Dämonentreue - Dagny Kraas - ebook

Dämonentreue ebook

Dagny Kraas

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Opis

Als Cridan acht Jahre alt ist, wird er vom König auserwählt und ist fortan der Ziehsohn seines Herrschers. Seine neue Position bringt ihm viel Einfluss, Ruhm und Macht, ist jedoch auch mit Pflichten und Entbehrungen verbunden. An der Seite seines Königs wird Cridan zu dessen engstem Vertrauten. Doch als es zum Zerwürfnis zwischen den Völkern seiner Heimat kommt, steht Cridan vor der schwersten Entscheidung seines Lebens.

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Dagny Kraas

Dämonentreue

Der Eid des ficha'thar

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel – Der Besuch des Königs

2. Kapitel – Neue Heimat

3. Kapitel – Glück und Enttäuschung

4. Kapitel – Aufbruch

5. Kapitel – Der Fall des ficha'thar

6. Kapitel – Die Strafe für Verrat

7. Kapitel – Das Geschenk des Königs

8. Kapitel – Blutige Beute

9. Kapitel – Vergeltung

10. Kapitel – Die Tochter der Heilerin

11. Kapitel – Ein Krieger kehrt zurück

12. Kapitel – Marud'shat

13. Kapitel – Winter in den Bergen

14. Kapitel – L'hunival

15. Kapitel – Enttäuschung und Erkenntnis

16. Kapitel – Unter dunklen Segeln

17. Kapitel – Wellenstolz und Falkenflug

18. Kapitel – Das Recht des Stärksten

19. Kapitel – Ein neuer Herrscher

20. Kapitel – Gefährliche Falle

21. Kapitel – Schulden

22. Kapitel – Ein unerwarteter Besuch

23. Kapitel – Eine Kluft wird geschlagen

24. Kapitel – Fremde auf Gantuigh

25. Kapitel – Eidbruch

Impressum neobooks

1. Kapitel – Der Besuch des Königs

»Cridan! Wo steckt dieser Junge nur schon wieder? Cridan! Cridan, wo bist du?«

Als der junge T'han T'hau die Stimme seiner Mutter hörte, hob er den Kopf und sah seinen älteren Bruder Guthrag fragend an. Dieser machte eine unwillige Handbewegung.

»Geh schon. Wenn Mutter dich sucht, wird sie ihren Grund haben. Ich mache das hier allein fertig.«

Cridan ließ gehorsam das Messer fallen, mit dem er die Bergziege ausgeweidet hatte, sprang auf die Füße, wischte sich die Hände notdürftig an seiner Hose ab und lief in den Gang hinaus. »Ich bin hier!«

Kakey drehte sich zu ihm um und seufzte erleichtert. »Na endlich! Ich habe dich schon überall gesucht! Komm mit, Skatarhak ist hier. Er will dich sehen. Was hast du nur angestellt?«

»Skatarhak?« wiederholte Cridan ungläubig und fast ein wenig erschrocken, ohne auf ihre letzten Worte zu achten.

»Ja, Skatarhak«, bestätigte seine Mutter unwillig, packte ihn an der Schulter und schob ihn vor sich her. »Ich weiß nicht, was er von dir will.«

Sie blieb stehen, zog ihn herum und sah ihn scharf an. Ihre goldenen Augen blitzen im Licht der Fackeln, und zwischen den grünlichen Schuppen auf ihrer Stirn war eine scharfe Falte entstanden. »Gibt es irgend etwas, von dem du mir oder deinem Vater vielleicht vorher erzählen willst? Vielleicht etwas, was du alleine oder mit deinen Freunden gemacht hast?«

»Ich habe keine Freunde«, erwiderte Cridan unwirsch. »Und ich habe auch nichts gemacht. Was hätte ich denn tun sollen?«

Kakey seufzte erneut. Ihr Blick wurde sanfter, als sie ihm mit der Hand über den Kopf strich.

»Ich weiß, mein Junge. Es tut mir Leid. Ich mache mir nur Sorgen. Außerdem macht es mich nervös, den König an meinem Feuer sitzen zu haben... Lass uns gehen. Je schneller wir es hinter uns haben, desto besser.«

Bis zu den Höhlen, die er mit seinen Eltern und seinem Bruder Guthrag bewohnte, war es ein Stück weit zu gehen, und auf dem ganzen Weg zermarterte Cridan sich das Hirn, was die Aufmerksamkeit des Königs so sehr auf ihn gezogen haben mochte, dass dieser den weiten Weg bis zu ihrer Siedlung in den Bergen auf sich genommen hatte. Ihm fiel beim besten Willen nichts ein, aber das beruhigte ihn kaum, ganz im Gegenteil. Und seine Mutter, eine der stärksten und angesehensten T'han T'hau in ihrer Gruppe, so besorgt zu sehen, machte es auch nicht besser.

»Hier ist er, mein König«, sagte Kakey schließlich und schob ihn an den Schultern in die Wohnhöhle. »Das ist unser Sohn Cridan.«

Der T'han T'hau, der am Feuer gesessen hatte, sah auf und erhob sich. Er war nicht so riesig wie Anthro'kar, Cridans Vater, aber seine Schultern waren fast ebenso breit und muskulös, und die Aura der Macht, die er trotz seines noch jungen Alters ausstrahlte, schien den Raum bis zum Ersticken auszufüllen. Cridan war sich plötzlich des Blutes, das bis zum Ellenbogen an seinen Händen und Armen klebte, sehr bewusst – und wenn ihn die Situation nicht so gefangen genommen hätte, hätte er sich vielleicht dafür geschämt.

Skatarhak musterte Cridan einen Moment schweigend, dann winkte er ihm.

»Komm näher, Junge. Komm ans Feuer, damit ich dich besser sehen kann.«

Langsam gehorchte Cridan, den fremden T'han T'hau dabei nicht aus den Augen lassend. Es gab keinen Zweifel, dass dieser Mann sein König war: Die Gewissheit füllte seine Sinne so überdeutlich, als hätte man es in jede einzelne der schimmernden Schuppen des T'han T'hau eingeritzt.

Wie befohlen trat er in den Lichtkranz des Feuers.

Skatarhak machte einen Schritt auf ihn zu, beugte sich vor und sog tief die Luft ein. Dann ging er einmal um ihn herum. Der Widerschein der Flammen zuckte über sein Schuppenkleid und ließ das dunkle Gold in einem tiefen Rot leuchten.

»Wie alt bist du?«

»Acht«, entgegnete Cridan – nicht ohne sich zu wundern, inwiefern das für den König wichtig sein mochte.

Skatarhak umrundete ihn noch einmal, dann blieb er vor ihm stehen und sah ihn an.

»Du bist verdammt groß für dein Alter, Junge.«

Cridan erwiderte seinen Blick. Die Augen des T'han T'hau waren seltsam – sie glänzten in einem beinahe rötlichen Goldton, und wo in der Iris seiner Eltern und der anderen T'han T'hau, die er kannte, kleine Einsprengsel das Licht brachen, so hatte Skatarhak nichts dergleichen. Die Farbe seiner Augen war überall gleich, als bestünden sie aus massivem Gold. Die Pupille war weit, ihr Oval beinahe zu einem Rund verzogen, um im Halbdunkel der Höhle besser sehen zu können, und doch... Die Augen erinnerten Cridan an einen Raubvogel, und genauso war auch ihr Blick: scharf, berechnend und mit nur milder Neugier gepaart.

Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass der König etwas gesagt hatte, und er antwortete hastig:

»Da komme ich wohl nach meinem Vater.«

Skatarhak warf einen Blick auf Anthro'kar, der in seiner ganzen beeindruckenden Körpergröße mit verschränkten Armen in der Höhle stand, und zum ersten Mal glitt ein Lächeln über seine Züge. »Wie wahr.«

Er ließ sich wieder auf dem Schemel nieder, den Kakey ihm hingestellt hatte, und griff nach dem Becher mit verdünntem Wein, der daneben auf dem Boden stand.

»Ihr werdet euch fragen, was mich hierher führt«, sagte er nach einer Weile, in der er Cridan schweigend gemustert hatte. »Eigentlich wollte ich einen alten Freund besuchen, der mir etwas versprach. Doch sitze ich jetzt hier – und die Antwort auf die Frage, warum das so ist, bist du.« Er deutete mit der rechten Hand auf Cridan.

»Ich?« Der Junge hob verwirrt die Brauen. »Aber… Ich habe nichts getan!«

Der T'han T'hau lachte leise. »Ich bin auch nicht hier wegen etwas, was du getan hast, sondern wegen dessen, was du bist.«

Jetzt verstand Cridan gar nichts mehr. »Was ich bin? Was bin ich denn?«

Skatarhak beugte sich vor und winkte ihn ein wenig dichter zu sich heran.

»Du, Junge, bist mein ficha'thar.«

Anthro'kar keuchte auf, und Kakey schlug erschrocken die Hände vor den Mund.

»Was ist ein ficha'thar?« fragte Cridan mit gerunzelter Stirn. Er meinte, das Wort schon einmal gehört zu haben, wusste aber nicht, was es bedeutete.

Skatarhak lächelte erneut, und dieses Mal erreichte das Lächeln seine Augen, ließ sie für einen Sekundenbruchteil freundlich aufblitzen. »Das wirst du früh genug erfahren. Pack deine Sachen. Du kommst mit mir.«

Anthro'kar räusperte sich.

»Verzeih mir meinen Einwand, Skatarhak, aber der Junge… Er ist noch ein Kind.«

Skatarhak wandte den Kopf und sah den riesigen T'han T'hau an, der ihn um mehr als einen Kopf überragte. Trotzdem war es, als müsste dieser zu Skatarhak aufschauen.

»In der Tat, Anthro'kar, das ist er. Aber hast du ihm in die Augen gesehen? Wirklich in die Augen gesehen? Er ist…«

»Ich weiß, was er ist«, unterbrach Anthro'kar ihn heftig. »Verdammt, Skatarhak, er ist mein Sohn! Und er ist zu jung dafür!«

Skatarhaks Gesichtszüge verhärteten sich. »Meinst du, ich wollte ihn jetzt und auf der Stelle zu meinem ficha'thar machen? Dafür ist er zu jung, wie du schon sagst. Aber ich will ihn. Ich habe gesehen, wie er seine Beute verteidigt hat, wie er T'han T'hau, die wesentlich größer und älter waren als er, alleine durch seinen Blick eingeschüchtert hat. Ich will diesen Jungen, Anthro'kar!«

»Die haben nur Angst vor mir, weil ich einen von ihnen verprügelt habe«, sagte Cridan abfällig. »Und weil sie wissen, dass ich es noch einmal tun würde. Ich habe keine Angst vor ihnen.«

Skatarhak wandte sich wieder ihm zu. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln. »Dann sag mir, Cridan, wovor du Angst hast.«

Für einen Herzschlag lang wollte Cridan antworten, dass er sich vor nichts fürchtete, doch dann hielt er inne. Skatarhak legte keinen Wert auf falsche Tapferkeit, das spürte er instinktiv, und er war vermutlich besser beraten, über seine Antwort nachzudenken.

Er überlegte eine Weile und sagte dann leise: »Ich habe keine Angst vor Dingen, die mir begegnen könnten, seien es T'han T'hau oder was auch immer.«

Der König brachte sein Gesicht so nah heran, dass sich ihre Nasen fast berührten. Cridan spürte seinen warmen Atem auf der Haut und blickte direkt in die unheimlichen goldenen Augen. Skatarhaks Geruch war überwältigend, ein geheimnisvolles Versprechen von Macht, Stärke und Gefahr.

»Du hast nicht einmal Angst vor mir?« fragte er mit dunkler Stimme. Die Reißzähne hinter seinen Lippen glitzerten im Feuerschein.

Cridan wich seinem Blick nicht aus. »Nein.«

Skatarhak verharrte einen Moment in seiner Haltung, dann richtete er sich wieder auf und sah auf Cridan hinab. Und in diesem Augenblick wusste Cridan, wovor er sich fürchtete:

»Ich habe höchstens Angst davor, zu versagen.«

Kakey stieß einen klagenden Seufzer aus, und Anthro'kar schloss ganz kurz die Augen. Dann hob er den Kopf, blickte Skatarhak an und nickte.

»Es sei, wie du befiehlst, mein König. Cridan wird mit dir gehen.«

Cridan sah erschrocken von ihm zu seiner Mutter, zu Skatarhak und wieder zu Anthro'kar. »Aber… Warum denn, Vater?«

Anthro'kar atmete tief ein.

»Weißt du«, sagte er leise, »Skatarhak hat Recht. Du bist anders als wir, anders auch als all die Jungen, die du kennst. Du hast keine Freunde unter ihnen, weil sie es spüren: Dein Platz ist nicht hier. Skatarhak sieht es, und ich sehe es. Jeder sieht es. Es steht in deinen Augen, Cridan, und wenn du in dich hinein hörst, steht es auch in deinem Herzen. Geh mit Skatarhak, mein Sohn, und du wirst deinen Platz in der Welt finden.«

Es war nicht viel, was Cridan zusammenpacken musste. Ein T'han T'hau besaß nicht viele Wertsachen, und bis auf etwas Kleidung nahm er nur das Messer mit, das sein Bruder Guthrag ihm geschenkt hatte. So war er nach kurzer Zeit reisefertig und trat mit seinem kleinen Bündel zurück in die Haupthöhle.

Hier warteten inzwischen nicht nur Kakey und Anthro'kar mit dem König, sondern auch sein Bruder. Guthrag sah ihm entgegen, und in seinen Zügen glaubte Cridan für einen Moment nicht nur Stolz, sondern auch so etwas wie Neid zu lesen. Doch der Augenblick verging rasch.

Seine Mutter umarmte ihn fest, und sein Vater Anthro'kar legte ihm beide Hände auf die Schultern.

»Bleibe der, der du bist«, sagte er. »Wenn du diesen Rat beherzigst, wirst du uns weiterhin mit dem gleichen Stolz erfüllen wie in den letzten acht Jahren. Geh mit Skatarhak, und geh mit unserem Segen. Du wirst sehen, dass dich an seiner Seite eine große Zukunft erwartet.«

Guthrag drückte ihm die Hand und murmelte einen Abschiedsgruß, dann brachte Anthro'kar seinen König und seinen Sohn durch die langen Gänge hinaus ans Tageslicht.

Cridan blinzelte in der Mittagssonne. Es dauerte einen Moment, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, dann sah er überrascht, dass Skatarhak offensichtlich nicht beabsichtigte, den Weg weiter zu Fuß zurückzulegen: Zwei stämmige Pferde mit kurzen, dicken Hälsen und der Farbe von hellem Sand warteten auf sie.

»Kannst du reiten?« fragte Skatarhak und drehte sich zu ihm um.

Cridan schüttelte wortlos den Kopf.

Der König lächelte. »Dann wirst du es lernen. Nimm das kleinere Pferd. Es hat ein freundliches Wesen und ist unseresgleichen schon lange gewöhnt. Es wird dir keinen Ärger machen.«

Cridan nickte gehorsam und griff nach den Zügeln des Tieres. Es schnaubte und schüttelte den langen Kopf, und für einen Moment zögerte er. Er sah zu Skatarhak hinüber, um zu beobachten, wie dieser sich mit einem kräftigen Schwung auf den Rücken des Pferdes zog.

Sein Pferd hatte große, dunkle Augen, die in der Tat freundlich wirkten, stellte Cridan nach einem weiteren Blick fest, und der Rücken war auch nicht so hoch wie zunächst befürchtet. Wie er es bei Skatarhak gesehen hatte, setzte er den linken Fuß in den Steigbügel, griff mit der Hand nach dem Sattelhorn und zog sich in die Höhe. Es war nicht so leicht, wie es ausgesehen hatte: Es kostete Cridan einige Mühe, das Bein über den Sattel zu schwingen, ohne gleich wieder hinunterzufallen, aber schließlich hatte er es geschafft und saß auf dem Pferd.

»Nimm die Zügel so«, Skatarhak zeigte es ihm, »und drücke die Schenkel zusammen, wenn du willst, dass das Pferd vorwärts geht. Ein leichter Zug an beiden Zügeln genügt, um es stehenbleiben zu lassen. Zupfe rechts oder links am Zügel, und das Pferd wird nach rechts oder links gehen. Sei dankbar, dass es dich trägt, und gehe nicht roh mit ihm um.«

Cridan nickte. Er wusste nicht, ob er alles behalten oder gar in die Tat umsetzen können würde, doch das war fürs erste auch gar nicht nötig: Als Skatarhak sein Pferd herumzog und es antreten ließ, folgte Cridans Reittier ihm auch ohne sein Zutun.

Eine Weile ritten sie schweigend hintereinander her, während sie dem schmalen Pfad zwischen den Berggipfeln hindurch folgten, der sie ins Tal bringen würde. Dann jedoch drehte Skatarhak sich zu Cridan um.

»Du bist so still, Junge. Ich könnte mir vorstellen, du hast viele Fragen. Und doch schweigst du?«

Er fing seinen Blick auf und lachte. »Ich werde dich schon nicht fressen. Wer keine Fragen stellt, wird auch keine Antworten bekommen. Nur zu, keine Scheu!«

Einen Augenblick zögerte der Junge noch, doch dann sah er den König an und fragte: »Wohin reiten wir?«

Skatarhak lächelte. »Kennst du Gantuigh?«

Cridan musste den Kopf schütteln. Natürlich, er wusste, Gantuigh war die Insel, auf der sie lebten, und einige Dörfer und Städte kannte er vom Namen her, aber er war noch nie wirklich aus den Bergen herausgekommen.

»Gantuigh ist groß«, fuhr Skatarhak fort. »L'hunival, ihre Hauptstadt, liegt in der Mitte des Gebirgsmassivs, das sich auf ihrem Rücken erhebt. Im Norden liegen außer euren Bergen einige Hafenstädte, aber auch die weiten Einöden mit den Dünen von Rantan. In ihren westlichen Ausläufern beginnt eine kleine Kette von Bergen, deren Gipfel steiler und schroffer sind als die deines Gebirges. Dort lebe ich mit meiner Familie – oder zumindest einem Teil davon.«

Er grinste. »Es wird dir gefallen. Inth Silia und Marud'shat, meine beiden Töchter, sind zwei Jahre jünger als du, und Ratiko'khar, einer meiner Söhne, drei Jahre. Ihr werdet euch sicher gut verstehen. Und wenn nicht, gehe ich davon aus, dass ich damit nicht belästigt werde. Du wirst mit uns leben und meine Mutter wird sich um dich ebenso gut kümmern wie um meine eigenen Kinder. Aber dein unbedingter Gehorsam wird alleine mir gelten. Du bist etwas Besonderes, Cridan, und wie etwas Besonderes werde ich dich auch behandeln. Du wirst einmal sehr mächtig sein – mächtig und angesehen. Alles, was du dafür tun musst, ist mir treu zu sein. Das klingt leicht im ersten Moment, aber du wirst sehen, dass auch schwere Entscheidungen auf dich zukommen werden. Ich erwarte Treue von dir – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Im Gegenzug wirst du der wichtigste Mann an meiner Seite sein. Zwischen uns wird es keine Geheimnisse geben, nur gegenseitiges Vertrauen. Das ist die wahre Macht eines ficha'thar. Meinst du, du kannst das?«

Cridan wich seinem Blick nicht aus. Erwartungsvolles Erstaunen und langsam dämmernde Erkenntnis, welcher Weg auf ihn wartete, raubten ihm beinahe den Atem.

»Das kann ich«, erwiderte er und wiederholte dann die Worte des uralten Treueschwurs, wie er sie von seinem Vater gelernt hatte: »Ich lege mein Leben in deine Hände. Dein Wort soll das meine sein. Du bist mein König, und ich folge dir, wohin auch immer du gehst.«

Skatarhak sah ihn scharf an. »Das ist ein großer Schwur, Junge, den du da ablegst. Und doch – wenn ich dich so ansehe, glaube ich, dass du weißt, was er bedeutet.«

Sie machten erst in der Abenddämmerung Rast an einem kleinen Bach. Skatarhak holte zwei Decken, Brot und etwas Speck aus seinen Satteltaschen. Er schickte Cridan zum Holzsammeln, während er das Lager vorbereitete, und wenig später brannte ein kleines Feuer zwischen ihnen, das gemütliche Wärme verbreitete und über dessen knisternder Glut sie den Speck rösteten.

»Reist du eigentlich immer ohne Leibwächter?« fragte Cridan neugierig, nachdem sie eine Weile stumm gegessen hatten. »Ich meine… Du bist der König! Solltest du nicht Leibwachen haben?«

Skatarhak lächelte. »Meine Leibwache ist nur ein Statussymbol, nichts weiter. Ich brauche keine Leibwächter. Die T'han T'hau haben mir Gefolgschaft geschworen. Ich bin ihr König. Und die Menschen…« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Die Menschen fürchten uns, Cridan. Sie haben uns erschaffen, aber sie fürchten uns. Kein Mensch würde es wagen, mir zu nahe zu kommen.«

»Die Menschen haben uns… erschaffen? Wie meinst du das?«

Der T'han T'hau wischte sich mit dem Handrücken das Fett vom Kinn. »Wir stammen von den Menschen ab, wusstest du das nicht?«

Als Cridan den Kopf schüttelte, sprach er weiter: »Vor vielen Jahrhunderten, vielleicht auch Jahrtausenden, wer weiß das schon so genau, gab es uns noch nicht. Es gab nur die Menschen auf Gantuigh, aber sie waren schwach. Sie ließen sich von Fremden unterjochen, ließen sich Frau und Kind, Hab und Gut stehlen, ließen sich schlagen, plündern und töten. Sie waren ebensolche Opfer, wie sie es auch heute noch sind.« Er verzog abfällig den Mund.

»Du sagst es«, wandte Cridan verwirrt ein, »sie sind schwach! Wie sollen wir von ihnen abstammen? Ich… Wir T'han T'hau sind ein starkes Volk, stolz und mutig. Wir würden uns niemals einem anderen als unseresgleichen unterwerfen!«

Skatarhak nickte mit wohlwollendem Verständnis. »So ist es, Junge, so ist es. Die Menschen damals beschlossen, sich zu schützen. Sie wählten die besten jungen Männer und Frauen aus, um an ihrer Statt zu kämpfen und sie zu verteidigen, und um ihre Blutlinien zu verbinden. Aus diesen Bündnissen gingen starke und mutige Kinder hervor, die sie wiederum mit den stärksten und mutigsten ihrer Krieger verheirateten. Generation um Generation wurde stärker, kräftiger, mutiger und besser als die vorhergehende. Sie nannten sich die T'han T'hau. Du weißt, was es bedeutet?«

»Natürlich«, murmelte Cridan. »Es bezeichnet die besten Krieger.«

Skatarhak nickte erneut. »Richtig. Und aus diesen besten Kriegern des Menschenvolkes wuchs ein neues Volk heran – wir, die T'han T'hau. Unsere Stärke erlaubt den Menschen, schwach zu sein. Wir sind ihr Schutz, und doch fürchten sie uns. Viele unser Privilegien beruhen auf dieser Furcht. Und deshalb sind wir gut beraten, sie weiterhin aufrecht zu halten. Die Schwäche der Menschen ist unsere Stärke. Je schwächer sie sind, desto besser. Stell dir vor, sie würden so stark wie wir. Sie bräuchten uns nicht mehr, und weil sie uns noch immer fürchteten, würden sie mit Gewissheit versuchen, uns zu vernichten. Nein«, er schüttelte den Kopf, »es ist gut so, wie es ist. Gantuighs Stärke sind wir, Cridan, und wir werden es bleiben, solange noch ein Hauch von Leben in mir ist, um es zu verteidigen. Gantuigh gehört uns. Es ist unsere Heimat, unsere Mutter, und wir allein sind zu ihrem Schutz geschaffen.«

In dieser Nacht lag Cridan lange wach und dachte über die Worte seines Königs nach. Was er gesagt hatte, leuchtete ihm ein: Es musste ein starkes Volk geben, um Gantuigh zu schützen, und wenn die Menschen das nicht sein konnten, dann war es gut, dass es die T'han T'hau gab. Skatarhak würde sein Leben für Gantuigh geben, das hatte er gespürt, und alleine das war genug, ihm zu folgen.

Mit jedem Tag, den sie unterwegs waren, erfuhr Cridan mehr über sein eigenes Volk, über seine Geschichte und auch über Skatarhak. Er lernte, dass die T'han T'hau Gantuigh nicht nur gegen Angriffe von außen verteidigten, sondern die Stärke der Insel auch regelmäßig in Kämpfen gegen die Reiche auf der anderen Seite des Meeres bewiesen. Es war notwendig, den Menschen dort, die ebenso kriegerisch und mutig waren wie sie selbst, zu zeigen, dass die T'han T'hau bereit standen, jeglichen Versuch eines Angriffs sofort zu zerschlagen, und dass sie es mühelos konnten. Wenn die fremden Völker nicht regelmäßig daran erinnert wurden, wie stark die T'han T'hau waren, würden sie ihrerseits angreifen und Gantuigh überfallen, die Küsten der Insel plündern und jeden töten, den sie finden konnten. Auf diesen Fahrten durften die jungen Männer der T'han T'hau nicht nur ihr Können unter Beweis stellen, sondern auch Ruhm und Ehre in Gantuighs Namen erringen.

Skatarhak selbst war der einzige Erbe seines Vaters gewesen, des mächtigen Thrindau'kho, und als dieser im Alter von weit über sechzig Jahren einem Wundfieber erlegen war, hatte Skatarhak die Verantwortung übernommen, das Volk der T'han T'hau anzuführen. Das war jetzt vier Jahre her.

Thrindau'khos ehemaliger ficha'thar, Maret'kar, hatte seinen Platz an Skatarhaks Seite einge­nommen, aber er war nicht mehr der Jüngste. Es gab zwar viele T'han T'hau, die sich bereits Hoffnungen auf den Posten machten, doch bisher hatte Skatarhak sich geweigert, darüber auch nur nachzudenken. Er wollte niemand anderen als Maret'kar an seiner Seite wissen.

Dann aber hatte er von Cridan gehört: Ein T'han T'hau, den Skatarhak noch aus seiner Kindheit kannte, hatte ihm von dem Jungen erzählt, der in den Bergen aufwuchs und in dessen Blick bereits im Alter von acht Jahren eine große Zukunft geschrieben stand. Skatarhak hatte sich neugierig auf den Weg gemacht, wohlweislich ohne die übliche Begleitung durch Maret'kar. Er hatte den Worten seines alten Freundes nur wenig Glauben geschenkt – bis er Cridan gesehen und ihm gegenüber gestanden hatte.

»Du tust vermutlich gut daran, dich von Maret'kar ein wenig fernzuhalten«, hatte Skatarhak Cridan schließlich nahegelegt. »Er ist zwar schon über fünfzig, aber er kann den Gedanken nicht leiden, dass ihn eines Tages jemand ersetzen könnte. Und er kann ziemlich ungemütlich werden. Also, geh ihm aus dem Weg, wenn du nicht gerade mit ihm zu tun haben musst, und stell' dich ansonsten gut mit ihm.«

Cridan hatte es vorgezogen, das Thema zu wechseln, und hatte Skatarhak statt dessen nach seinen Kindern gefragt, nach Ratiko'khar und den Zwillingstöchtern Marud'shat und Inth Silia. Dabei hatte er erfahren, dass die drei längst nicht die einzigen Nachkommen Skatarhaks waren. Der König war zwar erst kaum zwanzig Jahre alt, doch hatte er schon eine ganze Handvoll Kinder. Seinen ersten Sohn hatte er bereits vor etlichen Jahren gezeugt.

»Mein Vater hat mich mitgenommen zu unserem Waffenschmied«, erzählte er. »Das war vor meiner ersten Fahrt übers Meer. Er wollte mir zeigen, wo man die besten Waffen und die schönsten Frauen findet. Und bei allen Göttern, die Frauen dort sind ebenso entzückend wie die Waffen scharf! Er ließ mir die freie Wahl unter ihnen, und ich nahm mir die Frau des Waffenschmieds. Ich weiß noch bis heute, wie der arme Kerl getobt und gedroht hat, und wie sie mich ansah… Aber es half weder ihm noch ihr: Ich hatte meine Wahl getroffen. Und ich besorgte es ihr gründlich. Den Ausdruck in ihren Augen werde ich nie vergessen. Sie hasste mich für die Lust, die ich ihr bereitete, denn glaube mir, zum Schluss hat sie es ebenso genossen wie ich. Sie gebar einen Sohn von meinem Blut. Ich habe ihn einmal gesehen, kurz nach dem Tod meines Vaters, und ich muss sagen, er war ein hübsches kleines Ding, mit pechschwarzen Augen.«

Skatarhak grinste. »Von da an pflanzte ich meinen Samen ein, wo immer ich nur konnte. Inth Silia und Marud'shat waren die nächsten Kinder, und mit ihrer Mutter – eine sagenhafte Frau, du wirst sie ja kennenlernen – zeugte ich später auch Ratiko'khar. Aber dazwischen und danach gab es viele Frauen und viele Kinder und wird sie immer geben. Wenn ich irgendwann sterbe, werden sie über mich sagen, dass ich alleine das Volk der T'han T'hau an seiner Zahl verdoppeln wollte.« Er lachte lauthals.

Cridan musste ebenfalls lachen. Er fand Skatarhak faszinierend – beeindruckend als König und T'han T'hau, freundschaftlich und geduldig im Umgang, und ebenso amüsant wie fesselnd in seinen Erzählungen. Es würde ihm leicht fallen, seinen Treueschwur in die Tat umzusetzen. Um ehrlich zu sein, brannte Cridan darauf, diesem erstaunlichen Mann zu beweisen, dass er das Vertrauen wert war, was er in ihn zu setzen schien.

2. Kapitel – Neue Heimat

Cridan war nervös, als sie sich dem Haus näherten – nicht nur, weil ihm die erste Begegnung mit Skatarhaks Familie bevorstand, sondern auch, weil er noch nie in einem richtigen Haus gewesen war und keine Ahnung hatte, was dort drinnen auf ihn warten mochte. Die Mauern aus Feldsteinen mit dem niedrigen Dach erschienen ihm beinahe wie ein lebendiges Wesen, das sich in den Schatten der hohen Felswand duckte, dunkle Fenster als Augen, die ihn anstarrten.

Ein T'han T'hau kam über den Hof auf sie zu. Skatarhak sprang aus dem Sattel und drückte ihm die Zügel seines Pferdes in die Hand.

»Komm«, sagte er aufmunternd in Cridans Richtung. »Es wird dir schon niemand den Kopf abreißen.«

Gehorsam rutschte Cridan aus dem Sattel. Sein Rücken und sein Hintern schmerzten, seine Beine waren steif vom langen Reiten, und er fühlte sich müde und zerschlagen. Dennoch gab er nicht ein Wort der Klage von sich, sondern hob seine Sachen vom Pferderücken und folgte Skatarhak ins Haus.

Hinter der Eingangstür erstreckte sich ein kurzer, dunkler Gang, der in eine Küche mündete. Hier war es hell und warm. Mehrere T'han T'hau saßen am Tisch und schienen sie zu erwarten, doch nur einer erhob sich und kam ihnen entgegen. Er war deutlich älter als Skatarhak, sein Schuppenkleid begann bereits, den goldenen Glanz zu verlieren, und überall hatte er Narben. Er trug einen breiten Gürtel um die Hüften, in dem an jeder Seite ein Schwert hing, in der Mitte stak ein kurzer Dolch in einer ledernen Scheide, daneben zwei schlanke Messer. Die Griffe der Waffen waren abgewetzt und blank, die Klingen jedoch makellos.

Das musste Maret'kar sein, Skatarhaks ficha'thar.

»Mein König«, sagte er und senkte in einer ehrerbietigen Geste den Kopf. »Wie war deine Reise?«

»Ausgesprochen interessant«, entgegnete Skatarhak lächelnd. »Ich will alle in der Stube sehen. Jetzt. Ich habe jemanden mitgebracht, den ich gerne vorstellen würde. Und ich habe euch etwas anzukündigen.«

Ein abschätzender Blick aus Maret'kars alten, aber nichtsdestotrotz scharfen Augen traf Cridan, doch er sagte kein Wort, sondern wandte sich ab, um Skatarhaks Befehl Folge zu leisten.

Cridan nutzte die Zeit, in der sie warteten, um sich ein wenig umzusehen. In der Küche war ihm vor allem die riesige Feuerstelle mit den zahlreichen Kesseln und Pfannen aufgefallen, und auch hier, in der Wohnstube, war es der offene Kamin, der den Raum beherrschte. Davor standen zwei gemütlich wirkende Sessel, auf dem Boden waren Felle und Teppiche ausgebreitet. An einer Seite des Raumes stand ein schmaler Tisch, der von Papieren und Pergamentbögen bedeckt war, davor ein einfacher Stuhl. Ob Skatarhak hier arbeitete?

Bevor er dazu kam, den T'han T'hau danach zu fragen, ging die Tür auf.

Als erstes huschten zwei Mädchen in den Raum.

Cridan hielt unwillkürlich die Luft an: Die beiden T'han T'hau waren nicht viel jünger als er, und sie glichen sich wie ein Ei dem anderen. Kein Zweifel, das waren Skatarhaks Zwillingstöchter. Ihr Schuppenkleid hatte dieselbe Farbe, ein tiefes Gold mit einem feinen bläulichen Schimmer, und sie waren unglaublich hübsch. Eine von beiden sah ihn keck, beinahe herausfordernd an, die andere warf ihm nur einen neugierigen Blick zu und senkte dann den Kopf, bevor sie sich neben ihre Schwester auf die Felle vor dem Kamin kauerte.

Ihnen folgte ein T'han T'hau, von dem Cridan annahm, es war Ratiko'khar. Der Junge war vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Seine Schuppen waren wie reinstes Gold, ohne den geringsten anderen Farbton, ebenso wie seine Augen, die Cridan mindestens ebenso aufgeregt musterten wie umgekehrt. Er ließ sich neben seinen beiden Schwestern nieder und sah erwartungsvoll zu Skatarhak und Cridan auf.

Als nächstes betraten zwei Frauen den Raum. Eine von ihnen war schon älter, und ihre Gesichtszüge ähnelten denen Skatarhaks sehr.

Das musste seine Mutter sein, von der er ihm erzählt hatte. Der König hatte gesagt, dass sie die Erziehung der Kinder übernommen hatte – und so würde sie wohl auch diejenige sein, die sich um ihn kümmern würde. Neugierig prägte er sich das Gesicht der alten T'han T'hau aufmerksam ein. Sie wirkte freundlich und gütig, aber am Grunde ihrer goldenen Augen schimmerte harte Entschlossenheit.

Die andere Frau war unverkennbar die Mutter der beiden Mädchen, und so auch von Ratiko'khar. Wo die Zwillinge hübsch waren, zeigte sie die ausgereiften Reize einer erwachsenen T'han T'hau, und Cridan dachte, dass er noch nie in seinem Leben eine Frau gesehen hatte, die so schön war wie sie.

Zwei weitere T'han T'hau kamen in die Stube. Sie waren groß und von breitschultriger Statur, ihre Gesichter strahlten Selbstsicherheit und innere Stärke aus, und beide hatten die Rechte auf dem Schwertknauf liegen. Cridan meinte sich zu erinnern, einen von ihnen bereits auf dem Hof, den anderen, mit der auffälligen Schuppung auf der rechten Wange, in der Küche am Tisch gesehen zu haben. Sie lehnten sich an die Wand des Raumes und musterten ihn schweigend.

Als letzter betrat Maret'kar den Raum. Er schloss die Tür hinter sich, dann bezog er davor Aufstellung. Er hatte die Beine leicht gespreizt, die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf stolz erhoben. Es war ein imposantes Bild, fand Cridan, und es ließ den alten Krieger noch beeindruckender wirken.

Skatarhak machte eine ärgerliche Geste auf seinen ficha'thar. »Götter, Maret'kar, setz dich. Wir sind unter uns. Ich habe euch etwas zu sagen.«

Schweigend gehorchte Maret'kar und ließ sich einen Schritt neben den Kindern auf die Felle am Boden sinken. Er wirkte gelassen, doch als Cridan genauer hinsah, bemerkte er die Anspannung in seinen Muskeln und die unruhigen Bewegungen seiner Augen.

Skatarhak ging zum einzigen Fenster des Raumes hinüber, drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Sims. Das Licht hinter ihm ließ seine Konturen scharf hervortreten, sein Gesicht jedoch blieb im Schatten.

»Dieser junge Mann«, begann er ohne weitere Einleitung und deutete auf Cridan, »wird ab sofort unser Leben teilen. Sein Name ist Cridan, und ich erwarte, dass jeder hier ihn behandelt, als sei er mein Fleisch und Blut. Ich habe ihn als meinen Ziehsohn angenommen, und als solchen wird ihn jeder von euch ansehen. Khal'atra, seine Erziehung wird dir ebenso zufallen wie die der anderen drei. Und Maret'kar, du wirst ihn in allen Belangen unterrichten, die für einen ficha'thar wichtig sind.«

Der alte T'han T'hau zuckte zusammen. Für einen winzigen Augenblick huschte ein Ausdruck von Zorn – und Angst? – über sein Gesicht, dann hatte er sich wieder in der Gewalt.

»Wie du befiehlst, mein König.«

Khal'atra, die alte T'han T'hau, legte den Kopf schief und betrachtete Cridan eine Weile schweigend, dann winkte sie ihm. »Komm her, mein Junge!«

Sie fasste nach seiner Hand, strich mit ihren faltigen Fingern über seine Knöchel und seinen Unterarm und musterte schließlich sein Gesicht gründlich.

»Sei uns willkommen, junger Cridan«, sagte sie dann. »Skatarhak hat Recht daran getan, dich aufzunehmen, das kann ich sehen. So will ich denn auch mein Bestes geben, dich in seinem Sinne zu behandeln. Folgst du den Regeln, die in diesem Hause gelten, so wirst du ein ebenso angenehmes Leben haben wie deine Gefährten.« Sie wies auf die drei anderen Kinder.

Cridan senkte zustimmend den Kopf, wobei er aus dem Augenwinkel verstohlen Maret'kar beobachtete. Der ficha'thar hatte die Hände scheinbar locker im Schoß liegen, doch sie waren zu Fäusten geballt.

»Nun«, sagte Skatarhaks Frau plötzlich, »die wichtigste Regel in diesem Haus lautet, dass stets das Wohl der Gemeinschaft an erster Stelle steht. Jeder von uns hat seinen Platz und seine Aufgabe zu erfüllen. Wir alle haben eine Verantwortung, die wir tragen, und ich wünsche, dass du diese Verantwortung ebenso übernimmst, wie Ratiko'khar, Inth Silia und Marud'shat es tun. Je stärker ein Mann ist, um so mehr Verantwortung trägt er für die Schwächeren um sich herum.«

Khal'atra lachte leise. »Mach dir keine Sorgen, Ruhara. Cridan wird sich seiner Verantwortung nicht entziehen – nicht wahr?« Sie sah Cridan an.

Dieser erwiderte ihren Blick.

»Niemals«, antwortete er entschieden. »Ich habe zu Hause gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Ich werde sie auch weiterhin tragen.«

Khal'atra strich ihm mit der Hand über den Kopf. »Das weiß ich, mein Junge. Nun setz dich zu den anderen und schau, dass du sie kennenlernst. Ratiko'khar wird dir das Haus zeigen, und Inth Silia wird dir mit Marud'shat dein Zimmer anweisen. Du wirst eine eigene Kammer erhalten. Niemand wird sie ohne deine Zustimmung betreten, aber es wird auch niemand außer dir Ordnung darin halten. Und ich erwarte Ordnung, junger Mann, verstehen wir uns in dem Punkt?«

Cridan konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Diese Einstellung kenne ich bereits von meiner Mutter«, entgegnete er. Khal'atra lachte und entließ ihn mit einem knappen Winken ihrer Hand.

Inth Silia, Marud'shat und Ratiko'khar waren genauso begierig darauf, etwas von ihm zu erfahren, wie er neugierig darauf war, sie kennenzulernen. Insbesondere Ratiko'khar, den seine Geschwister Tiko nannten, löcherte ihn geradezu mit Fragen, bis seine älteren Schwestern ihm befahlen, den Mund zu halten.

Cridan hatte die beiden Mädchen genau gemustert und bei näherem Hinsehen festgestellt, dass sie sich doch nicht so ähnlich sahen, wie er zu Anfang angenommen hatte: Inth Silia war eindeutig die Hübschere der beiden, aber Marud'shat hatte die lebendigeren Augen. Die Augen Inth Silias waren gleich denen ihres Vaters, wie aus gegossenem Gold, während in Marud'shats Iris kleine Funken wirbelten und einen geheimen Tanz aufzuführen schienen. Unter ihrem rechten Auge hatte sie eine winzige Narbe, und der Mundwinkel auf dieser Seite stand eine Winzigkeit höher als der linke, was ihr den Anschein eines stetigen kleinen Lächelns verlieh. Inth Silia hatte hingegen ein absolut makelloses Gesicht, symmetrisch und wunderschön.

»Skatarhak hat noch nie jemanden hier aufgenommen«, bemerkte Marud'shat und musterte Cridan aufmerksam. »Du musst etwas Besonderes sein. Komm, wir zeigen dir dein Zimmer und den Rest des Hauses.«

Sie stand als erste auf, doch es war Inth Silia, die Cridan an der Hand fasste und ihn hinter sich her zog. Und aus irgend einem Grund freute er sich darüber.

Er schlief schlecht in dieser Nacht. Er war immer noch aufgeregt und nervös, und das gemeinsame Abendessen hatte ihm nicht viel von seiner Spannung genommen. Ruhara und Skatarhak hatten sich bald zurückgezogen, und auch wenn sich Tiko viel Mühe gegeben hatte, ihn in die Gespräche mit einzubeziehen, war Cridan doch schweigsam und vorsichtig geblieben.

Zu seinem Bedauern hatte Inth Silia weiter kein größeres Interesse gezeigt. Sie hatte sich verhalten, als wäre nichts Besonderes geschehen. Marud'shat war hingegen nicht sonderlich schüchtern gewesen, hatte sich aber meist darauf beschränkt, ihm neugierige Blicke zuzuwerfen.

Sie frühstückten zu viert, die Kinder mit Khal'atra. Anschließend räumten sie gemeinsam den Tisch ab, und während Tiko, Inth Silia und Marud'shat nach draußen eilten, bat die alte T'han T'hau Cridan, sie auf einem Spaziergang zu begleiten.

Sie verließen das Haus durch eine Tür auf der Rückseite. Hier erhob sich nur wenige Schritte entfernt ein steiler Abhang, der zunächst mit zähem Gras bewachsen, weiter oben jedoch nur noch von Steinbrocken übersät war.

Khal'atra ging voran, und Cridan erkannte erstaunt, dass sie eine ziemlich gute Kondition haben musste: Bis sie die Felsbrocken erreichten, keuchte er bereits, die alte T'han T'hau hingegen atmete kaum schneller.

»Setz dich«, lud sie ihn ein. »Ich will dir ein bisschen mehr über uns erzählen und auch über das, was auf dich zu kommt.«

Er ließ sich gehorsam neben ihr nieder und wartete gespannt darauf, dass sie weiterredete.

»Ich habe gestern Abend noch mit Skatarhak gesprochen«, begann sie nach einer Weile, »und ich verstehe die Gründe, weshalb er dich auswählte. Du bist nun sein Ziehsohn, und damit bist du ebenso sehr mein Enkel wie jedes seiner Kinder. Doch hat er für dich große Pläne, Cridan, ebenso große wie für Tiko, und das bedeutet, du musst sehr viel lernen. Ich werde dich die Sprache der Menschen lehren, einige Sprachen des Kontinents, werde dich lehren, wie man liest und schreibt, sofern du das noch nicht kannst, werde dich Benimm in Gesellschaften lehren, wie man mit ranghohen Gesprächspartnern umgeht, wie man Karten liest und anfertigt, wie man sich anhand der Sterne orientiert, und vieles, vieles mehr. Du wirst all das einmal brauchen. Maret'kar wird ebenfalls einen Teil deiner Ausbildung übernehmen. Er wird dich kämpfen lehren, mit dem Schwert, dem Dolch und jeder anderen Waffe, die du dir vorstellen kannst. Auch mit dem, was die Natur dir mitgab.« Sie berührte sein Schuppenkleid am Unterarm mit der flachen Hand.

»Er wird dir darüber hinaus unsere Gesetze beibringen, was es bedeutet, sie zu brechen, und wie ein solches Vergehen zu ahnden ist. Und auch Skatarhak selbst wird dein Lehrer sein. Wenn er hier ist, wird er Teile deines Unterrichts übernehmen. Du musst lernen, wie er denkt; warum er tut, was er tut. Wer er ist. Du wirst sein ficha'thar sein, und daher ist es wichtig, dass du ihn besser kennst als er sich selbst. Ich kann dir manches erzählen und erklären, aber du musst es selbst erfahren und sehen, musst ihn erleben. Es wird nicht immer einfach sein, Cridan, doch es lohnt sich. Skatarhak ist ehrgeizig und hart, aber auch gerecht.«

Er nickte langsam.

»Das weiß ich. Und ich will gerne alles lernen, was ich brauche. Es ist mein fester Wille und Entschluss, ihm ein guter ficha'thar zu sein. Wenn ihr alle die Mühe auf euch nehmt, mich zu unterrichten, wird es mir eine Freude sein, von euch zu lernen, was immer ich kann. Aber was ist mit Ruhara?«

»Ruhara?« Khal'atra lachte leise. »Was soll mit ihr sein? Sie ist Skatarhaks Gefährtin und eine der besten T'han T'hau, die es gibt. Wir können nur hoffen, dass ihre Kinder nach ihr kommen.«

»Wird sie mich auch unterrichten?« fragte Cridan.

»Nein. Ruhara trägt Skatarhaks Kinder aus, weil er sie ihr schenkt, aber sie ist niemand, der sich an den Herd stellt oder sich mit Erziehung herumschlägt. Sie ist eine Kriegerin, und du wirst sie vermutlich nicht einmal häufig hier sehen. Sie liebt den Kampf und die Herausforderung viel zu sehr, um sesshaft zu werden. Nein, für euch Kinder bin ich Großmutter und Mutter zugleich, so lange ihr mich braucht. Ruhara wollte nie Mutter sein. Das ist meine Aufgabe.«

Sie legte eine Hand auf seine und sah ihn an.

»Ich habe eine Bitte an dich, Cridan. Tiko ist von dir sehr angetan. Er ist noch jung, und er neigt dazu, sein Herz schnell zu verschenken und sich bedingungslos in Freundschaft zu ergeben. Er ist ein guter Junge, und er wird eines Tages Skatarhaks Erbe sein. Er hat dich als Freund auserwählt, und ich würde mich freuen, wenn du diese Freundschaft erwiderst. Was immer du aber auch tust: Enttäusche ihn nicht.«

Cridan rutschte unruhig hin und her, wich ihrem Blick jedoch nicht aus.

»Ich will niemanden enttäuschen«, antwortete er. »Aber ich kenne ihn doch erst seit ein paar Stunden. Wie kann ich entscheiden, ob ich sein Freund sein will?«

Khal'atra lächelte. »Wer, wenn nicht ein T'han T'hau wie du, kann das entscheiden?«

Er schwieg. Dann musste er ebenfalls lächeln.

»Du hast Recht, Khal'atra. Und ich will dir deine Bitte gerne erfüllen. Ich werde Tikos Freund sein. Und ich werde ihn nicht enttäuschen. Ihn nicht, Skatarhak nicht, und auch dich nicht. Das verspreche ich.«

Die alte T'han T'hau neigte zustimmend und beinahe ein wenig dankbar den Kopf, dann erhob sie sich und begann den Abstieg zurück zum Haus.

»Dann lass uns keine Zeit mehr verlieren«, schlug sie vor. »Kannst du lesen?«

»Ein paar Buchstaben«, gab er achselzuckend zu. »Aber auch die nicht besonders gut.«

Khal'atra drehte sich nicht einmal zu ihm um. »Nun, in ein paar Wochen wirst du es können.«

Cridan war diesbezüglich etwas skeptisch, aber sie sollte Recht behalten: Jeden Tag nach dem Frühstück quälte sie ihn stundenlang mit Schriften, Texten und Schreibübungen, bis er schließlich keine Mühe mehr hatte, die verschnörkelten Dokumente, die sie ihm vorlegte, zu entziffern. Erst dann widmeten sie sich anderen Dingen.

Der Nachmittag gehörte Maret'kar und seinem Unterricht – und das war etwas völlig anderes. Wo Khal'atra gütig und geduldig war, war der alte T'han T'hau reizbar und schwer zufrieden zu stellen. Cridan gab stets sein Bestes, schuftete, kämpfte und lernte wie ein Besessener, doch für Maret'kar schien es nie genug.

Cridan versuchte, sich einzureden, dass es über die Zeit schon besser werden würde, doch das wurde es nicht – er gewöhnte sich nur daran.

Wenn Skatarhak da war, was leider recht selten vorkam, waren Cridans Tage deutlich entspannter. Dann verbrachte er die meiste Zeit mit ihm in den Bergen, jagte, fischte und lernte den Herrscher über alle T'han T'hau immer besser kennen.

Skatarhak war nicht immer einfach: Als einziger Erbe von Thrindau'kho war er schon als zukünftiger König der T'han T'hau aufgewachsen und kannte seine Privilegien von klein an. Er erwartete Gefolgschaft und Treue, bedingungslosen Gehorsam und Ergebenheit, und wenn er das nicht bekam, konnte er entsetzlich wütend werden. Doch es gab auch Momente, in denen sie einander wie ebenbürtige Freunde behandelten, und je länger und besser sie sich kannten, umso häufiger wurden diese Zeiten.

Cridan begriff allmählich, was es wirklich bedeutete, Skatarhaks ficha'thar zu sein. Er war nicht nur sein Vollstrecker, sondern auch sein einziger wirklicher Freund und der einzige, dessen Meinung der König tatsächlich gelten ließ. Skatarhak akzeptierte es, wenn Cridan einen anderen Standpunkt vertrat als er selbst, und als Cridan ihm in einem unbedachten Augenblick das erste Mal widersprach, sah er ihn scharf an, lachte dann aber nur.

Von diesem Tag an wusste Cridan, dass Skatarhak ihn wirklich als seinen ficha'thar wollte. Sie waren auf einem gemeinsamen Weg, auf dem sie mehr sein würden als König und Untergebener – doch er hütete sich, dies jemals in der Gegenwart anderer auszunutzen. Davon abgesehen, dass Skatarhak eine solche Tat vermutlich sofort mit aller Gnadenlosigkeit und Härte bestraft hätte, war Cridan ihm in ehrlicher Freundschaft und Treue ergeben und hätte sich lieber die rechte Hand abhacken lassen, als ihm in den Rücken zu fallen.

Skatarhak war sein König, sein Ziehvater und sein Freund – und Cridan respektierte ihn aus tiefstem Herzen.

Er hatte sich rasch in Skatarhaks Familie eingelebt, fühlte für Tiko nicht nur wie für einen Freund, sondern vielmehr wie für einen Bruder. Marud'shat und er waren nach anfänglicher Scheu eine vorsichtige Freundschaft eingegangen, und Inth Silia bewunderte er nach wie vor. Khal'atra war ihm wie eine Mutter.

Ruhara war meist mit den Kriegern unterwegs, und auch die beiden anderen T'han T'hau, die Cridan hier kennengelernt hatte, Cer'thrat und Rothmar, hielten sich kaum auf dem Hof auf. Sie begleiteten Skatarhak, auch wenn Maret'kar zu Hause blieb, und da das zunehmend häufiger geschah, waren sie nur selten daheim. Allerdings verstand Cridan sich mit ihnen deutlich besser als mit Maret'kar – sie sahen in ihm keinen Rivalen, sondern einen jüngeren Kameraden, dem sie mit wohlwollendem Erwarten gegenüber traten. Vor allem mit Cer'thrat verstand er sich gut.

Der ältere Rothmar mit der eigenartigen Schuppung auf der rechten Wange – fünf Strahlen, die von einem Kreis auszugehen schienen – war ernster, häufig auch mürrisch und missmutig, ließ aber seine schlechte Laune nie an anderen aus.

Die einzigen, die Cridan von Zeit zu Zeit vermisste, waren sein Vater, seine Mutter und auch sein Bruder. Anthro'kar kam jedoch alle paar Monate zu Besuch, um seinen Sohn zu sehen, und er brachte immer entweder Guthrag oder Kakey mit.

Alles in allem hätte sich Cridan kein besseres Leben erträumen können.

3. Kapitel – Glück und Enttäuschung

Sechs Jahre später

»Was machst du da?«

Inth Silia beugte sich neugierig über Cridans Schulter, um ihm auf die Hände schauen zu können. Sie musste sich ordentlich recken dafür, denn wenn sie auch nicht klein war, so hatte Cridan in den letzten Jahren etliches an Größe und Breite zugelegt. Einem ausgewachsenen T'han T'hau stand er kaum nach, und es sah so aus, als würde er in einigen Jahren die meisten von ihnen überragen.

Er blickte auf, drehte sich halb zu ihr um und schob sie ein wenig zur Seite.

»Üben«, gab er knapp zur Antwort.

Sie hob die Brauen. »Üben, üben, üben – besteht dein Tag auch noch aus anderen Dingen?« neckte sie ihn.

Cridan schnitt eine Grimasse. »Das kannst du ja mal Maret'kar fragen. Er ist der Meinung, ich tue nie genug für seine Unterrichtsstunden.«

Inth Silia nahm ihm die Arbeit aus den Händen und musterte die Schlinge aus feinem Draht, die er gezwirbelt hatte.

»Ich weiß nicht, was Maret'kar hat«, murmelte sie achselzuckend. »Die hier ist so perfekt wie jede andere von dir, die ich gesehen habe. Was will er denn noch?«

»Maret'kar kann mich nicht leiden«, gab Cridan zur Antwort. »Konnte er von Anfang an nicht. Er weiß, was ich in ein paar Jahren sein werde, und deshalb hasst er mich und versucht, mich zu drangsalieren, wo immer er nur kann.«

Inth Silia lächelte, ließ achtlos die Drahtschlinge fallen und setzte sich auf seinen Oberschenkel. Cridan stockte der Atem. Er mochte die junge T'han T'hau, sehr sogar, und es war nicht nur Khal'atra zuliebe, sondern auch ihretwegen, dass er sich seit seiner Ankunft hier so sehr um ihren jüngeren Bruder Ratiko'khar bemüht hatte – Silia vergötterte Tiko geradezu, und je enger dieser mit Cridan befreundet war, umso häufiger kam Cridan dazu, Zeit mit Inth Silia zu verbringen. Sie vertrugen sich gut, ebenso wie er sich mit ihrer Schwester Marud'shat verstand, aber Silia hatte ihm nie mehr als mildes Interesse entgegengebracht, und so hatte auch Cridan seine Gefühle für sie zurückgehalten.

Ihre plötzliche körperliche Nähe machte ihn unruhig, ebenso wie der Blick, den sie ihm schenkte.

»Maret'kar hasst dich nicht. Er hat nur Angst vor dir. Er weiß, dass er dir unterlegen ist. Du hast es ihm ja oft genug bewiesen.«

Cridan schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Inth Silia hatte Recht. Maret'kar hatte, auf Skatarhaks Befehl hin, einen Teil von Cridans Erziehung und Ausbildung übernommen. Er hatte ihm beigebracht, mit jeder erdenklichen Waffe, auch dem eigenen Körper, zu kämpfen, hatte ihn gelehrt, nach welchen Gesetzen die T'han T'hau lebten, welche Straftaten es gab, welche Konsequenzen und Bestrafungen sie nach sich zogen und wie diese auszuführen waren.

Cridan hatte diese Lehren dankbar angenommen, sich nach Kräften bemüht, dem älteren T'han T'hau und damit indirekt Skatarhak alles Recht zu machen – doch je besser er wurde, um so größer wurde Maret'kars Wut und Hass auf ihn.

Der unbekannte Junge Cridan, den Skatarhak aus den Bergen mitgebracht hatte, zeigte ein außerordentliches Geschick, mit Waffen umzugehen, und mit dem Schwert war er rasch jedem anderen überlegen. Skatarhak hatte schließlich einen weiteren Lehrer für ihn gesucht und mitgebracht, den besten Schwertkämpfer und größten Krieger unter den T'han T'hau, und selbst dieser hatte sich nach zwei Jahren geschlagen gegeben. Es gab nichts mehr, was er Cridan hätte beibringen können oder was dieser nicht schon besser zu tun vermochte.

Darüber hinaus war Cridan klug, und was Maret'kar ihm beibrachte, sog er auf wie ein Schwamm, konnte es bereits nach dem ersten Mal auswendig, zog korrekte Schlussfolgerungen und wies Maret'kar manches Mal auf Unstimmig­keiten hin, die ihm auffielen und die er sich alleine nicht erklären konnte.

»Ich bin nicht hierher gekommen, um ihm irgend etwas streitig zu machen«, sagte er verärgert. »Es war Skatarhak, der mich dazu auserwählte. Ich folge lediglich meinem Treueschwur.«

»Und das soll es besser für ihn machen?« Inth Silia lachte, beugte sich vor und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Ihre Finger strichen über die Schuppen auf seinem Brustkorb, die im letzten Jahr einen satten, grünlich goldenen Ton angenommen hatten. »Sein eigener König, dem er sich so sehr verschrieben hat wie zuvor Thrindau'kho, lässt ihn nur zu deutlich spüren, dass die Zeit gekommen ist, ihn zu ersetzen. Und das soll ihn trösten?«

»Das soll ihn nicht trösten«, brummte Cridan missmutig. »Aber es sollte einen vernünftigen Mann dazu bringen, seinen Platz nicht nur freiwillig zu räumen, sondern auch den Nachfolger dafür so gut wie möglich auszubilden und zu formen, solange er noch die Gelegenheit dazu hat!«

Jetzt lachte sie laut.

»Ach, Cridan, das tut er doch! Und das weißt du ganz genau, sonst würdest du all seine Schikanen nicht mit solcher Gelassenheit ertragen. Die wievielte Schlinge ist das hier?« Sie stupste den Draht mit dem bloßen Fuß an. »Die hundertste? Die tausendste? Sie ist längst perfekt, und dennoch ärgert er dich immer wieder damit.«

Cridan grinste.

»Du hast ja Recht«, gab er zu. »Außerdem – wenn man seine Eifersucht und seinen Jähzorn weglässt, ist er ein anständiger Kerl. Ich kann ihn eigentlich sogar ganz gut leiden.«

Inth Silia schmiegte sich dichter an ihn. »Na also. Vermutlich findet er dich auch gar nicht so unausstehlich, wie er immer tut.«

»Meinst du?« Cridan hob eine Braue, sah auf sie hinab – und war sich auf einmal ihrer Finger sehr bewusst, die über seine Brust strichen. Ihre Wange lehnte warm an seiner Schulter. Ein zarter, köstlicher Duft stieg von ihr auf, kitzelte seine Nase und ließ seine Eingeweide brennen.

»Silia«, begann er zögernd. »Was tust du hier eigentlich?«

Sie blickte ihn mit einer Mischung aus Spott und Herausforderung an. »Du bist doch sonst so klug«, sagte sie leise. Ihre Stimme war rauer als sonst. »Was meinst du, was ich hier tue?«

Cridan spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Götter, sie war so unglaublich schön – schöner noch als ihre Mutter, schöner als alles, was er je in seinem Leben gesehen hatte, und seit sie kein Kind mehr war, hatte er es noch stärker gespürt als zuvor. Sie war mit ihm aufgewachsen, war so vertraut wie eine echte Schwester, und doch… Die Gefühle, die in ihm aufwallten, hatten mit geschwisterlicher Liebe rein gar nichts mehr zu tun.

Mit einem Ruck schob er sie von seinem Bein und stand auf, hielt ihre beiden Hände fest.

»Du gehst zu weit, Silia«, murmelte er. »Wenn du nicht aufhörst, wirst du es nicht mehr kontrollieren können.«

Sie wand sich in seinem Griff, ohne sich wirklich um Befreiung zu bemühen.

»Wer sagt dir denn, dass ich es kontrollieren will?« gab sie zurück. »Sieh mich an: Ich bin kein kleines Mädchen mehr. Und du bist kein kleiner Junge mehr. Du bist ein Mann, bald sogar ein Krieger. Und ich weiß, was ich will. Ich will dich. Wenn du damit ein Problem hast, bitte«, sie zuckte die Achseln, »dann werde ich eben wieder deinen Bruder fragen. Er hatte nicht diese Scheu.«

»Was hat Guthrag damit zu tun?« fragte Cridan stirnrunzelnd. Es war noch nicht lange her, dass sein Vater und Guthrag zu Besuch gekommen waren. Sie hatten einige Tage auf dem Hof verbracht, bevor sie wieder abgereist waren.

Sie lachte glockenhell auf und legte blitzschnell seine Arme um sich. »Was Guthrag damit zu tun hat? Nichts – außer dass er ein Mädchen wie mich zu schätzen weiß.«

Er biss sich auf die Unterlippe. »Du bist… Du hast mit Guthrag…«

»Freilich.« Sie hob die Schultern. »Hin und wieder habe ich das Verlangen nach einem Mann, und er hat bereits Erfahrung. Als ich ihn neulich bei seinem Besuch hier sah… Er ist dir so ähnlich, Cridan, und doch ganz anders. Wenn du mich nicht willst, muss ich mir jemanden suchen, der genauso viel zu bieten hat.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich dich nicht will!«

»Worauf wartest du dann?« Sie sah ihn an. »Ich werde keine Ewigkeit hier stehen, bis du dich endlich entscheidest.«

Ein letztes Mal zögerte er, aber dann schlug er seine Bedenken in den Wind. Sie war hier, sie wollte ihn, und er wollte sie schon so lange, wie er sie kannte, gehörten ihr doch seine ersten und letzten Gedanken am Tag und so viele dazwischen.

»Du wirst keine Ewigkeit warten müssen«, sagte er entschieden, ließ sie los und fasste ihr Gesicht mit beiden Händen. Sie hob das Kinn und sah ihm in die Augen, als er sich über sie beugte und sie küsste.

Das Gefühl ihrer Lippen auf seinen war atemberaubend. Sie roch und schmeckte überwältigend, und als sie sich von ihm löste, sich umdrehte und ihn an der Hand hinter sich her zog, folgte er ihr widerstandslos.

Inth Silia führte ihn weg vom Haus, die steile Geröllwand hinauf und immer weiter nach oben, bis sie schließlich die Findlinge erreichten, die kreuz und quer über den Hang verstreut lagen. Hier ließ sie ihn los, setzte sich auf einen der großen Steine und schürzte auffordernd die Lippen.

»Was ist? Kommst du nun her oder muss ich dich holen?«

Cridan schüttelte langsam den Kopf.

»Nein«, sagte er leise, trat zu ihr und küsste sie erneut, bedeckte ihr Gesicht und ihre Hände mit Küssen. Eine Weile ließ sie es sich gefallen, doch dann rollte sie sich zur Seite, drückte ihn ein Stück zurück und sah ihn mit gerunzelter Stirn an.

»Wie lange willst du so weiter machen? Ich meine, das ist ja ganz nett, aber eigentlich bin ich für etwas anderes zu dir gekommen.«

Für einen Moment war er irritiert, doch dann hob er die Schultern.

»Wie du willst«, murmelte er.

Sie lächelte, richtete sich auf und zog sich mit wenigen Handgriffen die Kleider aus. Der Anblick ihres nackten Körpers in der Sonne und dazu ihr Duft ließen ihn schwindeln. Er spürte, wie hart seine Erregung zwischen seinen Schenkeln war. Als sie seinen Gürtel packte und ihm die Hose über die Knie nach unten schob, hätte er beinahe das Gleichgewicht verloren. Gerade noch rechtzeitig fing er sich.

Sie lachte, legte sich auf den Rücken und zog ihn zwischen ihre gespreizten Beine. Das reichte, um Cridans Denken aussetzen zu lassen: Mit einem kehligen Knurren rammte er sich mit der gesamten ungestümen Kraft seiner Jugend in sie hinein. Es war ein kurzer Akt, und als Cridan wieder zur Besinnung kam, wurde ihm bewusst, dass er sich ziemlich rücksichtslos verhalten hatte.

»Tut mir Leid«, sagte er betreten.

Inth Silia musterte ihn aus ihrer liegenden Position. Sie hatte die rechte Braue hochgezogen und schwieg einen Moment. Dann zuckte sie die Achseln. »Ich bin mir sicher, du bist noch nicht fertig«, bemerkte sie knapp.

Es dauerte einen Moment, bis er die Bedeutung ihrer Worte begriffen hatte, aber dann musste er lächeln. Als er sich jedoch über sie beugen wollte, um sie zu liebkosen, stieß sie ihn beinahe unwillig zurück.

»Oh, bei den Göttern, Cridan, ich dachte, das hättest du verstanden! Ich will vögeln – auf das Drumherum kann ich gerne verzichten!«

Cridan schluckte. Ihm wurde schmerzlich klar, dass er sich getäuscht hatte – nicht er hatte sie benutzt, es war genau umgekehrt. Und im selben Augenblick, in dem er das begriffen hatte, wusste er auch, dass er nichts dagegen tun würde. Er liebte dieses Mädchen, und wenn das der Preis war, um sie zu besitzen, dann würde er ihn zahlen.

»Gib mir einen Moment«, murmelte er, schloss die Augen und rief sich ins Gedächtnis, was es für ein Gefühl gewesen war, sie das erste Mal zu küssen, sie in den Armen zu halten, sich in ihr zu spüren. Gleichzeitig sog er tief die Luft ein, nahm ihren Duft wahr und lauschte auf die Antwort, die all das in ihm hervorrief.

Nur wenig später wand sie sich zuckend und stöhnend unter ihm, bis sich schließlich ihre Lust in einem langgezogenen Keuchen entlud. Alleine der Anblick ihres entrückten Gesichts und die Geräusche ihrer Erregung waren so aufreizend für ihn, dass er sich seinem zweiten Höhepunkt näherte. Doch da setzte sie sich auf, rutschte zurück, so dass er aus ihr hinaus glitt, und lächelte ihn an.

»Geht doch«, sagte sie fast ein wenig spöttisch, angelte nach ihren Kleidern und begann, sich wieder anzuziehen.

Cridan fand keine Worte. Er versuchte mühsam, seinen Atem und seinen Pulsschlag wieder unter Kontrolle zu bringen, während er zusah, wie sie in ihre Kleider stieg. Schließlich wandte sie sich zu ihm um.

»Ich bin dafür, dass wir das noch ein wenig üben«, schlug sie vor. »Aber für dein erstes Mal war es nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte.« Sie lachte, tippte ihm mit der Fingerspitze aufs Kinn und ging davon.

Cridan starrte ihr hinterher. Ein bitterer Geschmack breitete sich auf seiner Zunge aus, gesellte sich zu dem ziehenden Schmerz in seinen Lenden und der plötzlichen Kälte in seinem Inneren.

Langsam ließ er sich auf den Stein sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Ihre Ungerührtheit und die Achtlosigkeit, mit der sie ihn behandelt hatte, waren wie ein Stachel in seiner Seele. Und trotzdem… Wenn er die Augen schloss, sah er sie vor sich, wie sie sich ihm hingab, wie sie genoss, was er in ihr tat.

Im gleichen Maße, wie er begriff, dass er sich in sie verliebt hatte, begriff er auch, dass es das Schlimmste war, was er machen konnte, wenn er sich von ihr benutzen ließ – und dass er doch nichts anderes tun würde.

4. Kapitel – Aufbruch

Schon von weitem sah er Maret'kar, der an die Hauswand gelehnt da stand, die Arme vor der Brust verschränkt. In seiner Rechten hielt er die Drahtschlinge, die Cridan geflochten hatte. Er wartete, bis der junge T'han T'hau auf wenige Schritte an ihn herangekommen war, dann stieß er sich von der Mauer ab und trat auf ihn zu.

»Das hier habe ich hinter dem Haus gefunden«, sagte er und schwenkte die feine Schlinge in seiner Hand. »Gibt es dafür eine Erklärung?«

Cridan hörte nicht nur an seiner Stimme, dass mühsam unterdrückter Zorn in ihm schwelte, er roch den Ärger auch.

Halb entschuldigend, halb trotzig senkte er den Kopf und antwortete durch zusammengebissene Zähne: »Natürlich gibt es dafür eine Erklärung. Die Frage ist nur, ob du sie hören willst. Und ob sie dich interessiert, nach der hundertsten Schlinge, die ich für dich geflochten habe.«

Der Fausthieb kam blitzschnell und riss Cridan von den Füßen. Mehr überrascht als verletzt berührte er seinen schmerzenden Kiefer, rieb darüber und rappelte sich wieder auf. Noch nie hatte Maret'kar ihn geschlagen. Er hatte ihn getriezt, ja, mit allen möglichen Strafen und Zusatzarbeiten belegt, aber er hatte ihn nie geschlagen.

Jetzt stand der alte T'han T'hau vor ihm, die Augen flammend vor Wut.

»Du bist kein Kind mehr«, fuhr er ihn an. »Also hör auf, dich wie eines zu benehmen! Ich weiß, wo du warst und mit wem du dort warst, aber nichts davon ist eine Rechtfertigung, deine Aufgaben zu vernachlässigen!«

»Aufgaben?« Cridan schnaubte wütend. Er war mindestens ebenso zornig wie Maret'kar. Erst die Enttäuschung durch Inth Silia, jetzt auch noch eine sinnlose Auseinandersetzung mit Skatarhaks altem ficha'thar – er hatte genug!

»Was denn für Aufgaben? Sag mir, Maret'kar, was sind meine Aufgaben? Tausend und abertausend Mal Dinge zu tun, die ich längst kann und die mir lästig sind, nur um dich und deine Rachsucht zu befriedigen? Ich habe dir nie etwas getan! Seit ich hier bin, habe ich immer versucht, dir alles Recht zu machen, und dennoch bist du mit nichts von alledem zufrieden gewesen! Wo ist also der Unterschied, ob ich diese verdammte Schlinge noch dreimal mehr durch die Finger ziehe oder nicht? Sie wird dir doch nicht gut genug sein!«

Irgendwie hatte er erwartet, dass Maret'kar aufbrausen oder ihn vielleicht sogar noch einmal schlagen würde, aber das Gegenteil war der Fall. Der T'han T'hau holte tief Luft, als wollte er etwas sagen, doch dann atmete er langsam wieder aus, schüttelte ganz kurz den Kopf und sah Cridan an.

»Komm mit«, sagte er. Es klang erstaunlich friedfertig. »Wir müssen reden.«

Widerwillig folgte Cridan ihm. Sie gingen wieder ein Stück weit den Hang hinauf, dann jedoch wandte Maret'kar sich nach links und folgte einem der schmalen Pfade bis zu dem Punkt, wo die ersten kleinen Kiefern ihre Wurzeln in den felsigen Boden geschlagen hatten. Dort blieb er stehen, stützte sich mit der Rechten gegen einen der niedrigen Baumstämme und blickte ihn an.