Der Mahlstrom - James Corey - ebook

Der Mahlstrom ebook

James Corey

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Opis

Fressen oder gefressen werden … – Eine THE EXPANSE-Story

Ehe er als Mechaniker auf dem Eisfrachter Canterbury anheuerte, lebte Amos Burton auf der Erde in der Megacity Baltimore, die von gnadenlosen Verbrechersyndikaten regiert wird. Die verschiedenen Schwarzmärkte dieser Gangsterfamilien stehen in einem harten Konkurrenzkampf zueinander, und Amos muss sehr früh in seinem Leben eine entscheidende Lektion lernen: entweder gehörst du zur Familie, oder zu ihren Opfern. Es sei denn, die Polizei findet dich zuerst …

Die THE EXPANSE-Story „Der Mahlstrom“ verbindet die beiden Romane „Abaddons Tor“ (Band 3) und „Cibola brennt“ (Band 4). Sie erscheint als exklusives E-Book Only bei Heyne und umfasst ca. 78 Seiten.

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Das Buch

Ehe er als Mechaniker auf dem Eisfrachter Canterbury anheuerte, lebte Amos Burton auf der Erde in der Megacity Baltimore, die von gnadenlosen Verbrechersyndikaten regiert wird. Die verschiedenen Schwarzmärkte dieser Gangsterfamilien stehen in einem harten Konkurrenzkampf zueinander, und Amos muss sehr früh in seinem Leben eine entscheidende Lektion lernen: entweder gehörst du zur Familie, oder zu ihren Opfern. Es sei denn, die Polizei findet dich zuerst …

Die THE EXPANSE-Story »Der Mahlstrom« verbindet die beiden Romane »Abaddons Tor« (Band 3) und »Cibola brennt« (Band 4).

THE EXPANSE

James Coreys internationale Bestsellerserie sprengt alle Maßstäbe der Science-Fiction. Die TV-Verfilmung wird bereits als beste Science-Fiction-Serie aller Zeiten gefeiert.

Erster Roman: Leviathan erwacht

Erste Story: Der Schlächter der Anderson-Station

Zweiter Roman: Calibans Krieg

Zweite Story: Der Gott des Risikos

Dritter Roman: Abaddons Tor

Dritte Story: Der Mahlstrom

Vierter Roman: Cibola brennt

Fünfter Roman: Nemesisspiele

Sechster Roman: Babylons Asche

Der Autor

Hinter dem Pseudonym James Corey verbergen sich die beiden Autoren Daniel James Abraham und Ty Corey Franck. Beide schreiben auch unter ihrem eigenen Namen Romane und leben in New Mexico. Mit ihrer erfolgreichen Science-Fiction-Serie THE EXPANSE haben sie sich weltweit in die Herzen von Lesern und Kritikern geschrieben.

diezukunft.de

JAMES COREY

DERMAHLSTROM

Eine Story aus demTHE EXPANSE-Zyklus

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der Originalausgabe:

THE CHURN

Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler

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Deutsche Erstausgabe

Redaktion: Ralf Dürr

Copyright © 2014 by James S. A. Corey

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: Animagic, Bielefeld

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-22360-1V002

BURTON WAR KLEIN, DÜNN UND DUNKELHÄUTIG. Er trug maßgeschneiderte Anzüge, glättete seine dicken schwarzen Locken und stutzte sich den schmalen Kinnbart ordentlich. Dass er kriminellen Tätigkeiten nachging, sagte mehr über die Welt aus als über seinen Charakter. Mit besseren Voraussetzungen, einer angeseheneren Ausbildung und ein paar einflussreichen Freunden im Studentenheim der Höheren Universität hätte er zu den leitenden Angestellten eines interplanetaren Unternehmens mit Büros auf Luna, Mars, der Ceres-Station und Ganymed gehören können. Stattdessen herrschte er über einige Viertel an den überschwemmten Rändern Baltimores. Eine Organisation aus einem Dutzend Lieutenants, ein paar Hundert Straßendieben und Knochenbrechern, einigen Drogenköchen, Identitätshackern, korrupten Polizisten und Waffenhändlern hörte auf sein Kommando. Und eine Gesellschaftsschicht aus vielleicht tausend professionellen Opfern – Junkies, Huren, Rowdys, unregistrierte Kinder und andere, die ein entbehrliches Leben führten – sah zu ihm auf, wie sie zu Luna hätte aufsehen können: einem Symbol der Macht und des Reichtums, das hinter einer unüberwindlichen Leere leuchtete. Eine natürliche Gegebenheit.

Burtons Pech war, zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort geboren worden zu sein, in einer geschundenen Stadt voller Laster, in einer Zeit, als die öffentliche Meinung zwischen denen unterteilte, die von der Grundversorgung der Regierung lebten, und denen, die einem richtigen Beruf nachgingen und eigenes Geld verdienten. Wenn man wie er unregistriert geboren worden war, war es eine außergewöhnliche Leistung, Macht und Status zu erlangen, und sie blieb im Verborgenen. Für die Männer und Frauen, über die er herrschte, war sein Aufstieg aus den niedrigsten Schichten keine Ermunterung, sondern ein Ausweis seiner Stärke und der Unwahrscheinlichkeit – so geheimnisvoll wie die Möwe, die zum Mond flog. Burton selbst dachte nie darüber nach; dass er es geschafft hatte, bedeutete für ihn nur, dass es möglich war. Alle, die nicht über seine Entschlossenheit, seine Rücksichtslosigkeit und sein Glück verfügten, verdienten mehr oder weniger den Scheiß, den er ihnen zuteilte. Deshalb hatte er kein Mitleid, wenn jemand aus der Reihe tanzte.

»Er hat … was?«, fragte Burton.

»Ihn erschossen«, sagte Oestra und sah auf die Tischplatte. Die Geräusche im Diner bildeten ein Hintergrundrauschen, das ihnen Privatsphäre verschaffte.

»Ihn … erschossen.«

»Ja. Austin hat gesagt, dass er das Geld besorgen würde und nur noch ein paar Tage bräuchte. Bevor er fertig war, hat Timmy seine beschissene selbst gebaute Schrotflinte genommen und …« Oestra imitierte mit zwei Fingern und Daumen einen Schuss und ließ die Bewegung nahtlos in ein Achselzucken übergehen: Gewalt und Entschuldigung in einer einzigen Geste. Burton lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah zu Erich, als wollte er sagen: Ich glaub, dein Welpe hat auf meinen Teppich gepisst.

Erich hatte Timmy empfohlen und sich für ihn verbürgt, deshalb war er verantwortlich, wenn etwas schiefging. Und er hatte das Gefühl, dass gerade etwas gewaltig schiefging. Er beugte sich vor, stützte sich auf seinen unversehrten Ellbogen und versteckte seine Angst hinter erzwungener Lässigkeit. Sein verkrüppelter Arm, der linke, war nicht länger als der eines Sechsjährigen und an den Gelenken stark vernarbt. Die Entstellung stammte von Prügeln, die er als Kind erlitten hatte. Er hatte es Burton nicht erzählt und würde es auch jetzt nicht tun, obwohl es in sein Kalkül gepasst hätte. Genau wie Timmy.

»Er hatte einen Grund«, sagte Erich.

»Wirklich?« Burton zog mit gespielter Geduld die Brauen hoch. »Und was war das?«

Erichs Magen verkrampfte sich. Seine verkrüppelte Hand ballte sich zu einer winzigen Faust. Er sah die Härte in Burtons Augen, und das erinnerte ihn, dass es trotz seines Wissens und seiner Fähigkeiten andere gab, die Identitätsakten fälschen konnten. Andere, die DNS-Profile manipulieren konnten. Andere, die für Burton das tun konnten, was er tat. Er war ersetzbar. Das war die Botschaft, die Burton ihm übermitteln wollte.

»Weiß ich nicht«, sagte er. »Aber ich kenne Timmy schon ewig. Er tut nichts ohne Grund.«

»Tja.« Burton dehnte das Wort zu zwei Silben. »Wenn du ihn schon ewig kennst, dann ist es wohl in Ordnung.«

»Ich meinte nur, wenn er das gemacht hat, dann hatte er einen Grund.«

Oestra kratzte sich am Arm und runzelte die Stirn, um zu verbergen, wie erleichtert er war, dass Burtons Aufmerksamkeit sich auf Erich gerichtet hatte. »Ich habe ihn in den Lagerraum gebracht.«

Burton stand auf und schob den Stuhl mit den Kniekehlen zurück. Die Kellnerin gab sich Mühe, die drei nicht anzusehen, als sie durch den Raum und die Tür mit der Aufschrift PERSONAL gingen, erst Burton, dann Oestra und zum Schluss, hinkend, Erich. Sie räumte nicht einmal den Tisch ab, bis sie sicher war, dass sie weg waren.

Der Lagerraum war an sich schon klaustrophobisch eng und außerdem noch mit Kisten vollgestellt. Cremefarbene abbaubare Boxen, auf deren Seiten flache grüne Anzeigen klebten, die angaben, was sie enthielten und ob die billigen Einwegsensoren im Schaumstoff Fäulnis feststellten. Der Tisch in dem kleinen freien Raum in der Mitte besaß eine Spanplatte, die zu gleichen Teilen aus Klebstoff und Holz bestand. Timmy saß dort unter einer LED-Lampe, aber seine Augen lagen im Schatten. Obwohl er gerade einmal Mitte zwanzig war, zog sich das rotbraune Haar schon aus der Stirn zurück. Er war stark und groß und konnte eine nervtötende Ruhe ausstrahlen. Als die drei Männer hereinkamen, sah er auf und teilte sein Lächeln zwischen seinem Kindheitsfreund, dem professionellen Schläger, den er gerade enttäuscht hatte, und dem dünnen, gut gekleideten Mann auf, der alles Wichtige in seinem Leben kontrollierte.

»Hallo«, sagte Timmy zu niemandem im Speziellen.

Erich wollte sich an den Tisch setzen, aber als er sah, dass Oestra und Burton reglos stehen blieben, machte er einen Rückzieher. Wenn Timmy es bemerkte, sagte er nichts.

»Ich habe gehört, du hast Austin getötet«, sagte Burton.

»Ja«, sagte Timmy. Das leere Lächeln veränderte sich nicht im Geringsten.

Burton zog den Stuhl gegenüber von Timmy unter dem Tisch hervor und setzte sich. Oestra und Erich vermieden es sorgfältig, sich gegenseitig oder Burton anzusehen. Timmy, das Objekt ihrer Aufmerksamkeit, wartete liebenswürdig, was als Nächstes geschehen würde.

»Würde es dir was ausmachen, mir zu verraten, warum du das getan hast?«, fragte Burton.

»Es war das, was Sie mir gesagt haben.«

»Der Mann hat mir Geld geschuldet. Ich habe dir gesagt, du sollst von ihm holen, was du kriegen kannst. Das war deine Bewährungsprobe, kleiner Mann. Dein Auftritt. Also, wie bist du von dem, was ich gesagt habe, auf das gekommen, was du getan hast?«

»Ich habe geholt, was ich kriegen konnte«, entgegnete Timmy. Weder seiner Stimme noch seiner Miene war Angst anzumerken, wodurch Burton das Gefühl bekam, mit einem Idioten zu sprechen. »Ich konnte dem Typ kein Geld abnehmen. Er hatte keins. Wenn er welches gehabt hätte, hätte er es Ihnen gegeben. Das Einzige, was er Ihnen geben konnte, war eine Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass alle anderen rechtzeitig bezahlen. Also habe ich das genommen.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Du bist sicher – absolut sicher –, dass Austin mein Geld nicht besorgt hätte?«

»Ich will ja nicht hinterfragen, warum es ihm überhaupt jemand gegeben hat«, sagte Timmy, »aber der Typ hatte noch nie einen Dollar, den er nicht durch die Nase gezogen, gespritzt oder versoffen hat.«

»Du hast also darüber nachgedacht und bist zu dem Schluss gekommen, dass es des Klügste und Beste wäre, aus einem kleinen Besuch zum Geldeintreiben einen Mord zu machen?«

Timmy neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »Ich habe nicht lange überlegt. Wasser ist nass. Der Himmel ist oben. Austin bringt Ihnen tot mehr als lebendig. Irgendwie offensichtlich.«

Burton schwieg. Oestra und Erich sahen ihn nicht an. Als Burton die Hände aneinanderrieb, war das Schaben das lauteste Geräusch im Raum. Timmy kratzte sich am Bein und wartete, weder geduldig noch ungeduldig. Erich verspürte eine zunehmende Übelkeit und die Gewissheit, dass sein alter Freund und Beschützer gleich vor seinen Augen sterben würde. Seine verkrüppelte Hand öffnete und schloss sich, und er versuchte, nicht zu schlucken. Als Burton sein kleines amüsiertes Lächeln aufsetzte, war Timmy der Einzige, der es bemerkte, und falls er es verstand, reagierte er nicht.

»Warte hier, kleiner Mann«, sagte Burton.

»Okay«, sagte Timmy, während Burton schon aus der Tür ging.

Draußen im Diner hatte der mittägliche Ansturm begonnen. Die Nischen und Tische waren besetzt, und an der Tür lungerten Leute herum und warfen der Kellnerin, den Gästen, die vor ihnen einen Tisch bekommen hatten, und den für Burton und seine Leute reservierten Plätzen finstere Blicke zu. Sobald er sich auf seinen Stuhl gesetzt hatte, kam die Kellnerin und zog die Brauen hoch, als wären sie neue Gäste. Mit einem Winken schickte er sie weg. Burton gefiel es, unter den Blicken von hungrigen Männern und Frauen an einem leeren Tisch zu sitzen. Was wollt ihr? Ich kann ihn nehmen oder weggehen, vermittelte es. Ich will nur alle Möglichkeiten für mich haben. Erich und Oestra setzten sich.

»Dieser Junge«, sagte Burton und dehnte die Worte affektiert, »hat was drauf.«

»Ja«, sagte Oestra.

»Er ist gut in dem, was er tut«, sagte Erich. »Und er wird besser werden.«

Burton schwieg eine Weile. Ein Mann an der Eingangstür zeigte empört mit dem Finger auf Burtons Tisch und verlangte etwas von der Kellnerin. Sie nahm seine Hand und drückte sie herunter. Der Mann ging. Burton sah ihm nach. Wenn er es nicht besser wusste, hatte er hier nichts zu suchen.

»Erich, ich glaub nicht, dass ich die Probezeit für deinen Freund beenden kann. Nicht nach dem Vorfall. Noch nicht.«

Erich nickte, während das Bedürfnis, sich für Timmy einzusetzen, und die Angst, Burtons fragile Vergebung zu verspielen, in ihm miteinander rangen. Oestra brach das Schweigen.

»Du willst ihm noch einen Auftrag geben?« In seinen Worten schwang ein genau abgewogenes Maß an Ungläubigkeit mit.

»Den richtigen Auftrag«, sagte Burton. »Zumindest für den Moment. Du hast gesagt, er hätte dich beschützt, als du jünger warst?«

»Stimmt«, sagte Erich.

»Dann soll er das jetzt auch machen. Timmy wird beim nächsten Auftrag dein persönlicher Bodyguard. Er soll dir Ärger vom Leib halten. Versuch, ihm auch Ärger vom Leib zu halten. Oder hab ihn wenigstens besser im Griff als Oestra, okay?« Burton lachte. Einen Augenblick später fiel Oestra mit kaum spürbarer Verbitterung ein. Erich brachte nicht mehr als ein erleichtertes Grinsen zustande.

»Ich sag es ihm. Ich kümmere mich drum.«

»Mach das«, sagte Burton lächelnd. Als Erich nach einem peinlichen Moment aufstand, wackelte sein Kopf vor Dankbarkeit und Unbehagen auf und ab wie der eines Vogels. Burton und Oestra sahen zu, wie er zum Lagerraum hinkte.

»Ich weiß nicht, warum du diesen Freak förderst«, sagte Burtons Lieutenant.

»Keiner hat ihn auf dem Schirm, und er ist ein guter Ausweisfälscher«, sagte Burton. »Ich habe es gern, wenn jemand, den man nicht aufspüren kann, meinen Namen sauber hält.«

»Ich meinte nicht den Krüppel. Ich meinte den anderen. Im Ernst, mit dem Jungen stimmt was nicht.«

»Ich glaube, er hat Potenzial.«

»Potenzial wofür?«

»Genau das ist die Frage«, sagte Burton. »Okay, erzähl mir den Rest. Was ist da draußen los?«

Oestra beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Die Jungs, die im Hafenviertel illegales Glücksspiel betrieben, lieferten nicht den üblichen Anteil ab. In einem der Bordelle war eine antibiotikaresistente Syphilis ausgebrochen; einer der kleinsten Jungen, ein Fünfjähriger, hatte es an den Augen. Burtons nördlicher Nachbar – ein Arm der Loca Griega auf der Erde – litt unter Überfällen auf seine Drogenküchen. Mit halb geschlossenen Augen hörte Burton zu. Für sich genommen hatte keines dieser Ereignisse viel zu bedeuten, aber zusammen waren sie die ersten dicken Tropfen des aufziehenden Gewitters. Oestra wusste es auch.

Als der mittägliche Ansturm endete und die Nischen und Tische sich im Rhythmus des städtischen Herzschlags füllten und leerten, war Burton mit einem Dutzend anderen Dingen beschäftigt. Erich und Timmy und der Tod eines kleinen Versagers waren nicht vergessen, aber er widmete ihnen auch keine besondere Aufmerksamkeit. Das hieß es, Burton zu sein: Dinge, die bei kleineren Geistern den gesamten Horizont einnahmen, waren in seinem Blickfeld nur Bruchstücke. Er war der Boss, der Mann fürs Große und Ganze. Wie Baltimore selbst trotzte er den Stürmen.

Die Zeit hatte der Stadt zugesetzt. Der Küstenstrich bestand aus überschwemmten Gebäuden, deren Rettung durch komplizierte Gesetze, Rechtsprechung, Regulierungen und Apathie verhindert worden war, bis das ansteigende Meer sie völlig für sich beansprucht hatte. Die städtische Arkologiebewegung hatte dort ein oder zwei Jahrzehnte, bevor die Technologie existierte, um den Traum von riesigen nachhaltigen Gebäudekomplexen Wirklichkeit werden zu lassen, ihren Höhepunkt erreicht. Sie hatte eine elf Kilometer lange und zwanzig Stockwerke hohe Mauer aus enttäuschter Hoffnung und Konstruktionsharz hinterlassen, die vom Beltway bis zum Lake Montebello reichte. Elektrische Netzwerke versorgten die Fahrzeuge auf den Straßen mit Energie und leiteten sie. Sparrows Island ragte aus den Wellen wie eine Witwe, die auf dem Meer nach einem Schiff Ausschau hält, das niemals wiederkommt, und Federal Hill blickte grimmig über flaches schmutziges Wasser auf die Stadt wie ein Kaiser auf sein verlassenes Land.

Überall in der Stadt war Platz heiß begehrt. Großfamilien hausten in verfallenen Wohnungen, die für halb so viele Menschen gebaut worden waren. Männer und Frauen, die der Enge nicht entkommen konnten, verbrachten ihre Tage vor den Bildschirmen ihrer Terminals, sahen Newsfeeds und Soaps und Pornos und lebten von dem texturierten Protein und dem angereicherten Reis der Grundversorgung. Die meisten unternahmen nur halbherzige, ängstliche Ausflüge in die Kriminalität – Hinterzimmerbrauer, die schwaches unreguliertes Bier produzierten; Kinder, die den Nachbarn die Kleider stahlen oder die Möbel zerstörten; eine Bande von Plünderern mit geschnorrten Werkzeugen, mit denen sie Metall aus der verschütteten Infrastruktur der ehemaligen Stadt erbeuteten. Baltimore war die Erde im Kleinformat, überfüllt und gelangweilt. Seine Bürger wurden aufgerieben zwischen dem trostlosen Leben mit der Grundversorgung und den Barrieren von Klasse, Rasse, mangelnder Chancengleichheit, zwischen brutalem Wettbewerb und begrenzten Ressourcen, was allen außer den Ehrgeizigsten den Zugang zu einem Beruf und richtigem Geld verwehrte. Die Anordnungen der Regionalregierung in Chicago drangen nur langsam auf die Straßen vor, und die örtlichen Machthaber waren zwar schwächer als die Regierung, aber näher dran, sodass sich Gesetz und Gesetzlosigkeit irgendwo nördlich von Lansdowne die Waage hielten.

Auch Lydia hatte die Zeit zugesetzt. Sie gehörte nicht zu den Unregistrierten, aber sehr wenig von dem, was in ihrem Leben wichtig war, erschien in den Regierungsakten. Dort stand ein Name – nicht Lydia – und eine Adresse, an der sie nie gewohnt hatte. Ihr wahres Zuhause waren vier Zimmer in einer kleineren Arkologie mit Blick auf den Hafen. Ihre wahre Arbeit bestand darin, für Liev, einen von Burtons Lieutenants, den Überblick über die Bestände zu behalten. Davor war sie seine Geliebte gewesen. Davor war sie eine Hure in seinem Stall gewesen. Und davor war sie jemand anders gewesen, an den sie sich kaum noch erinnern konnte.

Wenn sie allein war – und sie war oft allein –, erzählte sie sich, wie glücklich sie war. Sie war der Grundversorgung entkommen, sie hatte gute Freunde und Förderer bei der Arbeit, und sie hatte in der unbeständigen Struktur der Unterwelt der Stadt aufsteigen können. Viele, viele Leute hatten nicht annähernd solches Glück gehabt wie sie. Sie wurde allmählich alt, ja. In ihrem Haar zeichneten sich graue Stellen ab. Falten an den Augenwinkeln, die ersten schwachen Leberflecke auf den Handrücken. Sie sagte sich, dass es Zeichen ihres Erfolgs wären. Zu viele ihrer Freunde hatten sie nicht und würden sie nie bekommen. Ihr Leben war ein Flickwerk aus Liebe und Gewalt, und die Schnittmenge war immens.

Noch immer hängte sie Seide in warmen Farben vor die Fenster und trug die Silberglöckchen an Fuß- und Handgelenken, die unter viel jüngeren Frauen Mode waren. Das Leben war gut, so wie es war.