D'Beißzang vom Filstal - Inge Zinßer - ebook

D'Beißzang vom Filstal ebook

Inge Zinßer

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Opis

Samstagmorgen! Schon in der Früh scheucht die Hausbesitzerin Hedwig Maier ihre Mieter auf, weil sie beim Putzen der Klingeln „aus Versehen“ auf die Knöpfe drückt. Da ist Stimmung im Haus, keine gute, versteht sich. Die Mieter kennen ihren „Hausdrachen“, der mit strengem Regiment über die Vorgänge wacht. Ob Kehrwoche, Lärmpegel oder Müllsortierung. Alles wird kontrolliert. Frau Maier entgeht nichts. Eines Tages wird sie in der Nähe ihres Hauses tot aufgefunden. Hat sie es zu weit getrieben? Gibt es etwa dunkle Flecken in ihrer Vergangenheit? Kommissar Zondler und Aichele, sein Kollege, haben es bei der Suche nach dem Täter nicht leicht. Denn überall erhalten sie die gleiche Antwort: „S‘ war halt a rechte Beißzang.“

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Liczba stron: 269




Inge Zinßer

geboren 1954, verheiratet, lebt in Hochdorf, einer kleinen Gemeinde im Kreis Esslingen.

Sie ist Buchhändlerin und war lange Zeit in verschiedenen Sortimenten tätig. Seit ein paar Jahren arbeitet sie nicht mehr in einer Buchhandlung – ist aber jede Woche dort zu finden – immer auf der Suche nach Schönem.

Der Lesevorrat für ihre sechs Enkelkinder und für sich selbst darf nie ausgehen.

Nach Grabsharing und Mordstour ist dies ihr dritter Regionalkrimi mit Kommissar Zondler.

Näheres zur Autorin und ihre Lesetipps unter: www.allerleigeschichten.de.

Inge Zinßer

D’ Beißzang vom Filstal

Schwabenkrimi

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen.Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel+Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2019Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehalten.Titelbild: © Silvio Bürger / BILDGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd WeilerKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-038-4

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Es war ein ganz normaler Samstagmorgen in Reichenbach. Die Kirchturmuhr hatte eben die halbe Stunde nach sieben Uhr geläutet. Wie jeden Samstag, seit sie denken konnte, putzte Hedwig Maier den Eingang ihres Sechsfamilienhauses. Sie wollte es sauber haben. Nicht, dass die Leute redeten. Da ließ sie nichts auf sich kommen. Sie spuckte auf das Mikrofasertuch in ihrer Hand und fing an, energisch die Klingelknöpfe zu polieren. Um die Knöpfe richtig sauber zu kriegen, musste sie auch an die Ränder und dabei ließ es sich nicht vermeiden, den einen oder anderen Knopf etwas zu tief zu drücken. Die Reaktionen kamen prompt.

»Ja, bitte?«, tönte es durch die Sprechanlage von Schulzens aus dem ersten Stock. Familie Schulz hatte zwei jüngere Kinder, die sicher schon wach waren, die hatte sie bestimmt nicht gestört. Und wenn, dann wäre es ihr auch egal.

»I bin’s, die Frau Maier. Hab i Sie etwa aufgweckt? I bin grad am Putza von der Klingel und von der Haustür. Nix für ungut, ’s isch also bloß falscher Alarm«, antwortete sie zuckersüß.

Hedwig hörte nur noch ein Gemurmel im Hintergrund mit einem Fluch, sonst keine Antwort mehr. Das war sicher der rüpelhafte Schulz selber gewesen. Da kam der Nächste.

»Hallo, wer ist da?«

Das war der Herr Sommer, ebenfalls aus dem ersten Stock. Sie wiederholte was sie grade vorher gesagt hatte.

»Das ist ja wunderbar, dass Sie schon so fleißig sind, Frau Maier! Aber ginge das nicht auch unter der Woche? Oder vielleicht ein klitzekleines bisschen später? Wissen Sie, der eine oder andere im Haus hier, würde vielleicht gerne ausschlafen am Samstag. Ich wäre Ihnen jedenfalls sehr dankbar, wenn Sie unsere Klingel nicht mehr unnötig drücken würden!«

Herr Sommer hörte sich ziemlich wütend an. Hedwig Maier war beleidigt und erwiderte nichts. Da schaffte und schuftete sie, ja auch für die anderen, und was war der Dank? Natürlich hätte sie unter der Woche Zeit, aber schließlich wollte sie ihren Mietern auch demonstrieren, was sie alles machen musste, und dass sich so ein Haus nicht von alleine instand hielt. Schließlich war sie diejenige, die hier nach dem Rechten zu sehen hatte, sonst würde ihr Haus doch verwahrlosen.

Sie sah gerade noch, wie Herr Brosämle aus dem Erdgeschoss den Kopf zu seiner Wohnungstür herausstreckte, und diese sogleich wieder schloss, als er den Putzteufel sah. So früh am Morgen wollte auch er noch nichts mit Frau Maier zu tun haben.

Jetzt erst recht, beschloss sie und polierte mit Inbrunst die oberen Knöpfe auf dem Klingelbrett.

Allerdings ohne Erfolg. Die junge Frau aus dem zweiten Stock, Nicole Weber hieß sie, war vielleicht gar nicht daheim. Hedwig hatte eh den Verdacht, dass diese ein flatterhaftes Leben führte. Sie würde sich das mal genauer ansehen müssen. Ihr Haus war ein ordentliches und würde es auch bleiben.

Blieb noch das Schwulenpärchen neben der Weber auf derselben Etage. Sie wohnten jetzt seit gut einem Jahr im Haus und waren laut eigener Aussage sogar verheiratet. Zuerst hatte sie gedacht, es seien Brüder, weil sie denselben Nachnamen hatten. Hedwig Maier wurde dann aufgeklärt. Sie traute sich nicht, das versprochene Mietverhältnis deswegen wieder aufzukündigen, aber etwas suspekt war ihr dieses Verhältnis schon. Die zwei waren höflich und nett, sie konnte bisher nichts Nachteiliges sagen. Aber Hedwig traute keinem. Wer wusste schon, was hinter der Wohnungstür vor sich ging! Hedwig war informiert. In den Krimis im Fernsehen sah sie oft solche Szenekneipen. Wenn sie nur daran dachte, dass die dort oben auch so rumliefen, dann kräuselte sich ihr die Dauerwelle! Hedwig Maier war nicht unbedingt ein Mensch, der reflektierte, was er im Fernsehen vorgesetzt bekam.

Jedenfalls reagierten die Herren auch nicht auf das Geklingel. Außerdem hatte sie kürzlich eine kleine Auseinandersetzung mit dem einen gehabt, fiel ihr noch ein, könnte sein, dass dieser Oliver Hartmann beleidigt war. Und wenn schon, er war schließlich nur ein kleiner Teil der Welt, das konnte ihr gleichgültig sein. Es fiel ihr nicht leicht mit diesen Menschen. Wohnten hier ihr Haus herunter und nahmen alles als selbstverständlich. Nicht mal die Kehrwoche machten sie ordentlich. Man musste doch seine Pflichten erfüllen. Das tat sie schließlich gewissenhaft jeden Tag, den der Herr werden ließ.

Hedwig machte sich nun an die Namensschilder, die bald wie neu blitzten. So musste das sein! Das sah wieder viel besser aus und war schön sauber. Schließlich waren die Klingeln wie ein Aushängeschild des Besitzers und der Mieter des Hauses. Mit ihrem geübten Auge konnte sie bei vielen Adressen in der Straße gleich sagen, wie man es in dem jeweiligen Haus mit der Sauberkeit hielt. Sie wollte gerade ins Haus zurück, als sie den Prospektausträger mit seinem Trolley um die Ecke biegen sah. Der kam ihr gerade recht!

»Du kannsch glei wieder ganga!«

Der junge Mann sah sie verständnislos an.

»Mir brauchet dei Papier net, mach, dass de weiterkommsch! Überall liegt des Zeug rum. Werbung, Werbung und nix als überflüssiger Konsum. Und dann lieget die Blätter im Hauseingang rum und i ka’s wieder aufklauba.«

Der Prospektausträger hatte immer noch kein Wort verstanden, er kam eindeutig aus einem anderen Kulturkreis und war des Schwäbischen nicht mächtig. Aber die Botschaft war auch so eindeutig. Er machte, dass er weg kam. Zufrieden mit sich und den erledigten Aufgaben ging Hedwig in ihre Wohnung zurück. Der Samstag hatte für ihre Begriffe sehr gut angefangen.

Hedwig Maiers Haus stand in einem ruhigen Viertel Reichenbachs – dem an der Fils, wie sie stets betonte – in der Buchengasse. In einiger Entfernung verlief die viel befahrene Straße auf den Schurwald, aber hier bekam man nicht viel davon mit. Die Wohngegend hatte viele Vorzüge. Es war nicht weit ins Zentrum und alles, was man zum täglichen Leben brauchte, war gut zu Fuß erreichbar. In Reichenbach ließ es sich wirklich gut leben, für alles war gesorgt. Es gab Kindergärten, Schulen, Ärzte, viele Einkaufsmöglichkeiten und auch einen Bahnanschluss, der von vielen Pendlern in Richtung Stuttgart eifrig genutzt wurde. Seit einigen Jahren gab es auch eine Pflegeheimeinrichtung. Für Hedwig kam diese allerdings nicht infrage. Zumindest nicht die nächsten zehn Jahre und solange sie ihre Sinne beieinanderhatte. Dort müsste sie sich nach anderen Leuten richten und nein, allein der Gedanke daran war ihr zuwider. Seither war das immer umgekehrt gewesen, sie hatte das Sagen und so sollte es auch bleiben!

Im ersten Stock hatte der Samstag nicht so gut angefangen. Herr Sommer war sauer. Er war wirklich noch hundemüde. Die ganze Arbeitswoche war sehr anstrengend gewesen und er brauchte dringend Schlaf. Und nur wegen dieser blöden Kuh von Maier wurde er aus dem Bett geworfen. Wegen nichts! An Einschlafen war nun nicht mehr zu denken, das kannte er aus Erfahrung. Am besten, er zog sich an und ging zum Bäcker. Damit würde er Monika eine Freude machen, vielleicht war sie ihm dann wieder etwas wohlgesonnener. Ihre Ehe lief momentan nicht besonders gut. Jeder machte sein Ding. Er arbeitete zu viel und war kaum zu Hause und was sie machte, wusste er gar nicht so genau. Aber zufrieden wirkte seine Frau nicht, jedenfalls nicht mit ihm. Manchmal hatte sie ein versonnenes Lächeln um die Lippen, das ihn eigentlich misstrauisch machen sollte, aber er beschloss, es lieber nicht wahrzunehmen. Sommer seufzte. Er würde sich mehr um sie kümmern müssen, vielleicht mal ein Wochenende wegfahren oder so. Ehrlich gesagt, war ihm dieser zusätzliche Aufwand aber zu viel. Sie hatte doch alles und konnte tun und lassen, was sie wollte! Ständig diese Unzufriedenheit und das Genörgel, manchmal hatte er wirklich genug von ihr. Alles, was er wollte, war seine Ruhe. Kein Chef, keine Frau, keine Verpflichtungen und schon gar keine Maier am hellen Morgen. Kurz spielte er mit dem Gedanken, Zigaretten holen zu gehen und nicht wiederzukehren. Aber es war nur ein Gedankenspiel.

Monika hatte sich noch einmal umgedreht, er sah nur ihre verstrubbelten Haare unter der Bettdecke hervorschauen. Leise schnappte er sich seine Kleider vom Vortag, die neben seinem Bett lagen, und schlich aus dem Schlafzimmer. Im Bad zog er sich an, schlüpfte in Schuhe und Jacke und verließ dann die Wohnung. Der Bäcker war nicht weit, nur zwei Häuserblocks um die Ecke.

Die frische Luft tat Sommer gut, er atmete tief durch und fühlte sich etwas besser. Vielleicht wurde es ja doch noch ein guter Tag! Schon vor der Tür des Bäckerladens roch es einladend und er freute sich auf die knackigen Brezeln und die lockeren Croissants. Hmm … und Mütschele gab es heute auch! Es war noch ein altes, traditionelles Familiengeschäft, das ohne Fertigmischungen auskam und das schmeckte man einfach. Die Verkäuferinnen kannten jeden ihrer Stammkunden, wahrscheinlich wussten sie sogar im Voraus, was sie in ihre Tüte haben wollten. Einer spontanen Idee folgend nahm er noch eine Flasche Sekt aus dem Kühlregal mit und ein Päckchen Lachs lag dort auch. Pfeifend trat er den Rückweg an und seine Laune war merklich besser geworden. Dann aber traf er auf Hedwig Maier unter der Haustür. Warum die hier schon wieder herumlungerte, war ihm ein Rätsel, anscheinend hatte sie nichts Besseres zu tun, als ihren Mietern aufzulauern.

»So, waret Sie scho beim Bäcker? Und Sekt gibt’s au no! Ja, Ihne scheint’s ja gut zu gehen, ’s isch net wie bei arme Leut, gell?«

»Ab und zu muss man sich auch mal etwas gönnen, Frau Maier. Meinen Sie nicht auch?«, antwortete Herr Sommer und bemühte sich, ausnahmsweise freundlich zu sein.

»Man muss es sich aber auch leischta könna. Waret net Sie derjenige, der die Miete net rechtzeitg zahla hat könna? Aber Sekt trinka, des han i gern!«

Die Vermieterin sah ihn bissig an. Herr Sommer machte, dass er weg kam. Das fehlte ihm grade noch, dass die Maier hier vorm Haus seine Geldschwierigkeiten herumposaunte. Aus war es mit seiner guten Laune. Irgendwann würde er es ihr heimzahlen, so konnte diese alte Schachtel nicht mit ihm umspringen! Sein Blutdruck stieg bedenklich in die Höhe und er hätte am liebsten irgendetwas zerschlagen!

»Vergesset Sie die Miete net!«, rief ihm Hedwig Maier noch laut nach.

In der Wohnung angekommen, pfefferte Sommer die Bäckertüte auf den Esstisch. Die platzte auf und die Brötchen kullerten zum Teil auf den Boden. Dabei hinterließen sie eine breite Spur aus Bröseln und Körnern. Auch das noch. Nur wegen der blöden Maier! Die konnten einem wirklich den Tag versauen! Erst zu fast nachtschlafender Zeit die Klingel malträtieren und ihn dann auch noch so unverschämt anquatschen. Er konnte Sekt und Lachs kaufen so viel er wollte, das hatte niemanden zu scheren. Zweimal war er mit der Miete etwas im Rückstand gewesen, und das war immerhin schon fast ein Jahr her. Damals war er eine Weile arbeitslos und Monika verdiente nun mal nicht so viel wie er. Das Konto war so gut wie leer gefegt und schließlich mussten sie auch etwas zu essen einkaufen. Deshalb hatte er Hedwig Maier gebeten, ihnen etwas Aufschub zu geben. Naja, er hatte gebeten und sie hatte ihn regelrecht zu Kreuze kriechen lassen. Es war eine große Demütigung für ihn gewesen. Offensichtlich hatte sie die Situation genossen und ihn falsch lächelnd angesehen und gemeint, Hochmut komme vor dem Fall und es sei nicht alles Silber, was glänze. Die Herren Abteilungsleiter wären wohl auch nicht mehr die Zuverlässigsten.

Als er dann den neuen Job bei der Softwarefirma bekam, überwies er sofort die fälligen Zahlungen an die Maier und versicherte ihr, dass nun alles wieder seinen normalen Gang gehe. Seither war Ruhe gewesen. Wenn die jetzt anfing, öfter solche Spitzen zu setzen … Dann gefiel das Sommer überhaupt nicht. Er war sehr auf seinen guten Ruf bedacht. Keine Ahnung, warum die jetzt wieder mit der Miete anfing, es war doch alles in Ordnung.

Immer noch wütend, begann er den Tisch zu decken und den teuren Kaffeevollautomaten in Betrieb zu setzen. Monika war inzwischen wach, er hörte sie ins Bad tapsen. Kurz darauf, bei der ersten Tasse Kaffee, erzählte er ihr vom unangenehmen Beginn des Tages. Auch sie regte sich sehr auf, war ihr doch Hedwig Maier von Herzen unsympathisch! Immerhin das hatten sie noch gemeinsam. Wenn auch sonst nicht mehr viel. Aber ihre Probleme gingen niemanden etwas an und die Alte dort unten schon gar nicht.

Eben diese Alte dort unten hatte keinerlei Gewissensbisse. Sie räumte ihr Putzzeug in den Kabuff unter der Treppe und verschwand in ihrer Wohnung. Dort zog sie den Kittelschurz aus und schlüpfte in die Hausschuhe, die auf dem Abstreifer im Flur standen.

Im Käfig piepste der Hansi, ihr Wellensittich. Ach ja, der wollte endlich sein Futter. Weil Wochenende war, hängte sie ihm einen Hirsekolben ans Gitter, den mochte er doch so gerne. Hansi war ihr treuer Freund seit einigen Jahren, er schnäbelte sogar ab und an mit ihr. Er widersprach nicht, verhielt sich meistens ruhig und war dankbar. So musste es sein, das gefiel Hedwig. Das war besser als ein Ehemann.

Dann setzte sie sich an den Tisch in der Küche und schenkte sich eine Tasse Kaffee aus der Thermoskanne ein. Dazu gab es Hefezopf. Den hatte sie sich heute Morgen schon beim Bäcker geholt. Er war zwar von gestern, kostete dafür aber nur die Hälfte. Alleine, das zu wissen, verschaffte ihr große Befriedigung. Sie war sehr sparsam, um nicht zu sagen geizig, aber bis jetzt hatte sich das immer gut bewährt. Hedwig hielt nicht viel vom Geld ausgeben, sie verachtete Menschen, die nichts sparten und ständig in den Urlaub fuhren. Lieber alles zusammenhalten für ein Häusle und für Ackerland, das konnte einem keiner nehmen. Nach dem Frühstück machte sie sich an ihre Hausarbeit. Ihr Leben war klar geregelt und sie wusste ganz genau, wann sie was zu tun hatte.

Florian und Helene, die Kinder der Familie Schulz aus dem ersten Stock knallten die Wohnungstür zu und stürmten die Treppe hinunter. Jeder wollte der Erste an der Haustür sein, es war ihr alltäglicher Wettkampf. Und auch heute gewann Helene. Sie war drei Jahre älter als Florian und nützte das gnadenlos aus. Der Junge war atemlos und stinksauer, aber hilflos. Auch dieses Mal brüllte er vor Wut und gab der Schwester einen kräftigen Schubs, woraufhin die ihm einen Schlag auf den Kopf versetzte. Frau Schulz öffnete die Wohnungstür oben und rief ins Treppenhaus:

»Hört endlich auf und macht nicht so ein Geschrei, ihr wohnt hier nicht allein!«

Und noch eine Türe öffnete sich und Hedwig Maier erschien.

»Genau! Was glaubet ihr eigentlich? So an Mordsradau will i net in meim Haus! Naus mit euch, und wehe, ihr schleift nachher wieder den ganza Dreck vom Spielplatz ins Haus rei. Also Frau Schulz, Sie müsset scho a bissle besser für Ordnung und Sauberkeit sorga! So goht des net weiter, immer des Theater mit Ihre Kender!«

Die letzten Worte hatte Hedwig Maier noch lauter nach oben gerufen. Frau Schulz machte ein schuldbewusstes Gesicht und entschuldigte sich wohl zum tausendsten Mal für die Kinder. Es war furchtbar! Wenn sie doch bloß eine andere Wohnung hätten! Natürlich waren die beiden laut, es waren halt Kinder. Aber dieser alte Drachen dort unten lauerte regelrecht auf jedes Geräusch und schnappte sich die beiden sofort. Die hatten inzwischen ziemlich Angst vor der Vermieterin und vermieden es, ihr zu begegnen. Aber immer klappte es halt nicht.

Inzwischen waren Florian und Helene abgehauen, unterwegs zum Supermarkt. Die Mutter hatte sie beauftragt, noch ein paar Dinge für das Wochenende einzukaufen. Im Haus wurde es vorläufig wieder ruhig.

Nur ganz oben links regte sich nun auch etwas. An manchen Tagen sollte man besser keinen Fuß aus der Tür setzen, dachte Nicole Weber. Beim Aufstehen war noch alles in Ordnung gewesen, außer dass sie wenig Schlaf gehabt hatte in der Nacht. Sie war mit einer Freundin in Stuttgart gewesen, sie hatten getanzt und nach interessanten Männern geguckt. Leider ohne Erfolg, aber es hatte auch so eine Menge Spaß gemacht. Es war sehr spät oder besser gesagt früh geworden. Sie hätte gerne etwas länger geschlafen, aber ein Klingeln an der Tür hatte sie aufgeschreckt. Sie ließ es klingeln, konnte nichts Wichtiges sein, höchstens Werbung oder so.

Nach dem Frühstück gab es etliches zu besorgen und sie fuhr zuerst in den Supermarkt. Den großen Korb mit Altglas und Pfandflaschen konnte sie fast nicht mehr tragen, so voll war er. Das waren die Überbleibsel von ihrem Geburtstag vor ein paar Wochen. Ausgerechnet heute war natürlich der Flaschenrückgabeautomat voll und der Container musste ausgewechselt werden. Eine andere Kundin wartete bereits mit einer Riesentasche Plastikflaschen. Das würde dauern. Nach ungefähr zehn Minuten war der Automat wieder einsatzbereit. Leider nahm er nur eine Flasche, spuckte den Bon aus und das war’s dann. Er weigerte sich, auch nur noch das winzigste Fläschchen in seinem Bauch verschwinden zu lassen. Und der Angestellte vom Supermarkt war verschwunden. Wenigstens hatte sie ein amüsantes Gespräch mit dem gut aussehenden Mann, der ebenfalls mit einem Korb voller Leergut wartete. An Samstagen war es hier natürlich immer besonders voll, aber was sollte man schon machen, wenn unter der Woche keine Zeit war für solche Haushaltsarbeiten?

Nach einer Viertelstunde Rumstehen gab sie auf und fuhr in die Nachbargemeinde Hochdorf zum Einkaufen. Dort funktionierte der Automat immerhin. Allerdings musste sie dafür ewig an der Kasse anstehen.

Und auf der Heimfahrt wäre sie fast in eine Radarkontrolle geraten. Gerade rechtzeitig konnte sie noch auf die Bremse treten. Der Fahrer im Auto hinter ihr beschimpfte sie lautstark, weil sie so plötzlich abgebremst hatte, dass er fast in ihrem Heck gelandet wäre. Das hätte noch gefehlt.

Irgendwie lief das heute nicht rund. Ausruhen wäre schön, nichts denken müssen, in den Tag hinein leben. Sie seufzte tief. Leider war nichts dergleichen in Aussicht. Am Sonntag würden ihre Eltern zu Besuch kommen und es galt allerlei vorzubereiten, Kuchen zu backen und ein Abendessen zu planen. Sie freute sich einerseits, aber momentan war eben alles ein wenig viel. Ihre Mutter würde sie wieder ganz unauffällig nach sehnlichst erwarteten Schwiegersöhnen ausfragen, es nervte zusehends.

Und dann noch die alte Hedwig Maier aus dem Erdgeschoss. So eine blöde Kuh! Meckerte sie gestern an, dass die Kellertreppe nicht ordentlich gewischt worden sei bei ihrer letzten Kehrwoche. Die hatte nichts anderes zu tun, als hinter ihren Nachbarn herzuschleichen und sie zu kontrollieren. Kaum schloss man die Wohnungstür hinter sich, stand sie schon irgendwo am Weg und beobachtete. Direkt unheimlich so was. Und vor allem ging es ihr gehörig auf die Nerven. Gott sei Dank hatte sie nicht allzu viel mit ihr zu tun. Ein paar andere Hausbewohner hatten mehr zu leiden, beispielsweise die Familie Schulz. Die beiden Kinder wurden regelmäßig von der Maier angeschnauzt, eigentlich konnten sie gar nichts richtig machen und wären am besten unsichtbar – vor allem aber unhörbar. Nicole hörte das Gezeter bis ganz nach oben in ihre Wohnung.

So ging es allen Parteien hier im Haus. Keiner konnte die Alte leiden und alle wurden sie von ihr schikaniert. Und sie waren machtlos. Natürlich könnte man kündigen und ausziehen, aber so einfach fand man heutzutage keine neue Wohnung mehr. Die Mieten im Großraum Stuttgart waren horrend, wenn man überhaupt das Glück hatte, eine Wohnung besichtigen zu dürfen. Also hielt jeder still, aus Angst, das Dach über dem Kopf zu verlieren. Nicole war froh, wieder zu Hause zu sein und schloss aufatmend die Tür hinter sich. Aber kaum hatte sie die Schuhe ausgezogen, klingelte es an der Wohnungstür. Sie öffnete und draußen stand ausgerechnet Frau Maier.

»Also Frau Weber, des sag i Ihne jetzt amol ganz deutlich! Zur Kehrwoch ghört au des Putzen von de Treppahausfenster. Gucket Se her, was i für an Dreck am Finger hab, wenn ich oba über den Rahma fahr! So goht des net weiter, mei Haus verratzt ja ganz und gar! Wenn i so mit Ihrem Eigatum umganga dät!«

»Liebe Frau Maier, das tut mir jetzt aber echt leid, dass Sie sich die Finger so schmutzig gemacht haben! Aber erstens bin nicht ich allein für die Sauberkeit Ihres Eigentums verantwortlich, zweitens kann man’s auch übertreiben und drittens bin ich überhaupt nicht in Stimmung für solche Vorwürfe! Jetzt ist’s auch mal genug! Ich hab keine Lust, mich ständig von Ihnen so blöd anmachen zu lassen!«

Nicole hatte die Nase randvoll und konnte sich nicht mehr beherrschen. Dieser alte Drachen!

Hedwig Maier stand da wie vom Donner gerührt. So etwas hatte sie noch nicht erlebt.

»Wia schwätzet Sia denn mit mir? I glaub, i spinn! Das wird Konsequenzen haben«, sagte sie und auf einmal fiel sie ins Hochdeutsche, es schien ihr also sehr ernst zu sein.

Hoheitsvoll drehte sie sich um und sagte noch einmal deutlich: »Das wird Konsequenzen haben.« Dann drehte sie sich um und verschwand die Treppe hinunter.

Nicole schloss stöhnend die Tür und war fix und fertig. Einerseits war sie froh, dass sie endlich mal Dampf abgelassen hatte und dem Hausdrachen signalisiert hatte, dass sie nicht gewillt war, sich alles gefallen zu lassen. Andererseits war es wahrscheinlich nicht gut, die Alte zu reizen. Die saß schließlich am längeren Hebel. Wie wohl die Konsequenzen aussehen würden? Das gab ihr ziemlich zu denken und sie freute sich überhaupt nicht auf das Ergebnis. Jetzt war erst mal der Kuchen für den Elternbesuch morgen dran, vielleicht würde das Backen sie ablenken und ihre Laune verbessern.

Unten im Erdgeschoss öffnet Herr Brosämle vorsichtig seine Tür und sah nach, ob die Luft rein war. Rein von Hedwig Maier, genauer gesagt. Denn der wollte er jetzt grade auf gar keinen Fall begegnen. Heute war schon zu viel des Guten gewesen, er hatte die Gespräche vor und im Haus natürlich mitgekriegt, laut genug waren sie ja gewesen. Herr Brosämle war ein friedliebender Mensch. Alt und nicht mehr gut zu Fuß, aber geistig noch voll auf der Höhe. Er liebte seine ruhigen Spaziergänge, schätzte ein gutes Buch und war vor allem auf ein gutes Miteinander aus. Der Charakter von Hedwig Maier missfiel ihm zutiefst. War diese doch immer laut, über die Maßen neugierig und versuchte ständig, wegen nichts und wieder nichts einen Streit vom Zaun zu brechen.

Wenn irgend möglich, ging er ihr aus dem Weg. Das gefiel ihr natürlich nicht, denn die Vermieterin brauchte ihre Hausgenossen als Reibungsfläche. Das Gezeter war ihr Lebenselixier. Ihm ging es sicher noch vergleichsweise gut, weil er nicht sehr viel Angriffsfläche bot.

Herr Brosämle klemmte die Einkaufstasche unter den Arm und nahm seinen Müllbeutel, den er in die Tonne werfen wollte, und verließ die Wohnung. Der Container für den Müll befand sich seitlich am Haus, an der Rückwand des Carports. Es war einer dieser Rollcontainer mit einer großen Schiebeklappe, die oft klemmte und etwas mühsam zu bedienen war. Der Container wurde von allen Hausbewohnern zusammen genutzt. Selbstverständlich stand er unter Kontrolle von Hedwig Maier. Sie interessierte sich sehr für den Müll ihrer Mieter und oft sah man sie auf einem Hocker stehen und mit einem Stock im Container rühren. Wer weiß, was da wieder alles weggeworfen wurde, da hatte sie besser ein Auge drauf.

Brosämle stopfte seine Tüte, die nun wirklich bloß harmlosen Restmüll enthielt, möglichst weit nach unten. Dann machte er sich auf den Weg zum Metzger, um sich für den Sonntag ein Schnitzel zu holen.

Noch mal Glück gehabt, Hedwig Maier war nirgends zu sehen. Die widmete sich inzwischen ihrem samstäglichen Putzarbeiten in der Wohnung und bekam ausnahmsweise nichts von der Außenwelt mit.

Ganz oben im zweiten Stock, neben Nicole Weber, wohnten Simon und Oliver Hartmann. Seit einem Jahr lebten sie ein ruhiges und zurückgezogenes Leben. Man könnte sagen, sie waren ein richtig spießiges Ehepaar. Simon arbeitete als Koch in einer Kantine. Früher war er in der freien Gastronomie beschäftigt gewesen, dort hatte er auch Oliver kennengelernt, als dieser einmal das Restaurant besuchte. Aber die ungünstigen Arbeitszeiten machten ihm immer mehr zu schaffen. Seit sie zusammenlebten, wollte er einen geregelten Feierabend haben und nicht die Wohnung zur Arbeit verlassen, wenn sein Mann gerade nach Hause kam. In der Betriebskantine war das ideal, alles war planbarer geworden und es gab nun auch Wochenenden für ihn. Oliver hatte eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni in Stuttgart und fühlte sich dort auch sehr wohl.

Mit Hedwig Maier hatten sie bislang keine größeren Auseinandersetzungen gehabt, entweder erfüllten sie deren Kehrwochenansprüche zu Genüge oder sie hatten eine Art Männerbonus. Oliver war sehr geschickt in handwerklichen Dingen, und seit die Hausbesitzerin das herausgefunden hatte, stand sie des Öfteren vor der Tür.

»Herr Hartmann, wäret Sie so nett und tätet mir gschwind was helfa?«

Und Oliver war nett. Und zwar oft. Nein sagen fiel ihm schwer und es waren meistens auch nur Kleinigkeiten. Eine Lampe auswechseln, etwas am Türschloss festschrauben. Ganz klar, dass man für so was nicht gleich einen Handwerker kommen lässt. Aber vor zwei Wochen hatte sie ihre Ansprüche gesteigert und ihn gefragt, ob er nicht das Treppenhaus neu anstreichen würde.

»Net für umsonst Herr Hartmann. Sie kriaget au a Vesper oder an Kaffee dafür«, hatte sie ihn zu locken versucht. Aber nein, das wollte er nun wirklich nicht.

»Frau Maier, ich helf wirklich gern bei Kleinigkeiten. Aber das Treppenhaus, auf keinen Fall, nein! So viel freie Zeit habe ich auch nicht und außerdem bin ich kein Maler. Sie brauchen doch sicher auch mal eine Handwerkerrechnung fürs Finanzamt. Das lassen Sie mal besser einen Fachmann machen.«

Hedwig Maier war angesäuert. Jetzt hatte sie sich den jungen Mann in monatelanger Kleinarbeit etwas gefügig gemacht und nun sagte der einfach Nein! Die ganze Freundlichkeit ihrerseits war sozusagen für die Katz gewesen. Sie hatte sich damals wortlos umgedreht und hatte Herrn Hartmann stehen lassen. Seither war die Unterhaltung auf ein Mindestmaß beschränkt, genauer gesagt, die beiden Männer grüßten nach wie vor und sie ignorierte es.

Und auch heute tat sie so, als würde sie die beiden nicht sehen. Die beiden Hartmanns verließen das Haus am Nachmittag mit ihren Sporttaschen. Sie waren auf dem Weg ins Hallenbad, so wie jeden Samstag. Hedwig Maier schaute gerade vor dem Haus nach dem Rechten. Sie hatte ihre beiden Badematten dabei, die sie kräftig ausschüttelte. Simon drehte sich noch kurz nach ihr um und meinte dann zu Oliver:

»Die ist heut wieder mächtig schlecht gelaunt, Oli. Also ich möchte schon mal hören, ob die Maier überhaupt laut lachen kann.«

»Kann ich dir nicht beantworten, ich hab sie noch nie lachen hören. Wahrscheinlich ist öfter Weihnachten. Manche Leute sind einfach gerne griesgrämig. Wir werden sie nicht ändern, also denk nicht weiter drüber nach«, meinte dieser achselzuckend. Er hatte keine Lust, über mies gelaunte Vermieterinnen nachzudenken, lieber freute er sich aufs Schwimmen.

Das Wochenende verlief ruhig und ereignislos. Am Sonntag bekam Nicole Weber Besuch von ihren Eltern und sie ließen sich den leicht angebrannten Bananenkuchen schmecken. Nicole klagte etwas über die fiese Hausbesitzerin, aber die Eltern wussten auch keine Lösung. Sie rieten ihr eher, stillzuhalten, sonst würde ihr vielleicht noch gekündigt. Die Mutter fragte zum x-ten Mal vorsichtig nach potenziellen Ehekandidaten, wie Nicole schon vorausgeahnt hatte. Ihre Mutter war der Meinung, dass ihre Tochter wohl nie mehr jemanden finden würde und sie würde sicher keine Enkelkinder bekommen. Nicole war genervt davon und konnte es nicht mehr hören. Was sollte sie denn machen? Einen passenden Kindsvater im Internet bestellen? Sie grollte und versuchte, die Andeutungen zu überhören.

Die restlichen Mieter saßen entweder vorm Fernseher oder gingen spazieren. Am Morgen war Hedwig Maier noch unterwegs gewesen. Sie ging in die Kirche wie jeden Sonntag. Nicht aus Frömmigkeit, eher aus Gewohnheit. Es war sozusagen eine kostenlose Sonntagsveranstaltung. Außerdem traf man dort immer ein paar Leute, um hinterher ein wenig zu tratschen. Auf manche Begegnungen könnte sie allerdings gerne verzichten. Vorm Haus stieß sie auf ihre Nachbarn, die Zipperles. In gegenseitiger Abneigung nickten sie sich kurz zu. Mehr war nicht drin mit solchen Leuten. Das dachten allerdings beide. Nach der Kirche kam der wöchentliche Besuch auf dem Friedhof, nachsehen, ob das Grab ihres Vaters noch in Ordnung war. Dann natürlich die anderen Gräber begutachten, die manchmal alles andere als gepflegt aussahen, was Hedwig empörte. Was den äußeren Eindruck anging, war sie kompromisslos, der hatte zu stimmen, alles andere war Faulheit. Punkt.

Wie das wieder aussah auf dem elterlichen Grab von Zipperles! Der verblühte Blumenstrauß verweste da sicher schon seit sechs Wochen in der Plastikvase vor sich hin, eine Schande so was! Aber wieder mal typisch für diese Leute. Mit der Gisela hatte der Emil seinerzeit keinen guten Griff getan, die war schon immer stinkfaul, das hätte sie ihm gleich sagen können. Aber er hatte es ja nicht anders gewollt. Hedwig ging befriedigt nach Hause, weil sie wieder vieles gefunden hatte, an dem etwas auszusetzen war.

Der Nachmittag dehnte sich allerdings endlos. Aus dem Fenster sah sie, dass die Zipperles mal wieder Besuch von der Bagage hatten. So nannte sie deren zahlreiche Nachkommen bei sich. Mit viel Lärm und Getöse stürzten die Kinder aus dem Auto ins Haus, wo sie von Oma und Opa schon sehnsüchtig erwartet wurden. Sicher machten sie richtig Unordnung und bröselten den Kuchen auf den Boden, was hinterher viel Arbeit machte. Aber dieser Gedanke tröstete sie heute nicht wie sonst. Es war schon ein wenig traurig, dass sie so gar niemanden hatte. Es gab eine Zeit, da hatte das anders ausgesehen, aber das war aus und vorbei und längst Geschichte. Machte keinen Sinn, darüber zu jammern. Dieses ganze »hätte«, und »wenn ich bloß«, und »wenn«, das nützte alles nichts. Und jetzt war es ohnehin zu spät. Man konnte die Zeit nicht zurückdrehen, das hatte sie in ihrem Leben gelernt. Es galt, nach vorne zu schauen und vor allem ein Auge drauf zu haben, was die Leute so machten.

Aufseufzend zog sie sich von ihrem etwas versteckten Beobachtungsposten am Fenster zurück, setzte sich in ihren Fernsehsessel und griff nach der Fernbedienung. Vielleicht kam ja eine Quizsendung oder eine Kochshow, das würde sie bis zum Abend ablenken. Dann war die Lindenstraße dran und anschließend Rosamunde Pilcher. Somit wäre der Sonntag mit seinen sentimentalen Momenten vorbei.

Am Montag herrschte wieder normale Geschäftigkeit in der Siedlung. Die meisten Bewohner waren schon zu ihrer Arbeitsstelle aufgebrochen. Hedwig Maier hatte gefrühstückt, ihren Hansi gefüttert und die Küche aufgeräumt. Nun bückte sie sich und zog unter Ächzen ihre Straßenschuhe an. Ein prüfender Blick aus dem Fenster. Ja, es war noch etwas kühl, sie würde lieber den leichten Mantel über ihr Arbeitskleid anziehen. Dann nahm sie Hausschlüssel, Geldbeutel und den Einkaufskorb und verließ die Wohnung. Ihr Ziel war der nahe gelegene Supermarkt. Fast jeden Tag ging sie dorthin. Nicht weil sie so viel brauchte, sondern mehr zur Unterhaltung. Besonders beliebt war sie dort allerdings nicht, denn ständig hatte sie etwas auszusetzen oder zu reklamieren. Entweder war das Gemüse zu lappig oder sie monierte, dass ein Milchprodukt schimmlig gewesen sei. Die Verkäuferinnen verdrehten schon innerlich die Augen, wenn sie sie reinkommen sahen. Auch der Filialleiter hatte inzwischen den leisen Verdacht, dass Frau Maier auf diese Tour reiste, um manches umsonst zu bekommen. Deshalb blieb er heute hart, als er an die Kasse gerufen wurde, an der die alte Frau wutschnaubend stand.

»Ihre Kassiererin hat mi bscheissa wella! I hab ihr an Zwanzigeuroschein geba und sie behauptet, des wär bloß a Zehner gwesa!«

»Das wird sich bestimmt klären lassen, Frau Maier. Frau Kunzmann, sind Sie sicher, dass es ein Zehneuroschein war?«

»Ganz sicher. Ich lasse das Geld ja immer außerhalb der Kasse liegen, bis der Vorgang abgeschlossen ist. So ist die Regel und so mache ich es immer. Wir waren fertig mit dem Abkassieren und erst dann hat Frau Maier reklamiert.«

»Und i woiß gwiß, dass es ein Zwanziger war! Mir Kunda sind emmer die Dumme, vor allem die alte Leut!«, trumpfte Hedwig Maier noch einmal auf.