Cibola brennt - James Corey - ebook

Cibola brennt ebook

James Corey

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Opis

Durch das Portal

Ein interstellares Portal hat sich geöffnet. Angespornt von den ungeahnten Möglichkeiten, die sich damit bieten, bricht die Menschheit zu den Sternen auf und besiedelt fremde Welten. Inmitten der blutigen Raumschlachten um die Ressourcen der neuen Planeten stoßen die Siedler auf die Überreste einer uralten Zivilisation. Für Captain James Holden und seine Crew beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn das, was die außerirdische Zivilisation ausgelöscht hat, ist immer noch dort draußen …

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MOBI

Liczba stron: 915




DAS BUCH

Die Zukunft: Ein interstellares Portal hat sich geöffnet. Angespornt von den ungeahnten Möglichkeiten, die sich damit bieten, bricht die Menschheit zu den Sternen auf und besiedelt fremde Welten. Ein wahrer Exodus zu den Tausenden von unentdeckten Planeten beginnt, und eine Siedlerwelle nach der an­deren verlässt unser Sonnensystem. Ilus ist der erste neue Planet, der mit Blut und Feuer erkämpft wird, denn mit dem Treck zu den Sternen ziehen auch Megakonzerne wie Royal Charter Energy mit, die sich die Schätze der neuen Welten unter den Nagel reißen wollen. Aber die Siedler sind nicht bereit, ihre Welt kampflos aufzugeben, und so bildet sich eine geheime Widerstandsgruppe. Ein blutiger Kampf um den Planeten scheint unvermeidlich, und so werden Kapitän James Holden und seine Crew entsandt, um das Schlimmste zu verhindern. Je länger er jedoch auf Ilus aushält, umso deutlicher wird ihm, dass diese Welt längst nicht so unbewohnt war, wie es den Anschein hatte. Und während der Konflikt eskaliert, erwachen uralte Artefakte einer vergangenen Zivilisation auf Ilus zum Leben. Einer Zivilisation, ausgelöscht von einem unvorstellbar mächtigen Gegner – der ebenfalls wieder erwacht …

THE EXPANSE

James Coreys internationale Bestsellerserie sprengt alle Maßstäbe der Science-Fiction. Die TV-Verfilmung wird bereits als beste Science-Fiction-Serie aller Zeiten gefeiert.

Erster Roman: Leviathan erwacht

Zweiter Roman: Calibans Krieg

Dritter Roman: Abaddons Tor

Vierter Roman: Cibola brennt

Fünfter Roman: Nemesis-Spiele

Sechster Roman: Babylons Asche

Siebter Roman: Persepolis erhebt sich

DIE AUTOREN

Hinter dem Pseudonym James Corey verbergen sich die beiden Autoren Daniel James Abraham und Ty Corey Franck. Beide schreiben auch unter ihrem eigenen Namen Romane und leben in New Mexico. Mit ihrer erfolgreichen gemeinsamen Science-Fiction-Serie THE EXPANSE haben sie sich weltweit in die Herzen von Lesern und Kritikern gleichermaßen geschrieben.

www.diezukunft.de

JAMES COREY

CIBOLABRENNT

Roman

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

CIBOLA BURN

Deutsche Übersetzung von Jürgen Langowski

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Taschenbuchausgabe: 5/2018

Redaktion: Ralf Dürr

Copyright © 2014 by James S. A. Corey

Copyright © 2018 der deutschen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Animagic, Bielefeld,unter Verwendung eines Motivs von Daniel Dociu

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-15274-1V007

www.diezukunft.de

Für Jay Lake und Elmore Leonard.

Meine Herren, es war uns ein Vergnügen.

PROLOG   Bobbie Draper

Tausend Welten, dachte Bobbie, als sich die Türen der Röhre schlossen. Nein, es waren nicht nur tausend Welten, sondern tausend Sternensysteme. Sonnen, Gasriesen, Asteroidengürtel. Genau das, was die Menschheit schon einmal in Besitz genommen hatte, nur eben tausendfach vervielfältigt. Die Bildschirme über den Sitzen auf der anderen Seite zeigten einen Newsfeed, doch die Lautsprecher waren kaputt, und die Stimme des Sprechers war zu stark verzerrt, um die Worte verstehen zu können. Das Schaubild, das neben ihm herein- und herauszoomte, verriet ihr jedoch alles, was sie wissen musste. Von den Sonden, die man durch die Tore geschickt hatte, waren neue Daten hereingekommen. In diesem Moment zeigten sie ein Bild eines unvertrauten Zentralgestirns mit eingezeichneten Kreisen für die Umlaufbahnen der neuen Planeten. Alle waren leer. Wer auch immer das Protomolekül erschaffen und vor unermesslich langer Zeit in Richtung Erde abgeschossen hatte, er war nicht mehr da. Die Erbauer der Brücke hatten der Menschheit den Weg geebnet, doch von der anderen Seite kam keine übermächtige Gottheit herüber.

Erstaunlich, wie schnell die Menschheit von »Welche unvorstellbare Intelligenz hat diese Ehrfurcht gebietenden Wunder erschaffen?« bis zu »Nun, da sie nicht mehr da sind, kann ich jetzt ihre Sachen haben?« fortgeschritten ist, dachte Bobbie.

»Verzeihung«, ließ sich die asthmatische Stimme eines Mannes vernehmen. »Sie haben nicht zufällig ein bisschen Kleingeld für einen Kriegsveteranen übrig?«

Sie wandte den Blick vom Bildschirm ab. Der Mann war schmal und hatte ein graues Gesicht, der Körper wies die Anzeichen eines Menschen auf, der unter niedriger Schwerkraft aufgewachsen war: ein langer Rumpf, ein großer Kopf. Er leckte sich über die Lippen und beugte sich vor.

»Sie sind also ein Veteran?«, fragte Bobbie. »Wo haben Sie gedient?«

»Ganymed«, erklärte der Mann nickend und bemühte sich sehr, ein wenig Haltung anzunehmen. »Ich war da, als dort alles zusammenbrach. Kaum dass ich wieder hier war, setzte mich die Regierung an die Luft. Jetzt versuche ich, genug zusammenzubekommen, um mir eine Überfahrt nach Ceres leisten zu können. Da habe ich Verwandte.«

In Bobbies Brust baute sich ein Zorn auf, den sie geflissentlich für sich behielt. Äußerlich ließ sie sich nichts anmerken. »Haben Sie es schon bei der Veteranenhilfe versucht? Vielleicht kann man dort etwas für Sie tun.«

»Ich brauch nur was zu essen«, entgegnete er. Es klang erheblich aggressiver als zuvor. Bobby blickte im Waggon hin und her. Normalerweise waren um diese Zeit immer einige Menschen unterwegs. Die Wohnviertel unter Aurorae Sinus waren mit Vakuumröhren verbunden und bildeten ein Teil des großen Terraforming-Projekts auf dem Mars, das schon vor Bobbies Geburt begonnen hatte und noch lange nach ihrem Tod weiterlaufen würde. Sie überlegte, wie der Bittsteller sie wahrnahm. Sie war groß gewachsen und schlank, dabei aber durchaus kräftig. Im Moment saß sie allerdings, und der Pullover war recht weit. Möglicherweise glaubte er, unter dem Stoff seien umfangreiche Fettschichten verborgen. Das war jedoch nicht der Fall.

»In welcher Einheit haben Sie gedient?«, fragte Bobbie. Er blinzelte verdutzt. Anscheinend war er davon ausgegangen, dass sie sich ein wenig vor ihm fürchtete. Nun reagierte er verunsichert, weil sie sich nicht beeindrucken ließ.

»Einheit?«

»In welcher Einheit haben Sie gedient?«

Wieder leckte er sich über die Lippen. »Ich will jetzt wirklich nicht …«

»Es ist schon komisch«, fiel sie ihm ins Wort. »Ich hätte schwören können, dass ich so ziemlich jeden kenne, der sich auf Ganymed befand, als die Kämpfe ausbrachen. Wenn man so etwas erlebt, vergisst man es nie, weil man dabei eine Menge Freunde sterben sieht. Welchen Rang haben Sie bekleidet? Ich war Gunnery Sergeant.«

Das fahle Gesicht war jetzt verschlossen und kreidebleich, der Mann presste die Lippen zusammen, schob die Hände tiefer in die Hosentaschen und murmelte irgendetwas.

»Was nun?«, fuhr Bobbie fort. »Dreißig Stunden in der Woche arbeite ich bei der Veteranenhilfe und bin ziemlich sicher, dass wir einem ehrbaren Veteranen wie Ihnen ein wenig unter die Arme greifen könnten.«

Als er sich umdrehte, hielt sie ihn blitzschnell am Ellbogen fest und packte energisch zu. Vor Angst und Überraschung schnitt er eine Grimasse. Sie zog ihn an sich und erklärte es ihm mit scharfen, genau bemessenen Worten.

»Denken Sie sich eine andere Geschichte aus.«

»Ja, Madam«, antwortete er. »Ja, das mache ich.«

Der Waggon ruckte, der Bremsvorgang für den ersten Halt in Breach Candy begann. Sie ließ ihn los und stand auf, und sobald sie sich ganz aufgerichtet hatte, riss er die Augen noch ein wenig weiter auf. Ihre Vorfahren stammten aus Samoa, und so wie dieser Mann reagierten manchmal auch andere Menschen, die sie falsch eingeschätzt hatten. Gelegentlich hatte sie deshalb sogar ein schlechtes Gewissen, aber nicht heute.

Ihr Bruder lebte in einem schicken Mittelklasse-Wohnloch in Breach Candy, nicht weit von der Fachhochschule entfernt. Nachdem sie vor einer Weile auf den Mars zurückgekehrt war, hatte sie zunächst bei ihm gewohnt und versucht, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken, was allerdings mehr Zeit erfordert hatte als erwartet. Nun fand sie, sie sei ihrem Bruder etwas schuldig, und die Abendessen mit seiner Familie waren ein Teil der Wiedergutmachung.

Die Gänge von Breach Candy waren nahezu menschenleer. Sobald sie sich näherte, sprang die Werbung an den Wänden an, und die Gesichtserkennung erfasste sie und wählte die Produkte und Dienstleistungen aus, die nach Ansicht der Werbetreibenden für sie infrage kamen: Partnervermittlungen, Fitnessstudios, Schawarma-Schnellimbisse, der neue Film von Mbeki Soon, psychologische Beratung. Sie wünschte sich, es wären mehr Menschen und damit noch ein paar weitere Gesichter unterwegs, die für etwas mehr Vielfalt sorgten. Damit sie sich einreden konnte, die Werbung sei wohl doch eher für jemanden gedacht, der in der Nähe vorbeiging, und nicht für sie.

Breach Candy war lange nicht mehr so dicht bevölkert wie noch vor einiger Zeit. In den Röhrenbahnhöfen und den Gängen waren weniger Menschen unterwegs, und auch beim Veteranenhilfsprogramm dünnte der Besucherstrom aus. Auf der Universität war die Zahl der Einschreibungen um sechs Prozent zurückgegangen.

Bisher hatten die Menschen auf den neuen Welten noch keine lebensfähige Kolonie eingerichtet, doch die Daten der Sonden verrieten genug. Die Menschheit hatte die Grenzen ihrer Welt erweitert, und die Städte auf dem Mars bekamen die Konkurrenz zu spüren.

Der kräftige Duft des Gumbo, den ihre Schwägerin zubereitet hatte, drang ihr sofort in die Nase, als sie durch die Tür trat. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Ihr Bruder und ihr Neffe stritten sich so laut, dass sich ihr Bauch verkrampfte, aber die beiden waren ihre Verwandten, die sie liebte. Sie war ihnen etwas schuldig, auch wenn sie im Moment den Gedanken an eine Schawarmabude schrecklich verlockend fand.

»… nicht, was ich sage«, rief ihr Neffe. Er ging inzwischen auf die Universität, doch wenn er sich mit dem Vater stritt, hörte sie immer noch den Sechsjährigen heraus.

Ihr Bruder schmetterte eine Antwort und trommelte mit den Fingern auf den Tisch, als er seine Argumente vorbrachte. Trommeln als rhetorisches Mittel. Auch ihr Vater hatte diese Angewohnheit gehabt.

»Der Mars ist mehr als nur eine Möglichkeit.« Klack. »Er ist auch nicht die zweite Wahl.« Klack. »Die Tore und das, was sich da auf der anderen Seite befindet, sind nicht unsere Heimat. Das Terraforming …«

»Ich habe doch gar nichts gegen das Terraforming«, gab ihr Neffe zurück, als sie das Wohnzimmer betrat. Die Schwägerin nickte ihr aus der Küche zu. Bobbie grüßte wortlos zurück. Das Esszimmer schloss sich direkt an das Wohnzimmer an, wo ein stumm geschalteter Newsfeed lief, der Teleaufnahmen der unbekannten Planeten zeigte, während ein adretter schwarzhäutiger Mann mit einer Drahtbrille mit sonorer Stimme Erläuterungen lieferte. »Ich will damit nur sagen, dass wir eine Menge neue Daten bekommen. Daten – nicht mehr und nicht weniger.«

Die beiden belauerten sich quer über den Tisch hinweg, als stünde ein unsichtbares Schachbrett zwischen ihnen. Ein Spiel, das ihre ganze Konzentration und Intelligenz forderte und das sie derart in Anspruch nahm, dass sie die ganze Welt rings um sich vergaßen. In gewisser Weise traf dies sogar zu. Die beiden würdigten Bobbie keines Blickes, als sie sich an ihren Platz setzte.

»Auf keinem Planeten gibt es so viele Bildungsangebote wie auf dem Mars«, beharrte ihr Bruder. »Die vielen neuen Daten spielen überhaupt keine Rolle, weil sie nichts mit dem Mars zu tun haben! Sie interessieren uns nicht! Wenn du dir Bilder von tausend anderen Tischen ansiehst, erfährst du nichts über denjenigen, an dem du sitzt.«

»Wissen ist immer gut«, erklärte ihr Neffe. »Das hast du mir selbst oft gesagt. Ich verstehe gar nicht, warum du dich jetzt so dagegen sträubst.«

»Wie läuft es denn bei dir, Bobbie?«, fragte ihre Schwägerin unvermittelt, während sie eine Schüssel auf den Tisch stellte. Reis und Paprika bildeten das Bett für den Gumbo. Die Männer machten finstere Mienen, als sie derart gestört wurden.

»Gut«, antwortete Bobbie. »Der Vertrag mit den Werften ist abgesegnet. Dadurch können wir vielen Veteranen neue Jobs verschaffen.«

»Weil sie Forschungs- und Transportschiffe bauen«, ergänzte ihr Neffe.

»David.«

»Entschuldige, Mom, aber es stimmt doch.« David wich keinen Millimeter zurück. Bobbie schaufelte sich Reis in ihre Schale. »Die Schiffe, die man ohne großen Aufwand umbauen kann, werden gerade überholt, und dann konstruieren sie neue Einheiten, um die Menschen in die Systeme hinter den Ringen zu befördern.«

Ihr Bruder übernahm den Reis und den Servierlöffel und gluckste dabei leise, um zu verdeutlichen, wie wenig er von den Ansichten seines Sohnes hielt. »Der erste echte Erkundungstrupp läuft gerade das erste System an …«

»Auf Neuterra leben bereits Menschen, Dad! Ein paar Flüchtlinge von Ganymed …« Er hielt inne und warf Bobbie einen verlegenen Blick zu. Über Ganymed sprach man nicht beim Essen.

»Das Erkundungsteam ist noch nicht einmal gelandet«, meinte ihr Bruder. »Es wird Jahre dauern, bis wir dort draußen echte Kolonien aufbauen können.«

»Es wird Generationen dauern, bis hier jemand ohne Raumanzug auf der Oberfläche herumlaufen kann. Wir haben noch nicht einmal eine verdammte Magnetosphäre!«

»Hüte deine Zunge, David!«

Ihre Schwägerin kehrte zurück. Der Gumbo war schwarz und duftete stark, auf der Oberfläche trieben Fettaugen. Wieder lief Bobby das Wasser im Mund zusammen. Die Gastgeberin stellte den Topf auf einen Untersetzer aus Schiefer und reichte Bobbie die Servierkelle.

»Wie gefällt es dir in deiner neuen Wohnung?«, fragte die Schwägerin.

»Sehr gut«, antwortete Bobbie. »Und gar nicht so teuer.«

»Ich wünschte, du lebtest nicht in Innis Shallow«, meinte ihr Bruder. »Das ist eine schreckliche Gegend.«

»Mit Tante Bobbie legt sich keiner an«, verkündete ihr Neffe. »Und wenn es einer versucht, reißt sie ihm den Kopf ab.«

Bobbie grinste. »Nein, ich sehe sie einfach nur böse an, und dann …«

Unversehens entstand im Wohnzimmer ein rotes Glühen. Der Newsfeed zeigte neue Eilmeldungen. Oben und unten liefen hellrote Laufbänder, und eine Erderin mit feisten Wangen starrte betroffen in die Kamera. Die bewegten Bilder hinter ihr zeigten Brände, dann war ein Archivfoto eines alten Kolonieschiffs zu sehen. Die schwarze Beschriftung der grellen Flammen lautete: TRAGÖDIE AUF NEUTERRA.

»Was ist da passiert?«, fragte Bobbie. »Was ist da bloß passiert?«

1   Basia

Basia Merton war früher einmal ein sanftmütiger Mann gewesen. Sicher nicht der Typ, der aus alten Schmierölfässern und Bergbausprengstoff Bomben baute.

Er rollte eine weitere Bombe aus der kleinen Werkstatt hinter dem Haus und beförderte sie zu einem der Elektrokarren, die allen Einwohnern von Erstlandung gemeinsam gehörten. Die kleine Gebäudereihe der Siedlung erstreckte sich ein Stück weit nach Norden und Süden, dahinter begann die schier unendliche Ebene. Die Taschenlampe, die er am Gürtel trug, wippte bei jedem Schritt hin und her und malte seltsam zuckende Schatten auf den staubigen Boden. Kleine fremde Tiere, die außerhalb des Lichtscheins blieben, blökten ihn an.

Die Nächte auf Ilus – den Namen »Neuterra« brachte er nicht über die Lippen – waren stockfinster. Der Planet hatte dreizehn winzige, schwach leuchtende Monde, die sich so gleichmäßig am Nachthimmel verteilten, dass jeder sie für künstliche Artefakte hielt. Woher sie auch stammten, für jemanden, der auf den planetengroßen Satelliten Jupiters aufgewachsen war, ähnelten sie eher eingefangenen Asteroiden als echten Monden. Sie waren jedenfalls nicht in der Lage, in der Nacht das Licht von Ilus’ Sonne in nennenswertem Umfang zu reflektieren. Die einheimische nächtliche Fauna bestand vor allem aus kleinen Vögeln und Eidechsen, oder vielmehr aus Tieren, die den menschlichen Siedlern wie Vögel und Eidechsen vorkamen. Den irdischen Namensvettern waren sie allerdings nicht sehr ähnlich, und die größte Gemeinsamkeit war die Tatsache, dass alle Lebensformen auf Kohlenstoff beruhten.

Grunzend vor Anstrengung hievte Basia das Fass auf die Ladefläche des Karrens. Wenige Sekunden später ertönte ein paar Schritte entfernt ein ganz ähnliches Stöhnen. Es war eine neugierige Papageiechse, die sich mit funkelnden kleinen Augen bis an die Grenze des Lichtscheins vorgewagt hatte. Wieder grunzte sie und nickte mit dem breiten ledrigen Kopf, der an einen Ochsenfrosch erinnerte. Der Luftsack unter dem Hals blähte sich auf und erschlaffte. Sie wartete einen Moment, starrte ihn an und kroch in die Dunkelheit, als er nicht reagierte.

Basia nahm Spanngurte aus einer Werkzeugkiste und sicherte die Fässer auf der Ladefläche. Wenn sie lediglich herunterfielen, würden sie nicht explodieren. Das hatte ihm jedenfalls Coop versichert. Basia war trotzdem nicht danach, die Behauptung auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

»Baz«, sagte Lucia. Er errötete wie ein kleiner Junge, den man beim Stibitzen von Süßigkeiten erwischt hatte. Lucia wusste, was er tat. Er hätte sie nie anlügen können, hatte jedoch gehofft, sie werde drinnen bleiben, während er beschäftigt war. Schon ihre bloße Gegenwart warf für ihn die Frage auf, ob sein Vorhaben wirklich richtig war. Denn wenn es richtig war, gab es keinen Grund, so verlegen zu reagieren, sobald sie in der Nähe war.

»Baz«, wiederholte sie. Es war nicht drängend, es klang eher traurig und nicht zornig.

»Lucy.« Er drehte sich zu ihr um. Sie stand am Rand des Lichtkegels und hatte sich in einen weißen Übermantel gehüllt, um den schmalen Körper vor der nächtlichen Kälte zu schützen. Ihr Gesicht konnte er kaum erkennen.

»Felcia weint«, sagte sie. Es war kein Vorwurf. »Sie hat Angst um dich. Komm und sprich mit deiner Tochter.«

Basia wandte sich ab, zog den Gurt stramm über die Fässer und wich ihrem Blick aus. »Ich kann nicht. Sie kommen«, antwortete er.

»Wer denn? Wer kommt?«

»Du weißt doch, wen ich meine. Wenn wir uns nicht wehren, nehmen sie uns alles weg, was wir aufgebaut haben. Wir brauchen mehr Zeit. Auf diese Weise bekommen wir ein wenig Luft. Ohne Landeplattform müssen sie die kleinen Shuttles benutzen. Deshalb zerstören wir ihre Landeplattform. Sie müssen sie neu aufbauen. Niemand wird verletzt.«

»Wenn es ganz schlimm wird, könnten wir auch wieder weggehen«, gab sie zu bedenken.

»Nein.« Er war selbst überrascht, wie heftig er auf den Vorschlag reagierte. Er drehte sich um und machte ein paar Schritte auf sie zu, bis ihr Gesicht vom Lichtschein erfasst wurde. »Wir gehen nicht mehr weg. Wir sind von Ganymed geflohen. Wir haben Katoa zurückgelassen und sind weggelaufen. Meine Familie musste ein Jahr auf einem Schiff leben, weil niemand uns die Landeerlaubnis geben wollte. Wir laufen nicht wieder weg. Nie mehr. Sie werden mir nie wieder ein Kind wegnehmen.«

»Ich vermisse Katoa auch«, wandte Lucia ein. »Aber diese Leute haben ihn nicht getötet. Es war Krieg.«

»Es war eine verdammte geschäftliche Entscheidung. Sie haben eine geschäftliche Entscheidung getroffen und deshalb den Krieg begonnen, und dann haben sie mir meinen Sohn weggenommen.« Und ich habe es zugelassen. Er sprach den Gedanken nicht aus. Ich habe dich, Felcia und Jacek mitgenommen und Katoa zurückgelassen, weil ich ihn für tot hielt, aber er war nicht tot. Die Worte schmerzten ihn viel zu sehr, um sie auszusprechen, aber Lucia verstand genau, was er meinte.

»Es war nicht deine Schuld.«

O doch, es war meine Schuld, wollte er entgegnen. Er schluckte es hinunter.

»Diese Leute haben kein Anrecht auf Ilus.« Es kostete ihn viel Mühe, ruhig mit ihr zu sprechen. »Wir waren zuerst hier. Wir haben unser Land abgesteckt. Wir schicken die erste Ladung Lithium los, bekommen das Geld und schalten Anwälte ein, die uns zu Hause vertreten können. Wenn sich die Firmen erst einmal hier festgesetzt haben, ist es zu spät. Wir brauchen einfach nur mehr Zeit.«

»Wenn du das machst, werfen sie dich ins Gefängnis«, warnte ihn Lucia. »Tu uns das nicht an. Tu das deiner Familie nicht an.«

»Ich mache das für meine Familie«, widersprach er leise. Das war noch schlimmer als ein lautstarker Streit. Er setzte sich ans Steuer und trat auf das Gaspedal. Ruckend und mit jaulendem Motor fuhr der Karren an. Er blickte nicht zurück, er konnte es nicht ertragen, Lucia anzusehen.

»Für meine Familie«, wiederholte er.

Das Haus und die Barackenstadt, deren Standort sie vorab von der Barbapiccola aus mit den Sensoren bestimmt hatten, fielen hinter ihm zurück. Sie hatten ihr den Namen »Erstlandung« gegeben, und der Name war hängen geblieben, als sich die bloße Idee in eine reale Ansiedlung verwandelt hatte. Das Zentrum bestand aus zwei Reihen Fertigbauten, dahinter begann ein festgefahrener Weg, der als Hauptstraße diente und zum eigentlichen Landeplatz führte. Die Flüchtlinge, die Ilus kolonisiert hatten, waren in kleinen Shuttles vom Schiff heruntergekommen und hatten für die Landung nur ein wenig ebenes Gelände gebraucht. Doch die Leute von Royal Charter Energy, diese Firmenvertreter, die kraft einer UN-Charta Anspruch auf diese Welt erhoben, rückten mit schwerem Gerät an. Das große Lastenshuttle benötigte eine richtige Landeplattform. Sie war genau dort errichtet worden, wo vorher die Kolonisten gelandet waren.

Basia fand das taktlos und arrogant. Der erste Landeplatz war wichtig. Er hatte sich vorgestellt, dass dort eines Tages ein Park mit einem Denkmal entstehen würde, das an ihre Ankunft auf dem neuen Planeten erinnerte. Doch nun hatte die RCE auf ihrem Landeplatz ein riesiges funkelndes Metallungetüm gebaut. Und damit nicht genug, sie hatten sogar Kolonisten angeheuert, um das Ding zu errichten. Viel zu viele hatten es für eine gute Idee gehalten und sich darauf eingelassen.

Es fühlte sich an, als sollten sie aus den Geschichtsbüchern getilgt werden.

Scotty und Coop erwarteten ihn an der neuen Landeplattform. Scotty hockte auf der Kante der Metallfläche und ließ die Beine baumeln, rauchte Pfeife und spuckte ab und zu zwischen den Füßen auf den Boden. Neben ihm stand eine kleine elektrische Lampe, die ihn gespenstisch grün färbte. Coop hielt sich etwas abseits und blickte mit gebleckten Zähnen zum Himmel hinauf. Coop war ein Gürtler der alten Schule, dem die Therapie gegen Agoraphobie viel schwerer gefallen war als allen anderen. Der Mann mit dem schmalen Gesicht starrte die große Leere an und kämpfte gegen den Drang an, sofort Deckung zu suchen.

Basia lenkte den Karren bis dicht an die Landeplattform und sprang hinaus, um die Gurte zu lösen, mit denen die Fassbomben befestigt waren.

»Kann mir mal jemand helfen?«, fragte er. Ilus war ein großer Planet, die Schwerkraft lag ein wenig über einem G. Obwohl er sechs Monate lang Medikamente genommen hatte, die den Muskel- und Knochenaufbau unterstützten, fühlte er sich immer noch zu schwer. Schon bei dem Gedanken, die Fässer von der Ladefläche auf den Boden zu wuchten, taten ihm die Schultern weh.

Scotty rutschte von der Kante der Landeplattform herunter und ließ sich anderthalb Meter tief auf den Boden fallen. Dann strich er sich die fettigen schwarzen Haare aus den Augen und nahm einen langen Zug aus der Pfeife. Die Mischung aus Cannabis, den Scotty in der Badewanne gezogen hatte, und gefriergetrockneten Tabakblättern verbreitete einen beißenden Geruch. Coop sah sich mit unstetem Blick um und hatte Mühe, sich zu konzentrieren, dann setzte er ein schmales, grausames Lächeln auf. Der Plan war ursprünglich seine Idee gewesen.

»Hm«, machte er. »Hübsch.«

»Verguck dich nicht in die Dinger«, antwortete Basia. »Sie fliegen bald in die Luft.«

Coop machte ein ploppendes Geräusch mit den Lippen und grinste. Dann hoben sie gemeinsam die vier schweren Fässer vom Karren und bauten sie in einer Reihe neben der Landeplattform auf. Als sie fertig waren, keuchten sie vor Anstrengung. Basia lehnte sich schweigend an den Karren, während Scotty Pfeife rauchte und Coop die Sprengkapseln anbrachte. Die Zünder ruhten wie schlafende Klapperschlangen auf der Ladefläche, die roten LEDs waren noch nicht erwacht.

In der Dunkelheit funkelten die Lichter der Stadt. Die Häuser, die sie gemeinsam füreinander gebaut hatten, schimmerten da drüben, als seien Sterne vom Himmel gefallen. Dahinter lagen die Ruinen. Ein lang gestrecktes, niedriges Gebäude, das die Aliens errichtet hatten. Zwei mächtige Türme ragten daraus empor wie übergroße Termitenhügel. Das ganze Gelände war von Gängen und Kammern durchzogen, die kein menschliches Gehirn ersonnen hatte. Im Tageslicht spielten gespenstische Farben auf den Flächen, als bestünde der Bau aus Perlmutt. Nachts herrschte dort tiefste Finsternis. Ein Stück dahinter befand sich die Erzgrube, nur zu erkennen an den Arbeitslampen, deren schwacher Widerschein die Bäuche der Wolken erhellte. Basia mochte die Mine nicht. Die Ruinen waren fremdartige Relikte aus der Vergangenheit des Planeten, die er wie alles, was unheimlich, aber nicht gefährlich war, nach ein paar Monaten kaum noch wahrnahm. An die Erzgruben waren dagegen große Erwartungen und viele Erinnerungen geknüpft. Er hatte sein halbes Leben in Tunneln aus Eis verbracht, und die neuen Tunnel, die sich nun durch das fremde Erdreich zogen, hatten den falschen Geruch.

Coop stieß einen unwirschen Laut aus und wedelte fluchend mit der Hand. Da nichts in die Luft geflogen war, konnte es nicht so schlimm sein.

»Glaubt ihr, sie bezahlen uns, damit wir das Ding wieder herrichten?«, fragte Scotty.

Basia fluchte und spuckte aus.

»Wir müssten das hier gar nicht tun, wenn die Leute nicht so scharf darauf wären, der RCE an den Titten zu lutschen.« Er rollte das letzte Fass an die richtige Stelle. »Ohne die Plattform können sie nicht landen. Wir hätten sie gar nicht erst bauen dürfen.«

Scotty lachte und stieß dabei eine Rauchwolke aus. »Die kommen so oder so, da können wir auch gleich ihr Geld nehmen. So sehen es die Leute.«

»Die Leute sind Idioten«, behauptete Basia.

Scotty nickte, verscheuchte mit einer Hand eine Papageiechse vom Beifahrersitz und ließ sich nieder, stemmte die Füße gegen das Armaturenbrett und zog an der Pfeife. »Wir müssen weit weg sein, wenn die Bomben zünden. Der Sprengstoff knallt ganz schön laut.«

»He, Mann«, rief Coop. »Wir sind so weit. Lasst uns die Bomben legen, ja?«

Scotty stand auf und marschierte in Richtung Landeplattform. Basia hielt ihn auf, zog ihm die Pfeife aus dem Mund und legte sie auf das Führerhaus des Karrens.

»Sprengstoff«, erklärte Basia. »Das Zeug ist explosiv.«

Scotty zuckte mit den Achseln und schnitt eine wehmütige Grimasse. Coop hatte schon das erste Fass auf die Seite gekippt, als sie ihn erreichten. »Das hier ist buena Arbeit. Solide konstruiert.«

»Danke«, antwortete Basia.

Coop legte sich mit dem Rücken auf den Boden, Basia legte sich neben ihn, und Scotty rollte das erste Fass zwischen die beiden Männer.

Gemeinsam bugsierten sie der Reihe nach die vier Fässer unter die Landeplattform in das Gewirr der Streben und Stützen, aktivierten die Fernzünder und synchronisierten sie. Als ein Elektromotor surrte, wurde Basia wütend, weil Scotty anscheinend mit dem Karren weggefahren war, doch dann wurde ihm bewusst, dass in Wirklichkeit ein weiterer Karren eingetroffen war.

»He.« Es war Pete.

»Que la merde hat der Dreckskerl hier zu suchen?«, murmelte Coop und wischte sich mit dem Handrücken die Stirn ab.

»Soll ich nachsehen, was er will?«, bot Scotty an.

»Basia«, entschied Coop. »Sieh du mal nach, was Pete hier treibt. Scotty hat sich noch nicht mal den Rücken dreckig gemacht.«

Basia rutschte hinaus und machte Scotty und der letzten der vier Bomben Platz. Petes Karren stand neben seinem eigenen, Pete selbst trat zwischen den Fahrzeugen von einem Bein auf das andere, als müsste er dringend pinkeln. Basia taten der Rücken und die Arme weh. Er wollte es endlich hinter sich bringen und möglichst bald zu Lucia, Felcia und Jacek nach Hause zurückkehren.

»Was ist?«, fragte Basia.

»Sie kommen.« Pete flüsterte, als lauerte ein Lauscher in der Nähe.

»Wer kommt?«

»Alle. Der vorläufige Gouverneur. Die Wachleute der Firma. Wissenschaftler und Techniker. Einfach alle. Jetzt wird es Ernst. Sie schleppen eine regelrechte Regierung für uns an.«

Basia zuckte mit den Achseln. »Das ist nichts Neues. Sie sind schon vor achtzehn Monaten gestartet. Genau deshalb sind wir doch hier.«

»Nein«, widersprach Pete. Er zappelte immer noch herum und blickte zu den Sternen hoch. »Sie kommen jetzt. Die Edward Israel hat vor einer halben Stunde mit dem Bremsschub begonnen und eine hohe Umlaufbahn eingeschlagen.«

Der kupferne Geschmack der Angst erfüllte Basias Mund. Auch er starrte in die Finsternis empor. Eine Milliarde unbekannte Sterne, anscheinend ein und dieselbe Milchstraße, wie alle glaubten, aber aus einem ganz anderen Blickwinkel. Hektisch hielt er hier und dort Ausschau, dann erfasste er die Bewegung. Sie war fast unmerklich, vergleichbar mit dem Minutenzeiger einer analogen Uhr, aber er sah sie. Die Landeeinheit war unterwegs, das Lastenshuttle steuerte die Landeplattform an.

»Ich wollte über Funk Bescheid geben, aber Coop meinte, sie überwachen die Frequenzen …«, setzte Pete an. Basia rannte schon zur Landeplattform zurück. Scotty und Coop krochen gerade wieder heraus, Coop klopfte sich grinsend den Staub von den Hosen.

»Wir haben ein Problem«, verkündete Basia. »Das Shuttle landet jetzt. Anscheinend sind sie sogar schon in die Atmosphäre eingetaucht.«

Coop blickte nach oben. Der helle Schein der Taschenlampe warf tiefe Schatten über die Wangen und die Augenhöhlen.

»Oh«, machte er.

»Ich dachte, du hast aufgepasst, Mann. Ich dachte, du achtest darauf, wo sie sind.«

Coop zuckte unverbindlich mit den Achseln.

»Wir müssen die Bomben rausholen«, verlangte Basia. Scotty kniete bereits nieder, doch Coop legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Warum denn?«, fragte er.

»Wenn sie jetzt landen, könnte alles in die Luft fliegen«, meinte Basia.

Coop lächelte milde. »Kann sein«, räumte er ein. »Und wenn schon?«

Basia ballte die Hände zu Fäusten. »Sie kommen in diesem Moment runter.«

»Das sehe ich«, antwortete Coop. »Für mich ändert das nichts. Und wie du es auch drehst und wendest, wir haben nicht mehr genug Zeit, um die Bomben herauszuholen.«

»Wir könnten wenigstens die Sprengkapseln und die Zünder entfernen«, drängte Basia. Er bückte sich und ließ den Strahl der Taschenlampe über die Streben der Landeplattform wandern.

»Vielleicht, vielleicht auch nicht«, meinte Coop. »Die Frage ist, ob wir es tun sollten, und darüber denke ich gar nicht erst nach.«

»Coop?«, wandte Scotty zaghaft ein. Coop hörte nicht auf ihn.

»Kommt mir vor wie eine günstige Gelegenheit«, fuhr Coop fort.

»In dem Shuttle sitzen Menschen.« Basia kroch unter die Landeplattform. Die Elektronik der ersten Bombe hatte sich ins Erdreich gedrückt. Er stemmte die schmerzende Schulter gegen die Bombe und schob.

»Dazu haben wir nicht genug Zeit, mein Freund«, rief Coop.

»Vielleicht doch, wenn du deinen Arsch hierher bewegst«, rief Basia zurück. Die Sprengkapsel klebte wie eine Zecke auf dem Fass. Basia versuchte, die Finger in den Klebstoff zu pressen und die Kapsel abzureißen.

»Oh, verdammt«, sagte Scotty beinahe andächtig. »Oh, verdammt, Baz!«

Die Kapsel löste sich, Basia schob sie sich in die Tasche und kroch zur nächsten Bombe.

»Keine Zeit«, rief Coop. »Wir sollten uns lieber verdrücken und das Ding in die Luft jagen, solange sie noch hochziehen können.«

Pete brachte sich unterdessen in Sicherheit und fuhr mit seinem Karren weg. Gleichzeitig hörte Basia ein zweites Geräusch, das dumpfe Dröhnen eines mächtigen Triebwerks im Bremsschub. Verzweifelt betrachtete er ein letztes Mal die drei restlichen Bomben und robbte unter der Landeplattform hervor ins Freie. Das Shuttle hob sich inzwischen deutlich vom Nachthimmel ab, er konnte sogar schon die einzelnen Schubdüsen erkennen.

Er würde es nicht schaffen.

»Lauft!«, rief er und rannte zusammen mit Scotty und Coop zum Karren. Das Dröhnen wurde schmerzhaft laut. Basia erreichte den Wagen und schnappte sich den Zünder. Wenn er früh genug auslösen konnte, startete das Shuttle vielleicht durch und entkam unbeschädigt.

»Nicht!«, rief Coop. »Wir sind zu nahe!«

Basia knallte die Handfläche auf den Zündknopf.

Die Erde bockte unter ihnen, er bekam einen harten Schlag ins Kreuz, Erde und Steine schürften ihm über Hände und Wangen, als er stürzte und rutschte. Die Schmerzen spürte er jedoch kaum. Vielleicht war es der Schock, doch auch der schien weit entfernt und kaum bemerkenswert. Vor allem fiel ihm auf, wie still alles war. Kein Geräusch erreichte ihn mehr. Nur den eigenen Atem und den Herzschlag vernahm er noch. Alles andere war fast unhörbar leise geworden.

Er drehte sich auf den Rücken und blickte zum nächtlichen Firmament empor. Das schwere Shuttle flog über ihm mit einem langen Feuerschweif vorbei, die Maschinen gaben kein dumpfes Dröhnen mehr von sich, sondern das Kreischen eines verwundeten Tiers. Den Lärm spürte er mehr im Bauch, als dass er ihn hörte. Vielleicht war das Shuttle zu nahe oder die Sprengung zu mächtig gewesen, womöglich hatten ein paar Trümmer eine ausgesprochen unglückliche Flugbahn eingeschlagen. Man konnte es nicht wissen. Irgendwie erkannte Basia sofort, dass es übel ausgehen würde, aber es fiel ihm schwer, sich auf die Ereignisse zu konzentrieren.

Das Shuttle verschwand aus seinem Sichtfeld und entließ den schrillen Todesschrei über dem Tal. Bei ihm kam nur ein schwaches hohes Pfeifen an, dann herrschte schlagartig Stille. Scotty saß neben ihm auf dem Boden und starrte in die Richtung, in die das Schiff verschwunden war. Basia ließ sich wieder auf den Rücken sinken.

Als die grellen Funken, die das Shuttle hinterlassen hatte, verglüht waren, kehrten die Sterne zurück. Basia betrachtete sie lange und fragte sich, welcher davon Sol sein mochte. So weit weg. Aber dank der Tore auch sehr nahe. Er hatte das Shuttle der Neuankömmlinge abgeschossen. Jetzt mussten sie mit aller Macht eingreifen, sie hatten keine Wahl.

Auf einmal schüttelte ihn ein heftiges Husten. Es fühlte sich an, als wäre eine Flüssigkeit in die Lungen eingedrungen. Der Anfall hielt mehrere Minuten an, und nach dem Husten kamen die Schmerzen, die ihn vom Kopf bis zu den Füßen durchzuckten.

Mit den Schmerzen kam die Angst.

2   Elvi

Das Shuttle bockte und warf Elvi Okoye so fest gegen die Sicherheitsgurte, dass ihr die Luft wegblieb. Anschließend wurde sie ebenso fest mit dem Rücken auf die Druckliege gepresst. Die Lampen flackerten, erloschen, gingen wieder an. Sie schluckte, Aufregung und Vorfreude waren einer schrecklichen Angst gewichen. Neben ihr lächelte Eric Vanderwert halb lüstern und halb hoffnungsvoll, wie er es in den vergangenen sechs Monaten schon oft getan hatte. Gegenüber hatte Fayez die Augen weit aufgerissen. Seine Haut war aschfahl.

»Es ist alles gut«, sagte Elvi. »Alles wird gut.«

Noch während sie die Worte aussprach, schalt sie sich eine Lügnerin. Sie wusste nicht, was da im Gange war, und konnte keinesfalls guten Gewissens behaupten, es sei alles in Ordnung. Dennoch war ihr erster Impuls der, es einfach auszusprechen, als könnte sie es dadurch wahr werden lassen. Ein schrilles Heulen ließ das ganze Shuttle erbeben, die Tonhöhe änderte sich, als sie nach links gedrückt wurde. Die Druckliegen folgten auf den kardanischen Lagern der Bewegung wie eine Tanzgruppe der Choreografie. Sie verlor Fayez aus den Augen.

Ein Dreiklang kündigte eine Lautsprecherdurchsage der Pilotin an.

»Meine sehr geehrten Damen und Herren, anscheinend gab es bei der Landeplattform eine kritische Störung, sodass wir im Moment nicht dort aufsetzen können. Wir kehren in die Umlaufbahn zurück und docken vorläufig wieder an die Edward Israel an, bis wir festgestellt haben …«

Sie verstummte, doch am Rauschen war zu hören, dass der Kanal noch offen war. Elvi stellte sich vor, dass die Pilotin durch irgendetwas abgelenkt wurde. Das Schiff ruckte und bockte, Elvi hielt sich eisern an den Gurten fest. In der Nähe sprach jemand ein lautes Gebet.

»Meine Damen und Herren«, fuhr die Pilotin fort, »leider hat die Störung an der Landeplattform auch unser Shuttle beschädigt. Ich fürchte, im Moment schaffen wir es nicht bis nach oben. Nicht weit vor uns befindet sich ein ausgetrockneter See, den wir jetzt als Ausweichlandeplatz ansteuern.«

Elvi war zunächst erleichtert – Wir haben einen Ausweichlandeplatz –, bis sie erkannte, was die Durchsage wirklich bedeutete: Sie meint, wir stürzen ab.

»Ich möchte Sie alle bitten, angeschnallt auf den Liegen zu bleiben«, erklärte die Pilotin. »Nehmen Sie die Gurte nicht ab und achten Sie darauf, dass Ihre Arme und Beine auf den Polstern liegen und nicht gegen die Seitenflächen prallen. Das Gel auf den Liegen schützt Sie beim Aufsetzen. In ein paar Minuten sind wir alle wohlbehalten unten.«

Die gezwungene und unechte Gelassenheit ängstigte Elvi mehr als Tränen und Schreckensschreie. Die Pilotin bemühte sich, eine Panik unter den Passagieren zu verhindern. Tat das jemand, der eine Panik für völlig unangebracht hielt?

Wieder verlagerte sich ihr Gewicht, es zog sie nach links und dann wieder zurück, und als das Shuttle abrupt sank, wurde sie vorübergehend leichter. Der Absturz schien eine Ewigkeit zu dauern. Das Rütteln und Heulen klang schriller denn je. Elvi schloss die Augen.

»Alles wird gut«, sagte sie sich. »Alles wird gut.«

Beim Aufprall platzte das Shuttle wie ein Hummerschwanz unter dem Hammer. Einen Moment lang sah sie Sterne an einem fremden Himmel, dann verlor sie das Bewusstsein, als hätte Gott einen Schalter umgelegt.

Vor Jahrhunderten waren die Europäer in die von der Pest heimgesuchten Überreste Amerikas vorgestoßen. Sie fuhren auf hölzernen Schiffen mit riesigen Segeln und vertrauten sich den Winden und den Fertigkeiten der Seeleute an, um das bekannte Land zu verlassen und das Gebiet zu erreichen, das sie die Neue Welt nannten. Bis zu sechs Monate lang waren religiöse Eiferer, Abenteurer und verzweifelte, von der Armut gebeutelte Menschen den unbarmherzigen Wogen des Atlantik ausgeliefert.

Vor achtzehn Monaten hatte Elvi Okoye einen Vertrag bei Royal Charter Energy unterschrieben und war von Ceres aufgebrochen. Die Edward Israel war ein gewaltiges Schiff. Beinahe drei Generationen zuvor war es ein Kolonieschiff gewesen und hatte die Menschen zum Gürtel und ins Jupitersystem befördert. Als der Vorstoß zu Ende gegangen und der Drang ins Unbekannte an seine natürlichen Grenzen gestoßen war, hatte man die Israel zu einem Wassertransporter umgebaut. Das Zeitalter der Expansion war vorbei, und die romantischen Vorstellungen von Freiheit wichen den praktischen Notwendigkeiten des Lebens – Luft, Wasser und Nahrung in genau dieser Reihenfolge. Jahrzehntelang hatte das Schiff im Sonnensystem als Arbeitspferd gedient, und dann hatte sich der Ring geöffnet. Auf einen Schlag war eine ganz neue Situation entstanden. Die Bush-Werft und die Tycho-Station konstruierten eine neue Generation von Kolonieschiffen, aber der erneute Umbau der Israel war noch schneller abgeschlossen worden.

Staunend, voller Hoffnung und aufgeregt hatte Elvi das Schiff betreten, das Summen der Luftaufbereiter im Ohr, und die verwinkelten altmodischen Gänge bestaunt. Ein neues Zeitalter der Entdeckungen war angebrochen, die alten Krieger waren wieder da, die Schwerter waren gewetzt, und nach vielen Jahren wurden die angelaufenen Rüstungen wieder poliert. Elvi war klar gewesen, dass dieses Bild ihre eigene Projektion war, die mehr über sie selbst und ihre Geistesverfassung als über das Schiff verriet, aber das konnte die Begeisterung nicht schmälern. Die Edward Israel war wieder ein Kolonieschiff, der Laderaum war voller Bauteile für Fertighäuser, Atmosphärensonden und zerlegbare Produktionsstätten. Es gab sogar ein hochauflösendes Femtoskop. An Bord waren ein Erkundungs- und Kartografieteam, Geologen und Hydrologen, Elvis eigene exozoologische Arbeitsgruppe und viele weitere Fachleute. Eine ganze Schiffsladung voller Wissenschaftler und als Zugabe ein ganzer Schwarm von Assistenten. Zusammen mit der Crew und den Kolonisten machten sich tausend Menschen auf die Reise.

Sie bildeten eine Stadt im Himmel und waren ein Boot voller Pilger, die zugleich zum Plymouth Rock fuhren und Darwins Expedition mit der Beagle wiederholten. Es war das großartigste und schönste Abenteuer, zu dem die Menschheit je aufgebrochen war, und Elvi hatte sich ihren Platz im exobiologischen Team redlich verdient. Unter diesen Voraussetzungen war die Vorstellung, der Stahl und die Keramik des Schiffs seien mit einer Art Vorfreude durchtränkt, eine verzeihliche Fantasie.

Über all dies herrschte Gouverneur Trying.

In den langen Monaten, während sie beschleunigt und wieder abgebremst hatten, um schließlich den zähen, gespenstischen Übergang zwischen den Ringen zu erleben und danach abermals zu beschleunigen und auf Bremsschub umzuschalten, war sie ihm einige Male begegnet. Erst kurz vor Beginn der Landeprozedur hatte sie allerdings tatsächlich einmal mit ihm gesprochen.

Trying war ein schmaler Mann. Der mahagonibraune Teint und das Haar, das wie Pulverschnee das Haupt überzuckerte, erinnerten sie an ihren Onkel. Sein Lächeln war zuversichtlich und beruhigend. Sie hatte sich auf dem Beobachtungsdeck aufgehalten und sich der Illusion hingegeben, die hochauflösenden Bildschirme seien in Wirklichkeit Fenster, durch die sie den Planeten betrachten konnte, und das Licht der unvertrauten Sonne spielte tatsächlich da unten auf den großen verschlammten Seen und der hohen Wolkendecke, um von dort aus direkt ihr Auge zu treffen. Andererseits verriet ihr der starke Bremsschub, dass sie die Umlaufbahn noch gar nicht erreicht hatten. Jedenfalls war es ein fremdartiger und schöner Anblick. Ein einziger, riesiger Ozean, in dem viele Inseln lagen. Ein großer Kontinent nahm die Hälfte einer Hemisphäre ein, am Äquator war die breiteste Stelle, im Norden und Süden verjüngte er sich. Offiziell hieß der Planet »Bering 4« nach der Sonde, die ihn entdeckt hatte. Auf den Gängen, in der Cafeteria und im Fitnessbereich nannte man ihn nur »Neuterra«. Wenigstens war sie nicht die Einzige, die sich zu Träumen hinreißen ließ.

»Worüber denken Sie nach, Doktor Okoye?«, hatte Trying mit sanfter Stimme gefragt. Elvi war zusammengezuckt, sie hatte nicht bemerkt, wie er hereingekommen war und sich neben sie gestellt hatte. Zuerst hatte sie das Gefühl, sie müsste sich verneigen und ihn zuvorkommend begrüßen, doch seine Miene war so sanft und freundlich, dass sie darauf verzichtete.

»Ich frage mich, wie ich das alles verdient habe«, erklärte sie. »Bald werde ich die erste echte außerirdische Biosphäre sehen und Dinge über die Evolution lernen, die man auf der Erde keinesfalls entdecken kann. In einem früheren Leben muss ich ein sehr, sehr guter Mensch gewesen sein.«

Auf den Bildschirmen schimmerte Neuterra braun, golden und blau. Die Höhenwinde zerrten die grünlich getönten Wolken wie einen Schmierfilm um den halben Planeten. Elvi beugte sich vor. Der Gouverneur schmunzelte.

»Sie werden berühmt«, meinte er.

Elvi blinzelte, lachte und musste husten.

»Ja, das kann sein«, stimmte sie zu. »Wir tun Dinge, die noch nie ein Mensch getan hat.«

»Auf manches trifft dies zu«, antwortete Trying. »Andere Dinge tun wir gerade so, wie wir sie schon immer getan haben. Ich hoffe, die Geschichte urteilt milde über uns.«

Sie wusste nicht recht, was er damit sagen wollte, aber bevor sie fragen konnte, kam Adolphus Murtry herein. Der dünne Mann mit den harten blauen Augen war der Chef des Sicherheitsdienstes und bildete mit seiner Härte und Effizienz einen starken Gegensatz zum onkelhaften Trying. Die Männer entfernten sich und überließen es Elvi, allein die Welt zu bewundern, die sie bald erkunden durfte.

Das schwere Shuttle war so groß wie einige Raumschiffe, mit denen Elvi geflogen war. Auf der Planetenoberfläche hatte man eigens eine Landeplattform errichtet, die es tragen konnte. Es hatte die ersten fünfzig Gebäude, einige wichtige Laboratorien und vor allem und am wichtigsten eine stabile, hermetisch abgeschlossene Kuppel an Bord.

Sie hatte sich mit dem Handterminal gerüstet einen Weg durch den überfüllten Gang bis zu ihrer Druckliege gebahnt. Bei der Gründung der ersten Marskolonien waren die Kuppeln überlebenswichtig gewesen. Sie hatten die Luft drinnen gehalten und die Strahlung abgeschirmt. Auf Neuterra ging es vor allem darum, die Kontamination so gering wie möglich zu halten. Der Vertrag, den die RCE unterzeichnet hatte, verlangte, die einheimische Biosphäre so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Dem Vernehmen nach lebten bereits einige Menschen auf Neuterra. Hoffentlich waren auch sie vorsichtig und störten die Umwelt nicht. Andernfalls wären die Wechselwirkungen zwischen den einheimischen und den mitgeschleppten Organismen höchst kompliziert und kaum noch zu überschauen.

»Sie wirken so besorgt.«

Fayez Sarkis saß auf einer Druckliege und legte sich gerade die breiten Gürtel über Hüfte und Oberkörper. Er stammte vom Mars und hatte den großen und schmalen Körperbau mit dem großen Kopf, wie es für die Menschen typisch war, die unter niedriger Schwerkraft aufgewachsen waren. Ein Blick auf das Handterminal verriet Elvi, dass sie ihren Platz gefunden hatte. Sie setzte sich, das Gel passte sich den Oberschenkeln und dem Rücken an. Auf einer Druckliege wollte sie sich immer instinktiv aufrichten wie ein Kind in der Plastikwanne. Wenn sie sich tief hineinsinken ließ, hatte sie das Gefühl, verschlungen zu werden.

»Ich habe an die Zukunft gedacht.« Sie überwand sich und legte sich hin. »Vor uns liegt viel Arbeit.«

»Ich weiß.« Fayez seufzte. »Die große Pause ist vorbei, und jetzt müssen wir uns den Lebensunterhalt wirklich verdienen. Nun ja, es war schön, so lange es gedauert hat. Ich meine, mal abgesehen von dem Schub von einem vollen G.«

»Neuterra liegt sogar noch etwas darüber.«

»Erinnern Sie mich bloß nicht daran«, stöhnte er. »Warum konnten wir nicht auf einem hübschen Balsaholzplaneten mit einer zivilisierten Schwerkraft beginnen?«

»Man muss die Karten spielen, wie man sie bekommt.«

»Sobald wir Daten über einen anständigen marsähnlichen Planeten haben, lasse ich mich versetzen.«

»Genau wie die Hälfte der anderen Kollegen vom Mars.«

»Ja, ich weiß. Ich denke da an einen Planeten, auf dem es jetzt schon eine atembare Atmosphäre gibt. Und ein Magnetfeld, damit wir nicht immer wie Maulwürfe leben müssen. So, als wäre das Terraforming schon zu meinen Lebzeiten abgeschlossen worden.«

Elvi lachte. Fayez gehörte gleichzeitig zu den Geologen und den Hydrologen. Er hatte an den besten Universitäten außerhalb der Erde studiert, und da sie ihn schon lange kannte, wusste sie, dass er mindestens so ängstlich und begeistert war wie sie selbst. Gerade kam Eric Vanderwert vorbei und ließ sich neben Elvi auf seiner Druckliege nieder. Sie lächelte höflich. In den anderthalb Jahren seit dem Aufbruch von Ceres hatten sich zwischen den Mitgliedern der wissenschaftlichen Teams verschiedene romantische, oder wenn nicht romantische, dann wenigstens sexuelle Beziehungen ergeben. Elvi hatte sich herausgehalten. Sie hatte schon früh gelernt, dass sexuelle Verwicklungen Gift für jede Arbeitsbeziehung waren.

Eric nickte Fayez zu und richtete die Aufmerksamkeit wieder auf sie.

»Das ist aufregend«, bemerkte er.

»Ja«, antwortete Elvi. Gegenüber verdrehte Fayez die Augen.

Murtry wanderte durch die Gänge zwischen den Druckliegen und sah sich prüfend um – die Liegen, die Gurte, die Gesichter der Menschen, die sich auf die Landung vorbereiteten. Elvi lächelte ihn an, er nickte ihr knapp zu. Es war nicht feindselig, nur sachlich, als er sie eingehend musterte. Der Blick war auch ganz bestimmt nicht der eines Mannes, der sexuelles Interesse hatte. Vielmehr war er wie ein Lademeister, der sich vergewisserte, dass die Magnetklammern gegriffen hatten. Noch einmal nickte er ihr zu, anscheinend zufrieden, dass sie die Gurte richtig angelegt hatte, und ging weiter. Als er außer Sicht war, kicherte Fayez.

»Der arme Kerl ist mit den Nerven am Ende.« Er nickte in Murtrys Richtung.

»Wirklich?«, fragte Eric.

»Er hatte uns anderthalb Jahre im Griff, nicht wahr? Jetzt landen wir, und er bleibt im Orbit. Der Mann hat Angst, dass wir im letzten Moment unter seiner Aufsicht krepieren.«

»Wenigstens passt er gut auf«, meinte Elvi. »Das mag ich an ihm.«

»Sie mögen jeden«, neckte Fayez. »Das ist schon pathologisch.«

»Sie dagegen mögen überhaupt keinen.«

»Ja, das ist meine pathologische Situation«, gab er grinsend zu.

Der Dreiklang ertönte, es knackte in den Lautsprechern.

»Sehr verehrte Damen und Herren, ich bin Patricia Silva und fungiere auf diesem kleinen Ausflug als Ihre Pilotin.«

Überall lachten die Leute auf den Druckliegen.

»Wir legen in etwa zehn Minuten von der Israel ab und werden in schätzungsweise fünfzig Minuten landen. In rund einer Stunde werden wir alle eine völlig neue Luft atmen. Der Gouverneur ist bei uns an Bord, und deshalb wollen wir dafür sorgen, dass alles glatt abläuft, damit wir eine Prämie für herausragende Leistungen beantragen können.«

Alle waren voller Vorfreude, sogar die Pilotin. Elvi grinste, Fayez grinste zurück. Eric räusperte sich.

»Nun ja«, erklärte Fayez mit gespielter Resignation, »nun sind wir schon so weit geflogen, da sollten wir es lieber hinter uns bringen.«

Die Schmerzen hatten keine bestimmte Quelle. Dazu waren sie zu umfassend. Sie waren überall und ließen nichts unberührt. Elvi wurde bewusst, dass sie etwas anstarrte. Vielleicht das riesige angewinkelte Bein einer Krabbe? Oder einen abgeknickten Baukran. Dahinter erstreckte sich der ebene Grund des Seebetts, dicht vor dem Unterteil des Apparats wurde der Boden uneben. Vermutlich hatte sich das Ding aus der Dunkelheit vorgeschoben und dabei die dunkle, weiche Erde weggedrückt, oder es war dort umgefallen. Sie versuchte, den Anblick mit den Trümmern des Shuttles in Einklang zu bringen, und scheiterte.

Es war ein Artefakt. Ruinen. Irgendein geheimnisvolles Gebäude, das die fremde Zivilisation zurückgelassen hatte. Die Schöpfer des Protomoleküls und der Ringe. Jetzt war es verlassen und leer. Auf einmal erinnerte Elvi sich lebhaft an eine Kunstausstellung, die sie als kleines Mädchen besucht hatte. Ein großes Bild hatte ein Fahrrad in einem Graben außerhalb der Ruinen von Glasgow gezeigt. Die Überreste einer Katastrophe, zusammengefasst in einem einzigen Bild, so komprimiert und zugleich beredt wie ein Gedicht.

Wenigstens durfte ich es einmal sehen, dachte sie. Wenigstens bin ich vor dem Tod noch bis hierher gekommen.

Jemand hatte sie aus dem zerstörten Shuttle gezogen. Wenn sie den Kopf drehte, konnte sie gelblich-weiße Baulampen erkennen. In Reihen lagen andere Passagiere auf dem Boden. Manche konnten offenbar stehen und liefen zwischen den Verletzten und Toten hin und her. Die Gesichter kannte sie nicht, auch die Bewegungen verrieten nicht, wer es war. Nach anderthalb Jahren auf der Israel kannte sie jeden an Bord vom Sehen. Diese Leute waren Fremde. Also die Einheimischen. Die Besetzer. Illegale. Es roch nach verbranntem Staub und Kreuzkümmel.

Anscheinend hatte sie zwischenzeitlich das Bewusstsein verloren, denn sie wusste nicht, woher die Frau neben ihr gekommen war. Sie hatte blutige Hände, das Gesicht war sehr schmutzig, aber das Blut war nicht ihr eigenes.

»Es hat Sie ordentlich durchgeschüttelt, aber Sie schweben nicht in Lebensgefahr. Ich gebe Ihnen etwas gegen die Schmerzen. Sie müssen jetzt ruhig liegen bleiben, bis wir das Bein schienen können. Haben Sie das verstanden?«

Die Frau war schön, wirkte aber streng. Auf den dunklen Wangen waren schwarze Punkte zu erkennen, die wirkten wie die Flecken auf einem Schleier. In das schwarze Haar waren weiße Bänder geflochten. Es wogte wie Wasser im Mondschein. Nur, dass es auf Neuterra keinen Mond gab. Lediglich Milliarden fremder Sterne.

»Alles klar?«, fragte die Frau noch einmal.

»Alles klar«, antwortete Elvi.

»Wiederholen Sie, womit Sie gerade einverstanden waren.«

»Ich weiß es nicht.«

Die Frau lehnte sich zurück und legte sanft die Hand auf Elvis Schulter.

»Torre! Bei der hier muss der Kopf gescannt werden. Möglicherweise hat sie eine Gehirnerschütterung.«

Eine andere Stimme – eine Männerstimme – antwortete aus der Dunkelheit. »Ja, Doktor Merton. Sobald ich mit der hier fertig bin.«

Doktor Merton wandte sich wieder an Elvi. »Ich richte Sie jetzt auf. Bleiben Sie hier, bis Torre Sie untersucht hat?«

»Nein, schon gut, ich kann Ihnen helfen«, bot Elvi an.

»Das können Sie bestimmt.« Die schöne Frau seufzte. »Wir wollen gemeinsam auf ihn warten.«

Aus der Dunkelheit schälte sich ein Schatten heraus. Sie erkannte Fayez am Gang. »Gehen Sie nur, ich setze mich zu ihr.«

»Danke.« Doktor Merton verschwand. Fayez ließ sich grunzend nieder und hockte sich in den Schneidersitz. Auf dem etwas zu großen Schädel standen die Haare in allen Richtungen ab. Die Lippen hatte er fest zusammengepresst. Impulsiv nahm Elvi seine Hand. Er zog sich instinktiv zurück, dann ließ er die Berührung zu.

»Was ist passiert?«, fragte sie.

»Die Landeplattform ist explodiert.«

»Oh«, machte sie. »Kann so was wirklich passieren?«

»Nein. Nein, normalerweise nicht.«

Sie durchdachte die Angelegenheit. Wenn sie normalerweise nicht explodiert, wie konnte es dann passieren? Sie war klar genug, um zu bemerken, wie angeschlagen sie war. Das war lästig, aber vielleicht doch ein gutes Zeichen.

»Wie schlimm ist es?«

Sie fühlte mehr, als dass sie sah, wie Fayez mit den Achseln zuckte. »Schlimm. Die einzige gute Nachricht ist die, dass das Dorf in der Nähe ist und ihre Ärztin etwas taugt. Sie hat auf Ganymed studiert. Wenn unsere Ausrüstung nicht verbrannt oder unter Tonnen Metall und Keramik zerquetscht wäre, könnte sie vielleicht noch viel mehr tun.«

»Und die Arbeitsgruppe?«

»Ich habe Gregorio gesehen, ihm geht es gut. Eric ist tot. Ich weiß nicht, was aus Sophie geworden ist, aber ich erkundige mich, sobald sich jemand um Sie kümmert.«

Eric war tot. Nur wenige Minuten vorher hatte er neben ihr auf der Liege gelegen, hatte sie angemacht und war ihr auf die Nerven gegangen. Sie verstand es nicht.

»Was ist mit Sudyam?«

»Sie ist noch auf der Israel, ihr ist nichts passiert.«

»Das ist gut.«

Fayez drückte ihre Hand und ließ los. Wo seine Handfläche gelegen hatte, war die Luft kühl. Er überblickte die Reihen von Körpern vor den Trümmern des Shuttles. Es war so dunkel, dass sie ihn nur sehen konnte, wenn er sich vor den Sternen abhob.

»Gouverneur Trying hat es nicht geschafft«, berichtete er.

»Nicht geschafft?«

»Platt wie ein Igel auf der Straße. Wir wissen nicht, wer jetzt das Kommando hat.«

Tränen sammelten sich in ihren Augen, und in der Brust entstand ein Schmerz, der nichts mit den Verletzungen zu tun hatte. Sie erinnerte sich an das sanfte Lächeln des Mannes, an die warme Stimme. Er hatte noch nicht einmal mit der Arbeit begonnen. Seltsam, dass Erics Tod sie nicht stärker berührte wie ein Stein, der über das Wasser hüpft, während Gouverneur Tryings Schicksal sie sehr traurig stimmte.

»Es tut mir so leid«, sagte sie.

»Nun ja, wir sind anderthalb Jahre von zu Hause entfernt auf einem fremden Planeten, unsere Vorräte sind in zahnstocherkleine Späne zerlegt, und alles weist auf Sabotage durch die Leute hin, die hier gerade für uns Erste Hilfe leisten. Tot sein ist nicht schön, aber wenigstens einfach. Gut möglich, dass wir Trying schon sehr bald beneiden.«

»Das ist nicht Ihr Ernst. Alles wird gut.«

»Elvi?« Fayez grinste humorlos. »Ich fürchte, das stimmt nicht.«

3   Havelock

»He, Havelock«, rief der Ingenieur müde aus der Zelle. »Sind Sie immer noch sauer?«

»Es ist nicht mein Job, sauer zu sein, Williams.« Havelock schwebte neben dem Schreibtisch. Die Gefängniswache der Edward Israel war klein. Zwei Schreibtische, acht Zellen. Ein Bau, der zugleich als Büro diente, und da sich das Schiff in der Umlaufbahn befand, wirkte der Raum in der Schwerelosigkeit sogar noch kleiner.

»Hören Sie, ich bin über die Stränge geschlagen, aber jetzt bin ich nüchtern. Sie können mich wieder rauslassen.«

Havelock blickte auf sein Handterminal.

»Noch fünfzig Minuten, dann dürfen Sie gehen.«

»Kommen Sie schon, Havelock, haben Sie ein Herz.«

»So sind die Vorschriften. Da kann ich nichts machen.«

Dimitri Havelock hatte mehr als dreizehn Jahre lang für acht verschiedene Sicherheitsfirmen gearbeitet, darunter Pinkwater, Star Helix, el-Hashem Cooperative, Stone & Sibbets, kurze Zeit sogar für Protogen. Er war im Gürtel, auf der Erde, auf dem Mars und auf Luna gewesen. Er war Langstrecke auf Versorgungsfrachtern zwischen Ganymed und Erde geflogen. Von Aufständen über häusliche Gewalt und Drogenhandel bis zu einem zwanghaften Mann, der anderen Leuten die Socken stahl, hatte er eine ganze Menge gesehen. Nicht alles, aber eine ganze Menge. Genug jedenfalls, um das Gefühl zu haben, er könne keinesfalls wirklich alles sehen. Und auf jeden Fall genug, um zu wissen, dass er in einer Krise viel stärker auf die Leute in seinem Team als auf die Krise selbst reagierte.

Als auf dem Aten-Stützpunkt der Reaktor hochging, war sein Partner und Vorgesetzter in Panik geraten. Havelock erinnerte sich genau an die schreckliche Angst, die er im Bauch gespürt hatte. Als nach der Zerstörung des Eisfrachters Canterbury auf Ceres die Aufstände ausgebrochen waren, war sein Partner eher müde als ängstlich gewesen, und Havelock hatte sich der Situation mit der gleichen verbissenen Resignation gestellt. Als die Ebisu wegen des Nipahvirus unter Quarantäne gestellt wurde, hatte sein Vorgesetzter mit voller Kraft und beinahe begeistert das Schiff geführt, als müsste er ein Puzzle lösen, und Havelock hatte Freude darin gefunden, eine wichtige Aufgabe gut zu erledigen.

Wie Havelock aus langer Erfahrung wusste, waren Menschen zunächst einmal Herdentiere, und er selbst war durch und durch ein Mensch. Es war romantischer – nein, maskuliner –, sich als Insel zu sehen, die sich von den ringsherum tosenden emotionalen Wellen nicht erschüttern ließ. Aber das entsprach nicht der Wahrheit, und er hatte sich damit abgefunden, dass er nicht aus seiner Haut konnte.

Als die Nachricht hereinkam, dass die Landeplattform des Shuttles explodiert war und die ersten Meldungen über Opfer eingingen, hatte Murtry mit konzentrierter Wut reagiert und effizient gearbeitet. Havelock war seinem Beispiel gefolgt. Alles spielte sich auf dem Planeten ab, daher bot die Edward Israel das einzige Ventil, und wie die Dinge auf der Israel liefen, blieb vor allem Havelock überlassen.

»Bitte«, flehte Williams in der Zelle. »Ich muss mir saubere Sachen anziehen. Die paar Minuten ändern doch nichts.«

»Wenn es nichts ändert, dann spielt es ja auch keine Rolle, wenn Sie bleiben«, antwortete Havelock. »Noch fünfundvierzig Minuten, dann dürfen Sie raus. Setzen Sie sich einfach hin und genießen Sie die Zeit.«

»Ich kann nicht sitzen, wenn wir in der Umlaufbahn schweben.«

»Das war bildlich gesprochen. Sie müssen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.«

Die Versetzung auf die Edward Israel war ein Glücksfall gewesen. Die Royal Charter Energy hatte die erste echte Expedition in die neuen Systeme ausgerüstet, die über die Ringe erreicht werden konnten, und man konnte an den Zusatzleistungen erkennen, wie wichtig der Firma der Erfolg dieser Mission war. Jeder Tag, sogar schon beim Aufnehmen der Vorräte und der Crew auf Luna, wurde mit einer Gefahrenzulage vergütet. Da sie fast anderthalb Jahre unterwegs waren und planmäßig erst in sechs Jahren noch einmal anderthalb Jahre zur Erde zurückfliegen sollten, hatte Havelock so gut wie ausgesorgt.

Trotzdem hatte er vor der Unterzeichnung des Vertrags gezögert.

Er hatte Aufnahmen von Eros und Ganymed und vom Blutbad in der sogenannten langsamen Zone gesehen, als die Verteidigung der Außerirdischen die Schiffe so abrupt gestoppt hatte, dass ein Drittel der Menschen an der Verzögerung gestorben waren. Die zahlreichen Wissenschaftler und Techniker an Bord der Israel führten ihm jeden Tag erneut vor Augen, dass sie ins Ungewisse flogen. Am Ziel warteten bestimmt ein paar Ungeheuer auf sie.

Nun war Gouverneur Trying tot. Severn Astrapani, der Statistiker, der beim Talentwettbewerb Ryu-Popklassiker gesungen hatte, war ebenfalls gestorben. Amanda Chu, die einmal mit Havelock geflirtet hatte, als sie beide ein wenig betrunken gewesen waren, war tot. Die Hälfte der Männer und Frauen im ersten Team waren verletzt. Die Vorräte auf dem schweren Shuttle – und das Fahrzeug selbst – waren verloren. Die Stille, die sich auf der Edward Israel ausbreitete, entsprach der Schrecksekunde zwischen dem Schlag und dem Einsetzen der Schmerzen. Darauf folgten Wut und Kummer, und Havelock empfand genau wie der Rest der Crew.

Sein Handterminal piepste. Es war eine interne Meldung für den Sicherheitsdienst, die nur Murtry, Wei, Trajan, Smith und er selbst empfangen konnten. Havelock rief sie mit einer gewissen Vorfreude auf. Er bekleidete in der Leitung der Sicherheitsabteilung den niedrigsten Rang, aber er war mit von der Partie und nicht ausgeschlossen, was ihm das Gefühl gab, vielleicht doch eine gewisse Kontrolle über die Ereignisse zu besitzen. Das war im Moment jedoch nicht so wichtig. Er überflog die Nachricht, nickte und tippte den Öffnungscode für die Zelle ein.

»Sie haben Glück, ich muss zu einer Sitzung.«

Williams schwebte aus der Zelle heraus. Das grau durchsetzte Haar war zerzaust, die Haut wirkte fahler als sonst. »Danke«, sagte der Mann mürrisch.

»Aber machen Sie das nicht noch mal«, warnte Havelock ihn. »Es ist so schon schwierig genug, und wir brauchen keine Leute, die alles nur noch schlimmer machen.«

»Ich war nur betrunken«, antwortete der Ingenieur. »Ich hab mir doch gar nichts dabei gedacht.«

»Ich weiß«, sagte Havelock. »Passen Sie nur auf, dass es nicht noch mal passiert. Ist das klar?«

Williams nickte und wich seinem Blick aus, zog sich an den Handgriffen weiter und schwebte in den Gang hinaus, der zu den Mannschaftsquartieren führte. Dort wartete Kleidung auf ihn, die nicht zerfetzt oder mit Erbrochenem bedeckt war. Havelock wartete, bis der Mann verschwunden war, dann schaltete er die Wache ab und ging zum Konferenzraum.

Murtry war schon dort. Der kleine Mann besaß eine Energie, die von ihm ausstrahlte wie eine Hitzewelle. Havelock war bekannt, dass der Sicherheitschef sein Leben lang in Firmengefängnissen und bei den Wachdiensten großer Unternehmen gearbeitet hatte. Dank dieses Hintergrundes und da er auf der Israel ohnehin der Boss war, hatte er es nicht nötig, sich um den Respekt seines Teams sonderlich zu bemühen. Die Informationsspezialistin Chandra Wei und Hassan Smith, der zweite Mann bei Bodenoperationen, schwebten mit grimmigen Mienen neben ihm.

»Havelock«, sagte Murtry.

»Sir.« Havelock nickte zurück, hielt sich an einem Griff fest und drehte sich, bis er in einer ähnlichen Position wie die anderen war. Gleich darauf schwebte auch Murtrys Stellvertreter Reeve herein.

Murtry nickte. »Schließen Sie die Tür, Reeve.«

»Trajan?«, fragte Wei. Es klang trostlos, sie ahnte bereits, wie die Antwort lauten würde.

»Trajan ist im Shuttle gestorben«, bestätigte Murtry. »Smith? Sie werden befördert.«

»Tut mir leid, das zu hören, Sir«, antwortete Smith. »Trajan war eine gute Polizistin und ein Profi. Wir werden sie vermissen.«

»Ja«, sagte Murtry. »Und jetzt müssen wir über unsere Reaktion reden.«

»Lassen wir einen Felsen auf die Besetzer fallen?« Auch wenn es humorvoll klang, Wei war überhaupt nicht nach Scherzen zumute. Murtry lächelte trotzdem.

»Wir halten uns vorläufig streng an die Regeln«, erklärte Murtry. »Außerdem haben wir noch Leute da unten. Ich habe die Sache schon nach Hause gemeldet und um freie Hand gebeten, was unsere Reaktion betrifft. Angesichts der Begleitumstände bin ich ziemlich sicher, dass sie uns die Stange halten, wenn es so weit kommt.«

»Wir sind anderthalb Jahre von allen anderen entfernt«, warf Wei ein. Was sie damit meinte, war klar: Niemand kann uns davon abhalten, zu tun, was immer wir wollen.

»Außerdem sind wir Stunden von jedem Bildschirm und Newsfeed zwischen Erde und Neptun entfernt«, ergänzte Reeve. »Das ist Mist, aber im Moment sind wir moralisch im Recht. Wenn wir allerdings überreagieren, geht es wieder um die bösen Firmen, die die armen Gürtler unterdrücken. Seit Protogen hat sich die Welt verändert. Darauf müssen wir Rücksicht nehmen.«

»Ich wusste gar nicht, dass Sie neuerdings für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig sind«, stichelte Wei. Reeve biss die Zähne zusammen. Murtry schaltete sich ein, äußerlich ganz ruhig und so gefährlich wie eine Klapperschlange.