an ihr vorüber, sein Gesicht zeigte freudige Erwartung. Betrunkene johlten im Hintergrund ein altes Lied, Frauen standen unweit daneben und kicherten hinter vorgehaltener Hand. Einige Kinder stürmten durch die Menge und schubsten eine alte Frau um, die sich lauthals empörte. Die Menschen waren unruhig, während sie zur Pyramide und dem Podium drängten. Ihre Anspannung war beinahe greifbar. Lee befand sich inmitten der Bettler von Ab’""Nahrim, kurz vor der Essensausgabe am Großen Platz. Zu alt und krank, um in den Minen zu arbeiten, oder zu arm, um die Kinder zu versorgen, suchten die Untersten der Unteren jeden Tag den Platz auf. Dort warteten sie auf die tägliche Gabe der Dunkelmagier.

Lee war in den Ruinen geboren, sie kannte nichts anderes als die Herrschaft der Dunkelmagier. Dennoch verspürte sie stets eine tiefe Abneigung gegenüber ihren Mitmenschen, die bereit waren, sich für die Gunst der Dunkelmagier zu erniedrigen. Lee ballte ihre Fäuste. Heute würde sich etwas ändern.

»Sie sind zu spät! Sie sind zu spät!«

Lee sah einen Greis mit zahnlosem Mund, der fast in der wogenden Menschenmasse unterging, aber sich mithilfe seines Stocks Gehör verschaffte. Unweit vor ihr hörte Lee Anfeuerungsrufe. Zwischen den Menschen wälzten sich im Staub der Ebene zwei junge Männer und lagen sich in den Haaren. Geduld, ermahnte sich Lee, während sie wartete. Sie würden kommen – sie kamen immer. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie erscheinen würden. Dann sah Lee sie. Die Stimmen verstummten und die Leute wichen schlagartig zurück. Zwei hellblaue Ungetüme bahnten sich ohne Rücksicht einen Weg zu den Kämpfenden hindurch. Die Eisorks packten die Männer am Genick und trennten sie wie zwei sich balgende Kinder. Im Griff der kalten Monster flachte ihre Streitlust sofort ab. Stattdessen flehten sie nun um Gnade.

Doch Eisorks kannten dieses Wort und seine Bedeutung nicht. Während ihre Schöpfer, die Dunkelmagier, in den steinernen Prunkvillen der Zwerge in Belerock hausten, hatten sie die Eisorks als Wächter in Ab’""Nahrim gelassen. Viele fürchteten diese Bestien. Auch Lee hatte sich stets in den Trümmern einer Ruine versteckt, sobald eine Eisorkpatrouille vorbeimarschierte. Inzwischen wusste sie es besser. Abermals griff Lee in die Tasche und umfasste dessen schweren Inhalt, als ob dieser ihr Sicherheit geben würde.

»Es sind Golems«, hatte Dionadus ihr erklärt. »Willenlose Wesen, deren einzige Bestimmung es ist, den Dunkelmagiern bis in den Tod zu dienen – wobei fraglich ist, ob man bei Eisorks überhaupt von Leben sprechen kann.«

Weiter hatte Dionadus ihr gesagt, dass die grobschlächtigen Wesen auf bestimmte Muster reagierten. »Sie sind nicht dumm, aber auch nicht denkende Wesen. Es ist so, als wenn ein Funke in ihrem Kopf überspringt und einen Befehl ihrer Erschaffer dort entzündet. Zum Beispiel sehen sie die schwarzen Roben der Dunkelmagier und erkennen: Meister. Ein weiteres Merkmal sind Kampfhandlungen. Du kannst sie anschreien, verfluchen, meinetwegen vor ihnen tanzen – Eisorks werden erst aktiv, wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt. Ob der Angriff sich gegen sie oder andere richtet, ist ihnen egal. Die Täter werden sofort zur Pyramide gebracht und von dort ansässigen Dunkelmagiern bestraft.«

Lee verfolgte, wie die Eisorks die beiden Männer davontrugen, bis sie aus ihrer Sichtweite waren. Wie jeder andere auf den Platz wusste Lee, dass ihnen Peitschenhiebe bevorstanden. Doch keiner würde wegen dieser Schandtat reagieren. Die Menge hatte den Vorfall bereits vergessen und setzte ihre Protestrufe wegen der Essensausgabe alsbald fort.

Lee schloss die Augen. Manchmal schämte sie sich, ein Ruinenbewohner zu sein, und fragte sich, ob ihr Vorhaben einen Sinn hatte.

Reiß dich zusammen! Dafür bist du heute nicht hergekommen, oder?

»Träumst du mal wieder?«

Überrascht schaute sie auf. Lee hatte die Stimme erkannt, noch ehe sie die Person erblickte. Es war Kala.

Mit einem Lächeln, als wären sie beste Freundinnen, trat Kala auf Lee zu. Sie trug die Kapuze offen, ihr blondes Haar hatte sie hoch aufgesteckt. Eine goldene, geschwungene Haarnadel hielt das Kunstwerk zusammen. Neidisch sah Lee auf ihr makelloses Gesicht, auf dem nicht einmal ein Hauch von Asche lag.

»Was suchst du hier?«, murrte Lee.

Das Ereignis in der Schule lag ihr noch deutlich vor Augen. Ihre Abneigung gegen Kala wurde größer, als diese Lees dreckige Kleidung unter dem Mantel musterte und mit den Augen rollte.

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, erwiderte Kala. »Ich dachte, du gehörst nicht zu denen da.« Sie machte eine abfällige Handbewegung auf die Bettler vor ihnen.

Lee beobachtete, wie Kala die Nase rümpfte und die Lippen verzog. In ihrer Behausung im Nordteil lagen die am besten erhaltenen Tempel von Ab’""Nahrim. Dort lebten die einflussreichsten Menschen der Tempelruinen. Dazu gehörte Kalas Familie. Und wie diese waren alle hauptsächlich Anhänger der Schattenhand, Speichellecker der Dunkelmagier.

»Tut es noch weh?«, fragte Lee und hob eine Hand an ihre Wange. »Du bist in der Klasse heute so unglücklich gestürzt. Es tut mir ja so schrecklich leid!«

»Alle wissen es.« Kala wirkte selbstvergnügt. »Sie wissen, dass ich nur so getan habe, als ob. Aber sie werden nichts sagen.«

»Ja, weil du ihnen mit deinem Vater drohst!«

»Und warum bist du nicht bei deinem Priester?« Kala strich sich mit der Zunge über die Lippen.

Lee glaubte, alle Luft wäre aus ihr entwichen. Kala weiß über Dionadus Bescheid!

»Woher …?« Lee ballte die Hände zu Fäusten.

»Ich bin dir vor ein paar Tagen nach der Schule gefolgt«, sagte Kala. »Ich gebe zu, ich wollte dir einen Streich spielen. Aber wohin du mich geführt hast, war viel interessanter. Ich habe euch beide belauscht.«

Kala wich zurück, als Lee entschlossen auf sie zutrat. Sie kicherte. »Mein Vater war sehr neugierig. Er wollte alles erfahren. Die Dunkelmagier lobten ihn, als er ihnen erzählte, wo Dionadus’ Tempel liegt. Die Spürhunde haben ihn sicher schon auseinandergenommen.«

Mit einem Wutschrei stürzte sich Lee auf Kala. Doch ehe sie ihre Gegnerin erreichte, wurde sie ruckartig herumgerissen. Zwei Arme lagen wie Seile um ihren Brustkorb. Schmerzvoll wurden ihre Hände hinter ihrem Rücken verschränkt.

»Ich habe sie.«

Über sich sah Lee das bärtige Kinn eines Mannes. Eine Narbe verlief von seinem linken Auge schräg hinunter bis zu einem Wulst an der Lippe. Sie war schwärzlich verfärbt. Oft hatte Lee solche Verletzungen bei Grubenarbeitern gesehen.

»Lass mich los!«, schrie Lee.

Eine schweißige Hand presste sich auf ihren Mund. Mit der anderen hielt ihr Peiniger ihre beiden Hände fest. Kalas hämisches Lachen schnitt durch das Gebrüll der Menge. Lee bäumte sich nochmals gegen den Mann in ihrem Rücken auf. Es war vergebens.

»Was soll ich mit ihr tun, Herrin?«, fragte der Mann.

Die Unterwürfigkeit in seiner Stimme erschien Lee noch ekliger als dessen schwielige Hand auf ihrem Gesicht. Sicher war er ein ehemaliger Minenarbeiter oder Gefangener, der seine neue Position als Diener der Schattenhand keinesfalls verlieren wollte. Plötzlich spürte Lee einen Stich an der Schläfe. Aus den Augenwinkeln sah sie Kalas goldene Haarnadel.

»Versuch nichts Blödes«, drohte sie und zog die Nadel wieder zurück. »Nimm die Hand weg, Serno. Sie kann schreien, so viel sie will, in dem Lärm ist das egal.«

Lee spuckte angeekelt aus, als der Diener dem Befehl Folge geleistet hatte. Sie presste die Lippen aufeinander, um zu zeigen, dass sie gar nicht schreien wollte.

»Mein Vater wird gleich eine Rede halten«, sagte Kala. »Dann wird der Ruinendreck wissen, was Sache ist.«

Das war also der Grund, wieso sich die vornehme Prinzessin herabgelassen hatte, zum Platz zu kommen: ihr Vater.

»Essen! Essen!«

Der Aufruf ging wie ein Lauffeuer durch die Menge und wuchs rasch zu einer stampfenden Melodie an. Lee beobachtete den Wahn, der sich mehr und mehr ausbreitete. Greise beschwerten sich, Mütter jammerten wegen ihrer weinenden Kinder und Männer drohten, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Lee empfand es als grauenvoll, dass die Dunkelmagier die Slumbewohner mit dem unter Kontrolle hielten, wovon jeder Mensch abhängig war: Nahrung. In Belerock gab es mehrere Pilzfarmen und Plantagen für Nachtgewächse. Aber nur Zwerge beherrschten die Kunst des Anbaus von essbaren Pilzen sowie das Heranzüchten der Lavapflanze Lakami. Lee war davon überzeugt, dass die Ruinenbewohner fähig waren zu lernen, wie man die Pilze großzog, wenn die Dunkelmagier sie nicht daran hindern würden. Die Minenarbeiter waren genauso von den zugewiesenen Pilz- und Brotrationen für sich und ihre Familien abhängig wie die Bettler von der Spende am Großen Platz. Letztere mussten jedoch um ihre Nahrung flehen.

Es gab lediglich eine Möglichkeit, sich selbst zu ernähren: Rattenjagd. Die listigen Nagetiere bildeten neben Würmern und Schaben die einzige Tierart, die unter der Erde Seite an Seite mit den Ruinenbewohnern lebte. Doch ihre Zahl schwankte. Viele behaupteten, in Ab’""Nahrim gäbe es dreimal so viele Ratten wie Menschen.

Mit der Wasserversorgung verhielt es sich nicht viel besser. Zwar spendete der unterirdische Fluss des Scheidegebirges, der Elohyn, genug Wasser für alle, trotzdem hatten Dunkelmagier aus Sorge um Verschmutzung Eisorkwachen aufgestellt. Diese ließen die Menschen zu regelmäßigen Zeiten zum Elohyn hinab, damit sich jede Familie zwei Eimer füllen durfte.