Deutsche Sagen und Sitten aus Hessischen Gauen - Karl Lyncker - ebook

Deutsche Sagen und Sitten aus Hessischen Gauen ebook

Karl Lyncker

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Erleben Sie die Märchen und Sagen aus aller Welt in dieser Serie "Märchen der Welt". Von den Ländern Europas über die Kontinente bis zu vergangenen Kulturen und noch heute existierenden Völkern: "Märchen der Welt" bietet Ihnen stundenlange Abwechslung. Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis dieses Buches: 1. Die Chatten. 2. Der Chatten und Hermunduren Streit um den heiligen Salzfluß. 3. Herkunft der Sachsen. 4. Wuodensberg und Odenberg. 5. Das durstende Heer. 6. König Karl und sein Heer im Odenberge. 7. Sieben Jahre im Odenberge. 8. Ein Kind im Odenberge. 9. Ein Hirt im Odenberge. 10. Ein Schmied sieht in den Odenberg. 11. Karl's Rast. 12. Die Geisterschlacht auf der Todtenhöhe. 13. Der Schwedengeneral. 14. Kriegsvolk im Berge. 15. Die Räderburg. 16. Das wilde Heer. 17. Der wilde Jäger. 18. Der gespenstige Jäger. 19. Frau Holle. 20. Frauhollenbad. 21. Frau Holle versetzt einen Felsen. 22. Frau Holle drückt ein Stein im Schuh. 23. Der Bechtelsberg. 24. Das Hexenlindchen. 25. Der feurige Drache. 26. Der Teufel. 27. Der Hahnhof. 28. Der Teufel als Baumeister. 29. Der Teufel baut eine Stadt. 30. Der Teufel trägt ein Dorf weg. 31. Der Teufel am Spieltisch. 32. Der Gehülfenberg. 33. Der hohe Stein. 34. Hünen. 35. Hünenburgen und Hünenbrinke. 36. Entstehung der Weserberge. 37. Der Sandbrink bei Fuhlen. 38. Die Hünenburg bei Hohenrode. 39. Die Hünen von Hohenrode und Deckbergen. 40. Die Hünen vom Deister und Bückeberg. 41. Der Scharfenstein. 42. Der Riese von Homberg. 43. Der Teufel schleudert einen Felsen. 44. Eine Riesin zu Homberg. 45. Der zornige Riese. 46. Ein Riese baut Spangenberg. 47. Riesen als Nachbarn. 48. Essel, der Riese vom Weißenstein. 49. Die Riesen von der Hunsburg. 50. Der Riesenstein bei Großenritte. 51. Der Riesin Spielzeug. 52. Versunkenes Riesenschloß. 53.

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Deutsche Sagenund Sitten aus hessischen Gauen

Karl Lyncker

Inhalt:

Bibliographie der Sage

Deutsche Sagen und Sitten aus hessischen Gauen

Vorwort.

1. Die Chatten.

2. Der Chatten und Hermunduren Streit um den heiligen Salzfluß.

3. Herkunft der Sachsen.

4. Wuodensberg und Odenberg.

5. Das durstende Heer.

6. König Karl und sein Heer im Odenberge.

7. Sieben Jahre im Odenberge.

8. Ein Kind im Odenberge.

9. Ein Hirt im Odenberge.

10. Ein Schmied sieht in den Odenberg.

11. Karl's Rast.

12. Die Geisterschlacht auf der Todtenhöhe.

13. Der Schwedengeneral.

14. Kriegsvolk im Berge.

15. Die Räderburg.

16. Das wilde Heer.

17. Der wilde Jäger.

18. Der gespenstige Jäger.

19. Frau Holle.

20. Frauhollenbad.

21. Frau Holle versetzt einen Felsen.

22. Frau Holle drückt ein Stein im Schuh.

23. Der Bechtelsberg.

24. Das Hexenlindchen.

25. Der feurige Drache.

26. Der Teufel.

27. Der Hahnhof.

28. Der Teufel als Baumeister.

29. Der Teufel baut eine Stadt.

30. Der Teufel trägt ein Dorf weg.

31. Der Teufel am Spieltisch.

32. Der Gehülfenberg.

33. Der hohe Stein.

34. Hünen.

35. Hünenburgen und Hünenbrinke.

36. Entstehung der Weserberge.

37. Der Sandbrink bei Fuhlen.

38. Die Hünenburg bei Hohenrode.

39. Die Hünen von Hohenrode und Deckbergen.

40. Die Hünen vom Deister und Bückeberg.

41. Der Scharfenstein.

42. Der Riese von Homberg.

43. Der Teufel schleudert einen Felsen.

44. Eine Riesin zu Homberg.

45. Der zornige Riese.

46. Ein Riese baut Spangenberg.

47. Riesen als Nachbarn.

48. Essel, der Riese vom Weißenstein.

49. Die Riesen von der Hunsburg.

50. Der Riesenstein bei Großenritte.

51. Der Riesin Spielzeug.

52. Versunkenes Riesenschloß.

53. Die Riesenprinzessinnen.

54. Der Herr von Kruckeberg und seine Töchter.

55. Trenda versetzt Berge.

56. Trenda wird vertrieben.

57. Die blinde Bramba.

58. Die Mordkammer.

59. Riesen auf der Sababurg und Trendelburg.

60. Die Riesen vom Rimberg und Burgwald.

61. Der Riese vom Knüll.

62. Die Riesen vom Rauschenberg und Burgholz.

63. Die Simrichshöhle.

64. Die Riesin.

65. Die Wichtelmännchen.

66. Wichtelwohnungen.

67. Die Wichtelmännchen zu Asmushausen.

68. Die Wichtelmännchen zu Remsfeld.

69. Die Wispelmännchen im Kelzerberge.

70. Die Wichtelmännchen bei Frankenberg.

71. Die Frau unter den Wichtelmännchen.

72. Das gestohlene Kind.

73. Der Wichtelbalg.

74. Der Wichtelstein bei Witzenhausen.

75. Die Wichtellöcher an der Plesse.

76. Die Wichtelgrube am Fürstenstein.

77. Wichtelanger, Wichtelkirche und Wichtelküche.

78. Die Wichtelstube.

79. Zug der Jestädter Wichtel nach Eltmannshausen.

80. Der todte Wichtel.

81. Die Wichtelmännchen zu Eltmannshausen.

82. Abzug der Wichtelmännchen.

83. Tummelplatz der Wichtelmännchen.

84. Die Wichtelhäuser.

85. Schuster Jobst und die Wichtelmännchen.

86. Die guten Hollen.

87. Heinzemännchen.

88. Das Mäumkenloch.

89. Die Kobolde im Steckelberg.

90. Der Kobold zu Hachborn.

91. Die wilden Leute.

92. Der wilde Mann zu Wallrod.

93. Das wilde Weib.

94. Die wilden Leute von Waickardshain.

95. Frau Schuckel.

96. Das Frauenhaus bei Friedigerode.

97. Der Nöllmann.

98. Die drei Jungfrauen vom Schloßrain.

99. Der See bei Oberellenbach.

100. Der See bei Oberellenbach.

101. Die Jungfrauen aus dem Denser See.

102. Die Königin vom See.

103. Der See auf dem Burghasunger Berge.

104. Der Geist im Brunnen.

105. Jost von Mengersen.

106. Der Haun-Müller.

107. Die Lahn.

108. Die Fulda.

109. Die Todtenlache.

110. Stillstehen der Fulda.

111. Die Wassermenschen.

112. Die Nixenmühle.

113. Wassernixe.

114. Der Nicus.

115. Der Weinbrunnen.

116. Der gesegnete Born.

117. Kinderbrunnen.

118. Der Butzborn und der heilige Born.

119. Der heilige Born.

120. Der St. Gangolfsbrunnen.

121. St. Gangolfsbrunnen.

122. Der verjüngende Brunnen.

123. Der gute Born.

124. Der Jungfernborn.

125. Weiße Jungfrauen.

126. Die Spinnerin auf dem Lahnberge.

127. Die weiße Jungfrau auf der Boyneburg.

128. Die weiße Jungfrau auf der Boyneburg.

129. Die weiße Jungfrau vom Weidelberge.

130. Die weiße Jungfrau im Heiligenberge.

131. Die weiße Jungfrau zu Homberg.

132. Der weißen Jungfrau zu Homberg Verrath.

133. Die weiße Jungfrau vom Schartenberg.

134. Die weiße Jungfrau von der Trottenburg.

135. Die Jungfrau zu Bischhausen.

136. Die weiße Jungfrau zu Grebenstein.

137. Die Schlüsselfrau zu Felsberg.

138. Das Schlüsselweibchen.

139. Der Pflüger und die Jungfrauen.

140. Die Fee.

141. Die niesende Jungfrau.

142. Die niesende Jungfrau.

143. Erlösung durch Niesen.

144. Die Unkenkönigin.

145. Die Wunderblume.

146. Die zwölf Waizenkörner.

147. Waizen in Gold verwandelt.

148. Waizen in Gold verwandelt.

149. Schätze der Boyneburg.

150. Schätze auf dem Falkensteine.

151. Die Schätze der Schartenburg.

152. Der Ameisentopf.

153. Schätze im Kesselsboden.

154. Der Schatz in der Seeseburg.

155. Der Schatz bei Breitenbach.

156. Der Schatz im Krambühl.

157. Die Schatzgräber.

158. Die Wünschelruthe.

159. Wünschelruthe beim Schatzgraben.

160. Gebrauch der Wünschelruthe.

161. Fährmanns Lohn.

162. Der Werwolf.

163. Der Werwolf.

164. Der Bauer und der Werwolf.

165. Der Böchsenwolf1.

166. Ergrauen vor Schrecken.

167. Der Irrwisch.

168. Gespenstige Schweden.

169. Die hartherzige Aebtissin.

170. Die bösen Weiber.

171. Der umgehende Förster.

172. Erasmus von Buttler.

173. Den Mörder verrathen die Disteln.

174. Bestrafter Meineid.

175. Der meineidige Amtmann.

176. Jörle Knix.

177. Der ungetreue Ackermann.

178. Die sieben Trappen.

179. Des Engels Hülfe.

180. Ein Eichwald giebt Zeugniß der Unschuld.

181. Zeugniß der Unschuld.

182. Zeugniß der Unschuld.

183. Der unvergängliche Rosenstock.

184. Der Richtberg.

185. Der Brunnen zu Steinau.

186. Bartholomäustag.

187. Der Reichenbacher Thurm.

188. Todesanzeige.

189. Der Alp.

190. Der Kuckuck.

191. Der Storch.

192. Die Pest.

193. Die Pest in Kirchhain.

194. Geldwerth in alter Zeit.

195. Wein in seiner eignen Haut.

196. Der Weinkeller im Heiligenberge.

197. Der grüne Keller.

198. Der unterirdische Gang.

199. Klostergänge.

200. Die eiserne Jungfrau.

201. Der Brunnen zu Spangenberg.

202. Schreckliches Todesurtheil.

203. Das Unkengestade.

204. Die verwünschten Burgen.

205. Versunkenes Dorf.

206. Der versunkene Hof.

207. Die Hunde.

208. Die Hunde.

209. Wichdorf.

210. Der Stadtwald von Wolfhagen.

211. Der Reinhardswald.

212. Der Reinhardswald.

213. Der Hiddeser Wald.

214. Die Glocke von Harle.

215. Der Grenzstreit.

216. Die Lage des Klosters Höhnscheid.

217. Grenzzug.

218. Der Schneißzug.

219. Der Rennweg.

220. Kaiser Friedrichs Jagdauszug.

221. Das Gelnhäuser Stadtwappen.

222. Der Förster und die Schelme.

223. Kaiser Friedrich und der Schelm von Bergen.

224. Der Schelm und die Kaiserin.

225. König Grünewald erobert den Christenberg.

226. Der Schwerttanz zu Weißenstein.

227. Tod des letzten Schonenbergers.

228. Der letzte Bilsteiner.

229. Burg Hauneck.

230. Belagerung der Burg Hauneck.

231. Belagerung der Burg Hauneck.

232. Die Belagerung der Gelsterburg.

233. Der ungeborene Reinhard.

234. Die Belagerung der Weidelburg.

235. Die Belagerung der Weidelburg.

236. Die Belagerung der Bramburg.

237. Zerstörung der Gudenburgen.

238. Erbauung von Zierenberg.

239. Die Belagerung des Tannenbergs.

240. Der Markt unter den Gudenbergen.

241. Ulrichstein.

242. Der Würfelthurm zu Hofgeismar.

243. Die Weiber von Liebenau.

244. Der Liebenbach.

245. Ritter Hans von der Warthe.

246. Der Jungfernberg.

247. Die blinde Gräfin.

248. Die Fräulein von Boyneburg.

249. Das Fräulein von der Boyneburg.

250. Die Neustädter und Junker Hans von Dörnberg.

251. Die Weissagung.

252. Der Wolkenborst.

253. Der Hellerstein.

254. Der Blumenstein.

255. Die Sprachröhre.

256. Die Weidelsberger, Niedensteiner und Falkensteiner.

257. Die Glocke läutet von selbst.

258. Ful-uf!

259. Gudensberg wird verrathen.

260. Der Leichenzug.

261. Der Heilige von Röhrenfurth.

262. Die Glocke von Oberseilbach.

263. Der Fiedler.

264. Bonifazius rettet Fritzlar.

265. Bonifazius-Aecker.

266. Des Bonifazius Fußtritt.

267. Der Bonifaziusbrunnen bei Horas.

268. Das goldne Rad im Dom zu Fulda.

269. Sankt Wendel und die Diebe.

270. Der grün gewordene Pilgerstab.

271. Fischbeck.

272. Die neun Kinder.

273. Das Kloster Breitenau.

274. Des Heilands Leichnam in Gottsbüren.

275. Agnes von Bürgel.

276. Die heilige Elisabeth.

277. Der heiligen Elisabeth Fußtritt.

278. Wohin die Kirche gebaut werden soll.

279. Heinrich, das Kind von Brabant.

280. Frau Sophie von Brabant fordert ihrem Sohne die Lande ein.

281. Sophie vor Eisenach.

282. Der Markgraf gewinnt Eisenach.

283. Heinrichs des Kindes Rettung.

284. Die Brautfahrt.

285. Heinrich der Eiserne.

286. Otto der Schütz.

287. Otto's des Schützen Tod.

288. Otto's Andenken in Spangenberg.

289. Otto der Quade.

290. Otto der Quade vor Eschwege.

291. Der Ludwigstein.

292. Ludwig der Friedsame in Aachen.

293. Johann von Ziegenhain.

294. Wie Ziegenhain an Hessen gekommen.

295. Der ungerathene Prinz.

296. Falsches Zeugniß.

297. Landgraf Philipp der Großmüthige.

298. Landgraf Philipp und der Bauer.

299. Die beiden Landgrafen.

300. Heinz von Lüder.

301. Hessentreue.

302. Landgraf Moriz und der Soldat.

303. Das Wirthshaus von Bettenhausen.

304. Der Freibrief.

305. Tod des Erstgebornen.

306. Das Fürstenloch auf der Plesse.

307. Das Lullusfest in Hersfeld.

308. Das Steigerfest in Amöneburg.

309. Der Martinswein in Hanau.

310. Das Hirschessen.

311. Die Kirchweihe zu Brotterode.

312. Der Most-Märten in Schmalkalden.

313. Bestrafung böser Weiber.

314. Die Schenke zu Sannerz.

315. Die Sandkirmeß.

316. Der Mädchenraub.

317. Das Lehnausrufen.

318. Tanzgebräuche.

319. Das Fuën.

320. Das Futteln.

321. Schwerttänze in Hessen.

322. Osterfeuer.

323. Das Eiersingen.

324. Das Eierlesen.

325. Himmelfahrtsfeier.

326. Das Kugelhoppenfest.

327. Der St. Walpurgistag.

328. Maifeier.

329. Pfingstfest in Steinau.

330. Pfingstrecht im Hanauischen.

331. Pfingstrecht in Dorheim, Nauheim etc.

332. Die Pfingstknechte in Wolfhagen.

333. Der Ritt nach Meimbressen.

334. Nothfeuer.

335. Johannisfest.

336. Johannisfest in Fulda.

337. Luffenzins in Fischbeck.

338. Walpertszins.

339. Rutscherzins.

340. Erntegebrauch im Schaumburgischen.

341. Flöheausklopfen.

342. Ackersegen.

343. Flußopfer.

344. Getreideopfer.

345. Obstopfer.

346. Der Hohlstein.

347. Ohrzupfen.

348. Schewestreuen.

349. Unsichtbarmachen.

350. Ein Gottesurtheil.

351. Entzauberung.

352. Baldrian und Dost.

353. Erbschlüssel.

354. Der Mönchsstein.

355. Mittel gegen Zahnweh.

356. Der Riesenstein bei Züschen.

357. Das Teufelsbad.

Deutsche Sagen und Sitten aus hessischen Gauen, Karl Lyncker

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849603083

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

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Bibliographie der Sage

Eine Sage istim allgemeinen alles, was gesagt und von Mund zu Mund weiter erzählt wird, also soviel wie Gerücht; im engeren Sinn eine im Volke mündlich fortgepflanzte Erzählung von irgendeiner Begebenheit. Knüpft sich die S. an geschichtliche Personen und Handlungen, indem sie die im Volke fortlebenden Erinnerungen an geschichtliche Zustände, Persönlichkeiten, dunkel gewordene Taten zu vollständigen Erzählungen ausbildet, so entsteht die geschichtliche S. und, sofern sie sich auf die alten Helden des Volkes erstreckt, die Heldensage; sind aber die Götter mit ihren Zuständen, Handlungen und Erlebnissen Gegenstand der S., so entsteht die Göttersage oder der Mythus (s. Mythologie) und auf dem Gebiet monotheistischer dogmatischer Religion die Legende (s. d.). Hastet die Erzählung an bestimmten Örtlichkeiten, so spricht man von örtlichen Sagen. Noch eine Sagengattung bildet endlich die Tiersage, die von dem Leben und Treiben der Tiere, und zwar fast ausschließlich der ungezähmten, berichtet, die man sich mit Sprache und Denkkraft ausgerüstet vorstellt. Ost hat sich um eine besonders bevorzugte Persönlichkeit, wie z. B. König Artus, Dietrich von Bern, Attila, Karl d. Gr. etc., und deren Umgebung eine ganze Menge von Sagen gelagert, die nach Ursprung und Inhalt sehr verschieden sein können, aber doch unter sich in Zusammenhang stehen, und es bilden sich dadurch Sagenkreise, wie deren im Mittelalter in germanischen wie romanischen Ländern mehrere bestanden und zahlreiche Epen hervorgerufen haben (vgl. Heldensage). Die echte S. erscheint somit als aus dem Drang des dichterischen Volksgeistes entsprungen. Wie alle Volkspoesie blüht sie am prächtigsten in der ältern Zeit, aber auch bei höherer Kultur verstummt sie nicht ganz; vielmehr ist der Volksgeist noch heute tätig, bedeutende Vorgänge und Persönlichkeiten mit dem Schmuck der S. zu umkleiden. Die Anknüpfung an ein gewisses Wirkliches ist hauptsächlich das Merkmal, das die S. vom Märchen (s. d.) unterscheidet. Wie das Märchen, liebt sie das Wunderbare und Übernatürliche, obwohl es ihr nicht unentbehrlich ist. Am häufigsten heftet sie sich an Burg- und Klosterruinen, an Quellen, Seen, an Klüfte, an Kreuzwege etc., und zwar findet sich ein und dieselbe S. nicht selten an mehreren Orten wieder. Um die Erhaltung der deutschen S. haben sich zuerst die Brüder Grimm verdient gemacht durch ihre reiche Sammlung: »Deutsche Sagen« (Berl. 1816–18, 2 Bde.; 3. Aufl. 1891). Nächst diesen sind die Sammlungen von A. Kuhn und Schwartz (»Norddeutsche Sagen«, Leipz. 1848), J. W. Wolf (»Deutsche Märchen und Sagen«, das. 1845), Panzer (»Bayrische Sagen«, Münch. 1848, 2 Bde.), Grässe (»Sagenbuch des preußischen Staats«, Glogau 1871) und Klee (Gütersloh 1885) als besonders reichhaltige Quellen zu nennen. Als Sammler von Sagen einzelner Länder, Gegenden und Örtlichkeiten waren außerdem zahlreiche Forscher tätig, so für Mecklenburg: Studemund (1851), Niederhöffer (1857) und Bartsch (1879); für Pommern und Rügen: U. Jahn (2. Aufl. 1890), Haas (Rügen 1899, Usedom u. Wollin 1903); für Schleswig-Holst ein: Müllenhoff (1845); für Niedersachsen: Harrys (1840), Schambach und Müller (1855); für Hamburg: Beneke (1854); für Lübeck: Deecke (1852); für Oldenburg: Strackerjan (1868); für den Harz: Pröhle (2. Aufl. 1886); für Mansfeld: Giebel hausen (1850); für Westfalen: Kuhn (1859) und Krüger (1845), Weddigen und Hartmann (1884); für die Altmark: Temme (1839); für Brandenburg: Kuhn (1843) und W. Schwartz (4. Aufl. 1903); für Sachsen: Grässe (1874) und A. Meiche (1903); für das Vogtland: Köhler (1867) und Eifel (1871); für das Erzgebirge: J. A. Köhler (1886); für die Lausitz: Haupt (1862) und Gander (1894); für Thüringen: Bechstein (1835, 1898), Börner (Orlagau, 1838), Sommer (1846), Wucke (Werragegend, 1864), Witzschel (1866), Richter (1877); für Schlesien. Kern (1867), Philo vom Walde (1333); für Ostpreußen etc.: Tettau (183f) und Reusch (Samland, 1863); für Posen: Knoop (1894); für den Rhein: Simrock (9. Aufl. 1883), Geib (3. Aufl. 1858), Kiefer (4. Aufl. 1876), Kurs (1881), Schell (Bergische S., 1897), Hessel (1904); für Luxemburg: Steffen (1853) und Warker (1894); für die Eifel: P. Stolz (1888); für Franken etc.: Bechstein (1842), Janssen (1852), Heerlein (Spessart, 2. Aufl. 1885), Enslin (Frankfurt 1856), Kaufmann (Mainz 1853); für Hessen: Kant (1846), Wolf (1853), Lynker (1854), Bindewald (1873), Hessler (1889); für Bayern: Maßmann (1831), Schöppner (1851–1853), v. Leoprechting (Lechrain, 1855), Schönwerth (Oberpfalz, 1858), Sepp (1876), Haushofer (1890); für Schwaben: Meier (1852) und Birlinger (1861–1862), Reiser (Algäu, 1895); für Baden: Baader (1851), Schönhut (1861–65), Waibel und Flamm (1899); für das Elsaß: August St ob er (1852, 1895), Lawert (1861), Hertz (1872); für die Niederlande: Wolf (1843), Welters (1875–76); für Rumänien: Schuller (1857); für die Schweiz: Rochholz (1856), Lütolf (1862), Herzog (1871, 1882); für Tirol. Meyer (2. Aufl. 1884), Zingerle (1859), Schneller (1867), Gleirscher (1878), Heyl (1897); für Vorarlberg: Vonbun (1847 u. 1890); für Österreich: Bechstein (1846), Gebhart (1862), Dreisauff (1879), Leed (Niederösterreich, 1892); für Mähren: Schüller (1888); für Kärnten: Rappold (1887); für Steiermark: Krainz (1880), Schlossar (1881); für Böhmen: Grohmann (1863), Gradl (Egerland, 1893); für die Alpen: Vernaleken (1858), Alpenburg (1861) und Zillner (Untersberg, 1861); für Siebenbürgen: Müller (2. Aufl. 1885), Haltrich (1885). Die Sagen Islands sammelten Maurer (1860) und Poestion (1884), der Norweger: Asbjörnson (deutsch 1881), der Südslawen: Krauß (1884), der Litauer: Langkusch (1879) und Veckenstedt (1883), der Esten: Jannsen (1888), der Lappländer: Poestion (1885), der Russen: Goldschmidt (1882), der Armenier: Chalatianz (1887), die der Indianer Amerikas: Amara George (1856), Knortz (1871), Boas (1895); indische Sagen Beyer (1871), japanische Brauns (1884), altfranzösische A. v. Keller (2. Aufl. 1876); deutsche Pflanzensagen Perger (1864), die deutschen Kaisersagen Falkenstein (1847), Nebelsagen Laistner (1879) etc. Die Sagen bilden mit den im Volk umlaufenden Märchen, Legenden, Sprichwörtern etc. den Inhalt der Volkskunde (s. d.), die seit neuerer Zeit Gegenstand reger wissenschaftlicher Forschung ist. Vgl. L. Bechstein, Mythe, S., Märe und Fabel im Leben und Bewußtsein des deutschen Volkes (Leipz. 1854, 3 Tle.); J. Braun, Die Naturgeschichte der S. (Münch. 1864–65, 2 Bde.); Uhland, Schriften zur Geschichte und S., Bd. 1 u. 7 (Stuttg. 1865–68); Henne am Rhyn, Die deutsche Volkssage im Verhältnis zu den Mythen aller Völker (2. Aufl., Wien 1879); v. Bayder, Die deutsche Philologie im Grundriß (Paderb. 1883); Paul, Grundriß der germanischen Philologie, Bd. 2, 1. Abt. (2. Aufl., Straßb. 1901) und die Bibliographie in der »Zeitschrift des Vereins für Volkskunde«; Grünbaum, Gesammelte Aufsätze zur Sprach- und Sagenkunde (Berl. 1901).

Deutsche Sagen und Sitten aus hessischen Gauen

»Liebliche Kund' entschwundener Zeit!

Mild wie stiller Morgenthau

Auf Büschen und Hügeln des Rothwilds,

Wann die Sonne langsam steigt

Ueber die Stille der grauen Gebirg'

Und kein Tosen trübt den See,

Der im Thal prangt sanft und blau.«

Ossian, Fionnghal 3. Ges.

Vorwort.

Außer den Schätzen, welche unsere Bibliotheken, Archive und Museen bewahren, giebt es noch andere nicht minder reiche Quellen der Geschichte und Alterthumskunde, deren hohen Werth zu würdigen unserm Jahrhundert vorbehalten blieb. Die Kenntniß des Landes wie der Sprache, der Lieder und Sagen, der Sitten, Gebräuche und Rechtsalterthümer eines Volkes gehört wesentlich zu den Erfordernissen der Geschichtschreibung im Sinne unserer Zeit. Es sind dies gerade die Grundpfeiler einer Geschichte des deutschen Volkes, welche noch nirgends eine umfassende gründliche Bearbeitung gefunden hat, ohne Zweifel, weil man früher an all' diesen Dingen mit vornehmer Geringschätzung vorüberzugehen pflegte. Eine solche Versündigung konnte nicht ungerächt bleiben. Wenn wir auch Alles, was von der reichen Ernte dieses Feldes übrig geblieben, noch einholen könnten, so ist doch im Sturme der Zeit gar mancher schöne Zug, manch' kerniges Lied und manche biedere Sitte unsanft zertreten, manch' goldnes Körnlein davon geführt worden, was sich durch nichts ersetzen läßt. Wie von Sprache, Liedern, Sitten, Gebräuchen und Rechtsalterthümern, gilt dies namentlich auch von der Sage, welche, so scheint es mir, zu keiner Zeit in größerer Gefahr war, als eben jetzt. Anderwärts in Deutschland hat man längst schon Hand angelegt, den täglich sich mindernden Schatz zu bergen und vor Vergessenheit zu bewahren. Ich bin für unsere hessische Heimath in gleicher Absicht bemüht gewesen.

Der Gedanke an eine geordnete Zusammenstellung unserer Sagen erweckt zunächst das Bedürfniß, die Grenzen festzustellen, innerhalb welcher eine solche sich zu halten haben wird, und eben so nöthig ist eine Trennung der Spreu von den Körnern, denn nicht Alles ist Sage, was man dafür ausgegeben und dafür gehalten hat. Die heutigen geographischen Grenzen unseres Heimathlandes ängstlich zu wahren, kann hierbei so wenig zur Aufgabe gemacht werden, als eine strenge Ausscheidung sagenverwandter Stoffe, der Sitten, Gebräuche, Feste und des Aberglaubens. Dagegen müssen wir uns vor allen Dingen des Ballastes entledigen, welchen die Geschichtsbücher früherer Jahrhunderte mit sich führen. Ich habe die Frage, in wieweit die Aufzeichnungen unserer Chronisten zu benutzen oder zu verwerfen seien, lange und allseitig erwogen. Da ich mich jedoch in den meisten Fällen für Verwerfung entscheiden mußte, so mag mir vergönnt sein, jene Aufzeichnungen hier kurz zu beleuchten, um dem Vorwurfe der Unvollständigkeit meiner Sammlung nach dieser Richtung hin zu begegnen.

Erstens wird es kaum noch eines Beweises bedürfen, daß die problematischen Götter, mit welchen unsere Chronisten das deutsche und insbesondere das hessische Alterthum bedacht haben, lediglich aus Mißverständnissen und falschen Etymologien hervorgegangen sind. Der vielvertheidigte Crodo bei Eschwege reducirt sich auf Kröte, denn nicht Crodenpfuhl, sondern Krötenpfuhl ist zu lesen, was auch dagegen gesagt worden sein mag1. Winkelmann, der eines sächsischen Gottes Crodo oder Satur schon erwähnt2, weiß von dem Crodo bei Eschwege noch nichts, sonst würde er nicht unterlassen haben, seiner zu gedenken. Erst im J. 17433 ist man auf den Einfall gekommen, aus dem Krötenpfuhl einen Crodenpfuhl zu machen und daraus auf einen Götzen Crodo zu schließen. Die Quelle ist demnach sehr neu. Allein es verbindet sich damit an Ort und Stelle auch nicht der fernste Anklang einer lebendigen Volkssage. Gleiche und ähnliche Flurbenennungen giebt es in Hessen noch viele, welche bei dem Streite glücklicher Weise unbeachtet geblieben sind. Eine Kretlache liegt z.B. ganz nahe bei Eschwege im Felde von Jestädt; ein Krötenpfuhl noch bei Oberelsungen, bei Leidenhofen und Roßbach; ein Krötenbad bei Gelnhausen; ein Krötenteich bei Hellstein; ein Krötenbette bei Niederweimar; ein Krötenhain bei Ernsthausen; ja das Steuerkataster von Somborn führt sogar einen Krötentempel auf, statt dessen jedoch auch mehrmals Krötentümpel geschrieben steht.

Mit noch weniger Anstand können wir die Gerstenbergerschen Götter Hammon und Castor über Bord werfen. Der erstere hat nichts für sich, als daß bei Frankenberg, wo Gerstenberger ihn verehrt worden sein läßt, eine Wüstung Hammenhausen liegt, ein Name, der so viel bedeutet als Walddorf, denn Ham ist nur eine Contraction von Hagen, Hain, d.i. Wald. Da Gerstenberger einer Straßburger Chronik nachschreibt, dieser Gott habe Hörner an der Stirn getragen, so haben wir seine Entstehungsgeschichte auf die Namen Hammenhausen und Jupiter Ammon zurückzuführen4. – Der Christenberg, der Sage nach ein Platz alter Gottesverehrung, soll früher Cester- oder Castorberg genannt worden sein. Die letztere Form ist urkundlich nicht nachweisbar. Die Chronisten glaubten jedoch Grund genug zu haben, einen Abgott Castor anzunehmen5. Ganz auf dieselbe Weise haben sie uns auch einen Stuffo überliefert, welcher seinen Sitz auf dem Stauffenberge bei Wannfried, nach Andern auf dem Stauffenberge bei Gießen gehabt haben soll. Der Stauffenberge giebt es wenigstens ein halbes Dutzend in Hessen. Stouf heißt Felsenspitze; die Deutung des Namens liegt also sehr nahe, ohne daß man nöthig hat, an einen Gott zu denken6. Mehr noch als Stauffenberge giebt es Bilsteine (Bielstein auch Beilstein) in unsern Bergen, von denen man ebenfalls mit nicht stärkerem Grunde auf einen Götzen Biel oder Bal zu schließen geneigt war.

Sind wir diesen Biel oder Bal, Stuffo, Castor, Hammon und Crodo einmal los, dann kommen wir zweitens an die Helden, die uns aus den Römerzeiten aufgebürdet worden sind; an die Fabier, welche die Chronisten von Julius Cäsar nach Hessen geschickt werden lassen und wovon sie das Geschlecht der Boyneburge7 ableiten, an Drusus, welcher am Drasenberge im Fuldischen (vulgo Mons Drusi, Drusenberg) bald den Chatten eine Schlacht geliefert, bald auf demselben sein Leben beschlossen, dem Dorfe Drusen im Schmalkaldischen8, sogar der Drusel, einem Bache, welcher Cassel mit Wasser versorgt, den Namen gegeben haben soll, – und andere mehr. Abgesehen davon, daß die lebendige Volkssage nichts von ihnen weiß, liegt die Unhaltbarkeit solcher Wortdeuteleien zu sehr auf der Hand.

Drittens. Die Chronikensagen von den Königen Bato I. und II. und Hessus9 sind nicht minder als pure Erfindungen anzusehen, denn einmal ist auch hier die Quelle, welche uns Kunde von ihnen giebt, viel zu neu und ältere zuverlässige Schriftsteller melden meines Wissens nichts davon, und dann erinnert diese Kunde, in Hinblick auf die wahrscheinliche Stammesverwandtschaft der Chatten und Bataver, gar zu sehr an die unsern Chronisten eigene Manie, aus blosen Namen die wunderbarsten Ereignisse herauszulesen, und ihre Bücher damit zu füllen.

Viertens. Man hat versucht, für die deutsche Heldensage mehrfache Anhaltspunkte in Hessen nachzuweisen; allein wenn wir von dem Durchzuge Attila's durch den Säulingswald, von der Anwesenheit des austrasischen Königs Dagobert in Hessen und von dem Auftreten der Hunnen abziehen, was historische Thatsache und was erwiesen falsche Etymologie ist, dann möchte wohl für die Heldensage kein Buchstabe mehr übrig sein10. Für diese hält uns in Hessen, sobald wir den halb mythischen, auf Wuotan zurückweisenden, halb historischen Charakter der um ihn sich sammelnden Sagen näher ins Auge fassen, kaum Karl der Große Stand. Beweise für die Heimath der Heldensage aus Orts- und Flurnamen herzuleiten, scheint mir eine Versündigung an der Wissenschaft, es sei dann, daß die Lokalität uralten historischen Ruf hätte, oder daß andere gewichtige Gründe zur Hand wären.

Fünftens müssen wir auch jenen Erzählungen, welche sich auf die Gründung von Städten beziehen und meist nur auf eine schale Umschreibung des Namens oder Wappens hinauslaufen, jede Berechtigung versagen. Sie gehen zum Theil freilich im Munde des Volkes um, sind jedoch in vielen Fällen der Chronik entnommen und man sieht ihnen auf den ersten Blick das Gemachte an. – So z.B. die Sage von der Schaumburg, sofern darin der Ursprung des Namens aus dem Ausrufe des vorbeireisenden Kaisers: »Schau 'ne Burg!« hergeleitet wird11; die Sage von der Erbauung von Wolfhagen, wonach die ersten Ansiedler, als sie den Wald niederschlugen, einen Wolf aus dem Haine (Hagen) springen sahen, ein Ereigniß, welchem die Stadt Namen und Wappen zu danken haben soll. Ebenso die Sage von dem verirrten Landgrafen, der Nachts einen Mann mit einer Laterne traf und von demselben auf den rechten Weg gebracht wurde, was ihn nachmals bewog, an der Stelle die Stadt Lichtenau zu erbauen und dieser eine Laterne zum Wappen zu geben. Die Chronikensage von der Erbauung von Marburg durch einen Markgrafen von Orlamünde, welche man durch ein angeblich verschollenes Volkslied: »Oho zu Orlamünde« unterstützen zu können glaubte, gehört in dieselbe Kategorie. Das Lied »Oho zu Orlamünde« ist keineswegs verschollen, sondern ein wohlbekanntes Schelmenlied, das mit der Erbauung der Stadt Marburg so wenig etwas gemein hat, als der Name dieser Stadt mit dem Markgrafentitel12. Die von Winkelmann u.A. erzählte Sage von der Malsburg13 und noch viele ähnliche sind gleichfalls hierher zu rechnen. Alle verdienen sowenig Beachtung als Gerstenbergers Träumereien von dem hohen Alter und dem ehemaligen Glanze der Stadt Frankenberg.

Endlich sechstens haben wir noch zwischen Sage und Legende zu unterscheiden. Die eigentliche Legende ist der lebendigen Volkssage in der Regel völlig fremd und hat für unsern Zweck wenig oder gar keinen Nutzen; in den meisten Fällen hat sie nicht einmal poetischen Werth, während sie mit ihren Berichten von Wundern, unnatürlichen Büßungen und asketischen Schwärmereien nicht selten ermüdet. Es ist dabei allerdings nicht außer Acht zu lassen, daß das Christenthum, um nicht durch gänzliche Unterdrückung der alten liebgewordenen Ueberlieferungen allzustörend in das Volksleben einzugreifen, sich oft dieser heidnischen Traditionen bemächtigt und dieselben auf seine Heiligen übertragen hat. Unbewußt hat die gesunde Kritik des Volkes hier Unterscheidungen gemacht, welche wir gelten lassen müssen. Deshalb möchte ich in eine Sammlung von Sagen nur solchen Legenden Aufnahme gestatten, welche an die Geschichte oder an eine Oertlichkeit anlehnen, sich durch lebendige Ueberlieferung erhalten haben und in das Gebiet der Sage übergreifen.

So hätten wir denn den ganzen Wust etymologischer Spielereien, erfundener Götter, Könige und Helden, Abenteuer und Wundergeschichten, den unsere Chroniken uns darbieten, ausgekehrt und wenig Brauchbares ist übrig geblieben. Es besteht fast nur in jenen Ueberlieferungen aus den ersten Zeiten der Selbstständigkeit Hessens nach der Trennung von Thüringen, von Sophie von Brabant, Heinrich dem Kinde etc. Sage und Geschichte verschwimmen hier in einander, wie sich Tag und Nacht in Dämmerung vermählen; keines ist für sich selbst haltbar genug, um des andern entbehren, um allein bestehen zu können.

Wenn die Chronisten vor drei-, vierhundert Jahren, wo die Quelle der alten Volksmythen noch reicher und lauterer floß, aufgezeichnet hätten, was ihnen bekannt sein mochte, wie sehr würden wir Ursache haben, ihnen dafür dankbar zu sein. Einzelne Sagen haben sie allerdings hin und wieder als Einschlag benutzt, meist sind diese jedoch getrübt und entstellt, denn ihnen galt es nur, dem verderbten Geschmacke der Zeit entsprechend, ein Buch zu liefern, welches viel gelehrten Schwulst neben unendlicher Plattheit enthielt. Man liebte es vor Allem, sich in faden Wortklaubereien zu ergehen und schien dafür zu halten, daß die Geschichte ein Gericht sei, welches durch Beimischung von allerlei Raritäten und fremden Gewürzen erst genießbar gemacht werden müsse. Die Kritik des 18. Jahrhunderts verdammte diese Manier, Geschichte zu schreiben, aber auch alle Sage als unnützen Kram. War für diese die lange Nichtachtung schon verderblich genug gewesen, so mußte die strenge Verwerfung ihr noch gefährlicher sein. Noch nicht zwei Menschenalter sind verstrichen, seit man wieder anfing, den verkannten und verschmähten Schatz aus seinem Schmutze herauszuziehen und recht zu würdigen. In Hessen unternahm es zuerst v. Münchhausen in seinen Abhandlungen über den Weißner an der Werra und den Hohnstein in der Grafschaft Schaumburg, die Beziehungen unserer Volkssagen zur nordischen Mythologie nachzuweisen. Justi, welcher beide Aufsätze in seine »hessischen Denkwürdigkeiten« aufnahm, theilte auch später noch, wenn auch nur nebenbei, Einiges mit. Sonst haben sich um Aufzeichnung und Veröffentlichung von Sagen nur die Herren Dr. Landau, Major Pfister und die Brüder Grimm verdient gemacht14. Einzelnes, was die Zeitschrift des hessischen Geschichtsvereins gebracht hat, verdient gleichfalls erwähnt zu werden.

Damit wäre aber zugleich auch die ganze Literatur unserer hessischen Sagen erschöpft15.

Dies hielt ich für angemessen, der Sammlung, welche ich hiermit dem Publikum übergebe, vorauszuschicken.

In anmuthiger Wildheit aufgeschossen, gleicht die Sage der Blume, welche im Felde oder im Walde, auf Bergen, Felsen oder moosigen Trümmern einsam blüht, unberührt von der pflegenden, künstelnden Hand des Gärtners. Die Menge freut sich ihres Duftes und bunten Farbenspiels; der Kundige sucht aus dem Bau der Krone, Griffel und Staubfäden, Klasse und Ordnung zu entziffern und der Forscher prüfet Mark und Saft, um, was dem blöden Auge nicht erkennbar, den innern Werth und Nutzen der Pflanze zu entdecken.

So auch geb' ich meine Blumen unverfälscht, wie ich sie gefunden, hin. Mag Jeder sie nützen oder sich ihrer freuen in seiner Weise.

Wohl weiß ich, daß gar viele mir entgangen oder verborgen geblieben sind, und eine reiche Nachlese bleibt für eine spätere Zeit. Findet diese erste Sammlung günstige Aufnahme, so ermuntert mich dies vielleicht, mein Suchen fortzusetzen; wo nicht, so mögen die Zurückgebliebenen blühen, bis eine geschicktere Hand sie brechen wird.

K. Lyncker.

Fußnoten

1 Vgl. v. Rommel, hess. Gesch. I, S. 5 u. Anm. 9, wo es heißt: »Krodenpfuhl, nicht Krötenpfuhl, wie aus Mangel an Localkenntniß und übertriebener Zweifelsucht vermuthet werden könnte.«

2 Beschr. d. Fürst. Hessen u. Hersfeld VI, 130.

3Hartmann, Diss. de stagno Crodonis prope Eschwegum.Marb.1743. – Engelhard, hess. Erdbeschr. I, 293. – J. Grimm (D. Myth., 2. Ausg. S. 187) sagt selbst, daß er eine frühere Gewähr für die anderwärts ähnlich vorkommende Crodo-Sage nicht habe finden können, als aus dem 15. Jahrhundert.

4Gerstenberger ap. Ayrmann, 106 u. 628.

5Ibid., 626. – Winkelm., II, 225 u. IV, 399. – Justi, Denkw. II, 1.

6 Winkelm., IV, 399 u. 403.

7Faba, die Bohne, – Bohnenburg, Boyneburg. – Anonymus ap. Senkenb. 306. – Bange, Thür. Chr. Fol. 11.

8 M. vgl. Buchonia, 4, 98. – Häfner, die 6 Cantone der ehem. Herrschaft Schmalkalden I, 46.

9 Lauze, handschr. Chron. auf der Landesbibliothek zu Cassel. – Winkelm., VI, 13 flg.

10 v. Rommel, I, 41. – Zeitschr. d. hess. Gesch. Ver., I, 93.

11 Winkelm., II, 325.

12 v. Rommel in der Zeitschr. d. hess. Gesch. V., a.a.O. – Gerstenb. ap. Ayrm. I, 148.

13Winkelm., VI, 127. – Letzner ap. Kuchenb. XI. 135.

14 Ich würde hier auch den Medicinalrath Dr. Schwarz in Fulda nennen, welcher in seinen »Buchenblättern« eine Menge fuldischer Sagen veröffentlichte, wenn derselbe nicht den beklagenswerthen Einfall gehabt hätte, dieselben durch höchstbarbarische Reime und halsbrechende Etymologien zu verunstalten.

15 Seit ich dieses schrieb sind »Hessische Sagen« von J.W. Wolf (Göttingen b. Dieterich 1853) erschienen; eine Sammlung von Sagen, welche vorzugsweise auf darmstädtischem Gebiete zu Hause sind. Aus unserm Hessen bringt Herr Wolf nur einige wenige, bereits gedruckte, Sagen. Diese nunmehr in meiner Sammlung, in welcher sie sich ebenfalls finden, wieder zu streichen, konnte ich mich indessen nicht veranlaßt finden.

1. Die Chatten.

Das Gebiet der Chatten war groß und ihr Name gefürchtet in allen deutschen Gauen. Die herumirrenden Usipeter und Tenchterer, die sie durch lange blutige Kämpfe zu dem verzweifelten Entschlusse getrieben hatten, ihre Wohnsitze zu verlassen, sagten dem Cäsar: nicht fehle es ihnen an Muth und Tapferkeit, nur die Chatten, denen aber selbst die unsterblichen Götter nicht gewachsen wären, seien ihnen darin überlegen. Cäsar beschloß, die Chatten zu unterwerfen. Er schlug eine Brücke über den Rhein und rückte an ihre Grenzen. Da bargen die Chatten ihre Weiber und Kinder in den Wäldern und stellten sich in ihres Landes Mitte fest, den Feind erwartend. Aber Cäsar hatte weder jetzt, noch ein zweites Mal den Muth, ihre furchtbare Macht anzugreifen und zog sich wieder über den Rhein zurück.

Die waffenfähigen jungen Männer legten nicht eher, als über einem erschlagenen Feinde, ihr Barthaar ab, und die Tapfersten trugen freiwillig einen eisernen Ring, als Zeichen der Schmach, wovon sie erst wieder durch persönliche Tapferkeit, durch Blut und Beute, erlöst wurden. Um nicht durch Ackerbau und Häuslichkeit sich zu verweichlichen, wechselten sie alljährlich ihre Beschäftigungen; wer ein Jahr den Acker bestellt hatte, zog im andern in den Krieg. Die Furcht hielt ihre Nachbarn weit von ihren Grenzen, so daß ein breiter Wüstenstrich sie rings umgab.

Caesar de bello Gall. lib.IV. VI. Tacitus Germania 31 32.

2. Der Chatten und Hermunduren Streit um den heiligen Salzfluß.

Wo das Gebiet der Hermunduren an das der Chatten grenzte, floß die Saale, ein beiden Völkern heiliger Fluß, dessen Wasser, über glühende Baumschichten gegossen, ihnen das Salz lieferte. Die Salzquellen waren den Germanen insgesammt heilig, denn sie glaubten, daß die Götter dort nahe wohnten und an solcher Stätte die Gebete der Sterblichen eher erhörten als anderswo. Chatten und Hermunduren kamen über den Besitz dieses Salzflusses in Streit; vor der Schlacht weihten die Chatten auf den Fall des Sieges das feindliche Heer, Männer und Rosse ihren Göttern Mars und Merkur1. Aber der Kampf fiel unglücklich für sie aus, und die Hermunduren vollzogen an ihnen selbst, was sie gelobt hatten, indem sie die gefangenen Chatten ihren Göttern opferten.

Tacitus, 13, 57.

Fußnoten

1 Nach Grimm d. Myth., 2. Ausg. 999, wären unter Mars und Merkur die deutschen Götter Wuotan und Ziu zu verstehen.

3. Herkunft der Sachsen.

Nahe unter Cassel grenzten im Norden und Westen die Gaue der Sachsen an das alte Hessenland – der Sachsen, von denen die Sage geht, daß sie mit Aschanes, ihrem ersten Könige, am Harzfelsen, mitten im grünen Walde, bei einem süßen Springbrünnlein heraus- und daß ihre Frauen auf Bäumen gewachsen seien. Oft hört man in Hessen noch von Müttern und Ammen singen, wenn sie die Kinder auf den Knien reiten lassen:

Reiter zu Pferd!

Wo kommen sie her?

Von Sichsen, von Sachsen,

Wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen.

Diese Sachsen nun waren zu der Zeit, wo der große Karl über die Franken regierte, noch heidnisch. Einunddreißig Jahre lang führten sie blutige Kämpfe für ihren Glauben und ihre Freiheit, denn die fränkischen Könige wollten ihnen beides entreißen. In diesen Kriegen kam Karl der Große oft durch Hessen und in Sagen und Namen hat sich vielfach die Erinnerung an seine Anwesenheit erhalten, besonders um die Weser, Diemel und Edder herum.

Mündlich. – Vergl. Br. Grimm d. S. 408.

4. Wuodensberg und Odenberg.

In der Gegend, wo Mattium, die uralte, von Germanicus zerstörte Hauptstadt der Chatten und wo die Malstätte des fränkischen Hessengaues lag, kaum eine Meile von dem Orte, wo Bonifacius vor den Augen der erstaunten Heiden ihre heilige Donnereiche niederhieb, liegt das Städtchen Gudensberg um einen Hügel herum, der auf seinen beiden Spitzen einst zwei Schlösser trug. Ehemals soll die Stadt viel größer gewesen sein und bis zum Odenberge sich ausgedehnt haben; auch schrieb man im Mittelalter Wodensberg1 (Wotensberg 1209, Wuodensberg 1226), nachher Vdenesberg und zuletzt Gudensberg.

Dunkle Sagen erzählen von einer großen Kirche, die einst auf dem Gipfel, und von einer Kapelle, die am Abhange des Odenberges gestanden. Die Kapelle hieß die Karlskirche und soll von Karl dem Großen zur Erinnerung an einen hier erfochtenen Sieg gebaut worden sein. Landgraf Heinrich I. schlug 1270 die in Hessen eingefallenen Westphalen bei dieser Karlskirche, wobei 400 Feinde todt blieben. Im 16. Jahrhundert zerfiel die Kapelle, deren Schlüssel in neuerer Zeit der Pflug wieder zu Tage gefördert haben soll, und die Stätte diente nachher zum Hochgericht, wo noch 1662 viele Opfer der unseligen Hexenprocesse auf dem Scheiterhaufen starben.

Uralte Schanzgräben laufen rings um den hohen Rücken des Odenbergs; die Sage schreibt auch diese Karl dem Großen zu. Der Berg selbst, von dessen Gipfel man eine außerordentlich weite und schöne Aussicht genießt, ist der Mittelpunkt vieler Sagen von Karl dem Großen, denn wenn auch lange schon das Volk den alten Heldenkönig in Karlquintes umgetauft hat, so ist doch sicher jener, und nicht Karl V. darunter zu verstehen.

Mündlich.

Fußnoten

1 Neben Wodensberg möchte ich zwei Flurnamen aus der Feldmark der Stadt Frankenau in Oberhessen, »Wodenberg« und »Wodehain« stellen.

5. Das durstende Heer.

Einst war Karl mit seinem Heer in die Gebirge der Gudensberger Landschaft eingerückt, siegreich, wie Einige erzählen, nach Andern fliehend. Die Krieger schmachteten vor Durst. Der König saß auf schneeweißem Schimmel1; da spornte er sein Pferd, daß es mit dem Hufe heftig auf den Boden trat und einen Stein aus dem Felsen schlug, in welchem die Spuren seines Trittes zurückblieben. Aus der Oeffnung sprudelte die Quelle mächtig, das ganze Heer wurde getränkt. Das Wasser dieser Quelle, welche Glisborn heißt und an der Morgenseite des Odenbergs liegt, ist hell und eisig kalt und besitzt die Eigenschaft, daß es ohne Seife rein wäscht; aus stundenweiter Entfernung, aus Besse und anderen Orten, kommen die Weiber dahin, ihr Weißzeug zu waschen. – Der Stein mit dem Huftritt ist in die Gudensberger Kirchhofsmauer eingesetzt und noch heute zu sehen.

Pfister in Grimm's d. Myth., 2. Ausg. 890. – Mündlich.

Fußnoten

1 Nach einer Erzählung in einem Casseler Blatte »die Wage«, Jahrgang 1837, Nr. 23, erscheint Karlquintes roth gekleidet, mit einem roth wollenen Reiherbusch, reitend auf einem rothen – nach einer andern Erzählung ebendaselbst, Nr. 42, auf einem schwarzen Pferde. Beide Angaben habe ich indessen, trotz vielfacher Erkundigungen an Ort und Stelle, nicht bestätigt finden können. Vergl. Grimm d.M., 2. Ausg. 892.

6. König Karl und sein Heer im Odenberge.

Am Fuße des Odenbergs schlug Karl eine große Schlacht. Des vergossenen Blutes war so viel, daß es tiefe Furchen in den Boden riß; oft sind sie zugedämmt worden, der Regen spült sie immer wieder auf. Die Fluthen strömten zusammen und ergossen sich bis Besse hinab. Karl erfocht den Sieg; Abends that sich der Berg auf, nahm ihn und das ermattete Kriegsvolk ein und schloß seine Wände. – Doch auch hierin stimmen die Erzählungen nicht überein. Nach Andern kam Karl, gedrängt vom Feinde, bis zum Odenberg, da rief er die Gottheit an, ihn mit all' den Seinen in den Berg aufzunehmen: der Berg öffnete sich und Karl ging hinein mit seinem ganzen Heere, worauf sich der Spalt wieder schloß. – In diesem Berge ruht der König von seinen Heldenthaten aus; er hat verheißen, alle sieben oder alle hundert Jahre herauszukommen, tritt eine solche Zeit ein, so hört man Waffen in den Lüften rasseln, Pferdegewieher und Hufschlag, Trommelton und Trompetenklang. Karlquintes verläßt mit seinen Kriegern die unterirdische Behausung; der Zug geht an den Glisborn, wo die Rosse getränkt werden, und verfolgt dann seinen Lauf, bis er nach vollbrachter Runde endlich wieder in den Berg zurückkehrt. Sonntagskinder, die zwischen den Kirchen geboren sind, haben den Zug schon oft gesehen. Die Soldaten sind meist verstümmelt: der hat einen Arm verloren, jener ein Bein, dieser hat nur ein Ohr und viele andere tragen klaffende Wunden zur Schau.

Einmal gingen Leute an den Odenberg und hörten Trommelschlag, ohne etwas zu sehen. Da hieß sie ein weiser Mann nacheinander durch den Ring schauen, den er mit seinem in die Seite gebogenen Arm bildete: alsbald erblickten sie eine Menge Kriegsvolk, in Waffenübungen begriffen, den Odenberg ein- und ausgehen.

Im Berge wächst Hafer für die Rosse; was der »Quintes« seinen Pferden nicht geben will, wirft er heraus. Täglich reinigen und schwenken seine Krieger Hafer und häufen große Vorräthe davon in den Kammern auf. Ein Sauhirt bemerkte, daß sich eine der Säue von der Heerde abschlug, sobald er am Odenberg hütete und jedesmal satt und fett zurückkam. Er ging ihr einst nach und sah, daß sie durch ein Loch in den Berg lief, worin ein ungeheurer Vorrath geschwenkter Hafer lag.

Alle sieben Jahre öffnet sich der Odenberg, und wem der Zufall den Gang zeigt, welcher in sein Inneres führt, der kann glücklich werden, denn es liegen große Schätze drinnen. Aber nur eine Viertelstunde lang ist er offen, und wer nicht eilt, den Ausgang wieder zu gewinnen, ehe die Frist verstreicht, der muß unten bleiben bis zum nächsten siebten Jahre. Doch wurden die Menschen, welche dies Schicksal hatten, nicht älter in der Zeit; sie blieben ebenso wie sie waren und auf derselben Stelle, wie in dem Augenblicke, da sich der Berg schloß.

Die Furcht vor dem Karlquintes war noch vor wenigen Jahren so groß, daß Niemand ohne Grauen den Berg betrat. Kinder, welche Nüsse und Erdbeeren an seinem Abhange zu suchen gingen, wurden von den Eltern gewarnt: »Nehmt euch in Acht, daß euch der Quintes nicht kriegt!« und mit der Drohung: »der Quintes kommt!« beschwichtigen die Mütter dort herum ihre Kinder.

Grimm d.M., 2. Ausg. 890. – Die Zusätze mündlich.

7. Sieben Jahre im Odenberge.

Ein Müllerbursch hatte für seinen Herrn Frucht über Land gefahren und wollte am Abend mit seinen beiden Pferden noch nach der Mühle zurückkehren. Es war just an einem Tage, wo der Karlquintes seinen Umritt hält, was er alle sieben Jahre nur einmal thut. Den Burschen führte sein Weg am Odenberge vorüber, und da er nicht ganz frei von Furcht war, so sang er eine lustige Weise, um sich die Gedanken aus dem Kopfe zu schlagen. Aber plötzlich vernahm er ein dumpfes Geräusch, wie von fernem Trommelschlag und Pfeifenklang, vermischt mit Waffengerassel und Pferdegetrappel, und immer näher kam's und näher, bis das zweifelhafte Licht des Mondes ihn erkennen ließ, daß ein langer Zug berittener Krieger am Bergesabhang dahinsausete. Karlquintes ritt an ihrer Spitze, auf seinem weißen Roß, das mächtige Schlachtschwert in der Rechten tragend. Der Bursch trieb seine Pferde an und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, aber die Pferde versagten ihm diesmal den Gehorsam; sie hatten nicht sobald den langen Zug der Reiter wahrgenommen, als sie in gestrecktem Galopp, über Stock und Stein, über Gräben und Hecken setzend, darauf losjagten und sich – es waren alte Cavalleriepferde – laut wiehernd mit in Reih' und Glied stellten. Den Burschen überlief es eiskalt inmitten der grausigen Kriegerschaar, doch wie er auch Sporn und Peitsche gebrauchte, seine Pferde hielten gleichen Schritt mit den anderen, jagten mit ihm um den Berg herum und wurden endlich vom Strome mitgerissen, als das Heer seinen Einzug in die düstern Hallen des Berges hielt, der darauf für sieben Jahre wieder seine Wände schloß.

Lange harrte der Müller daheim des Burschen und seiner Pferde; all' sein Suchen und Forschen blieb indessen ohne Erfolg und so hielt er sich endlich für betrogen und geprellt, und miethete einen andern Knecht.

Es war an demselben Tage, an welchem vor sieben Jahren der Bursch über Feld gezogen, als um die Mittagsstunde Hufschlag vor der Mühle erscholl. Der Müller sprang ans Fenster: das war sein alter Bursch wie er leibte und lebte! So frisch, gesund und jung wie vor sieben Jahren, und seine Pferde waren noch wie damals, als er sie zuletzt gesehen.

»Herr!« flehte der Bursch, »nehmt mir's nicht übel, daß ich über Nacht ausgeblieben bin.« – »Ueber Nacht, sagst du Schelm! Das wäre mir eine lange Nacht von sieben Jahren!« – »Herr, als ich gestern Abend am Odenberge vorüber zog, hielt der Karlquintes seinen Umrittt, die Pferde gingen mir durch und rissen mich mit in den Berg hinein, und so mußte ich über Nacht unten bleiben.« – Da ging dem Müller ein Licht auf, er hatte schon mehr gehört, daß Menschen sieben Jahre in dem Berge gesteckt und nicht anders geglaubt hatten, als daß es nur eine Nacht gewesen wäre, und er nahm den Burschen wieder an.

Mündlich.

8. Ein Kind im Odenberge.