Am Fluß - Esther Kinsky - ebook

Am Fluß ebook

Esther Kinsky

0,0

Opis

Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2014 Alte Fabriken, ärmliche Häuser, aber auch unverhoffte Streifen von Wildnis: eine Landschaft an der Grenze zwischen Stadt und Land, bevölkert von aus ihren Ordnungen gefallenen Menschen, wie sie das wahre Leben am Rande jeder Metropole prägen. In neun Etappen eines Spaziergangs in der Gegend um den River Lea im Osten Londons verfolgt Esther Kinsky die sich überlagernden Spuren ersönlicher Geschichte und urbaner Historie dieser Flusslandschaft und nutzt die Wildnis des Marschlands als Freiraum für Erinnerung und Reflexion. Der River Lea wird zur Grenzmarkierung und zugleich zu einem Wegweiser: Erfahrung und Wahrnehmung finden an ihm eine Schranke und ein Ziel. "Am Fluss" ist ein Buch über das Sehen, über Erkenntnis durch Betrachtung, in dem Esther Kinsky die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Sichtbarmachung von Welt neu stellt.

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Am Fluß

Esther Kinsky

Am Fluß

The ultimate condition of everything is riverIain Sinclair, Ghost Milk

dem blinden Kinde

1

König

In der Zeit vor meiner Abreise aus London begegnete ich dem König. Ich sah ihn abends, im türkisen Dämmer. Er stand am Eingang des Parks und schaute nach Osten, dorthin, wo bereits ein tiefes dunstiges Blau aufstieg, während in seinem Rücken der Himmel leuchtete. Aus dem Schatten der Büsche am Tor kam er mit kleinen lautlosen Schritten an den Rand der Rasenfläche, über der um diese Tageszeit die vielen Raben des Parks aufgeregt kreisten.

Der König streckte die Hände aus, und die Raben sammelten sich um ihn. Manche ließen sich kurz flügelschlagend auf seinen Armen, seinen Schultern und Händen nieder, stiegen wieder auf, entfernten sich ein Stück, kamen zurück. Vielleicht wollte oder mußte jeder einzelne Vogel ihn einmal berühren. So, von den vielen Vögeln umgeben, begann er die ausgestreckten Arme in leichte Schwing- und Kreiselbewegungen zu versetzen, als wohnte in ihnen eine Erinnerung an Flügel.

Der König trug einen prächtigen Kopfputz aus starren brokatenen Tüchern mit einer federgeschmückten Spange, die den Stoff zusammenhielt. Sowohl die Goldfäden in dem Brokattuch als auch die Spange leuchteten noch im abnehmenden Licht. Er war in ein kurzes Gewand gekleidet, golddurchwirkte Borten lagen schimmernd um seinen Hals und seine Handgelenke. Das Gewand, das ihm bis zu den Oberschenkeln reichte, war blaugrün, aus einem starren, schweren, steifen Tuch mit eingewebtem Federmuster. Seine langen schwarzen Beine staken darunter hervor, sie waren nackt, die bloßen Füße, die mit ihrer Runzligkeit in seltsamem Gegensatz zu den jungenhaft dünnen sehnigen Knien und Waden standen und uralt wirkten, steckten in Sandalen mit Keilabsätzen. Der König war sehr groß, und er stand ganz gerade inmitten der Vögel, während nur die Arme schwangen und kreisten, den Hals hielt er so aufrecht und reglos, als trüge er eine ganze Welt in seinem Kopfputz. Gegen den Himmel im Westen hob sich sein Profil ab, von dem ich nur sagen könnte, daß es königlich war, mit Erhabenheit vertraut, aber auch an Verlassenheit gewöhnt. Es war ein an seiner Erhabenheit traurig gewordener König, weit fort von seinem Land, in dem man ihn verstoßen oder verschollen glauben mochte. Nichts an seiner ganzen Gestalt stand im Zusammenhang mit der Landschaft ringsum: den hohen alten Bäumen, den späten Rosen dieses milden Winters, der unerwarteten Leere des Marschlands, das sich hinter dem steil abfallenden Hang des Parks auftat, als wäre die Stadt dort unvermittelt zu Ende. Er trat in großer Einsamkeit am Rand dieses von der großen Stadt etwas vergessenen Parks als König hervor, und nur die Vögel mit ihrem verebbenden Schnarren und schwarzen Flattern waren ihm verbunden.

Der Park war um diese Zeit leer. Die frommen Frauen mit ihren Kindern, die hier nachmittags spazierten, waren längst zu Hause wie auch die Chassidenjungen, die ich mittags gelegentlich hinter einem Busch nervös und kichernd rauchen sah, ihre Schläfenlocken zitterten, wenn sie froren, und sie zogen zu hastig an ihrer reihum gereichten Zigarette, wie ich an dem langen Stück roter Glut sah, das kurz vor jedem Mund stand, während aus den Fenstern ihrer Schule jenseits der Parkhecke Stimmengewirr und Kindersingen drang und vom Wind wie Wellen hierhin und dorthin getrieben wurde. Die Rosenbüsche, mit Ausnahme derer, die in diesem frostlosen milchigweißen Winter noch gelb-rosa Blüten hervorbrachten, trugen dunkelrote Hagebutten. Um die Tageszeit, wenn der König erschien, hingen die Hagebutten schwarz im aufziehenden Dämmer.

Am Fuß des Abhangs, hinter Bäumen, floß der River Lea. Im Winter schimmerte das Wasser hell zwischen den kahlen Zweigen hindurch. Dahinter erstreckte sich das Marsch- und Wiesenland, nach Einbruch des Abends war es ein großer Handteller voll dunkler werdendem Dämmer, durch den sich ab und zu das Lichterschnürchen eines Zuges fädelte, der auf dem hochgelegenen Damm in Richtung Nordosten fuhr.

In den Straßen, durch die ich vom Park zu meiner Wohnung ging, war es gegen Abend still. Ab und zu eilte noch ein Frommer vorüber, machte einen Bogen um mich, seltener auch Kinder, immer hastig auf dem Weg zu einem Gebet, einem Treffen, einer Mahlzeit, einer Pflicht. Die Kinder schwenkten knisternde Plastikbeutel mit kleinen Besorgungen, vor allem Brote, die sich durch die dünne Folie abzeichneten. Samstags und an Feiertagen, wenn die Fenster bei schönem Wetter offenstanden, floß der Singsang von Tischgebeten auf die Straße. Geschirrklappern, Kinderstimmen, kleine Scharen Frommer pendelnd zwischen Bethaus und Zuhause. Abends standen die Männer im Schein der Straßenlaternen und lachten, ihre Gesichter waren gelöst, ein Festtag lag hinter ihnen.

Zurück in meiner Wohnung, stand ich am Erkerfenster im Vorderzimmer und sah zu, wie es Nacht wurde. Die Läden auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren hell erleuchtet, bei Greengrocer Katz wurden bis in den späten Abend Kisten gepackt, die Bestellungen umsichtiger Hausfrauen für ihre Familien: Trauben, Bananen, Kekse, bunte Limonaden. Einmal in der Woche bekam Greengrocer Katz morgens die bunten Limonaden geliefert, palettenweise wurden die orangen, rosa und gelben Plastikflaschen aus einem Lastwagen gehievt und vom Gehilfen geschultert, um in die Hinterkammer des Ladens geräumt zu werden.

Neben Greengrocer Katz lag ein Billardcafé. Es war bis in den frühen Morgen geöffnet, im trüben Licht konnte man Männer erkennen, immer Schwarze, die zwischen Schwaden von Zigarettenrauch vorgebeugt und bedächtig um einen Billardtisch schritten oder sich konzentriert darüberlehnten. Vor dem Café hielten große Limousinen, Männer kamen und gingen, gelegentlich auch in Begleitung schöner und auffällig gekleideter Frauen. Es gab Schlägereien, einmal fiel ein Schuß, die Polizei erschien, dann eine Ambulanz, das Flackern des Blaulichts erfüllte mein Zimmer.

Ich hatte mich nach Jahren aus dem Leben, das ich in der Stadt geführt hatte, herausgeschnitten wie einen Schnipsel aus einem Landschafts- oder Gruppenfoto. Betreten über den angerichteten Schaden an dem Bild, das ich hinterlassen hatte, und ungewiss, wohin es diesen herausgeschnittenen Teil verschlagen sollte, lebte ich provisorisch. An einem Ort, wo ich niemanden in der Nachbarschaft kannte, wo mir die Straßennamen, die Ausblicke, die Gerüche und Gesichter unbekannt waren, in einer billig zurechtgezimmerten Wohnung, in der ich mein Leben vorübergehend abstellen wollte. Die Möbel und Kisten standen ungeordnet und wie vergessen in den kalten Räumen herum, unentschlossen wie ich, ungewiß, ob sich jemals wieder eine nützliche Ordnung der Wohnlichkeit einstellen würde. Wir, die Dinge, und ich, hatten das alte Haus an einem frühen blauen Morgen verlassen, als der Augustmond noch am helldunstigen Spätsommerhimmel stand, und lungerten nun hier im Osten Londons, mit Ausblick auf den Winter. Unermüdlich spielten wir versäumte Abschiedsszenen. Mit einer sich ins Endlose dehnenden Langsamkeit streiften in der Vorstellung Hände und Wangen aneinander, rundeten sich Tränen im Augenwinkel. Nicht endenwollendes Zittern der Unterlippe jedes beteiligten Buches, Bilds und Möbelstücks, zugeschnürte Kehlen stockten in jedem Winkel an ihrem Laut, ein verschleppter Abschied, der schon Narbe war, bevor er zu Ende gebracht wurde, jede Sekunde ein Tag, jede Bewegung wie in tiefem Frost nur knirschend und in unsäglicher Schwerfälligkeit ausführbar.

Wenn ich schlief, träumte ich von Toten, meinem Vater, meinen Großeltern, Bekannten. In einer kleinen, mehrere Stufen über der Wohnungsebene gelegenen Kammer, die gerade so lang war, daß ich mich gelegentlich zum Schlafen auf dem Boden ausstrecken konnte, verbrachte ich Stunden mit dem Versuch, mir jede Einzelheit, die ich in Hof, Garten und dem kleinen Ausschnitt Straße zwischen zwei Häusern sehen konnte, einzuprägen, und ich lernte das Licht. Von August bis April las ich, was der große Ahorn auf die nur von einem einzigen Fenster unterbrochene Ziegelwand des nächsten Hauses am Ende des Gartens schrieb. Es war Spätsommer, es war Herbst, es war Winter, es wurde Frühling. Westwind, die Schatten der Blätter kritzelten etwas in Richtung Bahnstation, wo ein paar Meter hinter dem Garten auf den tiefgelegenen Gleisen alle Viertelstunde ein Zug hielt. Nordwind, selten, letztes Laub war ein unruhiges Flackern über der ganzen Wand im scharfen Licht, am Mittag lag der Schatten der Baumkrone klar gezeichnet wie die Landkarte einer fremden Stadt auf der Wand. Der Winter nach einem stürmischen Herbst war ungewöhnlich windstill, der kahle Baum stand in dem milchigen ebenmäßigen Licht als nur zu erahnendes Schattenbild auf der Wand und schrieb mir schwer zu entschlüsselnde Nachrichten wie aus großer Ferne, die aber wegen der stillen Gerechtigkeit dieses Lichts gegenüber all den schattenlos stehenden Dingen nicht traurig waren.

In den Nächten lag ich wach und lauschte auf die neuen Geräusche der Gegend. An der Bahnstation hinter dem Garten hielten die Züge mit einem langen schleifenden Stöhnen und Seufzen. Mit der Zeit lernte ich, daß das Stöhnen zu den aus der Innenstadt kommenden Zügen gehörte, die kurz vor dem Bahnhof aus einem Tunnel stießen und wie von der Nähe des Bahnsteigs überrumpelt zum Halten kamen, während die stadtwärts fahrenden Züge aus den Vororten seufzten und leise quietschten. Auf dem schmalen Pfad zwischen dem Garten und der zu den Gleisen und Bahnsteigen abfallenden Böschung trieb sich jemand mit Krücken herum, die ächzten wie alte Sprungfedern. Der Krückenmann sang manchmal, leise und dunkel, im Licht der Straßenlaterne zeichnete sich der Umriß seines Kopfes über dem Zaun ab. Er machte Geschäfte, Kundschaft kam und ging, der Wind trug Fetzen von Wortwechseln herbei. Manchmal mußte er flüchten, dann entfernten sich die gefederten Krücken mit metallischem Gehechel inmitten einer Wolke aus dumpfem Fußtrappeln derer, die mit ihm die Flucht ergriffen.

Auf dem kiesbestreuten Flachdach eines Anbaus paarten sich Füchse. Sie stießen verbissene Laute aus, unter ihren zuckenden scharrenden Pfoten flogen die Kieselsteine in alle Richtungen und schlugen gegen das Fenster der Kammer. Einmal trat ich ans Fenster, im Schein der Straßenlampe starrten die Füchse mich unbeweglich an, von da an stellte ich mir auch den Krückenmann fuchsgesichtig vor.

Ich verbrachte die Tage damit, in der Gegend zu spazieren, freundete mich mit dem Anblick der blassen Chassidenkinder an, die ich in den behüteten Inseln der Frommen auf dem Schulweg oder bei Besorgungen sah, erinnerte mich an das kleine Mädchen, dem ich vor Jahren oft nachmittags auf der West End Lane begegnet war, mit seinem schiefsitzenden wadenlangen dunkelblauen Rock, den dicken Brillengläsern, dem feinen Haar, es war immer allein und trug seine kleine Entschlossenheit vor den ängstlich kurzsichtigen Augen her wie einen Keil, vor dem die Passanten auf dem Gehsteig zur Seite wichen. Hier gingen die Kinder in Gruppen, weißhäutig und fremdenscheu, ihrer Welt beflissen zugetan, sie mochten es gut haben, so abgeschieden von dem, was sich außerhalb ihrer Straßenzüge tat. Bald nach meinem Umzug in die Gegend stieß ich auf Springfield Park. Es war ein bedeckter Tag, wenige Spaziergänger waren unterwegs, zwischen den gestutzten Heckennischen für die Ausblicksbänke bewegte sich eine kleine Gruppe bunt gekleideter Afrikanerinnen wie suchend umher, sie riefen einander laut etwas zu, schauten hierhin und dorthin, richteten den Blick auf den Boden, als wollten sie einem Weg auf die Schliche kommen, der sie in diesen Park geführt hatte und ihnen dann abhanden gekommen war. Krähen stiegen auf, ihr Flügelschlagen versetzte die Luft in Bewegung, nach einem Halbkreis über die Rasenfläche ließen sie sich an einer anderen Stelle nieder und schauten: auf die Rosenbüsche, die Afrikanerinnen, auf mich.

An diesem kaum erkennbaren Kamm, wo die gepflegte Rasenfläche mit Blumenbeeten und Teich hinter dem Eingang des Parks verwildernd zum Tal hin abfiel, stieß die Stadt an ein Ende. Am Fuß des Abhangs Bäume, der schmale Fluß, dahinter Schilf, Marschland, Gras, Weidenbäume. Die Strommasten, filigrane Riesen, breitbeinig und kopfarm, wie im Anmarsch auf die Stadt erstarrt. Nach Norden himmelfarbene Wasserspiegel der Sammelbecken.

In der Ferne, hinter dem Marschland, auch wieder Häuser, doch das schien schon ein anderes Land. Die Rosenbeete, die seltenen, aus fremden Ländern eingeführten Bäume, der Glasbau des müden Cafés, die gestutzten Hecken um die Bänke, das alles erklärte seine Städtischkeit gegenüber dem am Fuße des Abhangs ausgebreiteten Land, Flachland auf dünnem Boden über dem Wasser, das schon zur Mündungsgegend der Themse gehört.

Der River Lea, der hier die Stadt vom Leeren trennt, hat keinen weiten Weg. Er kommt aus den niedrigen Hügeln nordwestlich von London, fließt durch eine Landschaft zahmer Lieblichkeit, bis er die ausgefransten Randzonen der Stadt erreicht, dann durch den endlosen Vorortgürtel zieht, sich wie ein Arm um die Grenzen des geschäftigen, unzahm durchtriebenen alten London legt und schließlich, acht Meilen südöstlich von Springfield Park, in die sich zur Mündung ins Meer anschickende Themse fließt, einer von mehreren beflissenen Zubringern aus Norden und Westen, die ihre Kiesel und ihren Sand unter der Stadt ablagern. Auf dem Weg zur Themse streift der River Lea immer wieder die Stadt und ihre abseits liegenden Geschichten, teilt sich, bildet neue winzige Arme, die nach Wiesen und sumpfigem Dickicht fassen, er versteckt sich jeweils ein, zwei Meilen hinter anderen Namen und muß dann doch, nach Windungen der Unentschlossenheit zu einem schlammigen Delta zerfasert, zwischen Fabriken und Autobahnen durchs Leamouth in die Themse, kurz oberhalb der wie Tiere aus dem Wasser ragenden Flutsperren und der großen Zuckerfabrik, die Flußschiffern die Einfahrt in die Stadt markiert.

Der River Lea ist ein kleiner Fluß, von Schwänen bevölkert. Sie segelten stillweiß und unbeteiligt durch das abnehmende Licht, mit einer kaum merklichen Feindseligkeit gegenüber jedem Betrachter. Doch in diesem Herbst sah ich auch, wie sich etliche von ihnen damit abmühten zu verwildern. Sie jagten einander über das Wasser, stießen hilflos verdrossene Laute aus, wenn sie ein paar Meter in die Luft stiegen, reckten die Hälse vor, das Gefieder unter den gespreizten Flügeln war schmutzig und struppig, die Köpfe starr von Abenteuerlust. Kurz darauf trieben sie wieder auf dem Wasser, sie alle Besitz des Königshauses und belüstert von zugewanderten Zigeunern, die, wie es heißt, gerne Schwäne essen, ihres schweren und etwas bitteren Fleisches wegen.

Nachdem ich den Park und das Marschland entdeckt hatte, führte mich der Weg fast jeden Tag dorthin. Ich ging immer flußabwärts, jedes Mal ein Stück weiter, hielt mich an dem Fluß fest wie an einem Seil beim Balancieren über einen schmalen Steg. Der Fluß trug den Himmel, die Bäume am Ufer, die vertrockneten kolbenartigen Blüten der Wasserpflanzen, die schwarzen Vogelschnörkel auf den Wolken. Zwischen dem leeren Land auf der Ostseite des Flusses und den Siedlungen und Fabriken auf der anderen Seite fand ich Stücke meiner Kindheit wieder, andere aus Landschafts- und Gruppenfotos herausgeschnipselte Teile, die sich zu meiner Überraschung hier niedergelassen hatten. Ich fand sie zwischen den Weidenbäumen unter dem hohen Himmel, in den ärmlichen Siedlungen, die sich auf der Stadtseite im Wasser spiegelten, neben der schütteren Kuhherde auf einer Wiese, in den Umrissen alter Backsteingebäude – Fabriken, Kontore, ehemalige Lagerhäuser – gegen den selten rotorangen Sonnenuntergangshimmel, entlang dem hochaufgeschütteten Bahndamm, auf dem die Züge wie verloren und unter altmodischem Klackern in die Ferne verschwanden, und beim Anblick von schweifenden Kinderbanden, die Feuer anzündeten, Gefundenes in die Flammen warfen, sich dicht an den Flammen balgten und nicht folgten, wenn ihre Mütter, die zwischen Leinen mit flatternder Wäsche standen und unter vorgelegter Hand Ausschau hielten, nach ihnen riefen.

Den König sah ich auf dem Rückweg von meinen Gängen. Nachdem ich den Fluß hinter mir gelassen hatte und den Hang hinaufgestiegen war, erschien mir der König dort oben, auf dem Rasenplateau oder noch auf dem Weg aus dem Schatten beim Eingang, wie ein Torhüter. Ohne es zu wollen oder zu wissen und sicher auch ohne mich überhaupt wahrzunehmen, bezeichnete er für mich bei der Rückkehr vom Fluß diesen Übergang aus einer allen möglichen Wildnissen überlassenen Landschaft in die Stadt.

Ich begegnete dem König an keinem anderen Ort und hatte Mühe, ihn mir in einer Wohnung in dem dunklen Ziegelblock gegenüber dem Parkeingang vorzustellen, oder in einem der provisorisch wirkenden neueren Reihenhäuschen auf dem kurzen Weg vom Park zu der lauten Straße, die ich überqueren mußte. Ich war erleichtert, daß ich ihn nie aus einem der dunklen Gänge zwischen den alten Wohnblocks treten und nie in den bleichen Lichtkegel der Lampe über einer der Türen zu den Hausschachteln zurückkehren sah.

2

Horse Shoe Point

Am Fuß von Springfield Park lag ein kleines Dorf aus Hausbooten auf dem River Lea. Von Schwänen umzingelt, waren die Boote wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten mit dem Schlamm und Schilf verwachsen, die Lust am Gondeln auf dem Fluß war ihnen vergangen, die Anker verheddert in den Wurzeln der Uferbüsche. Solange es nicht zu kalt war, saßen die Bewohner abends an Deck, klapperten mit Besteck und Geschirr, zwischen den Geranientöpfen buckelten Katzen. Eine aller Beweglichkeit abhanden gekommene Bühne der Seßhaftigkeit als vorläufiges Abschiedswort der Stadt. Hinter dem Fluß lag ein Erlenhain, ein halbwilder Ort, wo sich an kalten Tagen der Nebel ballte, der ganze Hain wollte Anwärter auf Erlkönigtum und Verwunschenheit sein, doch in Wildnis ungeschulte Parkarbeiter hatten hier Abholzübungen durchgeführt. Zwischen Marschland und Erlenbruch hatte man versucht, die Landschaft zu überrumpeln, man hatte mit der Anlage eines Picknickplatzes begonnen, sich dann aber offenbar eines Besseren besonnen. Bank und Tisch standen jetzt quer zur Wildnis auf einem geebneten Grasdreieck, gesäumt von Erdwällen, die mit Unkraut bewachsen waren. Die gefällten Bäume im Erlenbruch waren liegengeblieben, die Lichtung ein grundloser Kahlschlag, der inzwischen wieder mit Schößlingen übersät war. Trotz Schöllkraut, wildem Grün von Anemonen und Veilchen um die zurückgelassenen Stämme und die verwaisten Stümpfe war es noch ein Schauplatz der Versehrung, der in mir im ersten Augenblick eine ähnliche Beklommenheit weckte, wie die kleinen Schneisen im Wald meiner Kindheit, wo die Stümpfe abgeholzter Bäume rötlich aus niedrigwucherndem Gestrüpp ragten, glattgeschnittene Sitze, auf denen die Abwesenheit von Zusammenkünften geschrieben stand, und mein Großvater sagte dann gern im Ton einer Warnung: Still, da sitzen die Unsichtbaren!

Es war ein kleines Gelände, für winzige Streifzüge geeignet, keine längeren Gänge. Tiefer im Hain war der Boden morastig, nach Regentagen stand dort ein Tümpel. Niemand verirrte sich hierher, und trotz der hineingedroschenen Kerben hatte das Wäldchen etwas Widerborstiges, ja, die Versuche, ihm zu Leibe zu rücken, hatten ihm die Unwegsamkeit für jedermann weithin sichtbar eingeschrieben, und Spaziergänger mieden den Hain, sie hielten sich an die Stümpfe vorgegebener Wege, die ins Marschland vorstießen und dann abbrachen. Junge Frommenpaare absolvierten auf diesen Wegen ihren Samstagnachmittagspaziergang, träge Hundespaziergänger trotteten mit kurzatmigen Terriern auf den planierten Pfaden und machten kehrt, wenn die Schotterspur im Gras endete.

Unter dem Namen Horse Shoe Point fand ich das Wäldchen auf einer Landkarte. Fast eine Halbinsel, ein Vorsprung des Marschlands, das den Fluß zur Krümmung brachte, zur sanften Schleife, in die sich dieser Flecken Geheimnisland lehnte. Jeden Tag suchte ich den Erlenhain auf. Der Spätsommer glitt in den Herbst, ich saß auf den Baumstümpfen, strich über die Rinde, die krustigen Furchen zwischen wäßriger Glattheit. Ich hörte die Brachvögel, Dommeln und Kiebitze, Schwermutslaute aus untraurigen Kehlen, ich sah meine Großmutter wieder am Fenster stehen und diese Vogelrufe ausstoßen, sich einbildend, die Vögel wären zu täuschen, sie könnte es mittels ihrer Herzenstraurigkeit den Lauten aus den an sich ganz gleichmütigen Vogelkehlen gleichtun, die doch vom Herzerreißenden ihres Klangs nicht das Geringste wußten. So geht jedem die Natur ans Leben – mit ihrem ungerührten Herzschlag, der an die herzbenannte Unruh aller Trauer rührt. In der blassen Sonne und dem weißlich schattenlosen Licht dieses Landstrichs und dieser Jahreszeiten verlegte ich mich auf eine Spurensuche, die ich immer wieder durch den Erlenhain betrat. Das teilverstümmelte Sumpfwäldchen mit seinen Kindheitsblumen und den versteckt um die Erinnerung rufenden und schlagenden Wildvögeln wurde die Pforte zum Flußabwärtsweg, auf dem ich mich in den Abschiedsmonaten daran gewöhnte, der Stadt, die ich in Jahren mühsam zu buchstabieren gelernt hatte, meine eigenen Namen zu geben, Namen, die ich überhaupt erst im Gehen und Sehen aus dem Netz der Erinnerungsrinnsale, dem Geröll der abgelagerten Bilder und Klänge und dem Gewebe ineinander verstrickter Wörter fischen und lesen mußte.

Eines Tages erinnerte ich mich auf einem Erlenstumpf sitzend einer alten Kamera. Zum ersten Mal öffnete ich an diesem Tag Umzugskisten in der Zwischenwohnung, ein gutes Dutzend, bis ich die Kamera fand. Ich probierte die alten einfachen Handgriffe aus, das Einlegen der Sofortbildfilme, das Verschließen des Rückens, den gezielten geraden Ruck, mit der die Schutzfolie und die Bilder herausgezogen werden mußten. Das Abzählen der Sekunden während der Entwicklung der Fotografie, das Abschälen der Folie.

Im Erlenhain begann ich, die mit meinen Jahren in London so unvereinbaren Dinge zu fotografieren, die ich im Tal des River Lea antraf. Ansichten, die ich behalten wollte, Zufälliges, das sich auftat oder unversehens in den Blick schob. War es Wunder oder Zufall, was ich auf den Fotografien fand? Das schwarze Gehäuse der Kamera war so leicht, daß sich darin kaum eine Optik vermuten ließ, die Mechanik so primitiv, daß der ganze Apparat wie eine plumpe Attrappe wirkte, eine Jahrmarktsschummelei oder ein Spielzeug für ungeduldige Kinder, die sich mit einem Als-ob abfinden, das sie eine Weile in der Hand halten können, um erwachsene Gebärden zu proben. Das Betätigen des Auslösers selbst kam mir jedesmal wie ein mißglückter Trick vor, trotzdem zog ich die belichtete, noch verschlossene Fotografie aus dem Apparat, hielt sie die der Witterung entsprechende Sekundenlänge in der Hand oder steckte sie bei kälterem Wetter in die Innentasche meiner Jacke. Und jedesmal überkam mich das gleiche Staunen, wenn ich sah, was sich zwischen meinem Auge, der Linse, dem Lichteinfall und den an Luft und Licht wirkenden Chemikalien ereignet hatte. Jedesmal der gleiche Gedanke, daß das Geheimnis dieser nicht besonders ansehnlichen Kunststoffschachtel womöglich darin bestand, daß ihre Bilder mehr mit dem Sehenden als mit dem Gesehenen zu tun hatten. Unter der abgezogenen Entwicklungsfolie kam auf dem Schwarzweißfoto mit seinen unzähligen Grauabstufungen eine Erinnerung zum Vorschein, von der ich noch gar nicht gewußt hatte, daß ich sie besaß. Es waren Bilder von etwas, das hinter den Dingen lag, auf die das Objektiv gerichtet gewesen war und die der Auslöser einen unmerklichen Augenblick lang beiseite gestreift haben mußte. Die Bilder gehörten in eine Vergangenheit, von der ich allerdings nicht sicher war, ob es meine war, sie rührten an etwas, für das mir der Name abhanden gekommen sein mochte, vielleicht hatte ich ihn auch nie gekannt. Etwas selbstverständlich Vertrautes lag in den Landschaftsszenen, die bis auf den gelegentlichen Zufallspassanten leer waren und mir aus dieser weiß umrandeten Ferne der Fotografie zuwinkten und weißt du noch flüsterten, du weißt doch noch. Und gleich daneben diese Welt im Negativ, nächtlich, fremdtuend, wieder in Frage stellend, was zu welcher Seite gehörte, hier oder dort, rechts oder links.

Manchmal vergaß ich das Bild, das ich bei kaltem Wetter zur Entwicklung in die Jackentasche gesteckt hatte, und erst auf dem Rückweg fiel es mir wieder ein. Die Folie löste sich dann schwer von der Fotografie, nahm Teile der Beschichtung mit und die Landschaft auf dem Bild war wie versehrt, inmitten der grautonigen nicht ganz scharf umrissenen Szenerie einer nun zum Bruchstück verkommenen Reminiszenz klaffte eine Öffnung, durch die eine gestaltlose Welt aus matten Farbschichten eindrang und die Schwarzweiß-Oberfläche als die dünne Tarnung einer wirren und mit keinerlei Erinnerung verbundenen Vielfarbigkeit entlarvte. Diese Bruchstücke von Bildern erschreckten mich gelegentlich, als seien sie Zeugnis einer Gewalteinwirkung. Sie hatten nichts mit meinen Gängen am Niemandsufer des River Lea zu tun, trotzdem betrachtete ich sie immer wieder, als berge diese Entlarvung des auf Zersetzung beruhenden Vorgangs der Bildwerdung einen Hinweis, der etwas vom Geheimnis der Beziehung zwischen Bildaufnahme und Erinnerung aufdekken könnte. Doch nur die unversehrten Bilder stellte ich auf den Umzugskisten und Möbelstücken auf und betrachtete sie so oft und lange, bis sie zu einer Geschichte wurden.

Die Tage folgten immer der gleichen Richtung: Flußabwärts und zurück. Ich brachte Bilder mit und kleine Fundstücke in Gestalt von Federn, Steinen, Samenhülsen verwelkter Blumen. Die Wohnung füllte sich nach und nach mit der Flußlandschaft, was Greengrocer Katz oder die schwarzen Billardspieler bei einem gelegentlichen Zufallsblick durch mein Fenster nie vermutet hätten. Der Fluß selbst wäre womöglich erstaunt gewesen.

3

Rhein

Was wußte ich noch von Flüssen, auf einer Insel lebend, die meerwärts dachte, wo die Flüsse seicht und hübsch schienen, sich erst in flachen Ausfransungen oder tiefen Einschnitten als Mündung ins Meer bemerkbar machten? Ich träumte gelegentlich von Flüssen, die ich erlebt hatte, Flüsse, die Kerben in Ebenen und in Städte schnitten, die ausgesperrt hinter Befestigungen lagen oder sich in hellen Landschaften kräuselten. Ich erinnerte mich an Fähren und Brücken und endlose Suchen in unvertrautem Gelände nach Möglichkeiten, einen fremden Fluß zu überqueren. Meine Kindheit lag an einem Fluß, der mir im Traum erschien, wenn ich Fieber hatte.

Der Fluß meiner Kindheit war der Rhein. Das Tuckern der Kähne hallte von den niedrigen Wald- und Weinhängen am nördlichen Rand des Siebengebirges zurück. Bei Westwind klangen die Züge vom anderen Ufer so nah, als führten die Schienen durch unseren Garten, und die Luft roch salzig und fischig, als wäre das Meer nicht weit. Aus dem Dachfenster sah man nach Westen: Hinter einem Feld fuhr, im Sommer durch das blasse Korn kaum sichtbar, die Straßenbahn, dann kamen die Fabriken, dahinter die Pappeln am Flußufer. Und in jenseitlichem Blau zeichnete sich vor dem Horizont ein niedriger Hügelzug ab, der schon am anderen Ufer war. Dort ging im Winter die Sonne unter.

Nachts ordnete der Fluß die Landschaft neu, die Dunkelheit war ein großer Hohlkörper, der die Welt anders klingen ließ als am Tag. Die Kähne tönten von den Hügeln hinter der Ortschaft, die Kiesschütte mit ihrem seufzenden trockenen Rauschen, tagsüber kaum wahrnehmbar, hing im Himmel. Ich lag wach und spürte den Fluß näher und größer als am Tag, er stellte alle Regeln in Frage, die im Hellen galten, unter der Glocke der Nacht wuchs immer aufs neue die Ungewißheit, welche Welt ich am nächsten Tag vorfinden würde.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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