Zum Töten schön - citizen_b - ebook

Zum Töten schön ebook

Citizen B.

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Opis

Ein Serienkiller ermordet Schwule auf Parkplätzen, die als Treffpunkte für anonymen Sex gelten. Der blonde Abiturient Lucien und der schwarzhaarige Stricher Billy verdingen sich als Lockvögel, um der Bestie eine Falle zu stellen. Beide sind Zum Töten schön! Auf ihrer rastlosen Suche entlang der Autobahn laufen ihnen eine ganze Reihe schräger Vögel über den Weg: die durchgeknallte Chefin eines schwulen Internetforums, ein nekrophiler Beerdigungsunternehmer, ein skrupelloser Sensationsreporter, falsche Zeugen, Betrüger, Schwulenhasser und ein Hellseher, der behauptet, die Morde vorhersagen zu können. Dann verlieben sich Billy und Lucien ineinander, während der irre Killer immer wieder zuschlägt… Popliterat citizen_b („Gaytomas“, „Die Yumbo Center Boys“, „Der Fußballgott“ u. v. a,) hat sich dem wahren Fall des Parkplatzmörders angenommen, über den auch in „Aktenzeichen XY“ berichtet wurde. Herausgekommen ist ein atemberaubender Thriller voller Sex, Gewalt, unerträglicher Spannung und schwarzem Humor.

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citizen_b

Zum Töten schön

Bisher erschienen (viele auch als e-books):

Mein Name ist Faust ISBN: 978-3-934825-02-4

Der Sexbomber ISBN: 978-3-934825-29-1

Der Fußballgott ISBN: 978-3-934825-23-9

Die Homo-Scheidung ISBN: 978-3-934825-18-5

Alles außer Hetero ISBN: 978-3-934825-58-1

Yumbo Center boys ISBN: 978-3-934825-92-5

Faust - mein Teuflischer Liebhaber ISBN: 978-3-934825-16-1

Die Yumbo Center Boys ISBN: 978-3-934825-92-5

Keiner küsst wie Daddy cool ISBN 978-3-940818-14-0

Gaytomas ISBN 978-3-940818-41-6

citizen_b im Interweb: www.q4queer.com

Himmelstürmer Verlag, Kirchenweg 12, 20099 Hamburg

E-mail: [email protected]

www.himmelstuermer.de

Photo by: : www.shutterstock.de

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

Das Modell auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Modells aus. 

Alle Charaktere, Orte und Handlungen sind frei erfunden und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig

Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik Designer, AGD, Hamburg

Printed in Germany

Originalausgabe, April 2011

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage

Printausgabe: ISBN 978-3-86361-020-3

e-pub: ISBN 978-3-86361-021-0

PDF: ISBN 978-3-86361-022-7

PRC: ISBN 978-3-86361-023-4

Danke für Rat und Tat an Schnuffi, Peter, Franz und „40plus - Schwules Forum Frankfurt“

Alle Personen, die Personennamen und die Handlung sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und realen Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

THE SUMMER OF HATE

THE SUMMER OF HATE

Donnerstag, 1. Juli 2010

„Ich soll was? Den Lockvogel für einen schwulen Serienkiller geben?“, fragt Billy und wird direkt ein bisschen blass unter seiner nahtlosen Studiobräune.

Irgendwie findet der hübsche, blonde Herumtreiber die Vorstellung ziemlich gruselig. „Das ist ja voll krass! Was für ein Serienkiller denn überhaupt?“

„Der so genannte Parkplatzmörder oder Cruising Killer.“ Max Finger, der dunkelhaarige, leicht untersetzte Privatdetektiv, hält die Titelseite des beliebtesten deutschen Revolverblattes hoch und deutet auf die Schlagzeile.

Grausiger Fund im Frankfurter Stadtwald: Parkplatzmörder schlägt wieder zu!

Darunter drei Fotos: Ein junger Mann mit rasiertem Schädel, ein älterer Herr mit Schnauzer in schwarz-gelb geringeltem Poloshirt und ein Mercedes-Benz, der passend zur laufenden Fußball-WM mit bunten Landesfahnen an den Seitenfenstern dekoriert ist.

„Sind Serienkiller nicht eigentlich total passé?“, gibt der gut aussehende schwarzlockige, leicht nervös wirkende Abiturient Lucien zu bedenken.

„Erzähl das mal so einem wahnsinnigen Mörder. Der wird dir was husten“, erwidert Kim Prinz. Die durchtrainierte, burschikose Kampfsportlerin ist Fingers Partnerin. Zusammen betreiben sie die Agentur Fingerprinz, eine Detektei speziell für Homo- und Transsexuelle. „Aber ihr müsst euch keine Sorgen machen, Jungs. Wir passen auf euch auf. Niemandem wird ein Haar gekrümmt, außer dem Killer.“

Bevor sie weiter sprechen kann, läutet es an der Tür.

„Das wird unsere Auftraggeberin sein“, stellt Finger fest und bewegt sich Richtung Eingang. „Ihr zwei versucht einen kompetenten Eindruck zu machen. Keine dummen Fragen, okay?“ Der Ermittler zeigt auf die Jungs. „Und wie war noch mal dein Name?“, fragt er den Schwarzhaarigen.

„Lucien. Lucien Luger.“

„Cooler Name“, findet Kim und wirft ihm ein aufmunterndes Lächeln zu. Die falsche Rothaarige stellt einen Aschenbecher, ein paar Plastikbecher, eine Büchse Bärenmarke und eine Schale mit Zuckerbriefchen auf den recht kahl wirkenden Tisch des Besprechungszimmers der Agency und legt ein paar Plastikteelöffel neben dieses triste Arrangement.

„Ja Danke, Herr Finger. Vielen Dank, dass Sie alles so schnell arrangieren konnten. Wie schon am Telefon besprochen, wir haben für die ganze Angelegenheit ein Zeitfenster von höchstens sechs Tagen. Inklusive Heute.“ Finger kommt zurück in das winzige Besprechungszimmer der Agentur.

Ihm folgt eine Dame im engen Nadelstreif- Businessdress. Dunkel getönte Haare, dunkelroter Lippenstift, passend zum Nagellack.

„Das ist Cassandra Naschberger“, stellt Finger die Endvierzigerin vor. „Und das sind Kim Prinz, mit der Sie ja schon telefonierten, und unsere Nachwuchstalente, Special Agent Ehrenfels und Special Agent Lager.“

„Luger“, korrigiert Lucien, während er sich umschaut.

„Genau. Luger. Nicht Lager“, grinst Finger. „Ich hab bei den sommerlichen Temperaturen wohl an ein leckeres eiskaltes Bierchen gedacht. Ha ha! Wie auch immer, mag jemand Kaffee? Frau Naschberger?“

„Danke, ich bevorzuge Tee. Lassen Sie uns gleich zum Thema kommen. Haben Sie Ihre Hausaufgaben gemacht?“

„Natürlich“, antwortet Kim und reicht der Naschberger eine Mappe mit Fotokopien von Zeitungsartikeln, die über den Fall berichten. „Am elften Mai wurde die Leiche des ehemaligen Zeitsoldaten Marko Erikson gefunden. Der Dreißigjährige saß, nur mit einem hellblauen Polo-Shirt bekleidet, hinter dem Steuer seines lindgrünen Peugeot 106 auf einem, als Schwulentreff bekannten Parkplatz ‚Hölzertal’ in der Nähe von Sindelfingen. Der Täter hat ihm aus kurzem Abstand durch das offene Fenster der Fahrertür von hinten in den Kopf geschossen. Die Polizei nahm daraufhin seinen Freund Thomas Becker fest. Sie gingen von einem Eifersuchtsdrama unter Homosexuellen aus.“

„Schwule und Eifersucht. Eine explosive Mischung!“, kommentiert Finger, der in der Brusttasche seines kurzärmeligen schwarzen Hemdes nach Zigaretten fingert.

„Vor drei Wochen fand ein Spaziergänger den leblosen, völlig unbekleideten Körper des 70jährigen Rentners Friedhelm Lank im Frankfurter Stadtwald in unmittelbarer Nähe des Autobahnparkplatzes Langen-Mörfelden. Dort hatte Lank auch seinen Mercedes abgestellt.“

„Der Parkplatz ist in der Frankfurter Szene als ‚Café Mörfelden’ berühmt. Ein beliebter Treff, um in den Büschen ein bisschen Spaß zu haben“, weiß Finger und hält der Naschberger sein leicht zerknittertes Päckchen Pall Mall entgegen. „Da geht vielleicht die Post ab! Ich könnte Ihnen da ein paar Geschichten erzählen …“

„Sicher. Sie kennen sich da bestimmt bestens aus“, scherzt die Naschberger und fletscht ihre strahlend weißen Jacketkronen um ein Lächeln anzudeuten. „Deshalb hab ich mich ja auch an Sie gewandt. Sie sind die Experten.“ Sie nimmt eine filterlose Zigarette aus der angebotenen Packung, greift in ihre Gucci-Handtasche, holt ein mit Diamanten besetztes Feuerzeug heraus und gibt Finger Feuer.

„Kannst du bitte das Fenster öffnen?“, bittet Kim Billy. „Seit ich nicht mehr rauche, reagiere ich auf Zigarettenqualm ziemlich empfindlich“, erklärt die schwarz gewandete Ermittlerin der Naschberger, die sich jetzt auch ihre Zigarette angezündet hat und genüsslich den Rauch des ersten Zuges durch die Nasenlöcher ausstößt.

Billy steht auf und geht zur Fensterfront. Während er das Fenster aufmacht, blickt er herunter zur gegenüberliegenden Straßenseite.

Auf dem Geländer am Fußgängerweg vor der ‚Krawallschachtel’ lümmeln ein paar seiner Kumpel herum und zwinkern den Fahrern, der wie in Zeitlupe vorbeigleitenden Autos, frech zu. Die Autofahrer starren in unverhohlener Lust zurück. Gestern war Zahltag, da haben viele alleinstehende Herren jetzt nicht nur dicke Eier, sondern auch ein dickes Portemonnaie.

Für einen Augenblick wünscht sich Billy, er wäre auch dort unten, mitten im Geschehen, auf der Suche nach einem solventen Freier, nach einem flüchtigen Abenteuer oder sogar einer Übernachtungsmöglichkeit mit Frühstück.

„Lank wurde ebenfalls durch einen Kopfschuss getötet und man stellte schnell fest, dass beide Morde mit derselben Waffe verübt wurden. Die zuständige Mordkommission verhaftete einen langjährigen Gefährten Lanks, einen gewissen Roland Lehmann, als dieser mit einem Begleiter aus dem Kurzurlaub in seine Wohnung in Bockenheim zurückkehrte“, berichtet Kim. „Mit Blaulicht und Sondereinsatzkommando. Ganz großes Kino. Die Lokalpresse hatte die besten Plätze in der ersten Reihe und blitzte eifrig drauflos. Lehmanns Begleiter nahm die Kripo auch gleich mit und buchtete die beiden erstmal 14 Tage ein. Die Zeitungen stiegen jedenfalls voll auf die Sache ein. ‚Die Spur führt ins Homo-Milieu’ und die übliche Art von schwulenfeindlichem Geschmiere.“ Kim präsentiert einen Zeitungsausschnitt, mit einem Farbfoto auf dem ein etwa 50 Jahre alter Mann zu sehen ist, der in einem rosaroten Hasenkostüm an einem Wettlauf teilnimmt. ‚Das bizarre Leben des schwulen Cruising Killers’ lautet die dazu passende Schlagzeile.

„Lehmann hatte in der Häschen-Verkleidung am ‚Lauf für mehr Zeit’ mitgemacht, um Spenden für die Frankfurter Aidshilfe zu sammeln“, erläutert die attraktive Detektivin, die man so auf Ende 20 schätzen könnte. „Die Zeitung mit den großen Buchstaben trat jedenfalls eine Schlammlawine los und die schweigende Mehrheit sah sich einmal mehr in ihren Vorurteilen bestätigt.“

„Es dauerte Wochen, bis die Sonderkommissionen in Baden-Württemberg und Hessen-Süd ihre Ergebnisse miteinander verglichen und feststellten, dass die Verdächtigen für den Mord in Mörfelden ein Alibi für die Tat bei Sindelfingen haben und der angebliche Täter von ‚Hölzertal’ ein wasserdichtes Alibi für den Mord bei Mörfelden, weil er zu dem Zeitpunkt ja in U-Haft saß“, erzählt nun der bullige Finger und zieht an seiner Zigarette. „Die fälschlich Beschuldigten sind jetzt wieder auf freiem Fuß und die Kripo ist so schlau wie zuvor. Alles, was die Polizei sicher weiß, ist, dass der Killer innerhalb eines Monats zwei Männer auf Cruising-Parkplätzen entlang der Autobahn A5 zwischen Böblingen und Frankfurt mit der gleichen Waffe erschossen hat. Niemand hat eine Ahnung, ob und wann er wieder zuschlägt.“

Während Finger herumschwadroniert, schaut sich Lucien ein wenig um: Das sind weiß Gott die billigsten Büromöbel, die er je gesehen hat! Das Parkett ist dritte Wahl und die Landkarten und Stadtpläne an den weißen, mit Raufaser tapezierten Wänden sind auf dem Stand von 2008. Der große Bilderkalender mit schwarz-weiß Fotografien hübscher katholischer Priester wirkt irgendwie total deplatziert, genauso wie das süße Sparschwein in der Metzgerschürze auf dem weißen Sperrholzsideboard, das ein Schlachterbeil in der Pfote trägt.

„Das BKA befürchtet, dass der Mörder seine Opfer über schwule Kontaktforen im Internet findet und sich mit ihnen auf den Parkplätzen verabredet“, weiß Kim.

„Wobei mir nicht ganz klar ist, was das Bundeskriminalamt mit diesem Fall zu tun haben will. Das ist doch wohl eher die Sache der jeweiligen Landeskriminalämter“, überlegt Finger.

„Ich hab da so meine Theorie“, orakelt die Naschberger und haucht einen Rauchring zur Zimmerdecke empor. „Aber egal. Wie wollen Sie vorgehen?“

„Special Agent Luger und Special Agent Ehrenfels werden sich als Köder für die Bestie auf einschlägigen Parkplätzen entlang der A5 herumtreiben. Ich bleibe im Hintergrund und greife ein, wenn es brenzlig wird. Frau Prinz wird versuchen, dem Killer eine Falle im Internet zu stellen.“ Finger ascht achtlos auf den Fußboden und fährt fort. „Außerdem gehen wir an die Öffentlichkeit und loben eine hohe Belohnung für sachdienliche Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters oder der Täter führen.“

„An wie viel haben Sie dabei gedacht?“

„Zwanzigtausend.“

„Ganz schön viel. Das ist fast das Doppelte Ihres Honorars. Wie wollen Sie denn die Belohnung bezahlen?“

„Gar nicht. Oder kennen Sie vielleicht auch nur einen einzigen Fall, in dem eine solche Belohnung tatsächlich ausbezahlt wurde?“ Finger lacht böse. „Apropos Geld“, fällt ihm dann ein. „Haben Sie den Vorschuss dabei?“

„Die Hälfte jetzt.“ Madame Naschberger zieht einen dicken Briefumschlag aus ihrer Handtasche und reicht ihn Finger. „Die andere Hälfte bei Erfolg und das bitte bis spätestens am Sechsten. Ich fliege am Siebten nach Thailand. Zum internationalen Treffen des schwulen und lesbischen Networks. Da will ich mit guten Nachrichten aufwarten.“

„Das war aber so nicht ausgemacht“, beschwert sich Kim Prinz. „Wir hatten 80 Prozent im Voraus vereinbart.“

„Wenn es Ihnen nicht passt, blasen wir die Sache ab“, erwidert die geizige Klientin kaltschnäuzig und drückt ihre Zigarette im Aschenbecher aus. „Es gibt auch noch andere Detekteien …“

„Nein, nein!“, beeilt sich Finger zu intervenieren. „Spätestens am sechsten Juli um Mitternacht präsentieren wir Ihnen den Parkplatzkiller. Großes Ehrenwort. Wir selbst müssen uns nach diesem Termin auch dringend um die Sicherheitsmaßnahmen für den Frankfurter CSD kümmern. Wir haben ebenfalls ein enges Zeitfenster.“

„Gut, dann frisch ans Werk!“ Die Naschberger klatscht bestimmend in die Hände, erhebt sich und wendet sich dem Ausgang zu.

„Ich mach einen auf freundlich und du knipst die Kinder für ihre Profile im Internet“, flüstert Kim ihrem Partner zu.

Finger nickt. „Später kann ich die beiden Verdächtigen für den Mordfall Lank vielleicht in der ‚Hex’ oder im ‚Na’ und’ treffen. Sie sollen sich dort manchmal herumtreiben.“

„Was ist eigentlich Ihr Interesse an dem Fall?“, fragt der neugierige Lucien die Naschberger, bevor sie die Eingangstür erreicht. „Sind Sie mit einem der Opfer verwandt?“

„Nein. Aber die Interessen der Community liegen mir am Herzen. Mein Sohn war homosexuell. Er war der Gründer von ‚Gayblazer.com’, des größten schwulen Social Networks der Welt.“ Für einen Augenblick wirkt sie abwesend und macht eine fahrige Geste mit der rechten Hand, dann fängt sie sich wieder. „Jake hätte gewollt, dass ich mich darum kümmere. Ich bin jetzt die Chefin von Gayblazer und wenn der Mörder tatsächlich seine Opfer auf unserer Website findet, dann ist es meine verdammte Pflicht, dem nachzugehen.“

Cassandra und Kim verlassen die Detektei und streben dem Fahrstuhl zu. Max verschwindet für einen Augenblick in seinem Büro und Billy und Lucien warten auf ihn im Flur der Agentur und studieren die Visagen steckbrieflich gesuchter Ganoven aus dem Schwulenmilieu.

Der Detektiv nimmt eine Handvoll Scheine aus dem Umschlag mit dem Geld und steckt sie in die Hosentasche, schließt den Rest in einen kleinen Wandsafe, der hinter einem halb pornografische, schwarzweißen Männerakt verborgen ist, und schnappt sich die fast schon antike Olympus Digitalkamera aus dem Regal mit High-tech Spielzeug.

„Wir machen noch schnell ein paar Fotos im Bethmann-Park um die Ecke“, eröffnet er Billy und Lucien, die miteinander tuscheln, als er zu ihnen zurückkehrt.

„Wie sieht es eigentlich mit unserer Kohle aus?“, fragt Billy ganz unverhohlen.

„Genau“, pflichtet ihm Lucien bei. „Wie viel kriegen wir eigentlich pro Stunde? Und wie sieht’s mit unserem Vorschuss aus?“

„Fünf Euro pro Stunde plus ein Euro Gefahrenzulage für Einsätze an der Front“, schlägt Finger vor und zieht die Geldscheine aus der Tasche. „Ich gebe jedem von euch einen Fünfziger Vorschuss. Das ist ja wohl mehr als großzügig.“

„Für fünf Euro lass ich mich nicht totschießen“, mault Billy. „Ich will mindestens sieben!“

BLOW UP

BLOW UP

„Lächle für die Kamera!“, fordert Finger, während Billy sich in Pose wirft. „Zeig’s mir, Baby! Ja, so ist es gut. Zeig’s mir! Go, go, go!“

Billy hat absolut keine Scheu sich zu präsentieren. Er lässt die Hüfte schwingen, leckt sich lasziv die Lippen und fasst sich in den Schritt als wäre er die Reinkarnation von Michael Jackson.

Vorbeikommende Spaziergänger schauen dem Treiben amüsiert zu und Lucien, der sich dezent im Hintergrund hält, beobachtet das Schauspiel mit wachsendem Interesse. Dieser Billy ist ja ein ganz schönes Luder, findet er. Mit dem würde er auch ganz gerne mal. Lucien registriert, dass sich in seiner Hose etwas rührt.

„Klick, Klick, Klack“ macht die Digitalkamera im Sekundentakt, aber das ist nur ein völlig überflüssiges Geräusch, das irgend so ein Sounddesigner kreiert hat, um den Umgang mit dem Fotoapparat angenehmer zu gestalten.

„Zieh das Hemd aus, zeig mir deine Heldenbrust!“, ruft Finger und Billy schält sich im flackernden Schein des Blitzlichts aus seinem weißen Shirt und wirft es mit einer eleganten Bewegung auf seine schwarze Lederjacke, die schon auf einer nahen Parkbank liegt.

Der blonde Kerl leckt kurz an seinen Daumen und Zeigefingern und berührt damit seine Brustwarzen und macht dazu ein Geräusch, als würde ein Wassertropfen auf eine rotglühende Herdplatte fallen.

„Tschouuuu ….“

„Yeah, Baby! Gib’s mir. Go, go, go! Super!“, feuert ihn Max an. „Ruf doch mal bei Kurti an und lass dich für eine Fotosession casten!“

„Welcher Kurti?“, fragt Billy, lässt seine Blue Jeans ein Stück weit herunter und präsentiert der Kamera seinen blanken Allerwertesten.

„Förster. Der hat in Ost-Frankfurt ein Studio und macht Fotos für ‚Homoh’ oder ‚Adam’, die führenden Schwulengazetten Hessens. In den Blättern war schon jede Frankfurter Schwuppe drin, die einigermaßen okay aussieht und etwas auf sich hält.“

„Ich kenn nur ‚GAB’ und ‚Blu’“, antwortet Billy und macht einen Schmollmund wie Marilyn Monroe. „Macht der auch Filme? Ich will Pornostar werden.“

„Was für ein Flittchen“, denkt Lucien. „Ob ich wohl bei dem landen kann?“

Am Liebsten wurde er sich auch so fotografieren lassen. Sein harter Schwanz zeichnet sich unübersehbar im Schritt seiner weißen Jeans ab.

„Ich geb’ dir seine Nummer. Okay, Lucien, jetzt bist du dran. Bist du bereit für deine Nahaufnahme?“

Public Viewing

Public Viewing

„Public Viewing bedeutet eigentlich öffentliche Leichenaufbahrung“, weiß Cassandra Naschberger und zeigt herüber zu der nahen Schwulenkneipe ‚Bananas’, über deren Fensterfront eine Regenbogen- und eine Bärenfahne im leichten Abendwind flattern. Vor dem Eingang sind ein paar Stehtische, Barhocker und ein Flachbildschirm aufgebaut, auf dem ein anscheinend weniger spannendes Fußballspiel aus Südafrika übertragen wird.

Ein paar Männer in farbenfrohen Hawaiihemden verfolgen das Spiel, nippen an bunten Cocktails, unterhalten sich über den Sex-Appeal der Spieler.

Kim und Cassandra sind noch auf einen Rotwein um die Ecke gegangen und sitzen nun auf der Terrasse des ‚Lucky’s Manhattan’, einer von Homosexuellen frequentierten Bar mitten im so genannten Bermuda-Dreieck der Bankenmetropole.

Entspannte House-Beats liegen in der Luft. Es wird langsam dunkel. Von fern kann man die eine oder andere Vuvuzela tröten hören.

„Waren Sie schon mal bei einer öffentlichen Leichenaufbahrung?“, fragt Cassandra Kim.

„Schon ein paar Mal zuviel“, antwortet die. „Und Sie?“

„Zuletzt bei der meines Sohnes. Jakob, also Jake, ist vor ziemlich genau einem Jahr gestorben. Deshalb bin ich eigentlich in Deutschland. Um ein paar allerletzte Dinge für ihn zu regeln. Haben Sie Kinder, Kim?“

„Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich sogar ziemlich viele. Ich war früher regelmäßiger Samenspender.“

„Samenspender?“

„Vor meiner Operation.“

„Oh.“ Der Groschen fällt Pfennigweise, aber dann fasst sich die Naschberger und wechselt das Thema. „Jedenfalls, nächsten Mittwoch geht’s nach Bangkok und dann zurück nach Island. Zum Glück. Deutschland hat sich ja wirklich nicht zu seinem Vorteil verändert.“

„Ich nehm noch einen Schoppen“, ruft Kim einem vorbeieilenden Kellner zu.

„Ich auch“, schließt sich die Naschberger an und blättert unkonzentriert durch die brandneue Ausgabe des Frankfurter Szenemagazins GAB, das irgendwer achtlos auf dem Sitzplatz neben ihr liegen ließ. „Oh, schauen Sie mal, Kim. Ein Artikel über den Fall. ‚Fand der Killer seine Opfer auf der Datenautobahn?’“, zitiert sie. „Jesus, was für ein Käse!“

„Was meinten Sie, als Sie sagten, Sie hätten eine Theorie, warum das BKA vermutet, der Killer würde seine Opfer im Internet suchen?“, erkundigt sich Kim.

„Die wollen einfach alle unsere Verbindungsdaten und jeder Vorwand, sie zu kriegen, ist ihnen recht. Stellen Sie sich einmal vor, dass BKA könnte auf die Klarnamen, Bankdaten und IP-Adressen unserer Mitglieder zugreifen. Allein in Deutschland hätten sie dann eine rosa Liste von fast zwei Millionen Personen. Gar nicht zu sprechen von unseren Mitgliedern in Uganda, Saudi-Arabien oder Jamaika, wo Homosexuellen die Todesstrafe oder Schlimmeres droht. Die bundesrepublikanischen Stasispitzel würden doch die Daten schon aus purer Bosheit sofort an diese Regimes weiterleiten. Zum Glück sind wir schon seit fast zehn Jahren in Island ansässig. Eines der letzten wirklich freien Länder. Wen stört da schon eine Staatspleite oder ein kleiner Vulkanausbruch. Jedenfalls sind unsere Daten dort so sicher wie in Abrahams Schoß.“

„Übertreiben Sie da nicht ein bisschen?“, wendet Kim ein.

„Übertreiben? Nein. Ganz Europa ist auf dem Weg in den Bankrott. In naher Zukunft wird kein EU-Land mehr Renten oder Transferleistungen zahlen können. Da müssen dann ganze Bevölkerungsschichten schlichtweg entsorgt werden. Erst kommt die Staatskasse, dann kommt die Toleranz. Was glauben Sie, warum wohl der Hass auf die Hartz-4-Empfänger und die Muslime so geschürt wird? Oder die Ressentiments gegenüber Homosexuellen? Das haben wir hier doch alles schon einmal gehabt.“ Sie deutet auf den so genannten ‚Frankfurter Engel’, ein leidlich dekoratives Mahnmal zum Andenken an die homosexuellen Opfer des Dritten Reiches, das einen winzigen Platz vor dem Lucky’s schmückt. „Glauben Sie mir, Kim. In spätestens fünf Jahren quillt wieder dichter Rauch aus den Schornsteinen deutscher Konzentrationslager! Da ist es völlig schnuppe, ob der jetzige deutsche Außenminister eine Schwester ist. Das können Sie alles im Internet nachlesen bei ‚Wiki World News’.“ Die Naschberger schlägt die vorletzte Seite der Gazette auf. „Oh, sehen Sie, meine Liebe. Das Horoskop für Juli. Was ist eigentlich Ihr Sternzeichen, Kim?“

BILLY ZE KICK

BILLY ZE KICK

„Serienkiller, das ist doch voll krass“, findet Billy, als er und Lucien die Schäfergasse entlangschlendern.

Vor dem ‚Schwejk’, Frankfurts bekanntester Schwulenkneipe, sitzen gut gelaunte Männer jeden Alters, trinken Ebbelwei und werfen den Jungs interessierte Blicke zu, als sie vorbeilaufen. Aus dem Inneren der Bar dringen lautes Gelächter und Discofox.

„Ich dachte, bei dem Job geht es um einfache Büroarbeit. Plötzlich direkt vor Ort an so einem Fall mitzuarbeiten, ist schon merkwürdig“, pflichtet ihm Lucien bei. „Das kann doch mordsgefährlich werden, oder?“

„Kann sein. Warum machst du es dann?“, fragt Billy und schaut Lucien von der Seite an. Nicht von schlechten Eltern, der Kleine, und einen hübschen Hintern in der Hose hat er noch dazu.

„Neugier? Lust auf Abenteuer? Ich weiß nicht. Eigentlich will ich auch nur ein bisschen Geld verdienen, um zu verreisen, bevor ich auf die Uni gehe.“

„Echt? Willst du studieren? Voll krass.“

„Wirtschaftswissenschaften. Das ist wie eine Lizenz zum Geld drucken, sagt mein Dad. Und du? Was willst du studieren?“

„Ich weiß nicht“, antwortet Billy. „ Gesäßbiologie oder Namenspsychologie“, kalauert er. „ Keine Ahnung. Warum studieren? Die Straße ist meine Universität.“

Studieren kommt für Billy weiß Gott nicht infrage. Schon weil er gar kein Abitur hat. Noch nicht mal Hauptschulabschluss.

Der attraktive Blonde stammt übrigens ursprünglich aus Thüringen. Sein Vater arbeitete zu der Zeit seiner Geburt in einer Fabrik, in der Holzspäne zu Ikea Bücherregalen zusammengepresst wurden. Deshalb nannte er seinen Erstgeborenen auch Billy. Wenig später verlor er seinen Job, und so blieb es Billys Geschwistern erspart, kuriose schwedische Möbelnamen wie ‚Ivar’ oder ‚Malm’ tragen zu müssen. Stattdessen bekamen sie astreine kerndeutsche Ghettonamen wie Jaqueline oder Kevin, nicht, dass ihnen das etwas in ihrem späteren Fortkommen nützen könnte.

Billy entpuppte sich schon früh als schwer erziehbar, litt an zwangsoppositionellem Trotzverhalten und ADHS. Grundrechten schwach, keinerlei Rechtsempfinden, bewegt beim Lesen die Lippen und so weiter. Anstatt zu pauken, hing er lieber mit seinen Kumpels ab, rauchte mit ihnen komische Zigaretten und klaute Autos, um mal eben eine Spritztour über die Dörfer zu machen und Zigarettenautomaten zu knacken. Ansonsten interessierte er sich eigentlich nur für Sex. Männersex, wohlgemerkt, denn Frauen hielt er schon immer für „Säcke voller Dreck“. Diese Weisheit hat ihm sein Vater eingebläut, der eben dies immer und immer wieder behauptete, wenn er betrunken nach Hause kam und seine bessere Hälfte verprügelte.

Billys einziges Kapital sind sein gutes Aussehen und seine beachtliche Ausstattung. Das war ihm übrigens schon immer durchaus bewusst, und als seine Eltern ihn pünktlich zu seinem 18. Geburtstag rauswarfen, ritt das blonde Früchtchen auf seinem eigenen dicken Riemen direkt nach Bembeltown, um die Sonne zu putzen.

In Frankfurt schlug er sein Hauptquartier in der ‚Metropol Sauna’ direkt an der Konstabler Wache im Herzen der Mainmetropole auf. Sieben Euro Einlass für schnuckelige Youngsters wie Billy-Boy. Problemlos Kommen und Gehen, ohne erneut Eintritt zahlen zu müssen. Klasse Infrastruktur: Nachtsauna von Freitag bis Sonntag früh, Spind für die Habseligkeiten, Duschen, geräumige Muckibude, Dampfsauna für problemlose Kontaktaufnahme, Fernsehzimmer, Flipper, Sonnenbank, Snacks und Drinks und Kabinen, um sich auch mal diskret mit einer Bekanntschaft zurückziehen zu können. Außerdem: ein Mickey D's gleich nebenan, einschlägige Treffs wie das ‚Comeback’, das ‚Monte Carlo’ und die gute alte ‚Krawallschachtel’ keine zwei Minuten entfernt. Nicht zu vergessen, die Computer mit Internetzugang, auf denen Billy im Stundentakt sein Profi-Profil bei den einschlägigen Gay-Foren checkt.

Unter dem Namen ‚Billy the Kid’ bietet der charmante Bursche Escort Service auf höchstem Niveau für den solventen Herrn von Welt. Die Profile hat ihm ein Freier angelegt, der es mit Billy besonders gut meinte. Na ja, was will man mehr?

In den Stricherbars rund um die Alte Gasse ist Billy der King. Die anderen Jungs - zumeist Rumänen oder Bulgaren - sind fast ausnahmslos dunkelhaarig, sprechen mit starkem osteuropäischem Akzent und sind in acht von zehn Fällen überhaupt nicht schwul. Der hübsche, blonde Billy hingegen spricht immerhin fast perfekt Hochdeutsch und bietet seinen Bewunderern nicht nur heißen Sex, sondern auch ein wenig Sympathie und Zärtlichkeit. Wenn Billy nicht in der ‚Metropol’ dem Müßiggang fröhnt, hält er in der altehrwürdigen ‚Krawallschachtel’ Hof und lässt sich von betuchten Freiern zu Whiskey Cola Hütchen einladen.

Eben dort hat er den Privatermittler Maximilian Finger kennengelernt, der dort einen potentiell untreuen Ehemann observierte. Finger engagierte Billy, um den besagten Herrn in eine gleichgeschlechtliche Honigfalle zu locken und seither arbeitet der sympathische Stricher ab und zu auch mal für die Agentur Fingerprinz.

Billys Traum ist es, in einem House of Boys zu arbeiten, oder nach Gran Canaria auszuwandern, um sich dort den ‚Jumbo Center Boys’ anzuschließen, von denen er in dem Frankfurter Gaymagazin GAB gelesen hat.

„Hast du einen Platz zum Knacken?“, fragt er ganz unvermittelt Lucien.

„Zum Knacken?“, fragt der zurück.

„Schlafen. Übernachten“, erklärt Billy.

Übernachten ist oft ein Problem. Wenn in der Metropol nicht gerade Nachtsauna ist, schließt sie schon um 4 Uhr früh. Dann muss Billy entweder einen Freier finden, der ihn mit nach Hause nimmt, durchfeiern im abgefuckten Monte Carlo, irgendwo auf einer Parkbank oder in einem Hauseingang pennen oder für ordentlich Knete in einem von Bettwanzen verseuchten Stundenhotel am Bahnhof bleiben.

Das Stricherleben ist nicht immer nur ein Zuckerlecken.

„Du kannst heute bei mir übernachten,“ beschließt Lucien ganz spontan. „Auf der Couch. Wir können uns ja noch 'ne Pizza kommen lassen.“

Billy nickt und denkt: „Ja, ja, auf der Couch, Logo, Schätzchen. Wir werden ja sehen.“

CANTERBURY SHORTS

CANTERBURY SHORTS

Nach einem kleinen Abstecher in die „Hex“ in der Elefantengasse, ist Max im ‚Na und’ gelandet. Eine kleine, mit Tuntenkitsch voll gestopfte Raucherkneipe am Gericht in der dunklen Klapperfeldstraße, am heruntergekommenen Ende der ehemals prachtvollen Frankfurter Einkaufsmeile Zeil.

Lena Valaitis singt ein melancholisches Chanson, dessen trauriger Text glücklicherweise zum größten Teil von den Gesprächen der Gäste übertönt wird.

Max bewundert kurz das von Andy Warhol gestaltete Filmplakat des Fassbinder-Films Querelle, das an einer der in minzgrün und rot gehaltenen Wände hängt, da entdeckt er auch schon das aus den Boulevardblättern bekannte Gesicht eines der zu unrecht Verdächtigten an der Bar.

„Sind sie Roland Lehmann?“, spricht er den etwa Fünfzigjährigen mit der Stirnglatze und dem akkurat geschnittenen Schnauzer an und bestellt bei dem nordafrikanisch anmutenden Barkeeper mit einer Geste zwei Bier.

„Sind Sie von der Presse?“, fragt der zurück mit misstrauischem Blick auf die Digitalkamera, die Finger unter dem Arm trägt.

„Nein. Ich bin Privatdetektiv. Max Finger.“ Er reicht Lehmann seine Businesscard. „Wir ermitteln im Fall der Parkplatzmorde. Sie waren doch ein guter Freund von Friedhelm Lank, nicht? Vielleicht wissen Sie etwas, was uns weiterhilft?“

„Fritz war einer meiner besten Freunde. Ich weiß nicht, wie ihm jemand das antun konnte. Wenn Sie ihn gekannt hätten! Lebenslustig, hilfsbereit. Immer gut gelaunt. Ein toller Kerl. Man musste ihn einfach lieben. Und er hatte noch soviel vor. Er war ganz euphorisch wegen der Fußball-Weltmeisterschaft und schwärmte für drei Mannschaften gleichzeitig: Deutschland, Australien und Frankreich. Wir wollten zusammen in den Urlaub fahren. In die Türkei. Ich begreife es bis heute nicht.“

„Wieso wurden Sie festgenommen?“

„Otto und ich waren für ein paar Tage im Saarland.“ Lehmann deutet auf den etwas älteren, grauhaarigen Herren neben ihm, der Max dann kurz zulächelt. „Und als wir zurückkamen und an der Haustür standen, ist plötzlich die Polizei über uns hergefallen. Sie haben mich mit vorgehaltenen Pistolen auf den Boden geworfen und sofort Handschellen angelegt. Überall war Blitzlicht. Den Otto haben sie auch gleich mit festgenommen.“ Er deutet auf seinen Begleiter, der grimmig nickt.

Finger bestellt ein zusätzliches Bier für Lehmanns Kumpanen und bietet den beiden Männern Zigaretten an.

„Dann hockte ich in einer Zelle hier direkt am Gericht und konnte ab und zu, wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellte, einen winzigen Blick durch die Gitter auf die Leuchtreklame des ‚Na und’ werfen. Es war furchtbar. Es dauerte Tage bis ich meinen Anwalt zu Gesicht bekam oder überhaupt erfuhr, was gegen mich vorlag.“

Finger zündet sich seine Zigarette an. Das Bier wird serviert.