Calibans Krieg - James Corey - ebook

Calibans Krieg ebook

James Corey

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Opis

Steht das Sonnensystem am Rande einer Invasion?

Die Menschheit hat die Himmelskörper unseres Sonnensystems besiedelt. Doch der Friede bröckelt, denn die Kolonien begehren gegen die Vorherrschaft der Erde auf. Auf dem Jupitermond Ganymed haben die Kämpfe schon begonnen, und nun wird auf der Venus auch noch ein fremdartiges Molekül entdeckt. Steht eine Invasion von Außerirdischen kurz bevor? Das Schicksal der Menschheit steht auf Messers Schneide …

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Die Menschheit hat die Himmelskörper unseres Sonnensystems besiedelt. Doch der Friede bröckelt, denn die Kolonien begehren gegen die Vorherrschaft der Erde auf, und auf dem Jupitermond Ganymed haben die Kämpfe schon begonnen. Das Schicksal der Menschheit steht auf Messers Schneide …

Das Sonnensystem ist in Aufruhr. Auf Ganymed muss eine Elitesoldatin mit ansehen, wie ihre Truppe von einem monströsen, übermenschlichen Superkrieger vernichtet wird. Auf der Erde kämpft eine hochrangige Politikerin mit aller Macht gegen den heraufziehenden interplanetarischen Krieg an. Und auf der Venus breitet sich ein fremdartiges Protomolekül aus, das an dem Planeten ungeahnte Veränderungen bewirkt und sich nun auf die anderen Himmelskörper des Sonnensystems zu verbreiten droht. Woher kommt es, und was bedeutet das für die Menschheit? Währenddessen begibt sich Kapitän James Holden auf eine neue Mission. Von den leeren Weiten des äußeren Sonnensystems bringt er einen Wissenschaftler auf den Jupitermond Ganymed, der dort nach einem vermissten Kind suchen will – doch dass das Schicksal dieses Kindes mit der Zukunft des Sonnensystem und der Menschheit zusammenhängt, begreift Holden erst, als es schon fast zu spät ist. Ein atemberaubender Wettlauft gegen die Zeit beginnt.

Mit seiner international erfolgreichen Space Opera sprengt James Corey alle Maßstäbe der Science Fiction:

Erster Roman: Leviathan erwacht

Zweiter Roman: Calibans Krieg

Dritter Roman: Abaddons Tor

@HeyneFantasySF

www.heyne-magische-bestseller.de

JAMES COREY

CALIBANSKRIEG

Roman

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Titel der englischen OriginalausgabeCALIBAN’S WARDeutsche Übersetzung von Jürgen Langowski

Deutsche Erstausgabe 05/2013Redaktion: Ralf DürrCopyright © 2012 by James S. A. CoreyCopyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.Umschlaggestaltung: animagic Umschlagmotiv: © Daniel DociuSatz: C. Schaber Datentechnik, WelsISBN: 978-3-641-09597-0V006

Für Bester und Clarke,die uns hierhergeführt haben

PROLOGMei

»Mei?«, sagte Miss Carrie. »Räum doch bitte die Malsachen weg. Deine Mutter ist hier.«

Sie brauchte mehrere Sekunden, um zu erfassen, was die Lehrerin von ihr verlangte. Es lag nicht daran, dass Mei die Worte nicht verstand, denn sie war vier Jahre alt und kein Kleinkind mehr. Allerdings passten die Worte nicht zu der Welt, die sie kannte. Ihre Mutter konnte nicht kommen und sie abholen. Mommy hatte Ganymed verlassen und lebte auf der Ceres-Station, weil sie – wie Daddy es ausdrückte – ein bisschen Mommy-für-sich-allein-Zeit brauchte. Dann raste ihr Herz, und Mei dachte: Sie ist wieder da.

»Mommy?«

Mei saß vor der Kinderstaffelei, und zusätzlich blockierte Miss Carries Knie den Blick auf die Tür zum Vorraum. Ihre Hände waren von den roten, blauen und grünen Fingerfarben klebrig und gründlich verschmiert. Sie beugte sich vor und langte nach Miss Carries Bein, um es wegzuschieben und sich zugleich hochzuziehen.

»Mei!«, rief Miss Carrie.

Mei betrachtete die Farbe, die sie auf Miss Carries Hosen hinterlassen hatte, und erkannte die unterdrückte Wut in dem breiten, dunklen Gesicht der Frau.

»Entschuldigung, Miss Carrie.«

»Schon gut«, antwortete die Lehrerin mit einer gepressten Stimme, die Mei verriet, dass sie nicht bestraft werden würde, obwohl es überhaupt nicht gut war. »Wasch dir bitte die Hände, und dann kommst du wieder her und räumst deine Malsachen auf. Ich nehme inzwischen das Bild herunter, damit du es deiner Mutter geben kannst. Ist das ein Hündchen?«

»Das ist ein Weltraummonster.«

»Das ist aber ein sehr schönes Weltraummonster. Jetzt geh, und wasch dir die Hände, meine Liebe.«

Mei nickte, drehte sich um und rannte zur Toilette. Der Kittel flatterte hinter ihr wie ein Lappen, der sich in einem Luftschacht verfangen hatte.

»Und fass nicht die Wand an!«

»Entschuldigung, Miss Carrie.«

»Schon gut. Aber putz das ab, wenn du dir die Hände gewaschen hast.«

Das kleine Mädchen drehte das Wasser voll auf und spülte die Farbe in Kringeln ins Waschbecken. Dann tat sie so, als trocknete sie sich die Hände ab, ohne darauf zu achten, dass die Tropfen in alle Richtungen flogen. Es fühlte sich an, als hätte sich die Schwerkraft verändert und zöge sie zur Tür und zum Vorraum statt nach unten. Angesteckt durch ihre Aufregung, sahen die anderen Kinder zu, wie Mei die Fingerabdrücke mehr oder weniger ordentlich von der Wand abwischte, die Farbtiegel in die Schachtel schob und die Schachtel ins Regal stellte. Dann zog sie sich den Kittel über den Kopf, statt Miss Carrie um Hilfe zu bitten, und stopfte ihn in den Recycler.

Im Vorraum wartete Miss Carrie mit zwei weiteren Erwachsenen, aber ihre Mommy war nicht dabei. Es war eine Frau, die Mei nicht kannte. Sie hatte das Bild mit dem Weltraummonster in der Hand und lächelte höflich. Der andere war Doktor Strickland.

»Nein, sie geht immer brav zur Toilette«, erklärte Miss Carrie gerade. »Natürlich gibt es hin und wieder kleine Unfälle.«

»Natürlich«, sagte die Frau.

»Mei!« Doktor Strickland beugte sich zu ihr herunter, bis er kaum noch größer war als sie. »Was macht denn mein kleiner Liebling?«

»Wo ist meine …«, setzte sie an, aber bevor sie »Mommy« sagen konnte, hob Doktor Strickland sie hoch und nahm sie auf die Arme. Er war größer als Daddy und roch nach Salz. Er kippte sie rückwärts, kitzelte sie an den Seiten, und sie lachte schallend, bis sie nicht mehr sprechen konnte.

»Danke«, sagte die Frau.

»Es war mir ein Vergnügen.« Miss Carrie gab der Frau die Hand. »Wir haben Mei wirklich gern hier bei uns im Unterricht.«

Doktor Strickland kitzelte Mei, bis die Tür des Montessori-Hauses hinter ihnen zufiel. Dann erst kam Mei zu Atem.

»Wo ist meine Mommy?«

»Sie wartet auf uns«, erklärte Doktor Strickland. »Wir bringen dich jetzt zu ihr.«

Die neueren Gänge Ganymeds waren breit und üppig bewachsen, sodass die Luftaufbereiter nur selten laufen mussten. Die zierlichen Wedel der Arecapalmen sprossen in Dutzenden hydroponischen Pflanztöpfen. An den Wänden rankten Efeututen mit ihren breiten, gelbgrün gestreiften Blättern. Die dunkelgrünen primitiven Blätter der Sansevierien wuchsen ganz unten. Vollspektrum-LED-Leuchten strahlten weißgoldenes Licht ab. Daddy hatte ihr gesagt, so sehe das Sonnenlicht auf der Erde aus. Mei stellte sich den Planeten als riesiges, kompliziertes Gebilde aus Pflanzen und Gängen vor, über denen die Sonne als strahlende Linie an der hellblauen Himmelsdecke befestigt war und wo man über die Mauern klettern und wer weiß wo herauskommen konnte.

Mei lehnte den Kopf an Doktor Stricklands Schulter, spähte über seinen Rücken und nannte die Namen aller Pflanzen, an denen sie vorbeikamen. Sanseviera trifasciata, Epipremnum aureum. Daddy musste immer grinsen, wenn sie die Namen richtig aufsagte. Als sie es für sich allein tat, wurde sie sofort ruhiger.

»Gibt es noch mehr?«, fragte die Frau. Sie war hübsch, aber Mei mochte ihre Stimme nicht.

»Nein«, antwortete Doktor Strickland. »Mei hier ist die Letzte.«

»Chysalidocarpus lutescens«, sagte Mei.

»Gut«, antwortete die Frau, und dann, gleich noch einmal und etwas leiser: »Schon gut.«

Je weiter sie sich der Oberfläche näherten, desto enger wurden die Korridore. Die älteren Gänge wirkten immer schmutzig, obwohl man dort eigentlich überhaupt keinen Schmutz entdecken konnte. Sie waren wohl einfach abgenutzt. Meis Großeltern hatten nach ihrer Ankunft auf Ganymed in den Wohnvierteln und Laboratorien in der Nähe der Oberfläche gelebt und gearbeitet. Damals hatten die Leute noch nicht sehr tief gegraben. Die Luft hier oben roch komisch, und die Luftaufbereiter summten und brummten und mussten ständig laufen.

Die Erwachsenen redeten nicht viel, aber ab und zu erinnerte Doktor Strickland sich an Mei und stellte ihr Fragen: Was war ihre Lieblingsfigur in den Zeichentrickfilmen, die sie in den Feeds der Station sehen konnte? Wer war in der Schule ihre beste Freundin? Was hatte sie zu Mittag gegessen? Mei rechnete damit, dass er auch die nächsten Fragen stellen würde, die eigentlich immer kamen. Die Antworten hatte sie schon parat.

Spürst du ein Kratzen im Hals? Nein.

Bist du verschwitzt aufgewacht? Nein.

War in dieser Woche Blut in deinem Aa? Nein.

Hast du zweimal am Tag deine Medizin genommen? Ja.

Dieses Mal verzichtete Doktor Strickland jedoch darauf. Die Flure, durch die sie gingen, wurden immer älter und schmaler, bis die Frau hinter ihnen laufen musste, damit die Männer, die ihnen entgegenkamen, genug Platz hatten. Die Frau hatte Meis Bild mitgenommen. Sie hatte es zu einer Röhre zusammengerollt, damit das Papier keine Falten bekam.

Vor einer Tür, die kein Schild trug, blieb Doktor Strickland stehen und schob Mei auf die andere Hüfte hinüber, um das Handterminal aus der Hosentasche zu ziehen. Er tippte etwas in ein Programm ein, das Mei noch nie gesehen hatte, und dann öffnete sich die Tür. Die Dichtungen knackten laut, wie man es manchmal in alten Filmen sah. Der Flur, den sie betraten, war voller Abfall und alter Metallkisten.

»Das hier ist nicht das Krankenhaus«, stellte Mei fest.

»Dies hier ist ein ganz besonderes Krankenhaus«, erklärte Doktor Strickland. »Ich glaube nicht, dass du schon einmal hier warst, oder?«

Für Mei sah es überhaupt nicht nach einem Krankenhaus aus, sondern eher wie eine der verlassenen Röhren, über die Daddy manchmal sprach. Überflüssige Räume aus der Zeit, als Ganymed gebaut worden war, die höchstens noch als Lagerräume benutzt wurden. Dieser hier besaß allerdings am anderen Ende eine Luftschleuse, und als sie hindurchtraten, sah es tatsächlich beinahe nach einem Krankenhaus aus. Jedenfalls war es dort sauberer, und es roch nach Ozon wie in den Dekontaminationszellen.

»Mei! Hallo, Mei!«

Es war einer der großen Jungs. Sandro. Er war schon fast fünf. Mei winkte ihm zu, als Doktor Strickland mit ihr vorbeiging. Mei fühlte sich besser, weil die großen Jungs anscheinend auch hier waren. Wenn sie hier waren, dann war vermutlich alles in Ordnung, auch wenn die Frau, die Doktor Strickland begleitete, nicht ihre Mommy war. Da fiel ihr ein, dass …

»Wo ist meine Mommy?«

»Wir werden deine Mommy gleich treffen«, versprach Doktor Strickland ihr. »Aber vorher müssen wir noch ein paar Kleinigkeiten erledigen.«

»Nein«, sagte Mei. »Ich will nicht.«

Er trug sie in einen Raum, der aussah wie ein Untersuchungszimmer, nur dass an den Wänden keine Comiclöwen hingen, und die Tische waren auch nicht wie grinsende Nilpferde geformt. Doktor Strickland setzte sie auf einen stählernen Behandlungstisch und strich ihr über den Kopf. Mei verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn finster an.

»Ich will zu meiner Mommy.« Mei grunzte genauso ungeduldig, wie es ihr Daddy getan hätte.

»Du wartest einfach hier, und ich sehe, was ich für dich tun kann«, antwortete Doktor Strickland lächelnd. »Umea?«

»Ich glaube, wir sind so weit. Fragen Sie bei der Operationszentrale nach, laden Sie, und raus damit.«

»Ich sage sofort Bescheid. Sie bleiben hier.«

Die Frau nickte. Doktor Strickland ging hinaus. Die Frau mit dem hübschen Gesicht beobachtete Mei, ohne zu lächeln. Mei mochte sie nicht.

»Ich will mein Bild haben«, verlangte Mei. »Das ist nicht für Sie. Das ist für meine Mommy.«

Die Frau hob das Bild hoch, als hätte sie es ganz vergessen, und entrollte es.

»Das ist Mommys Weltraummonster«, erklärte Mei. Jetzt lächelte die Frau. Sie hielt das Bild hoch, das Mei sich sofort schnappte. Dabei verknitterte sie es ein wenig, aber das war ihr egal. Wieder verschränkte sie die Arme vor der Brust, machte eine finstere Miene und grunzte.

»Magst du Weltraummonster, Mädchen?«, fragte die Frau.

»Ich will zu meiner Mommy.«

Die Frau kam näher. Sie roch nach künstlichen Blumen, und die Finger waren dürr. Sie hob Mei von der Liege herunter und stellte sie auf den Boden.

»Komm mit, Mädchen, ich will dir etwas zeigen.«

Die Frau entfernte sich, Mei zögerte einen Moment. Sie mochte die Frau nicht, aber allein sein mochte sie noch weniger. Also folgte sie ihr. Die Frau ging einen kurzen Gang hinunter und tippte in die Tastatur einer großen Metalltür, die an eine Luftschleuse erinnerte, einen Code ein. Als die Tür aufschwang, trat sie hindurch. Mei folgte ihr. Der Raum dahinter war kalt. Mei mochte es nicht. Hier gab es auch keinen Behandlungstisch, sondern nur einen großen Glaskasten, so ähnlich wie ein Aquarium, aber im Inneren trocken, und was dort drinnen saß, war auch kein Fisch. Die Frau winkte Mei näher heran und klopfte an die Scheibe.

Das Ding im Inneren hob den Kopf. Es war ein Mann, aber er war nackt, und die Haut sah nicht wie Haut aus. Die Augen glühten blau, als hätte er ein Feuer im Kopf. Und mit den Händen stimmte etwas nicht.

Er streckte sie zum Glas aus, und Mei schrie.

1 Bobbie

»Snoopy ist schon wieder draußen«, sagte der Gefreite Hillman. »Sein vorgesetzter Offizier muss ziemlich sauer auf ihn sein.«

Gunnery Sergeant Roberta Draper vom Marsianischen Marinecorps verstärkte die Vergrößerung ihres Helmdisplays und blickte in die Richtung, in die Hillman deutete. In 2500 Metern Entfernung trampelten vier UN-Marinesoldaten umher und hoben sich als Silhouetten vor der riesigen Kuppel des Gewächshauses ab, das sie bewachten. Die Kuppel war in so gut wie jeder Hinsicht derjenigen, die ihre eigene Abteilung bewachte, zum Verwechseln ähnlich.

Einer der vier UN-Soldaten hatte seitlich am Helm schwarze Flecken, die an die Ohren eines Beagles erinnerten.

»Ja, das ist Snoopy«, stimmte Bobbie zu. »Heute war er zu ausnahmslos allen Patrouillengängen eingeteilt. Ich frage mich, was er angestellt hat.«

Der Wachdienst vor den Gewächshäusern von Ganymed drehte sich vor allem darum, die Langeweile zu bekämpfen. Dazu gehörten auch Spekulationen über das Leben der Marinesoldaten auf der anderen Seite.

Die andere Seite. Achtzehn Monate vorher hatte es noch keine Seiten gegeben. Die inneren Planeten waren eine große, glückliche und leicht verhaltensgestörte Familie gewesen. Dann hatte sich Eros in Bewegung gesetzt, und jetzt teilten die beiden Supermächte das Sonnensystem unter sich auf. Der einzige Mond, den keine Seite aufgeben wollte, war Ganymed, die Kornkammer des Jupiter-Systems.

Er war der einzige Mond mit einer Magnetosphäre und deshalb der einzige Ort, wo in Jupiters starkem Strahlungsgürtel Nutzpflanzen in Kuppeln gedeihen konnten. Trotzdem mussten die Gewächshäuser und Wohnbezirke mit Abschirmungen versehen werden, um die Zivilisten vor den acht Rem zu schützen, die Jupiter jeden Tag auf die Oberfläche des Mondes abstrahlte.

Bobbies Rüstung war stark genug abgeschirmt, um Minuten nach einer Atombombenexplosion durch den Krater marschieren zu können, und daher ebenfalls geeignet, marsianische Marinesoldaten davor zu schützen, von Jupiter gebraten zu werden.

Hinter den irdischen Soldaten, die dort drüben patrouillierten, glühte die Kuppel auf, als ein Strahl des schwachen Sonnenlichts, das die riesigen Orbitalspiegel einfingen, auf das Bauwerk fiel. Trotz der Spiegel wären die meisten terrestrischen Pflanzen vor Lichtmangel gestorben. Nur die stark modifizierten Spielarten, die die Wissenschaftler auf Ganymed entwickelt hatten, konnten in dem spärlichen Licht gedeihen, das die Spiegel lieferten.

»Bald geht die Sonne unter.« Bobbie beobachtete immer noch die irdischen Marinesoldaten vor der kleinen Wachhütte, die umgekehrt auch sie überwachten. Abgesehen von Snoopy entdeckte sie noch jemanden, den sie Stumpy nannten, weil er oder sie höchstens eineinviertel Meter groß zu sein schien. Sie fragte sich, wie die anderen sie selbst nannten. Vielleicht war sie bei denen da drüben der »Rote Riese«, denn ihre Rüstung trug noch die marsianischen Tarnfarben. Bobbie war noch nicht lange auf Ganymed, und der Anzug war noch nicht in das hier übliche gesprenkelte Grau und Weiß umgefärbt worden.

Im Laufe von fünf Minuten verdunkelten sich nacheinander die Orbitalspiegel, während Ganymed für die nächsten paar Stunden im Schatten Jupiters verschwand. In den Gewächshäusern flammte bläuliches Kunstlicht auf. Es wurde zwar nicht merklich dunkler, aber auf einmal verlagerten sich die Schatten auf eine seltsame Art und Weise. Die Sonne, die von hier aus keine Scheibe mehr, sondern lediglich der hellste Stern am Himmel war, tauchte hinter Jupiters Krümmung. Einen Moment lang wurde das schwache Ringsystem des Planeten sichtbar.

»Sie gehen rein«, meldete der Gefreite Travis. »Snoopy bildet die Nachhut. Der arme Kerl. Können wir auch abhauen?«

Bobbie ließ den Blick über das eintönige schmutzige Eis Ganymeds wandern. Trotz der hoch technisierten Rüstung glaubte sie, die Kälte des Mondes zu spüren.

»Nein.«

Ihre Leute grollten, folgten ihr aber, als sie in der niedrigen Schwerkraft rund um die Kuppel hüpfte. Abgesehen von Hillman und Travis hatte sie noch einen unerfahrenen Soldaten namens Gourab dabei. Obwohl er erst seit anderthalb Monaten bei den Marinesoldaten war, grummelte er in dem gleichen leiernden Tonfall wie die anderen beiden.

Sie konnte den Männern keine Vorwürfe machen. Es war eine absolut sinnlose Aufgabe. Beschäftigungstherapie für die marsianischen Soldaten. Wenn die Erde beschloss, Ganymed für sich allein zu beanspruchen, konnten vier um ein Gewächshaus spazierende Soldaten sie nicht davon abhalten. Dutzende Kriegsschiffe von Erde und Mars kreisten in einem angespannten Waffenstillstand in Umlaufbahnen. Falls dort oben Feindseligkeiten ausbrachen, würden die Bodentruppen es erst herausfinden, wenn das Bombardement längst eingesetzt hatte.

Links neben Bobbie erhob sich die Kuppel fast einen halben Kilometer hoch: dreieckige Glasscheiben zwischen glänzenden kupferfarbenen Streben, die das ganze Gebäude in einen riesigen Faradaykäfig verwandelten. In den Kuppeln war sie noch nie gewesen. Als der Mars Truppen ausgehoben und eilig zu den äußeren Planeten geschickt hatte, war sie dabei gewesen und versah seitdem ihren Wachdienst. Für sie war Ganymed ein Raumhafen, eine kleine Marinebasis und der noch kleinere Vorposten, den sie gegenwärtig als ihre Heimat bezeichnete.

Während sie um die Kuppel schlurften, betrachtete Bobbie die wenig bemerkenswerte Landschaft. Solange es keine Katastrophen gab, veränderte Ganymed sich kaum. Die Oberfläche bestand vor allem aus Silikaten und Wassereis, das ein paar Grad wärmer war als der Weltraum. Die Atmosphäre enthielt Sauerstoff in so niedriger Konzentration, dass man sie für industrielle Zwecke als Vakuum betrachten konnte. Ganymed erodierte und verwitterte nicht. Der Mond veränderte sich nur, wenn aus dem Weltraum Steinbrocken herabfielen oder wenn warmes Wasser aus dem Kern an die Oberfläche quoll und kurzlebige Seen erzeugte. Dies geschah jedoch nicht sehr oft. Daheim auf dem Mars verwandelten Wind und Staub beinahe stündlich die Landschaft. Hier waren die Fußabdrücke des Vortages, des vorletzten und der Tage davor noch gut erhalten. Wahrscheinlich würden diese Abdrücke sogar die Besitzer der Stiefel überleben. Insgeheim fand sie das ein wenig unheimlich.

Auf einmal übertönte ein rhythmisches Quietschen das leise Zischen und Poltern ihres motorverstärkten Anzugs. Normalerweise minimierte sie das Helmdisplay. Dort wurden so viele Daten dargestellt, dass ein Marinesoldat buchstäblich alles wusste und zugleich nicht mehr sah, was direkt vor ihm vorging. Jetzt vergrößerte sie die Anzeige und blätterte blinzelnd und mit Augenbewegungen bis zum Diagnosemenü ihres Anzugs. Ein gelbes Warnlicht verriet ihr, dass der Antrieb des linken Knies nicht mehr viel Hydrauliköl hatte. Anscheinend war irgendwo ein Leck entstanden, aber es konnte nicht groß sein, weil der Anzug es nicht fand.

»He, Jungs, wartet mal«, sagte Bobbie. »Hilly, hast du Hydrauliköl dabei?«

»Ja«, bestätigte Hillman und holte es sofort heraus.

»Könntest du meinem linken Knie einen Spritzer verpassen?«

Als Hillman vor ihr kniete und an dem Anzug hantierte, stritten Gourab und Travis sich über irgendeine Sportart. Bobbie hörte nicht zu.

»Der Anzug ist alt«, erklärte Hillman. »Du solltest dir einen neuen besorgen. So was wird mit der Zeit immer öfter passieren.«

»Ja, das sollte ich wohl machen«, stimmte Bobbie zu. In Wirklichkeit war das leichter gesagt als getan. Bobbie hatte nicht die richtige Figur für die normalen Anzüge. Jedes Mal, wenn sie eine neue Spezialanfertigung bestellte, musste sie einen wahren Spießrutenlauf über sich ergehen lassen. Sie war etwas über zwei Meter groß und lag damit nur knapp über der durchschnittlichen Größe marsianischer Männer, wog aber nicht zuletzt dank ihrer polynesischen Vorfahren bei einem G mehr als einhundert Kilogramm. Dabei hatte sie kein Gramm Fett am Leib. Ihre Muskeln schienen vielmehr bereits zu wachsen, wenn sie nur durch einen Trainingsraum spazierte. Als Marinesoldatin musste sie natürlich ständig trainieren.

Der Anzug, den sie jetzt trug, war nach zwölf Jahren aktivem Dienst der erste, der tatsächlich gut passte. Inzwischen zeigte er zwar Verschleißspuren, aber es war einfacher, ihn zu reparieren, als um einen neuen betteln zu müssen.

Hillman steckte gerade das Werkzeug wieder ein, als es in Bobbies Funkgerät knackte.

»Vorposten vier für Strichmännchen. Melden Sie sich, Strichmännchen.«

»Vorposten vier«, antwortete Bobbie. »Hier ist Strichmännchen eins. Sprechen Sie.«

»Strichmännchen eins, wo steckt ihr? Ihr seid eine halbe Stunde zu spät dran, und hier unten ist der Teufel los.«

»Entschuldigung, Posten vier, wir hatten Schwierigkeiten mit der Ausrüstung.« Bobbie fragte sich, was die Gegenstelle von ihnen wollte, hütete sich aber, über einen nicht abhörsicheren Kanal nachzufragen.

»Kehren Sie sofort zum Vorposten zurück. Auf dem UN-Außenposten wurden Schüsse abgefeuert. Wir machen die Station dicht.«

Bobbie brauchte einen Moment, um die Meldung zu verdauen. Ihre Männer starrten sie unterdessen verwirrt und ängstlich an.

»Äh, schießen die Leute von der Erde auf euch?«, fragte sie schließlich.

»Noch nicht, aber sie schießen. Macht, dass ihr schleunigst herkommt.«

Hillman stand sofort auf. Bobbie beugte das Knie, und die Diagnoselampe sprang auf Grün um. Mit einem Nicken bedankte sie sich bei Hilly, dann sagte sie: »Abmarsch zum Vorposten. Los.«

Als Bobbie und ihre Leute noch einen halben Kilometer vom Stützpunkt entfernt waren, schlug der allgemeine Alarm an. Das Helmdisplay aktivierte sich automatisch und wechselte in den Gefechtsmodus. Die Sensoren machten sich ans Werk, suchten nach feindlichen Einheiten und klinkten sich in einen Satelliten ein, um Luftbilder zu empfangen. Es klickte, als sich die in den rechten Arm des Anzugs eingebaute Waffe selbsttätig entsicherte.

Im Falle eines Beschusses aus dem Orbit wären tausend Alarmsignale zu hören gewesen. Trotzdem musste sie einfach nach oben zum Himmel blicken. Keine Blitze, keine Raketenschweife. Nichts außer dem riesigen Jupiter.

Bobbie machte sich mit weiten, federnden Sprüngen auf zum Vorposten. Ihre Leute folgten kommentarlos. Wer dazu ausgebildet war, konnte mit motorverstärkten Anzügen bei niedriger Schwerkraft sehr schnell weite Strecken zurücklegen. Schon nach wenigen Sekunden tauchte der Stützpunkt hinter der Kuppel auf, und kurz darauf erkannte sie den Grund für den Alarm.

UN-Marinesoldaten griffen den marsianischen Vorposten an. Der jahrelange kalte Krieg wurde plötzlich heiß. Trotz ihrer professionellen Gelassenheit und Disziplin war sie überrascht. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass dieser Tag wirklich kommen würde.

Die anderen Angehörigen ihres Zuges hatten den Stützpunkt verlassen und ihre Positionen eingenommen, um den Vorstoß der UN abzufangen. Irgendjemand hatte den Yojimbo nach draußen gefahren. Der vier Meter hohe Kampfmech überragte die Marinesoldaten. Er sah aus wie ein kopfloser Riese in einer verstärkten Rüstung. Die mächtige Kanone schwenkte langsam hin und her und zielte auf die anrückenden Truppen der Erde. Die UN-Soldaten legten die 2500 Meter zwischen den Stellungen in vollem Lauf zurück.

Warum redet niemand?, fragte sie sich. Es war gespenstisch, dass sie alle so hartnäckig schwiegen.

Als ihre eigenen Leute gerade die Verteidigungspositionen erreicht hatten, ertönten in ihrem Anzug kreischende Warnsignale. Die Anzeigen verschwanden, weil sie den Kontakt zum Satelliten verloren hatte. Auch die Vitalfunktionen und den Ausrüstungsstatus ihres Teams konnte sie nicht mehr überwachen, weil die Verbindung zwischen den Anzügen ebenfalls gestört war. Das leise Rauschen des offenen Funkkanals brach ab, und die Stille wurde noch unheimlicher, als sie schon war.

Mit Handbewegungen dirigierte sie ihre Abteilung zur rechten Flanke und eilte zu Leutnant Givens, ihrem vorgesetzten Offizier. Sie bemerkte den Anzug des CO mitten in der Abwehrlinie, wo er fast direkt unter dem Yojimbo stand. Sobald sie ihn erreicht hatte, presste sie den Helm gegen seinen.

»Was ist hier los, Leutnant?«, rief sie.

Er sah sie gereizt an. »Das weiß ich so wenig wie Sie. Wir können ihnen nicht sagen, dass sie sich zurückziehen sollen, weil der Funk gestört ist, und visuelle Warnsignale ignorieren sie einfach. Vor dem Ausfall des Funks habe ich die Genehmigung erhalten, das Feuer zu eröffnen, wenn sie sich uns auf einen halben Kilometer angenähert haben.«

Bobbie hatte noch zweihundert weitere Fragen, doch die UN-Truppen würden die Feuerlinie in wenigen Sekunden überschreiten. Also kehrte sie zu ihren Leuten zurück, um die rechte Flanke zu sichern. Unterwegs ließ sie ihren Anzug die anrückenden Gegner zählen und als feindlich markieren. Der Anzug meldete sieben Ziele. Weniger als ein Drittel der Besatzung im UN-Vorposten.

Das ist doch völlig unsinnig.

Sie wies den Anzug an, in fünfhundert Metern Entfernung eine Linie in das Display einzuzeichnen. Ihren Untergebenen erklärte sie nicht, dass dies die Grenze war, von der an sie das Feuer eröffnen sollten. Das war nicht nötig. Ihre Leute würden schießen, sobald sie es selbst tat, ohne nach dem Grund zu fragen.

Die UN-Soldaten waren jetzt weniger als einen Kilometer entfernt, hatten ihrerseits aber noch keinen Schuss abgefeuert. Außerdem liefen sie nicht in Formation. Sechs kamen in einer unordentlichen Reihe vorneweg, der siebte folgte etwa siebzig Meter hinter ihnen. Ihr Helmdisplay wählte den Gegner auf der linken Seite als Ziel aus, weil er der nächste war. Doch irgendetwas störte sie, und sie überging die automatische Zielauswahl, visierte das hintere Ziel an und vergrößerte es.

Die kleine Gestalt wuchs in der Zieloptik heran. Es lief ihr kalt den Rücken hinunter. Sie erhöhte die Vergrößerung abermals.

Die Gestalt hinter den sechs UN-Marinesoldaten trug keinen Schutzanzug. Genau genommen handelte es sich auch nicht um einen Menschen. Die Haut war mit Chitinplatten bedeckt, die an große schwarze Schuppen erinnerten. Der Kopf war entsetzlich. Doppelt so groß wie normal und mit seltsamen Auswüchsen übersät.

Das Schlimmste waren die Hände – viel zu groß für diesen Körper und im Vergleich zur Breite zu lang. Es waren Horrorhände aus dem Albtraum eines Kindes. Die Hände eines Trolls unter dem Bett oder die Klauen der Hexe, die durch das Fenster einsteigt. Sie spannten sich manisch, als wollten sie etwas Unsichtbares packen.

Die Truppen der Erde griffen nicht an. Sie flohen.

»Schießt auf das Wesen, das sie jagt«, rief Bobbie, obwohl niemand es hören konnte.

Noch bevor die UN-Soldaten die fünfhundert Meter entfernte Feuerlinie erreichten, holte das Wesen sie ein.

»Oh, verdammte Scheiße«, flüsterte Bobbie. »Oh, verdammt.«

Es packte einen UN-Marinesoldaten mit den riesigen Händen und zerfetzte ihn wie ein Stück Papier. Die aus Titanium und Keramik konstruierte Rüstung riss ebenso leicht entzwei wie der Körper, der in ihr steckte. Ausrüstungsteile und feuchte menschliche Eingeweide flogen als wirrer Haufen auf das Eis. Die übrigen fünf Soldaten liefen noch schneller, doch das Ungeheuer wurde, wenn es tötete, nicht einmal merklich langsamer.

»Schießt doch, schießt doch, schießt doch!«, schrie Bobbie, während sie das Feuer eröffnete. Ihre Ausbildung und die Technik ihres Kampfanzugs machten sie zu einer äußerst effizienten Tötungsmaschine. Sobald ihr Finger den Abzug der eingebauten Waffe berührte, jagte mit mehr als tausend Metern pro Sekunde ein Strom von zwei Millimeter großen, panzerbrechenden Geschossen auf das Wesen zu. Weniger als eine Sekunde später hatte sie bereits fünfzig Geschosse abgefeuert. Das Wesen war ein vergleichsweise langsames Ziel von annähernd menschlicher Größe, das zudem geradeaus lief. Der Zielcomputer übernahm die ballistischen Korrekturen und hätte es ihr erlaubt, ein Ziel von der Größe eines Fußballs zu treffen, das sich mit Überschallgeschwindigkeit bewegte. Jede Kugel traf.

Eine Wirkung war nicht zu erkennen.

Die Geschosse schlugen einfach durch und wurden anscheinend nicht einmal merklich langsamer, ehe sie wieder austraten. Aus den Austrittswunden platzte nicht etwa Blut, sondern ein schwarzes Geflecht heraus, das im Schnee landete. Es war, als hätte sie auf Wasser geschossen. Die Wunden schlossen sich fast schneller, als sie entstanden; als einziger Hinweis darauf, dass dieses Wesen überhaupt getroffen wurde, blieb eine Spur schwarzer Fasern liegen.

Dann erwischte es den zweiten UN-Marinesoldaten. Statt ihn in Stücke zu reißen wie den letzten, wirbelte es den voll gerüsteten Erder – der mit seiner Rüstung wahrscheinlich mehr als fünfhundert Kilo Masse hatte – herum und schleuderte ihn auf Bobbie. Ihr Helmdisplay verfolgte die Flugbahn des Soldaten und informierte sie freundlicherweise, dass das Ungeheuer den Soldaten nicht nur allgemein in ihre Richtung, sondern gut gezielt direkt nach ihr geworfen hatte. Außerdem war die Flugbahn flach, also flog der Soldat sehr schnell.

So rasch es ihr unförmiger Anzug erlaubte, wich sie zur Seite aus. Der arme UN-Marinesoldat fegte Hillman, der neben ihr gestanden hatte, von den Beinen. Zusammen kugelten die beiden mit tödlicher Geschwindigkeit über das Eis.

Als sie den Blick wieder auf das Monster richtete, hatte es bereits zwei weitere UN-Soldaten getötet.

Jetzt eröffnete die ganze Abwehrlinie der Marsianer einschließlich des Yojimbo mit seiner großen Kanone das Feuer auf das Wesen. Die beiden noch lebenden irdischen Soldaten wichen aus und rannten schräg von dem Ding weg, damit die Marsianer freies Schussfeld hatten. Das Wesen wurde Hunderte, wenn nicht Tausende Male getroffen. Es flickte sich selbst, während es mit voller Geschwindigkeit weiterlief, und wurde höchstens etwas langsamer, wenn Yojimbos Granaten in der Nähe explodierten.

Bobbie stand wieder auf und schoss wie alle anderen, doch es nützte nichts. Das Wesen stürmte in die marsianischen Linien hinein und tötete schneller, als das Auge folgen konnte, zwei Soldaten. Viel gewandter, als man es einer Maschine dieser Größe zutrauen mochte, wich der Yojimbo aus. Bobbie nahm an, dass Sa’id am Steuer saß. Er gab immer damit an, dass er den großen Mech Tango tanzen lassen konnte. Auch das nützte nichts. Noch bevor Sa’id die Kanone des Mech herumziehen und aus nächster Nähe schießen konnte, sprang das Wesen an der Seite empor, griff nach der Pilotenkanzel und riss die Tür aus dem Scharnier. Dann zerrte es Sa’id aus den Gurten und warf ihn sechzig Meter hoch in die Luft.

Die anderen Marinesoldaten zogen sich zurück und schossen dabei weiter. Ohne Funk war jedoch kein geordneter Rückzug möglich. Bobbie rannte mit den anderen in Richtung Kuppel. Ein kleiner Bereich im Hinterkopf, der noch nicht in Panik geraten war, sagte ihr, dass die Glasplatten und Metallverstrebungen keinen Schutz gegen ein Wesen boten, das einen Mann mitsamt seiner Rüstung zerfetzen oder einen neun Tonnen schweren Mech zerlegen konnte. Dieser Teil ihres Verstandes erkannte natürlich auch, dass es ihr unmöglich war, das Entsetzen zu überwinden.

Als sie die Außentür der Kuppel entdeckte, war nur noch ein Marinesoldat bei ihr. Gourab. Aus der Nähe konnte sie durch das Panzerglas des Helms sein Gesicht erkennen. Er schrie etwas, das sie nicht hören konnte. Sie wollte sich vorbeugen, um die Helme aneinanderzulegen, doch er stieß sie auf das Eis zurück und hämmerte mit einer Metallfaust auf die Steuerung der Luftschleuse. Er war immer noch dabei, sich mehr oder weniger gewaltsam einen Weg nach drinnen zu bahnen, als das Wesen ihn erreichte und ihm mit einer lässigen Bewegung den Helm vom Kopf fegte. Gourab stand noch einen Moment da, dem Vakuum ausgesetzt, blinzelte heftig und mit offenem Mund und stieß einen stummen Schrei aus. Dann riss ihm das Wesen den Kopf ebenso mühelos ab wie den Helm.

Anschließend drehte es sich um und betrachtete Bobbie, die flach auf dem Rücken lag.

Aus der Nähe konnte sie erkennen, dass es hellblaue Augen hatte. Es war ein elektrisch glühendes Blau. Die Augen waren schön. Sie hob die Waffe und drückte eine halbe Sekunde lang auf den Auslöser, bis sie sich erinnerte, dass ihr schon lange vorher die Munition ausgegangen war. Sie hätte schwören können, dass das Wesen die Waffe neugierig betrachtete, ehe es ihr in die Augen sah und den Kopf auf die Seite legte.

Das war’s dann, dachte sie. So geht es also mit mir zu Ende, und ich weiß nicht einmal, was dafür verantwortlich ist und warum es geschehen ist. Mit dem Tod konnte sie sich abfinden. Ohne Antworten zu sterben, fand sie unermesslich grausam.

Das Wesen machte einen Schritt auf sie zu, hielt inne und schauderte. Aus dem Rumpf brach ein Paar neuer Gliedmaßen hervor und zuckte wie Tentakel. Der ohnehin schon groteske Kopf schien anzuschwellen. Die blauen Augen strahlten hell wie die Lichter in den Kuppeln.

Dann explodierte es und ging in Flammen auf. Die Druckwelle schleuderte sie über das Eis. Sie rutschte, bis sie so fest gegen eine kleine Erhebung prallte, dass das schockabsorbierende Gel im Anzug erstarrte und sie unerbittlich festhielt.

Sie lag auf dem Rücken und kämpfte mit der Ohnmacht. Über ihr zuckten Blitze am dunklen Himmel. Die Schiffe in der Umlaufbahn schossen aufeinander.

Feuer einstellen, dachte sie, auch wenn sie niemand hören konnte. Die Soldaten sind doch nur geflohen. Feuer einstellen. Der Funk ging immer noch nicht, der Anzug war tot. Sie konnte niemandem erklären, dass die UN-Marinesoldaten gar nicht angegriffen hatten.

Dass etwas ganz anderes angegriffen hatte.

2 Holden

Die Kaffeemaschine war schon wieder kaputt.

Schon wieder.

Jim Holden konnte nicht anders, er drückte noch einige Male auf den roten Knopf, der sie eigentlich einschalten sollte, obwohl er längst wusste, dass dabei nichts herauskommen würde. Die große, glänzende Kaffeemaschine, die dazu gebaut war, eine ganze marsianische Schiffsbesatzung zu versorgen, gönnte ihm nicht eine Tasse und gab nicht das leiseste Geräusch von sich. Sie weigerte sich einfach, Kaffee zu produzieren, und versuchte es nicht einmal. Holden schloss die Augen und unterdrückte die in den Schläfen aufblühenden Kopfschmerzen, die vom Koffeinentzug herrührten. Er drückte auf den Knopf des nächsten Schiffscoms.

»Amos«, rief er.

Der Com funktionierte nicht.

Obwohl er sich lächerlich vorkam, drückte er noch mehrmals auf den Knopf, der einen Kanal zu dem Schiffsmechaniker öffnen sollte. Nichts. Erst als er die Augen wieder öffnete, sah er, dass auf dem Com kein einziges Licht brannte. Er drehte sich um. Auch die Lampen des Kühlschranks und der Herde waren erloschen. Es war nicht nur die Kaffeemaschine. Die ganze Kombüse probte den Aufstand. Holden betrachtete den Namen des Schiffs, der erst vor Kurzem in die Wand der Messe eingraviert worden war. »Rosinante, Baby, warum tust du mir weh, obwohl ich dich so liebe?«

Schließlich zückte er das Handterminal und rief Naomi.

Es dauerte eine kleine Weile, bis sie sich endlich meldete. »Äh, hallo?«

»Die Kombüse funktioniert nicht. Wo steckt Amos?«

Es gab eine Pause. »Du rufst mich von der Kombüse aus mit dem Handterminal an? Während wir auf demselben Schiff sind? Ist der Com in der Wand zu weit weg?«

»Der Com ist ebenfalls ausgefallen. Als ich sagte, dass die Kombüse nicht funktioniert, war das keine Übertreibung. Hier sind sämtliche Geräte kaputt. Ich habe dich gerufen, weil du im Gegensatz zu Amos dein Terminal immer dabeihast. Außerdem verrät er mir nie, woran er gerade arbeitet, während du meistens darüber informiert bist. Also, wo steckt Amos?«

Naomi lachte. Es war ein hübsches Geräusch, das Holden unweigerlich ein Lächeln entlockte. »Er sagte, er wollte ein paar Kabel neu verlegen.«

»Hast du da oben Strom? Treiben wir ohne Kontrolle durch das All, und ihr seid noch nicht sicher, wie ihr mir das beibringen sollt?«

Er hörte, wie Naomi auf irgendetwas tippte, dabei summte sie leise.

»Nein«, antwortete sie. »Anscheinend ist die Messe der einzige Bereich, der keinen Strom hat. Alex sagt, wir müssen uns in weniger als einer Stunde mit Raumpiraten herumschlagen. Willst du nicht in die Operationszentrale kommen und gegen Piraten kämpfen?«

»Ohne Kaffee kann ich nicht kämpfen. Ich muss Amos finden.« Holden trennte die Verbindung und schob das Terminal in die Hosentasche.

Dann ging er zu der Leiter, die im ganzen Kiel des Schiffs entlanglief, und rief den Aufzug. Das flüchtende Piratenschiff konnte langfristig nur mit einem G beschleunigen. Deshalb hatte Alex Kamal, Holdens Pilot, ihre eigene Beschleunigung auf 1,3 G gesetzt, um das Schiff abzufangen. Bei höheren Beschleunigungen war es jedoch gefährlich, die Leiter zu benutzen.

Ein paar Sekunden später öffnete sich scheppernd die Luke, und der Aufzug hielt mit einem Heulen an. Holden betrat ihn und tippte auf den Knopf, der ihn zum Maschinenraum bringen würde. Langsam kroch der Aufzug durch den Schacht, unterwegs öffneten sich die Luken der Decks und schlossen sich wieder, als er vorbeiglitt.

Amos Burton war ein Deck über dem Maschinenraum in der Werkstatt. Auf der Werkbank lag ein halb demontiertes Gerät, das er mit einer Lötpistole bearbeitete. Er trug einen grauen Overall, der ihm mehrere Nummern zu klein war und sich bedenklich spannte, wenn er die breiten Schultern bewegte. Auf dem Rücken war noch Tachi, der alte Name des Schiffs, eingestickt.

Holden hielt den Lift an und sagte: »Amos, die Kombüse funktioniert nicht.«

Amos winkte ungeduldig mit einem dicken Arm, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Holden wartete. Nachdem er noch ein paar Sekunden gelötet hatte, legte Amos das Werkzeug weg und drehte sich um.

»Ja, sie funktioniert nicht, weil ich dieses kleine Miststück herausgerissen habe.« Er deutete auf das Gerät, an dem er arbeitete.

»Kannst du es wieder einbauen?«

»Nein. Wenigstens jetzt noch nicht. Ich bin noch nicht damit fertig.«

Holden seufzte. »Ist es denn nötig, die ganze Kombüse lahmzulegen, nur um kurz vor dem Kampf gegen eine Bande blutrünstiger Raumpiraten dieses Ding zu reparieren? Ich bekomme so langsam Kopfschmerzen und würde wirklich gern einen Kaffee trinken, ehe wir in die Schlacht ziehen.«

»Ja, es war wichtig«, antwortete Amos. »Soll ich es erklären, oder glaubst du es mir so?«

Holden nickte. Die Zeit in der irdischen Raummarine vermisste er nicht, aber ab und zu dachte er wehmütig an die klare Rangordnung und den unbedingten Respekt vor den Vorgesetzten zurück. Auf der Rosinante war der Posten des Kapitäns lange nicht so eindeutig definiert. Amos kümmerte sich eben um die Verkabelung und dachte nicht im Traum daran, jedes Mal Holden zu informieren, wenn er an irgendetwas arbeitete.

Holden ließ es auf sich beruhen.

»Na gut«, sagte er. »Aber es wäre schön gewesen, wenn du vorher Bescheid gesagt hättest. Ohne Kaffee werde ich ganz rappelig.«

Amos grinste ihn an und schob die Kappe auf dem fast kahlen Kopf nach hinten.

»Verdammt, Käpt’n, das Problem kann ich lösen.« Er lehnte sich nach hinten und zog eine riesige Thermoskanne heran. »Ich habe ein paar Notvorräte angelegt, ehe ich die Kombüse abgeschaltet habe.«

»Amos, ich entschuldige mich für alle bösen Dinge, die ich gerade über dich gedacht habe.«

Amos winkte lässig und machte sich wieder an die Arbeit. »Nimm die Kanne ruhig mit. Ich hab schon eine Tasse getrunken.«

Holden stieg in den Lift und fuhr zur Operationszentrale hinauf. Die Thermoskanne hielt er mit beiden Händen fest, als hinge sein Leben davon ab.

Naomi saß am Sensoren- und Kommunikationspult und überwachte die Verfolgung des fliehenden Piratenschiffs. Schon beim ersten Blick konnte Holden erkennen, dass sie den Gegnern seit der letzten Schätzung erheblich näher gekommen waren. Er schnallte sich auf die Gefechtsliege, öffnete ein Schrankfach und zog einen Trinkbeutel für den Kaffee heraus. Wahrscheinlich würden sie bald mit niedrigem Schub oder im freien Fall fliegen.

Während er den Beutel aus dem Stutzen der Thermoskanne auffüllte, sagte er: »Wir rücken erstaunlich schnell auf. Was ist da los?«

»Das Piratenschiff beschleunigt nicht mehr mit einem G, sondern ist erheblich langsamer geworden. Vor zwei Minuten sind sie auf ein halbes G heruntergegangen, vor einer Minute haben sie die Beschleunigung völlig eingestellt. Kurz vorher hat der Computer eine Fluktuation im Düsenschweif festgestellt. Anscheinend geht ihnen nach der Verfolgungsjagd die Puste aus.«

»Haben sie ihr Schiff zu Tode gehetzt?«

»So sieht es aus.«

Holden setzte den Trinkbeutel an und gönnte sich einen kräftigen Schluck, der ihm die Zunge verbrühte. Es war ihm egal.

»Wie lange bis zum Rendezvous?«

»Höchstens fünf Minuten. Alex wollte mit dem Bremsschub warten, bis du angeschnallt hier oben sitzt.«

Holden tippte auf den Knopf, der ihn mit dem Mechaniker verband. »Amos, schnall dich an. In fünf Minuten schnappen wir uns die bösen Buben.« Dann schaltete er auf den Kanal des Cockpits um. »Alex, wie sieht es aus?«

»Ich glaube, sie haben ihr Schiff kaputt gemacht«, antwortete Alex im leiernden Dialekt des marsianischen Mariner Valley.

»Ja, das scheint wohl zuzutreffen«, antwortete Holden.

»Jetzt können sie nicht mehr abhauen.«

Ursprünglich hatten Chinesen sowie Einwanderer aus Südostasien und Texas das Mariner Valley besiedelt. Alex hatte die dunkle Hautfarbe und das pechschwarze Haar eines Asiaten. Holden, der von der Erde stammte, fand es immer seltsam, wenn ein Mensch, der dem Äußeren nach aus dem Punjab stammte, mit einem übertriebenen texanischen Singsang sprach.

»Was uns die Sache sehr erleichtert«, erwiderte Holden, während er die Gefechtskonsole hochfuhr. »Halte zehntausend Kilometer entfernt relativ zu ihnen an. Ich erfasse sie mit dem Ziellaser und schalte die Nahkampfkanonen ein, außerdem öffne ich die Raketenschächte, damit wir möglichst gefährlich aussehen.«

»Alles klar, Boss«, bestätigte Alex.

Naomi drehte ihren Stuhl herum und grinste Holden an. »Gegen Raumpiraten kämpfen. Wie romantisch.«

Holden erwiderte das Lächeln. Auch in dem Overall eines marsianischen Marineoffiziers, der für ihren langen und schmalen Gürtlerkörper drei Nummern zu klein und fünf Nummern zu weit war, fand er sie schön. Das gelockte lange Haar hatte sie sich hinter dem Kopf zu einem störrischen Pferdeschwanz gebunden. Ihr Gesicht war eine hinreißende Mischung aus asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Zutaten, die selbst im Schmelztiegel des Gürtels ungewöhnlich war. Wenn er sich selbst in den spiegelnden Anzeigen betrachtete und den braunhaarigen Bauernjungen aus Montana sah, fand er sich vergleichsweise langweilig.

»Du weißt, wie sehr ich alles mag, was dich das Wort ›romantisch‹ benutzen lässt. Aber ich fürchte, ich kann deine Begeisterung nicht teilen. Früher haben wir mal das Sonnensystem vor einer schrecklichen außerirdischen Bedrohung gerettet. Und jetzt das hier?«

Holden hatte nur einen einzigen Cop näher kennengelernt, und auch den nur für kurze Zeit. Während der heftigen, höchst unangenehmen und chaotischen Ereignisse, die inzwischen als »Eros-Zwischenfall« bezeichnet wurden, hatte Holden vorübergehend mit einem schmalen, grauen und gebrochenen Mann namens Miller zusammengearbeitet. Als sie sich begegnet waren, hatte Miller bereits den Dienst quittiert und ermittelte besessen und auf eigene Faust in einem Vermisstenfall.

Freunde waren sie nicht geworden, aber sie hatten immerhin dafür gesorgt, dass die Menschheit nicht durch die Soziopathen einer Firma vernichtet wurde, die sich eine außerirdische Waffe angeeignet hatte. Eine Waffe, die man bislang für einen gewöhnlichen Saturnmond gehalten hatte. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, war ihre Partnerschaft ein Erfolg gewesen.

Holden hatte sechs Jahre als Marineoffizier gedient. Er hatte Menschen sterben sehen, wenngleich nur indirekt auf dem Radarschirm. Auf Eros hatte er aus nächster Nähe Tausende Menschen beobachtet, die auf entsetzliche Weise zugrunde gegangen waren. Ein paar hatte er sogar selbst getötet. Die Strahlendosis, die er dort abbekommen hatte, zwang ihn, ständig Medikamente zu nehmen, damit der Krebs in seinem Gewebe nicht aufblühen konnte. Damit war er sogar noch glimpflicher davongekommen als Miller.

Denn Miller hatte dafür gesorgt, dass der außerirdische Infektionsherd auf die Venus statt auf die Erde gestürzt war. Das hatte ihn allerdings nicht vernichtet. Worauf die geheimnisvolle Programmierung der Aliens auch abzielte, sie arbeitete unter der dichten Wolkendecke des Planeten weiter, und bislang hatte noch niemand eine wissenschaftliche Einschätzung veröffentlicht, die über ein »Hm, verrückt« hinausgegangen wäre.

Jedenfalls hatte der alte und müde Detective aus dem Gürtel das Leben verloren, als er die Menschheit gerettet hatte.

Holden war seitdem ein Angestellter der Allianz der äußeren Planeten und jagte Piraten. Selbst an schlechten Tagen war er der Ansicht, deutlich besser abgeschnitten zu haben als Miller.

»Dreißig Sekunden bis zum Rendezvous«, meldete Alex.

Holden konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart und nahm noch einmal mit dem Maschinendeck Kontakt auf. »Amos, bist du angeschnallt?«

»Roger, Käpt’n. Hier ist alles klar. Pass nur auf, dass mein Mädchen keine Löcher bekommt.«

»Heute wird niemand schießen«, erwiderte Holden und trennte die Verbindung. Naomi hatte es gehört und zog fragend eine Augenbraue hoch. »Naomi, gib mir den Com. Ich will unsere Freunde da draußen rufen.«

Gleich darauf erschien die Kommunikationssteuerung auf seinem Pult. Er setzte einen Richtstrahl auf das Piratenschiff und wartete, bis der Link grünes Licht zeigte. Dann sagte er: »Frachter ohne Kennung, hier ist Kapitän James Holden von der Raketenfregatte Rosinante der Äußeren Planeten. Bitte antworten Sie.«

Im Kopfhörer war außer leisem statischem Rauschen nichts zu hören.

»Hört mal, Leute, wir wollen hier keine Spielchen spielen. Ich weiß, wer ihr seid. Ich weiß auch, dass ihr vor fünf Tagen den Lebensmitteltransporter Somnambulist angegriffen, die Maschinen lahmgelegt und sechstausend Kilo Protein und die gesamte Luft gestohlen habt. Mehr als das muss ich gar nicht über euch wissen.«

Wieder antwortete ihm nur Schweigen.

»Es sieht folgendermaßen aus. Ich bin es leid, euch zu verfolgen, und ich lasse mich nicht beliebig lange hinhalten, während ihr euer kaputtes Schiff repariert und die Flucht fortsetzt. Wenn ihr nicht in den nächsten sechzig Sekunden uneingeschränkt kapituliert, schieße ich zwei Torpedos mit fetten Gefechtssprengköpfen ab und zerschmelze euer Schiff zu glühender Schlacke. Dann fliege ich nach Hause und schlafe mich aus.«

Endlich meldete sich jemand. Es war ein Junge, dessen Stimme viel zu jung für jemanden klang, der sich für das Leben eines Piraten entschieden hatte.

»Das können Sie nicht machen. Die AAP ist gar keine richtige Regierung. Sie können mir überhaupt nichts tun, also lassen Sie mich in Ruhe.« Die Stimme kippte beinahe wie bei einem pubertierenden Jugendlichen.

»Ehrlich? Mehr haben Sie mir nicht zu sagen?«, antwortete Holden. »Vergessen Sie mal die Frage nach Regierungen und Regierungsmacht. Betrachten Sie einfach nur die Ladar-Peilungen, die Sie von meinem Schiff erhalten. Sie hocken auf einem zusammengeschusterten leichten Frachter, auf den jemand in Handarbeit ein paar Gausskanonen geschweißt hat, und ich habe einen modernen marsianischen Raketenbomber mit genügend Feuerkraft, um einen kleinen Mond in die Luft zu jagen.«

Die Stimme antwortete nicht mehr.

»Leute, selbst wenn ihr mich nicht als rechtmäßige Autorität anerkennt, sollten wir uns darauf einigen, dass ich euch jederzeit in die Luft jagen kann.«

Der Com blieb stumm.

Holden rieb sich seufzend den Nasenrücken. Trotz des Koffeins wollten die Kopfschmerzen nicht verfliegen. Er ließ die Verbindung zum Piratenschiff stehen und öffnete einen zweiten Kanal ins Cockpit.

»Alex, jage eine kurze Garbe der vorderen Abwehrkanonen mittschiffs durch den Frachter.«

»Warten Sie!«, rief der Junge auf dem anderen Schiff. »Wir ergeben uns! In Gottes Namen!«

Holden streckte sich in der Schwerelosigkeit, die er nach der tagelangen Beschleunigung genoss, und grinste in sich hinein. Heute wird niemand erschossen.

»Naomi, sage unseren neuen Freunden, sie sollen dir die Fernsteuerung ihres Schiffs übertragen, und dann fliegen wir zur Tycho-Station zurück, damit das AAP-Gericht über sie befinden kann. Alex, sobald die Maschinen da drüben wieder laufen, berechnest du den Rückflug mit einem komfortablen halben G. Ich bin unten in der Krankenstation und suche mir ein Aspirin.«

Holden löste die Gurte der Druckliege und stieß sich in Richtung der Leiter ab. In diesem Moment piepste sein Handterminal. Es war Fred Johnson, der Anführer der AAP und ihr persönlicher Patron auf der Fabrikstation Tycho, die der OPA zugleich als Hauptquartier diente.

»Hallo, Fred, wir haben die frechen Piraten erwischt. Ich bringe sie zurück, damit sie angeklagt werden können.«

Fred verzog das große Gesicht zu einem Grinsen. »Das ist neu. Keine Lust mehr, sie in die Luft zu jagen?«

»Das nicht, aber hier ist endlich jemand, der es mir glaubt, wenn ich damit drohe.«

Jetzt runzelte Fred die Stirn. »Hören Sie, Jim, deshalb rufe ich Sie nicht. Ich brauche Sie sofort auf Tycho. Auf Ganymed ist irgendetwas passiert …«

3 Prax

Praxidike Meng stand in der Scheunentür, blickte zu den Feldern mit den sachte nickenden Blättern hinaus, die so saftig grün waren, dass sie beinahe schwarz erschienen, und geriet in Panik. Dunkler, als sie es hätte sein sollen, spannte sich die Kuppel über ihm. Die Stromversorgung der Pflanzenlampen war unterbrochen, und die Spiegel … er kam nicht mehr dazu, weiter über die Spiegel nachzudenken.

Das Flackern zwischen den kämpfenden Schiffen erinnerte an ein billiges, fehlerhaftes Display. Lauter Farben und Bewegungen, die dort nicht hätten sein dürfen. Auf jeden Fall zeigte ihm dies, dass etwas nicht stimmte. Er leckte sich über die Lippen. Es musste doch einen Weg geben. Einen Weg, die Pflanzen zu retten.

»Prax«, sagte Doris. »Wir müssen gehen. Jetzt sofort.«

Die Glycine kenon war das Spitzenprodukt der genügsamen Nutzpflanzen. Eine stark modifizierte Sorte Sojabohnen, eigentlich sogar schon eine neue Spezies, auf die er die letzten acht Jahre seines Lebens verwendet hatte. Sie waren der Grund dafür, dass seine Eltern ihr einziges Enkelkind immer noch nicht in Fleisch und Blut gesehen hatten. Die Pflanzen und einige andere Dinge hatten das Ende seiner Ehe heraufbeschworen. Vor sich auf dem Feld sah er acht leicht unterschiedliche genmanipulierte Chloroplasten, die jede für sich versuchten, pro Photon so viel Protein wie möglich zu erzeugen. Seine Hände zitterten. Er musste sich gleich übergeben.

»Uns bleiben höchstens noch fünf Minuten bis zum Einschlag«, drängte Doris. »Wir müssen evakuieren.«

»Ich sehe noch nichts«, erwiderte Prax.

»Es kommt sehr schnell, und wenn Sie es sehen, ist es zu spät. Wir sind die Letzten. Jetzt steigen Sie endlich in den Aufzug.«

Die großen Orbitalspiegel waren immer seine Verbündeten gewesen. Sie hatten wie hundert bleiche Sonnen die Felder beleuchtet. Er konnte nicht glauben, dass sie ihn verraten hatten. Das war ein völlig abwegiger Gedanke. Der Spiegel, der angeblich auf Ganymed stürzte – auf sein Gewächshaus, seine Sojabohnen, sein Lebenswerk –, hatte sich nicht selbst dazu entschieden. Er war ein Opfer von Ursache und Wirkung. Genau wie alles andere.

»Ich gehe jetzt«, erklärte Doris. »Wenn Sie noch vier Minuten bleiben, werden Sie sterben.«

»Warten Sie.« Prax rannte in die Kuppel hinein, kniete am Rand des nächsten Feldes nieder und durchwühlte die fruchtbare schwarze Erde. Der Geruch umfing ihn wie gutes Patschuli. Er stieß die Finger so tief er konnte hinein und ertastete eine Wurzelknolle, mit der er die ganze empfindliche Pflanze herausheben konnte.

Doris stand schon im Lastenaufzug und war bereit, in die Höhlen und Tunnel der Station hinunterzufahren. Prax rannte zu ihr. Da es nun galt, die Pflanze zu retten, kam ihm die Kuppel auf einmal schrecklich gefährlich vor. Er sprang durch die Tür, und Doris drückte den Knopf. Der große Metallkasten ruckte, wackelte und sank hinab. Normalerweise hätte die Kabine schweres Gerät befördert: den Pflug, den Traktor und die Tonnen von Humus, den sie den Recyclern der Station entnahmen. Jetzt waren sie zu dritt: Prax saß im Schneidersitz auf dem Boden und beschützte die junge Pflanze auf dem Schoß, während Doris an der Unterlippe nagte und ihr Handterminal beobachtete. Der Aufzug war viel zu groß für sie.

»Vielleicht verfehlt uns der Spiegel«, überlegte Prax.

»Das ist möglich. Aber er besteht aus tausenddreihundert Tonnen Glas und Metall. Die Schockwelle wird trotzdem heftig.«

»Vielleicht hält die Kuppel.«

»Nein«, antwortete sie, und Prax sagte nichts mehr.

Summend und klappernd glitt die Kabine unter das Eis bis zum Netzwerk der Tunnel, die den größten Teil der Station ausmachten. Es roch nach Heizspiralen und Schweröl. Er konnte immer noch nicht glauben, dass sie es wirklich getan hatten. Er konnte nicht akzeptieren, dass die Schweinehunde beim Militär tatsächlich aufeinander schossen. So kurzsichtig konnte doch niemand sein. Aber anscheinend war diese Annahme falsch.

In den Monaten, nachdem die Allianz von Erde und Mars zerbrochen war, hatte er zuerst eine beständig nagende Angst, dann vorsichtige Hoffnung und schließlich Gelassenheit empfunden. Jeder Tag, an dem die Vereinten Nationen und die Marsianer untätig geblieben waren, hatte als kleiner Beweis dafür gelten dürfen, dass sie auch in Zukunft friedlich bleiben würden. Er hatte sich eingeredet, die Situation sei viel stabiler, als man auf den ersten Blick meinen konnte. Selbst wenn es übel ausging und ein heißer Krieg begann, würde es nicht hier geschehen. Ganymed lieferte Nahrung. Dank seiner Magnetosphäre war es der sicherste Ort, an dem Schwangere sich aufhalten konnten, und die Verantwortlichen würden nie zulassen, dass der Krieg hierher übergriff.

Doris sagte etwas Ordinäres. Prax blickte zu ihr hoch. Sie strich sich mit einer Hand über das schüttere weiße Haar, drehte sich um und spuckte aus.

»Ich habe die Verbindung verloren.« Sie hob das Handterminal. »Das ganze Netzwerk ist blockiert.«

»Von wem?«

»Von den Sicherheitskräften der Station, von den Vereinten Nationen, vom Mars. Woher soll ich das wissen?«

»Aber wenn sie …«

Es war, als hätte eine gewaltige Faust auf das Dach der Kabine geschlagen. Die Notbremsen sprachen mit markerschütterndem Kreischen an. Das Licht ging aus, zwei hektische Herzschläge lang herrschte Dunkelheit. Dann flammten vier von Batterien gespeiste LEDs auf und erloschen, als die Stromversorgung der Kabine wieder einsetzte. Die automatische Fehlerdiagnose lief ab, die Schnittstelle arbeitete sich durch Prüfsummen wie ein Hürdenläufer auf der Bahn. Prax stand auf und trat an die Kontrolltafel. Die Sensoren des Schachts meldeten einen minimalen atmosphärischen Druck, der weiter sank. Eine Erschütterung verriet ihm, dass irgendwo über ihm Schutztore zufielen. Dann stieg der Außendruck an. Die Luft im Schacht war in den Weltraum entwichen, ehe die Notsysteme alles abgesperrt hatten. Seine Kuppel hatte die Atmosphäre verloren.

Seine Kuppel war zerstört.

Er hielt sich die Hand vor den Mund und bemerkte kaum, dass er sich Erde auf das Kinn schmierte. Nervös dachte er an die Dinge, die er tun musste, um das Projekt zu retten – den Projektmanager bei RMD-Southern anrufen, die Anträge für die Zuschüsse neu ausfüllen, die Datenbackups besorgen, um die Genmanipulationen zu wiederholen. Unterdessen war ein anderer Teil in ihm gespenstisch ruhig und still. Das Gefühl der Spaltung – eine Seite dachte über verzweifelte Maßnahmen nach, die andere war betäubt vor Kummer – fühlte sich an wie die letzten Wochen seiner Ehe.

Doris wandte sich an ihn und lächelte müde und amüsiert. Sie streckte die Hand aus.

»Es war mir eine Freude, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Dr. Meng.«

Die Kabine ruckte, als sich die Notbremsen lösten. Weiter entfernt gab es einen neuen Einschlag. Ein Spiegel oder ein abgestürztes Schiff. Die Soldaten bombardierten einander auf der Oberfläche. Vielleicht waren auch schon tief im Innern der Station Kämpfe ausgebrochen. Man konnte es nicht wissen. Er schüttelte ihre Hand.

»Dr. Bourne«, erwiderte er. »Es war mir eine Ehre.«

Schweigend dachten sie über die Trümmer ihres alten Lebens nach. Doris seufzte.

»Also gut«, sagte sie. »Dann machen wir, dass wir hier herauskommen.«

Meis Vorschule befand sich tief unter der Oberfläche des Mondes, aber die Haltestelle der Röhrenbahn war nur ein paar Hundert Meter von der Ladestation der Karren entfernt, und die Fahrt mit dem Expressaufzug dauerte kaum mehr als zehn Minuten. So einfach wäre es jedenfalls gewesen, wenn die Verkehrsmittel funktioniert hätten. In den drei Jahrzehnten, die er auf Ganymed lebte, hatte Prax noch nie bemerkt, dass die Bahnstationen Sicherheitstüren besaßen.

Die vier Soldaten, die vor der geschlossenen Station standen, trugen dicke gepanzerte Rüstungen mit sich verlagernden Tarnflecken im Beige und Stahlgrau des Korridors. Bewaffnet waren sie mit beängstigend großen Sturmgewehren. Finster starrten sie die Menge von einem Dutzend oder mehr Einwohnern an, die sich vor ihnen drängten.

»Ich bin im Verkehrsausschuss«, behauptete eine große und schmale dunkelhaarige Frau. Bei jedem Wort tippte sie auf die Brustplatte eines Soldaten. »Wenn Sie uns nicht vorbeilassen, bekommen Sie Ärger. Großen Ärger.«

»Wie lange bleibt die Station gesperrt?«, wollte ein Mann wissen. »Ich muss nach Hause. Wie lange dauert das hier noch?«

»Meine Damen und Herren«, rief die Soldatin auf der linken Seite. Sie hatte eine kräftige Stimme und übertönte mühelos wie ein Lehrer, der unruhige Schulkinder ermahnte, das Getöse und Murmeln der Menge. »Dieser Wohnbereich wird aus Sicherheitsgründen vorübergehend abgeriegelt. Solange der Einsatz des Militärs andauert, darf nur offizielles Personal die Ebenen wechseln.«

»Auf wessen Seite steht ihr überhaupt?«, rief jemand. »Seid ihr Marsianer? Auf wessen Seite steht ihr?«

»In der Zwischenzeit«, fuhr die Soldatin fort, ohne auf die Frage einzugehen, »bitten wir Sie alle um Geduld. Sobald Sie gefahrlos reisen können, wird das Röhrenbahnsystem wieder in Betrieb genommen. Bis dahin müssen wir Sie bitten, zu Ihrer eigenen Sicherheit Ruhe zu bewahren.«

Impulsiv schaltete sich auch Prax ein. Er fand, dass seine Stimme weinerlich klang.

»Meine Tochter ist auf der achten Ebene. Sie geht da unten zur Schule.«

»Alle Ebenen sind gesperrt, Sir«, erwiderte die Soldatin. »Ihr wird dort nichts passieren. Sie müssen einfach nur etwas Geduld haben.«

Die dunkelhäutige Frau vom Verkehrsausschuss verschränkte die Arme vor der Brust. Zwei Männer entfernten sich von der Menge, gingen ein Stück den schmalen und schmutzigen Flur hinunter und redeten miteinander. In diesen alten, hochgelegenen Tunneln roch man die Recycler – Plastik, Wärme, künstliche Duftstoffe. Jetzt auch die Angst.

»Meine Damen und Herren«, rief die Soldatin. »Um Ihrer eigenen Sicherheit willen müssen Sie ruhig bleiben und abwarten, bis der Militäreinsatz beendet ist.«

»Wie genau sieht denn die militärische Lage aus?«, fragte eine Frau, die neben Prax stand. Es klang herausfordernd und überhaupt nicht nach einer Frage.

»Sie entwickelt sich sehr schnell«, antwortete die Soldatin. Die Stimme klang jetzt unsicher. Anscheinend hatte sie so große Angst wie alle anderen, nur dass sie eine Waffe besaß. Also kam er hier nicht weiter. Er musste einen anderen Weg finden. Mit seiner letzten Glycine kenon in der Hand entfernte Prax sich von der Röhrenbahnstation.

Er war acht Jahre alt gewesen, als sein Vater von den dicht besiedelten Zentren des Mondes Europa nach Ganymed versetzt worden war, um ein Forschungslabor aufzubauen. Die Konstruktion hatte zehn Jahre gedauert, die Prax eine unruhige Jugend beschert hatten. Als seine Eltern wegen eines neuen Vertrages ihre Sachen gepackt und zu einem Asteroiden auf einer exzentrischen Umlaufbahn in der Nähe Neptuns umgezogen waren, hatte Prax sich entschlossen, auf Ganymed zu bleiben. Er hatte sich für ein Praktikum bei den Botanikern entschieden, weil er glaubte, er könne das Wissen gebrauchen, um illegales steuerfreies Marihuana anzubauen. Dann hatte er festgestellt, dass jeder dritte Praktikant mit dem gleichen Vorsatz angetreten war. In den vier Jahren, die er damit verbracht hatte, eine vergessene Abstellkammer oder einen verlassenen Tunnel zu finden, der nicht schon von illegalen hydroponischen Experimenten beansprucht wurde, hatte er das Gewirr der Korridore gut kennengelernt.

Jetzt wanderte er durch die alten, schmalen Gänge, die schon von der ersten Generation angelegt worden waren. An den Wänden oder in den Bars und Restaurants saßen Männer und Frauen mit leeren, zornigen oder ängstlichen Mienen. Die Displays spielten Musik, Theatervorstellungen oder abstrakte Kunst in Endlosschleifen ab, statt wie gewohnt die Nachrichtenkanäle zu zeigen. Kein einziges Handterminal meldete piepsend den Eingang persönlicher Mitteilungen.

Vor den zentralen Luftschächten fand er, was er gesucht hatte. Die Wartungstechniker hatten hier und dort alte Elektroroller abgestellt, die aber niemand mehr benutzte. Da Prax ein leitender Wissenschaftler war, öffnete ihm sein Handterminal die verrostete Absperrkette. Er fand einen Roller mit einem Beiwagen und halb vollen Batterien. Mit so einem Ding war er seit sieben Jahren nicht mehr gefahren. Er stellte die Glycine kenon in den Beiwagen, startete den Selbsttest und fuhr in den Flur hinaus.

Auf den ersten drei Rampen standen Soldaten wie jene, die er an der Röhrenbahnstation gesehen hatte. Prax hielt nicht einmal an. An der vierten Rampe, wo ein Versorgungstunnel von den Lagerhäusern an der Oberfläche hinunter zu den Reaktoren führte, war niemand. Er hielt inne und saß nachdenklich auf dem Roller. In der Luft hing ein stechender Geruch, den er nicht ganz einordnen konnte. Nach und nach wurden ihm weitere Einzelheiten bewusst: Brandspuren an der Wandverkleidung, auf dem Boden war etwas Dunkles verschmiert. In der Ferne knallte es. Nach drei oder vier Atemzügen begriff er, dass dort geschossen wurde.

Eine sich schnell entwickelnde Situation bedeutete anscheinend, dass in den Tunneln gekämpft wurde. Auf einmal sah er Meis Klassenzimmer vor sich – so lebhaft, als wäre es eine Erinnerung und keine Einbildung. Die Panik, die er in der Kuppel empfunden hatte, war auf einmal wieder da, nur hundertmal schlimmer.

»Ihr ist nichts passiert«, erklärte er der Pflanze im Beiwagen. »In einer Vorschule wird nicht gekämpft, weil den Kindern nichts passieren darf.«

Die grünlich schwarzen Blätter welkten bereits. Nein, in der Nähe von Kindern kämpften sie bestimmt nicht. Auch die Lebensmittelvorräte waren sicher. Genau wie die empfindlichen landwirtschaftlichen Kuppeln. Seine Hände zitterten wieder, aber er war noch fähig, das Fahrzeug zu steuern.

Die erste Explosion ereignete sich, als er die Rampe von der siebten zur achten Ebene hinunterfuhr und an einer riesigen, noch nicht ausgebauten Höhle vorbeikam, die die Ausmaße einer Kathedrale hatte. Dort hatte man es dem natürlichen Eis des Mondes erlaubt, sich auszubreiten und wieder zu gefrieren. Das Ergebnis wirkte wie eine Mischung aus einem Naturpark und einem Kunstwerk. Es gab einen Blitz, eine Erschütterung, und der Roller geriet ins Schleudern. Als die Wand viel zu schnell näher kam, konnte Prax im letzten Moment vor dem Aufprall das Bein zurückreißen. Über sich hörte er laute Stimmen. Die kämpfenden Truppen trugen Rüstungen und benutzten die eingebauten Funkgeräte. Das dachte er zumindest. Also mussten die Leute, die dort schrien, normale Einwohner sein. Eine zweite Explosion drückte die Wand der Höhle ein, und ein Brocken blauweißes Eis in der Größe eines Traktors brach von der Decke ab und stürzte langsam und unausweichlich auf den Boden, wo es zerplatzte. Prax hatte Mühe, den Roller aufrecht zu halten. Sein Herz fühlte sich an, als wollte es gleich zerspringen.

Am oberen Ende der gekrümmten Rampe entdeckte er Gestalten in Rüstungen. Er wusste nicht, ob sie von der UN oder vom Mars stammten. Eine drehte sich zu ihm herum und hob das Gewehr. Prax beschleunigte und raste mit dem Roller rasch die Rampe hinunter. Das Knattern automatischer Waffen und der Geruch von Rauch und schmelzendem Metall verfolgten ihn.