Berliner Mauerblume 2015 - Jean-George Charbonnier - ebook

Berliner Mauerblume 2015 ebook

Jean-George Charbonnier

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Opis

Die "Berliner Mauerblume" spielt im Kreuzberger Sozial-Biotop, im Studenten-Milieu und in der West-Berliner Theater-Szene. Lauschen Sie dem nicht enden wollenden Szenen-Applaus und erleben Sie mit, was es heisst, auf den Brettern zu stehen, die die Welt bedeuten. Tauchen Sie ein in dies tödliche Spiel um Macht und Einfluss, zwischen einem Lebenskünstler, einem Transgender und dessen durchtriebenem Vater. Wie fühlt es sich an, im Schatten der Berliner Mauer zu leben und Berliner Dialekt zu sprechen?

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Table of Contents

BERLINER MAUERBLUME

Hinweis:

Zum Autor und Inhalt

1. Kreuzberger Hinterhofidylle

2. Des ischd jedzd wohl nedd wahr!

3. Nachbarschafdshilfe

4. Ohlauer Strasse

5. Pick Business!

6. Is hier dad Frauenbensionad?

7. Diner bei Kerzenschein

8. Kobf hoch, moi Junge

9. Und gleich eine tragende Rolle

10. Nur wer de Muad hedd z onaniere

11. Bin momentan wat klamm

12. Kinderkriegen so ganz ohne Mann

13. Wir schbreche uns noch

14. De un dein Heimwerkertalent

15. Ziah selbschd oi Los

16. Wie die Faust aufs Auge

17. Der Oifluss von dem Künschdler

18. Kleider mache Leiade

19. Hädde mächdig ins Auge n können

20. Auf norddeiadsche Ard

21. Bis zum Knöchel im Wasser

22. Tu nich so schoiheilig

23. Die Fakten haben sie geschaffen

24. Die derzeitije Eijentümarin

25. Massivbauweise

26. Des Malheir mid doiem Sohn

27. Doi Kloschderfrass

28. Oihunderdfünfzig brozendige Miederhöhung

29. Katz-und-Maus-Spiel

30. Aabschreibungsobjekt

31. Eine wüste Prügelei unter Frauen

32. Abjetaucht

33. Öl ins Feier giessen

34. Verzogene Bürgertussie

35. Spacki

36. Janz ohne Weiberjeschwätz

37. Scheiss Exhibitionistenpack

38. Stänkerfritze

39. Possierliche Nagetierchen

40. Sesselpupser

41. Bin nedd der Raddenfänger

42. Innenhofblick

43. Perpetuum mobile

44. Doi neies Ouadfid

45. Auf gepackten Koffern

46. Tiefschlafphase

47. Die Nachtschwester

48. Wisch ab ihre Tränen

49. Du hennarode Schlambe

50. Zwei Fliege mid oier Klabbe

51. Oi abgekardedes Schbiel

52. Spezialeinheit im Laufschritt

53. Erbschafdsoglegenheid

54. Schlagzeugsolo

55. Au Scheisse

56. Identitätscheck

57. Spaghettireste überall

58. Nur Pizzamehl

59. Schalldämpfer

60. Im Klo gebunkert

61. Tödlicher Schuss

62. Unbedingt persönlich

63. Die Tragikkomödie unseres Lebens

64. Weitere Bücher des Autors:

BERLINER MAUERBLUME

„Wetten, dass Frauen Männersache sind?“

von Jean-George Charbonnier

Überarbeitete und erweiterte Ausgabe 05/2015

Copyright: © 2015 Jean-George Charbonnier

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

ISBN 9783844280845 als ebook

ISBN 9783844280760 als Softcover

Hinweis:

Handlung und Charaktere sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen wäre rein zufällig, weder gewollt noch beabsichtigt.

Zum Autor und Inhalt

Studiert habe ich auf Neudeutsch „Performative Künste“in Berlin u. später als Gast in Hildesheim. Ich arbeitete an städtischen Theatern in Berlin und Dortmund sowie beim Film, zuletzt sechs Jahre beim Fernsehen, lebte lange in West-Berlin und lebe heute in Hannover. Zum Autor wurde ich über das Schreiben von Dreh- und Tagebüchern. eMail: charbonnier(at)sofortsurf.de

Die "Berliner Mauerblume" spielt im Kreuzberger Sozial-Biotop, im Studenten-Milieu und in der West-Berliner Theater-Szene. Lauschen Sie dem nicht enden wollenden Szenen-Applaus und erleben Sie mit, was es heisst, auf den Brettern zu stehen, die die Welt bedeuten. Tauchen Sie ein in dies tödliche Spiel um Macht und Einfluss, zwischen einem Lebenskünstler, einem Transgender und dessen durchtriebenem Vater. Wie fühlt es sich an, im Schatten der Berliner Mauer zu leben und Berliner Dialekt zu hören?

1. Kreuzberger Hinterhofidylle

Ein verfallener Schuppen schmückt den trostlosen Hinterhof. Die überquellenden Mülltonnen haben schon bessere Tage gesehen. Die Dachrinnen sind verbogenen oder hängen herab. An der Fassade bröckelt der Putz. Oma Schulz, eine waschechte Kreuzbergerin, ist Ende sechzig, gehbehindert und dennoch voller Lebenslust. Sie ist immer gut gelaunt. Meist lehnt sie auf ihrem Plüschkissen und schaut zum Hoffenster hinaus. Dort empfängt sie die graue Alltagswelt, ein vertrauter Anblick ohne Rückfahrschein, den sie ihr Zuhause nennt. Diese Tristesse ist für Aussenstehende kaum vorstellbar.

Dabby, ein Transgender (Intersexueller), ist Mitte bis Ende dreißig. Sie ist eine durch und durch androgyne Erscheinung mit langen, schlanken Beinen und obendrein gut gebaut. Aufgrund einer Hormontherapie hat sie kaum Bartwuchs. Sie trägt schulterlanges, dunkelblondes Haar, hat eine hohe Stimmlage, dazu einen kleinen Busen. Sie ist modisch gekleidet und trägt ihre weiblichen Attribute bewusst zur Schau, was mitunter übertrieben wirkt. Ihr gesamtes Erscheinungsbild ist eine Augenweide, weshalb sie ungefragt als Frau akzeptiert wird. Gerade ist sie damit beschäftigt, volle Umzugskartons in ihre bezugsfertige Parterrewohnung zu tragen. Hierbei behindern sie ihre Stöckelschuhe. Oma Schulzöffnet ihr Fenster zum Hinterhof, da entdeckt sie Dabby.

„Juten Tach, junge Frau, die se sich abrackern. Bei diesem Anblick iss mir janz blümerant.“

„Guade Tag“, begrüsst Dabby ebenfalls Oma Schulz.

„Sicher sind sie die Zujereiste von nebenan?“

„Aber joo.“

„Dann sind wir sozusajen Nachbarn“, muss Oma Schulz erfreut feststellen. „Hmmmm…“, überlegt Dabby.

„Nenned sie mich ruhig Oma Schulz wie alle hier“.

Sie streckt ihr die Rechte entgegen. Dabby ergreift sie nur zögernd.

„Moie Freinde nenne mich Dabby.“

„Hoffe, et jefällt Ihnen hier, Dabby.“

Dabby ist fest davon überzeugt.

„Sicher, hajo!“

„Seit siebzehn Jaaren wohne icke hier, siebzehn Jaare, sie verstehen“, seufzt Oma Schulz.

„Oie log Zeid, hajo!“

„Ja, die Zeit is stehenjeblieben. Seit meiner Hüftoparation wird's wohl nicht wieder. Dieser Professor Pitt hat da Mist jebaut“, bemerkt Oma Schulz beiläufig.

„Verschdehe. Ja, wenn ich ihne irgendwie…“

Oma Schulz unterbricht sie.

„Danke das ist sear freundlich von ihnen. Butze Moll, meine Fußbodendompteuse, macht alle nötijen Besorjunjen. Einmal inna Woche kommt sie zum Grossreinemachen. Sie ist eine Seele von Mensch.

Wie war doch gleich…“

„Dabby, Dabby Schbassberger.“

„Ach, mein Jedächtnis. Bin nicht mear die Jüngste.

Neben juta Kleidung iss vor allem de sprachliche Ausdruck besonders wichtich. Dialekte sind nur een Hindernis, det kannst de mir globen.“

Dabby versucht sich loszureissen.

„Wir alle leben inna Leistungsjesellschaft und Backwaren jehören zum Leben. Mit diesen bejinnt der Tach und endet der Abend“, philosophiert Oma Schulz.

„Ich muss noh wohl…“, startet Dabby einen erneuten Versuch.

„Pass aber uff, daste da nich in Jesellschaft verlofen tust und imma uff`m Wech bleibst. Sonst kriegste Zoff und landest in inna Grüne Minna, hörst de?“

Oma Schulz gibt ihr einen letzten Ratschlag mit auf den Weg.

„Lass de Fisematenten, werd nie pampich, mach keenen Mumpitz, noch Remmidemmi. Vergiss de Rabatzmacher und och de junge Gemüse, hörst de?“

„Ich muss noh wohl…“, wiederholt Dabby ihr Anliegen.

„Jaja, die Jujend imma uff Achse, wa?“.

„Diase Frau heddde es drauf und sich de Umschdände endschbrechend oigerichded. Nedd oi oiziger Farbdubfer schbendede ihr Hoffnung. Es gab nur dias schäbige Alldagsgrau und jene quadradische Miniaduröffnung ge Himmel. Schon der kloischde Geschbrächskondakd erfreiade sie.“

Dabby istin einiger Entfernung stehengeblieben, um die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

„Wenn ich nur de Muad hädde, moi Schiggsal ebenso selbschd in die Hand z nehmen“, seufzt Dabby. Aus ihren Worten spricht sowohl Selbstmitleid als auch Bewunderung.

2. Des ischd jedzd wohl nedd wahr!

Dabby erkundet ihre nähere Umgebung. Sie betritt den Seitenflügel und erreicht den ersten Stock. Dort stößt sie auf eine sperrangelweit geöffnete Wohnungstür, die ihre Neugierde weckt. Sie betritt die fremde Wohnung. Deren Küche gleicht mehr einer Müllhalde und weniger einer menschenwürdigen Behausung. Hier gibt es kaum Mobiliar, dafür einen Berg überquellender Mülltüten und ein Arsenal leerer Bierflaschen.

Von der Küche aus gelangt sie ins Wohnzimmer, dessen Tür einen Spalt breit geöffnet ist. Drinnen stößt sie auf Hausmeister-Klaus.Ausstaffiert mit nur einer Unterhose Marke „Liebestöter“, woraus sein Bauch hervorquillt, hat er auf dem Fenstersims Platz genommen. Seine Beine baumeln herab und ein gefüllter Bierkasten steht griffbereit neben seiner funktionstüchtigen Schrotflinte, die an der Wand lehnt. Hausmeister-Klaus ist Mitte vierzig und macht einen verlebten Eindruck.Dabby ist wie gelähmt. Für einen geordneten Rückzug ist es bereits zu spät, denn Hausmeister-Klaus hat sie entdeckt und geht auf sie zu.

„Kieka da, unsere Neue. Oma Schulzen hat mir schon von dir erzählt. Seist janz okay und aus anständijem Hause. Im Übrijen hätten wir wohl einen juten Fang jemacht.“

Langsam löst sich Dabbys Anspannung. Plötzlich hat Hausmeister-Klaus etwas entdeckt. Er greift zur Flinte und ballert drauf los, wobei er sich verdächtig weit aus dem Fenster lehnt. Es fliegen zwei Mülltüten draußen am Fenster vorbei.

„Betreibe hier grad so ne Art Frühspoat“.

Er versucht Dabby sein absonderliches Verhalten zu erklären.

„Knall die Tauben vom Dach harunter. Denn die vermearen sich wie der Deifel. Scheissen hier alles voll. Mein Bier hab ick imma dabei. Is sozusajen mein Zielwasser. Ansonsten bin ick een janz normaler Mensch. Sozusajen een Stadtkoantsche…“

Nach einer Weile fährt er fort.

„Ick arbeite hier als Hausmeister, wo ick mir och mal ordentlich einen ballern tue.“

„Du meinschd wohl einen agsoffa!“reagiert Dabby.

„Na, dufte! Globe wir sprechen eene Sprache.“

Für einen kurzen Moment hält er inne.

„Ordentlich die Birne voll jeknallt. Ick sag immer Alkohol ist die beste Medizin. Nur Oma Schulzen kriegt det immer gleich mit. Ick weess zwar nicht wie, abar uffpassen tut se wie een Schiesshund.

Dat de mir bloss nicht verpfeifen tust. Hörst du!“bedrängt er sie.

„Ehrensache, will doch koie Ärger!“antwortet Dabby selbstbewusst.

„Manchmal glob ick, dette mit der Hüfte is alles Schwindel und in Wirklichkeit lauert se hinter jeder Tür. Mir macht se dann imma Vorhaltunjen, wenn ick zu ville jebechert hab. Ansonsten is se wie ne Olle zu mir. Und da ick nie eene besessen hab, versprech ick iar imma, mir zu bessern.“

Hausmeister-Klaus lässt einen gekonnten Rülpser vom Stapel und leert seine Bierflasche in einem Schluck. Danach angelt er sich die Nächste. Vorsichtig schließt er das Fenster und begibt sich Richtung Tür. Damit ist ihr jede Fluchtmöglichkeit verbaut. Spätestens jetzt erkennt Dabby den Ernst der Lage. Sie versucht zu fliehen, als er ihr nachstellt. Es kommt zum Katz und Maus Spiel, wobei die umstürzenden Bierflaschen einen Höllenlärm verursachen. Hausmeister-Klaus hält inne, ebenso Dabby.

„So, meen Enjel. Kommen wa zum jemütlichen Teil.“ „Des ischd jedzd wohl nedd wahr!“empört sich Dabby. „Doch, doch, mach keene Zicken und lass dir anbuffen. So 'ne eenmalije Jelejenheit wollen wa doch nich verstreichen lassen, wa? Wir zwee Hübschen!“versucht Hausmeister-Klaus sie zu ködern.

Bei diesen Worten quillt sein Bauch abermals deutlich hervor. Als er dies bemerkt, stellt er ihn bewusst zur Schau. Bei diesem Anblick wird Dabby speiübel und sie gerät ins Taumeln.Hausmeister-Klaus nutzt die Gunst der Stunde, er nähert sich ihr und wird sogleich zudringlich. Verzweifelt leistet sie Gegenwehr. In die Enge getrieben muss ihre Bluse dran glauben, ehe sie plötzlich oben ohne dasteht, was ihn in Hochstimmung versetzt.

Panikartig flüchtet sie ins Bad, gefolgt von Hausmeister-Klaus. Es gelingt ihr, sich dort einzuschliessen. Keine fünf Minuten später hält Hausmeister-Klaus seine Werkzeugtasche in Händen und in drei weiteren Minuten hat er die Badezimmer-Tür geöffnet.Geräusche eines stattfindenden Handgemenges dringen nach aussen. Kurz darauf gibt es einen dumpfen Aufprall und im Nu herrscht Totenstille. Dabby kommt aus dem Bad gestürzt und hält sich die Hand vor den Mund. Sie ist stumm vor Entsetzen und von auffälliger Blässe. Irritiert sucht sie nach ihrer am Boden liegenden Bluse. Als sie diese findet, verlässt sie Hals über Kopf die Wohnung.