Der Fußballgott - citizen_b - ebook

Der Fußballgott ebook

Citizen B.

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Opis

Starkicker Ralph Guthfleisch ist jung, bemerkenswert attraktiv und er hat ein kleines Geheimnis: Er ist homosexuell. Deshalb versucht ein Unbekannter den erfolgreichen Fußballprofi zu erpressen. Fast schon ein Routinefall für die auf schwule Klienten spezialisierte Agentur Fingerprinz. Der hartgesottene Ermittler Max Finger, seine mysteriöse Partnerin Kim Prinz und der blutjunge Junior-Detektiv Benjamin nehmen die Spur auf. Wer erpresst den beliebten Nationalspieler? Höchst verdächtig: Zum Beispiel Ralphs Alibi-Verlobte, das silikonverstärkte Fußball-Luder Kendra Kemp. Oder sein ehemaliger Lover, der manisch-depressive Stefan Geschke. Nicht zu vergessen: Der dubiose Sportlerberater Peter Aschenbach. Und wie sieht es mit dem einschlägig vorbestraften Stricher Sascha aus? Was verbergen Ralphs bettelarme Eltern, für die der neureiche Fußballstar noch nicht einmal einen halben Euro übrig hat? Warum spricht niemand über Ralphs kleinen Bruder, den rabiaten Olaf Guthfleisch? Außerdem sind da natürlich auch noch die Vereinskameraden des Torschützenkönigs, lauter rücksichtslose selbstverliebte Alpha-Tierchen, die vor keiner Intrige zurückschrecken, wenn es sie auf der Karriere-Leiter weiter nach oben bringt.Dann nimmt der Fall eine dramatische Wendung, Blei liegt in der Luft und Leichen pflastern den Weg zur Geldübergabe.In „DER FUSSBALLGOTT“ untersucht der Frankfurter Erfolgsautor citizen_b das vielleicht letzte Tabu bundesrepublikanischer Hetenherrlichkeit: Homosexualität und Fußball! Sport, Spiel, Spannung sind garantiert und selbstverständlich gibt es jede Menge schwarzen Humor, Romantik und eine Messerspitze handfesten ehrlichen Männersex.Pflichtlektüre für schwule Fußball-Fans, Fußball-Verächter und ein Muss für Kenner homophiler Kriminalliteratur.

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citizen_b

citizen_b 

Who the Fuck is citizen_b?

„Starke schwule Helden und Schurken für das dritte Jahrtausend. Alles muss aufregender, schneller, merkwürdiger und witziger sein, als je zuvor: Packende Action, prickelnde Homoerotik und siedende Leidenschaft.“ So lautet das Mission-Statement des attraktiven Pop-Literaten und kolossalen Snobs citizen_b. Bis jetzt ist ihm das auch ganz fabelhaft gelungen: Da sind zum Beispiel die haarsträubenden Trash-Abenteuer des liebenswerten Sexaholic Wolfi Faust und seines satanischen Freundes Jack und jetzt die rätselhaften Fälle der unbestechlichen Ermittler der Frankfurter Detektei Fingerprinz, die mit „Der Fußballgott“ ja auch schon in die zweite Runde gehen. Der charismatische Autor, der sein Geld schon als Restaurantkritiker, Schauspieler, Punk-Musiker, Disc-Jockey und Bar-Schlampe verdiente, lebt mit seinem herzensguten Lebensabschnittsgefährten Ulf und dem treuen Shetlandpony Stuppsi in einem ehemaligen Schwesternwohnheim mit Blick über seinen Tatort Frankfurt.

Mehr zu citizen_b: www.gaygorilla.de

Alle Begebenheiten sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden, toten oder untoten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt

Himmelstürmer Verlag, part of Production House GmbH

Hamburg, Kirchenweg 12

Originalausgabe

1. Auflage März 2003

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

E-Mail: [email protected]

www.himmelstuermer.de

Umschlaggestaltung: h plus p werbeagentur, Hamburg

Fotos: Thorsten Horvath www.male-appeal.de

Frankfurt Fotos: citizen_bwww.gaygorilla.com

 ISBN print  978- 3-934825-23-0

ISBN E-pub 978-3-86361-215-3

ISBN pdf:   978-3-86361-216-0

„Es gibt kein richtiges Spiel im falschen!“

Sepp Herberger

Inhalt

Guthfleisch

Dog Boy

Keine Polizei!

Fußballerfinger

Erpresser schießen nicht!

Superhetero

Ein ungelüftetes Geheimnis

Fußball, Ficken, Faulenzen

Eine Branche mit Zukunft

Das Haus der kalten Katzen (1): Die beiden Miezen

Hetenkunde 101: Betty oder Barney?

Ein Rudi Völler

Fußball, Bier und geile Weiber!

Die Lümmel von der letzten Bank (1): Subjekt,

Prädikat, Objekt der Begierde

Hessen auf Rädern

Das fast perfekte Mutterglück

Der kleine Bruder

In der Knautschzone

Die Absatzfalle

Ins Nichts

Heldenhundetod  

Die Lümmel von der letzten Bank (2):

Das Ungeheuer mit den Hamsterbacken

Roter Drache  

Dumm kickt gut  

Das Haus der kalten Katzen (2): Rache, eiskalt  

serviert!

Geschtes ganzes Glück  

Eine folgenreiche Entdeckung  

Der große Onkel  

Der Fluch der Finger  

Lucky Pierre  

Sascha kauft die Farm  

Angry Pierre  

Die Lümmel von der letzten Bank (3): Schweigen  

ist Gold!

Total normal  

Soldaten des Todes  

Raubein auf Freiersfüßen  

Guthfleisch

Frankfurt. Bahnhofsviertel. Samstag, 12. Oktober 2002. 11.00 Uhr. Vormittags.

„Komm schnell rein, Benjamin!“, flüstert mir Kim zu, als ich die Agentur betrete, „du wirst nicht glauben, wer unser neuester Kunde ist!“

„Der Papst?“, frage ich.

Das ist zwar nur ein Scherz, aber wer weiß? Viele katholische Würdenträger sind ja bekanntlich vom anderen Ufer. Und die Detektei Fingerprinz arbeitet exklusiv für homophile Klientel.

„Warm“, sagt die attraktive Endzwanzigerin, „aber knapp vorbei. Kennst du Ralph Guthfleisch, das große Nach-wuchstalent der Deutschen Fußballnationalmannschaft?“

„Guthfleisch?“ Den Namen hab ich noch nie gehört.

„Guthfleisch. Ganz genau.“

Wir betreten das weitläufige Büro meines Onkels, des bekannten und beliebten Privatermittlers Max Finger. Kim, die ihre Haare der Jahreszeit angemessen rotbraun getönt hat, trägt ein Tablett mit einer Thermoskanne, einer Büchse Bärenmarke, bei McDonald’s stibitzten Zuckertütchen und einer Hand voll weißer Plastikbecher.

„Der Lehrbub. Das wird aber auch Zeit!“, begrüßt mich mein Onkel. Der leicht untersetzte, etwas dickliche, immer ein bisschen mürrisch wirkende Detektiv sitzt hinter seinem chronisch überfüllten Schreibtisch und zündet sich eine filterlose Zigarette an.

„Hallo, Ben“, höre ich eine Stimme sagen, die ich irgendwo schon einmal gehört habe. Sie gehört einem blonden jungen Mann, der auf der abgewetzten schwarzen Ledercouch sitzt und jetzt leicht errötet und verlegen lächelt.

„Hallo, Ralph“, entgegne ich, lächele zurück und denke: „Ach, du lieber Herr Jesus!“

„Ihr kennt euch?“, fragt Max.

„Flüchtig.“

Dog Boy

Rückblende: Der Sommer der Liebe, 2002. Ende Juli oder Anfang August. Vollmond. Weit nach Mitternacht.

Ich bin zu Fuß unterwegs. Auf dem Heimweg vom Blue Angel. Sozusagen als Chill-out spaziere ich noch ein bisschen durch die Stadt, die Zeil entlang, glotze in ein paar Schaufenster, stolpere fast über einen schlafenden Obdachlosen, der vor dem Eingang einer Parfümerie campiert, schleiche mich an den keifenden Crack-Nutten in der berüchtigten Taunusstraße entlang und erfreue mich an den aufdringlich blinkenden Neon-Reklamen der schäbigen Bordelle und Nepp-Lokale. Dann schlendere ich vergnügt pfeifend die Mainzer Landstraße hoch, Richtung Bett. Ein chromblitzender, silberfarbener Mercedes Geländewagen fährt langsam an mir vorbei und der Fahrer, ein gut aussehender junger Kerl, so um die Anfang bis Mitte 20, wirft mir einen langen Blick zu. Sie kennen diesen Blick, nehme ich an. Lang, neugierig, herausfordernd, viel versprechend. Er gibt Gas und verschwindet in der Ferne. Kurz darauf kommt er mir entgegen, wie ich mit geübtem Detektivblick an seinem Offenbacher Nummernschild erkenne. Ich ahne schon, was als Nächstes passiert. Tatsächlich, er wendet, der Off Roader gleitet an mir vorbei, stoppt, der Bursche lässt das Beifahrerfenster herunter und fragt: „Kann ich dich irgendwohin mitnehmen?“

„Was? Klar“, antworte ich dann doch leicht überrascht und er öffnet die Tür und ich steige ein.

Deutschsprachige Rockmusik dudelt im Radio. Es riecht nach Polyester und Adidas-Rasierwasser. Er setzt ein gewinnendes Lächeln auf und fährt los. Mein Puls wird schneller. Testosteron liegt in der Luft. Wir lassen die Galluswarte hinter uns. Eigentlich müsste ich hier raus, da ich nur wenige hundert Meter weiter um die Ecke in der Lahnstraße wohne, aber ich will es wissen.

„Hast du es eilig?“, fragt er und ich mache eine verneinende Geste und er biegt kurz vor dem Burger King nach links ab und gleich darauf nach rechts in die Kleyerstraße.

„Wie heißt du?“, fragt er, während wir an den ehemaligen Bosch-Werken vorbeifahren und ich sage „Ben“ und er erwidert „Ralph“ und schaltet einen Gang höher. Schrebergärten säumen den Straßenrand und wir schießen durch die Dunkelheit und schließlich parkt er den Wagen unter einem Kastanienbaum, der vor einem geschlossenen, dunklen Gartenlokal steht. Zwei Schäferhunde, die in einen Zwinger neben der Gastwirtschaft eingesperrt sind, kläffen sich die Seelen aus dem Leib. Ralph, wenn er denn wirklich so heißt, löst den Sicherheitsgurt und legt seine rechte Hand auf meinen linken Oberschenkel. Ich lege meine Hand auf seine und schaue ihn an und er nimmt mich in die Arme und gibt mir einen langen Kuss. Und dann noch einen. So weit, so gut.

„Lass uns die Rücklehnen runterstellen“, murmelt er und fingert an seinem mit schwarzen Leder bezogenen Sitz, und tatsächlich klappt die Rückenlehne nach hinten weg und bildet mit dem Rücksitz eine beinahe zusammenhängende Fläche.

Ich suche auf der Unterseite meines Sitzes nach dem entsprechenden Hebel, finde ihn, ziehe daran und klappe zusammen mit der Rücklehne meines Sitzes in die Horizontale. Schon ist er über mir und küsst mich und schiebt seine Hand unter mein T-Shirt. Jetzt sehe ich erst, dass er blaue Augen hat. Leuchtend blau! Meine Zunge erkundet seinen Mund und ich streichele sein Gesicht, seine blonden Haare, seinen athletischen Rücken und seinen erstaunlich knackigen Hintern, der in einer etwas zu engen weißen Jeans steckt.

„Gott, ist das gut“, seufzt er, rollt von mir herunter und beginnt sich auszuziehen.

Ich ziehe mich auch aus und nehme noch schnell den Cruising-Pack aus der Tasche, bevor ich meine schwarze Jeans in Richtung Armaturenbrett werfe.

Er ist ziemlich behaart, stelle ich fest. Sogar auf dem Rücken.

Schon ist er wieder bei mir, schleckt über meine Brustwarzen, atmet schwer, beugt sich weiter nach unten und nimmt meinen steifen Schwanz in den Mund. Jesus Christus, dieses warme, feuchte Gefühl! Durch das geöffnete Dach kann ich den Sternenhimmel betrachten, während er mich verwöhnt. Draußen bellen noch immer die Köter. Nach ein paar Minuten drehe ich mich so, dass ich auf Augenhöhe mit seinem besten Stück bin und denke noch „Was für muskulöse Beine der hat!“, und dann öffnen sich meine Lippen. Seine Ausstattung kann übrigens durchaus internationalen Ansprüchen genügen.

Währenddessen, fast unbemerkt, haben die Hunde aufgehört zu kläffen.

„Gut“, stöhnt er kurz darauf, lässt von mir ab und dreht sich auf den Bauch. „Und jetzt fick mich. Bitte, fick mich. Zeig’s mir!“

Ich suche den Cruising-Pack, finde ihn, fummele ein Kondom heraus, reiße die Verpackung auf und rolle es über mein stahlhartes Glied, fast so, als hätte ich das schon hunderttausend Mal gemacht. Ich öffne die winzige Plastikflasche mit der Gleitcreme und verteile einen ordentlichen Stratz auf meinem Schwanz und dann bin ich auch schon über ihm und presse meine Hüften gegen seinen süßen Po. Er hebt den Hintern und ich lege an, und geil wie ich bin, dringe ich mit einem einzigen schnellen harten Stoß in ihn ein und er keucht vor Lust: „Ja, ja, gib’s mir. Ja!“. Und wir treiben es wie die Straßenköter, und ein Käuzchen schreit, Flugzeuge rauschen am Himmel und die Schäferhunde heulen den Mond an.

Später fährt er mich noch nach Hause und ich gebe ihm meine Business-Card, die mit dem „Detektei Fingerprinz“-Logo.

„Das ist eine Agentur für Homosexuelle!“, erkläre ich ihm. „Und ich bin Junior-Detektiv.“

Keine Polizei!

„Hallo, Schlafmütze! Aufwachen!“, das ist die Stimme von Max Finger. Ich schrecke aus meinen erotischen Reminiszenzen hoch. „Hörst du nicht?“, fragt er. „Es läutet. Würdest du die Güte haben zu öffnen?“

Er hat Recht. Es läutet schon wieder. Ich laufe zum Eingang, drücke auf den Summer und öffne die Tür zum Treppenhaus. Kurz darauf kommt ein schlanker Mann schnellen Schrittes die Treppe herauf. Er ist mittelgroß, hat kurze lockige dunkelblonde Haare, grüne Augen, ein längliches Gesicht, schmale Lippen und ein gespaltenes Kinn wie Cary Grant. Nicht unattraktiv.

„Ist Ralph schon hier?“, fragt er mich unfreundlich, ich zeige ihm den Weg und er stürmt in des Onkels Büro. „Ralph!“, ruft er. „Überleg dir das noch einmal!“

„Hallo, Peter“, begrüßt ihn Ralph. „Darüber haben wir jetzt lange genug gesprochen. Ich muss etwas unternehmen. Ich halte das nicht länger aus.“

„Sie sind Peter Aschenburg?“, fragt der allwissende Detektiv.

„Aschenbach. Ralphs Spielerberater“, antwortet der. „Und Sie?“

„Max Finger“, stellt er sich vor und zieht an seiner Zigarette. „Und das ist meine Partnerin Kim Prinz.“

„Kim Prinz?“, fragt Aschenbach und wirft der Genannten einen langen verwunderten Blick zu. „Und was ist mit dem Kind?“ Er meint mich.

„Benjamin. Unser Azubi“, erklärt Max.

„Der ist doch höchstens sechzehn“, schätzt Ralphs Berater.

„Achtzehn“, korrigiere ich ihn und denke „Arschloch!“

„Jedenfalls sind wir ja jetzt wohl vollständig“, stellt Kim fest, die es sich neben Ralph auf dem Sofa bequem gemacht hat. Sie deutet auf einen freien Sessel und Aschenbach setzt sich. „Kaffee?“

Aschenbach nickt und ich fülle fünf Plastikbecher mit Kaffee und frage „Milch oder Zucker, irgendjemand?“

„Können wir jetzt anfangen?“, fragt Max Finger, als alle mit Kaffee versorgt sind. „Was liegt denn nun an, Herr Guthfleisch? Am Telefon haben Sie ja recht mysteriös getan.“

„Ich ...“, beginnt Ralph, räuspert sich und setzt noch einmal an. „Seit einiger Zeit, seit Anfang August, um genau zu sein ... Jemand versucht ... Also, ich werde erpresst.“ Der Ärmste errötet. Jetzt fällt mir zum ersten Mal sein leichtes Hessisch auf. Sie wissen schon: Aschebescher und so.

„Weswegen?“, fragt Kim, die gerade dabei ist, sich eine Zigarette aus einem Päckchen Marlboro Lights zu angeln. Eine rein rethorische Frage, so wie ich sie kenne, weiß sie es längst.

„Weil ich, weil ich ...“, stammelt Ralph.

„Ralph, bitte!“, unterbricht ihn Aschenbach. „Es ist noch nicht zu spät, diese Geschichte hier abzubrechen.“ Der Spielerberater hat einen kaum wahrnehmbaren bayerischen oder eher österreichischen Akzent.

Ralph reißt sich zusammen: „Weil ich homosexuell bin.“ Das Wort „homosexuell“ flüstert er fast tonlos.

„Wie bitte?“, fragt der Onkel, obwohl er es garantiert gehört hat. Aber so ist er nun mal: Ein liebenswertes Scheusal. Notorisch schlechtgelaunt, grantig, zynisch, leicht cholerisch und manchmal sogar richtig fies. Aber charmant. Und großzügig. Obwohl, großzügig ist er eigentlich nun wirklich nicht, eher geizig. Und charmant? Ungehobelt wäre das zutreffendere Wort und das Adjektiv „liebenswert“ müssen wir - fürchte ich - auch wieder streichen.

„Homosexuell“, sagt Ralph jetzt etwas lauter. Seine Stimme schwankt merklich.

„Homosexuell?“, fragt der Onkel noch einmal nach und schlürft geräuschvoll aus seinem Becher.

„Ja“, antwortet der Fußballer. „Und irgendjemand verlangt ’ne Menge Geld, sonst geht die Story an die Presse.“

„Wieviel?“, fragt Max, während er achtlos auf den Teppich ascht. „Und wie oft?“

„Tausend Euro. Bis jetzt zweimal.“

„Haben Sie jemand in Verdacht?“, erkundigt sich Kim.

„Nein, eigentlich nicht. Obwohl, es kommen bestimmt einige Leute in Betracht. Aber einen konkreten Verdacht habe ich nicht.“ Er blickt etwas ratlos in die Runde. „Vielleicht  Steve ...“

„Welcher Steve?“, will der Onkel wissen.

„Stefan Geschke, mein ehemaliger Freund.“

„Ex-Freund? Wann haben Sie sich von diesem Geschke getrennt?“, hakt Kim nach. „Was hätte er für ein Motiv?“

„Wir waren bestimmt zwei Jahre zusammen. Schon bevor ich nach Frankfurt gegangen bin. Alle haben gedacht, wir wären einfach nur gute Kumpel“, erzählt Ralph, während er ein Foto aus der Tasche nimmt und es Kim reicht. Das Foto zeigt einen jungen schwarzhaarigen Mann, der in einem weißen T-Shirt und einer Blue Jeans schlecht gelaunt vor einem Springbrunnen posiert. „Aber Steve hat sich verändert. Manchmal war er total down und hing wochenlang nur durch und dann war er plötzlich völlig aufgedreht und lief rum wie die letzte Tucke, mit eng anliegenden T-Shirts und Glitzerjeans und Kettchen. Er hat sich so einen Regenbogen-Aufkleber auf’s Auto geklebt und wir sind durch die Stadt gefahren und er hat das Verdeck aufgemacht und diesen schwulen Disco-Kram gespielt: ‚I will survive!’ Volle Lotte. Er wollte, dass wir zusammen zu dieser Schwulenparade gehen. Auf die Konstabler Wache. Er hat komplett gesponnen. Da hätte mich doch jemand sehen können! Was hätten die Leute gesagt?“

„Ein Berufsfußballer kann nicht offen schwul sein. Das ist einfach unmöglich. Das sofortige Ende der Karriere!“, erklärt Aschenbach und schaut sich mit provokativ angewidertem Gesichtsausdruck in Max Fingers Büro um.

Ich folge seinem Blick: Die hoffnungslos veralteten Landkarten und das schief im Bilderrahmen hängende Detektiv-Diplom von der Fernakademie an den nikotingelben Wänden, die Brandlöcher in der mausgrauen Auslegeware, die Staubschicht auf den Leitzordnern im Regal, die hoffnungslos altmodische 90er-Jahre-Lampe an der Decke, die diskreten Spinnenweben hie und da und die ungeputzten Fenster mit Blick auf einen dunklen, tristen Hinterhof. Die Agentur hat schon bessere Zeiten gesehen. Lange bevor ich selbst je einen Fuß in diesen Laden gesetzt habe.

„Und wer noch?“, frage ich. Als Junior-Detektiv darf ich auch manchmal die eine oder andere Frage stellen.

„Kendra vielleicht“, überlegt der Berufsfußballer.

„Kendra wer?“, fragt der Onkel, während er seine Tasse auffüllt.

„Kendra Kemp. Meine Verlobte“, erzählt Ralph. „Lesen Sie keine Zeitung? Das Supermodel. Die prominente Fußballschlampe. Sie war neulich sogar das Mädchen von Seite eins!“

„Fußballschlampe?“, wundere ich mich. Den Ausdruck hab ich noch nie gehört, aber instinktiv nehme ich an, dass es so etwas Ähnliches wie ein Boxenluder ist.

„Warum sollte Kendra dich erpressen?“, fragt Aschenbach. „Die ist doch selbst vom anderen Stern.“

„Ja, stimmt“, meint auch Ralph. „Ich weiß es auch nicht. Wenn ich es wüsste, wäre ich nicht hier, oder? Ich hab auch schon an Erika gedacht.“

„Welche Erika?“, fragt Kim, während sie ihre Zigarette ausdrückt.

„Erika Lessing“, antwortet der Torschützenkönig. „Meine Ex-Freundin. Das ist aber schon eine Weile her. Ich glaub auch nicht, dass sie überhaupt weiß, was mit mir los ist.“

„Das Sie schwul sind?“, hakt Max nach, der die genannten Namen auf einem Zettel notiert.

„Ja.“

„Hatten Sie Sex mit dieser Erika?“, will Kim wissen.

„Was? Sex? Nein. Doch. Manchmal. Selten. Nicht sehr oft. Eigentlich kaum. So gut wie gar nicht. Sie stand nicht so auf körperliche Liebe, glaube ich.“

„Und während Sie mit dieser Erika zusammen waren, hatten Sie da schon was mit diesem Geschke?“ Max setzt für diese Frage extra seinen Staatsanwalt-Blick auf: Gelangweilt aber vorwurfsvoll.

„Na ja. Nein. Doch. Ja. Stimmt. Ich dachte schon, dass es mit Erika was werden könnte. Und dann traf ich Stefan. Und ich dachte, vielleicht könnte ich Erika heiraten und mich ab und zu mit ihm treffen, ohne dass Erika merkt, was wirklich los ist. Dann kam das Angebot nach Frankfurt zu gehen und Erika wollte nicht mit. Sie wollte in Eiterfeld bleiben. Schon wegen ihres blöden Bruders.“

„Wieso wegen ihres Bruders?“, fragt Kim, die gerade dabei ist, sich die nächste Zigarette anzuzünden.

„Er ist behindert“, antwortet Ralph. „Ein Mongo. Sie kümmert sich tagsüber um ihn.“

„Heutzutage heißt das Down-Syndrom“, belehrt ihn Kim. „Und Sie haben sie sitzen gelassen?“

„Sie hätte ja mit nach Frankfurt gehen können.“ Der Profi-Kicker zuckt mit den Achseln. „Das war ein einmaliges Angebot. Frankfurt war damals noch Erstliga. Das konnte ja niemand ahnen, dass es mit dem Verein so rasant bergab geht.“

„So ist Ralph auch ziemlich schnell in die Deutsche Nationalelf gekommen“, ergänzt Aschenbach. „Er ist im Augenblick übrigens der einzige Nationalspieler, der nicht gleichzeitig in einem Erstliga-Verein spielt.“

„Wieso eigentlich?“, fragt Max. „Keine Angebote?“

„Einige Vereine waren jetzt aktuell sehr an Ralph interessiert. Sogar der FC-Bayern und Bayer Leverkusen. Aber die Kirch-Krise hat uns einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht. Deshalb spielt Ralph bis auf weiteres weiter für Frankfurt“, erklärt Aschenbach.

„Deshalb müssen wir auch unbedingt wieder aufsteigen“, sagt Ralph mit Nachdruck. „Auf Dauer muss ich in einem Erstliga-Klub spielen, sonst ist es vorbei mit der Nationalmannschaft!“

„Und die wirklich lukrativen Werbeaufträge gehen nur über die Nationalmannschaft“, doziert Aschenbach.

„Erstliga, Zweitliga oder Fußballnationalmannschaft. Für Schwule ist da jedenfalls kein Platz“, stellt der ehemalige Erstliga- und jetzige Zweitliga- und Nationalmannschaftsspieler fest. „Sie müssen diesen Erpresser stoppen. Und zwar diskret!“

„Keine Polizei!“, fügt sein Berater hinzu.

„Schon verstanden. Keine Polizei und absolute Diskretion. Diskret ist mein zweiter Vorname. Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Wir sind verschwiegen wie ein Grab. Was sag ich? Wie ein ganzer Friedhof. Verschwiegen wie ein Taubstummen-Friedhof. Oder Gehörlosen-Friedhof, wie es jetzt heißt, mein lieber Herr Guthfleisch“, verspricht Max und lächelt. Man kann fast schon die Euro-Zeichen in den Augen des diskreten wie geschäftstüchtigen Detektivs leuchten sehen. „Wie hat der Erpresser eigentlich mit Ihnen Kontakt aufgenommen?“

„Das erste Mal steckte ein Zettel unter dem Scheibenwischer meines Mercedes. ‚Tausend Euro oder Bild-Schlagzeile’. Der Text war zusammengesetzt aus ausgeschnittenen Buchstaben und Wörtern aus der Zeitung.“

„Wie witzig! Old-School-Erpressung. Anscheinend haben wir es mit einem Komiker zu tun“. stellt Max fest. „Und weiter?“

„Der Text war ziemlich vulgär: ‚Entweder Du zahlst oder die ganze Welt erfährt, was für ein Arschficker du bist!’ Das war so ziemlich der genaue Wortlaut. Dann fand ich ein Handy in meinem Briefkasten und eine Notiz, dass ich es genau um 19.00 Uhr einschalten soll. Das hab ich gemacht und um kurz nach fünf hat es geläutet und eine verzerrte Stimme befahl mir, sofort zum Bankautomaten zu gehen und tausend Euro abzuheben. Also hab ich das Geld geholt und dann hat es wieder geklingelt und ich bekam die Anweisung, das Geld in eine leere Zigarettenschachtel zu legen und mit der Straßenbahnlinie 14 zur Oberschweinstiege zu fahren und es in den Papierkorb neben der Haltestelle Richtung Frankfurt zu werfen. Ich war ganz baff, ich hab mich an die Anweisungen gehalten.“

„Wann war das genau?“, will Kim wissen.

„Am zwölften August. Das war ein Montag, glaube ich.“

„Und das zweite Mal?“, frage ich.

„Am neunten September. Auch Montag“, antwortet Ralph. „Samstag früh bekam ich ein Päckchen, in dem ein weiteres Handy lag. Und ein Zettel mit ausgeschnittenen Buchstaben und der Nachricht, es genau um 18.00 Uhr zu aktivieren. Ansonsten die gleiche Story. Tausend Euro in einer leeren Zigarettenschachtel in den Papierkorb an der Straßenbahnhaltestelle Oberschweinstiege.“

„Das war jedes Mal der zweite Montag im Monat“, stellt Max fest, der in seinem Tischkalender blättert und gleichzeitig eine Zigarette anzündet. „Tausend Euro. Anweisungen per Handy. Immer der gleiche Tag. Wir haben es vielleicht mit einem Gewohnheitstier zu tun. Wenn das wirklich so ist, meldet er sich am kommenden Montag wieder. Wir haben also heute, morgen und übermorgen, um dem Verdächtigen auf den Zahn zu fühlen.“

„Aber bitte mit etwas Fingerspitzengefühl!“, fordert Aschenbach, der den letzten Rest Kaffee aus der Kanne in seinen Plastikbecher füllt.

„Fingerspitzengefühl ist unsere Spezialität. Apropos Fingerspitzen: Haben Sie die Erpresserbriefe noch?“, fragt Kim. „Vielleicht sind Fingerabdrücke darauf.“

„Was? Nein. Doch. Ja.“ Der Fußballvizeweltmeister kramt ein paar zusammengefaltete DIN-A4-Blätter aus der Innentasche seiner hellen Wildlederjacke und zieht zwei Handys aus der rechten Seitentasche und reicht sie ihr.

Kim nimmt die Blätter und die Handys mit einem Tempotaschentuch zwischen Daumen und Zeigefinger entgegen, damit ihre eigenen Abdrücke nicht auch noch darauf landen, und legt sie auf das Tablett, auf dem die leere Kaffeekanne steht.

„Wir brauchen Ihre Fingerabdrücke, um Sie auszuschließen, Herr Guthfleisch“, sagt Kim, steht auf und verlässt kurz den Raum. Gleich darauf kommt sie zurück, mit einem Stempelkissen und einem Block mit Vordrucken für die Abdrücke. „Das ist spezielle, extra-leicht wasserlösliche Tinte“, erklärt sie. „Die geht mit etwas Seife und lauwarmem Wasser im Nu wieder ab.“

Ralph steht auf und tritt an des Onkels Schreibtisch heran und Kim drückt ihre Zigarette aus und hilft ihm, die Fingerspitzen auf das Stempelkissen und dann auf die vorgezeichneten Felder auf dem Block zu pressen.

„Am besten lassen Sie uns auch noch Ihre Fingerabdrücke hier, Herr Aschenberg“, schlägt Max vor und haucht einen Rauchring in die ohnehin schon nikotingeschwängerte Luft. „Reine Routine, Sie verstehen.“

„Aschenbach, nicht Aschenberg. Von mir aus. Meine Fingerabdrücke werden Sie auf diesen Zetteln jedenfalls nicht finden“, entgegnet der Spielerberater, erhebt sich aus seinem Sessel und nimmt Ralphs Platz ein.

„Prima.“ Kim drückt seinen Indexfinger auf das Stempelkissen. „Dann können wir Sie ja gleich von der Liste der Verdächtigen streichen.“

„Das ist ja lächerlich!“, schimpft Aschenbach. „Warum sollte ich Ralph erpressen? Ich berate ihn schon seit Beginn seiner Profilaufbahn. Ich hab ihn damals in die erste Liga nach Frankfurt gebracht und sogar seine Nominierung für die Nationalmannschaft vorangetrieben. Ralphs Erfolg ist auch mein Erfolg. Warum sollte ich das alles in Gefahr bringen?“

„Keine Ahnung. Aber irgendein bescheuerter Grund findet sich doch immer. Gier, Neid, Missgunst, Wollust, Langeweile ...“, antwortet der abgeklärte Detektiv und wendet sich dann an mich. „Gut, Junge. Jetzt kannst du dich nützlich machen. Check die Briefe und die Handys nach Fingerabdrücken und lass den Bat-Computer drüber laufen. Und koch uns bitte noch eine Kanne von deinem köstlichen Kaffee.“ Er weist auf die Tür. „Wir Erwachsenen müssen noch über das Geschäftliche reden!“

Also schnappe ich mir das Tablett und verlasse des Onkels Büro und schließe die von beiden Seiten gepolsterte, absolut schalldichte Bürotür. Was hier jetzt noch besprochen wird, ist nicht für die Ohren eines gewöhnlichen Junior-Detektivs bestimmt.

Fußballerfinger

In meinem Büro. Oder sollte ich sagen, in der Abstellkammer, die als mein Büro durchgeht? Mein schmaler Schreibtisch steht zwischen hohen Regalen, in denen sich diverse Leitzordner und Schuhkartons mit falschen Bärten, Perücken, falschen Pässen, Walkie-Talkies, Peilsendern, Abhörgeräten und anderem technischen Firlefanz stapeln. Daneben eine leicht durchgebogene Garderobenstange, an der kugelsichere Kevlar-Westen, verschiedenfarbige Burkas, abgewetzte Smokings, zwei oder drei Abendkleider, ein Blaumann, ein Hausmeisterkittel, eine Polizeiuniform, ein Bundeswehr-Kampfanzug in Tarnfarbe und ein Taucheranzug baumeln.

Ich starte den „Bat-Computer“, der in Wirklichkeit nichts weiter als ein hoffnungslos veralteter Pentium-II-PC ist, lege ein neues Verzeichnis mit dem wohlklingenden Namen „Guthfleisch“ auf dem gemeinsamen Verzeichnis V an, ziehe meine Operationshandschuhe an und öffne die kleine Büchse mit dem Carbo-Animalis-Pulver. Dann verteile ich das schwarze Pulver mit einem breiten Haarpinsel auf den Erpresserbriefen und den beiden Handys, einem dunkelblauen Alcatel one touch easy und einem altertümlichen silbernen Ericsson. Ich puste das überschüssige Pulver weg und tatsächlich: Da werden ein paar bildhübsche Fingerabdrücke sichtbar. Ich klebe ein paar Streifen extrabreiten Tesafilm über die brauchbaren Abdrücke auf den Handys, drücke den Film gleichmäßig auf die Abdrücke, ziehe ihn vorsichtig ab und klebe die Streifen auf ein Stück Papier. Das wiederum lege ich auf den nicht mehr ganz modernen Hewlett-Packard-Scanner und scanne die Fingerabdrücke in das Verzeichnis, das den Namen unseres neuesten Klienten trägt. Die Fingerabdrücke von Ralph Guthfleisch und Peter Aschenbach sowie die Erpresserbriefe digitalisiere ich ebenfalls, löse die aufgeklebten Buchstaben und Wörter ab und suche dann auch auf deren Klebeflächen auch noch nach Fingerabdrücken. Allerdings erfolglos. Dann starte ich AFIS 5.0, unser nicht mehr ganz taufrisches Shareware-Fingerabdruckidentifizierungsprogramm und schaue zu, wie das Programm innerhalb weniger Zehntelsekunden die eingegebenen Fingerabdrücke rotiert, korrigiert, abgleicht und anhand der typischen Rillenmuster wie Bögen, Schleifen, Wirbel und dergleichen vergleicht. Kabling, Kabling quäkt der Tevion-Lautsprecher. Tatsächlich: Es gibt frappierende Ähnlichkeiten zwischen den Fingerabdrücken von den Briefen und den Oberflächen der Handys mit denen von Ralph Guthfleisch. Das war zu erwarten: Fußballerfinger überall!

Erpresser schießen nicht!

„Ja ja, so diskret wie eine Slipeinlage. Geht klar!“, höre ich den verschwiegenen Detektiv rufen, dann fällt die Eingangstür lautstark ins Schloss.

Gleich darauf kommt Kim in mein Büro und ruft: „Benjamin, Champagner!“ Sie ist bester Laune. „Du wirst nicht glauben, was wir dem Fußballstar abgeknöpft haben. Allein der Vorschuss reicht, um unsere Mietschulden zu begleichen!“

Ich gehe in die Mini-Küche neben dem Eingang und fische die Flasche Aldi-Schampus, die für einen besonderen Anlass vorgesehen ist, aus dem Kühlschrank und finde drei komplett unterschiedliche Sektgläser im Küchenschrank. Ich löse die Garaffe und schon fliegt der Korken mit einem feuchten Plopp an die Decke.

„Auf Ralph Guthfleisch, den schwulen Fußballgott!“, ruft Max und wir stoßen an.

„Die Fingerabdrücke waren übrigens alle von Ralph“, erzähle ich.

„Das war klar, die Aktion war ja auch nur zur Show“, gesteht Kim. „Um zu zeigen, dass wir gleich richtig in die Vollen gehen. Woher kennst du eigentlich diesen Guthfleisch, Benjamin?“

„Rein zufällig. Ich wusste gar nicht, dass er Sportler ist“, antworte ich wahrheitsgemäß.

„Ich wette, er ist beim Sex eher passiv!“, behauptet Max. „Das kann man an den Augen erkennen. Bist du eigentlich irgendwann schon mal diesem Aschenbach begegnet, Kim? Er reagierte auf deinen Namen, als hätte er ihn schon einmal gehört.“

„Stimmt“, gibt Kim zu. „Das war vor Jahren. Ich war damals die große Kampfsporthoffnung für Olympia. Und Aschenbach war Sportreporter für die ‚Rundschau’, glaube ich. Er hat mich interviewt und ziemlich plump angemacht. Das war vor meiner Operation.“

Die Tatsache, dass Kim früher mal ein Mann war, ist nicht allgemein bekannt. Die meisten Kunden der Detektei nehmen an, sie wäre lesbisch, was sie allerdings definitiv nicht ist. Aber das jetzt nur so nebenbei.

„Aschenbach ist auch schwul, oder?“, frage ich.

„Schlaues Kind!“, sagt Kim. „Meinst du, er und Ralph haben was miteinander, Max?“

„Den Eindruck hatte ich nicht“, antwortet der. „Diesen Aschenbach hab ich übrigens früher oft im Renegades gesehen“, fällt ihm ein. „Der ist eher der HWG-Typ.“

HWG steht für „Häufig Wechselnden Geschlechtsverkehr“, aber das haben Sie sicher schon gewusst, nicht wahr?

„Ob er Ralph erpresst?“, wundere ich mich.

„Könnte ich mir gut vorstellen“, überlegt Kim, die den Spielerberater anscheinend sofort in ihr großes Herz geschlossen hat. „Der ist doch so richtig naturfies. Erst kassiert er Guthfleisch für seine Dienste als Connection-Heimer ab und dann benutzt er ihn noch als Sparschwein. Das passt!“

„Aber warum erst seit zwei Monaten?“, fragt Max. „Er betreut Ralph doch schon seit Jahren. Das passt eben nicht!“

„Und seine Fingerabdrücke waren auch nicht auf den Briefen oder auf den Handys!“, gebe ich zu bedenken.

„Geh mal von der Leitung, Sherlock Holmes! Da müsste dieser Aschenbach doch wohl saublöd sein, um seine Fingerabdrücke auf die einzigen Spuren zu schmieren!“, kanzelt mich der Onkel ab. „Wir sollten ihn aber auf jeden Fall unter die Lupe nehmen. Arbeitet er exklusiv für Ralph Guthfleisch oder betreut er auch noch andere Sportler? Wenn ja, sind die auch alle schwul oder lesbisch? Und wenn ja, werden die auch erpresst?“

„Vor allem müssen wir die Adressen von dieser Erika Lessing, dieser Kendra Dings und diesem Stefan Geschke herausfinden.“ Kim nippt an ihrem Sektglas. „Unglaublich, dass unser Fußballstar noch nicht einmal genau weiß, wo seine Scheinverlobte wohnt.“

„Ich glaube, der verschweigt uns noch jede Menge.“ Der erfahrene Detektiv knipst sich die nächste Zigarette an. „Vor allem: Womit wird er erpresst? Die Tatsache, dass irgendwer von seiner Homosexualität weiß, reicht doch wohl kaum aus, um ihn auszunehmen, oder? Gibt es irgendwelche peinlichen Liebesbriefe, eindeutigen Filmaufnahmen oder Fotos?

„Ob seine Vereinskameraden ihn erpressen?“, frage ich.

„Hab ich mich auch gefragt.“ Max und leert sein Glas mit einem Zug. „Deshalb hab ich ihm eines von unseren neuen Superminiatur-Diktiergeräten mitgegeben, das er unauffällig in der Umkleidekabine installieren soll. Dann horchen wir mal nach, was seine Sportsfreunde von ihm halten.“

„Wo wir schon davon sprechen: Ralph hat uns noch ein paar Freikarten für das Spiel am Sonntag dagelassen.“ Kim winkt mit den Tickets. „Warst du schon mal im Stadion, Benjamin?“